Schlagwort: Review

  • THE CLIMB ★★★★

    THE CLIMB ★★★★

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    Eine ungewöhnliche Männerfreundschaft. Ungewöhnlich ist in The Climb aber nicht nur die Beziehung zwischen Kyle (Kyle Marvin) und Mike (Michael Angelo Covino, Regie), sondern die Entstehungsgeschichte ebenso wie die Umsetzung. Ausgehend von einer Idee für einen Kurzfilm, die nun der Beginn des Filmes ist, haben die beiden Freunde in zwei Monaten das Drehbuch zu The Climb geschrieben.

    Darum geht es

    Unterteilt in 8 Kapitel erstreckt sich die Handlung über mehrere Jahre, in denen wir Höhen und sehr viele Tiefen dieser Beziehung zu sehen bekommen. Wobei Mike hier die Rolle des impulsiven und unberechenbaren Parts über hat und man sich immer wieder fragt, warum Kyle überhaupt mit ihm befreundet ist. Etwa, nach dem Mike gleich zu Beginn während einer Radtour gesteht, dass er mit Kyles zukünftigen Frau geschlafen hat. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass Mike sich zwischen Kyle und eine Frau stellt aber deren Beziehung scheint das auszuhalten.

    The Climb (USA, 2019)

    Kommentar

    Der Film hat etwa 15 Szenen, die jeweils ohne Schnitt aufgenommen wurden. Die Kameraarbeit ist dabei sowohl präzise wie originell. Mal beobachtend und dann wieder mitten im Geschehen. Auch der Ton ist, besonders hinsichtlich des Entstehungsprozesses, sehr gelungen.

    The Climb feierte eine erfolgreiche Premiere in Cannes und lief weiters auch in Sundance, Toronto und München. Marvin und Covino standen nach der Vorstellung während der Viennale im vergangenen Jahr für ein Q&A zur Verfügung und es war einer jener Momente, wo diese halbe Stunde nicht nur aufschlussreich war, sondern den Film als solchen noch bereichert hat.

    Die beiden Filmemacher nennen Altman, Rohmer oder Sautet als Vorbilder. Sie lieben den französischen Film und Chansons. All diese Einflüsse sind zu spüren und doch haben sie mit The Climb etwas neues geschaffen, nämlich ein erfrischendes Buddymovie, das Charme und technische Finesse vereint, uns nicht nur zum Lachen bringt sondern auch ein authentisches Leinwandduo präsentiert, bei dem die Chemie einfach stimmt. Eine Empfehlung.


    THE CLIMB | USA 2019 | MICHAEL ANGELO COVINO | 98 MIN. | [usr 4]


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  • TENET ★★★

    TENET ★★★

    Der Lauf der Dinge hat Christopher Nolens Tenet zur buchstäblichen Karotte werden lassen, der alle Filmfans seit Wochen hinterherlaufen. Lange Zeit schien der neue Science-Fiction-Film von einem der wichtigsten Regisseure unserer Zeit unerreichbar zu bleiben. Über den Inhalt konnte nur spekuliert werden und der Trailer war konfus und wirkte wenig überzeugend. Es ist dem ständigen Bestreben Nolans zu verdanken, den Kinobesuch selbst zum einzigartigen und unersetzbaren Erlebnis werden zu lassen, dass Tenet dort und da doch noch in den Kinos gestartet ist. Ohne allzu viel Werbung und begleitet von hygienischen Unsicherheiten, die ein Kinobesuch heute mit sich bringt, läuft der erste Blockbuster in diesem Jahr vor beinahe leeren Sitzreihen (Auch wenn aus den USA vermeldet wird, das Einspielergebnis übertreffe die Erwartungen). Vieles diesseits der Leinwand ist heute anders aber auch auf der Leinwand gibt es Neues zu sehen. Hat sich das Warten gelohnt?

    Darum geht es

    Ja? Bitte werfen sie 2€ in den Automaten und es folgt eine Erklärung der vergangenen einhundertfünfzig Minuten. Im Gegensatz zur Kinokassa würden sich hier wohl Schlangen bilden. Der namenlose Protagonist, gespielt von John David Washington, trägt jedenfalls wenig zur Aufklärung bei. Das bringt auch jedes veröffentlichte Filmstill zum Ausdruck. Ein wo-bin-ich-hier und was-geht-hier-vor ist dem Geheimagenten in jeder Einstellung in die Stirnfalten geschrieben. Er solle Schlimmeres als einen Nuklearkrieg verhindern. Von einer Wissenschaftlerin erfährt er, dass es in der Zukunft möglich sein wird, Objekte invertieren zu lassen, das heißt, dass sie in der Zeit zurückgehen können. Beispielsweise kann so ein Gegenstand, der in der Zukunft fallengelassen wurde, in der Gegenwart den genau umgekehrten Weg gehen. Das klingt etwas unverständlich und das ist es auch.

    Es gilt zu verhindern, dass die Fähigkeit, solche Prozesse ablaufen zu lassen, in die falschen Hände gerät. Hier kommt der russische Oligarch Andrei Sator (großartig verkörpert von Kenneth Branagh) ins Spiel. Gemeinsam mit seinem Partner Neil (Robert Pattinson) versucht unser Held über Sators Frau Kat (Elizabeth Debick) an ebendiesen heranzukommen. Er soll der Schlüssel zur Inversion sein, die dem Duo nach und nach zu schaffen machen wird. Sator möchte mangels Lebensglück der Welt ein Ende setzen. Dabei entfaltet sich ein Puzzle, dessen Bestandteile sich immer erst im Nachhinein als solche entpuppen.

    John David Washington und Robert Pattinson in Tenet

    Kommentar

    Bereits in Memento (2000) zeigt Christopher Nolan sein Faible für das Spiel mit der Zeit und achronologischen Handlungsabläufen. Zuletzt sahen wir in Dunkirk (2017) ein und die selbe Sequenz aus drei Perspektiven. In Tenet geht er einen Schritt weiter, in dem er Ereignisse zeitgleich vorwärts und rückwärts ablaufen läßt. Um das zu begreifen, muss man sich schon sehr anstrengen und es stellt sich die Frage, ob Nolan hier nicht über das Ziel hinausgeschossen ist. Zum leichteren Verständnis trägt nicht bei, dass die Audiospur der Dialoge selbst im Dolby Cinema oftmals schwer verständlich ist. Mal kommt sie durch ein Funkgerät und dann wird sie wieder von einem Soundteppich überlagert. Man kann dem Film zugute halten, dass er trotz Überlänge nicht langweilig wird und einige tolle Schauwerte zu bieten hat. Dabei werden neben dem Bild auch gleich die Soundeffekte rückwärts abgespielt. „And the winner is … “ Es drängt sich fast auf.

    Diese Inschrift, gefunden in den Ruinen von Pompeji, inspirierte Nolan zu seinem neuen Film.

    Jene aber, die sich nicht bloß zurücklehnen möchten, sondern genau wissen möchten, was da gerade vor sich geht, wird Tenet frustiert zurücklassen. Der Protagonist und sein Kompagnon sind Männer ohne Hintergrundgeschichte. Mit der Ausnahme von Branaghs Charakter bleiben die Figuren sehr flach und entsprechend fehlt es ihnen gegenüber an Empathie. Es ist Nolans erster Film, dem ein gewisser Humor nicht abzusprechen ist. Ob die Konstellation Washington/Debick auch in dieser Hinsicht zu betrachten ist, sei dahingestellt.

    Mag sein, dass sich so manches erst nach mehrmaligem Ansehen erschließt. Das gilt hier aber nicht als Qualitätsmerkmal. Eines ist Tenet nämlich sicher nicht: ein Meisterwerk wie 2001: Odysee im Weltraum, das Spielraum für Interpretationen lässt und zum Philosophieren anregt oder ein Film wie Inception, mit seiner komplexen Geschichte. Die Protagonisten werden in Tenet von einer Station zur nächsten weitergereicht. Lässt man die Zeitreisen, bzw. Umkehrungen der Zeitlinie, weg, bleibt ein durchschnittlicher Agententhriller mit spektakulären Actionszenen übrig.

    Wegen Michael Caine braucht man sich den Film übrigens nicht anzusehen. Sein Leinwandauftritt dauert kaum drei Minuten.

    CHRISTOPHER NOLAN | USA 2020 | 150 MIN. | [usr 3 ]


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  • THE SOUVENIR ★★½

    THE SOUVENIR ★★½

    Seit Joanna Hoggs The Souvenir beim Sundance Film Festival 2019 Premiere feierte, wird dem Film anhaltende Begeisterung entgegengebracht, von FilmkritikerInnen und Prominenz bis hin zu Barack Obama, für den das 80er Jahre Beziehungsdrama ein Höhepunkt des vergangenen Filmjahres war. Während sich die Kinos sonst auf Klassiker und aktuellere Wiederaufnahmen beschränken, gibt es hie und da also noch neue Filme auf dem Spielplan. Es sind die letzten Überbleibsel der vergangenen Saison. Dabei zeichnet sich ab, dass an Neustarts von vor allem großen Hollywood Produktionen für längere Zeit nicht zu denken ist. Ist dieser Sommer erst vorbei, kann es schnell Frühjahr/Sommer 2021 werden, bevor die Studios ihre Filme für den Weltmarkt freigeben. Sollte das tatsächlich so passieren, stehen der Filmwelt die schwierigen Zeiten erst bevor.

    Darum geht es

    Julie (Honor Swinton Byrne) ist eine Filmstudentin in England Anfang der 1980er-Jahre. In ihrem aktuellen Filmprojekt, versucht sie aus ihrem privilegierten Umfeld auszubrechen. Mitten in die Arbeit platzt der wesentlich ältere Anthony (Tom Burke). Sein vornehmes Auftreten wirkt auf sie anziehend. Als angeblicher Mitarbeiter im Außenministerium eröffnet er ihr eine neue Welt. Bald schlittern die beiden in eine Liebesaffäre. Anthony zieht bei ihr ein. Dann bemerkt sie, dass irgendetwas nicht stimmt, ignoriert das aber vorerst.

    Honor Swinton Byrne und Tilda Swinton in THE SOUVENIR

    Kommentar

    The Souvenir ist ein kleines Gemälde von Jean-Honoré Fragonard aus dem 18. Jahrhundert. Es zeigt das Mädchen Julie, das den Namen ihres Geliebten in einen Baum ritzt. Anthony zeigt es Julie und präsentiert sich am Anfang ihrer Beziehung als kunstsinniger Dandy. Swinton Byrne (die Tochter von Tilda Swinton, die auch im Film ihre Mutter spielt) spielt eine verschlossene und zurückhaltende Filmstudentin. Ganz anders ist da Anthony, gespielt von Tom Burke. Seine direkte und scheinbar offene Art wirken auf Julie anziehend. Joanna Hogg sind mit ihrer semi-biographischen Erzählung (ein so ähnliche Geschichte hatte sie selbst erlebt) zwei intensive Charakterportraits gelungen. Swinton Byrne beeindruckt und es ist bald klar, dass ihr die Berühmtheit der Mutter nicht im Weg stehen wird.

    Den starken Darstellerin steht allerdings eine Story gegenüber, die nicht so recht zu fesseln vermag. Gerade die Szenen auf der Filmschule strecken den Film in eine quälende Länge. The Souvenir ist zu sehr Kunstfilm (großartige Ausstattung) um auf Dauer emotional berühren zu können. Wenn The Souvenir für die KritikerInnen einer namhaften – britischen – Filmzeitschrift der beste Film des Jahres ist, dann ist das nicht ganz nachvollziehbar. Es scheint so zu sein, als funktioniert der Topos Medium Film im Film und die Auseinandersetzung mit der eigene Realität durch das Medium Film immer noch sehr gut. Teil 2 ist bereits abgedreht.


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  • UNDINE ★★★★

    UNDINE ★★★★

    Es dauert keine Minute und Christian Petzolds (Transit) neuer Film UNDINE katapultiert das Publikum hinein in die Gefühlswelt der Hauptfigur. Die Blicke und Gesten in der ersten großartigen Szene sind so intensiv und eindringlich, dass man sich ihnen nicht entziehen kann. Der Regisseur interpretiert den, vor allem in der deutschen Romantik rezipierten, Mythos der Wasserfrau Undine neu und orientiert sich dabei an Ingeborg Bachmanns Erzählung „Undine geht“. UNDINE wurde bei der Berlinale ausgezeichnet und ist nun einer der ersten Neustarts nach der Wiedereröffnung der heimischen Kinos.

    Darum geht es

    Undine (Paula Beer) lebt in Berlin. Als Stadthistorikerin bringt sie Besuchern die Geschichte Berlins näher. Zu Beginn verlässt sie ihr Freund Johannes (Jacob Matschenz). Für Undine hat das, so steht es in den alten Märchen, dramatische Konsequenzen. Sie muss den treulosen Mann töten und ins Wasser zurückkehren, aus dem sie einst gekommen ist. Undine versucht diesem Fluch Widerstand zu leisten. In einem Lokal trifft sie auf den Industrietaucher Christoph (Franz Rogowski) und verliebt sich in ihn. Vom ersten Moment an ist Wasser das bestimmende Element ihrer Beziehung. Undine entdeckt das Leben neu, doch Christoph merkt bald, dass im unterbewussten Undine etwas plagt. Sie führt einen inneren Kampf gegen ihr vorherbestimmtes Schicksal.

    Paula Beer und Franz Rogowski in UNDINE

    Kommentar

    Nun also neuerlich Paula Beer und Franz Rogowski als Paar auf der Leinwand. Diesmal steht Beer mehr im Vordergrund und verleiht dem Film seine ganze Kraft und Magie. Zwischen einer schicksalshaften Verletzlichkeit und Selbstbestimmung füllt die Schauspielerin das Wesen Undine mit Leben. Ihre großartige Darstellung wurde bei der Berlinale mit dem Silbernen Bären honoriert. Rogowski übt sich an Zurückhaltung, festigt nach Transit einmal mehr seinen Status als bedeutender Schauspieler seiner Generation.

    „Wenn du mich verlässt, muss ich dich töten.“ sagt Undine zu Beginn. Regisseur Petzold wirft das Publikum gleich ins Geschehen und das kann im ersten Moment etwas irritierend sein, wenn man mit der Geschichte um die Sagengestalt Undine, die ihren Ursprung im 14. Jahrhundert hat, nicht vertraut ist. Die Liebe zu einem Mann ermöglicht ihr ein Leben an Land und wenn sie der betrügt, muss sie ihn töten und wieder zurück ins Wasser. Und Wasser spielt nicht nur bei der ersten Begegnung eine Rolle, sondern natürlich auch wenn Christoph seinem Beruf als Industrietaucher nachgeht. Die Tauchsequenzen in den finsteren Tiefen eines Stausees sind meisterhaft in Szene gesetzt.

    Manchen mag UNDINE zu trocken geraten sein, gerade wenn sich der Film mehrmals in nüchternen stadthistorischen Details verliert. Petzold hat sie aber klug in die Geschichte eingebaut. Ob es sich um ein modernen Märchen handelt muss am Ende jeder für sich entscheiden. Der Regisseur lässt dies offen. Andeutungen gibt es aber genügend. Jedenfalls sollte man den Film im ohnehin kargen Kinojahr nicht verpassen.

    Auszeichnungen

    Preis der internationalen Filmkritik für den besten Film des Wettbewerbs sowie Silberner Bär für Paula Beer als beste Darstellerin bei der Berlinale 2020.


    UNDINE | Christian Petzold | DE, FR 2019 | 90 min | Polyfilm Filmverleih | [usr 4]


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  • INTRIGE ★★★★½

    INTRIGE ★★★★½

    Das Historiendrama mit dem knappen Titel Intrige wurde im vergangenen Jahr bei den Filmfestspielen von Cannes uraufgeführt und gewann sogleich den Großen Preis der Jury. Im Herbst wurde Roman Polanskis Film über die Dreyfus-Affäre in Venedig mit dem Silbernen Löwen, dem Großer Preis der Jury ausgezeichnet und vor wenigen Tagen bekam der französisch-polnische Filmregisseur gleich drei César überreicht. Wobei ganz so stimmt das nicht. Polanski erschien nicht zur Gala in Paris. Er fürchtete sich vor Aktionen von Frauenrechtlerinnen. Längst steht nicht mehr das Werk von Polanski sondern seine Vergangenheit im Mittelpunkt der Berichterstattung. Immer wieder kommt es zu belastenden Anklagen von Frauen, die Polanski missbraucht haben soll. Er bestreitet dies und stellt dabei so manchen Kritiker vor ein selbst auferlegtes moralisches Dilemma. Nämlich vor die Frage, ob Werk und Autor zu trennen seien. Gerade im Fall von Roman Polanski eine nur bedingt notwendige Diskussion. Polanski ist kein Harvey Weinstein. Aber das soll ihr ohnehin nicht Thema sein. Der 87-jährige Regisseur beweist mit Intrige einmal mehr, dass er immer noch zu den bedeutendsten europäischen Regisseuren zählt.

    Der Filmtitel – im Original J’Accuse – leitet sich von dem gleichnamigen offenen Brief des französischen Schriftstellers Émile Zola ab, den er 1898 verfasste. Darin klagte er führende Militärs des Amtsmissbrauchs an. Ein gesellschaftlicher und politischer Skandal. Worum ging es? Der junge Offizier Alfred Dreyfus (Louis Garrel) wurde drei Jahre zuvor wegen Spionage für Deutschland verurteilt und ins Exil auf die Teufelsinsel im Atlantik verbannt. Dem gerade zum Leiter der militärische Abwehreinheit beförderten Offizier Marie-Georges Picquart (Jean Dujardin) eröffnen sich wenig später die dunklen Machenschaften des Militärapparates. Korruption und Vertuschung stehen auf der Tagesordnung. Der Jude Dreyfus war ein Opfer einer antisemitischen Hetzkampagne. Picquart setzt von nun an alles daran, um Dreyfus zu rehabilitieren. Nicht wegen seiner jüdischen Herkunft, sondern der Gerechtigkeit willen. Ein schwieriges und gefährliches Unterfangen. Es ist ein langer Weg, bis die Wahrheit an die Öffentlichkeit gelangt.

    Die Geschichte ist verworren und komplex. Schon allein wegen der Vielzahl an beteiligten Personen. Polanski schafft es, sie gemeinsam mit dem Autor Robert Harris klar und verständlich zu erzählen. Intrige legt ein betrügerisches System von Antisemitismus offen. Eine zentrale Rolle spielen dabei handschriftliche Dokumente und deren Analysen. Das Geräusch, des durch Hände gleitenden Papiers, beschwört die Wahrheit herauf, die in den Schriftstücken steckt. Die Rollen sind allesamt exzellent besetzt. Jede Einstellung wirkt wie ein Gemälde. Die Ausstattung ist opulent.

    Mag sein, dass Polanski selbst im Schicksal Dreyfus‘ Ähnlichkeiten zu seiner eigenen Biographie festzumachen vermag. Intrige ist jedoch viel zu unaufgeregt und sachlich, um dahingehend als Manifest verstanden zu werden. Gerade das Ende wird fast beiläufig erzählt. Kein falscher Pathos. Historische Nüchternheit. Ein wichtiger und aktueller Film.

    ROMAN POLANSKI | INTRIGE (OT: J’ACCUSE) | F 2019 | 132 MIN. | [usr 4,5]


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  • AMERICAN FACTORY ★★★★½

    AMERICAN FACTORY ★★★★½

    Dieser Netflix Dokumentarfilm, produziert von Michelle und Barack Obama, zeigt, wie die Arbeiterschaft in Zeiten von Automatisierungsprozessen und Globalisierung unter die Räder gerät. Erst schließt General Motors ein Werk in Ohio und tausende Menschen verlieren ihren Job. Dann übernimmt ein chinesischer Konzern die Fabrik und gründet eine Niederlassung in den USA. Was sich erst als Rettung in der Not darstellt, entpuppt sich in American Factory bald als Sackgasse. Der neue Investor hat so ganz andere Vorstellung vom Umgang mit den Rechten der ArbeiterInnen..

    Der Druck ist vom ersten Tag groß. Maßstab für die Produktionsleistung und Qualität der Windschutzscheiben, die hier bei Fuyao Glas America produziert werden, ist der Mutterkonzern in China. Das Leben wird dort durch die Arbeit bestimmt. Das eigene Ich tritt in den Hintergrund. Urlaub gibt es so gut wie keinen. Genauso wenig wie irgendwelche Sicherheitsvorkehrungen und sonstige Arbeiterrechte.

    American Factory handelt von einem Clash of Cultures, der manchmal witzig sein kann und gleichzeitig schockierend ist. Arbeiter aus China werden extra dafür abgestellt, die amerikanischen Kollegen einzuweisen und zu beaufsichtigen. Es entstehen Freundschaften die oft mit einer gewissen Skepsis einhergehen. Zumindest entsteht der Eindruck, die Chinesen hielten die Amis alle für Vollhoschis.

    So amüsant manche Begegnung auch sein mag, so ernst ist der Hintergrund. Eines macht der Investor von Anfang an klar: Kommt die Gewerkschaft, sperrt er zu. Ein interner Kampf beginnt und am Ende wird nicht jeder seinen Job behalten können. Da ist die Konzernführung skrupellos.

    Hinzu kommt eine ständige Steigerung der Produktivität, die nur durch Automatisierung erreicht werden kann. Roboter ersetzen Arbeiter. Ein Problem das in nächster Zeit weltweit hunderte Millionen ArbeiterInnen betreffen wird. American Factory zeigt das auf. Ein Film, über ein Problem, für das es bis jetzt keine Lösung gibt. Eine Tragikomödie, die man gesehen haben sollte.

    AMERICAN FACTORY | STEVEN BOGNAR, JULIA REICHERT | USA 2019 | 110 MIN. | [usr 4.5]

    Netflix hat ein 10 minütiges Gespräch zwischen Barack und Michelle Obama und dem Regieduo auf die Plattform gestellt. LINK [$]


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  • LITTLE WOMEN ★★★★½

    LITTLE WOMEN ★★★★½

    Lady Bird, das großartige Erstlingswerk des Multitalents Greta Gerwig von 2017, entpuppt sich nun ein weiteres Mal als Glücksfall. Zu Little Women, nach dem gleichnamigen Roman von Louisa May Alcott aus dem Jahr 1868, hatte sie bereits das Drehbuch verfasst. Nun bekam Gerwig auch die Möglichkeit, den Film selbst zu inszenieren. Sie rührte in der Chronologie der Geschichte ordentlich um und schüttelte den alten Stoff kräftig durch, um ihn von jeglichem Staub der Zeit zu befreien. Das Ergebnis ist ein erfrischend aktueller Film, mit einer herausragenden Besetzung, über die Emanzipation von vier Schwestern im 18. Jahrhundert.

    Die Geschichte ist gegen Ende des amerikanischen Bürgerkriegs angesiedelt. Josephine March (Saoirse Ronan) lebt mit ihren drei Schwestern Margaret (Emma Watson), Amy (Florence Pugh), Elisabeth (Eliza Scanlen) und ihrer Mutter Marmee (Laura Dern) in New England. Der Vater (Bob Odenkirk) befindet sich noch im Krieg. Die Wünsche und Träume der jungen Frauen prallen auf die gesellschaftlichen Erwartungen der damaligen Zeit. Vorrangiges Ziel soll es sein, eine gute Partie zu machen, also reich zu heiraten. Vor allem Josephine, genannt Jo, stellt sich gegen diese Konventionen und möchte ihren eigenen Willen durchsetzen. Sie steht im Zentrum der Erzählung. Als Alter Ego der Autorin May Alcott möchte sie Schriftstellerin werden und versucht ihre Geschichten dem Verleger Mr. Dashwood (Tracy Letts) zu verkaufen. Für ihn ist eines wichtig: Die weiblichen Figuren müssen am Ende entweder verheiratet oder tot sein. Das passt Jo so überhaupt nicht in ihre Vorstellungen.

    Florence Pugh als Amy in LITTLE WOMAN (2019)

    Bald müssen die vier bemerken, wie schwierig es ist, ihre Vorstellungen vom emanzipierten Leben umzusetzen. Damit kommt am ehesten noch Margaret zu recht, die sich mit der Rolle der Mutter in der Familie abzufinden weiß und dabei auf eine Karriere als Schauspielerin verzichtet. Amy, die für einige Zeit ihre Tante (Meryl Streep) nach New York begleitet, macht dort erste Bekanntschaften mit Männern und möchte Malerin werden. Elisabeth ist das Nesthäkchen und leidenschaftliche Klavierspielerin. Auch wenn die Unterschiede mit zunehmenden Alter größer werden, tut das dem Zusammenhalt der unterschiedlichen Schwestern keinen Abbruch.

    Saorise Ronan und Timothée Chalamet in LITTLE WOMEN (2019)

    Der Nachbarsjunge Laurie (Timothée Chalamet) verdreht nicht nur dem Kinopublikum den Kopf. Das Raunen im vollen Kinosaal bei seinem ersten Auftritt ist nicht zu überhören. Er gilt zurecht als einer der großen Begabungen unter den derzeitigen Jungschauspielern. Im Film gilt sein Interesse Jo. Da sie sich mit Rollenclichés aber überhaupt nicht abfinden mag, erfährt er immer wieder Zurückweisungen. Little Women ist aber kein Spiel um Intrigen und Leidenschaften, wie man es sonst aus Filmen des Genres kennt, sondern vielmehr ein Feelgood Movie mit Tiefgang, in dem die Männer zu charmanten Nebendarstellern werden und die Interessen der Frauen alleine im Mittelpunkt stehen.

    Emma Watson, Saorise Ronan , Eliza Scanlen und Florence Pugh in LITTLE WOMEN (2019)

    Gerwig entschied sich dazu, die Geschichte nicht chronologisch zu erzählen. Durch die ständigen Sprünge zwischen zwei Zeitachsen fordert sie ihr Publikum etwas aber gleichzeitig verleiht das der Geschichte die nötige frische und erhöht gleichzeitig die Aufmerksamkeit. Der Stoff, der schon mehrmals verfilmt wurde (zuletzt: Betty und ihre Schwestern, 1994), wird dadurch nur interessanter.

    Es gab schon lange keinen Film, in dem die Lebensfreude der Charaktere so auf das Publikum übergesprungen ist. Little Women kommt nur im ersten Moment im Gewand eines Kostümfilms daher. Obwohl das Kostümdesign, genauso wie die Kamera von Yorick Le Saux, bemerkenswert ist. Es ist eine sanfte Erneuerung des Stoffes, die Gerwig vorgenommen hat und den Film modern und geradezu zeitlos macht und sie selbst zu einer der spannendsten Regisseurinnen Hollywoods. Bei den Oscars wurde das vorerst mit 6 Nominierungen honoriert, unter anderem in der Kategorie Bester Film. Für das Drehbuch darf sich Gerwig durchaus Chancen ausrechnen.

    GRETA GERWIG | LITTLE WOMEN | USA 2019 | 135 MIN. | [usr 4.5]


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    ▶︎ JOJO RABBIT

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  • EIN VERBORGENES LEBEN ★★★★½

    EIN VERBORGENES LEBEN ★★★★½

    Mit seinen letzten Arbeiten (To The Wonder, The Tree of Life) strapazierte Regisseur Terrence Malick nicht selten die Geduld seines Publikums. Stargespickt aber mit transzendentalen und philosophischen Exkursen, Naturaufnahmen, Voice-over und dem ihm eigenen Bildstil der fließenden Kamerabewegungen in extrem weitwinkeligen Einstellungen (Kamera: Emmanuel Lubezky), verlor sich der US-Amerikaner oft in Belanglosigkeiten. Nun hat er sich den letzten Wochen im Leben des oberösterreichischen Wehrmachtsdissidenten Franz Jägerstätter angenommen. Auf einmal macht das alles Sinn. Natur, Drama, Dynamik: Hier fließt alles in einer Unmittelbarkeit zusammen. Ein verborgenes Leben (OT: A Hidden Life) ist in all seiner Kraft überwältigend.

    Der aus St. Radegund stammende Franz Jägerstätter (August Diehl), geboren 1907, bewirtschaftete gemeinsam mit seiner Frau Franziska (Valerie Pachner) einen Bauernhof. 1940 wird er zum Militärdienst einberufen, jedoch als unabkömmlich eingestuft. Im Zuge einer weiteren Einberufung am 1. März 1943 erklärte der streng Gläubige beim Militärkommando in Enns, dass er auf Grund seiner religiösen Einstellung den Wehrdienst mit der Waffe ablehne. Jägerstätter wird in das Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis im Linzer Ursulinenhof gebracht und Anfang Mai in das Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Berlin-Tegel überstellt. Am 6. Juli 1943 wird Franz Jägerstätter wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt und am 9. August 1943 hingerichtet.

    Jägerstätters Geschichte ist in Österreich wenig bekannt. Erst in den 1970er Jahren wurde er von einem amerikanischen Soziologen wiederentdeckt. Davon ausgehend wurde seine Rehabilitation vor allem von katholischen Organisationen vorangetrieben. Dadurch erlangte Jägerstätter in den USA eine gewisse Bekanntheit. In Österreich selbst und hier speziell in St. Radegund, war es ein mühsamer Weg, den Kriegsdienstverweigerer als Kriegsopfer entsprechend zu würdigen. Das geschah zuletzt 2014 bei der Enthüllung des „Denkmals für die Verfolgten der NS-Militärjusstiz“ auf dem Wiener Ballhausplatz.

    Ein Verborgenes Leben beginnt in den Wochen bevor Jägerstätter zum Militärdienst einberufen wurde. In der oberösterreichischen Idylle, an der Deutschen Grenze zwischen Salzburg und Braunau am Inn, arbeitet man hart, um über die Runden zu kommen. Es ist das Jahr 1940 und der Krieg ist für die Bevölkerung in weiter Ferne. Doch irgendwann wird auch das entlegendste Dorf von ihm erfasst, dann, wenn die Männer zum Kriegsdienst abkommandiert werden. Jägerstätter hat den Entschluss bereits seit längerem gefasst, der Einberufung nicht folge zu leisten und den Eid auf Adolf Hitler zu verweigern. Er ist aber nicht frei von Zweifeln.

    Lange Gespräche mit dem Pfarrer Ferdinand Fürthauer (Tobias Moretti) und dem Bürgermeister Major Kraus (Karl Markovics) lassen ihn aber nicht davon abbringen. Kraus redet ihm zu: Warum das alles? Niemand wird sich im Nachhinein an ihn erinnern. Dabei sieht es die Dorfgemeinschaft als staatsbürgerliche Pflicht, den Dienst am Vaterland zu leisten. Hier teilt sich die Handlung und die Geschichten von Franziska und Franz werden parallel erzählt.

    Nachdem Jägerstätter sich verweigert und ins Gefängnis gesperrt wird, richtet sich die lokale Bevölkerung gegen seine Frau Franziska und die Kinder. Sie gelten von nun an als Verräter. In eindringlichen Szenen wird spürbar, was die Familie durchmachen musste und vor allem worin das Regime seine Stärke bezog. Franziska und ihre drei Töchter sind täglichen Denunzierungen ausgesetzt. Malick stützt sich in seiner Erzählung auf den Briefwechsel zwischen Franz und Franziska.

    Franz wird mehrmals verlegt und kommt zuletzt nach Berlin. Dort wird er dem Richter Lueben (Bruno Ganz in einer seiner letzten Rollen) vorgeführt, der ihn vergeblich umzustimmen versucht. Er wird zum Tod verurteilt und es beginnt das Warten auf die Hinrichtung. Am 9. August 1943 wird Franz Jägerstätter schließlich ermordet. Die Szenen vor der Hinrichtung – die man selbst nicht sieht – gehören zu den stärksten der jüngsten Filmgeschichte. In St. Radegund läuten die Kirchenglocken. August Diehls schauspielerische Leistung ist außerordentlich. Genauso wie die von Valerie Pachner. Gemeinsam geben sie ein herzzerreißendes Liebespaar ab.

    Es ist gerade Malicks unverkennbarer Stil, der Ein Verborgenes Leben zu einem so eindringlichen Film macht. Er gibt den Schauspielern größtmögliche Freiheiten und arbeitet mit extrem langen Takes. Dabei filmt er seine Schauspieler auch dann, wenn eigentlich gerade Drehpause war. Wenn es dichter wird, sucht die Kamera die Bilder, drängt sich an die Schauspieler. Dann wieder die Weite mit der schönen Landschaft. Malick und sein Kameramann (diesmal: Jörg Widmer) wissen genau, wann sie welche Einstellung einsetzen. Gezielt setzt Malick historisches Bildmaterial ein.

    Durch den Film zieht sich das für Malick typische philosophische Voice-Over. Hinzu kommt – zumindest in der englischen Originalfassung – ein Sprachengewirr. Das ursprüngliche Vorhaben, den Film in Deutscher Sprache zu drehen, hat man irgendwann fallen gelassen. Grundsätzlich funktioniert das auch mit einem ausschließlich österreichischen und deutschen Cast überraschend gut. Doch dann wechselt Malick zwischen Deutsch und Englisch. Eine nicht nachvollziehbare Entscheidung. Für den Regisseur steht die Sprache einfach nicht im Vordergrund seiner Erzählung. In der synchronisierten Fassung kommt das aber ohnehin nicht zum Tragen.

    Ein verborgenes Leben zeigt eine Form des stillen Widerstands gegen das Naziregime. Mit all seiner Konsequenz. Darüber hinaus ist es eine berührende Liebesgeschichte. Die tiefe Liebe zwischen Franz und Franziska ist ergreifend. Für Jägerstätter ist sein Handeln nicht in einer religiösen Überzeugung begründet, sondern eine Gewissensfrage. Es ist eine Entscheidung, die er nicht mit seinen Liebsten Teilen kann, sondern für sich selbst treffen muss.

    Nicht zuletzt werden wir mit der Frage konfrontiert, wie wir selbst gehandelt hätten. Es ist eine zutiefst zermürbende Frage, weil wir keine eindeutige Antwort darauf geben können. Auch wenn wir das gerne können würden. Ein Verborgenes Leben ist ein Kriegsfilm abseits kriegerischer Auseinandersetzungen und erzählt die Geschichte so, das es kaum vorstellbar ist, sie je anders zu erzählen. Die große Überraschung der letzten Viennale ist der Film der Stunde, der Film des vergangenen Jahres und vielleicht des Jahrzehnts.

    EIN VERBORGENES LEBEN (OT: A HIDDEN LIFE) | TERENCE MALICK | D/USA 2019 | 174 Min. | [usr 4,5]


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  • LE MANS 66 – GEGEN JEDE CHANCE ★★★★

    LE MANS 66 – GEGEN JEDE CHANCE ★★★★

    Während sich die einen in scheppernden Blechbüchsen ins All schießen ließen, versuchten andere in der horizontalen technische Rekorde aufzustellen und blieben zumindest bis sie in einer Kurve abhebten auf dem Boden. Der Motorrennsport war noch ein unmittelbares Ereignis. Bis in die 1960er Jahre konnten die Zuschauer den Fahrtwind der vorbeirauschenden Autos spüren und standen direkt an der Stecke. Pioniergeist lag in der Luft. Zu dieser Zeit startete Ford den Versuch, die jahrelange Erfolgswelle von Ferrari in Le Mans zu stoppen. Die Scuderia Ferrari hatte das Rennen seit 1960 in jedem Jahr gewonnen. Le Mans 66 erzählt nun eine wahre Geschichte, deren Ausgang wohl nur Motorsportfans kennen dürften.

    Am Anfang stand das Angebot von Ford, den wirtschaftlich schwächelnden Automobilhersteller Ferrari zu übernehmen. Hintergedanke war der, dass Ford in den Motorsport einsteigen wollte und Ferrari der größte Konkurrent war. Die Bedingungen von Ford entzürnten Enzo Ferrari und er lehnte ab. Fiat kam zum Zug. Auch wenn Regisseur James Mangold hier den Zeitablauf etwas durcheinander bringt, bedeutet das in Le Mans 66 den Beginn für einen Wettlauf um den Sieg beim legendären Langstreckenrennen im Jahr 1966. Ford engagiert dafür den ehemaligen Rennfahrer und nunmehrigen Konstrukteur Carroll Shelby (Matt Damon). Shelby wählt Ken Miles (Christian Bale) als Werksfahrer.

    Der Grundkonflikt spielt sich nicht zwischen Ford und Ferrari ab, sondern innerhalb von Ford selbst. Vizepräsident Leo Bebe (Josh Lucas) ist die Zusammenarbeit mit Shelby und vor allem dem Fahrer Miles ein Dorn im Auge. Miles gilt als unberechenbar und dem Image der Marke nicht zuträglich. Henry Ford II (Tracy Letts) hat nicht immer die Kontrolle über seine Firma oder wie Enzo Ferrari (Remo Girone) richtig bemerkt: Er ist nicht Henry Ford, sondern Henry Ford II und damit weit entfernt vom Pioniergeists seines Großvaters oder dem von Ferrari selbst. Le Mans 66 handelt vom Kampf Shelbys, seine Strategie gegenüber den Auftraggebern durchzusetzen.

    Ken Miles ist der einzige mit einer Hintergrundgeschichte. Es ist auch der spannendste Charakter und Christian Bale das Zentrum des Films. Seine Darstellungskraft und Wandlungsfähigkeit ist neuerlich beeindruckend. Darüber hinaus hätte man doch gerne mehr über die Beteiligten erfahren. Carroll Shelby ist nicht mehr als der Mittelsmann zwischen den Managern von Ford und seinem Fahrer Miles. Die Italiener im Film verkommen leider überwiegend zu Karikaturen und müssen für die Lacher sorgen. Alleine der legendäre Enzo Ferrari sticht etwas hervor. Die Leidenschaft Ferraris für den Motorsport steht dem purem ökonomischem Kalkül bei Ford gegenübergestellt.

    Der Film versucht ansatzweise zu vermitteln, was es benötigt um ein schnelles Auto zu bauen. Oder besser: ein Auto, das schneller ist als alle anderen. Die Rennszenen sind spektakulär und man sollte sie sich auf der großen Leinwand nicht entgehen lassen. Optisch gibt der Film einiges her. Eine Einstellung ist schöner als die andere (Kamera: Phedon Papamichael). Durch die Mischung aus Rennsport und Drama kann Le Mans 66 (wie schon Rush, 2013) ein großes Publikum begeistern. Gerade wegen des tragischen Schicksals von Miles, der 1966 seine erfolgreichste Saison fuhr. Selbst wenn man sich vor und nach den 2 1/2 Stunden nicht für Autos interessieren mag, macht der Film durchaus Spaß. Mit seinen 4 Oscar Nominierungen (auch Bester Film, allerdings keine Nominierung für Bale) gehört er aber eher in die Kategorie lucky-to-be-there.

    JAMES MANGOLD | LE MANS 66 – GEGEN JEDE CHANCE (OT: Ford v Ferrari) | USA 2019 | 153 MIN | [usr 4]


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    JOJO RABBIT ★★★★½

    Das war so nicht zu erwarten. Taika Waititis JoJo Rabbit ist eine Nazi-Persiflage, die nicht nur außerordentlich komisch ist, sondern noch dazu auf inhaltlicher Ebene überzeugt. Ob man über die Nazigräuel lachen darf, wurde schon oft diskutiert. Wer es nicht kann, sollte von dem Film die Finger lassen. Die es können, werden vor Lachen fast vom Kinosessel fallen und gleichzeitig zutiefst berührt sein, von der Geschichte über einen kleinen Nazi-Jungen.

    Johannes „JoJo“ Betzler (Roman Griffin Davis) ist ein Hasenfuß, gerade einmal zehn Jahre alt und verliebt in Hakenkreuze. Ein überzeugter Nazi. Die Aufnahme in die Hitlerjugend, ein großer Traum. Seine Mutter Rosie (Scarlett Johansson) verfolgt eine andere Agenda, die aber anfangs im Dunkeln bleibt. Jojo hat zwei beste Freunde. Einer davon ist Adolf Hitler (Taika Waititi), den er sich stets an seine Seite imaginiert. Sam Rockwell als Nazi Hauptmann Klenzendorf, Rebel Wilson als Fräulein Rahm und Tomasin McKenzie (bekannt aus Leave no Trace) als jüdisches Mädchen Elsa komplettieren das wunderbare Ensemble. Jojo tut alles, um ein perfekter Nazi zu sein, seine Tollpatschigkeit versperrt ihm aber den Weg zu einer Nazi-Karriere. Da macht er zu Hause eine unerwartete Entdeckung.

    Jojo Rabbit hat als Satire, die sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigt, gewichtige Vorbilder von Charlie Chaplins Der große Diktator (1940), Ernst Lubitschs Sein oder Nichtsein (1942) und Mel Brooks Frühling für Hitler (1968) bis zu Roberto Benignis Das Leben ist schön (1998) und Quentin Tarantinos Inglourious Basterds (2009). Vor allem, wenn es der Darstellung der Nazis an notwendigem Ernst fehlte, hagelte es Kritik. So nun auch im Falle von Jojo Rabbit. Geschmacklosigkeiten wurden Mel Books schon 1968 vorgeworfen. Sein Drehbuch für Frühling für Hitler gewann schließlich den Oscar und der Film gilt heute als Klassiker.

    Waititi (Thor: Tag der Entscheidung , 2017) wirft mit Stereotypen jener Zeit nur so um sich, dass es eine Freude ist. Wobei halt! Jener Zeit? Unterscheiden sich die herabwürdigenden Darstellungen von Menschen jüdischen Glaubens und andere Widerlichkeiten überhaupt von jenen, wie sie heute mit leidenschaftlicher Wehemenz von so mancher Landesorganisation des Rechten Lagers verbreitet werden? Erschreckend wenig.

    Was alleinstehend einfach nur ungustiös ist, verwandelt sich aber im Kontext des Filmes in eine wunderbare Persiflage. So mag eine derartige Satire für manche auf wackeligen Beinen stehen. Sie ist jedoch ein gangbarer Weg um dem Bösen zu begegnen, ohne beim Publikum falsche Schuldgefühle hervorzurufen. Was wiederum ein Kritikpunkt an Steven Spielbergs Schindler’s Liste gewesen ist und damals nicht einmal ganz unbeabsichtigt war. Hält Jojo Rabbit nun einer kritischen Auseinandersetzung stand?

    Durch den enormen Erfolg des Filmes, so findet Waititi, tritt das Risiko, das die Produktion eingegangen ist, in den Hintergrund. Anstatt der Fox-Fanfare zu Beginn hört man „Gib mir deine Hand“ von den Beatles und dazu sehen wir viele Menschen, die ihre rechte Hand Richtung Himmel strecken. So etwas kann leicht in die Hose gehen. Das Nazi-Regime durch die Augen eines Kindes zu betrachten ist Waititi gelungen. Der Film hat Charme, Witz und beweist für eine Satire ungewöhnlichen Tiefgang. Vor allem durch den Charakter der Mutter. Scarlett Johansson ist so etwas wie das liebevolle Herz des Filmes. Nur um ihren Sohn zu beschützen, läßt sie ihn in dem Glauben, Mitglied einer überzeugten Nazi-Familie zu sein. Bis sich das Blatt wendet.

    Am Schluss setzt David Bowies Song „Helden“ dem ganzen die Krone auf: „Wir können sie schlagen für alle Zeiten.“ Der Film sagt dem Hass den Kampf an. Humor hat sich immer schon als effektive Waffe erwiesen. Der Psychiater Viktor Frankl, der drei Jahre in Konzentrationslagern verbracht hatte, schrieb: „Der Humor ist eine Waffe der Seele im Kampf um ihre Selbsterhaltung.“ Jojo Rabbit mag vielleicht überambitioniert wirken in dem Versuch Tragik und Komik zu vereinen. Am Ende sitzt man aber im Kinosessel, vollgepackt mit Emotionen, die man erst einmal für sich selbst einordnen muss. Wie oft passiert das schon?

    TAIKA WAITITI | JOJO RABBIT | USA 2019 | 108 MIN. | [usr 4.5]


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