Autor: Michael Holly

  • NOMADLAND ★★★★½

    NOMADLAND ★★★★½

    Jetzt nur im Kino

    Es kommt immer wieder vor, dass am Ende einer mit der Oscar-Verleihung endenden Filmsaison (Sie wurde in diesem Jahr auf den 25. April verschoben), ein Film hervorsticht, auf den sich so gut wie alle einigen können. In diesem Jahr sieht es ganz so aus, als wäre es Nomadland von Chloé Zhao. Mit der großartigen Frances McDormand in der Hauptrolle, trifft der Film fast prophetisch Mitten ins Herz einer Krise, in der immer mehr Menschen unter die Räder kommen und sich unter widrigen Bedingungen über Wasser halten müssen.

    Darum geht es

    Fern (Frances McDormand) hat alles verloren. Ihren Mann, ihre Arbeit, ihren Wohnort. Nach der Schliessung einer Fabrik, wird die Postleitzahl ihrer Heimatstadt Empire einfach ausgelöscht. Die Frau lebt nun in einem Van und verdingt sich als Tagelöhnerin. Das Jahr wird durch den Kreislauf diverser Jobs bestimmt. Vor Weihnachten macht sie Station bei Amazon. Sie ist nicht allein: es gibt eine ganze Gruppe von Menschen, die wie Nomaden leben, abgeschieden und ohne festen Wohnsitz. Im Laufe des Jahres kommt man da und dort zusammen, auch um der tristen Einsamkeit zu entgehen.

    Nomadland (2020)

    Kommentar

    Man muss sich vorstellen, dass Nomadland natürlich vor der derzeit vorherrschenden Pandemie entstanden ist. Inspiriert von dem 2017 erschienenen Buch Nomadland: Surviving America in the Twenty-First Century von Jessica Bruder und dem Antikapitalsten Bob Wells (im Film spielt er sich selbst) fanden die Dreharbeiten bereits im Jahr 2018 statt. Der Film wurde am 11. September 2020 bei den Filmfestspielen von Venedig und dem Toronto Filmfestival mit gleichzeitigen Filmvorführungen erstmals dem Publikum präsentiert. In Venedig wurde der Film mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

    Frances McDormand ist in der Rolle ihres Lebens zu sehen. Fern ist trotz aller Schicksalsschläge ein lebensfroher und großherziger Mensch. Die Leichtigkeit in McDormands Schauspiel ist beeindruckend. Neben David Strathairn als David spielen LaiendarstellerInnen, deren Rollen an ihr eigenes Leben angelehnt sind und sie lassen die Grenzen zwischen Spielfilm und Dokumentation verschwimmen. Das war bereits in Zhaos beeindruckenden letzten Film The Rider (USA 2017) so, in dem sich ein Rodeoreiter selbst spielte.

    Jeder der schon einmal in den USA war kennt sie, die im Dienstleistungssektor arbeitende Generation 60 plus. Eigentlich schon zu alt um noch zu arbeiten aber gleichzeitig zu arm um ihren Ruhestand genießen zu können. In den letzten Jahren hat sich eine eigene Gruppe von Menschen gebildet, die in Vans und Wohnwägen wie Nomaden durchs Land ziehen und deren Wege sich immer wieder kreuzen. Nicht zuletzt die Finanzkrise 2008 hat sie in diese Lage gebracht.

    Sie erleben ein Freiheitsgefühl und vielleicht ist es nur die Illusion von Unabhängigkeit aber diese Menschen sind nicht verarmt oder gar verwahrlost und haben sich sehr wohl für diese Lebensart entschieden. Gerade die Besitzlosigkeit empfinden sie als befreiend. Chloé Zhao gelingt die Gratwanderung Menschen zu zeigen, die ihre Freiheit lieben, ohne ihre prekäre Situation zu romantisieren. Denn gerade die medizinische Altersversorgung ist katastrophal.

    Im Grunde leben diese Nomaden ein für den Planeten verträglicheres Leben als wir alle, eng in Einklang mit der kalten, rauen und weiten Landschaft Nordamerikas. Zhao wirft einen längst notwenigen Blick auf die Auswüchse eines kapitalistischen Systems, in dem die Reichen immer reicher werden und andere sich keine Wohnung mehr leisten können. Die Regisseurin macht das ohne diese Menschen als Opfer zu brandmarken. Ihre Filme sind von einer triefen Humanität geprägt.

    Dieser Text wurde im Rahmen der Viennale 2020 verfasst.


    Bei der Oscar-Verleihung 2021 wurde Nomadland vier Mal ausgezeichnet:

    BESTER FILM für Molly Asher, Dan Janney, Frances McDormand, Peter Spears und Chloé Zhao

    BESTE REGIE für Chloé Zhao

    BESTE HAUPTDARSTELLERIN für Frances McDormand


    Nomadland

    Drama, USA 2020
    Regie, Drehbuch und Schnitt
    Chloé Zhao
    Kamera Joshua James Richards
    Musik Ludovico Einaudi
    Länge 108 Min
    Streamingplattform Derzeit in Österreich nicht verfügbar


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  • OSCARS 2021

    OSCARS 2021

    Das Jahr war wie kein anderes zuvor und die diesjährige Oscars Gala in der Nacht von Sonntag auf Montag wird sich uns so präsentieren, wie wir es noch nie gesehen haben. Das Produzentinnentrio Stephen Soderbergh, Stacey Sher und Jesse Collins lässt keinen Stein auf dem anderen: Das Dolby Theatre ist nicht mehr der Hauptaustragungsort, sondern die Los Angeles Union Station und deren Umgebung. Es wird Live-Schaltungen nach London und Paris geben. Soderbergh verspricht einen Film, in dem zufällig die Oscars vergeben werden. Netflix, vor wenigen Jahren noch Schreckgespenst, ist mit gleich 35 Nominierungen vertreten.

    In der Kategorie Bester Film sind diesmal nur acht Filme vertreten. Wobei es eines der seltenen Jahre ist, in denen die Entscheidung so gut wie fix zu sein scheint. Das Gleiche gilt für die Beste Regie. Hier sind erstmalig zwei Frauen nominiert. Eine davon wird wohl mit mehr als nur einem Oscar nach Hause gehen. Die Academy gibt sich in diesem Jahr so divers wie noch nie. Das betrifft vor allem sämtliche Schauspielkategorien. Spannend bleibt vor allem die Kategorie Beste Hauptdarstellerin.

    Sound Editing und Sound Mixing wurden zur Kategorie Sound verschmolzen, obwohl beides etwas komplett anderes ist, was aber kaum jemand je verstanden hat. Das Pandemiejahr hinterlässt am ehesten noch seine Spuren in der Kategorie Visual Effects. Hier sind für gewöhnlich die Blockbuster vertreten. Bekanntlich gab es 2020 mit Christopher Nolans Tenet nur einen.

    Die Darbietungen der fünf nominierten Songs werden uns auch heuer garantiert nicht erspart bleiben. Sie wurden nämlich bereits auf dem Dach des noch immer nicht eröffneten Academy Museum of Motion Pictures voraufgezeichnet.

    David Finchers Mank führt mit 10 Nominierungen das Feld an und wird am Ende wohl zu den großen Verlierern gehören. Was vermutlich nicht viele stören wird. Immerhin wurde der Film von der Academy berücksichtigt. Filme wie First Cow haben unverständlicherweise erst gar keine Anerkennung erfahren.

    Da uns in diesem Jahr nichts anderes übrig bleibt, als die Verleihung daheim vom Sofa aus mitzuverfolgen, sind Tipps zum Wachbleiben heiß begehrt. Ganz klar bevorteilt sind jene, die sich die Bügelwäsche der letzten Wochen oder Monate (es ist nicht zu erwarten, dass die Oscars heuer viel kürzer ausfallen wird) aufgespart haben.


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  • QUO VADIS, AIDA? ★★★★

    QUO VADIS, AIDA? ★★★★

    Bis 28. April verfügbar auf der Seite des

    goEast> Filmfestival

    Es gilt als das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem 2. Weltkrieg. 2020 jährte sich das Massaker von Srebrenica zum 25. Mal. Die Regisseurin Jasmila Žbanić zeigt die Tage rund um das Massaker aus der Perspektive der Lehrerin und Dolmetscherin Aida. Die internationale Koproduktion mit der Beteiligung von coop99 und dem Film und Fernsehabkommen des ORF wurde auch vom Filmfonds Wien unterstützt. Quo Vadis, Aida? lief im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Venedig und ist bei den Oscars 2021 als Bester Fremdsprachiger Film nominiert. Polyfilm bringt den Film voraussichtlich kommenden Sommer in die österreichischen Kinos.

    Darum geht es

    Es ist Juli 1995. Der Krieg am Balkan dauert nun schon über drei Jahre an. Die bosnisch-serbische Armee hat die Kontrolle über die Republik Bosnien und Herzegowina übernommen. Es sind die Tage und Stunden vor dem Massaker von Srebrenica, bei dem über 8000 Bosniaken ermordet wurden. Das Verbrechen wurde unter der Führung von Ratko Mladić von der Armee der Republika Srpska, der Polizei und serbischen Paramilitärs verübt. 

    Die Lehrerin Aida (Jasna Đuričić) ist als Übersetzerin in der UN-Schutzzone tätig. Der niederländische Offizier Thomas Karremans (Johan Heldenbergh) hat das Kommando über die leicht bewaffnete Schutztruppe der Vereinten Nationen. Die Lage ist sowohl für die Schutzbedürftigen als auch die Soldaten prekär, da die Versorgungslinien abgeschnitten wurden. Aida versucht ihre Familie, die vor einem UN-Stützpunkt auf Einlass wartet, in Sicherheit zu bringen. Als Übersetzerin ist sie anwesend bei den Verhandlungen zwischen der UN und Mladić (Boris Isakivić). Sie weiß längst, das der General die Staatengemeinschaft an der Nase herumführt.

    Als die feindliche Armee näher rückt, fordert Karremans Verstärkung an. Diese wird von der Generalversammlung nicht gewährt. Die Soldaten können nur tatenlos zusehen, wie tausende Menschen unter dem Kommando von Mladić in Bussen abtransportiert werden.

    Paramilitärische Einheiten fordern Einlass in die UN-Schutzzone (Quo Vadis, Aida?)

    Kommentar

    Aida ist das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Schon Tage vor dem 11. Juli 1995 scheint klar zu sein, welche Katastrophe sich in der Kleinstadt Srebrenica anbahnt. Tausende Menschen sind seit Tagen von der Versorgung abgeschnitten. Hilfslieferungen werden von der Armee der Republika Srpska und deren Handlanger abgefangen. Der Präsident der Republik Srpska Radovan Karadžić hatte den Befehl gegeben, die Region auszuhungern. Die Rolle der UN-Einheit unter dem Kommando von Thomas Karremans ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Klar ist, dass sie gegen einen Angriff der Armee nicht gerüstet waren. Von Mladićs Schergen angefertigte Videoaufnahmen belasten die UN jedoch schwer. Das Nichteinschreiten der Vereinten Nationen hat den Ruf der Institution nachhaltig beschädigt.

    Die Kamera ist bei General Mladić für Propagandazwecke immer mit dabei. Am Ende der Dokumentation Himmel über Srebrenica (YouTube-Link), stossen der UN-Offizier Karremans und Mladić mit einem Schnaps an und verabschieden gemeinsam den Abzug der UN-Truppen. Der General kümmere sich nun selbst um die bosnischen Männer, Frauen und Kinder. In Quo Vadis, Aida kommen genau diese Szenen zwar nicht vor, doch Regisseurin Žbanić schafft es mit ihrer fast dokumentarischen Herangehensweise, das Geschehen mit einer gewissen analytischen Distanz – sofern dies überhaupt möglich ist – aufzuarbeiten. Einzig das Schicksal von Aida und ihrer Familie ermöglichen einen emotionalen Zugang.

    Der technokratische Zugang ist auf beiden Seiten gleich. Mladić verfolgt klar ein Ziel und auch die Soldaten bewegen sich keinen Millimeter weg von den Vorgaben, auch als bereits klar zu sein scheint, welche Katastrophe sich hier anbahnt und Männer in unmittelbarer Nähe des Lagers erschossen werden. Die Gräueltaten hinterlassen ihre Spuren einzig auf der Tonspur. Zeigen tut sie Žbanić nicht. Das kommt dem Film zugute, da keine Bilder dem Schrecken gerecht werden können.

    Der Umstand, dass die Hauptdarstellerin Jasna Đuričić Serbin ist, hat eine zumindest kleine Diskussion hervorgerufen. Ist gerade eine Serbin dafür geeignet, sich in das Leid der Bosniaken hineinzuversetzen? Für Đuričić sind alle Frauen gleich. Melisa Erkurt meint dazu, dass sie es gerade damals aber nicht waren. (Quelle: Falter/Erkurt, 15/21) Würde umgekehrt ein Jude einen Nazischergen spielen? Die Debatte ließe sich weiterspinnen. Nun ist Đuričić ganz klar das Herz des Filmes geworden. Die große Mehrheit des Publikums wird die Hintergründe nicht kennen und letzlich sind sie für den Film belanglos. Schließlich gibt es keine Sippenhaftung.

    Quo Vadis, Aida? ist ein Kriegsdrama, dass sich weit weg von Kampfhandlungen abspielt und die humanitäre Katastrophe in den Fokus rückt, die oft im Verborgenen bleibt. Der Wahnsinn wird auf ein Schicksal, auf eine feministische Perspektive heruntergebrochen. Eine dramaturgische Überhöhung ist nicht notwendig. Ein Film, der unter die Haut geht.

    Quo vadis, Aida?

    Drama, BIH, AT, NL, DE, u.a. 2020
    Regie/Drehbuch
    Jasmila Žbanić
    Kamera Christine A. Mayer
    Schnitt Jarosław Kamiński
    Mit Jasna Đuričić, Izudin Bajrović, Boris Ler, Dino Bajrović, Boris Isakivić, Johan Heldenbergh
    Länge 104 min
    Streamingplattform bis 28. April 2021 auf der Seite des goEast Filmfestival verfügbar


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  • DAVID BYRNE’S AMERICAN UTOPIA ★★★★★

    DAVID BYRNE’S AMERICAN UTOPIA ★★★★★

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    diversen Anbietern VOD

    Im vergangenen Jahr hat neben Hamilton noch eine zweite Broadwayproduktion den Weg auf die Bildschirme gefunden und das ebenso mit einer Eindringlichkeit, die man so von einer Bühnenproduktion nicht erwarten konnte. American Utopia ist ein Solo-Album von David Byrne aus dem Jahr 2018. Für die Bühnenshow adaptierte Byrne das Album und erweiterte es mit Songs seiner Karriere. David Byrne’s American Utopia feierte im September 2020 beim Toronto International Film Festival Premiere.

    David Byrne im Herbst 2019 auf der Bühne des Hudson Theatre in New York.

    In einer atemberaubenden Choreographie von Annie-B Parson steht Byrne mit 11 MusikerInnen mit kabellosen und portablen Instrumenten in stahlgrauen Anzügen barfuß auf der Bühne. Die Show ist reich an politischen Statements, in denen Byrne über die Wahlen, Black Lives Matters, Polizeigewalt und über die Rolle des Individuums in der Gesellschaft an sich reflektiert. Während der Coverversion von Janelle Monáe’s Hell You Talmabout zeigt uns Spike Lee die Gesichter von Opfern von Polizeigewalt.

    Spike Lee gelingt es, dem Publikum vor den Bildschirmen die Show aus dem Hudson Theatre in New York unmittelbar näher zu bringen. American Utopia ist eine aussergewöhnliche Bühnenperformance und eine große Empfehlung für alle, die Musik und Theater lieben. Ein Geschenk in einem Jahr, in dem die Theatertüren so lange verschlossen geblieben sind.

    David Byrne im Gespräch mit Spike Lee

    American Utopia

    Konzertfilm, USA 2020
    Regie
    Spike Lee
    Drehbuch David Byrne
    Choreographie Annie-B Parson
    Kamera Ellen Kuras
    Schnitt Adam Gough
    Länge 105 Min.
    Streamingplattform diverse Anbieter VOD


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  • SHAUN DAS SCHAF – UFO-ALARM ★★★½

    SHAUN DAS SCHAF – UFO-ALARM ★★★½

    Jetzt verfügbar bei

    diversen Anbietern als VOD

    Die populäre Serienfigur Shaun das Schaf von Aardman Animations erlebt in Shaun das Schaf – UFO-Alarm seinen zweiten Leinwandauftritt nach dem Debüt im Jahr 2015. Den ersten Auftritt hatte die Figur 1995 im Kurzfilm Wallace & Gromit – Unter Schafen. Ursprünglich eine Nebenfigur, ist Shaun, der vor Langeweile immer auf die verrücktesten Ideen kommt, heute wohl der beliebteste Stop-Motion Charakter überhaupt. Wie schon der erste Teil wurde der Film in der Kategorie Best Animated Feature für einen Oscar nominiert.

    Darum geht es

    Eines Tages verirrt sich ein extraterrestrisches Wesen auf der Erde und landet just in Mossy Bottom. Seltsames passiert und die Scheune gerät in helle Aufruhr. Einzig der abenteuerlustige Shaun muss den eigenartigen Vorkommnissen natürlich auf den Grund gehen. Gleichzeitig ist eine geheime Spezialeinheit dem Neuankömmling dicht auf den Fersen. Als sich UFO Sichtungen häufen und die Bevölkerung immer mehr in Verzückung gerät, beschließt der Farmer einen UFO-Freizeitpark unter dem Namen Farmageddon zu eröffnen. Shaun versucht in der Zwischenzeit dem kleinen Außerirdischen mit den ungewöhnlichen Fähigkeiten dabei behilflich zu sein, sein UFO zu finden, damit der zurück zu seiner Familie gelangen kann.

    Da prallen zwei Welten aufeinander.

    Kommentar

    Spätestens seit Wallace & Gromit – Alles Käse (1989) ist Aardman Animations einem breiten Publikum bekannt. Seitdem versorgt uns das Team um Peter Lord und Nick Park mit erstklassiger Stop-Motion Unterhaltung. Mit dem Verzicht auf Dialoge, dafür technischer Perfektion, liebevollen Details und allerhand Anspielungen auf die Filmgeschichte eroberte das Studio die Herzen einer großen Fangemeinde.

    Das neueste Werk Shaun das Schaf – UFO-Alarm ist da keine Ausnahme. Perfektes Timing und Verweise auf Akte-X, Odyssee im Weltraum und natürlich E.T. – Der Außerirdische sorgen nicht nur bei den Kleinsten für Lacher. Auch ein junges Zielpublikum hat sich clevere Unterhaltung verdient und das hat man bei Aardman Animations schon lange erkannt.


    Shaun das Schaf – UFO-Alarm (OT: A Shaun the Sheep Movie: Farmageddon)

    Animationsfilm, USA 2019
    Regie
     Richard Phelan, Will Becher
    Drehbuch Mark Burton, Jon Brown
    Schnitt Sim Evan-Jones
    Musik Tom Howe
    Länge 87 Min.
    Streamingplattform VOD bei diversen Anbietern


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  • DIE BUNTE SEITE DES MONDS ★★★

    DIE BUNTE SEITE DES MONDS ★★★

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    Die Globalisierung rückt thematisch vorzugsweise unter anderem dann in den Vordergrund, wenn das eigene kulturelle Habitat in Bedrängnis gerät. Im Westen sind verschiedene stilistische Einflüsse unter der nordamerikanischen Dominanz längst miteinander verschmolzen. Kooperationen mit asiatischen Produktionsfirmen brechen wiederum schnell mit unseren Sehgewohnheiten. Nun startet Netflix gemeinsam mit der chinesischen Produktionsfirma Pearl Studio einen Frontalangriff auf Disney. Das Musical Die bunte Seite des Monds nimmt ganz ungeniert Anleihen an den Grundformeln der Filme des US-Konzerns. Was passiert wäre, wenn Pink Floyd Anfang der 1970er die falschen Drogen genommen hätten, kann man in diesem für den Oscar Nominierten Animationsabenteuer bestaunen.

    Darum geht es

    Der Legende nach stieg einst die unsterbliche Chang-e als Göttin zum Mond auf, um dort auf ihren Geliebten zu warten. Es war das Lieblingsmärchen der verstorbenen Mutter des Mädchens Fei Fei. Als Fei Feis Vater eine neue Verlobte nach Hause bringt, beschließt sie, dem Märchen auf den Grund zu gehen und die Existenz Chang-es zu beweisen. Es gelingt ihr, eine Rakete zu konstruieren. Auf dem Flug zum Mond muss sie erkennen, dass sich ihr nervender Stiefbruder Chin mit an Board geschlichen hat. Dessen Gewicht hatte Fei Fei nicht mit einberechnet. Die Rakete droht abzustürzen. In letzter Sekunde werden sie aber von einem Lichtstrahl erfasst und auf den Mond transportiert. Von riesigen löwenartigen Mondgeistern werden sie nach Lunaria auf der Rückseite des Mondes gebracht. Dort treffen sie tatsächlich auf Chang-e und allerhand bunter Wesen.

    DIE BUNTE SEITE DES MONDS – (L-R) „Gobi“ (Stimme: Ken Jeong) und „Fei Fei“ (Stimme: Cathy Ang). Cr. NETFLIX © 2020

    Kommentar

    Animationstechnisch ist Die bunte Seite des Monds schlicht überwältigend. Schrill und knallbunt präsentiert sich uns die Rückseite des Monds. In Kombination mit K-Pop Einlagen mag das zuerst einmal gewöhnungsbedürftig sein. Die Storyline ist jedenfalls klar. Das bei Disney und in Märchen generell beliebte Motiv der toten Mutter und einer trauernden Protagonistin bringt hier einiges ins Rollen und ist die Grundmotivation Fei Feis. Auf ihrer Reise begleiten sie allerhand pointenschleudernde Sidekicks. Das hundeähnliche Wesen Gobi erinnert stark an den Schneemann Olaf aus Die Eiskönigin.

    Es geht ganz schön flott zu. Das kosmische Tischtennismatch zwischen Chin und Chang-e ist toll anzuschauen. Genauso sind es die Welten, die Fei Fei durchwandern muss. Die bunte Seite des Monds ist ein Abenteuer, das bei den Kleinen wohl eher Anklang finden wird, als bei Erwachsenen. Dafür hat der Film einfach zu wenig Neues zu bieten und bedient sich zu sehr an seinen Vorbildern. Eines ist aber klar: Netflix Animation hat den Fuß in der Türe. Da kann sich die Konkurrenz schon mal warm anziehen. Fehlen nur mehr die unverwechselbaren Stoffe und Melodien, die ins Ohr gehen. Das hier ist sicher einer der schwächeren Filme, die je für einen Oscar in der Kategorie Best Animation Feature nominiert wurden. Ein Film mehr für die Augen, als fürs Herz.

    Die bunte Seite des Monds / OT: Over the Moon

    Animationsfilm, USA/PRC 2020
    Regie
     Glen Keane
    Drehbuch Audrey Wells
    Schnitt Edie Ichioka
    Musik Steven Price, Christopher Curtis, Marjorie Duffield, Helen Park
    Mit Cathy Ang, Phillipa So, Ken Jeong
    Länge 100 Min.
    Streamingplattform Netflix


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  • DIE WÜTENDEN – LES MISÉRABLES ★★★★

    DIE WÜTENDEN – LES MISÉRABLES ★★★★

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    Eine lange Reise hat das französische Drama Die Wütenden – Les Misérables von Ladj Ly hinter sich. Seit September 2020 bei Amazon Prime verfügbar, feierte einer der spannendsten Filme des vergangenen Jahres bereits 2019 bei den Filmfestspielen von Cannes seine Premiere und dort wurde ihm sogleich der Große Preis der Jury zugesprochen. Es folgte eine Nominierung für einen Oscar in der Kategorie Bester Internationaler Film. Der Film ist inspiriert von den Unruhen in den Pariser Vorstädten im Jahr 2005, bei denen auch Montfermeil betroffen war, wo diese Geschichte nun spielt. Victor Hugo siedelte seinen Roman Die Elenden (Les Misérables) in eben diesem Ort 20 km östlich von Paris an.

    Darum geht es

    Der Polizist Stéphane (Damien Bonnard) hat sich gerade in den Pariser Vorort Montfermeil versetzen lassen. Gemeinsam mit den zwei Kollegen Chris (Alexis Manteni) und Gwada (Djibril Zonga) lernt er auf ihren Fahrten ein multikulturelles Viertel kennen, das sich Salah (Almamy Kanouté) von der Muslimbruderschaft und ein selbsterahnter Bürgermeister (Steve Tientcheu) untereinander aufteilen. Die Lage ist latent angespannt aber weitgehend friedlich.

    Als eines Tages ein Junge (Issa Perica) ein Löwenbaby aus einem in der Gegend gastierenden Zirkus stiehlt, droht die Lage zu eskalieren, nachdem einer der Polizisten in einem Tumult die Nerven verliert und den Buben verletzt. Die Folge ist eine Revolte von lokalen Jugendbanden, die die Polizisten in kürzester Zeit in große Bedrängnis bringen.

    Issa Perica (Mitte) bringt durch einen kleinen. Diebstahl das ganze Viertel in Aufruhr.

    Kommentar

    Präsenz zeigen. Darum geht es, wenn die drei Polizisten durch den Stadtteil Les Bosquets patrouillieren. Denn wenn es ernst wird, hätten sie ohnehin keine Chance sich durchzusetzen. So regelt sich das Leben in dem Vorort von Paris von selbst. Die einzelnen Gruppen leben nebeneinander. Man respektiert sich, geht auf Distanz. Das geht gut, solange es zu keinen Zwischenfällen kommt. Das Spielfilmdebüt des französischen Regisseurs Ladj Ly fängt die vorherrschende Atmosphäre gekonnt ein. Überall kann Gefahr lauern, das Fass scheint immer kurz vor dem Überlaufen zu sein.

    Den drei Polizisten sieht man die permanente Anspannung an und sie gehen auf die unterschiedlichste Art und weise damit um. Während sich Gwada zurückhält und Stéphane seinen Platz erst finden muss, geht Chris auf Konfrontationskurs und nutzt seine Machtposition aus. Übrigens genauso, wie es die Vorgesetzte in der Polizeistation tut. Ein kleiner Seitenhieb auf die Verteilung der Geschlechterrollen.

    In der Eröffnungssequenz wird gefeiert. Ganz Paris ist auf der Straße. Frankreich gewinnt die Fussball-WM 2018. Bevor in großen Buchstaben der Filmtitel erscheint, drängen sich die Massen auf dem Champs Elysees. Dann kommt der harte Schnitt. Was das mit der eigentlichen Geschichte zu tun hat? Die Kinder in Montfermeil laufen mit französischen Fahnen auf die Straße. Sie stammen zum Großteil aus den Ländern Nordafrikas. Genauso wie die Eltern von Kylian Mbappé, der im Finale der Fussball-WM gerade das letzte Tor geschossen hat. Mit dem Ende der Meisterschaft rücken die Kinder wieder an den Rand der Gesellschaft. Hier setzt Regisseur Ly in Die Wütenden – Les Misérables an.

    Es ist ein Mikrokosmos mit eigenen Dynamiken und Gesetzen, fernab des repräsentativen Pariser Zentrums. Hier hat sich tatsächlich eine Parallelgesellschaft etabliert, ein Zustand, der durch die Notwendigkeit des Überlebens bestimmt wird. Hier zählt vor dem Gesetz nicht was passiert ist, sondern was bewiesen werden kann. Niemand schaut hier her, solange es keine Aufstände oder Unruhen gibt.

    Die Wütenden – Les Misérables

    Drama, USA 2019
    Regie
     Ladj Ly
    Drehbuch Ladj Ly, Giordano Gederlini, Alexis Manteni
    Kamera Julien Poupard
    Schnitt Flora Volpelière
    Musik Marco Casnanova, Kim Chaprion
    Mit Damien Bonnard, Alexis Manteni, Djibril Zonga, Issa Perica
    Länge 105 Min.
    Streamingdienst Amazon Prime


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  • BILLIE EILISH: THE WORLD’S A LITTLE BLURRY ★★★½

    BILLIE EILISH: THE WORLD’S A LITTLE BLURRY ★★★½

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    Kaum zu glauben, aber die Songs, die ein Mädchen da auf dem Bett sitzend im Zimmer ihres großen Bruders aufnimmt, werden sich einmal millionenfach verkaufen und sie zu einem der größten Popstars der Gegenwart machen. Die Dokumentation Billie Eilish: The World’s a little blurry gibt einen Einblick hinter die Fassade einer fulminanten Karriere und zeigt, dass es da keineswegs immer rosig zugeht.

    Den Traum einer musikalischen Karriere hat Billie Eilish schon früh. Bereits mit 11 Jahren begann sie eigene Songs zu schreiben. Die Dokumentation profitiert davon, dass die Sängerin im Zeitalter von Smartphones und Social Media aufgewachsen ist. Somit ist praktisch alles dokumentiert und das gibt Aufschluss über den Menschen hinter einer Inszenierung, der erfolgreiche KünstlerInnen oft ausgesetzt sind. So erfährt man, dass selbst Millionen von Followern bei Instagram natürlich nicht vor Einsamkeit und Depression schützen. Der Druck, dass jeder Schritt und jede Geste genau beobachtet werden, ist enorm. Stets freundlich muss sie sein. Alles andere führt zu negativen Schlagzeilen.

    Der Film umspannt die Monate rund um die Veröffentlichung des Albums When We All Fall Asleep, Where Do We Go? im Jahr 2019 und der Grammy Verleihung 2020. Tourstress, Liebeskummer und gesundheitliche Probleme plagen Billie Eilish. Ihren psychischen Zustand verarbeitet die Sängerin unmittelbar in ihren eigenen Songs. Mit ein Grund für den großen Erfolg.

    Billie Eilish und ihr Bruder Finneas O’Connell

    Bei all ihren Songs scheint ihr Bruder Finneas O’Connell als Produzent und Co-Songwriter auf. Die Szenen mit den beiden haben sie meist selbst mit dem Smartphone aufgenommen. Es gibt viele dieser intimen Momente, die sich Regisseur R. J. Cutler zu Nutze macht, um ein möglichst authentisches Bild der Künstlerin zu vermitteln. Auch Nick Broomfield hat das in der Dokumentation über Whitney Houston Whitney: Can I Be Me (2017) versucht. Allerdings damals ohne Unterstützung der Familie, für die der Film zu viele Einblicke in das tragische Leben der Sängerin lieferte. Das heile Bild, das ohnehin schon lange keines mehr war, sollte nach außen hin bewahrt werden.

    Von außen betrachtet mag man leicht vergessen, dass es sich hier um ein junges Mädchen aus relativ einfachen Verhältnissen handelt, das in diesem Alter unter gewöhnlichen Umständen wohl anderen Interessen nachgehen würde. Nun wird sie von Menschen bedrängt die sie nicht kennt und die ihre Nähe suchen, seien es Fans oder meist deutlich ältere männliche weisse Männer aus der Musik- und Medienbranche. Da können einem schon mal die Sicherungen durchbrennen.

    Die Familie ist bei Billie Eilish immer mit dabei. Sie ist bedacht, dass ihre Tochter nicht das gleiche Schicksal wie beispielsweise ihr großes Vorbild Justin Bieber erleidet und die Lösung ihrer Probleme in Alkohol und Drogen sucht. Ihr Kind davor zu beschützen scheint den Eltern bisher so weit geglückt zu sein. Billie Eilish: The World’s a little blurry erzählt auch davon, dass man sich in einer solchen permanenten Ausnahmesituation an den kleinen Dinge im Leben erfreuen kann, wie einem Haustier oder einem Donut. Für Billie Eilish gehört da auch dazu, mit einem breiten Grinsen in ihrem Traumauto durch die Straßen von Los Angeles zu kurven.

    Billie Eilish: The World’s a little blurry

    Dokumentation, USA 2021
    Regie
     R. J. Cutler
    Drehbuch R. J. Cutler
    Schnitt Lindsey Utz
    Musik Billie Eilish, Finneas O’Connell
    Mit Billie Eilish, Finneas O’Connell 
    Länge 140 Min.


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • RAYA UND DER LETZTE DRACHE ★★★½

    RAYA UND DER LETZTE DRACHE ★★★½

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    Drachen erfreuen sich wie Dinosaurier einer ungebrochen Popularität. Mal als zerstörerische Waffe oder auch als treuer Begleiter. Mal monströs und dann wieder niedlich. Nun kommt mit Raya und der letzte Drache die My Little Pony-Version. Willkommen in der bunten, von Südostasien inspirierten Disney-Welt von Kumandra. Der Konzern verläßt sich auf altbekannte Rezepte. Eines kann man den Produzenten aber nicht vorwerfen, dass sie nämlich nicht mit der Zeit gehen. Der 59. Animationsfilm von Disney ist der erste für die Generation Instagram und präsentiert neuerlich eine Heldin in der Hauptrolle.

    Darum geht es

    Nachdem sich die Völker von Kumandra wegen eines magischen Artefaktes zerstritten haben und es zu Bruch gehen ließen, wird das Land von einem bösen Geist in Angst und Schrecken versetzt. Die Kriegerin Raya (Stimme: Kelly Marie Tan) macht sich auf den Weg, den letzten Drachen zu finden um mit dessen Hilfe das Land wieder zu vereinigen. Sie findet die Drachin Sisu (Awkwafina), doch bis die ihre Kräfte wieder zurückerlangt hat, haben die beiden noch einen langen Weg vor sich.

    Sisu, die Wasserdrachin

    Kommentar

    Vor fünf Jahren war Vaiana das Ergebnis der erfolgreichen Bemühungen, Disneyfilme diverser zu gestalten. Damals war die Geschichte in Ozeanien angesiedelt. Rajas Welt ist stark inspiriert von der Region Südostasiens. Dass man sich für die englische Originalfassung Schauspieler aus Ostasien genommen hatte, führte zu einer Kontroverse. Nun ist das eine geographische Differenzierung, die in unseren Köpfen keineswegs verankert ist. Asien ist Asien. Auch wenn es eine Aufteilung ist, die von Außen zugeschrieben wurde, besteht zwischen der VR China, Japan und Südkorea gegenüber Indonesien und den Philippinen im Süden doch ein gewaltiger Unterschied. So gesehen schafft diese Diskussion vielleicht das Bewusstsein, dass man die 4,4 Milliarden Menschen in Asien nicht über einen Kamm scheren kann. Immerhin glauben wir in Europa bereits innerhalb der Staatsgrenzen unüberwindbare Unterscheidungsmerkmale erkennen zu können. Für etwas Exotik muss man sich mitunter nur eine halbe Stunde ins Auto setzen.

    Bei Disney muss man sich nicht erst neu erfinden, um einen soliden Animationsfilm herauszubringen. Technisch ist man immer State-of-the-Art. Die prominentesten Darsteller stehen Schlange, um den HeldInnen ihre Stimme zu leihen und die Merchandiselawine rollt verlässlich bis in die entlegensten Kinderzimmer. Auf Raya und der letzte Drache trifft das ebenso zu.

    Das Detailreichtum ist erstaunlich und kommt zu Hause im TV bei weitem nicht zur Geltung. Bereits die grafisch wunderschön umgesetzte Eröffnungssequenz läßt die große Leinwand schmerzlich vermissen. Raya ist definitiv ein Film gemacht fürs Kino. Die Bilder genauso wie die Musik von James Newton Howard.

    Die Drehbuchautoren Qui Nguyen und Adele Lim (Crazy Rich Asiens) zitieren wild durch die Filmgeschichte und muten dem jungen Publikum ungewöhnlich viel zu. Neben der Abenteuergeschichte geht es in Raya um die Vereinigung zerstrittener Bevölkerungsteile. Wie kann es soweit kommen, dass eine Bevölkerung gespalten wird und sich vermeintliche Unterschiede etablieren, die Angst produzieren und die wiederum als Katalysator für Aggressionen und Gewalt wirkt.

    Raya ist eine mutige Kriegerin. Ihre Gegenspielerin ist ebenso eine Frau. Sisu ein weiblicher Drache. Männer kommen hier nur am Rande vor und spielen für das fortkommen der Geschichte so gut wie keine Rolle. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Geschlechterrollen umgekehrt werden, ist eine Entwicklung die Disney schon länger verfolgt und dem Konzern hoch anzurechnen ist. Inwieweit die sehr erfolgreiche Vermarktung der Disney-Prinzessinnen (die in den letzten Jahren meist gar keine Prinzessinnen mehr waren) eine Rolle spielt, ist ein andere Frage.

    Disney macht hier nichts falsch aber riskiert auch nichts, was zur Folge hat, dass man Raya wohl bald wieder vergessen hat. Es bleibt das Gefühl, das alles schon einmal gesehen zu haben. Raya wirkt wie eine weichgespülte Version eines Filmes des japanischen Studio Ghibli. Im Tonfall bedient man sich teilweise ganz offensichtlich einer Jugendsprache. Es wird ein mühsamer Weg werden, das Zielpublikum einmal wieder weg von Laptop und Handy, wo Unterhaltung nur mehr in Clips konsumiert wird, zurück – oder auch gar erstmals – in die Kinos zu locken. Man darf nicht vergessen, wenn das alles vorbei ist, werden ein paar Jahrgänge noch nie einen Kinosaal von innen gesehen haben.

    Nachdem der Kinostart im Herbst verschoben werden musste, ist Raya und der letzte Drache, wie schon Mulan im vergangene Jahr, gegen eine extra Gebühr bei Disney+ verfügbar, bevor er in ein paar Wochen regulär im Programm landen wird.

    Animationsfilm, USA 2021
    Regie
     Paul Briggs, Dean Wellins
    Drehbuch Qui Nguyen, Adele Lim
    Schnitt Fabienne Rawley, Shannon Stein
    Musik James Newton Howard
    Mit Kelly Marie Tran, Awkwafina
    Länge 107 Min.
    Streamingdienst Disney+


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  • MALCOLM & MARIE  ★★★

    MALCOLM & MARIE ★★★

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    Es hätte der künstlerische Erfolg von Netflix in dieser Saison werden sollen: Malcolm & Marie von Sam Levinson mit Zendaya und John David Washington in den Hauptrollen. Ein Drama gedreht auf 35mm in betörend schönen Schwarzweißbildern. Doch dann kam alles anders. Die Resonanz war sehr durchwachsen. Mal wurde der visuelle Stil gelobt, dann die schauspielerischen Leistungen. Gleichzeitig wurde das Beziehungsdrama regelrecht seziert: Die Dialoge seien zu konstruiert und Levinson mit seiner kritischen Auseinandersetzung von weißer Filmkritik sich selbst in die Falle getappt. Aber kann man unter solchen Bedingungen, mit diesen zwei Schauspielern und diesem Set überhaupt etwas falsch machen?

    Darum geht es

    Der Regisseur Malcolm (John David Washington) und die Schauspielerin Marie (Zendaya) kommen von einer Filmpremiere nach Hause. Es war sein großer Abend, die Premiere ein voller Erfolg. Er ist noch immer emotional aufgewühlt und steckt voller Euphorie. Doch Marie kann die Freude nicht teilen und wirkt genervt. Etwas ist vorgefallen an diesem Abend, dass sie innerlich aufgewühlt hat und ihre Beziehung auf die Probe stellt. In dieser Nacht entladen sich zwischen den beiden aufgestaute Gefühle und sie lassen ihren Emotionen freien Lauf.

    Kommentar

    Vorweg: Malcolm & Marie ist ein visuelles Gustostück. Gedreht wurde im Caterpillar House in Carmel, Kalifornien, einem Bungalow aus Glas mitten in unberührter Natur. Das ist natürlich eine Spielwiese für Kameramann Marcell Rév. Gleich zu Beginn, nach einer Eröffnung, die an den Film Noir erinnert, gleitet die Kamera minutenlang außen vor der Fensterfront hin und her und verfolgt Malclom durch das Haus. Es zählt zu den Großen stärken des Filmes, einen Stoff, der offensichtlich auch auf einer Theaterbühne gut aufgehoben wäre, eine kinematische Note zu verpassen, die eine reine Freude ist und gleichzeitig Spannung zu erzeugen vermag.

    Der Rhythmus des Filmes ist durch das ständige hin und er der Auseinandersetzung zwischen den Beiden vorgeben. Mal gewinnt Malcolm die Oberhand und dann wieder Marie. Das wirkt an sich schon sehr konstruiert. Die eindringlichen Monologe sind regelrechte Anklagen, die man in der Realität einmal aushalten muss. Dabei wird Zwischenmenschliches auf eine höhere Ebene geholt. Es geht um die künstlerische Arbeit von Malcolm, die stark durch die Beziehung zu Marie beeinflusst ist und um Kritik an Kunstwerken an sich und über stereotype Zuschreibungen. Ein schwarzer Filmemacher wird mit anderen schwarzen Filmemachern verglichen, weil er schwarze Filme macht. Kunstkritik ist ein spannendes Feld. Meist urteilen Menschen über eine kreative Arbeit, die selbst nie einen kreativen Prozess durchgemacht haben (wenn man vom Schreiben selbst als einen solchen absieht). Nun geht es im Film um eine Filmkritikerin der L.A. Times, die Malcolms Film scharf kritisiert hat, was ihn in Rage bringt. Sie ist eine reale Person und hat dies in der Vergangenheit schon einmal mit einem Film von Levinson getan. Davon kann man halten was man will.

    Einige haben sich daran gestört, dass dieser Diskurs nun gerade von einem weißen Regisseur thematisiert wird, der schwarze Darsteller inszeniert. Aber bereits da beisst sich die Katze in den Schwanz. Gibt es nun eine Trennung von schwarzer und weißer Kunst? Die eigene Sozialisation wird im Schaffen immer eine gewisse Rolle spielen, genauso wie das eigene Geschlecht. Das ist aber eine Diskussion, mit der man sich bei Malcolm & Marie erst gar nicht lange aufhalten muss.

    Viel interessanter ist, wie hier Geschlechterrollen inszeniert werden und ob dieses Kammerspiel überhaupt einen Funken von Authentizität in sich birgt. Zendaya hat, so wie Washington, den Film mitproduziert und inszeniert sich quasi selbst als Verkörperung der puren Sexiness. Die Eleganz, die sie dabei ausstrahlt, sucht ihresgleichen. Nicht nur hier werden Anleihen von den goldenen Zeiten Hollywoods oder dem italienischen Kinos eines Antonioni genommen. Während sie sich immer mehr ihrer Kleider entledigt und sich um ein Uhr in der Nacht in der Badewanne eine Standpauke von Malcom anhören lassen muss, behält er Hemd und Krawatte fast die gesamte Spielzeit über an. Gleichzeitig kommt so etwas wie Intimität nie richtig auf. Liegt es am Glasbau oder an den Dialogen, bei denen immer eine Metaebene im Spiel ist?

    Als reines Beziehungsdrama taugt der Film mitnichten. Dafür sind die rund 100 Minuten viel zu sehr beladen mit schwülstigen Dialogen und ständig scheint es um alles zu gehen: um die Rolle der Frau in einer Beziehung, um das Schwarzsein an sich und eben wie andere vermeintlich nicht-weiße darauf reflektieren. Vielleicht ist das aber auch ein ganz normaler Abend unter – schwarzen – Hollywoodstars. Wer weiß.

    Selbst wenn die Figur Malcolm diese Interpretation für seinen Film ablehnt, ganz unpolitisch ist diese Auseinandersetzung nicht. Er hat schon recht: ist es überhaupt möglich, einen Film über Identität, Geschlechterrollen und vor allem rassistisch konnotierten Problematiken zu machen, ohne politisch zu werden?

    Die völlige Abwesenheit von jeglichem Humor verleiht Malcolm & Marie jedenfalls eine Ernsthaftigkeit, die dem Film nicht gut tut. Man bekommt den Eindruck, der Film möchte mehr sein, als er eigentlich ist. Als rufe er: schaut her, wie schön ich bin und was sich alles in mir verbirgt. Am Ende ist er genauso durchdesignt wie das Haus, in dem er spielt. Trotz wunderbarer schauspielerischer Leistungen fällt es schwer, diese zwischenmenschliche Beziehung nachzuvollziehen. Es fühlt sich einfach nicht echt an.

    Malcolm & Marie

    Drama, USA 2021
    Regie
     Sam Levinson
    Drehbuch Sam Levinson
    Kamera Marcell Rév
    Schnitt Julio Perez
    Musik Labrinth
    Mit Zendaya, John David Washington
    Länge 106 Min.
    Streamingdienst Netflix


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