Autor: Michael Holly

  • KEINE ZEIT ZU STERBEN ★★★½

    KEINE ZEIT ZU STERBEN ★★★½

    Das Warten hat ein Ende. Produktionsverzögerungen und die Pandemie ließen gut 2 Jahre verstreichen. Mit Keine Zeit zu Sterben geht nun die fünfzehn Jahre und fünf Filme andauernde Ära von Daniel Craig als James Bond-Darsteller zu Ende. Keiner der legendären Vorgänger hat den Charakter so für sich vereinnahmt und derart geprägt wie Craig. Sowohl in der Charakterentwicklung des Agenten als auch hinsichtlich des antiquierten Frauenbildes ist das Autorenduo Purvis & Wade völlig neue Wege gegangen. Das Publikum hat es dem Produktionsteam gedankt. Der enorme Erfolg (Mit Skyfall spielte erstmals ein Film der Reihe mehr als eine Milliarde Dollar ein) hat Daniel Craig zum mit Abstand bestbezahlten Schauspieler aller Zeiten gemacht. Es ist ein langer und für die Serie ungewöhnlich emotionaler Abschied geworden.

    Darum geht es

    Wie alle Filme seit Ein Quantum Trost (2008) schließt auch Keine Zeit zu Sterben nahtlos an seinen Vorgänger an. James Bond (Daniel Craig) ist mit Madeleine Swann (Léa Seydoux), der Tochter von Quantum Anführer Mr. White (Er nahm sich in einer Hütte am Altausseer See das Leben), in Italien untergetaucht. Die Vergangenheit holt den Agenten aber bald wieder in die Realität zurück. Bond ließ Ernst Stavro Blofeld (Christoph Waltz) am Ende von Spectre (2015) am Leben. Der delegiert seine Handlanger nun vom Hochsicherheitstrakt aus und die kommen Bond gefährlich nahe. Dann ist da auch noch Lyutsifer Safin (Rami Malek), der den Tod seiner Eltern rächen möchte und nebenbei die Weltherrschaft an sich reißen will.

    Felix Leiter (Jeffrey Wright) heuert seinen alten Freund Bond an, um mit ihm und dem CIA den gekidnappten MI6 Wissenschaftler Valdo Obruchev (David Dencig) ausfindig zu machen. Wieder einmal steht das Schicksal der gesamten Menschheit auf dem Spiel. Dass es dabei selbst für James Bond persönlich um viel geht, weiß er zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht.

    Lashana Lynch ist 007 und Léa Seydoux bringt Bond gehörig aus dem Konzept.

    Kommentar

    Eigentlich hätte der leider sehr schwache Spectre den Abschied für Daniel Craig bedeuten sollen. Sehr eindringlich machte Craig damals klar, nicht mehr für die Rolle zur Verfügung zu stehen. Aber: Sag niemals nie. Sean Connery wusste, wovon die Rede ist. Was solls, die Rolle bleibt ohnehin mit einem jeden Schauspieler bis an sein Lebensende verbunden.

    Was das Autorenteam Purvis &Wade und Cary Joji Fukunaga unter Zuhilfenahme von Phoebe Waller-Bridge da nun auf die Leinwand gebracht haben, sucht seines Gleichen. Noch nie wurde eine etablierte und erfolgreiche Marke derart dekonstruiert. Viele aus dem jüngeren Publikum heute kennen die meisten der 24 Filme der vergangenen sage und schreibe 59 Jahre nicht mehr (plus 2: Sowohl Casino Royal von 1962 als auch Sag niemals nie, 1983, zählen offiziell nicht dazu). Für James Bond-Fans dürfte Keine Zeit zu Sterben allerdings ein gewisser Schock sein. Von vielem, was die Serie charakterisierte hat man sich in den letzten Filmen zusehends verabschiedet. Bereits bei ihrem ersten Auftritt als M in Goldeneye im Jahr 2005 nannte Judy Dench den Agenten „A sexist, misogynist dinosaur. A relic of the Cold War.“

    Mit Daniel Craig in Casino Royal elf Jahre später waren die legendären Bondgirls, die als bloßer optischer Aufputz dienten, Geschichte. Craig lief ständig mit schrammen im Gesicht herum, wurde gefeuert und offiziell für tot erklärt. Die letzten Jahre waren nicht leicht für den berühmtesten aller Geheimagenten. Herumschwirrende Kugeln konnten ihm immer noch nichts anhaben aber unter der Haut war er verletzlich geworden. Mit Vesper Lynd (Eva Green) erhielt Craigs Bond gleich zu Beginn eine Partnerin, die mehr als eine flüchtige Affäre war. Wie schon Diana Rigg als Teresa in Im Geheimdienst ihrer Majestät (mit George Lanzenby), die Bond ehelichte und Blofeld wenige Stunden später ermordete. Nun gibt es genau auf diesen Film in Keine Zeit zu Sterben zahlreiche Verweise, wie den Aston Martin und die unvergessliche Nummer We have all the time in the world von Louis Armstrong. Selbst mit der Filmmusik verließ man bekanntes Terrain. Hans Zimmer webt zwar geschickt zahlreiche klassische Bond Motive in seinen Score ein. Darüber hinaus weicht die Musik aber stark vom Gewohnten ab.

    „007 is only a number.“

    Keine Zeit zu Sterben (2021)

    Neben Im Geheimdienst ihrer Majestät gab es noch einen zweiten Film, der sich mit dem Charakter und der Vergangenheit von Bond auseinandersetzte: Skyfall, im 50. Jubiläumsjahr 2012. Der gleichnamige Familiensitz war Ort eines Traumas. Hier wurde Bond zum Waisen und hier starb auch M, gespielt von Judy Dench. Rückblickend wurde damals klar, dass M nur ein Buchstabe ist. Dench wurde durch Ralph Fiennes ersetzt. Jetzt ist es die Agentin Nomi (Lashana Lynch), die vorübergehend als 007 agiert.

    In Keine Zeit zu Sterben dominieren die dialoglastigen ruhigen Momente. Es gibt aber immer noch genug Raum für Stunts und Action (leider führte, wie so oft in den letzten Jahren, ein weiteres Mal mit Fukunaga jemand Regie, der mit dem Action Genre nicht sehr vertraut ist). Der Charakter wirkt jedoch losgelöst vom Agentendasein. Selbst Shaken, not stirred ist vergessen. Mehr sei hier nicht verraten.

    Die große Frage, die sich stellt: wie geht es von hier aus weiter? Unverkennbar hat man mit Mission: Impossible Anleihen an einem anderen maßgeblichen Franchise genommen. Mit Q (Ben Whishaw), M , Ms. Moneypenny (Naomi Harris) und Nomi greifen weitere Charaktere aktiv ins Geschehen ein. Ana de Armas assistiert Bond auf Blofeld Geburtstagsfeier als CIA Agentin und löste mit ihrem kurzen Auftritt nicht nur in den Sozialen Medien eine Welle der Euphorie aus. Bond ist hier kein Einzelgänger mehr.

    Die Produzenten Barbara Broccoli und Michael G. Wilson werden sich die Frage stellen müssen, was die Alleinstellungsmerkmale von James Bond nun sind. Eines scheint klar: nach Keine Zeit zu sterben steht ein radikaler Neustart an. Gut möglich, dass dies mehr als das Ende für Daniel Craig bedeutet und uns ein neuer Bond für eine neue Generation erwartet. Für diesen Abschied hat die Marke James-Bond-007 jedenfalls einen hohen Preis bezahlt.


    Keine Zeit zu sterben (OT: No time to die)
    Agententhriller, GB 2021

    Regie Cary Joji Fukunaga
    Drehbuch Purvis & Wade, Cary Fukunaga, Phoebe Waller-Bridge
    Kamera Linus Sandgren
    Schnitt Eliott Graham, Tom Gross
    Musik Hans Zimmer
    Mit Daniel Craig, Léa Seydoux, Ralph Fiennes, Ben Whishaw, Naomi Harris, Jeffrey Wright, Christoph Waltz, Rami Malek, Ana de Armas
    Länge 163 Minuten


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  • THE GREEN KNIGHT ★★★½

    THE GREEN KNIGHT ★★★½

    Es gibt Filme, bei denen sich bei mir nach dem ersten Mal Ansehen nicht die große Begeisterung einstellt, wenngleich nicht zu bestreiten ist, dass es da etwas gibt, das sie zu etwas besonderem macht. Das war bei David Lowerys A Ghost Story (Viennale, 2017) so und gestaltet sich ähnlich bei seinem neuen Film The Green Knight, einer Geschichte rund um die Artus Legende. Diesmal muss man eine gehörige Portion Geduld mitbringen, um bis zum Ende durchzuhalten und die volle Schönheit dieses Fantasy-Dramas erfahren zu können.

    Darum geht es

    Der König (Sean Harris) hat Zahnweh. Die glorreiche Zeit ist längst vorüber. Den Weihnachtsabend verbringt er gemeinsam mit seinen Rittern an der runden Tafel. Als ein mysteriöser Reiter erscheint und ihm zum Duell auffordert, muss er passen. Der Geist ist willig, allein der Körper macht nicht mehr mit. Die Bedingung des Fremden: Man darf einen Schlag gegen ihn ausführen. Sollte er jedoch überleben, muss sein Gegner ihn in genau einem Jahr in seiner grünen Kapelle aufsuchen und wiederum einen Schlag über sich ergehen lassen. Gawain (Dev Patel), des Königs Neffe, stellt sich dem Fabelwesen, hab Mensch, halb Baum. Das Duell mutet mehr wie eine Hinrichtung an. Dann passiert gar seltsames und der Reiter zieht davon. Gawain hält es für ein Spiel. Fast ein Jahr vergeht, bis ihn König Artus an sein Versprechen erinnert und ihn auf eine Reise in den Norden schickt, um die Grüne Kapelle aufzusuchen und zu beenden, was ein Jahr zuvor begonnen hatte. Gawain, zufrieden mit seinem lasterhaften Leben und seiner Romance mit einer Lady (Alicia Vikander), macht sich widerwillig auf den Weg.

    Dev Patel und Alicia Vikander

    Kommentar

    Es gibt großartige Momente in The Green Knight, eingefangen in wunderschönen Bildern von Kameramann Andrew Droz Palermo. Zum Beispiel als Gawain im Wald ausgeraubt wird, gefesselt auf dem Boden liegt und verrottet, nur um in einer 360 Grad Kamerafahrt eine Wiederauferstehung zu erfahren. David Lowerys Erzählung strotzt vor visuellen Ereignissen. Er hat eine eigene mittelalterliche Welt erschaffen. Sie ist nicht nur finster, wie wir dieses Zeitalter ohnehin kennen, sondern voll Metaphorik, eingehüllt in Nebel, umgeben vom feuchten Duft von Erde und Moos. Es sind Stimmungen, die lange in Erinnerung bleiben werden.

    Is it wrong to want greatness for you?

    König Artus zu Gawain.

    Gleichzeitig verlangt er dem Publikum einiges ab. Das Erzähltempo ist bedächtig und es ist keineswegs immer klar, was hier vor sich geht. Es dauert eine ganze Weile, bis sich Gawain endlich auf den Weg machen muss. Lowery hat sich von der Ritterromanze Sir Gawain and the Green Knight aus dem 14. Jahrhundert inspirieren lassen. Die ursprüngliche Form der Erzählung ist im Film spürbar. Wir haben es mit keinem Abenteuer- oder Actionfilm zu tun, sondern mit einer Reise, die mehrmals vom Pfad des körperlichen Daseins abkommt.

    Jede Bewegung des grünen Ritters (kommt leider viel zu kurz vor, eine sehr spannende Figur!) wird von einem Knirschen und Knacken begleitet, das die Nähe der Natur in dieser Geschichte unterstreicht. Vikander hält einen eindringlichen Monolog über den Kreislauf der Natur. Gawain ist der Welt völlig ausgesetzt, hat sein behütetes Nest wohl noch nie verlassen. Seine Ängstlichkeit und Unsicherheit überträgt sich auf das Publikum, dem allerhand Interpretationsspielraum gegeben wird. Etwas, das viel zu selten ist, bekommen wird doch heute oftmals die Erklärung sofort und manchmal gleich doppelt geliefert. Auch so gesehen ist David Lowery ein erfrischender Film gelungen.


    The Green Knight
    Fantasie-Drama, 2021

    Regie David Lowery
    Drehbuch David Lowery
    Kamera Andrew Droz Palermo
    Schnitt David Lowery
    Musik Daniel Hart
    Mit Dev Patel, Alicia Vikander, Joel Edgerton, Sean Harris


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  • DUNE ★★★

    DUNE ★★★

    Es ist nicht zu bestreiten. In den vergangenen Wochen schlich sich eine gewisse Vorfreude ein. Endlich stand wieder ein Kinofilm an, bei dem neben dem Popcornfaktor auch mit Qualität zu rechnen war. Der Regisseur Denis Villeneuve hatte sich schon erfolgreich der Blade Runner Fortsetzung Blade Runner 2049 angenommen und bereits davor mit Arrival gezeigt, das er Fans von Science-Fiction durchaus zufriedenstellen kann. Nun wagte er sich an die Verfilmung des Dune-Zyklus von Frank Herbert. Die meisten bisherigen Versuche verschwanden in der Versenkung, bis überhaupt ein Kader gedreht worden war. David Lynch ist mit Der Wüstenplanet (1984) grandios gescheitert und übt sich seitdem in transzendentaler Meditation um die Schmach zu lindern. Für Villeneuve und sein Team nun Standing Ovation bei den Filmfestspielen von Venedig. Das ist schon großes Kino, was uns hier geboten wird. Die Euphorie liegt aber wohl eher im wunderbaren Aperol Spritz unter der italienischen Sonne begründet.

    Darum geht es

    Irgendwann in ferner Zukunft braucht man sich über die Klimaerwärmung keine großen Gedanken mehr zu machen. Statt über das Wetter zu Reden, sorgt man sich eher um gigantische Sandwürmer. Herzog Leto Atreides (Oscar Isaac) hat gerade die Verwaltung des Wüstenplaneten Arrakis, auch unter dem Namen Dune bekannt, übernommen. Er ist die einzig Quelle der wertvollsten Substanz des Universums, dem Spice. Nicht zuletzt ermöglicht sie das Überwinden großer Entfernungen. Für Reisen durch das Universum unerlässlich. Obwohl die Sache nicht ganz risikofrei ist, reist Leto mit Konkubine Lady Jessicas (Rebecca Ferguson), seinem Sohn Paul (Timothée Chalamet) und Gefolgschaft von seinem Heimatplaneten Caladon an. Die Vorahnungen bestätigen sich, und Leto gerät in einen Hinterhalt des Hauses Harkonnen unter Wladimir Harkonnen (hat auch schon besser ausgesehen: Stellan Skarsgård). Paul und Jessica fliehen zu den Einwohnern von Arrakis, den in der Wüsten lebenden Fremen.

    Paul und Jessica blicken einer ungewissen Zukunft entgegen.

    Kommentar

    Bei der Pressekonferenz nach der Premiere bei dem Filmfestspielen von Venedig meinte Denis Villeneuve, dass Autor Frank Herbert in den 1960er Jahren die Welt des 20. Jahrhunderts im Sinn hatte aber Dune aus heutiger Sicht fast eine prophetische Beschreibung der Gegenwart darstellt. Religion ist spätestens seit 9/11 als Kategorie in der Politik nicht mehr wegzudenken. Umweltfragen stehen ohnehin auf er täglichen Agenda, oder sollten es zumindest. Über allem schweben die Nachwehen des Kolonialismus und die damit einhergehende Ausbeutung von Ressourcen. Das Spice auf dem Wüstenplanet ist auf der Erde Kobalt, unverzichtbar für die Herstellung von Smartphones.

    Dieser Themenkomplex verleiht Dune also eine gewisse Aktualität. Es ist nur so, dass hier ein junger auserwählter weißer Mann in der Gestalt von Paul nun das Wüstenvolk retten soll. Ob das gegenwärtig der richtige Weg ist, um Kolonialismus zu thematisieren, darf bezweifelt werden. Weiters sind die unendlichen Weiten des Wüstenplaneten der unverkennbare Verweis auf die Problematik der Erderwärmung.

    Die Vorzüge von Villeneuves Dune liegen aber ohnehin woanders. Die Kamera von Greig Fraiser reiht ein imposantes Bild an das Nächste. Eines schöner als das Andere. Das Setdesign trägt sein übriges dazu bei: viel Beton und große Räume stehen der der kargen Wüste gegenüber. Der Sand scheint ständig im fließen begriffen, vor allem wenn sich die Sandwürmer annähern. Die Kreaturen liefern auch die einzigen größeren dramatischen Spannungsmomente.

    In David Lynchs Version der Geschichte zeichneten Toto und Brian Eno für den Soundtrack verantwortlich. Nun ist es Hans Zimmer, der mit einem mystisch orientalischen Klangteppich die Daumenschrauben anzieht. Understatement sieht anders aus. Aber dann wäre es auch nicht Hans Zimmer.

    Dune wartet mit einen regelrechten Starensemble auf. Wobei wir einzig Paul etwas näher kennenlernen. Viele anderen haben kurze Auftritte oder verschwinden bald wieder im Treibsand. Und dass, obwohl sich Villeneuve und seine Co-Autoren Eric Roth (A Star is Born) und Jon Spaihts (Prometheus) sehr viel Zeit lassen. Zu viel Zeit. Der Film hat nämlich kein Ende. Nach gut 2 1/2 Stunden werden wir ins Ungewisse entlassen.

    This is only the beginning

    Chani (Zendaya) von den Fremen hat in Dune das letzte Wort.

    Es ist schon ein gewagtes Unterfangen, einen Film mit dem Untertitel „Part 1“ zu versehen und eine Geschichte nicht fertig zu erzählen, ohne zu Wissen, ob es überhaupt eine Fortsetzung geben wird. Das hängt naturgemäß vom Einspielergebnis im Kino und auf der Streamingplattform von Warner ab und ist in der jetzigen Situation mehr als ungewiss. Das sollte man wissen, bevor man sich für einen Kinobesuch entscheidet. „Fortsetzung folgt nicht“, sagte Edgar Böhm in den 1980er Jahren im österreichischen Kinderfernsehen. Damals allerdings um Spannung zu erzeugen und Kinder zum Lesen zu motivieren. Hier könnte das schnell in Frust ausarten. Dune wirkt wie der hundertfünfundfünfzig Minuten Trailer zu Dune 2, in dem nicht all zu viel passiert. Sollte es eine Fortsetzung geben, wird man erst danach die Filme als gesamtes beurteilen können. Nach unzähligen Monaten ohne vergleichbare Blockbusternahrung scheint es Dune jedenfalls leicht zu haben, eine gewisse Euphorie zu verbreiten.

    Dune
    Science-Fiction, USA 2021

    Regie Denis Villeneuve
    Drehbuch Denis Villeneuve, Eric Roth, Jon Spaihts
    Kamera Greig Fraiser
    Schnitt Joe Walker
    Musik Hans Zimmer
    Mit Timothée Chalamet, Rebecca Ferguson, Oscar Isaac, Josh Brolin, Stellan Skarsgård, Dave Bautista, Zendaya

    Foto: Copyright: © 2020 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. Credit: Chiabella James.


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  • THE FATHER ★★★★½

    THE FATHER ★★★★½

    Jetzt im Kino

    Einmal mehr entpuppte sich das Sundance Film Festival im vergangenen so anderen Filmjahr 2020 mit The Father als ein Ort der hochqualitativen Kinounterhaltung. Das Regiedebüt des Autors Florian Zeller zeigt die beiden herausragenden Darsteller Anthony Hopkins und Olivia Coleman in einem herzzerreißenden Kammerspiel. Der Film führt uns in ein Labyrinth, aus dem es kein Entkommen zu scheinen gibt. Zumindest nicht für den von Hopkins gespielten schwer demenzkranken Protagonisten. Großes Kino.. Das Drama war 2021 gleich 6-fach mit einem Oscar nominiert. Zeller wurde gemeinsam mit Christopher Hampton für das Drehbuch ausgezeichnet. Anthony Hopkins wurde daheim spät Nachts mit seinem nach 1992 zweiten Oscar als Hauptdarsteller überrascht.

    Darum geht es

    Anthony (Anthony Hopkins) lebt bei seiner Tochter Anne (Olivia Coleman) in einer Londoner Wohnung. Sie plant die Stadt zu verlassen. Er ist gezeichnet von einer Demenzkrankheit und so sucht die Tochter für ihren Vater eine Betreuung. Gerade erst hat eine Pflegerin die Flucht ergriffen. Der Umgang mit Anthony ist für alle eine Herausforderung. Nicht zuletzt ist es auch für ihn selbst eine enorme Belastung, da er die Kontrolle über sein eigenes Leben längst verloren hat.

    Anthony zeigt sich gegenüber seiner neuen Betreuerin von seiner besten Seite.

    Kommentar

    The Father basiert auf dem gleichnamigen Bühnenstück des französischen Autors Florian Zeller. Seit dessen Uraufführung im Jahr 2012 feiert das Stück weltweit Erfolge und wurde 2015 bereits von Philippe Le Guay einmal unter dem Titel Floride mit Jean Rocheford (es war sein letzter Auftritt vor seinem Tod 2017) und Sandrine Kiberlain in den Hauptrollen verfilmt.

    Es mag viele Zugänge geben, wie man sich einer Krankheit wie der Demenz im Film annähert. Zuletzt bekam Julianne Moore im Jahr 2015 für ihre Darstellung einer Demenzkranken in Still Alice – Mein Leben ohne Gestern (2014) den Oscar für die Beste Hauptrolle. Zeller (Drehbuch mit Christopher Hampton) wählt einen völlig anderen Zugang. The Father hat seinen geistigen Verwandten wohl eher in Michael Hanekes ebenfalls Oscar-prämierten Film Liebe (2012) über das Altern mit Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva.

    Zeller zieht alle Register, die das Medium Film in den Bereichen Schnitt und Setdesign zu bieten hat, um uns schon nach wenigen Minuten in die Irre zu führen. Für einen Moment glaubt man sich in einem klaustrophobischen Horrorfilm verlaufen zu haben. Die Wandfarbe, die Bilder und die Kücheneinrichtung schaffen Verunsicherung. Die Londoner Wohnung, in der der Film fast ausschließlich spielt, scheint ein Eigenleben zu haben. Und erst die Menschen darin! Hier ist große Aufmerksamkeit gefragt.

    Anthony ist unser Bezugspunkt und wir sehen die Dinge mit seinen Augen. Wir befinden uns in seiner Wohnung und wenn seltsames passiert, zweifeln wir nicht an dem, was wir sehen. Das ist Zellers großer Clou. Ohne dass wir es bemerkt haben, befinden wir uns in Anthonys Kopf. Zeit und Raum folgen hier anderen Gesetzen. Unzählige Male sucht Anthony seine Armbanduhr. Solange er sie trägt, gibt ihm die Zeit einen, wenn nicht den einzigen Orientierungspunkt. Gemeinsam mit ihm werden wir immer hilfloser. Gerade als wir glauben uns auszukennen, schlägt der Film einen neuen Haken.

    Die ganze Kraft schöpft der Film aus Anthony Hopkins‘ und Olivia Colemans grandiosen schauspielerischen Leistungen. Auf eine unterschiedliche Art und Weise sind beide von Verzweiflung gezeichnet. Anne, weil sie mit ihrem Vater nicht mehr fertig wird und Anthony, da ihm seine Krankheit gar nicht bewusst ist und er sich vieles einfach nicht mehr erklären kann. Der Schluss ist so niederschmetternd, wie das Leben nur sein kann. In gewisser Weise beschreibt es den Kreislauf eines Menschenlebens. Hilflos werden wir in die Welt geboren und hilflos sind wir, wenn uns Alter und Krankheit einholen.

    The Father

    Drama, UK 2020
    Regie
     Florian Zeller
    Drehbuch Christopher Hampton, Florian Zeller (Nach dem eigenen Bühnenstück)
    Kamera Ben Smithard
    Schnitt Yorgos Lamprinos
    Musik Ludovico Einaudi
    Mit Anthony Hopkins, Olivia Coleman,
    Länge 98 Min.


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  • PROMISING YOUNG WOMAN ★★★★½

    PROMISING YOUNG WOMAN ★★★★½

    Einer der ungewöhnlichsten und spannendsten Filme des vergangenen Jahres ist das Debüt der Regisseurin Emerald Fennell. Promising Young Woman nimmt sich der #MeToo Bewegung an und geht dabei in die Offensive. Es ist ein radikaler und bunter Thriller und geht somit einen völlig anderen Weg als wir ihn zuletzt in The Assistant gesehen haben. In der Hauptrolle ist die großartige Carey Mulligan zu sehen. Fennells Drehbuch wurde mit einem Oscar ausgezeichnet.

    Darum geht es

    Cassie (Carey Mulligan) ist eine Eigenbrötlerin. Sie ist Ende 20, arbeitet in einem Coffeeshop und wohnt noch bei ihren Eltern. Abends frönt sie einem höchst seltsamen Hobby: Sie stellt sich betrunken und läßt sich in Bars von Männern abschleppen. Die nutzen die Situation zuverlässig aus und werden übergriffig. Bis Cassie den Spieß umdreht und die Männer geschockt zurückbleiben. Nach und nach erfahren wir, dass ihr Verhalten mit einer früheren Studienkollegin und besten Freundin Nina zusammenhängt, der Furchtbares zugestoßen ist. Cassie begrub ihren Traum vom Medizinstudium und gab alles auf um sich fortan auf einen Rachefeldzug zu begeben. Als sie ihren alten Studienkollegen Ryan (Bo Burnham) wieder trifft und sich die Beiden näher kommen, scheint sich das Blatt für Cassie zum Guten zu wenden. Doch dann wird sie selbst von der Vergangenheit eingeholt und schmiedet einen fatalen Plan.

    Cassie (Carey Mulligan) ist fest entschlossen, alles zu geben um ihre Freundin zu rächen.

    Kommentar

    Es ist Carey Mulligans große Stunde. Cassie ist einer der spannendsten Charaktere der jüngsten Filmgeschichte. Es ist eine Freude, Mulligan dabei zuzusehen, wie sich uns und den Männern im Film immer mehr offenbart und nach und nach in ihr Innerstes Blicken lässt. Am Anfang ist hier nichts wie es scheint und im Laufe der Handlung wird das Publikum mehrmals an der Nase herumgeführt.

    Es ist ziemlich genau in der Mitte des Filmes, als die Grundstimmung kurz umschlägt und Cassie Momente des Glücks beschert. Man ist aber misstrauisch und glaubt zu wissen, dass das Unvermeidliche passieren muss. Doch Emerald Fennell ist uns immer einen Schritt voraus und das macht Promising Young Woman so spannend und unterhaltsam. Was nicht darüber hinwegtäuscht, dass die Protagonistin schwer traumatisiert ist. Cassies Psyche spiegelt sich in der Tonalität des Filmes wieder. Mal unterhaltsam und im nächsten Moment tot ernst.

    Der Film trifft den Nerv der Zeit. In der ersten Einstellung sieht man Männer in einem Nachtclub tanzen, die Kamera bleibt auf Hüfthöhe. Dort und da als männerfeindlich kritisiert, ist das aber nur eine sehr oberflächliche Betrachtungsweise. Vielmehr hält Fennell der männlichen Gesellschaft den Spiegel vor. Das kann unangenehm sein. Die Kontroverse gipfelte in einer Kritik von Variety. In dem der Kritiker fand, dass Mulligan für die Rolle nicht verführerisch genug sei, zog er nicht zuletzt den Unmut von Mulligan selbst auf sich. Margot Robbie, sie ist Co-Produzentin, wäre die bessere Wahl gewesen, meinte der Journalist. Das Branchenblatt versah die Kritik im Nachhinein mit einem entschuldigenden Vermerk. Die an sich positive aber sonst unrühmliche Kritik von Dennis Harvey ist hier nachzulesen.

    Promising Young Woman ist Pop. Schrill, bunt und mit einem wunderbaren Soundtrack (Am Ende mit einer tollen Coverversion von Britney Spears‘ Toxic). Es ist eine emotionale Achterbahnfahrt, ein unterhaltsames Filmvergnügen mit ernstem Hintergrund.


    Promising Young Woman [usr 4,5]

    Drama, USA 2020
    Regie
     Emerald Fennell
    Kamera Benjamin Kracun
    Schnitt Frédérick Thoraval
    Musik Anthony B. Willis
    Mit Carey Mulligan, Bo Burnham,
    Länge 113 Min.


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  • THE SUICIDE SQUAD ★★★★

    THE SUICIDE SQUAD ★★★★

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    Im Abo

    Ist der Ruf erst ruiniert … das Suicide Squad ist uns aus der Verfilmung aus dem Jahr 2016 nicht in bester Erinnerung. Über ihren Ruf muss sich dieses üble Pack rund um die Kultfigur Harley Quinn jedoch wahrlich keine Gedanken machen. Hier versammeln sich ohnehin die fiesesten Kriminellen des DC Comic-Universums. Kaum zu glauben, alles was beim ersten Versuch schief ging, gelingt hier. Es wird böse, witzig und so richtig blutig. Regisseur James Gunns Sinn für archaische Gewalt und derben Humor sorgt dafür, dass wir uns bald nur mehr an sein THE Suicide Squad erinnern werden.

    Darum geht es

    Die mysteriöse Task Force X unter der Leitung von Amanda Waller (Viola Davies) rekrutiert einen bunten Haufen Superbösewichte in einem Hochsicherheitsgefängnis und setzt ihn vor der Küste eines (beliebigen) Inselstaates ab. Es gilt das ehemalige Nazi-Gefängnis und nunmehrige Labor Jotunheim in der Hauptstadt zu zerstören. Bloodsport (Idris Elba) führt die Truppe widerwillig an. Harley Quinn (Margot Robbie), Col. Rick Flag (Joel Kinnaman), Peacemaker (John Cena), Polka-dot Man (David Dastmalchian), King Stark (Steve Agee) und Ratcatcher 2 (Daniela Melchior) machen es ihm allerdings alles andere als leicht. Es ist ein unberechenbarer Haufen, der sich selbst kaum unter Kontrolle halten kann. Am Ziel angekommen, müssen sie feststellen, dass man ihnen daheim wesentliches verschwiegen hat.

    Es ist groß, es ist böse und es ist bunt, was da durch die Wand kommt.

    Kommentar

    Superheldenfilme stehen wieder zur Diskussion. Die Befürchtung, dass die Studios mehr den je auf Filme setzen, die einem möglichst großen Publikum gefallen (müssen), ist sicher nicht unbegründet. Gleichzeitig sollen kleinere Produktionen direkt über diverse Streamingdienste vertrieben werden. Die letzten Monate haben gezeigt, dass dies funktioniert. Gespannt wartet man auf zahlreiche Blockbuster, die seit über einem Jahr zurückgehalten werden. Wenn sie dann endlich starten, werden sie nicht selten zeitgleich auf anderen Kanälen vermarktet. Zumindest Disney und Warner Bros. tun dies bereits. Was das für das Kino als ganzes bedeutet, können wir heute noch gar nicht ermessen.

    Hierzulande ist The Suicide Squad derweilen ausschließlich im Kino zu bestaunen und da ist er auch bestens aufgehoben. Ist das neueste Abenteuer von DC Comics doch eine erfrischende Abwechslung im Superheldeneinerlei. James Gunn konnte sich nach Herzenslust austoben. Am Ende stand in den USA ein R-Rating und bei uns eine Altersfreigabe ab 16 Jahren. Freunde des Splatterfilmes werden ihre große Freude haben. Es fliegen Köpfe, es werden Körper in der Mitte zerteilt und Gliedmassen zuhauf abgetrennt, untermalt von gschmackigen Soundeffekten. Die Boshaftigkeit der Charaktere schlägt sich im derben Humor nieder. Selbst visuell hebt sich der Film Dank der Imaginationskraft des Regisseurs von der Konkurrenz ab.

    Der überhöhte Stil folgt dem dunklen Wesen der Protagonistinnen. Bereits die Eröffnungssequenz ist fulminant und führt uns in die Irre. Das Tempo bleibt den gesamten Film über hoch. Naturgemäß steuert die Handlung auf das obligatorische Finale zu. Es wirkt aber weniger aufgesetzt, als bei den Marvel Filmen. The Suicide Squad ist auch etwas kürzer. Dass man während der Schlusssequenz nicht die Orientierung verliert, ist ebenfalls ein großer Verdient des Regisseurs. Da geht es nämlich tatsächlich drunter und drüber. An dieser Stelle muss auch das großartige Stuntteam erwähnt werden.

    Ein irritierend hässliches menschengroßes Wiesel, ein Wesen halb Hai halb Mensch, das für sein Leben gerne isst, was ihm gerade in die Quere kommt, auch wenn es ein Teammitglied ist und eine Ratte, die stets freudig winkt. Das ist alles ganz schön grotesk und albern. Dass bei all dem auch noch Platz ist, um nebenbei eine politische Botschaft anzubringen, die das (Anti-)Heldentum gar in Frage stellt, anstelle die US-Flagge wehen zu lassen, fügt sich gut zusammen und macht aus dieser Comicverfilmung auf jeden Fall eine der sehenswerteren.

    The Suicide Squad
    Comicverfilmung, USA 2021

    Regie James Gunn
    Drehbuch James Gunn
    Kamera Henry Braham
    Schnitt Fred Raskin
    Musik John Murphy
    Mit Margot Robbie, Viola Davies, Joel Kinnaman, Idris Elba, Daniela Melchior, David Dastmalchian, John Cena


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


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  • OLD ★★★½

    OLD ★★★½

    Ich schreibe diese Zeilen mit aller letzter Kraft. Die Augen werden immer schlechter. Die Haut wird plötzlich schrumpelig. Allein in der letzten Minute bin ich um Tage gealtert. Was wäre wenn … Mit diesem Gedankenexperiment beschäftigt sich der Regisseur M. Night Shyamalan in seinem neuesten Film. Soviel sei verraten, nach einer Durststrecke findet der für seine übernatürlichen Plots und überraschenden Wendungen bekannte Regisseur mit Old fast zu alter Form zurück.

    Darum geht es

    Ein einsamer Strand, auf dem die Gesetze der Zeit, so wie wir sie kennen, aufgehoben sind. Mehr muss man nicht wissen.

    Verzweiflung macht sich breit.

    Kommentar

    Neben all den immer wieder in leichten Variationen aufgetauten Geschichten, die uns so geboten werden, muss man Shyamalan einfach lassen, dass er Neues wagt und ein Gespür für interessante Stoffe hat. Es gibt ein Grundidee, um die sich die Erzählung dreht und am Ende einen überraschenden Plotttwist. Das funktioniert mal besser und mal schlechter. Eine ungewöhnliche Wahl trifft er bei seinen Darstellern. Vicky Krieps (Der seidene Faden) und Gael Garcia Bernal (Neruda) geben ein interessantes Paar ab. Leider werden sie nicht all zu herausgefordert und das obwohl das Drehbuch genügend Raum dafür lassen würde. Nicht zum ersten mal brilliert Thomasin McKenzie (Leave No Trace, Jojo Rabbit) hier in einer Nebenolle und sticht auch aus dem sonst gut durchmischten Ensemble heraus.

    Die Kameraarbeit von Mike Gioulakis (Us, Under the Silverlake) ist bemerkenswert und übersteigt bei weitem das, was man sonst von Filmen aus dem Mainstream gewohnt ist. Mal mäandert die Kamera entfesselt und orientierungslos umher und dann verweilt sie in extremen Nahaufnahmen und schneidet Gesichter hart ab. Dazu bekommt man ein gutes räumliches Gespür für die Ausmaße dieses von Felsen umgebenen Strandes.

    Es beschleicht einen allerdings das Gefühl, es handle sich hier um eine entschärfte Fassung. Old ist brutal und grausam, das liegt schon allein im Grundmotiv begründet. Nur sieht man das Grauen meist nicht sondern nur die entsetzen Gesichter der Urlaubsgruppe. Das ermöglicht außergewöhnliche Einstellungen (siehe Bild oben). Gerade dort, wo man alles sieht, funktioniert es allerdings sehr gut. Das erkennt man an den Reaktionen im Publikum. Es hätten sich viel mehr Möglichkeiten geboten, feinstem Bodyhorror zu frönen.

    Es ist ein spannendes Gedankenexperiment, auf das Shyamalan durch das Grafic Novel aufmerksam wurde, das ihm seine Kinder vor ein paar Jahren zum Geschenk gemacht haben. Allerdings tun sich auch ein paar Fragen auf und gerade gegen Ende verläßt der Regisseur den Pfad der selbst in dieser Welt geltenden Logik und Naturgesetze. Das macht aus Old leider keinen großen Film aber einen, den man sich, vor allem wenn man Shyamalan Werke mag, auf jeden Fall an einem verregneten Sommerabend ansehen kann.

    Old
    Thriller, USA 2021

    Regie M. Knight Shyamalan
    Drehbuch M. Knight Shyamalan (nach dem Graphic Novel Sandcastle von Pierre Oscar Levy und Frederik Peeters)
    Kamera Mike Gioulakis
    Schnitt Brett M. Reed
    Musik Trevor Gureckis
    Mit Gel Garcia Bernal, Vicky Krieps, Thomasin McKenzie,


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  • IN THE HEIGHTS ★★★★½

    IN THE HEIGHTS ★★★★½

    Die Musicalverfilmung In The Heights nach einer Vorlage von Lin-Manuel Miranda (Hamilton) macht das, was das US-Kino am besten kann: das Kino zu einem Ort der Träume und großen Gefühle. Zweieinhalb Stunden reihen sich großartige Choreographien und Gesangsnummern, die ins Ohr gehen, aneinander. Dabei tritt eine Bevölkerungsgruppe ins Rampenlicht, die sonst im Verhältnis zu ihrem Anteil in der Gesamtbevölkerung in der Öffentlichkeit stark unterrepräsentiert ist.

    Darum geht es

    Usnavi de la Vega (Anthony Ramos) führt durch die Handlung. Er erzählt von Manhattans nördlichstem Stadtteil, den Washington Heights. Hier machen Hispanics und Latinos etwa 70% der Gesamtbevölkerung aus. Die Geschichte dreht sich um eine Straßenkreuzung, an der Usnavi einen kleinen Lebensmittelladen besitzt. Sein Cousin Sonny (Gregory Diaz IV) hilft ihm bei der Arbeit. Direkt in der Nachbarschaft leitet Kevin Rosario (Jimmy Smits) ein Taxiunternehmen und Daniela (Daphne Rubin-Vega) einen Beautysalon. Sie steht kurz davor, wegen der zu hohen Mieten in die Bronx zu übersiedeln. Kevins Tochter Nina (Leslie Grace) hat das Heimweh gerade aus Stanford Universität zurückgebracht.

    Als Usnavi die Möglichkeit erhält, die Überreste des Hauses seines Vaters zu erwerben, spielt er mit dem Gedanken in die Dominikanische Republik zu ziehen. Da ist aber auch noch Vanessa (Melissa Barrera), in die er verknallt ist. Sie träumt davon Modedesignerin zu werden. Auch sein Jugendfreund Benny (Corey Hawkins) macht ihm die Entscheidung nicht leicht. Zu stark ist die Bindung an seine Freunde. Sonny, den er zu gerne mit nehmen würde, ist zudem ein sogenannter Dreamer. Er lebt ohne offiziellen Aufenthaltstitel in den USA und kann das Land nicht einfach so verlassen.

    Als bekannt wird, dass jemand aus Washington Heights im Lotto gewonnen hat und der Schein aus Usnavis Laden stammt, beginnen alle von einer hoffnungsvollen Zukunft zu träumen.

    Selfempowerment anstelle von Resignation.

    Kommentar

    Irgendwann kommt der Moment für Jugendliche in den USA, da würden sie gerne den Führerschein machen oder auf einer Universität studieren. Einigen bleibt aber beides verwehrt. Obwohl sie oft schon seit frühester Kindheit im Land sind, haben sie keinen Aufenthaltstitel, da ihre Eltern illegal eingereist sind. Man nennt sie Dreamer. Barack Obama hat sie per Dekret zumindest vorübergehend vor der Abschiebung schützen wollen, Donald Trump widerrief es (was der Oberste Gerichtshof später seinerseits wieder beanstandete). Eine Kundgebung für diese Regelung ist Teil von In The Heights und eine der wenigen Veränderungen, die Lin-Manuel Miranda an seinem Broadway Erfolgsmusical aus 2005 für die Leinwandadaption vorgenommen hat.

    Hispanics und Latinos bilden in den USA einen Bevölkerungsanteil von rund 19%. Sie sind die größte Minderheit. Gleichzeitig wurde 2019 nur ein Anteil von 4,9% an Sprechrollen in Filmen mit dieser Bevölkerungsgruppe besetzt. Ein krasses Ungleichgewicht. Das ändern Miranda und Regisseur Jon M. Chu (Crazy Rich Asians) nun zumindest einmalig. Gleich ein ganze Reihe von großartigen Schauspielerinnen und Schauspielern, die einem größeren Publikum bisher unbekannt waren, treiben die Handlung mit Elan und Charme voran. Anthony Ramos, Melissa Barrera und Leslie Grace: man wird von ihnen noch hören. Olga Merediz hat als Abuela hat einen großen herzzerreißenden Auftritt.

    In the Heights reißt uns schon in die zehnminütigen Eröffnungssequenz mit, hebt uns in den Himmel und trifft mitten ins Herz. Man spürt die drückende sommerliche Hitze und eine unglaubliche Energie, die von der Leinwand strömt. Sex-Appeal trifft auf Self-Empowerment. Das musikalische Talent von Autor, Komponist und Sänger Lin-Manuel Miranda ist ein Glücksfall. Die Inszenierung ist zwar etwas konventionell ausgefallen und erinnert sehr an die klassischen Hollywood Musicals. Aber was solls, wir bekommen genau das Richtige, um unsere Lebensgeister wieder zu wecken. Bereits beim ersten Mal im Kino möchte man fast mitsingen. Also, auf ein zweites Mal!

    In the Heights
    Musical, USA 2021

    Regie Jon M. Chu
    Drehbuch Quiara Alegría Hudes
    Kamera Alice Brooks
    Schnitt Myron Kerstein
    Musik Lin-Manuel Miranda
    Mit Anthony Ramos, Melissa Barrera, Stefanie Beatriz, Jimmy Smits, Leslie Grace, Dascha Polanco, Olga Merediz


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  • BAD LUCK BANGING OR LOONY PORN ★★★½

    BAD LUCK BANGING OR LOONY PORN ★★★½

    Während in so gut wie allen Filmproduktionen der vergangenen Monate die Covid-19 Pandemie mehr oder weniger ignoriert wurde, kommt von Regisseur Radu Jude nun der erste Film, dem unverkennbar anzusehen ist, wann er entstanden ist. In Bad Luck Banging or Loony Porn wird einer Lehrerin ein selbst gedrehter Amateurporno zum Verhängnis. Nicht nur beim Akt selbst werden hier Masken getragen. Jude nimmt das als Ausgangspunkt, um über die rumänische Gesellschaft zu reflektieren. Für das Publikum bedeutet das, sich erstmal das besagte Video in voller Länge anzusehen. Eine in ihrer Botschaft und Umsetzung radikale Arbeit. Die Jury in der diesjährigen Berlinale war überzeugt und verlieht dem Film den Goldenen Bären.

    Darum geht es

    Emi (Katja Pascariu) dreht mit ihrem Ehemann einen Amateurprono. Auf Umwegen gelangt das Video ins Internet und auf die Handys der Kinder der Lehrerin. Bad Luck Banging or Loony Porn teilt sich folglich in drei Kapitel auf. Zuerst läuft Emi durch Bukarest und versucht telefonisch die Wogen zu glätten und trifft sich mit ihrer Schuldirektorin (Claudia Ieremia). Im zweiten Teil werden in alphabetischer Reihenfolge Begriffe mit Archivmaterial erklärt und in Zusammenhang mit Rumänien gebracht. Darunter: Krieg, Kinder, Tyrannei, Patriotismus, Sex, Penis, Rassismus und Social Distancing. Abschließend kommt es an einem Elternabend zu einer Konfrontation von Emi und den aufgebrachten Eltern, die ihrerseits recht fragwürdige Ansichten vertreten.

    Die Empörung ist groß.

    Kommentar

    Ohne dem Publikum einen konkreten Erzählstrang zu bieten und mit dafür umso mehr Andeutungen und Provokationen kratzt Radu Jude an der Oberfläche der orthodoxen Gesellschaft Rumäniens. Aber nicht mit einem feinen Schweizer Messer, sondern mit einer scharfen Machete. Wie muss es sich im vollen Saal bei der Premiere während der Berlinale angefühlt haben, als zu Beginn die expliziten pornografischen Szenen zu sehen waren.
    Zum liefert die Sequenz eine Vorgabe, doch dann folgt der erste Teil, in der lange Kameraschwenks aufeinander montiert sind und mitten drin zufällig die Protagonisten durchs Bild läuft. Dass Passanten dabei in die Kamera lachen, stört den Regisseur nicht. Jude ist ein guter Beobachter. Auf den Straßen von Bukarest finden sich Bilder, die in Bezug zur Lage stehen, in der Emi gerade steckt. Konfrontationen von Autofahrern und Fussgänger scheinen hier auf der Tagesordnung zu stehen. Die Aggressionsschwelle ist niedrig.
    Der Mittelteil ist von der Handlung abgekoppelt und beschäftigt sich auf humorvolle aber ebenso provokative Art mit der Geschichte und Gegenwart Rumäniens. Die 26 in alphabetischer Reihenfolge vorgestellten Begriffe geben einen Vorgeschmack darauf, mit wem es Emi im dritten Teil zu tun bekommen wird. Die Eltern sind exemplarische Vertreter der rumänischen Gesellschaft vom General über einen Priester bis hin zu ehemaligen Ceaușescu-Anhängern. Die Empörung ist groß und wird noch durch die nervenaufreibende Pandemiesituation bestärkt. Antisemitismus, Heuchelei und Misogynie sind vorherrschend. Jude lässt kein gutes Haar an seinen Landsleuten.
    Bad Luck Banging or Loony Porn riskiert durch seinen radikalen Weg die Konzentration seines Publikums zu verlieren. Am Ende fügen sich die Teile jedoch sinnvoll zusammen. Das Finale ist an Absurdität nicht zu überbieten. Ein auf allen Ebenen aussergewöhnlicher Film.

    Bad Luck Banging or Loony Porn (OT: Babardeală cu bucluc sau porno balamuc)
    Satire, RO/LUX/CRO/CZ 2021

    Regie Radu Jude
    Drehbuch Radu Jude
    Kamera Marius Panduru
    Schnitt Cătălin Cristuju
    Musik Jura Ferina, Pavo Miholjevic
    Mit Katja Pascariu, Claudia Ieremia


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  • SPACE DOGS ★★★★

    SPACE DOGS ★★★★

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    zum Leihen

    Ein weiterer Film, der eine wahre Odyssee hinter sich hat. Die österreichisch-deutsche Koproduktion Space Dogs wurde bereits 2019 bei den Filmfestspielen in Locarno präsentiert. Erfreulicherweise hat die aussergewöhnliche Dokumentation von Elsa Kremser und Levin Peter nun doch noch den Weg in die Kinos gefunden. Das Regieduo schlägt einen ganz neuen Weg im Dokumentarbereich ein. Mystik, Wissenschaft und moderne Geschichtsschreibung vermischen sich zu einem spannenden Ganzen, dass uns lehrt, sich erstmal zurückzulehnen und zu beobachten.

    Darum geht es

    1957 wurde mit dem Forschungssatellit Sputnik 2 erstmals ein Lebewesen ins Weltall befördert. Die streunende Hündin Laika wurde dazu ausgewählt und in den sicheren Tod geschickt. Bereits wenige Stunden nach dem Start verstarb das Tier. Einer Legende nach kehrte sie als Geist zur Erde zurück und streift seither durch die Straßen von Moskau. Space Dogs folgt nun zwei Straßenhunden durch die Nächte der russischen Metropole. Der Film begibt sich dabei konsequent auf Augenhöhe mit den Tieren und eröffnet dem Publikum so eine ganz neue Perspektive auf die Welt und der Beziehung von Mensch, Tier … und Kosmos. Der Alltag ist durch einen ständigen Überlebenskampf geprägt. Die Brutalität auf der Straße findet sich auch in den wissenschaftlichen Laboren wieder. Bisher unveröffentlichtes Filmmaterial aus der Sputnik Ära zeigt die Vorbereitungen auf dem Weltraumflug. Die Grenzen von Wissenschaft und Propaganda verschwimmen.

    Kommentar

    Es ist eine Seltenheit geworden, im Kino mit etwas Neuem überrascht zu werden. Wie sich Kremser und Peter an das Thema Raumfahrt und im Speziellen an das erste Lebewesen im All annähern, ist wohl bisher einzigartig. Mit der Kamera (Yunus Roy Imer) begeben sie sich auf Augenhöhe mit den Straßenhunden in Moskau. Sie beobachten ohne zu inszenieren. Die sonst fast allen Tierdokumentationen eigene Vermenschlichung der Protagonisten gibt es hier nicht. Glaubt man sonst immer genau zu wissen, was die Tiere gerade so machen, unterstützt von einem Audiokommentar, weiß man es hier nicht. Man kann es nur vermuten. Das meiste bleibt rätselhaft. Man kann hierarchische Verhaltensweisen oder den Überlebenskampf im Großstadtdschungel erahnen. Mehr aber auch nicht.

    Nach einem fulminanten kosmischen Intro, werden die Sequenzen mit den Straßenhunden immer wieder durch Archivmaterial unterbrochen, das Kremser und Peter auf mühsame Weise aus einem Depot beschaffen konnten. Erstmals sieht man, wie damals mit den Tieren gearbeitet wurde und auf welche Weise die wissenschaftliche Arbeit für Propagandazwecke adaptiert wurde. Dabei wurde die Hündin Laika genauso mit bedacht ausgewählt, wie die wissenschaftliche Mitarbeiterin, die sich um die Hündin kümmern musste. Es sind Teil brutale Bilder, wie man sie von Tierversuchen kennt. Nach einer Eigendefinition soll Space Dogs ein Anti-Tierfilm sein. Das Publikum ist eingeladen, den Film für sich selbst zu entdecken. Etwas, das im Kino schon längst verloren geglaubt war. Im österreichischen Kanon der Dokumentarfilme hat dieser jedenfalls bereits einen wichtigen Platz eingenommen.

    Space Dogs
    Dokumentation, AUT/D 2019

    Regie Elsa Kremser, Levin Peter
    Drehbuch Elsa Kremser, Levin Peter
    Kamera Yunus Roy Imer
    Schnitt Jan Soldat, Stephan Bechinger
    Musik John Gürtler, Jan Miserre


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