Autor: Michael Holly

  • WEST SIDE STORY (2021) ★★★★ ½

    WEST SIDE STORY (2021) ★★★★ ½

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    Einer der größten Regisseure unsere Zeit erfüllt sich einen lange gehegten Traum. Steven Spielberg inszeniert nach 60 Jahren einen der ganz großen Hollywoodklassiker neu. Wie so viele andere hat ihn die Geschichte von Kind auf geprägt und nicht mehr losgelassen. Die erste Verfilmung von West Side Story von Robert Wise und Jerome Robbins aus dem Jahr 1961 erhielt 10 Oscars. Große Fußstapfen also. Bei Spielberg muss man sich aber keine großen Sorgen machen, dass er sie ausfüllt. Drehbuchautor Tony Kushner hat das Musical fit für das 21. Jahrhundert gemacht.

    Darum geht es

    In den 1950er Jahren entwickelte der Choreograf Jerome Robbins in Anlehnung an Shakespeares Romeo und Julia eine Geschichte zweier rivalisierender Banden in New York City. Die Jets sind weiße Amerikaner und die Sharks eine Gruppe von Einwanderern aus Puerto Rico. Die Musik stammt von Leonard Bernstein und die Liedtexte von Stephen Sondheim. Dabei verschmelzen territoriale Auseinandersetzungen mit ethnischen Konflikten. Tony von den Sharks verliebt sich in Maria, dessen Bruder Bernardo der Anführer der Sharks ist. Es ist eine Liebe, die von niemandem geduldet wird und wenige Tage später zu einen folgenschweren Kampf der zwei Banden führt. Schauplatz ist die Upper West Side in New York City, wo zu dieser Zeit ein ganzer Stadtteil abgerissen wird, an dessen Stelle das Lincoln Center errichtet werden soll. Dies führt zusätzlich zu sozialen Spannungen.

    Tonight. Maria und Tony auf der Feuerleiter.

    Kommentar

    Es scheint das Jahr der Musicals zu werden. Cyrano, In the Heights, Tick, Tick…Boom, Annette und West Side Story. Wie der Western taucht auch das Musical alle paar Jahre aus der Versenkung auf. Mitunter durchaus erfolgreich. Vor allem bei Preisverleihungen räumen Musicals ordentlich ab, da sie naturgemäß zusätzlich in den Kategorien Musik und Ton stark sind. Bei Steven Spielberg hört man sogar das Surren der Neonreklamen. Zuerst aber ist da das schon aus der ersten Verfilmung bekannte Schnippen zu hören. Der Flug über den Stadtteil in der Eingangssequenz, in dem die Geschichte spielt, gibt auch schon einen anderen Ton vor. Häuser werden abgerissen. Ein neuer Stadtteil soll hier entstehen. Konflikte sind vorprogrammiert.

    Hier leben sozial Benachteilige. Weiße Jugendliche, deren Eltern es nicht geschafft haben, sich woanders ein besseres Leben aufzubauen und Einwanderer, die sich die Realität in den USA auch anders vorgestellt haben. So unterschiedlich ist ihre Situation nicht, wie Lieutenant Schrank einmal richtig bemerkt (Grundsätzlich ist aber ein kritischer Blick auf die Polizei ein weiteres Merkmal des Stücks). Bereits Leonard Bernstein ging es um ethnische Konflikte aber im Vordergrund standen mehr territoriale Streitereien zwischen zwei Jugendbanden. Spielberg und Drehbuchautor Tony Kushner legen den Fokus nun mehr auf den Migrationskonflikt. Das macht West Side Story nicht nur zeitgemäßer sondern auch ruppiger. Sogar Transgender bekommt fast beiläufig seinen Platz. Anybody, gespielt von der nichtbinären Iris Menas, hat Schwierigkeiten, bei den Jets aufgenommen wozu werden, die sich mit allem schwer tun, was ihnen fremd ist und was sie nicht kennen.

    Die Bilder, die in den schönsten Farben erstrahlen und die Sonne im Gegenlicht blinzeln lassen, sind betörend schön. Jede Mülltonne ist hier platziert und Wäsche die über eine Leine gezogen wird, übernimmt schon einmal den Filmschnitt. Es ist eine technische Glanzleistung, das New York der 1050er Jahre derart realitätsnah wiederauferstehen zu lassen. West Side Story wirkt manchmal wie ein tatsächlich vor gut einem halben Jahrhundert gedrehter Film, allerdings immer mit der heutigen technischen Finesse (Da die Dreharbeiten bei hohen Temperaturen stattfanden, mussten gar nachträglich Schweißtropfen in den Gesichtern entfernt werden). Ein nicht unwesentlicher Teil der Dialoge ist auf spanisch – allerdings ohne Untertitel. Es spielt keine Rolle, wenn wir nicht jedes Wort versehen, Spielberg hat den Film fest im Griff. Emotionen und Gesten zeigen uns alles, was wir wissen müssen.

    Rita Moreno bekam 1962 einen Oscar für ihre Rolle der Anita. Nun schrieb Tony Kushner für die Neuverfilmung eigens eine Rolle für sie. Sie spielt Valentina, die Witwe von Doc, dem ehemaligen Besitzer des Drogeriemarktes Doc’s aus der ersten Verfilmung. Nun ist sie die gute Seele der Geschichte. Eine sehr nette Idee. Etwas in der Kritik steht das Casting des Protagonistenpaares. Rachel Zegler als Maria ist die Entdeckung des Jahres. Spielberg entschied sich bereits am ersten Tag des Castings für sie, damals war sie 17. Ihr Partner Ansel Elgort (Baby Driver) ist um 7 Jahre älter. Dass Frauen unverhältnismäßig jung gecastet werden und ältere Filmpartner bekommen, ist ein grundsätzliches Problem in der Branche.

    West Side Story ist ein sowohl technisch, als auch erzählerisch ein Meisterwerk. Die Tanzszenen sind, wie schon in der alten Fassung, fulminant. Die sanfte Modernisierung hat der Geschichte gut getan und macht sie zeitgemäßer. Was wäre wohl gewesen, wenn man die Geschichte gleich in die Gegenwart transferiert hätte? Es wäre jedenfalls schade auf die schöne New Yorker Kulisse der 1950er Jahre verzichten zu müssen.

    West Side Story
    Musical, USA 2021

    Regie Steven Spielberg
    Drehbuch Tony Kushner
    Kamera Janusz Kamińsky
    Schnitt Sarah Broshar, Michael Kahn
    Musik Leonard Bernstein, David Newman
    Länge 157 Min.
    Mit Ansel Elgort, Rachel Zegler, Ariana DeBose, David Alvarez, Mike Faist, Rita Moreno


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  • LAST NIGHT IN SOHO ★★★½

    LAST NIGHT IN SOHO ★★★½

    Ein Besuch in Soho darf bei keiner Londonreise fehlen. Das Viertel im Zentrum der Stadt erfreut sich ungebrochener Beliebtheit und ist Grundlage für zahlreiche Projektionen. Denn heute haben die schmalen Gassen einiges von ihrem Flair eingebüßt. Seine Hochblüte hatte des Viertel im Swinging London der 1960er Jahre. Welcher Musik- und Modeliebhaber von heute wäre damals nicht gerne durch die Gassen gezogen. Sofort entstehen Bilder im Kopf, wie es zu dieser Zeit wohl zugegangen ist. Genau mit solchen Vorstellungen und Erinnerungen spielt Edgar Wright in seinem neuen Film Last Night in Soho und räumt in drastischen Bildern mit jeglicher romantischen Verklärung auf. Es war eine schöne Welt aber eine heile war es nicht. Begleitet wird sein Horror-Thriller von einem mörderisch guten Soundtrack.

    Darum geht es

    Ellies (Thomasin McKenzie) Leidenschaft gehört den Swinging Sixties, wie man anhand ihrer Zimmerdekoration deutlich sehen kann. In der Gegenwart kommt sie für ihr Modestudium gerade nach London und bezieht ein Dachzimmer bei der Vermieterin Mrs. Collins (Diana Rigg). Bereits daheim erschien Ellie in Visionen ihre verstorbene Mutter. Nun aber reist sie jede Nacht in ihren Träumen zurück in das London der 1960er Jahre. Dort trifft sie auf die Nachwuchssängerin Sandy (Anya Taylor-Smith). Ellie bewundert ihr selbstsicheres Auftreten. Sandy steht kurz vor ihrem ersten Bühnenauftritt, den ihr Jack (Matt Smith) organisiert, ihr vermeintlicher Freund und Manager. Ellie beobachtet, dass keine guten Absichten hinter seinem Engagement stecken. Das Geschäft in den Nachtclubs ist hart und von Ausbeutung geprägt. Bald muss Ellie erfahren, dass sich damals eine große Tragödie ereignet hat. Im Laufe der Zeit nehmen ihre Visionen immer furchterregendere Züge an und Ellie erkennt plötzlich Plätze aus ihren Träumen im realen London wieder. Die Spuren des Dramas ziehen sich bis in die Gegenwart, sogar bis in ihr eigenes Zimmer.

    Spieglein, Spieglein an der Wand …. (Thomasin McKenzie, Anya Taylor-Smith)

    Kommentar

    Bereits die Ankunft in London steht für Ellie (von Eloise, wie der gleichnamige Song von Barry Ryan) unter keinem guten Stern. Sie fühlt sich durch die Blicke und Kommentare des Taxifahrers bedrängt und verlässt das Taxi fluchtartig. Edgar Wright kommt hier gleich zur Sache. Das Anprangern von Sexismus, vor allem in Zusammenhang mit der romantischen Verklärung einer ganzen Epoche, zieht sich durch den gesamten Film. Eine Revue in einem Nachtclub zur Musik von Puppet on a String von Sandie Shaw, vor lauter in schwarz gekleideten Männern, ist einer der unangenehmsten Momente, in denen deutlich wird, dass es hier kein Platz für Unterhaltung ist. Drogen, Prostitution und Ausbeutung werden hinter der Bühne sichtbar. Auf der Bühne: aggressiver Showtanz, bei dem keine Sekunde das Gefühl von Ästhetik aufkommt.

    Ellie muss scherzhaft erkennen, dass sich am Ort ihrer Sehnsüchte Abgründe auftun. Die Poster von Twiggy & Co in ihrem Zimmer haben ihr nicht die ganze Wahrheit erzählt. Die anfängliche Bewunderung für Sandy weicht bald der Erkenntnis, dass Ellie sich aufmachen muss, sie zu retten. Ihre Reisen in die Vergangenheit werden immer wieder durch das Läuten des Weckers am Morgen unterbrochen. Wright hält sich hier nicht mit Erklärungen darüber auf, was da eigentlich gerade passiert und warum. Gleichzeitig verschwimmen die Grenzen zwischen beiden Frauen. Ellie passt ihr Äußeres an Sandy an.

    Edgar Wright hat in diesem Jahr bereits mit seiner Dokumentation The Sparks Brothers für Aufsehen gesorgt. Last Night in Soho, ein weiterer Nachzügler aus dem Jahr 2020, wurde weitaus weniger euphorisch besprochen. Vielleicht hat sich Wright mit seinem kritischen Zeitreisethriller mit Horrorelementen zu viel vorgenommen (In der Kritik steht unter anderem die Rolle von Ellies Freund John, gespielt von Michael Ajao oder der wunderbare aber unausgegorene Auftritt von Terence Stamp als mysteriöser Fremder). Die Form steht bei Wright aber ohnehin im Vordergrund. Überrascht hat er uns mit dem Genrewechsel jedoch auf jeden Fall. Sehr gelungen sind die Geister der Vergangenheit, die an Gemälde von Gottfried Helnwein erinnern. Ihre Gesichter sind unkenntlich und verwaschen. Bedrohliche anonyme Fratzen in grauen Anzügen, deren wahre Bedeutung sich uns erst am Ende erschießt.

    Erwähnt sei der großartige rund 20 Nummern umfassende Soundtrack mit unter anderem Land of 1000 Dreams, You’re my World, Downtown (in einer Version von Anya Taylor-Joy), dem titelgebenden Song von Dee Dee, Dozy, Beaky, Mick &Tich und natürlich Eloise. Diana Rigg ist postum in ihrer letzten Rolle zu sehen. Ellie Großmutter wird von Rita Tushingham gespielt. Vieles atmet hier den Geist der 1960er. Last Night in Soho ist reich an Zitaten. Der nostalgische Traum wendet sich aber bald zu einem Alptraum. Mehr soll über den Inhalt nicht verraten werden.


    Last Night in Soho
    Horror-Thriller, USA/UK 2021

    Regie Edgar Wright
    Drehbuch Krusty Wilson-Cairns, Edgar Wright
    Kamera Chung Chung-hoon
    Schnitt Paul Machliss
    Musik Steven Price
    Mit Thomasin McKenzie, Anya Taylor-Smith, Matt Smith, Terence Stamp, Diana Rigg


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  • GHOSTBUSTERS: LEGACY ★★★½

    GHOSTBUSTERS: LEGACY ★★★½

    Als der erste Teaser-Trailer von Ghostbusters: Legacy vor Monaten (Jahren?) im Netz die Runde machte, wurde es warm um die zwischenzeitlich etwas gealterten Fanherzen. Regisseur Jason Reitman spielte von Anbeginn mit nostalgischen Elementen und pries seine Fortsetzung als eine Huldigung an das Original. Dieser Ankündigung ist Reitman auf jeden Fall treu geblieben. Wer sich nach Marshmallowmännern und Ektoplamsa sehnt und gerne in Erinnerungen schwelgt, ist hier auf jeden Fall richtig.

    Darum geht es

    Callie (Carrie Coon), Egon Spenglers Tochter, zieht mit ihren Kindern Trevor (Finn Wolfhard) und Phoebe (Mckeena Grace) von Chicago aufs Land in das Haus, dass ihr der Vater hinterlassen hat. Die Aussicht auf ein Leben in der Provinz stößt auf wenig Begeisterung. Die experimentierfreudige Phoebe stellt aber bald fest, dass es im Haus des Großvaters spukt. Dann findet sie auch noch eine Geisterfalle und in der Scheune verstaubt ein komischer alter Krankenwagen. Phoebe zeigt die Falle ihrem neuen Lehrer Mr. Grooberson (Paul Rudd), der gerade eine Serie von ungewöhnlichen Erdbeben in der Gegend untersucht. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Der kürzlich verstorbene Egon (Harold Raimi) wurde offenbar von einem Geist getötet. Die Kinder machen sich daran, zu vollenden, was dem Großvater nicht gelungen ist.

    Wer hat die Geister losgelassen?

    Kommentar

    Der Kinostart von Ghostbusters: Legacy (im Original mit dem Titel Ghostbusters: Afterlife) bietet natürlich Gelegenheit um auf die 37-jährige Geschichte der Serie zurückzublicken. Mit Ghostbusters – Die Geisterjäger (1984) ist dem Regisseur Ivan Reitman in Zusammenarbeit mit Dan Aykroyd und Harold Ramis zweifellos ein Klassiker gelungen. Zu verdanken ist das nicht zuletzt dem wunderbaren Geisterjäger-Quartett bestehend aus Dan Aykroyd, Harold Ramis, Ernie Hudson und Bill Murray. ECTO-1, der umgebaute Krankenwagen, ist ebenso legendär wie die Feuerwache, das Logo und die Titelmelodie von Ray Parker jr. Die Spezialeffekte waren up-to-date.

    Weniger gern erinnert man sich an den fünf Jahre später veröffentlichten Aufguss Ghostbusters II. Bill Murray wollte fortan nichts mehr mit den Geisterjägern zu tun haben und so war dann eine Weiterführung der Geschichte für Jahrzehnte aus der Welt. Paul Feig startete 2016 einen neuerlichen Versuch und ging in Ghostbusters mit Melissa McCarthy einen anderen Weg. Der Film war nicht als Fortsetzung konzipiert und sollte für sich stehen. Letzten Endes spaltete der Film sowohl KritikerInnen als auch das Publikum. Im Zentrum der Debatte standen Vorwürfe von Sexismus und Frauenfeindlichkeit, da der im Grunde weniger geglückten Umsetzung eine Welle der Ablehnung entgegenschwappte, die von einigen auf die weibliche Besetzung zurückgeführt wurde.

    Nun versucht sich wenige Jahre später also Jason Reitman, Ivans Sohn, an dem Stoff und versprach im Vorfeld, den originalen Film ausreichend zu würdigen. Das passt in die immer noch vorherrschende 80er Retrowelle, wenngleich der Film selbst in der Gegenwart angesiedelt ist. Die Rechnung ging auf. Beim Publikum kamen die zahlreichen Verweise in der dritten Fortsetzung gut an. Ghostbusters: Legacy trieft vor Nostalgie. Reitman hat es sogar geschafft, die Truppe (fast) komplett auf die Leinwand zu bekommen (Harold Ramis verstarb 2014 und wurde mittels Archivmaterial in den Film eingefügt). Während des großen Finales bleibt wohl kein Auge trocken. Dass Reitman hier auf die richtigen Knöpfe drückt, ist neben dem Clou, Kinder zu den Protagonisten zu machen und dem gelungenen Humor, sicher auf der Habenseite zu verbuchen. Die dem zugrunde liegende Story ist allerdings wieder nur ein Aufguss des Originals aus den 1980er Jahren. Hier wollte man nach dem Misserfolg des Vorgängers wohl doch kein all zu großes Risiko eingehen. Rückblickend in Anbetracht der momentanen Situation vermutlich auch die richtige Entscheidung.

    Ghostbuster: Legacy unterhält gut und ist auch für eine jüngeres Publikum geeignet. Gerade für die Zielgruppe unter 12 Jahren ist es ohnehin eine Seltenheit, spektakuläre und aufregende Stoffe zu finden, die nicht all zu brutal geraten sind. So hat der Film auf jeden Fall sein Nische gefunden, auch wenn es neuerlich nicht der große Wurf geworden ist.


    Ghostbusters: Legacy (OT: Ghostbusters: Afterlife)
    Science-Fiction-Komödie, 2021

    Regie Jason Reitman
    Drehbuch Gil Kenan, Jason Reitman
    Kamera Eric Steelberg
    Schnitt Dana E. Glaubermann, Natan Orloff
    Musik Rob Simonsen
    Mit Carrie Coon, Paul Rudd, Fin Wolfhard, Mckenna Grace, Logan Kim


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  • TITANE ★★★★

    TITANE ★★★★

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    Der zweite Film der französischen Autorenfilmerin Julia Ducournau (Raw) präsentiert sich so kompromisslos wie ein Auto, das ungebremst auf einen Baum zurast. Geschichten, wie jene die Titane erzählt, erfreuen sich nur selten einer breiteren Aufmerksamkeit. Bodyhorror in Kombination mit Genderfragen und Science-Fiction ist, keine Frage, speziell. Bei den Filmfestspielen in Cannes erhielt Julia Ducournau mit der Goldenen Palme eine der höchsten Auszeichnungen, die die Filmwelt zu vergeben hat. Die unkonventionellste Regieentscheidung seit gut einem Jahrzehnt. Ein außergewöhnlicher Film für außergewöhnliche Zeiten.

    Darum geht es

    Als kleines Mädchen erhält Alexia (Agathe Rousselle) nach einem schweren Autounfall ein Titanpräparat in den Kopf gesetzt. Fortan fühlt sie sich zu Autos körperlich hingezogen. Als Erwachsene verdient sie ihr Geld als Tänzerin auf Autoshows. Und sie ermordet Menschen auf brutalste Weise. Sie hat Sex mit einem Lowrider Showauto und wird davon schwanger. Auf der Flucht vor der Polizei nimmt sie die Identität eines vor langer Zeit verschollenen Buben an. Dessen Vater Vincent (Vincent Lindon), ein Feuerwehrhauptmann, nimmt sie bei sich auf, ohne groß Fragen zu stellen.

    Die Haarnadel von Alexia bekommt eine tragende Rolle.

    Kommentar

    Alexia ist auf der Suche. Befriedigung findet sie weder in Beziehungen zu Männern, noch zu Frauen. Sie arbeitet sich an ihrem eigenen Körper ab. Das ist schmerzhaft. Selbst beim Zuschauen. Die Phase der Schwangerschaft, in der die Frau die Kontrolle über ihren eigenen Körper zu verlieren scheint, wird bei Julia Ducournau noch einmal intensiviert. Gewalt nicht nur beim morden, sondern auch am eigenen Leib.

    Genauso auf der Suche ist Vincent. Als nach mehr als einem Jahrzehnt scheinbar eine Möglichkeit besteht, seinen Sohn zurückzubekommen, verschließt er die Augen vor jeglicher Unsicherheit. Zusammen geben die beiden eines der ungewöhnlichsten Paare der Filmgeschichte ab. Eine Vater-Sohn/Tochter Beziehung.

    Es ist ein genialer Einfall der Regisseurin, den zweiten Teil des Filmes in einem zutiefst männlichen Umfeld anzusiedeln. Vincent und seine Truppe von hormongetriebenen Feuerwehrmännern sind eine gute Tarnung für Alexia. Gleichzeitig provoziert Ducournau auch hier Geschlechterfragen.

    Man kann in Titane nach Lust und Laune in Metaebenen abtauchen oder sich von den Bildern von Rubens Impens und dem Soundtrack verführen lassen. Wie zum Beispiel in der Sequenz auf der Automesse gleich zu Beginn, in der sich Alexia zur Musik von Doing It To Death von The Kills auf einem Boliden räckelt und aus der das großartige Titelbild entstammt.

    In Cannes wird der Hauptpreis nicht selten nach sozialkritischen Gesichtspunkten vergeben. So ist die heurige Juryentscheidung unter dem Vorsitz von Spike Lee nur auf den ersten Blick ungewöhnlich. Titane fügt sich wunderbar in die Reihe ruhmreicher Vorgänger wie Shoplifters und Parasite ein. Mit dem Unterschied, dass es hier ein Vertreter eines sonst eher im Abseits stehendes Subgenres ganz nach oben geschafft hat. Ein Beispiel dafür, was im Kino alles möglich ist.

    Titane
    Drama, F/BE 2021

    Regie Julia Ducournau
    Drehbuch Julia Ducournau
    Kamera Ruben Impens
    Schnitt Jean-Christophe Bouzy
    Musik Jim Williams
    Mit Agathe Rousselle, Vincent Lindon
    Länge 108 Min


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  • THE POWER OF THE DOG ★★★★½

    THE POWER OF THE DOG ★★★★½

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    Nach Aufführungen bei der diesjährigen Viennale sind wir vorerst um einen, wenn auch zeitlich stark eingeschränkten, Kinostart umgefallen. Daher kommt The Power of the Dog, das neue Meisterwerk von Jane Campion nun alleine via Netflix weltweit seit 1. Dezember 2021 fast frei Haus. Darin brilliert Benedict Cumberbatch als Cowboy im Montana der 1920er Jahre, unterstützt von einem starken Ensemble. Diese Romanverfilmung ist aber mehr Psychogramm als klassischer Western, das Schicht für Schicht seine Figuren dekonstruiert. Lasset es Oscars regnen.

    Darum geht es

    Das Leben der Brüder Phil (Benedict Cumberbatch) und George (Jesse Plemons) wird gehörig durcheinander gebracht, als George die Restaurantbesitzerin Rose (Kisten Dunst) kennen und lieben lernt. Phil ist wenig begeistert und spottet über ihren Sohn Peter (Kodi Smit-McPhee) und mobbt ihn regelrecht aus dem gemeinsamen Haushalt.

    Für Rose wird die ablehnende Haltung Phils und die allgemein giftige Atmosphäre immer mehr zur Belastung. Während George darüber hinwegzusehen versucht, scheint Peter längst einen folgenschweren Plan verfasst zu haben.

    Eine ungewöhnliche Annäherung (Benedict Cumberbatch, Kodi Smit-McPhee)

    Kommentar

    Gäbe es den Ausdruck subtil nicht, man müsste ihn für Jane Campions neuen Film erfinden. So sehr sich in der Nachbetrachtung von The Power of the Dog alles fein zusammenfügt, so schwer zu durchschauen sind die Vorgänge im ersten Moment. Es ist die letzte Einstellung, die allerletzten Sekunden, die bei vielen Klarheit schafft und andere gleichzeitig zum Grübeln bringt. Es ist schon eine Weile her, dass ein Film derart zu Diskussionen eingeladen hat. Wobei, zu diskutieren gibt es dann gar nicht so viel, so schlüssig ist die Erzählung, bis in die kleinsten Details. Es ist nur große Aufmerksamkeit gefragt und dass ist bei einem Film, der über zwei Stunden gemächlich vor sich hin fließt, nicht so einfach!

    Die große Überraschung ist zuallererst einmal Benedict Cumberbatch. Nicht, dass uns entgangen wäre, was für ein großer Schauspieler er ist. Es ist viel mehr die außergewöhnliche Rollenwahl. Phil, der wie die anderen ProtagonistInnen gesellschaftlich höher gestellt ist, verbringt seine Zeit lieber auf dem Rücken seines Pferdes, als beim Smalltalk in feiner Gesellschaft. Auf uns wirkt er wie ein Sonderling: unfreundlich, miesepetrig und distanziert. Wie sooft prallen in Western der jüngeren Vergangenheit (siehe auch Neues aus der Welt, ebenfalls Netlfix) Welten aufeinander, die sich in der Psychologie ihrer Helden manifestieren. Sie sind Sinnbild für sich verändernde Zeiten. Nicht die weite Landschaft und Konflikte im Großen stehen im Vordergrund, sondern das Innerste der Protagonisten wird nach und nach nach außen gekehrt. Phil braucht seinen Bruder George, mit dem er sich in ihrem großen Haus ein Zimmer teilt und diese Beziehung ist in großer Gefahr. Cumberbatch steuert womöglich mit großen Schritten auf einen neuerlichen Karrierehöhepunkt zu.

    Ihm zu Seite steht Kodi Smit-McPhee (der Junge aus The Road, 2009) als Peter. Er ist der Eindringling. Nicht nur Rose bekommt die Abscheu von Phil zu spüren, sondern auch ihr Sohn. Mit Peter scheint Phil leichtes Spiel zu haben. Der Junge wirkt fragil und ist ebenso ein Außenseiter. Doch dann kommt alles anders und es ist nur einer der Hacken, die die Handlung schlägt. Die von Verzweiflung und Angst geplagte Kirsten Dunst und ein gutmütiger aber hilfloser Jesse Plemons komplettieren dass Ensemble und manchen aus The Power of the Dog eine schauspielerisch intensive Erfahrung.

    Jonny Greenwood legt hier neben Spencer in diesem Jahr ein zweites Mal einen wunderbaren Soundtrack vor, der so gar nicht den Hörgewohnheiten entspricht und sie in voller Schönheit gegen den Strich bürstet. In Jane Campions erstem Spielfilm seit über 10 Jahren kann der blaue Himmel noch so strahlen, insgeheim sind längst dunkle Wolken aufgezogen und wir warten angespannt drauf, dass der Blitz einschlägt. Er wird einschlagen, aber er wird uns von hinten überraschen. 1994 musste sich Campion bei den Oscars mit Das Piano (1993) gegen Schindlers Liste (1993) geschlagen geben. Zumindest eine neuerliche Nominierung als Beste Regisseurin scheint gesichert. Wenn sich noch die Möglichkeit bieten sollte, The Power of the Dog auf einer großen Leinwand zu sehen, sollten man sie wahrnehmen.

    The Power of the Dog
    Drama, USA 2021

    Regie Jane Campion
    Drehbuch Jane Campion
    Kamera Ari Wenger
    Schnitt Peter Sciberras
    Musik Jonny Greenwood
    Mit Benedict Cumberbatch, Kirsten Dunst, Jesse Plemons, Kodi Smit-McPhee
    Länge 128 Min.
    Streamingplattform
    Netflix


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  • THE FRENCH DISPATCH  ★★★½

    THE FRENCH DISPATCH ★★★½

    (… of the Liberty, Kansas Evening Sun)

    Der fahrende Gaukler Wes Anderson ist wieder einmal mit seinem Guckkasten auf Tournee. Sein 10. Spielfilm ist eine Liebeserklärung an den New Yorker und dessen Gründer Harold Ross. In den üppigen Filmsets ist wie immer alles adrett auf seinem Platz. Ein Hochamt der Symmetrie. Die Unordnung entsteht erst durch das rasante Erzähltempo.

    Darum geht es

    Wes Anderson hatte bereits angekündigt, dass sein neuestes Werk inhaltlich schwer zu fassen sei: Ein amerikanischer Journalist, der in einer französischen Kleinstadt in der Mitte des 20. Jahrhunderts ein Magazin herausgibt, das irgendwie an den New Yorker erinnert. Man muss sich das so vorstellen, als hielte man ein Magazin in Händen. Drei Kurzgeschichten, erzählt von den jeweiligen Reporter:innen werden eingerahmt von einem Prolog und einem Epilog. In The Concrete Masterpiece berichtet J.K.L. Berensen (Tilda Swinton) von einem inhaftierten Maler (Benicia del Toro), seiner Muse Simone (Léa Seydoux) und dem Kunsthändler Julien Cadazio (Adrien Brody). In Revisions to a Manifesto ist der junge Revolutionär Zeffirelli das Objekt der Begierde der Journalistin Lucinda Kremetz (Frances McDormand). Sie erzählt von Studentenprotesten in der Kleinstadt. In The Private Dining Room of the Police Commissioner löst der Küchenchef und Polizeibeamte Lt. Nescaffier (Stephen Park) einen Fall von Kidnapping. Der Sohn des Kommissars (Mathieu Amalric) ist verschwunden. Roebuck Wright (Jeffrey Wright) berichtet.

    Kommentar

    Es scheint sich eine allgemeine Wes Anderson-Müdigkeit einzustellen. Schon wieder diese überladenen Bilder. Mehr Filmstars als auf einem Plakat Platz haben und alles so furchtbar manieriert und retro. So lauten die Kommentare. Dabei wird völlig ausser Acht gelassen, dass Anderson seinen eigenen Stil perfektioniert hat, wie kein zweiter. Dem Publikum öffnet sich eine Wunderkammer, in der es mehr zu entdecken gibt, als im ersten Moment fassbar ist. Die Detailverliebtheit steht dem schnellen Erzähltempo gegenüber. Fokussiert man sich auf ein Objekt oder frönt den immer wieder beeindruckenden Bildkompositionen, hat man womöglich bereits die nächste Pointe verpasst.

    Neu ist hier das Format des Episodenfilms. Drei Jahre nach Isle of Dogs – Ataris Reise präsentiert uns der Regisseur in seinem 10 Spielfilm eine Ode an die freie Presse. Jede der drei Geschichten folgt einem anderen Stil. Gemeinsam ist ihnen ein romantisch verklärter Blick auf ein Frankreich der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. So wie es sich der Betrachter von außen eben vorstellt. Oder doch ein paar Jahrzehnte früher oder später? So genau ist das bei Anderson nicht. Es ist jedenfalls eine Welt, die im Untergehen begriffen ist. Ein gedrucktes Magazin mit ausführlichen ausufernden Reportagen wird in nicht allzu ferner Zukunft der Vergangenheit angehören.

    The French Dispatch ist ein handwerklich einwandfreier Film. Hochgradig artifiziell. Ennui-sur-Blasé (Andersons Wortkreationen kennen kein Limit) ist der Name des Ortes, in dem The French Dispatch spielt. Wie im Minimundus ist hier alles auf engstem Raum hineingepackt. Dorf und Großstadt zugleich. Ein Konglomerat aus großen Namen, Stilmitteln und Verweisen. Es ist aber eine Überfrachtung die beim erstmaligen Anschauen überfordert. Wie bei einem Wimmelbild, nur dass man nicht entscheiden kann, wie lange man in einer Szene verweilen darf und auch zurückblättern ist nicht möglich. Nach dem Trailer fragt man sich, wie das alles wohl in einem einzigen Film zusammenkommen soll. Nach knappen 107 Minuten erkennt man, was für ein schwieriges Unterfangen das tatsächlich ist.


    THE FRENCH DISPATCH of the Liberty, Kansas Evening Sun ★★★½
    Komödie, 2021

    Regie Wes Anderson
    Drehbuch Wes Anderson
    Kamera Robert D. Yeoman
    Schnitt Andrew Weisblum
    Musik Alexandre Desplat
    Mit Bill Murray, Tilda Swinton, Frances McDormand, Timothée Chalamet, Jeffrey Wright, Owen Wilson, Adrien Brody, uvm.


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • VIENNALE 2021 – Das war’s

    VIENNALE 2021 – Das war’s

    Nach in diesem Jahr nur 13 gesichteten Filmen ist das mit dem Resümee vielleicht etwas schwierig. Trotzdem wage ich zu sagen: hier ist sie, die Coronaflaute, zumindest was die Breite des Angebots angeht. Die Filme sind nicht selten im vergangenen Jahr unter strengen Auflagen entstanden. Es ist aber nicht so, als herrsche Stillstand. Ganz im Gegenteil. Sean Baker (The Florida Project) konnte unter diesen Bedingungen ein geplantes (größeres) Projekt nicht umsetzen und besinnte sich seiner Wurzeln. Red Rocket entstand mit einem sehr kleinen Team und unter anderen Umständen würde dieser wunderbare Film schlicht nicht existieren. So gesehen beflügelte die Pandemie die Fantasie so mancher FilmemacherInnen (siehe auch Homemade, die Lockdown-Serien-Anthologie auf Netflix).

    Was bedeutet das aber nun für ein Filmfestival wie die Viennale, das einen Überblick der laufenden Saison ermöglicht? Die 59. Ausgabe des Festivals endete vor einem Feiertag und war neuerlich um drei Tage kürzer. Dafür war im Filmmuseum nicht die Retrospektive sondern unter anderem das Kurzfilmprogramm zu sehen. Die BesucherInnenzahl steigerte sich auf 58.200. Die Auslastung bliebt im Vergleich zum Vorjahr exakt gleich bei 74%, obwohl in diesem Jahr die Säle bis auf den letzten Platz gefüllt werden durften. Spiegelt sich hier der Ärger über den missglückten Vorverkaufsstart wieder?

    Manch vorprogrammierter Publikumsmagnet war bei weitem nicht voll besetzt. Lag natürlich auch daran, dass Spencer von Pablo Larraìn an einem Arbeitstag um 11:30 gezeigt wurde. Mit L’évènement von Audrey Diwan, dem diesjährigen Gewinner des Goldenen Löwen, wurde das Festival eröffnet. Ein starker und wichtiger Film, der das Publikum ganz schön forderte. Ob er sich aber als Eröffnungsfilm eignet, sei dahingestellt. In jeden Fall ein wichtiges Statement.

    Als jemand der beim Fernsehen tätig ist, kann ich die mäßig witzige Satire France von Bruno Dumont nicht unkommentiert lassen. Sein Generalangriff gegen die Glaubwürdigkeit der Medien mutet in der heutigen Zeit seltsam an, wo gerade Qualitätsmedien unter Druck stehen. Mit seiner Abneigung gegen das Fernsehen hielt der Regisseur auch im anschließenden Publikumsgespräch nicht hinter dem Berg. Im Gegensatz zu Fernsehnachrichten hätte der Film nicht den Anspruch auf Wahrheit oder würde diesen auch nicht versuchen vorzutäuschen. Was Dumont den Fernsehnachrichten jedoch vorwirft. France lief zur besten Zeit im Gartenbaukino. Genau so wie Benedetta von Paul Verhoeven, der Teile des Publikum eher ratlos zurückließ.

    Einen der stärksten Filmmomente lieferte wohl Große Freiheit von Sebastian Meise, als der Protagonist im Gefängnishof erfahren muss, dass sich ein enger Freund gerade das Leben genommen hatte und ihn alle Mitinsassen teilnahmslos anstarren, er über den Hof taumelt und endlich ein anderer auf ihn zugeht, nur um ihn zu umarmen. Man bekommt für einen Moment das Gefühl, wie es ist, wenn eine Welt zusammenbricht und niemand für einen da ist.

    Gegen Ende kam dann einer der Höhepunkte dieses Filmjahres. Mit The Card Counter beweist Paul Schrader aufs Neue, das er in einer eigenen Liga spielt (mehr siehe unten).

    Toby Bull versucht in seiner sechsminütigen Dokumentation Some Kind Of Intimacy über eine Schafherde mit seinen verstorbenen Eltern zu kommunizieren. Durch die Bilder entsteht gemeinsam mit dem Kommentar aus dem Off auf einer ganz neuen Ebene auf eine faszinierende Art und Weise ein eigener Film im Kopf. Die Viennale ist immer schon ein Ort für Entdeckungen gewesen. Die Fülle des Programms erlaubt es jedem/r, das Festival anders zu erleben und persönliche Höhepunkte zu erkunden. Nur die angesagten Höhepunkte waren in diesem Jahr zu einem erklecklichen Teil keine. 

    Nach der Viennale – Halbzeit hier nun einige weitere Filme des Festivals im kurzen Überblick:

    The Land of Dreams (Shirin Neshat, USA 2021)

    Wenn sie da so auf der Bühne stehen und sich nach dem Film vom Publikum beklatschen lassen, merkt man, da prallen Welten aufeinander: die Regisseurin und Multimediakünstlerin Shirin Neshat und Matt Dillon, das um zwei Köpfe größere Teenidol der 1980er Jahre. In Land of Dreams wirkt Dillon tatsächlich wie ein Fremdkörper und das obwohl es der erste Film von Neshat ist, den sie in ihrem Exil in den USA gedreht hat.
    Der Film basiert auf einem Kunstprojekt von 2019, in dem Neshat von Tür zu Tür ging, um sich von Menschen ihre letzten Träume erzählen zu lassen und sie anschließend mit dem Fotoapparat portraitierte. Jean-Claude Carrière hat daraus sein letztes Drehbuch gemacht. In einer nahen Zukunft arbeitet Simin (Sheila Vand) für die Census Behörde. Auch nach ihren letzten Träume soll sie die Menschen befragen. Begleitet wird sie von Alan, gespielt von Matt Dillon, der ihr Personenschutz geben soll.
    Der Film ist stark geprägt von performativer Konzeptkunst. Die Grenzen zwischen Traum und Realität verschwimmen, ebenso wie zwischen den USA und dem Iran. Nicht zufällig wählte Neshat New Mexico als Drehort, dessen Landschaft jener des Iran sehr ähnlich ist. Für viele Exiliraner ist das eigene Land nur mehr eine schmerzliche Erinnerung. Die Regisseurin stellt die Frage, was bleibt und was für immer aus der Erinnerung verschwindet.

    Benedict Cumberbatch in The Power of the Dog

    The Power of the Dog (Jane Campion, USA 2021)

    28 Jahre nach ihrem großen Erfolg Das Piano wurde Jane Campion in diesem Jahr bei den Filmfestspielen mit dem Silbernen Löwen für die Regie von The Power of the Dog ausgezeichnet. Das Leben des ungleiches Brüderpaars, gespielt von Benedict Cumberbatch und Jesse Plemons, nimmt in den USA der 1920er Jahre eine entscheidende Wendung, als einer von beiden heiratet und auf einmal eine Frau (Kirsten Dunst) und ein Junge (Kodi Smit-McPhee) ins Haus kommen. Es ist eine Geschichte der zwischenmenschlichen Spannungen und kleinen Andeutungen. Die Musik von Jonny Greenwood erzeugt eine permanente latente Anspannung. Alles scheint kurz vor der Explosion zu stehen. Lange bleibt ungewiss, wohin die Reise geht. Schafft die letzte Szene Aufklärung? Manche grübeln noch nach dem Ende. Wird bereits in einigen Hauptkategorien als heißer Oscar Kandidat gehandelt.

    Benedetta (Paul Verhoeven, F 2021)

    Basiert auf der 1986 erschienenen Biografie Schändliche Leidenschaften: das Leben einer lesbischen Nonne in Italien zur Zeit der Renaissance von Judith Cora Brown. Damit ist eigentlich schon viel gesagt.
    Eine Nonne (Virginie Efira) in der Toscana des 17. Jahrhunderts wird von klein auf immer wieder mit wundersamen Ereignisse in Verbindung gebracht. Nutzt sie dies letzten Endes zu ihrem Vorteil aus? Darüber muss sich jeder selber ein Bild machen. Interessant sind die Dynamiken unter den katholischen Würdenträgern, die trotz Zweifel aus den Ereignissen Kapital schlagen wollen und mit der Zeit jedenfalls selbst an die Wunder glauben. Viel nackte Haut. Wirkt streckenweise wie eine Altmännerfantasie und zieht sich ewig lang. Letzteres das Problem vieler Filme bei der heurigen Viennale.

    Große Freiheit (Sebastian Meise, AUT/D 2021)

    Hans Hoffmann (Franz Rogowski) wird 1945 aus dem Konzentrationslager befreit und gleich in ein Gefängnis überstellt. Die Grundlage dafür:  § 175. Der setzt gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen zwischen Männern seit 1872 unter Strafe. Von den Nazis verschärft, wurde der Paragraf erst 1994 ersatzlos gestrichen. Bis Ende der 1960er Jahre muss Hans einige Male ins Gefängnis. Dort trifft er immer wieder auf Viktor (Georg Friedrich), der seine Abneigung gegenüber Hans nicht zurückhält. Über die Jahrzehnte verändert sich die Beziehung zwischen den zwei Männern.
    Große Freiheit wurde ausgewählt, um Österreich am 27. März 2022 bei den Oscars in der Kategorie Bester Internationaler Film zu vertreten.

    Oscar Isaac in The Card Counter

    The Card Counter (Paul Schrader, USA/GB/CHN 2021)

    William Tell (Oscar Isaac – hat wer verstanden, warum er hier so heißt?) schlägt sich als Pokerprofi durch. Er war als Soldat im Irak und auf einem der Videos aus Abu Ghraib zu sehen und kam dafür ins Gefängnis. Jene auf den Aufnahmen wurden belangt. Die Befehlshaber kamen ungeschoren davon. Die posttraumatische Belastungsstörung bekam er als Geschenk vom Vaterland. Eines Tages trifft er auf Cirk (Tye Sheridan), der seinen Vater, ebenfalls in Abu Ghraib stationiert, an Major Gordon (Willem Dafoe) rächen möchte, der damals beide Männer in Foltermethoden trainierte. William ist von dem Plan weniger begeistert. Gleichzeitig bekommt William von La Linda (Tiffany Haddish) das Angebot, bei der World Series of Poker gemanaged zu werden. Das fasst er einen Plan.
    Die Kadrierung ist ein Genuss. Die Musik von Jesse Mark Russel (Score) und Robert Levon Been (Original Musik) tut ihr übriges. Schlicht brillant vom ersten bis zum letzten Kader. Ab März 2022 regulär im Kino. Vormerken!


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST

  • VIENNALE 2021 – HALBZEIT

    VIENNALE 2021 – HALBZEIT

    Tag fünf von zehn ist um. Die Viennale 2021 stellt mich vor eine harte Probe. Ist es die Filmauswahl? Aber warum sprechen attraktive Gäste vor leeren Reihen und sind vorprogrammierte Publikumslieblinge bei weitem nicht ausverkauft? Der Überraschungsfilm stimmte versöhnlich. Bisher acht Spielfilme und eine Dokumentation. Für ein abschliessendes Resümee warte ich noch die letzten Tage ab. Ein kurzer Überblick.

    L‘ EvŽnement, Das Ereignis, Audrey Diwan, Frankreich 2021, V’21 Features

    L‘ Evénement (OT: Das Ereignis, Audrey Diwan, F 2021)

    Ich habe die Krankheit, die nur Frauen bekommen können und sie zu Hausfrauen macht, sagt die Protagonistin einmal zu ihrem Uniprofessor. Da Abtreibung im Frankreich der 1960er Jahre illegal ist, muss sich die junge Frau in Lebensgefahr begeben und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Ein Film als Tortur – und am Puls der Zeit, mit einer grandiosen Anamaria Vartolomei in der Hauptrolle. Audrey Diwan wurde in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet..

    The Storms of Jeremy Thomas, Mark Cousins, USA 2021, V’21 Features

    The Storms of Jeremy Thomas (Mark Cousins, GB 2021)

    1988 bedankte sich Jeremy Thomas bei 30.000 Mitwirkenden mit dem Oscar für Der Letzte Kaiser in den Händen. Für diese Dokumentation begleitete Mark Cousins den britischen Produzenten auf seiner alljährlichen Autofahrt von Großbritannien zu den Filmfestspielen in Cannes. „Only 2 good Smartphones and a brain“ waren notwendig, so Thomas beim Q&A im Anschluss an das Viennale Screening. Thomas zeichnet unter anderem für zahlreiche Filme von Bertolucci, Cronenberg und Roeg verantwortlich. Cousins hat nicht bloß einen Film über jemanden gemacht, sondern dabei ein eigenes Kunstwerk erschaffen. In mehreren Kapiteln, wie Autos, Sex und Tod, montiert er pointiert Bilder des Roadtrips mit zahlreichen Filmausschnitten. Inspirierend.

    A Chiara, Jonas Carpignano, Italien/Frankreich 2021, V’21 Features

    A Chiara (Jonas Caprignano, I/F 2021)

    Im kaum 20.000 Einwohner zählenden kalabrischen Kaff findet eine Familienfeier statt. Chiaras ältere Schwester feiert ihren 18. Geburtstag. Der ganze Clan ist versammelt. Jonas Caprignano lässt sich anfangs viel Zeit und lässt uns die Dynamiken innerhalb der Familie spüren. Doch in der gleichen Nacht sieht Chiara ihren geliebten Vater über das Dach des Nachbarhauses flüchten. Dann fliegt ihr Auto in die Luft. Hier, im Süden Italiens ist die ‚Ndrangheta zu Hause. Von einem Moment auf den anderen ist Chiaras Leben nicht mehr das Selbe. Bevor sie eine schwerwiegende Entscheidung treffen wird, muss Chiara dem Familiengeheimnis auf die Spur gehen.

    Vicky Krieps, Tim Roth, Bergman Island, Mia Hansen-Løve, 2021, V’21 Features

    Bergman Island (Mia Hansen-Løve, F/D/BEL/SWE 2021)

    Ein Paar (Vicky Krieps und Tim Roth) begibt sich auf Fårö um an seinen Drehbüchern zu schreiben. Der 2007 verstorbene Regisseur Ingmar Bergman ist auf der Insel allgegenwärtig. Zwangsläufig drehen sich die Gespräche um ihn und um Geschlechterrollen. Der legendäre Regisseur drehte über 50 Filme und hatte 9 Kinder. Für eine Frau eine wohl unmögliche Karriere. In der Mitte ihres Filmes springt Mia Hansen-Løve in das gerade im Entstehen begriffene Drehbuch der Frau. Ein Film im Film. Am Ende verknüpfen sich drei Handlungsebenen miteinander. Sehr meta.

    Spencer, Pablo Larraín, Deutschland/Großbritannien 2021, V’21 Features

    Spencer (Pablo Larraín, UK/USA/D/CHIL 2021)

    Eine spannende Herangehensweise an den Mythos Prinzessin Diana hat Pablo Larraín gefunden. Er ist ganz nach dran an seiner Protagonistin und spart ihre Umgebung bis auf 2-3 Bezugspersonen weitestgehend aus. Die Abgründe der Königsfamilie faszinieren immer wieder. Großartige Musik von Jonny Greenwood. Kristen Stewart bewirbt sich hier eindringlich für eine Oscar-Nominierung. In weiteren Rollen glänzen Timothy Spall, Sean Harris und Sally Hawkins.

    Ha’berech, Ahed’s Knee, Nadav Lapid, Frankreich/Deutschland/Israel 2021, V’21 Features

    Ha’Berech (Nada Lapid, F/D/IL 2021)

    In diesem Autobiographischen Werk prangert der Regisseur die Zensur in seinem Heimatland Israel an. Sein Hauptdarsteller, ebenfalls Regisseur, wird vom Ministerium in ein Dorf eingeladen, um seinen neuen Film vorzustellen. Vor seinem Auftritt, soll er in einem Formular ankreuzen, welche Themen er dabei ansprechen möchte. Ein wichtiges Thema, das von der Jury in Cannes honoriert wurde. Leider ist die Form allzu experimentell geraten. Viele Menschen wird der Film so nicht erreichen.

    France, Bruno Dumont, Frankreich/Deutschland/Italien/Bahamas 2021, V’21 Features

    France (Bruno Dumont, F/D/I/BHS 2021)

    Bruno Dumont findet die Fernsehlandschaft verlogen. Das zeigt er in sehr langen 140 Minuten mit einer leidenden Léa Seydoux in der Hauptrolle. Sie betreibt eine Art von Journalismus, den es in Österreich nicht gibt: Boulevard gemischt mit internationaler Berichterstattung. Seydoux spielt eine Starjournalistin, die sich mit inszenierter Kriegsberichterstattung einen Namen gemacht hat. Durch einen Skandal fällt sie tief. Nebenbei plagen sie private Tragödien. Zu viel von allem und ein paar peinliche Ungenauigkeiten. Ich bin mir wie in einer Endlosschleife vorgekommen.

    È stata la mano di Dio, Paolo Sorrentino, I 2021

    Überraschungsfilm: È stata la mano di Dio (Die Hand Gottes, Paolo Sorrentino, I 2021)

    Paolo Sorrentinos autobiographische Tragikomödie ist von der ersten Szene an unglaublich witzig. Im ausverkauften Gartenbaukino herrschte allerdings lange Stille. Bis zur ersten Pointe. Ab dann wurde gelacht. Es war interessant zu beobachten, wie ein Publikum mit einem Film umgeht, denn es Anfangs nicht einordnen kann. Darf man lachen oder ist es ernst gemeint?
    È stata la mano di Dio erzählt von der Jugend des Regisseurs in Neapel, die von einem Ereignis geprägt war: einem Schicksalsschlag, bei dem Diego Maradona eine gewisse Rolle gespielt hat. So will es die Legende.
    Was bekommen wir? Allerhand Skurrilitäten um eine neapolitanische Großfamilie. Eine Komödie, die sich zu einer coming-of-age Erzählung ausweitet und schließlich dramatische Züge annimmt. Aber auch hier findet der Regisseur nicht so recht zu einem Ende. Ein oder zwei Mal glaubt man den Schluss zu erahnen aber der Film breitet sich auf einer Länge von 130 Minuten aus.
    Bei den Filmfestspielen von Venedig gewann Sorrentino den Silbernen Löwen (Großer Preis der Jury). 

    Red Rocket, Sean Baker, USA 2021, V’21 Features

    Red Rocket (Sean Baker, USA 2021)

    Sean Baker schafft es, uns eine Geschichte über Menschen zu erzählen, die kaum weiter von unser aller Lebensrealität entfernt sein könnten, ohne über sie zu urteilen oder sie gar vorzuführen. Voll Empathie und einer geschickten Hand für Laiendarsteller läßt uns Baker ins tiefste Texas eintauchen, wo am Vorabend der Präsidentschaftswahlen 2016 die Protagonisten versuchen sich über die Runden zu schlagen. Der charismatische Hauptdarsteller Simon Rex spielt einen abgehalfterten Pornostar, der aus Los Angeles in seinen Heimatort zurückkehrt. Völlig mittellos gelingt es ihm, bei seiner Noch-Ehefrau und deren Mutter unterzukommen. Als er in einem Donut Laden die kurz vor ihrem 18. Geburtstag stehende Strawberry kennenlernt, glaubt er in ihr ungeahnte Talente zu erkennen und ein großes Geschäft. Eine sehr gelungene unterhaltsame Millieustudie.


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


  • VIENNALE 2021 – EINE VORSCHAU

    VIENNALE 2021 – EINE VORSCHAU

    Die Prognose zur Halbzeit der letztjährigen Viennale hatte sich leider bewahrheitet. Bereits einen Tag nach dem Ende des Festivals schlossen die Kinos für viele Monate ihre Türen. Der Filmmarkt wurde gehörig durcheinandergebracht. Starttermine wurden verschoben oder Filme direkt über Streamingdienste veröffentlicht. Immerhin: die großen internationalen Filmfestivals fanden heuer wieder statt. Zahlreiche Filme aus Berlin, Cannes und Venedig sind nun bei einer neuerlich verkürzten Viennale vom 21.-31 Oktober 2021 in Wien zu sehen.

    Eröffnet wird mit dem diesjährigen Preisträger der Filmfestspiele von Venedig. L’Evénement von Audrey Diwan läuft parallel zur offiziellen Eröffnung in mehreren Kinos (Karten ab morgen im freien Verkauf). Die Regisseurin wird extra nach Wien anreisen (Der Gewinner des Goldenen Bären, Bad Luck Banging or Loony Porn ist bereits vor ein paar Monaten regulär im Kino angelaufen und Titane – Goldene Palme für Julia Ducournau – steht gleich anschließend an das Festival auf dem Programm.).

    L‘ EvŽnement, Das Ereignis, Audrey Diwan, Frankreich 2021

    Gleich am ersten Tag stehen must-sees wie Paul Schraders The Card Player, Azazel Jacobs‘ French Exit und Benedetta von Paul Verhoeven auf dem Spielplan (es gibt im Lauf der Woche jeweils Alternativtermine). Die Doku The Storms of Jeremy Thomas erzählt von einem der bedeutendsten Filmproduzenten unserer Zeit. Thomas ist zu Gast in Wien.

    Mit einem regelrechten Staraufgebot (Benedict Cumberbatch, Kirsten Dunst, Jesse Plemons, Thomasin McKenzie) wartet in den folgenden Tagen Jane Campions gefeierter Film The Power of the Dog auf. Mia Hansen-Løve wird am Sonntag ihren neuen Film Bergman Island persönlich präsentieren.

    Die Woche startet mit Pablo Larrains Spencer. Kirsten Stewart spielt Prinzessin Diana. Die Tragikomödie France von Bruno Dumont feierte in Cannes Premiere. Zu sehen ebenfalls am Montag. Der Regisseur wird anwesend sein. Treue Viennale-Besucher:innen lassen natürlich am Dienstag den Überraschungsfilm im Gartenbaukino nicht aus.

    Einer der großen Regisseure der jüngsten Vergangenheit beehrt am Dienstag das Festival. Sean Baker (The Florida Project) kommt mit seinem neuen Film Red Rocket im Gepäck nach Wien. Die Liste der sehenswerte Filme ist lang. Weiters erwähnen möchte ich die Dokumentation The Sparks Brothers von Edgar Wright, Die große Freiheit von Sebastian Meise, die Höhlenforscherdoku Il Buco von Michelangelo Frammartino, Petite Maman, Céline Sciammas Nachfolger von Portait einer jungen Frau in Flammen und Annette von Leos Carax.

    Für die Harten unter uns: Au bord du Monde von Gaspar Noé. In der Monografie für Terence Davis wird sein Film The House of Mirth aus dem Jahr 2000 mit Gillian Anderson gezeigt. Große Empfehlung dafür.

    Wer noch nicht genug hat: ebenfalls Neues von Francois Ozon (Tout s’est bien passé), Shirin Neshat (Land of Dreams) und Mathieu Amalric (Serre moi fort).

    Darüber hinaus gibt es zahlreiche Film zu entdecken. Das macht die Viennale auch aus. Man kann sich überraschen lassen. Das Programm ist relativ kompakt. Gerade für Filme abseits der Starparade gibt es meist auch Karten für Kurzentschlossene.


    Die Viennale findet vom 21. – 31- Oktober 2021 im Gartenbaukino, Stadtkino im Künstlerhaus, Urania, Metro – Historischer Saal und Filmmuseum statt.

    Alles Infos: www.viennale.at
    Der VVK beginnt am 16. Oktober um 10:00


    Foto oben: Il buco, Michelangelo Frammartino, Italien/Deutschland/Frankreich 2021, V’21 Features

  • THE WOLF OF SNOW HOLLOW ★★★½

    THE WOLF OF SNOW HOLLOW ★★★½

    Auf DVD erhältlich

    Zwei Jahre nach seinem gefeierten Durchbruch Thunder Road ist Regisseur und Drehbuchautor Jim Cummings zurück mit einem Film, der sich nicht recht zwischen Komödie und Horrorfilm entscheiden kann. Nichtsdestotrotz: The Wolf of Snow Hollow ist ein stimmiger Werwolf-Film inmitten der wunderschönen winterlichen Landschaft Utahs geworden und der letzte Auftritt des großartigen Robert Forster.

    Darum geht es

    Der Wintersportort Snow Hollow wird von einer Mordserie in Atem gehalten. Rund um eine Vollmondnacht werden bestialisch verstümmelte Frauenleichen gefunden. Der gesundheitlich angeschlagene Sheriff Hadley (Robert Forster) rückt mit seiner Mannschaft aus, um den Täter auszuforschen. Bald wird ihm die rohe Gewalt, mit der der Mörder vorgeht zu viel und sein Sohn Officer Marshall (Jim Cummings) übernimmt gemeinsam mit seiner Kollegin Officer Robson (Riki Lindhome). Hinweise deuten auf eine tierähnliche Kreatur hin. Marshall will das nicht so recht glauben, bis er selbst Zeuge eines Angriffs wird.

    Robert Foster in seiner letzten Filmrolle als alternder Sheriff.

    Kommentar

    Der Werwolf ist ein 2000 Jahre alter Mythos, der immer wieder die Fantasie der Menschen beflügelt hat. Die Liste der Werwolf-Filme ist lang. Kaum ein Jahr vergeht, in dem nicht ein neuer Film veröffentlicht wird. The Wolf of Snow Hollow reiht sich auf jeden Fall unter die besseren Vertreter des Genres ein.

    Schon von den ersten Einstellungen im Vorspann an (Kamera: Natalie Kingston) trägt die Winterlandschaft einen großen Teil zur Atmosphäre der Filmes bei. Die Tage sind kurz, der Himmel wolkenverhangen und der Schnee blutgetränkt. Die Kälte ist richtiggehend spürbar. In der Mitte ist Jim Cummings‘ charismatischer Charakter, in dem er seine Rolle als Polizist mit persönlichen Problemen aus Thunder Road weiterführt. Die Ausarbeitung seiner Charaktere ist die große Stärke von Cummings. In Rückblenden erfährt man von seiner Alkoholsucht und in der Gegenwart macht ihm seine Ex-Frau und die Tochter zu schaffen. Dies alles sehen wir nur aus der männlichen Perspektive und Gedanken darüber, in wie weit seine Situation selbstverschuldet ist, kommen erst gar nicht auf. Das macht The Wolf of Snow Hollow zu einem sehr männerdominierten Film und macht bis hierher auch nichts (Wobei seine Partnerin Lindhome ihre Momente hat). Der Twist am Ende verändert diese Sichtweise drastisch: Der Werwolf als Symbol männlicher Gewalt gegen Frauen.

    The Wolf of Snow Hollow ist stilistisch ausgeprägter als der Vorgängerfilm Thunder Road. Es ist nur so, dass die Pointen für eine Komödie rar sind und gegen Ende wird es zu knapp. Man hätte gerne mehr über Officer Marshall erfahren. Es bleibt aber Zeit für eine letzte Ehrerbietung für Robert Forster, der bereits ein Jahr vor der Veröffentlichung des Films starb.

    Fans werden von Cummings neuem Film vermutlich mehr erwartet haben aber es ist ein solider Horrorfilm geworden, der mit Charakteren, denen wir gerne zusehen und einem spannenden Ende aufwarten kann.


    The Wolf of Snow Hollow
    Horror-Komödie, USA 2020


    Regie Jim Cummings
    Drehbuch Jim Cummings
    Kamera Natalie Kingston
    Musik Ben Lovett
    Mit Jim Cummings, Robert Foster, Riki Lindhome, Chloe East
    Länge 83 Min.


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


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