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  • STIGMA MONATSBLUTUNG ★★★

    STIGMA MONATSBLUTUNG ★★★

    Manchmal haben die Oscars einen spannenden Nebeneffekt. Dann nämlich, wenn sie für einen kleinen Moment die Aufmerksamkeit des Publikums auf jene Filme lenken, die sonst, wie in diesem Fall, in den unendlichen Weiten des Internets verloren gingen. Period. End of Sentence von Rayka Zehtabchi, wie der nicht wörtlich übersetzbare Titel im Original lautet, wurde soeben als bester Dokumentar-Kurzfilm ausgezeichnet. Ein Film mit einer starken Botschaft.

    Der Titel spielt auf die im Englischen doppelte Bedeutung von Period an. Neben der Monatsblutung ist damit auch der Punkt am Ende des Satzes gemeint. Die Periode soll nicht das Ende gesellschaftlicher Partizipation junger Mädchen bedeuten. In manchen Ländern der Welt ist der Beginn der Monatsblutung jedoch genau damit gleichzusetzen. Am Beispiel Indiens wird ein großes Tabuthema aufgezeigt. Durch die Periode werden Mädchen regelrecht stigmatisiert. Es mangelt an Aufklärung. Sie gilt als schmutzig und die Mädchen somit als unrein.

    Der Gebrauch von Binden ist verschwindend gering. Die Folgen mag man sich gar nicht ausmahlen. Hier setzt die Dokumentation an. Eine Gruppe von Frauen aus einem Dorf beginnt mit der eigenen Bindenproduktion. Vertrieben werden die kostengünstigen und offenbar qualitativ hochwertigen Binden an der Haustüre. Vor den Augen von Männern in einem Laden einzukaufen ist undenkbar.

    Bette Midler empfiehlt.

    Stigma Monatsblutung porträtiert diese Initiative, die für die Frauen in mehrerer Hinsicht eine Verbesserung der Lebensqualität mit sich bringt. Die Eigenproduktion der Binden ist auch ein Akt der Selbstermächtigung und lässt die Frauen am beruflichen Leben teilhaben. So weit so gut und wichtig.

    Der Filmemacherin geht es in erster Linie darum Inhalte zu transportieren und eine Botschaft unter die Leute zu bringen. Eine durchdachte Gestaltung bleibt da außen vor. Wer sich hier aber an der optischen Umsetzung stößt, sollte sich einmal eine Dokumentation aus Österreich anschauen. Allerdings schaffen es die auch nicht bis auf die Shortlist der Oscars. Über die Protagonistinnen erfährt man nicht viel. Die Dokumentation wirkt wie gerade einmal so nebenbei gedreht und erinnert von der Aussage her an Produktwerbungen, ohne Werbefilmästhetik.

    Die Euphorie darüber, dass ein Film mit diesem Thema eine derartige Anerkennung erfahren hat, ist groß. Stigma Monatsblutung rückt ein großes Tabuthema in den Fokus. Das wurde bei den Oscars honoriert. Um mehr in die notwendige Tiefe gehen zu können, ist das Ganze jedoch zu kurz geraten. Wie schwer es ist, trotz Oscar abseits des Mainstreams auf sich aufmerksam zu machen, zeigt das geringe Interesse der Medien. Auf der Webseite Rotten Tomatoes reichen die Kommentare nicht einmal für eine Bewertung.

    RAYKA ZEHTABCHI | USA 2019 | OT: Period. End of Sentence |26 Min. | [usr 3]

    Foto © Netflix

    ▶︎ Mehr Filme auf dem Oscar-Radar

  • DIE AUSLÖSCHUNG ★★★½

    DIE AUSLÖSCHUNG ★★★½

    Der Science-Fiction-Film Die Auslöschung, Originaltitel Annihilation, ist bereits seit fast einem Jahr bei Netflix abrufbar. Obwohl an den Kinokassen in den USA ein Misserfolg, erfreut sich der Film einer großen Fangemeinde und gilt für viele als Highlight des vergangenen Filmjahres. Ein guter Grund also, sich den starbesetzten Film näher anzuschauen. 

    Die Auslöschung ist ein Beispiel dafür, unter welche extremen Bedingungen heute das Filmbusiness betrieben wird. Bereits 17 Tage nach dem US-Kinostart veröffentlichte Netflix den Film auf seiner Plattform.  Was war geschehen? Schon die Testscreenings verliefen nicht nach Wunsch. Zu anspruchsvoll und zu kompliziert sei der neue Film mit Natalie Portman und Oscar Isaac. Paramount Pictures verkaufte die Vertriebsrechte noch vor dem Kinostart an Netflix. Der Film sollte ausserhalb Nordamerikas nicht mehr in die Kinos kommen. 

    Zum Inhalt. Ein Feuerball stürzt auf die Erde. Fortan breitet sich der sogenannte Shimmer aus. Eine Art Glocke hat sich über die Landschaft gestülpt, an deren Oberfläche es seifenblasenähnlich in Regenbogenfarben schimmert.  Expeditionsteams werden hineingeschickt und kehren nicht zurück, bis eines Tages der auch verschollen geglaubte Kane (Oscar Isaac) vor seiner Frau, der Molekularbiologin Lena (Natalie Portman), steht. Die Freude währt nur kurz, irgendetwas stimmt nicht mit ihm. Er muss in Quarantäne und Lena entschließt sich, an einer weiteren Expedition in das mysteriöse Area X teilzunehmen. Nicht unbedingt die logischste Entscheidung aber vermutlich erhofft sie sich dadurch Rettung. Im weiteren Verlauf wird das durchaus Sinn machen.

    Gemeinsam mit drei anderen Wissenschaftlerinnen, darunter Jennifer Jason Leigh als Dr. Ventress, begibt sich Lena in das unbekannte Gebiet. Bereits kurz nach Eintritt, versagt jegliche Kommunikation nach außen und das Zeitgefühl geht auch noch verloren. Was dort aber neben mittelmäßig animierten Kreaturen noch so abgeht, kann sich sehen lassen. Es sei nicht zu viel verraten aber vor allem zum Ende hin, wenn der Plot immer abstrakter und verrückter wird, trumpft Die Auslöschung so richtig auf. Biologische Gesetzmäßigkeiten scheinen sich aufzulösen. Das eigene Ich wird in Frage gestellt. Banale Erklärungen werden dem Publikum erspart und so lässt einen das Finale auch nach dem Ende des Filmes so schnell nicht mehr los.

    Trotz der interessanten Ideen, die Die Auslöschung aufgreift, kommt der Film nicht an große Science-Fiction-Momente der letzten Jahre heran und kann auf der emotionalen Ebene nicht mit Arrival mit halten. Jene Wagnis, den Film nicht schon vor Veröffentlichung zu adaptieren und leichter zugänglich zu machen, ist der Produktion aber hoch anzurechnen. Solch ein Mut fehlt in der durchkalkulierten Filmlandschaft von heute. 

    Manche Stimmen meinen, Die Auslöschung wurde bei den diesjährigen Oscar Nominierungen übergangen. Zumindest auf eine Kategorie trifft das zu: Die Qualität des Sounds lässt sich zu Hause nur erahnen aber selbst hier vermag er zu beeindrucken. Wie muss das erst in einem Kinosaal sein!

    Es ist nach Ex Machina (2015) die zweite Regiearbeit von Alex Garland, der sich auch für die Romanvorlage von The Beach (2000) verantwortlich zeichnet. Ungewöhnlicherweise hat er nun die Trilogie der Vorlage zu einem Film vereint. Eine Geschichte, die uns von der Protagonistin im Nachhinein erzählt wird, was noch mehr Raum für Interpretationen offen lässt. Erfrischend gut.

    ALEX GARLAND | OT: Annihilation |USA 2018 | 115 Min. | [usr 3.5]

    Foto (C) Netflix

  • BIRD BOX ★★★

    BIRD BOX ★★★

    Während die hochschwangere Malorie (Sandra Bullock) noch unbedarft in ihrem Atelier den Pinsel schwingt, erreichen sie über den Fernseher fast beiläufig erste unheilvolle Nachrichten. Aus unerklärlichen Gründen begehen Menschen in mehreren Regionen auf der Welt plötzlich in Massen Selbstmord. Vorerst erschüttert sie und ihre Schwester Jessica (Sarah Paulson) das eher weniger. Schon kurz darauf bricht aber auch in ihrer Stadt das Chaos aus. Menschen laufen, stürzen und fahren in den Tod.

    Soweit die Ausgangslage. Bald stellt sich heraus, dass eine unsichtbare Macht die Menschen bloß durch Augenkontakt in den Selbstmord treibt. Malorie flüchtet in ein Haus, in dem eine Gruppe von Menschen Zuflucht gefunden hat und die bald erkennen muss, dass sie in der Falle sitzt. Die Fenster verklebt und von der Außenwelt abgeschnitten.

    Es ist das Haus von Douglas (John Malkovich), einem misanthropischen Bastard, der darauf bedacht ist, niemanden mehr herein zu lassen. Zu der illustren Runde gehören unter anderen Tom (Trevor Rhodes) und Sheryl (Jacki Weaver). Bald gesellt sich Gary (Tom Hollander) dazu. Ein kurzer Auftritt, der es in sich hat. 

    Unterschnitten wird die Geschichte mit Szenen von Malorie und zwei Kindern, die fünf Jahre in der Zukunft liegen. Irgendwo in der Wildnis irren sie mit verbunden Augen umher und begeben sich bald in einem kleinen Boot flussabwärts. Ziel unbekannt. 

    Bird Box beginnt stark, löst sein Versprechen aber nicht ein. Wie so oft in diesem Genre liegen auch diesem Mysterythriller gute Ideen zu Grunde, die sich aber offenbar nur schwer schlüssig umsetzen lassen. Nicht das alles bis ins letzte Detail erklärt werden muss aber ein paar Informationen bleibt der Film trotzdem schuldigt.

    Der Film wartet mit einem tollen Ensemble auf. Malkovich ist in seinem Element und Rhodes, noch von Moonlight in guter Erinnerung, füllt die Lein.. nein, den Bildschirm mit seiner Präsenz. Bullocks Charakter bekommt durch ihre Schwangerschaft im Endzeitszenario eine Tiefe. Sie akzeptiert ihre Mutterschaft von Anfang an nicht, ist aber doch eine Kämpferin. Später auch für die Kinder. Bird Box ist auch ein Melodram.

    Die Regisseurin Susanne Bier gewann 2010 mit A Better World den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Sicher ein gute Wahl, allerdings kann die Geschichte ihr volles Potential nicht ausschöpfen. Das Ende wird wie so oft eher wenige zufrieden stellen und der Weg dahin ist um gut eine viertel Stunde zu lang. „We make the end of the world great again!“ ruft Douglas einmal aus. Stimmt nicht ganz aber trotzdem ein markiger Spruch.

    Netflix hält sich gewöhnlich mit der Preisgabe von Zuseherzahlen zurück. Bei Bird Box ist das nun anders. Kein Wunder, wurde der Film doch allein in der ersten Woche 45 Millionen Mal gestreamt. Umgelegt auf Kartenkäufe entspricht das bei einem Budget von kaum 20 Millionen US-Dollar einem außerordentlich großen Erfolg. Laut Angaben von Netflix wird erst gezählt nachdem mindesten 70% des Filmes konsumiert wurden. Der Film bekommt nun eine Aufmerksamkeit, die er bei einem regulären Kinostart wohl nie bekommen hätte. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes, ob es in diesem Fall gerechtfertigt ist, sei dahingestellt.

    Gab es gerade noch die Diskussion, welche Filme bei Festivals zugelassen werden sollten und Unmutsäußerungen darüber, das Produktionen ein regulärer Kinostart verwehrt wird, so geht es jetzt mit Jahresende bereits einen Schritt weiter. Der Erfolg einzelner Produktionen ist natürlich ausschlaggebend dafür, was wir in Zukunft überhaupt zu sehen bekommen und Sehgewohnheiten sind auf dem Sofa andere als im Kino. Zumal Streamingproduktionen bestimmten rechtlichen und moralischen Anforderungen des jeweiligen Konzerns entsprechen müssen.

    Die Filmwelt wird gerade auf den Kopf gestellt. Bird Box erfüllt seinen Zweck für einen Filmabend zu Hause. Nicht mehr und nicht weniger. Die Auswirkungen des Erfolges werden uns aber weiterhin beschäftigen.

    Susanne Bier | USA 2018 | 124 Min. | [usr 3]

    Foto (c) Netflix

  • MOGLI : LEGENDE DES DSCHUNGELS ★★

    MOGLI : LEGENDE DES DSCHUNGELS ★★

    Mogli liegt verwundet in einem Käfig. Kinder bewerfen ihn mit Steinen und das Essen wird ihm wie einem Tier zugeschoben. Das was Regisseur Andy Serkis, der Meister der Motion-Capture-Technik (Sensoren erfassen menschliche Bewegungen, zum Beispiel der Gesichtsmuskulatur und diese dienen als Grundlage für digitale Effekte) hier serviert, hat so gar nichts mit der bekannten Disney Version zu tun sondern orientiert sich an der Buchvorlage von Rudyard Kipling. Zwei Jahre nach dem großen Erfolg von Jon Favreaus The Jungle Book  scheitert er damit kläglich. 

    Die Sterne über dem Dschungel standen schon lange schlecht. Warner Bros. sagte den für Herbst geplanten Kinostart ab und verscherbelte das 3D-Abenteuer kurzerhand an den Streaming-Dienst Netflix. Ein Schicksal, dass in Zukunft so manchem Film widerfahren könnte, wenn eine entsprechende Vermarktung nicht möglich ist oder zu befürchten ist, dass die ersten Rezensionen nicht nach Wunsch ausfallen.

    Nach so kurzer Zeit hätten sich wohl nicht neuerlich die Massen in die Kinos begeben. Damit konnte ein vorprogrammierter Flop abgewendet werden. Zumal Mogli mit dem gleichen Problem kämpft, wie schon sein Vorgänger: Zu düster für Kinder und nicht erwachsen genug für ein älteres Publikum. Die Disney-Neuverfilmung konnte nicht nur auf die beliebten Hits zurückgreifen sondern setzte technische Maßstäbe und war somit auch ein künstlerischer Erfolg. 

    Bei Mogli wird aber schon nach wenigen Minuten klar, dass hier nicht der große Wurf gelungen ist. Die Effekte bleiben hinter den Erwartungen zurück. Die Tiere wirken wie aus einem Computerspiel und dadurch noch befremdlicher. Emotionale Bindung kann sich so keine Aufbauen. Trotz eines Allstar-Cast mit Christian Bale, Benedict Cumberbatch, Cate Blanchett, Frida Pinto und Andy Serkis als Balu.

    Der Charakter des Balu ist eine der größten Änderungen zu Disney Version. Er trainiert die jungen Wölfe und bereitet sie auf das Leben in der Wildnis vor. Von Gemütlichkeit nicht die Spur. Es weht ein rauer Ton. Balu ist kein großer Sympathieträger. Die Handlung ist aber interessanter. Visuell spannend umgesetzte Momente, wie das erste Zusammentreffen von Mogli und Shir Khan, können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Film von der Technik förmlich überrollt wird und die Menschlichkeit dabei auf der Strecke bleibt.

    Dass dieser Film überhaupt existiert, ist alleine den Ambitionen von Andy Serkis zu verdanken und zumindest der Umstand die Geschichte so zu erzählen wie sie Kipling einst erzählt hatte, ist ihm hoch anzurechnen. Es zeigt sich aber auch wie schwer es ist gegen eine Version der Erzählung anzukommen, die sich seit über 50 Jahren in den Köpfen festgesetzt hat. Netflix muss aufpassen, nicht zum Resteverwerter zu werden. Vor allem, weil das Programm der Studios der Plattform nach und nach abhanden kommt.

    Andy Serkis | USA 2018 | OT: Mowgli: Legend of the Jungle | 104 Min. | [usr 2]

    Foto (c) Netflix

  • THE BALLAD OF BUSTER SCRUGGS ★★★½

    THE BALLAD OF BUSTER SCRUGGS ★★★½

    Die Coen Brüder bestreiten in ihrem 18. Leinwandabenteuer neue Wege. Nicht nur, dass es bekanntlich gar kein Leinwandabenteuer im buchstäblichen Sinn mehr ist, auch in der Erzählweise und der Produktion gibt es große Veränderungen. Für das Publikum bedeutet das erstmal: ab auf die Couch.

    Eine Projektion auf der großen Leinwand blieb nämlich dem Publikum bei den Filmfestspielen von Venedig vorbehalten, wo der Film vergangenen August seine Premiere feierte. Im Gegensatz zu Alfonso Curóns Roma machte Netflix hier keine Ausnahme. The Ballad of Buster Scruggs wanderte direkt auf die Streaming Plattform. Eines darf als sicher gelten: dort haben Ethan und Joel Coen mit den Sehgewohnheiten von uns Couchpotatoes zu kämpfen. Ihr neuestes Werk setzt sich aus sechs Kurzfilmen zusammen. Der Abschaltimpuls dürfte daher hoch liegen. Dabei sollte man sich die Geschichtensammlung, in der sich die Coens als Gebrüder Grimm des Wilden Westens versuchen, auf jeden Fall bis zum Schluss anschauen.

    Ein blutroter Faden zieht sich durch die Geschichten von unterschiedlichster Länge. Das Regieduo hat seine tragikomischen Helden schon in der Vergangenheit immer wieder auf die skurrilste Weise sterben lassen. Der Kreativität scheinen auch jetzt keine Grenzen gesetzt. Es wird fleißig gestorben und wenn nur durch einen klassischen Schuss, dann verleiht die Vorgeschichte auch diesem jähen Ende eine zusätzliche Ebene der Betroffenheit.

    Auch in der technischen Umsetzung gingen die Coens neue Wege und drehten erstmals mit einer Digitalkamera. Vieles ist also neu. Dass ursprünglich eine Serie geplant war, spielt aber keine Rolle. Die Geschichten sind zwar nicht alle von gleicher Qualität, fügen sich aber schön zu einem Ganzen zusammen. Mit Tom Waits, Liam Neeson und James Franco versammelt sich das gewohnte Starensemble vor der Kamera. Wegen der Erzähltechnik sind alle aber nur in kurzen Rollen zu sehen. Tom Waits als Goldgräber sticht hier besonders hervor. Als er auf der Suche nach einer Goldader singend ein verlassenes Tal betritt, ergeifen sämtliche Tiere sogleich die Flucht. Die Figuren mögen oft dem Untergang geweiht sein und ihr Leben kurz, die Coens hegen ihnen gegenüber aber eine geradezu liebevolle Zuneigung, die sich auf dem Schirm(!) bemerkbar macht.

    Die letzte Episode „The Mortal Remains“ wurde, im Gegensatz zu den anderen, zur Gänze in einer Soundstage, also im Studio, gedreht. Die Kutschenfahrt hat nur scheinbar ein offenes Ende. Es ist genau das wonach es aussieht. Und wieder ist die Sammlung der Coens um einen Abgang reicher. Ein Ende, das viele Zuschauer nicht mehr sehen werden. Schade, sie haben etwas verpasst.

    Ethan and Joel Cohen | USA 2018 | 133 Min. | [usr 3,5]

    © Foto: Netflix

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  • SIE WERDEN MICH LIEBEN, WENN ICH TOT BIN ★★★★

    SIE WERDEN MICH LIEBEN, WENN ICH TOT BIN ★★★★

    Orson Welles, einer der großen des US-Kinos, hatte Zeit seines Lebens zahlreiche Filme nie fertig gestellt. Das ist die Geschichte der Odyssee seines letzten Filmes The Other Side Of The Wind mit John Houston in der Hauptrolle. Die Netflix-Produktion ist ein Portrait einer tragischen Figur, die Hollywood erst zu fest umarmt und dann fallen gelassen hatte.

    Was macht man, wenn sich einer der bedeutendsten Filmregisseure Hollywoods im eigenen Haus verschanzt und es dabei fast abfackelt? Peter Bogdanovich (The Last Picture Show, What’s up, Doc, Paper Moon) hatte seinem Freund Orson Welles sein Haus für die Dreharbeiten von The Other Side Of The Wind zu Verfügung gestellt, nachdem ihm das Geld für die Finanzierung ausgegangen war. Welles sollte mehr als drei Jahre bleiben.

    Die Dreharbeiten zogen sich von 1970 bis 1976 und der Schnitt bis in die 1980er. Für den Regisseur der wichtigste Teil des Filmemachens. Welles konnte den Film nie fertig stellen. Er starb 1985. Genauso wenig wie viele seiner anderen Filme, die unvollendet blieben, auch weil er an seinen Ambitionen scheiterte. Diese Dokumentation versucht dem nachzugehen. Welles war nicht nur Perfektionist, er konnte sich darüber hinaus nicht von seinen Projekten trennen. Der Schluss war für ihn immer traurig, außer man hörte auf zu erzählen, bevor die Geschichte zu Ende war.

    Mit nur 26 Jahren dreht er den Film, der von vielen als der beste aller Zeiten gesehen wird: Citizen Kane. Die Geschichte vom Zeitungsmagnaten mit dem berühmten letzten Wort lastete schwer auf seinen Schultern (David Fincher verfilmte in Mank die Entstehungsgeschichte). Das verbindet ihn mit Peter Bogdanovich. Auch er hatte seine größten Erfolge in jungen Jahren. Später wurde beiden nicht mehr die Anerkennung zu teil, die sie verdient hätten. Welles fühlte sich verraten. Citizen Kane bezeichnete er als den größten Fluch seines Lebens.

    In den 1980er endete die Produktion von The Other Side Of The Wind in einem Rechtsstreit. Durch eine Initiative von zahlreichen Filmschaffenden wie Wes Anderson und Noah Baumbach wurde er nun doch noch fertig gestellt. Diese Dokumentation ist nicht zufällig eine Netflix-Produktion. Der Streaming Dienst hat sich an die Vollendung von Orson Welles letztem Film gemacht. Ob Welles damit seine Freude gehabt hätte, sei dahingestellt. Das aus über 1000 Fragmenten zusammengesetzte Puzzle ist zumindest ein muss für jeden Cineasten (Filmbesprechung folgt). They’ll love me, when i’m dead, wie die Dokumentation im Original heißt, gibt auf jeden Fall einen spannenden Einblick in das Wesen eines passionierten Giganten der Filmgeschichte, für den jeder Tag, den er nicht auf einem Set verbrachte, ein verlorener war.

    Morgan Neville | USA 2018 | 98 Min | [usr 4]


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    Foto © Netlfix

  • THE CLEANERS ★★★★

    THE CLEANERS ★★★★

    IGNORE – DELETE – IGNORE – DELETE

    Sie sehen das, was wir nicht sehen. Sie sitzen tausende Kilometer weg von uns aber nur einen Mausklick von unseren Laptops und Smartphones entfernt. Die Content Moderatoren der Silicon-Valley-Konzerne.

    Schon mal gewundert, warum auf Facebook, Twitter, Youtube & Co ein Beitrag gelöscht wurde? Content Moderatoren in Manila sichten im Auftrag der Internetkonzerne gut 25.000 Bilder – pro Tag und Mitarbeiter. Menschen also, die in einem autokratischen System leben und völlig andere Moralvorstellungen haben. Sie handeln nach strikten Vorgaben und sind einer enormen psychischen Belastung ausgesetzt. Qualitätskontrolle gibt es praktisch keine, bzw. dient sie allein dazu Mitarbeiter unter Druck zu setzen.

    Über Zensur, das Spiel mit der Wahrheit, den Umgang mit Fakten und die tragischen Konsequenzen. Die Content Moderatoren sehen sich als Hüter der Welt, sind aber Teil eines Systems, das längst außer Kontrolle geraten ist.

    Diese Dokumentation lief gerade noch im Kino und ist jetzt bis 3. September 2018 bei Arte verfügbar.

    Link: Im Schatten der Netzwelt – The Cleaners

    Hans Block, Moritz Riesewieck | D/BRA/NL/I/USA 2018 | 88 Min. | [usr 4]

  • WEINER ★★★★

    WEINER ★★★★

    DER NETFLIX-TIPP

    Anthony Weiner ist ein charismatischer und eloquenter Politiker, der sieben Amtszeiten im Kongress von New York saß und durch seine emotionalen Reden landesweit Aufmerksamkeit erregte. So wie zum Beispiel mit seiner Rede anlässlich eines Gesetzesentwurfes für gesundheitliche Hilfe für Ersthelfer von 9/11. Ein wenig fühlt man sich an Matthias Strolz erinnert, wenn er die anderen Abgeordneten durch seine pointierte Rede auf die Palme bringt.

    Mit dieser Rede beginnt auch diese Dokumentation, die genauso eine klassische Komödie mit einem tragischen Helden sein könnte, wenn nicht alles wahr wäre, was wir hier zu sehen bekommen. 2011 ist seine Karriere vorerst beendet. Auf seinem Twitter Account taucht ein vermeintliches Foto seiner Nudel auf. In Unterhosen zwar aber das reicht in den USA für einen handfesten Skandal. Da nützt es nichts, dass er behauptet, sein Account wurde gehackt. Weniger später muss er ohnehin zugeben, dass das Foto von ihm stammt.

    Huma Abedin ist Weiners Ehefrau und steht entsetzt neben ihm. Die Kamera ist nämlich immer dabei und man fragt sich, wie ist das möglich? Warum gibt es diese Dokumentation überhaupt? Warum läßt Weiner dies zu? Sie wird den ganzen Film über zu ihm stehen. Obwohl sie noch einiges mehr ertragen muss und obwohl sie die engste Mitarbeiterin von Hillary Clinton ist und auch ihre Karriere auf dem Spiel steht. Einmal bittet Weiner dann doch den Kameramann den Raum zu verlassen um sich mit seiner Frau auszusprechen. Man ist fast froh darüber, wenn man ihren Blick sieht. Huma, wie sie liebevoll von der Öffentlichkeit genannt wird, ist eine toughe Frau, die über Jahre nicht von seiner Seite weicht. Sie wird ihn erst 2016 verlassen, lange nachdem die Handlung der Dokumentation endet.

    Zwei Jahre später, im Jahr 2013, kandidiert Weiner für das Amt des Bürgermeisters von New York. Er geht mit einem soliden Vorsprung von über 35% ins Rennen. Er stellt sein Wahlkampfteam zusammen, sammelt erfolgreich Spendengelder. Alles verziehen, die Menschen jubeln ihm zu. Bekanntlich wurde er nicht Bürgermeister. Weiner erreichte bloß 4,94%. Warum? Die Dokumentation schildet es detailreich. Manchmal möchte man dabei verlegen im Sofa versinken.

    Weiner handelt zum einen von der Doppelmoral der Amerikaner. Jeder Fehltritt wird dankend angenommen und in den Medien tagelang ausgekostet. Inhalte spielen überhaupt keine Rolle mehr. Da die Kamera über einen längeren Zeitraum immer mit dabei war, erhält man einen spannenden Blick hinter die Kulissen einer Wahlkampfmaschinerie. Taktische Überlegungen stehen hier an der Tagesordnung. Und Weiner selbst? Was treibt ihn an? Ist er rein geltungssüchtig? Warum kann er nie einen Schritt zurücktreten? Er weiß nicht wann es genug ist und hält, als ihm das Wasser bist zum Hals steht, auch noch sein Kind in die Kameras.

    Zum Vorteil des Publikums, das bestens unterhalten wird.  2016 lief Weiner bei der Viennale und seit einiger Zeit ist er bei Netflix verfügbar.

    Josh Kriegman, Elyse Steinberg | USA 2015 | 96 Min. | [usr 4]

  • 78/52

    78/52

    Es ist die berühmteste Szene der Filmgeschichte. Als Alfred Hitchcock im Jahr 1960 seine Hauptdarstellerin Janet Leigh in „Psycho“ nach nur 40 Filmminuten regelrecht abschlachten ließ, war es für das Publikum ein Schock. Noch dazu in der Badewanne, just in dem Moment, wo sie zum ersten Mal glücklich ist! Niemand war zu Hause in der Dusche mehr sicher. Der Regisseur Alexandre O. Philippe widmet dieser Szene gleich einen ganzen Film.

    Der „Master of Suspense“ brach mit allen Sehgewohnheiten und setzte auf den Überraschungseffekt: Surprise statt Suspense. Die Szene setzt sich aus 78 Einstellungen und 52 Schnitten zusammen und dauert kaum 2 Minuten. Trotzdem markiert sie eine Wende. Nach den großen Technicolor Produktionen der 1950er Jahre begann ein dunkles Zeitalter. Zum ersten Mal war eine Frau einem derartigen Angriff ausgesetzt. Obwohl es kaum Blut und keine Messerstiche zu sehen gibt, wurde die Szene als äußerst brutal empfunden. Nur das Geräusch der Einstiche ist zu hören. Ein brutaler Mord konnte von nun an ein Teil von Unterhaltung sein und ein Mörder die Hauptfigur. Der Slasher-film war geboren.

    Die Dokumentation folgt im Aufbau dem Film. Ebenfalls in schwarz-weiß Bildern schildern Theoretiker, Zeitzeugen und Schauspieler ihre Eindrücke dieses Kinomoments. Es kommt unter anderen Jamie Lee Curtis, die Tochter von Janet Leigh, ebenso zu Wort, wie Guillermo del Toro, Bret Easton Ellis, Eli Roth, Peter Bogdanovich und Marli Renfro, das damalige Bodydouble von Janet Leigh. Regisseur Philippe, der schon einen Film über George Lucas ohne George Lucas gemacht hat, musste diesmal auf Gus Van Sant verzichten. Der hatte 1998 Szene für Szene penibel genau nachgedreht. Daran ist er gescheitert, wie er sich selbst eingestehen musste. Weder Schnitte, noch Atmosphäre des Filmes waren reproduzierbar. Ein Moment von „movie magic“ sozusagen. Der Filmkritiker Leonard Maltin ging so weit, den Film nicht als Remake, sondern als Beleidigung am Original zu bezeichnen. Eine Kooperation bei dieser Dokumentation hat Van Sant verweigert.

    Eine detektivische Aufarbeitung der Szene mit dem ebenso legendären stakkatohaften Streichern von Komponist Bernhard Herrmann, die für immer ihren Platz in der Filmgeschichte haben wird. Ein Muss für Filmenthusiasten.

    Alexandre O. Philippe USA 2017 91 Min.

     

  • OSCAR nominierte Filme für das Wohnzimmer!

    OSCAR nominierte Filme für das Wohnzimmer!

    Mit gleich vier Nominierungen für Mudbound kann Netflix einen großen Erfolg für sich verbuchen: Bestes adaptiertes Drehbuch, Beste Kamera und erstmals ist mit Mary J. Blige eine (Neben)Darstellerin gleichzeitig für den Besten Song nominiert.

    Ebenso auf der Streamingplattform sind folgende nominierte Dokumentationen verfügbar:

    Icarus
    Strong Island
    Heroin(e)

    Details folgen demnächst.