Schlagwort: Review

  • 1917 ★★★½

    1917 ★★★½

    Schon lange nicht hat ein Film solch geteilte Meinungen hervorgerufen, wie das Kriegsdrama 1917 von Regisseur Sam Mendes. Von einem Meisterwerk ist die Rede oder aber auch von einer großen Irrung, dass nämlich die Technik alleine in der Lage sei, die ganze Magie des Kinos heraufzubeschwören und Wahrhaftigkeit und das unmittelbare Erleben von Emotionen zu erzeugen vermag. Die Grundidee des Films besteht darin, dass die Kamera zwei Soldaten in Echtzeit zwei Stunden durch Nordfrankreich dabei verfolgt, wie sie eine lebensrettende Botschaft an die Front überbringen. Dabei soll die Illusion entstehen, der Film sei ohne Schnitt gedreht worden.

    Lance Corporal Tom Blake (Dean-Charles Chapman) bekommt von General Erinmore (Colin Firth) den Auftrag, sich auf den Weg an die Front zu machen und Colonel Mackenzie (Benedict Cumberbatch) eine Nachricht zu übermitteln. Der für den nächsten Morgen geplante Angriff soll verhindert werden, da die Briten in einen Hinterhalt der Deutschen gelangen würden. Dies könnte bis zu 1600 Mann das Leben kosten. Blake macht sich gemeinsam mit Lance Corporal William Schofield (George MacKay) auf den Weg.

    Die beiden Soldaten bewegen sich durch das verwüstete Niemandsland hinter der Front. Es ist eine dystopische Landschaft, die die zerstörende Kraft des Krieges veranschaulicht: verlassene Schlachtfelder und Schützengräben, verwaiste Gehöfte und überall Leichen. Das Szenenbild, dieser produktionsbedingt sehr großen 360° Sets, ist eine der herausragenden Leistungen von 1917. Gedreht wurde ausschließlich bei bedecktem Himmel, um Kontinuität beim Licht zu erhalten. Dadurch erhält der Film einen kühleren Look, der Kälte suggeriert, obwohl eigentlich Sommer ist.

    Mendes und sein Kameramann Roger Deakins wenden eine Technik an, wie sie schon bei Alejandro Ganzález Iñárritu in seinem Best Picture Gewinner Birdman zum Einsatz kam. Die Kamera begleitet die Protagonisten scheinbar ununterbrochen. Zu Beginn sind noch Momente, die einen Schnitt ermöglichen auszumachen, aber irgendwann sieht man sie nicht mehr. Schier endlose Kranfahrten (oder ist es doch ein E-Motorrad?) ziehen sich durch den gesamten Film. Die Kamera schwebt, dreht sich im Kreis, steigt in die Höhe und stürzt hinab. Es ist ein regelrechtes Ballett, das Deakins hier veranstaltet und immer wieder findet er trotz der ständigen Bewegung diese schönen Bilder, wenn die Kamera einmal irgendwo verharrt. Das ist Kameratechnik in einer Perfektion, wie man sie nur selten zu sehen bekommt.

    Die Handlung selbst erstreckt sie allerdings über gut 10 Stunden. Die Realzeit stand für Mendes, der hier Aufzeichnungen aus dem Familienarchiv verarbeitet, also nicht im Vordergrund. Sein Ziel war vielmehr, durch die scheinbar ununterbrochene Szenerie ein Gefühl der unmittelbaren Nähe zu den Hauptdarstellern zu vermitteln. Mitten drin, statt nur dabei sozusagen. Wenn man darüber nachdenkt, ist das etwas verwirrend. Beim Ansehen ist das aber kein großes Problem und da gibt es zwei Zugänge.

    Entweder man lehnt sich zurück und sieht sich den Film an, ohne sich groß Gedanken zu machen. Die tollen Aufnahmen werden aber nicht das intensive Kinoerlebnis ermöglichen, wie zum Beispiel zuletzt bei Christopher Nolans Dunkirk. Ein Spannungsbogen mag sich nämlich nicht entfalten. Einem kinoaffinen Publikum wird eine solche Betrachtungsweise aber ohnehin nur schwer möglich sein. Es stellt sich nämlich über die zwei Stunden immer wieder die selbe Frage: Wie haben die das nur gemacht? Es ist die Form, der sich hier alles unterordnen muss.

    Formale Experimente dieser Art gehen bis auf Alfred Hitchcock zurück, der 1948 in seinem Film Cocktail für eine Leiche (OT: Rope) auf (sichtbare) Schnitte verzichtete. Es ist aber erst das Wissen um einen richtigen One-Shot, das der Geschichte eine zusätzliche Spannungsebene beschert. Bei Sebastian Schippers Victoria (2015) ist das der Fall. Nichts führt allerdings daran vorbei, was sich an einem Morgen im Dezember 2002 in der Eremitage in Sankt Petersburg ereignete. Aleksandr Sokurovs Russian Ark vollzog den One-Shot in einer nie dagewesenen Eleganz und Perfektion, eingefangen von Kameramann Tilman Büttner.

    Nun also ein Kriegsfilm. 1917 ist ein technisches Meisterwerk. Technik kann manchmal auch langweilen. Der Academy war das trotzdem 10 Oscar-Nominierungen wert. Neben fast allen technischen Kategorien auch die zwei wichtigsten Preise: Regie und Film. 1917 gilt als Favorit. Dass der Film in der Kategorie Schnitt nicht berücksichtigt wurde, ist aber nur konsequent.

    SAM MENDES | 1917 | UK/USA 2019 | 110 MIN. | [usr 3.5]


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  • 7500 ★★★

    7500 ★★★

    Bumm, bumm, bumm. Unentwegt hämmert es an der Sicherheitstür. Es ist ein Flug von Berlin nach Paris und im Cockpit des Airbus A319 lässt sich keiner der beiden Piloten vom Lärm beirren. Noch nicht. 7500 ist in der internationalen Luftfahrt der Code für eine Entführung. Regisseur Patrick Vollrath hat für den gleichnamigen Film gemeinsam mit Senad Halilbašić das Drehbuch verfasst. Es ist seine erste internationale Produktion nach der Oscar Nominierung für den Kurzfilm Alles wird gut im Jahr 2015.

    Im Prolog sieht man Bilder von Überwachungskameras auf dem Flughafen Berlin. Wobei es sich in der Realität um den Flughafen Wien handelt. Vollrath hat hier an der Filmakademie studiert und sein Oscar-Kandidat war der Abschlussfilm. Bald begeben wir uns ins Cockpit und die Kamera wird es bis zur letzten Einstellung nicht mehr verlassen. Eine spannende Entscheidung, die dem Film eine große Authentizität und Dichte verleiht aber auch so manches Problem mit sich bringt.

    Im Cockpit sitzen Pilot Michael Lutzmann (Carlo Kitzlinger) und sein Copilot Tobias Ellis (Joseph Gordon-Levitt). Tobias ist Amerikaner und lebt mit seiner Lebensgefährtin und deren Sohn in Berlin Kreuzberg. Sie heißt Gökce (Aylin Tezel) und ist Stewardess. An diesem Abend fliegen die beiden zufällig gemeinsam.

    Es kommt wie es kommen muss. Drei muslimische Extremisten (Murathan Muslu, Omid Memar und Paul Wollin) versuchen das Cockpit zu stürmen. Der Film beschäftigt sich fortan mit der Frage: Cockpittüre öffnen oder nicht. Was machen, wenn die Liebste mit dem Leben bedroht wird? Die Vorschriften sind klar. Die Tür bleibt zu. Ausnahmslos. Die Entführer hämmern pausenlos an der Tür, versuchen sie aufzubrechen.

    Das Hämmern ersetzt gewissermaßen die Filmmusik, die es nicht gibt. Interessanterweise nimmt man es als Zuseher irgendwann nicht mehr richtig war. Es begleitet einen aber noch nach verlassen des Kinosaales. So eindringlich ist der stumpfe Ton.

    Gordon-Levitt steht natürlich im Zentrum von 7500. Die Kamera lässt ihm kaum eine Verschnaufpause. Stress und Verzweiflung sind ihm im fast komplett dunklen Cockpit ins Gesicht geschrieben, das wir aufgrund des engen Raumes immer knapp vor uns haben. Der Film ist für heutige Verhältnisse mit 92 Minuten relativ kurz und die gehören Gordon-Levitt fast alleine.

    Die Idee, die Handlung ausschließlich in einem Cockpit spielen zu lassen, ermöglicht einen größtmöglichen Realismus. Gedreht wurde in einem echten Cockpit. Die Enge wird spürbar (Kamera: Sebastian Thaler). Allerdings schrängt das die dramaturgischen Mittel stark ein. Es mangelt an Charakteren zu denen man eine emotionale Bindung aufbauen kann. Die Passagiere sieht man nicht. Ziemlich genau ab der Mitte hängt 7500 deshalb im wahrsten Sinne des Wortes etwas in der Luft. Sowohl der Raum als auch die Zeit sind das formale Konzept, in das der Film gezwängt wird. Die Geschichte spielt weitgehend in Echtzeit und das funktionert sehr gut.

    Da der Film in bzw. über Deutschland spielt, ist der Anteil an Deutscher Sprache vor allem im letzten Teil sehr hoch. Das Ende zieht sich etwas und verpflichtet das internationale Publikum zum Lesen von Untertiteln, da die Attentäter aus Deutschland stammen. Deren Motive sind nur bedingt glaubwürdig. Sie wollen sich schlicht am Westen rächen und stellen keinerlei Forderungen.

    7500 spielt mit einer Idee, die ausbaufähig ist. Gut möglich, das der Stoff demnächst als Remake den Weg ins Kino finden wird. Vielleicht wieder mit Patrick Vollrath als Regisseur. Der Schritt in den internationalen Markt ist geschafft. Man kann ihm nur eine erfolgreiche Karriere wünschen.

    7500 | PATRICK VOLLRATH | D/AUT 2019 | 92 Min. | [usr 3]


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  • BIS DANN, MEIN SOHN ★★★★

    BIS DANN, MEIN SOHN ★★★★

    Kaum wo sind Politik und Gesellschaft so eng verbunden wie in der Volksrepublik China. Politische Entscheidungen haben unmittelbar drastische Konsequenzen auf den Alltag der Bevölkerung. Kaum etwas wird dem Zufall überlassen. Die eigene Lebensplanung wurde bis vor kurzem rigoros eingeschränkt. Bis dann, mein Sohn (engl. Festivaltitel So long, my son) von Wang Xiaoshuai erzählt vor diesem Hintergrund zwei Familiengeschichten, die auf schicksalshafte Weise mit einander verbunden sind und sich über drei Dekaden erstrecken.

    Die Erzählung setzt zwei Jahre nach Maos Tod im Jahr 1978 ein und endet 2011, als das Land bereits zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt aufgestiegen war. Die beiden Protagonisten Liu Yoajun (Wang Jingchun) und seine Frau Wang Liyun (Yong Mei) gehören der bitterarmen Arbeiterschaft an und bringen Anfang der 1980er Jahre ihren Sohn Xing auf die Welt. Er wird genau am selben Tag geboren wie Haohao, der Sohn des befreundeten Ehepaars Shen Yingming (Xu Cheng) und Li Haiyan (Ai Liya). Regisseur Wang begleitet die zwei Familien durch die verschiedenen Phasen der chinesischen Entwicklung. Lange Zeit geprägt durch Armut und die Ein-Kind-Politik schaffen es vor allem Yingming und Haiyan, den mit dem Umstieg von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft einhergehenden wirtschaftlichen Aufschwung für sich zu nutzen. Mitte der 90er Jahre kommt kleine Xing bei einem tragischen Unfall in einem Stausee ums Leben. Was genau passiert war, erfährt man erst spät im Film. Es wird aber deutlich, dass die befreundete Familie damit zu tun hat.

    Durch den Unfall trennen sich die Wege der beiden Familien. Gleichzeitig bleiben sie dadurch auch über eine größere Distanz emotional verbunden: Lebenslange Trauer auf der einen Seite und Schuldgefühle auf der anderen. Wang macht es dem Publikum nicht leicht, indem er die Geschichte nicht chronologisch erzählt. Man muss schon sehr genau aufpassen, um vor allem nicht zu Beginn kurzzeitig den Überblick zu verlieren. Nicht nur wegen der vielen Namen, sondern auch deshalb, weil die zeitliche Zuordnung im ersten Moment nur durch den Alterungsprozess der Protagonisten erfolgt und der ist nicht so deutlich wie beispielsweise in The Irishman. Darüber hinaus sind es viele Detail, angefangen bei der Kleidung, in denen sich der Wandel über die Jahrzehnte zeigt.

    Die Entwicklungen des Landes anhand von Einzelschicksalen darzustellen, ist in Bis dann, mein Sohn zweifellos gelungen. Erst innerhalb dieses Mikrokosmos wird deutlich, was es bedeutet, derart rasanten Veränderungen ausgesetzt zu sein. Die stoische Ruhe der Charaktere bestimmt das Tempo des Filmes. Die Kamera von Kim Hyun-seok geht oftmals auf Distanz, gerade wenn es dramatisch wird. Für ihre überzeugende Darstellung wurden Wang Jingchun und Yong Mei im vergangenen Jahr bei der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Regisseur Wang ist ein beeindruckendes Familienepos geglückt.

    Wang Xiaoshuai | OT: Di jiu tian chang (So Long, My Son) | CHN 2019 | 185 Min. | [usr 4]


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  • THE FAREWELL ★★★★½

    THE FAREWELL ★★★★½

    Awkwafina! Die Musikerin und Schauspielerin wurde für ihre Darstellung der sinoamerikanerin Billi Wang in The Farewell gerade mit einem Golden Globe ausgezeichnet. Die Autorin Billi lebt mit ihren Eltern in New York aber der Großteil der Familie ist in ihrer alten Heimat China. Eines Tages erreicht sie die Nachricht, dass die geliebte Großmutter unheilbar an Krebs erkrankt ist. Nun gibt es in China den Glauben, dass es nicht der Krebs ist, der den Menschen tötet, sondern die Angst vor ihm. Daraus folgt, dass man den Betroffenen die Krankheit verschweigt. Also was tun? Regisseurin Lulu Wang verarbeitet in ihrem grandiosen Spielfilmdebüt ihre eigene Familiengeschichte.

    Ein Vorwand wird gesucht, um die ganze Familie zusammenzubringen, um sich insgeheim von Nai Nai (Shuzhen Zhao) verabschieden zu können. Vor dem Hintergrund dieser, aus unserer Sicht, skurril anmutenden Geschichte, handelt The Farewell davon, wie es ist, weit weg von seiner Familie und den eigenen kulturellen Traditionen zu leben. Wie die Zeit vergeht und man mit den Eltern nur mittels Telefon in Kontakt treten kann und dann auf einmal das Ende in Sicht ist. Die Familie von Billi begibt sich auf die Reise nach China. Da ihre Eltern denken, dass sie ihre Emotionen nicht unter Kontrolle halten kann, lassen sie sie zurück. So beschließt Billi kurzerhand auf eigene Faust nach China zu kommen.

    Für Billi ist es eine fremde Welt. Schon als kleines Kind emigrierte sie mir ihren Eltern in die USA. Sie spricht ein wenig die Sprache. Lesen kann sie die Schrift nicht. Es ist gewissermaßen ein Schock für sie, zu sehen, dass sie in den Staaten eine Migrantin ist und in China ebenso eine Fremde. Diese Heimatlosigkeit, die ihre Eltern noch mehr bedrückt, weiß Regisseurin Wang gekonnt zu vermitteln. Für Billi stellt sich die Frage nach ihrer eigene Identität.

    So sitzt die Familie erstmals seit 20 Jahren gemeinsam an einem Tisch. Da alle Anwesenden ihre Trauer verbergen müssen, zieht sich eine humorvoller Unterton durch die gesamte Erzählung. Es ist aber mehr die Situationskomik als witzige Dialoge, die uns zum Schmunzeln bringt.

    Die Kamerafrau Anna Franquesa Solano drückt dem Film mit einem eigenen visuellen Bildstil ihren Stempel auf. Sie orientiert den Bildaufbau an einer chinesischen Bildsprache, rückt die Menschen aus dem Zentrum und lässt Freiräume. Die barocke Filmmusik kommt von Alex Weston. Sie hebt sich von den Bildern deutlich ab und verleiht dem Film einen melancholischen Grundton.

    The Farewell ist ein warmherziges Drama über das Abschiednehmen, das uns trotz der ungewöhnlichen Situation mit der Familie mitfühlen lässt. Und wann gab es schon je eine Trauerrede auf einer Hochzeitsfeier zu hören? Zu Awkwafina lässt sich nur sagen: A star is born.

    THE FAREWELL | LULU WANG | USA 2019 | 101 MIN | [usr 4,5]


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  • THE REPORT ★★★½

    THE REPORT ★★★½

    „Papier macht nur Ärger.“ Als der Senatsmitarbeiter Daniel Jones (Adam Driver) seinen neuen Arbeitsplatz in einer geheimen CIA Aussenstelle betritt, fällt ihm sofort auf, dass es hier weder Drucker noch Papier gibt. Es ist ein neonbeleuchteter fensterloser Raum mit schwerer Eisentür, in dem sich nur Schreibtische mit Lampen und Computern befinden. Nichts soll diesen Raum verlassen, so ein CIA Mitarbeiter. Im Auftrag der Senatorin Dianne Feinstein (Annette Bening) soll Jones hier den, von der Bush Administration im Rahmen des Krieges gegen den Terror bewilligten und durchgeführten, „enhanced interrogation techniques“ auf den Grund gehen. Gemeint sind die in den geheimen CIA Foltergefängnissen vollzogenen Verhöre von Terrorverdächtigen. The Report ist eine wahre Geschichte über einen Beamten, der am Ende einen 7.000-seitigen Bericht erstellte und damit eine Diskussion über die humanitären Werte der US-amerikanischen Gesellschaft in Gang brachte und die Frage aufwarf, wodurch sie sich von ihrem eigentlichen Feind unterscheidet.

    Aber der Reihe nach. 2007 berichtet die New York Times davon, dass die CIA Verhörprotokolle von mutmaßlichen Al-Quaida Mitgliedern vernichtet haben soll. Die kalifornische Senatorin Feinstein beauftragt ihren Mitarbeiter Jones eine Untersuchung durchzuführen und dabei Millionen Seiten an Verhörprotokollen zu studieren. Um ihr Anliegen durchzusetzen, soll sein Team je zur Hälfte aus Demokraten und Republikanern bestehen. In jahrelanger zermürbender Arbeit, die immer wieder von Außen zu boykottieren versucht wird, arbeiten sie sich durch die Dokumente. Nach und nach verliert Jones seine Mitarbeiter und steht am Ende alleine da. 2014 wird eine 500-seitige Zusammenfassung des Berichts veröffentlicht. Der gesamte Bericht ist bis heute unter Verschluss.

    Im Kern befasst sich der Bericht damit, ob diese Methoden, die unter anderem durch das Waterboarding und die Fotos aus Abu Ghuraib zu unrühmlicher Bekanntheit gelangten, tatsächlich zu neuen Erkenntnissen zur Verhinderung von weiteren Terrorattacken führten. Die CIA beruft sich auf pseudowissenschaftliche Untersuchungen von zwei Air Force Psychologen, die dies bestätigen sollen. Denn nur dann sind derartige Methoden verfassungskonform. Dabei ist schon seit den 1970er Jahren bekannt, dass Geständnisse unter solch unmenschlichen Bedingungen anzuzweifeln sind.

    In einer Szene läuft Kathrin Bigelows Zero Dark Thirty im Fernsehen. The Report ist auch als mahnende Weiterführung des Themas zu verstehen. Bigelow erlaubte sich in ihrem Film gewisse Freiheiten und hielt sich nicht ganz an die Realität. Vor allem wenn es darum ging, ob es nun relevante Erkenntnisse durch Folter gab oder eben nicht. Ein entscheidendes – wenn auch nur juristisch relevantes – Detail. Bigelow wurde für die explizite Darstellung der Folterszenen kritisiert. Was 2012 schon fragwürdig war, ist es 2019 erst recht. The Report spart seinerseits ebenso nicht mit ausführlichen Folterszenen (vor allem denen des ersten Folteropfers Abu Zubaydah (Zuhdi Boueri)) und da stellt sich die Frage, ob dies notwenig ist. Es gibt sehr wohl andere und effizientere Gestaltungsmöglichkeiten, um die Brutalität von Folter anzuprangern, als sie in vollem Grauen zu zeigen. Hier ist Kritik am Drehbuch von Regisseur Scott Z. Burns angebracht.

    Darüber hinaus ist The Report ein solider und spannender Politthriller, der das Beamtentum hochhält. Menschen wie Daniel Jones und Dianne Feinstein stehen exemplarisch dafür, was eine Demokratie ausmacht. Selbst wenn ganz oben oder an Schlüsselstellen eines Staates grobe Fehler passieren, gibt es eine Kontrollinstanz. Auch wenn Missstände nur rückwirkend und sehr schleppend aufgedeckt werde, so entfachen sie doch eine Diskussion darüber, was geht und wo die Grenzen sind.

    Adam Driver spielt sich gerade im Charakterfach ganz nach oben. Es ist auch hier gerade seine ungelenke Art und sein alles andere als filmstarmäßiges Auftreten, das seiner Rolle die notwendige Ernsthaftigkeit und Authentizität verleiht. Ein einfacher Beamter. Im ersten Moment blass aber dann trotzdem bestimmt und energisch.

    Die immerwährende Frage, ob man aus der Geschichte etwas gelernt hat, darf auch in diesem Fall bezweifelt werden. Neben den beiden Air Force Psychologen war auch die CIA Mitarbeiterin Gina Haspel bei den Folterungen anwesend. Haspel ist seit 2018 als erste Frau Direktorin des zentralen Nachrichtendienstes CIA.

    Verfügbar bei Amazon Prime.

    THE REPORT | SCOTT Z. BURNS | USA 2019 | 120 Min. | [usr 3,5]


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  • KNIVES OUT – MORD IST FAMILIENSACHE ★★★★

    KNIVES OUT – MORD IST FAMILIENSACHE ★★★★

    Das neue Jahr startet mit einem der unterhaltsamsten Filme der letzten Zeit. Von Regisseur und Drehbuchautor Rian Johnson kommt ein klassischer Whodunit in die Kinos, der ständig falsche Fährten legt und uns von einer überraschenden Wendung zur nächsten stolpern läßt. Der Krimi Knives Out macht kein Geheimnis daraus, wo die großen Vorbilder liegen und punktet mit einem exzellenten Ensemble, einem feinen Setdesign und einer sanften Modernisierung des Themas.

    Harlan Thrombey (Christopher Plummer) ist ein erfolgreicher Krimiautor und er ist tot. Mit einer durchschnittenen Kehle liegt er am Morgen nach seiner großen Party zum 85. Geburtstag in seinem Zimmer unter dem Dach seiner feudalen gotischen Villa. Seine gesamte Familie profitierte von seinem Erfolg und Reichtum und alle sind sie tatverdächtig. Da wären seine Tochter Linda (Jamie Lee Curtis), ihr herrlich unsympathischer Ehemann Richard (Don Johnson) und deren Sohn Ransom (Chris Evans). Sohn Walt (Michael Shannon) ist für die Vermarktung zuständig und der Enkel Jacob (Jaeden Martell) ist ein kleiner Nazi. Wanetta Thrombey (K. Callan) ist Harlans Mutter, von der niemand weiss, wie alt sie ist. Zugegen sind weiters eine Schwiegertochter (Toni Collette), die Haushälterin (Eid Patterson) und Harlans Pflegerin Marta Cabrera (Ana de Armas). Zwei Cops (LaKeith Stanfield und Noah Segan) sollen klären, ob es sich um Selbstmord handelt. Ihnen zu Seite steht der Meisterdetektiv Benoit Blanc (Daniel Craig). Die Frage danach, wer ihn angeheuert hat, wird das Publikum über weite Strecken des Films beschäftigen.

    Marta, die Einwandererin, ist die gute Seele, von allen „geliebt“ und zwar so sehr, das niemand so richtig weiß, aus welchem Land sie eigentlich stammt. Jedenfalls war sie die engste Vertraute des Verblichenen und rückt bald ins Zentrum der Erzählung. Ana de Armas ist erstmals in einer derart tragenden Rolle zu sehen und meistert ihre Aufgabe umgeben von zahlreichen Schauspielschwergewichten bravourös. Chris Evans tritt erst relativ spät ins Geschehen ein und wird so unweigerlich als der heimliche Star präsentiert. Angesichts seiner Kolleginnen ist das zum Schmunzeln. Seine Rolle als Captain America hat ihm nunmal den Status eines Superstars verpasst. Die große Überraschung ist Jamie Lee Curtis. Ihre Darstellung der smarten Geschäftsfrau sticht am meisten hervor. Daniel Craig beweist nach Logan Lucky mit seinem Charakter neuerlich Humor und gibt trotzdem einen stilvollen Detektiv ab. Und keine Sorge: Schauspielgigant Christopher Plummer hat in zahlreichen Rückblenden genügend Auftritte.

    Über den Verlauf der Geschichte behält man am besten Stillschweigen. Ausstattung und Kostümdesign sind mit Liebe zum Detail ausgeführt und tragen zur stimmigen Transferierung des Themas in die Gegenwart bei. Es ist nur so, dass Anfangs noch alle Familienmitglieder als verdächtig gelten müssen, die Handlung jedoch zu schnell die ein oder andere Figur links liegen läßt. Selbst wenn man ahnt, in welche Richtung die Reise geht, so ist uns Regisseur Johnson jedoch immer einen Schritt voraus. Neben dem Whodunit Thema läßt der Regisseur auch immer wieder gesellschaftskritische Elemente einfließen, die nicht zuletzt in der Rolle der Krankenpflegerin Marta zusammenlaufen.

    Warum uns Knives Out so überrascht? Weil gerade im Unterhaltungskino derzeit das Mittelmaß regiert. Aktuelle Agathe Christie Neuverfilmungen sind Durchschnittsware und darüber hinaus sind klassische Wodunit-Krimis selten geworden. Dabei können sie doch so unterhaltsam sein. Das beweist Rian Johnson gerade mit seinem kniffligen Drehbuch. Es ist nichts Neues aber offenbar haben wir das Genre vermisst. Die Kombination von Ratekrimi, schwarzem Humor und exzellenten Darstellerinnen ist eine unwiderstehliche. Und welch Ironie, so es das Publikum möchte: „Benoit Blanc will return“.

    RIAN JOHNSON | OT: KNIVES OUT | USA 2019 | 130 Min. | [usr 4]


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  • ATLANTIQUE ★★★★

    ATLANTIQUE ★★★★

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    [icon name=“exclamation-triangle“] Kann Spoiler enthalten

    In Dakar, der Hauptstadt des Senegal, fordert eine Gruppe von Bauarbeitern ihren Lohn ein. Oft ist es das einzige Familieneinkommen und somit die Existenzgrundlage. Der Baustellenleiter kann ihnen jedoch kein Geld aushändigen. Die Männer treffen eine folgenschwere Entscheidung. Atlantique ist das Spielfilmdebüt der Regisseurin Mati Diop. Ein Name, den man sich merken sollte.

    Zu Beginn treffen sich Ada (Name Binet Sane) und Suleiman (Traore) in einem Rohbau am Meer. Das Liebespaar befinden sich in einer verzweifelten Lage. Die Familie von Ada hat sie einem Mann versprochen. So möchte es die Tradition. Einen Fremden zu heiraten ist für Ada ein Alptraum. Suleiman schaut immer wieder aufs Meer hinaus und scheint abwesend. Der Blick in den Horizont hat für jeden eine andere Bedeutung, wie sich bald herausstellen wird.

    Geschichten über Migration werden meist aus Sicht der Menschen auf der Flucht erzählt und spielen jedenfalls fast immer auf europäischem Boden. Hier findet Diop jedoch einen völlig neuen Zugang. Was ist mit den Frauen die zurückbleiben, wenn sich die Männer in ein kleines Boot setzen und in den Atlantik hinaus steuern?

    Suleiman und die anderen verschwinden in der folgenden Nacht. Kurz darauf wird Ada verheiratet und da beginnen auch die merkwürdigen Ereignisse. Das Ehebett geht in Flammen auf. Angeblich hat jemand Suleiman gesehen. Regisseurin Diop schlägt einen Weg ein, der das breite Publikum im ersten Moment durchaus verschrecken könnte. Seltsames passiert mit den Frauen. In die harte Realität mischen sich in Atlantique übernatürliche Elemente von lokaler Spiritualität. Am Ende macht dieser Kunstgriff durchaus Sinn.

    Das Debüt der französischen Regisseurin Mati Diop, gedreht in der Sprache Wolof, wurde in Cannes 2019 mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet. Darüber hinaus steht der Film auf der Short List für den Auslandsoscar 2020. Netflix hat sich die weltweiten Rechte gesichert, bewirbt den Film aber leider nicht. So verkommt er irgendwo in den Weiten des Streamingdienstes. Völlig zu unrecht. Neben überzeugenden Darstellern, die teils zum ersten Mal vor der Kamera stehen, ist der Soundtrack von Fatima Al Qadiri erwähnenswert. Atlantique findet einen mythisch-poetischen Weg, um sich mit dem Thema transkontinentaler Migration auseinanderzusetzen und ist dabei höchst erfolgreich.

    MATI DIOP | ATLANTIQUE (engl. Atlantics) | F/SEN/BEL 2019 | 104 Min. | [usr 4]



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  • ALS HITLER DAS ROSA KANINCHEN STAHL ★★★★

    ALS HITLER DAS ROSA KANINCHEN STAHL ★★★★

    Es ist Weihnachten im Jahr 1934. Arthur Kemper (Oliver Masucci) schenkt seiner Frau Dorothea (Carla Juri) einen aufgerollten, mit Klaviertasten bedruckten Stoff. Musik ist Dorotheas Leidenschaft. Das Familienklavier musste sie aber so wie alles Hab und Gut in Berlin zurücklassen. Arthur und Dorothea sind mit ihren Kindern Anna (Riva Krymalowski) und Max (Marius Hohmann) auf der Flucht vor den Nazis. Es ist eine der berührendsten Szenen in Caroline Links neuen Film Als Hitler das Rosa Kaninchen stahl, die Geschichte einer jüdischen Familie, die fernab der Nazigräuel im Exil lebt und nichts hat ausser einander. Die Szene versinnbildlicht nicht nur die kleinen Freuden im Leben, sondern auch die Bedeutung der Familie in Krisenzeiten.

    Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht der 10-jährigen Anna. Durch Kinderaugen erfahren wir, was es bedeutet, die vertraute Umgebung und alle Freunde hinter sich zu lassen – auch das geliebte rosa Kaninchen. Aufgeschrieben hat die Erzählung Judith Kerr, die im gleichnamigen Roman ihre eigene Lebensgeschichte verarbeitet. Sie verstarb erst im vergangenen Jahr in London, wo sie letztendlich eine neue Heimat fand. Ihr Vater Arthur war ein bedeutender Theaterkritiker, Gegner der Nationalsozialisten und Sozialist. Weitsicht und ein Hinweis auf die bevorstehende Verfolgung veranlassen ihn noch vor Hitlers Machtergreifung zur Flucht. Erst nach Prag, dann nach Zürich. Schon bald folgt ihm der Rest der Familie nach.

    Vom gewohnten wohlhabenden Leben muss man sich bald verabschieden. Es ist schwer für Arthur, eine neue Beschäftigung zu finden. Niemand möchte sich mit den Nazis anlegen. So beginnt eine Zeit der Entbehrungen, in der die Familie eng zusammenrückt. Roman und Film erzählen von den Jahren 1933-1935, in denen die Familie zuletzt weiter nach London fliehen muss. Jedes Mal bedeutet das für alle von vorne zu beginnen, die Sprache neu zu lernen und sich in der Fremde versuchen zurechtzufinden. Die aufgeweckte und freche Anna nimmt alles mit einer kindlichen Leichtigkeit hin. Die Sorgen der Eltern entgehen ihr nicht aber im Schutz der Familie fühlt sie sich gleichzeitig unverwundbar. Auch wenn die Spannungen, die sich durch die schwierige Situation aufbauen, stetig zunehmen.

    Die leider viel zu selten zu sehende Anne Bennent spielt die Vermieterin in Paris. Sie interessiert sich weniger für das Schicksal der Familie, als dass sie ihre wöchentliche Miete bezahlt. Antisemitismus mischt sich bei ihr genauso in ihre lakonischen Kommentare, wie bei der deutschen Nachbarin. Justus von Dohnáni ist der liebevolle Onkel Julius. Er entschließt sich in Deutschland zu bleiben. Denn eines ist klar: so einfach ist es nicht, alles hinter sich zu lassen. Vor allem wenn es noch Hoffnung gibt, dass alles doch nicht so schlimm werden würde.

    Als Hitler das rosa Kaninchen stahl wirft einen etwas anderen Blick auf eine finstere Zeit. Es ist die subjektive Sicht eines kleinen Mädchens, das sich nur nach und nach ein Bild davon machen kann, was um sie herum eigentlich passiert. Es sind die kleinen Momente und Gesten, die das Publikum zu tränen rühren und nicht das große Grauen. Auch Dank einer großartigen Ensembleleistung.

    Der Film erzählt ein Fluchtschicksal, dass sich so mancher zu Herzen nehmen sollte, der ein falsches Bild von Flucht und den damit einhergehenden Konsequenzen hat.

    Caroline Link | Als Hitler das rosa Kaninchen stahl | D 2019 | 119 Min. | [usr 4]

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  • PORTRÄT EINER JUNGEN FRAU IN FLAMMEN ★★★★½

    PORTRÄT EINER JUNGEN FRAU IN FLAMMEN ★★★★½

    Mit historischen Kostümfilmen kann man mich jagen. Michael Kohlhaas (dir. Arnaud des Vallières, 2013) oder Barry Lyndon (dir. Stanley Kubrick, 1975) gehören zu den Ausnahmen. Der aktuelle Film der Regisseurin Celine Sciamma gehört auch dazu. Das Melodram mit dem sperrigen Titel Porträt einer jungen Frau in Flammen verhandelt nichts weniger, als die Rolle von Frauen in der Gesellschaft, im ausgehenden 18. Jahrhundert, in dem der Film angesiedelt ist, genauso, wie in der heutigen Zeit. Sciamma schrieb auch das Drehbuch und wurde dafür in diesem Jahr in Cannes ausgezeichnet. Der Film galt neben dem späteren Gewinner Parasite als Favorit im Rennen um die Goldene Palme.

    Marianne (Noémie Merlant) erinnert sich zurück. Als Malerin in Paris steht sie im Schatten ihres Vaters. Ihre Arbeit wird geduldet. Anerkennung oder Respekt wird ihr keiner zu Teil. Damit war sie nicht alleine. Heute reicht ein Blick in ein beliebiges kunsthistorisches Museum. Bilder, gemalt von Frauen, sind dort nur schwer auszumachen. Nun sitzt Marianne Model für ihre Schülerinnen. Dabei fällt ihr Blick auf eines ihrer eigenen Gemälde, dass eine Schülerin aus dem Depot geholt hat. Es zeigt eine Frau in der Nacht, deren Kleid Feuer gefangen hat. In den folgenden zwei Stunden erfahren wir, warum sie der Blick auf dieses Gemälde so emotional aufwühlt. Was es bedeutet, als Frau nicht den gesellschaftlichen Konventionen entsprechen zu wollen und wieviel Wahrheit in Liebe stecken kann.

    Die Frau auf dem Bild ist Héloïse (Adèle Haenel). Im Jahr 1770 wird Marianne auf eine abgelegene Insel in der Bretagne beordert, um ein Porträt herzustellen. Die Herzogin (Valeria Golino) möchte ihre Tochter Héloïse verheiraten und das Porträt soll die Abmachung besiegeln. Héloïse rebelliert jedoch gegen die Heirat und weigert sich Model zu sitzen. Gerade war ein Maler an ihr gescheitert. Marianne soll sie nun die Tage mit ihr verbringen, ihr Gesicht studieren und das Porträt heimlich anfertigen. Die beiden Freunden sich an. Für Marianne wird es immer schwerer, den Auftrag heimlich hinter dem Rücken von Héloïse auszuführen. Das Komplott fliegt auf und die Enttäuschung ist groß. Doch schon von Beginn an zeigt sich in den gegenseitigen Blicken, dass es ein Verlangen nach mehr gibt als bloßer Konversation.

    Sciammas Drama spiegelt sich überwiegend in den Blicken der zwei Frauen wieder. Blickt Marianne in die Augen von Héloïse, ist es, als sehe sie das Publikum an. Es sind verlegene, dann durchdringende Blicke, die eine zaghafte Erwiderung finden. Das Verlangen auszubrechen ist groß. Ständig begleitet vom knisternden Kaminfeuer und dem rascheln des Stoffes ihrer ausladenden Kleider, die wie eine unüberwindbare Barriere wirken. Musik gibt es in Porträt keine. Als die Herzogin für ein paar Tage die Insel verläßt, bleiben die Beiden mit der Magd Sophie (Luna Bajrami) zurück. Auch über ihr schwebt eine große Last.

    Die drei Frauen schließen einen unausgesprochen Pakt. Sie wollen ihr Leben selbst bestimmen. Wenn es auch nur für ein paar Tage ist. Regisseurin Sciamma bringt dem Publikum dabei ins Bewusstsein, wie stark alles, was wir zu sehen bekommen, durch den Blick von Männern geprägt ist. Das zeigt sich auch in der Ästhetik des Films. In malerischen Bildern und in einem auf das Notwendigste reduzierte Interieur spielen die Darstellerinnen (es spielen, bis auf einen Knecht, nur Frauen) vor der Kamera und die Kamera umgarnt sie nicht, wie das sonst so oft üblich ist. Dabei wahrt sie im richtigen Moment Distanz und kommt ihnen näher – manchmal näher als nur irgendwie möglich – wenn es angebracht ist. Dann hört man jeden Atemzug und glaubt die Herzen klopfen zu spüren.

    Der Film könnte in jeder Zeit spielen. Die zeitliche Verortung scheint in erster Linie ästhetischen Kriterien zu folgen. Es gibt neben den gesellschaftlichen Normen und den Kleidern kaum Anhaltspunkte, die auf eine bestimmte Epoche hinweisen. So gelingt es Sciamma, eine gewisse Allgemeingültigkeit zu erreichen. Vielleicht ist Porträt bei all der Formalität und durchkomponierten Ästhetik etwas zu konventionell geraten und man hätte sich doch einen leidenschaftlichen Ausbruch gewünscht. Unter der Oberfläche brodelt es aber gewaltig. Mehr subtile Leidenschaft hat man im Kino selten gesehen.

    Porträt einer jungen Frau in Flammen (OT: Porträt de la jeune fille en feu) | Drehbuch & Regie Céline Sciamma | FR 2019 | 120 Min. | [usr 4.5]


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  • DIE ZWEI PÄPSTE ★★★★½

    DIE ZWEI PÄPSTE ★★★★½

    Im Vatikan gibt es immer genügend Fanta auf Vorrat. Es ist das Lieblingsgetränk des emeritierten Papstes Benedikt XVI. Mit seinem Rücktritt hat der Papst im Jahr 2013 die ganze Welt überrascht. Der letzte Papst davor trat vor rund 500 Jahren zurück. Meist passierte das auf Druck von außen und nicht alters- oder gesundheitsbedingt. Benedikt XVI ist der zweite Papst, der freiwillig zurückgetreten ist, in der immerhin 2000 Jahre andauernden Geschichte des Pontifikats. So begibt es sich nun, dass im Vatikan zwei Päpste miteinander Fanta trinken können. Wieviel Leidenschaft bei seinem Nachfolger Franziskus dahinter steckt, ist nicht überliefert. So der so bietet diese außergewöhnliche Situation die Grundlage für Fernando Meirelles neuen Film Die zwei Päpste.

    Die Handlung fokussiert sich auf das Jahr 2012, als Kardinal Jorge Bergoglio von Argentinien nach Rom reist, um dem Papst seinen Rücktritt anzubieten. Gesundheitlich angeschlagen, ist dies nicht unüblich, um einer möglichen Wahl zum Papst zuvorzukommen. Beim der letzten Konklave im Jahr 2005 erhielt Bergoglio laut Insiderinformationen (das Wahlergebnis ist geheim) 40 der 115 Stimmen. An sich galt seine Wahl als eher unwahrscheinlich, auch wegen des hohen Alters (Zur Zeit seiner Wahl war Bergoglio 76 Jahre alt und somit nur 10 Jahre jünger als Benedikt XVI). Außerdem wusste auch Bergoglio noch nichts von Papst Benedikts großen Plänen.

    Benedikt hält seinen Besucher hin und möchte das Ansuchen partout nicht unterschreiben. Aus dem kurzen Besuch wird eine längere Begegnung, bei der sich die Beiden über Tage austauschen und ihre Positionen in Glaubensfragen diskutieren. In Die zwei Päpste vermischen sich dabei Realität und Fiktion. Allerdings wird der Film nur selten unglaubwürdig und stützt sich auf bekannte Positionen, Aussagen und Insiderwissen. Grundlage ist der Roman Die zwei Päpste: Franziskus und Benedikt und die Entscheidung, die alles veränderte von Antony McCarten, der auch das Drehbuch zum Film verfasst hat.

    Der Film thematisiert, wenn auch teilweise nur kurz, die großen Probleme der katholischen Kirche der letzen Jahre, wie den Kindesmissbrauch oder den Skandal um die Vatikanbank. Der Jesuit Bergoglio ist ein großer Zweifler seiner selbst und in Rückblenden sieht man woher diese kommen. Nicht restlos geklärte Verstrickungen mit der Junta während der Militärdiktatur in Argentinien lasten auf seinen Schultern.

    Getragen wird der Film aber von seinen formidablen Hauptdarstellern. Anthony Hopkins als Benedikt und Jonathan Pryce als Bergoglio geben ein traumhaftes Duo ab. Beide gehen ganz in ihren Rollen auf. Pryce hat nie die Anerkennung erfahren, die ihm zusteht und ist hier in der Rolle seines Lebens zu sehen. Hopkins knüpft an seine großen Erfolge an, die bereits lange zurück liegen. Es ist eine Freude, den beiden bei ihrem pointierten Schlagabtausch zuzuhören.

    In der Originalversion sprechen die beiden Englisch miteinander. Auch sonst legte Regisseur Meirelles Wert darauf, das Sprachengemisch, in dem wir leben, möglichst realistisch darzustellen. So gibt es Passagen auf Deutsch, Latein, Spanisch und Latein. Selbst in der deutschen Fassung ist der Film daher nicht vollständig synchronisiert. Das und eingeschobenes Archivmaterial verleihen dem Film eine große Authentizität.

    Die zwei Päpste ist unterhaltsam und auf eine gewisse Weise spannend zugleich. Auch wenn die Ereignisse und Positionen rund um dem Rücktritt selbst weniger Interessierten bekannt sein dürften, gibt der Film einen Einblick in ein Amt, das keiner inne haben möchte und versucht den Menschen hinter den dicken Mauern des Vatikans näher zu kommen. Netflix ist in diesem Jahr zum wiederholten Mal ein Glücksgriff gelungen, wobei man schon davon sprechen muss, dass System dahinter steckt, hochqualitative Unterhaltung zu produzieren.

    Die zwei Päpste (OT: The two Popes) | Fernando Meirelles | UK/USA/IT/ARG | 126 Min. | [usr 4.5]


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