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  • HILLBILLY ELEGY ★★★

    HILLBILLY ELEGY ★★★

    Der neueste Film von Regisseur Ron Howard basiert auf dem autobiographischen Roman Hillbilly Elegy: A Memoir of a Family and Culture in Crisis von J. D. Vance aus dem Jahr 2016. Es war das Jahr, in dem Donald Trump überraschenderweise die Präsidentschaftswahl für sich entscheiden konnte. Der Roman wurde zum Beststeller und retrospektiv dazu herangezogen, besser verstehen zu können, was da genau passiert war. Hillbilly Elegy ist eine Familiengeschichte aus dem Rust Belt, der ehemals ältesten und größten Industrieregion der USA, die vom Strukturwandel der letzten Jahrzehnte besonders betroffen war und dem Lager der Trump Unterstützer zuzurechnen ist. Die abfällig auch Hilbillys genannten Bewohner der Apalachen, jenem Gebirgszug, der sich von Norden nach Süden durch den ganzen Osten der USA erstreckt, interessieren sich sich herzlich wenig für die Themen der Weltpolitik. Es geht vielmehr um das tägliche Überleben. Im Falle von J.D. Vance ist es geprägt von schwierigen familiären Verhältnissen und dem Wunsch, dem Teufelskreis immer wiederkehrender Gewaltausbrüchen zwischen den Generationen zu entkommen. Eine Filmkritik, keine Literaturkritik.

    Darum geht es

    Zu Beginn, es ist das Jahr 1997, ist J. D. Vance (gespielt von Owen Asztalos als Jugendlicher und 13 Jahre später von Gabriel Basso) mit seiner Familie im Sommer auf Verwandtschaftsbesuch in Kentucky. Schon vor vielen Jahren ist die Familie Richtung Norden nach Ohio gezogen. Der Arbeit wegen. Doch jetzt liegt alles danieder. Die Arbeitslosigkeit ist hoch. Geschlossene Läden prägen das Straßenbild und spiegeln die wirtschaftlich triste Lage wider. J. D.s Mutter Bev (Amy Adams) hat die Arbeit als Krankenschwester drogenkrank gemacht. Der Junge sucht Zuflucht bei der Oma Bonnie (Glenn Close), die ihrerseits Anteil daran hat, dass ihre Tochter mit dem Leben nicht fertig wird.

    Die Handlung springt zwischen zwei Zeitebenen hin und her: 13 Jahre später studiert J. D. auf der Yale University. Als Kriegsveteran tat sich ihm diese Möglichkeit auf. Er führt mit seiner Freundin Usha (Frida Pinto) ein Leben fernab seiner Vergangenheit. Um sein Studium zu finanzieren, hat er gleich mehrere Jobs. Dann ereilt ihm just in der Woche wichtiger Vorstellungsgespräche ein Anruf seiner Schwester Lindsay (Haley Bennett). Die Mutter ist rückfällig geworden. Er begibt sich auf eine zehnstündige Autofahrt zurück in seine alte Heimat.

    J D. (Owen Asztalos) sucht Zuflucht bei der Oma (Glenn Close).

    Kommentar

    Man hatte hohe Erwartungen an die Verfilmung von Hillbilly Elegy. Während sie beim Publikum recht gut angekommen ist, wurde das Familiendrama von der Kritik regelrecht in der Luft zerrissen: Das Potential der Buchvorlage wurde nicht ausgenutzt und überhaupt hatte man das alles schon einmal woanders gesehen und würden nur Klischees bedient. Das mag stimmen. Die Perspektive ist aber neu. Nicht von außen, sondern von mitten drinnen stammt dieser Bericht über die Widrigkeiten der von Arbeitslosigkeit gebeutelten Menschen im Rust Belt. Armut macht krank. Arbeitslosigkeit macht krank. Niemand wird hier verurteilt und es ist auch kein Blick von oben herab. Hillbilly Elegy begegnet seinen Figuren auf Augenhöhe.

    Trotz der tragischen Geschichte ist Hillbilly Elegy keine schwere Kost, allerdings gleichzeitig ziemlich humorlos. Das Drehbuch stammt von Vanessa Taylor, die für The Shape of Water mit einem Oscar nominiert wurde. Der Film springt geschickt zwischen den zwei Zeitebenen hin und her. Man behält den Überblick.

    Ohne Zweifel sind Glenn Close und Amy Adams die Stars von Hillbilly Elegy. Dick aufgetragen ist an manchen Stellen aber nicht nur das Make-up. Jedoch zeigt der Nachspann, welch gute Arbeit beim Casting gemacht wurde. Sämtliche Darsteller sind den realen Vorbildern sehr ähnlich.

    Inszeniert ist das ganze recht konventionell. Eine eigene Handschrift von Ron Howard ist schwer auszumachen. Der Regisseur war in der Vergangenheit im Action Genre genauso erfolgreich wie im kleinen dramatischen, fast kammerspielartigen Fach. Das mag für manche zu beliebig sein. Ecken und Kanten sucht man hier vergebens. Politische Statements fehlen ebenso. Kurzweilig ist Hillbilly Elegy trotzdem und am Ende kann man zumindest erahnen, wie die Menschen in dieser Region ticken.

    Streamingplattform

    Netflix


    HILLBILLY ELEGY | RON HOWARD | USA 2020 | 116 MIN. | [usr 3]


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  • ONWARD: Keine halben Sachen ★★★★

    ONWARD: Keine halben Sachen ★★★★

    Wenige Tage nach dem Filmstart von Onward im März mussten die Kinos schließen. Die Filmplakate hingen noch für Monate in der Stadt. Das hatte einen gewissen apokalyptischen Touch. Als wäre damals die Welt still gestanden und irgendwie war das auch so. Seit kurzem ist die Pixar Produktion beim hauseigenen Streamingdienst Disney+ verfügbar. Eine gute Gelegenheit die Geschichte über zwei Elfenbrüder, die ihren verstorbenen Vater mit einem Zauber für einen Tag zurückholen möchten, nachzuholen.

    Darum geht es

    In der Fabelwelt der Elfenbrüder Ian und Barley Lightfoot geht mit der fortschreitenden Technisierung die Magie immer mehr verloren. Doch auf einmal steht Ian vor der Möglichkeit, ihren früh verstorbenen Vater mittels magischem Zauber für einen Tag zurück ins Leben zu holen. Bei dem Versuch geht aber etwas gehörig schief. Die Materialisierung gelingt nur von den Schuhen bis zum Hosenbund. Die beiden Brüder begeben sich mit dem halben Vater auf eine „Quest“, eine Reise, um ein magisches Artefakt zu finden. Damit soll es ihnen gelingen, den Zauber zu beenden. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, denn der Vater wird beim nächsten Sonnenuntergang wieder vollkommen verschwunden sein. Ihnen dicht auf den Fersen sind die besorgte Mutter und deren neuer Lebenspartner, ein Polizei-Zentaur.

    Ian hört auf Kassette die Stimme seines Vaters.

    Kommentar

    Es ist immer wieder erstaunlich, was man sich bei Pixar alles einfallen lässt. Die Grundthemen sind in den Filmen immer wieder zu finden: Familie, Freundschaft, Erwachsenwerden und große Abenteuer. Kombiniert mit einer State of the Art Animationstechnik, ist die Tochter Firma von Disney ganz klar Marktführer. So wie es Disney über Jahrzehnte selbst gewesen ist. Onward ist nur die logische Fortführung dieser sich nur marginal verändernden Konzepte. Dabei werden hier erkennbar animierte Elemente mit einer Teils hyperrealen Welt verschmolzen.

    Besonders erwähnenswert ist, wie die Geschichte am Ende aufgelöst wird. Man würde meinen, dass es Ian selbstverständlich gelingt, den Vater rechtzeitig zurückzuholen, um noch einmal Zeit mit ihm verbringen zu können. Ganz so einfach macht man es sich damit aber nicht. Der Fokus der Vater-Sohn-Geschichte verschiebt sich im Laufe der Handlung auf die Beziehung der zwei Brüder. Es ist ein herzzerreißendes Finale, soviel sei verraten.

    Für die älteren Zuseher ermöglicht Onward ein heiteres Zitateraten. Regisseur und Drehbuch Autor Dan Scanlon (Die Monster Uni) hat unzählige Verweise an die Filmgeschichte eingebaut. Der Ideenreichtum bei Pixar scheint grenzenlos zu sein. Obwohl der Film nicht in deren oberster Liga des Studios mitspielt, kann man mit ihm trotzdem eine gute Zeit verbringen. Da ist für jeden etwas dabei.

    Streamingdienst

    Disney+


    DAN SCANLON | OT: ONWARD | USA 2020 | 105 MIN. | [usr 4]


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  • DU HAST DAS LEBEN NOCH VOR DIR ★★★½

    DU HAST DAS LEBEN NOCH VOR DIR ★★★½

    Über ein Jahrzehnt nach ihrer letzten Filmrolle hat Sophia Loren in Du hast das Leben noch vor dir noch einmal einen großen Auftritt. Eine andere legendäre Schauspielerin der 20. Jahrhunderts zog sich bereits Ende der 1970er Jahre vollständig aus der Öffentlichkeit zurück. Marlene Dietrich wollte sich als glamouröser Filmstar im kollektiven Gedächtnis erhalten. Sie starb 1992 in völliger Einsamkeit. Loren hält es damit ganz anders. Mit 86 Jahren spielt sie nun unter der Regie ihres Sohnes Edordro Ponti eine fast 100-jährige Holocaust-Überlebende und darf sich, geht es nach KritikerInnen in den USA, Chancen auf einen dritten Oscar ausrechnen.

    Darum geht es

    Die ehemalige Prostituierte Madame Rosa (Sophia Loren) hat sich in ihrer kleinen Wohnung in Bari schon vieler kleiner Kinder ihrer Kolleginnen angenommen. Eines Tages nimmt sie etwas widerwillig Momò (in seiner ersten Rolle: Ibrahima Gueye) aus dem Senegal bei sich auf. Gerade noch hatte der Junge sie auf der Straße ausgeraubt. Während sie ein anderes Kind mit dem jüdischen Glauben vertraut macht, bringt sie den muslimischen Ladenbesitzer Hamil (gespielt von Regisseur Asghar Farhadi) dazu, Momò seine Kultur näher bringen kann. Doch der Junge verdingt sich weiterhin seinen Lebensunterhalt als Drogendealer und das äußerst erfolgreich.

    Das Verhältnis zwischen Momò und Rosa ist nicht das beste. Immer wieder zieht sich Rosa in ihren Keller zurück, den sie notdürftig eingerichtet hat. Das Verhalten und die Ängste, die sie plagen, sind für Momò unverständlich. Als sich Rosas Gesundheitszustand verschlechtert, kommen kommen sich die beiden doch näher.

    Ibrahima Gueye und Sophia Loren

    Kommentar

    Gedreht wurde diesen Sommer, also mitten in der Pandemie. Zumindest vor der Kamera ist davon nichts zu bemerken. Unter solch erschwerten Bedingungen eine Produktion auf die Beine zu stellen, ist schon alleine eine starke Leistung.

    Ein Flüchtlingskind im Süden Italiens und eine Holocaust-Überlebende: diese Konstellation hat das Potential zum großen Drama. Romain Gary, dem Autor des dem Film zugrundeliegenden gleichnamigen Romans aus dem Jahr 1975, interessierte aber viel mehr die Beziehung seiner zwei Protagonisten und weniger die Details ihrer Biografien. Der junge Gueye meistert sein Debüt bravourös aber wir sind nur wegen einer hier: der Loren. Trotz jahrelanger Leinwandabstinenz füllt die italienische Schauspiellegende mit ihrer Aura immer noch jede Szene aus. Jeder Auftritt von ihr, auch jenseits der Kamera, ist eine große Inszenierung. In Du hast das Leben noch vor dir übt sie sich allerdings in Zurückhaltung und zeigt ihrem Publikum eine alte Frau in all ihrem Leid und ihrem Glanz und resolut wie man sie aus ihren Filmen kennt.

    Du hast das Leben noch vor dir ist ein kein Film, der sich lange mit den Themen Migration und Vergangenheitsbewältigung aufhält. Der Film plätschert so dahin und gegen Ende wird dann doch noch auf die Tränendrüse gedrückt. Es ist ein kleiner aber feiner Film, der ganz auf seine Hauptdarstellerin zugeschnitten ist und sie alleine ist es Wert, sich ihn anzusehen.

    Streamingdienst

    Netflix


    EDOARDO PONTI | OT: LA VITA DAVANTI A SÉ | IT 2020 | 94 MIN. | [usr 3.5]


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  • REBECCA ★★★

    REBECCA ★★★

    Den titelgebenden Klassiker hat die britische Schriftstellerin Daphne du Maurier im Jahr 1938 mit nur 21 Jahren verfasst. Bereits zwei Jahre später gelang Alfred Hitchcock eine sehr erfolgreiche Verfilmung des Romans. Es folgte eine Opernfassung in den 1980er Jahren und ein Musical von Silvester Levay und Michael Kunze in Wien im Jahr 2006. Spät aber doch gibt es nun eine Neuverfilmung von Rebecca. Regisseur Ben Wheatley hat den romantischen Thriller für die Generation Netflix auf Hochglanz poliert und für die Streamingplattform inszeniert.

    Darum geht es

    Monte Carlo in den 1930er Jahren. Eine namentlich nicht genannte junge Frau (Lily James) reist als Begleiterin einer schrulligen alten Dame durch Europa. Im gleichen Hotel abstiegen ist Maxim de Winter (Armee Hammer), ein in der besseren Gesellschaft bekannter wohlhabender junger Mann aus England. Maxim leidet offenbar unter dem Tod seiner jüngst verstorbenen Frau Rebecca. Trotzdem kommen sich die Beiden unter den neugierigen Blicken der anderen Gäste näher. Einladungen zu Ausflügen, auf kleine Zettelchen geschrieben, verkünden das Interesse des Witwers. Ein Heiratsantrag folgt prompt und das Paar reist auf das feudale Anwesen Manderlay in England. Dort erwartet sie die Haushälterin Mrs. Danvers (großartig finster: Kirstin Scott Thomas). Bald stellt sich heraus, dass der Tod Rebeccas wie ein dunkler Schatten über dem Anwesen liegt. Die neue Mrs. de Winter ist mit Wutausbrüchen ihres Mannes konfrontiert, immer dann wenn er sich an seine verstorbene Frau erinnert fühlt. Mrs. Danvers‘ Verehrung für Rebecca zeigt manische Züge. Rebeccas Zimmer scheinen einem Museum gleich unberührt geblieben zu sein. Die junge Frau gerät immer mehr in Bedrängnis. Die Verzweiflung wächst und eines Nachts steht Mrs. de Winter am offenen Fenster, Mrs. Danvers im Rücken, ihr ins Gewissen redend, dass sie keine Chance gegen die immer noch bestehende Liebe zwischen Maxim und Rebecca haben kann. Doch der Landsitz Manderlay verbirgt ein düsteres Geheimnis.

    Lily James als Mrs. de Winter und Armie Hammer als Maxim de Winter. (C) KERRY BROWN/NETFLIX

    Kommentar

    Der Stoff ist großartig, dass muss man sagen und die Verfilmung glamourös. Sie vereint den klassischen Roman mit zeitgemäßem Chic à la Der große Gatsby (2013) von Buz Luhrmann. Die aktuelle Version hält sich näher an der Vorlage als Hitchcock das konnte, was auch den damaligen gesellschaftlichen Konventionen geschuldet ist. Nach 80 Jahren muss man einen Film aber nicht zwangsläufig mit seinem Vorgänger vergleichen. Die Wenigsten, die die neue Verfilmung erreichen wird, würden sich wohl an den Oscar prämierten Klassiker in schwarzweiss mit Joan Fontaine und Laurence Olivier in den Hauptrollen heranwagen.

    Hier haben wir es mit einer Interpretation zu tun, die für das Zielpublikum geradezu maßgeschneidert ist. Opulente Sets und Garderoben und zwei junge Leinwandstars, die es verstehen, mit der Kamera zu flirten. Dass die Geschichte dabei kaum Identifikationsmöglichkeiten bietet, liegt am Ausgangsmaterial. Regisseur Wheatley (High Rise) gelingt es in diesem Mystery-Thriller mittels Traumsequenzen nur zeitweise eine bedrohliche Atmosphäre zu schaffen (hervorzuheben ist eine schöne Ballsequenz). Dafür sind die Farben von Rebecca dann doch zu kräftig und die Darsteller abseits von Kirstin Scott Thomas doch zu leichtgewichtig. Spätestens, wenn die Geschichte von Manderlay in einen dörflichen Gerichtssaal wechselt, kann die Grundstimmung nicht gehalten werden. Rebecca wird seinen Zweck erfüllen und ein junges Publikum ansprechen. Ein großer Wurf ist aber nicht gelungen.

    Streamingplattform

    Netflix


    REBECCA | BEN WHEATLEY | GB 2020 | 122 MIN. | [usr 3]


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  • VERGIFTETE WAHRHEIT ★★★★ ½

    VERGIFTETE WAHRHEIT ★★★★ ½

    Perfluoroctansäure ist eine Industriechemikalie, die zur Herstellung von Polytetrafluorethylen (PTFE) benötigt wird. Noch nie gehört? Diese Chemikalien sind aber aus unserem Leben kaum wegzudenken. PTFE ist besser unter dem Namen Teflon bekannt. Diese künstlich hergestellten und so gut wie nicht abbaubaren Stoffe können heute in nahezu jedem Lebewesen auf der Welt nachgewiesen werden. Auch bei Eisbären in der Antarktis. Der US-Chemiekonzern DuPont hat mit dieser Chemikalie jahrelang Parkersburg in West Virginia verseucht und die Gesundheit von tausenden Menschen aufs Spiel gesetzt. DuPont gilt als führender Verschmutzer von Trinkwasser in den USA. Regisseur Todd Haynes erzählt in Vergiftete Wahrheit von der Aufdeckung dieses Umweltskandals.

    Darum geht es

    Der Farmer Wilbur Tennant (Bill Camp) ist wütend. Er hat fast alle seiner Kühe verloren. 160 hat er bereits begraben. Eines Tages knallt er Robert Bilott (Mark Ruffalo), Verteidiger von Chemiekonzernen in einer Anwaltskanzlei, Kisten mit Videokassetten auf den Tisch. Aufnahmen, die für Tennant beweisen sollen, dass mit seinem Land irgendetwas nicht stimmt. Bilott steht normalerweise auf der anderen Seite und vertritt Chemiekonzerne. Die Vorfälle in Parkersburg beschäftigen ihn aber und er beginnt nachzuforschen. Bald stapeln sich Kisten mit Dokumenten der Firma DuPont in seinem Büro.

    Der Chemiekonzern ist Hauptarbeitgeber in der kleinen Stadt und offenbar nicht nur unternehmerisch äußert erfolgreich, sondern auch wenn es um Vertuschung und das Verbreiten von Falschinformation geht. Die Spur führt zu einer Deponie von DuPont flussaufwärts. Für Bilott beginnt ein Kampf, der mehrere Jahrzehnte andauern sollte. Sein Boss Tom Terp (Tim Robbins) hält ihm jahrelang den Rücken frei, obwohl der Fall so gar nicht in das Profil der Kanzlei passt. Seine Frau Sarah (Anne Hathaway) merkt, dass sich die Arbeit und die damit einhergehende psychische Belastung, nicht zuletzt in der Angst um Leib und Leben begründet, immer mehr auf die Gesundheit ihres Mannes schlägt. 1999 erhebt Bilott zum ersten Mal Anklage gegen DuPont. Folgeprozesse dauern bis heute an.

    Wilbur Tennant (Bill Kamp) kämpft ums Überleben.

    Kommentar

    Vorweg: Vergiftete Wahrheit hatte im Dezember 2019 Premiere, am Höhepunkt der vergangenen Award Season und wurde sträflich übergangen. Die umweltpolitische Brisanz dieses Ökodramas zieht sich über mehrere Jahrzehnte bis zum heutigen Tag, bis in jeden Haushalt. Hinter einer großen Errungenschaft versteckt sich hier die Gier nach Profit, koste es was es wollte.

    Die Entstehung des Films ist zu einem großen Teil seinem Hauptdarsteller zu verdanken. Mark Ruffalo ist dem breiten Publikum durch seine Rolle als Hulk bekannt, spielte aber auch in zahlreichen kleineren Produktionen wie The Kids Are All Right (2011). Hier ist er in einer seiner seltenen Hauptrollen zu sehen. Was weniger bekannt ist: Ruffalo ist auch ein Umweltaktivist und die Verfilmung des Skandals rund um den Konzern DuPont war ihm schon lange ein Anliegen. Vergiftete Wahrheit ist eine seiner stärksten Arbeiten und deren Verwirklichung zum großen Teil im zu verdanken.

    Hier wird das Grundproblem klar: ein Schadstoff muss als solcher deklariert werden und die Konzentration, ab der dieser tatsächlich schädlich ist, festgelegt werden. Das passiert nicht nach objektiven Kriterien, sondern jeweils durch eine Kommission, auf die die Industrie großen Einfluss hat. Es ist haarsträubend, wenn man mitbekommt, was hinter den Kulissen zwischen Gesundheitsbehörden und den Stakeholdern abläuft. Das Verdienst von Vergiftete Wahrheit ist, die Missstände aufzuzeigen und einem Pragmatiker die Bühne zu bieten, der sein ganzes Leben in den Dienst dieser Sache stellt: Robert Bilott.

    Doch das hier ist kein Heldenepos. Bilott führt einen Kampf, bei dem es keine Gewinner geben kann. Über 600 Millionen Dollar musste DuPont an die Opfer auszahlen aber die Schäden sind nicht wieder gut zu machen. Krebserkrankungen und Kinder, die mit Behinderungen auf die Welt kommen: Vergiftete Wahrheit zeichnet eine düstere Welt. In den braun-grün-stichigen Bildern von Kameramann Ed Lachman gelingt es Todd Haynes eine fast schon dystopische Atmosphäre in mitten der Gesellschaft zu schaffen. Die Kleinstadt Parkersburg mag für uns weit weg sein, wasserabweisende Materialien wie Teflon oder das aus Delaware stammende Gore-tex sind aber Teil unseres Alltags und auf einmal ist die Welt wieder klein.


    VERGIFTETE WAHRHEIT (OT: DARK WATERS) | TODD HAYNES | USA 2019 | 216 MIN. | [usr 4,5]


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  • THE TRIAL OF THE CHICAGO 7 ★★★★ ½

    THE TRIAL OF THE CHICAGO 7 ★★★★ ½

    Das Jahr 1968 wurde in den USA von Gewalt und Unruhen überschattet. Laufende Proteste gegen den Vietnamkrieg und die Ermordung von Robert F. Kennedy und Martin Luther King heizten die Stimmung an. Ende August fand in Chicago der Parteitag der Demokraten statt, bei dem ein Nachfolger von Präsident Lyndon B Johnson für die anstehenden Wahlen gefunden werden sollte. Proteste von Kriegsgegnern führten zu Zusammenstößen mit der Polizei und die Lage eskalierte. Die Suche nach Schuldigen mündete in einen der größten Justizskandale in der Geschichte der USA. Regisseur und Drehbuchauto Aaron Sorkin hat sich in The Trial of the Chicago 7 dem Prozess angenommen und ihn für Netflix mit einem All-Star Cast verfilmt.

    Darum geht es

    Die Protagonisten verschiedener linker pazifistischer Gruppierungen versuchten im Vorfeld des Parteitages Genehmigungen für Kundgebungen und ein Musikfestival zu erhalten: Abbie Hoffman (Sacha Baron Cohen) und Jerry Rubin (Jeremy Strong) von der Youth International Party (Yippies), Tom Hayden (Eddie Redmayne) vom National Mobilization Committee to End the War in Vietnam, Bobby Seale (Yahya Abdul-Mateen II), Mitbegründer der Black Panther Party, Rennie Davis (Alex Sharp) von der American anti-Vietnam War Bewegung und die Aktivisten David Dellinger (John Carroll Lynch), Lee Weiner (Noah Robbins) und John Froines (Daniel Flaherty). Die Genehmigungen wurde ihnen verwehrt.

    Die Nixon Administration bezichtigte sie, geplanterweise Staatsgrenzen überschritten zu haben, um in Chicago Unruhen auszulösen. Die Angeklagten wurden von William Kunstler (Mark Rylance) vertreten und der Staat Illinois von Richard Schultz (Joseph Gordon-Levitt). Die Verhandlung unter dem Vorsitz von Richter Julius Hoffman (Frank Langella) wurde nicht zuletzt wegen seiner unqualifizierten Äußerungen und der skandalöser Führung zur Farce.

    Kommentar

    Die historischen, nun 50 Jahre zurückliegenden, Begebenheiten sind hierzulande kaum bekannt. Das wird sich nun ändern. Obwohl es mehr als 10 Jahren dauerte, bis das Drehbuch von Aaron Sorkin (The Social Network, Molly’s Game), das er ursprünglich für Stephen Spielberg geschrieben hatte, unter seiner Regie nun doch noch verfilmt werden sollte, kommt The Trial of the Chicago 7 gerade zur rechten Zeit. Das Klima in den USA ist dem von Ende der 1960er nicht unähnlich. Wieder stehen sich linke und rechte Lager gegenüber, befeuert durch den US-Präsidenten selbst und liefern sich Straßenschlachten. Das Land scheint wieder an der Kippe zu stehen. Die Gräben sind tief und die Zukunft ungewiss.

    Der humorvolle Unterton dieses Gerichtssaaldramas täuscht nicht über die Atmosphäre des Hasses hinweg, die hier in der Luft liegt. Das Ziel ist klar: Man möchte den bunten und unliebsamen Haufen von der Straße weg und hinter Gitter bringen. Außerhalb des Gerichtssaales wurden die Angeklagten von ihren Gefolgsleuten bald als Helden hochstilisiert. Sorkin, bekannt für seine rasanten und geschliffenen Dialoge, verkürzt den Monate dauernden Prozess auf knappe zwei Stunden Länge. Das gelingt im grandios. Die Zeitsprünge in der Handlung stören den Fluss dabei nicht. Man behält den Überblick obwohl die Verhandlung aus juristischer Sicht hoch komplex ist.

    Solide in Szene gesetzt von Kameramann Phedon Papamichael liegen die Stärken von Chicago 7 in der bis in die Nebenrollen exzellenten Besetzung und dem Drehbuch von Sorkin. Glaubt man den Branchenblättern, kann sich Sorkin große Chancen auf einen Oscar ausrechnen. Aber was weiß man in diesem Jahr schon. The Trial of the Chicago 7 ist jedenfalls der Beweis, dass sich dieses Kinojahr, auch was den US-Film betrifft, keineswegs verstecken muss.

    Streamingdienst

    Netflix


    THE TRIAL OF THE CHICAGO 7 | AARON SORKIN | USA 2020 | 130 MIN. | [usr 4.5]



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  • ON THE ROCKS ★★★★

    ON THE ROCKS ★★★★

    Siebzehn Jahre nach ihrer ersten Zusammenarbeit in Lost in Translation bringt die Regisseurin Sofia Coppola erneut Bill Murray in einer seiner raren Hauptrollen ganz groß auf die Leinwand. Groß in jeglicher Hinsicht: die Vater-Tochter-Beziehungskomödie On the Rocks ist eine One-Man-Show in der Murray das Geschehen mit seiner unglaublichen Leinwandpräsenz jeden Augenblick unter Kontrolle hat. Die Lacher hat er dabei auf seiner Seite. Die feministische Brille sollte man auf dieser Fahrt durch die New Yorker Nächte aber zu Hause lassen.

    Darum geht es

    Laura (Rashida Jones) ist Schriftstellerin aber gerade mehr mit ihrer Rolle als Mutter beschäftigt. Ihr Mann Dean (Marlon Wayans) befindet sich mit seiner Firma gerade auf einem Höhenflug und ist ausgelastet. Tag und Nacht wie es scheint. Gewisse Indizien machen Laura stutzig. Kann sie ihrem Mann noch trauen? Sie bittet ihren Vater Dean (Bill Murray) um Hilfe. Hauptberuflich betuchter Lebemann, Kunsthändler im Nebenjob, fühlt sich gleich in seinem Element und beginnt mit einer umfassenden Investigation. Dabei hält er sich nicht mit allerhand Ratschlägen und Lebensweisheiten zurück.

    Laura und Felix undercover unterwegs durch New York.

    Kommentar

    Ich war noch niemals in New York, zumindest bin ich bei jedem Besuch in einem Kinosessel gesessen. New York ist also ein cinephiler Sehnsuchtsort. Vermutlich würde ich mich sogar auskennen, würde man mich an einer Straßenecke aussetzen. Wenn ein Filmemacher mit dieser Stadt in Verbindung steht, dann ist es Woody Allen. Jetzt wäre es unfair, jederzeit einen Vergleich mit seinen Filmen anzustellen, wenn die Stadt und ein Frauenschwarm eine Hauptrolle spielen. Das hat On the Rocks auch gar nicht nötig. So gut unterhalten wie hier hat man sich in einem Allen Film leider schon länger nicht.

    Es ist ganz und gar Bill Murrays Film. Die Rolle des Gigolo ist ihm auf den Leib geschrieben. Jede auch noch so kleine Geste sitzt. Die hierzulande weniger bekannte Rashida Jones steht ihm zur Seite. Die Verzweiflung ist ihr ins Gesicht geschrieben. So richtig über sich hinauswachsen kann sie aber nicht. Ein großer Gefühlsausbruch findet nicht statt. Sie bleibt passiv und überlässt ihrem Vater das Ruder. Jetzt doch noch ein Vergleich mit Woody Allen, wobei seine Frauenfiguren zuletzt von einer kindlichen Naivität geprägt waren. Ganz so ist es bei Coppola nicht. Mehr Drive hätte dem Film hier aber gut getan. Dadurch bekommt der Film eine Schlagseite, die zwar nicht auf Kosten des Humors geht, die Richtung ist aber vorgegeben. Laura kann ihrem Vater wenig Konter geben.

    New York hat sich nie so unecht angefühlt wie hier: Ohne Ende Parkplätze am Straßenrand. Ein Kindergarten, der im echten Leben sicher keiner ist, ebenso wie ein Ballettstudio, dass es so nur im Film geben kann oder in Öl auf Leinwand. Eine Stadt eben wie gemacht für das Kino. Wir haben es hier aber ohnehin mit der Upperclass zu tun. Ein Sozialdrama will das auch nicht sein. Eher schon eine Liebeserklärung an die Väter der Generation Francis Ford Coppola. Auch das darf einmal sein.

    On The Rocks ist Coppolas bisher unterhaltsamster Film. Ein Film wie ein Glas Wodka Martini, bei den vielleicht dort und da the rocks fehlen. In kurzweiligen eineinhalb Stunden folgt aber eine Pointe der nächsten und man kann sich gemütlich zurücklehnen und ist dabei bestens unterhalten.

    Dank einer längerfristigen Kooperation der Produktionsfirma A24 mit Apple, wird On The Rocks später im Oktober auf der Streamingplattform Apple+ zu sehen sein. Das ist jener Dienst, zu dem jeder gratis Zugang bekommen hat, der in diesem Jahr ein Apple Produkt gekauft hat oder jemanden kennt, der ein Apple Produkt gekauft hat. Nichts desto trotz: On the Rocks ist jetzt die beste Gelegenheit einen schönen Kinoabend in einem Programmkino in eurer Nähe zu verbringen!


    ON THE ROCKS | SOFIA COPPOLA | USA 2020 | 96 MIN | [usr 4]


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  • ÜBER DIE UNENDLICHKEIT ★★★★

    ÜBER DIE UNENDLICHKEIT ★★★★

    Spät aber doch. Das trifft wohl in den nächsten Monaten auf jeden Kinostart zu. So auch auf Über die Unendlichkeit, für den der schwedische Regisseur Roy Andersson bereits im vergangenen Jahr den Silbernen Löwen in Venedig gewonnen hat. Andersson ist für seine statischen gemäldeartigen Tableaus bekannt. Handlung gibt es keine. Dialoge sind ebenso rar. Das klingt gewöhnungsbedürftig. Dabei sind die einzelnen Szenen von einer wunderbaren Traurigkeit und Schönheit. Ein magischer Kinomoment.

    Darum geht es

    „Ich habe einen Mann gesehen … “ Eine weibliche Erzählstimme leitet fast jede der eigenständigen Szenen ein. Begleitet von elegischer Musik sind die Sequenzen in Grautönen gehalten. Ein schlecht gelaunter Zahnarzt, ein Pfarrer, der seinen Glauben verloren hat oder einer Frau mit Kinderwagen, der in einer Bahnhofshalle der Stöckel ihres Schuhs abbricht: Andersson zeigt uns Banalitäten, die im Kino zu großen Tragödien werden, mal traurig, mal komisch aber immer mit einer gewissen Melancholie behaftet.

    Entschuldige, heißt du Lisa Larsson?

    Kommentar

    Totale Einstellungen, gestochen scharf bis zum Horizont. Alles liegt hier im Fokus. Darin Menschen, die offensichtlich platziert zu sein scheinen. Die Dialoge fallen eher knapp aus. Roy Anderssons lässt sich von bildender Kunst inspirieren, zum Beispiel von Edward Hopper. Die Bilder sind bis ins kleinste Detail durchkomponiert. Die Sets werden in mühsamer Kleinarbeit im Studio konstruiert und mittels Greenbox zusammengefügt.

    Anderson entwickelte seinen unverkennbaren Stil in Anlehnung an den schwedische Funktionalismus der 1950er Jahre über Jahrzehnte in kurzen Werbefilmen. Erst Anfang des letzten Jahrzehnts widmete er sich wieder dem Spielfilm und ist seitdem gern gesehener Festivalgast. Die Themen kreisen um Religion, Krieg und die Entfremdung zwischenmenschlicher Beziehungen. Die Menschen wirken in dieser grauen Welt oft deplatziert und sind mit ihren Gedanken ganz woanders. Spannenderweise ist diese arg artifizielle Welt zutiefst menschlich. Wirklich Neues hat Über die Unendlichkeit in dieser Hinsicht nicht zu bieten. Trotzdem vermag uns Andersson immer noch zu verzaubern. Knappe 76 Minuten über die Unendlichkeit der Dinge, die eine Freude sind.

    The Living Paintings of Roy Andersson – Ein Blick hinter die Kulissen


    ÜBER DIE UNENDLICHKEIT (Om det oändliga) | ROY ANDERSON | SWE 2019 | 76 MIN. | [usr 4]


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  • LOVECUT ★★★ ½

    LOVECUT ★★★ ½

    Wo warst du? Es ist 10 Uhr Vormittag!“ Die Sorgen der Eltern stoßen auf völliges Unverständnis. Der Handyakku war leer. Was soll man da machen. Die sechs Teenager dieser Schweizer Produktion sind zu sehr mit ihrem Liebesleben beschäftigt, als dass Zeit für Nebensächlichkeiten bleiben würde. Gecastet wurden sie in einem langwierigen Prozess vom Regieduo Iliana Estañol und Johanna Lietha. Für ihr Spielfilmdebüt haben sie Laien engagiert und sich viele Geschichten angehört, die sie nun in Lovecut verarbeitet haben. Ein Horrorfilm für Eltern.

    Darum geht es

    Sex-Tapes und Skype-Dates, Clubnächte und Abendessen mit den Eltern. Der Episodenfilm Lovecut folgt sechs jungen Menschen bei ihrer Suche nach Liebe, Beziehung und Körperlichkeit. Die Anonymität und die Schnelllebigkeit des Internets prägen jene Lebensrealitäten, in denen die Jugendlichen Beziehungen (aus-)probieren und die eigene Identität erforschen. Ein flirrender Drift durch eine Lebensphase, die wahnsinnige Energien freisetzt – produktive wie zerstörerische. (Diagonale’20 Katalog)

    Revoltieren ist anstrengend.

    Kommentar

    Was tun, wenn man auf dem Computer der Tochter Sexclips findet? „Stell dir vor, das stellt jemand ins Internet!“ Das Publikum weiß längst: zu spät. Die rasante Entwicklung des Internets, mit allem was dazugehört, hat eine ganze Generation überrollt und für deren Kinder ist die digitale Vernetzung schon selbstverständlich. Nur umgehen damit ist eine andere Sache. Das scheint die Sorgen der Eltern zu multiplizieren. Aber die kommen hier nur am Rande vor und füllen nur ihre altbekannten Rollen.

    Lovecut konzentriert sich auf das Liebesleben von Jugendlichen in Wien. Die Episoden sind geschickt ineinander verwoben. Im Zuge ihrer Recherche, sind die beiden Regisseurinnen Estañol und Lietha auf diese Geschichten gestoßen. Das verlieht dem Film eine große Intimität und Authentizität. Dass es sich um LaiendarstellerInnen handelt, trägt das Übrige dazu bei.

    Wir sehen ein Wien aus der Perspektive der Jugendlichen, abseits von architektonischem und touristischem Glanz. Das erinnert an Adrian Goigingers Bild von Salzburg, das er uns in seinem Film Die Beste aller Welten gezeigt hat. Die Alte Donau, Nachtclubs und Wohnsiedlungen sind die Kulisse für die ersten Liebesdramen. Von Zukunftsängsten ist nichts zu spüren. Was zählt ist der Moment und der emotionale Kick. Der einzige Berührungspunkt zur Außenwelt sind sie mahnenden Eltern, denen es aber schier unmöglich ist, zu ihren Kindern durchzudringen.

    Lovecut endet abrupt. Das ist nur Konsequent, um die Schnelllebigkeit zu vermitteln, von der sich die Jugendlichen treiben lassen. Am Ausgang der Geschichten hat sich nichts verändert. Auch wenn sich der Beginn durch die digitale Kommunikation verändert hat, endet es doch immer gleich, nämlich im Bett.

    Verleih

    Stadtkino Filmverleih


    LOVECUT | Produktion, Buch, Regie: ILIANA ESTAÑOL und JOHANNA LIETHA | CH 2020 | 94 MIN | [usr 3,5]


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  • I’M THINKING OF ENDING THINGS ★★★½

    I’M THINKING OF ENDING THINGS ★★★½

    Das wird jetzt kompliziert. Dabei unterhalten sich hier doch nur zwei Endzwanziger in einem Auto! Es wäre nicht Charlie Kaufman, der vielleicht gefragteste Drehbuchautor unserer Tage (Being John Malkovich, Eternal sunshine of the spotless mind), wenn er in seiner neuen Regiearbeit reinen Tisch machen würde. Denn irgendwas ist hier höchst mysteriös. Die Zeitabläufe geraten hier gehörig durcheinander. Was ist Traum und was Wirklichkeit? Was wie ein Ende einer Romanze beginnt, artet bald in eine lyncheske Fantasie aus. Aber nur fast. Das wird jetzt anstrengend.

    Darum geht es

    Eine junge Frau (Jessie Buckley) sinniert darüber, ihren Freund Jake (Jesse Plemons), der gerade neben ihr im Auto sitzt, zu verlassen. Sie befinden sich auf einer Autofahrt zu Jakes Eltern. Es ist für sie einer dieser großen Schritte im Laufe einer Beziehung. Ihre Gespräche sind von einer Trostlosigkeit durchzogen, genauso wie die verlassene winterliche Landschaft, durch die sie fahren. Die Eltern (Toni Collette und David Thewlis) verhalten sich während des Abendessens höchst seltsam. Die Situation ist genauso komisch wie unheimlich. Unterbrochen wird die Handlung immer wieder durch Szenen mit einem älteren Schulwart. Der Rückweg führt die beiden Mitten in der Nacht durch ein Schneegestöber zuerst zu einem Fast-Food-Restaurant und dann zu Jakes ehemaliger Highschool. Über den finalen Akt sei nicht zuviel verraten. Es passiert allerhand Seltsames und Unerwartetes.

    Was für eine Nacht!

    Kommentar

    Das erste, was hier ins Auge sticht, ist die Ausstattung. Die Blumenmuster der Tapeten suchen ihres Gleichen. Kameramann Łukasz Żal (Ida, Cold War) setzt die sich über weite Strecken des Films ziehende Autofahrt bravurös im 4:3 Format um. Die verlassene Landschaft, oftmals nur im Hintergrund zu spüren, trägt ihres zur Grundstimmung bei. Die Kamera verläßt das Auto aber nie. Es gibt keine Einstellungen, in denen man das Auto von außen durch die Landschaft fahren sieht. Die rythmische Bewegung der Scheibenwischer durchzieht wie ein Metronom den ganzen Film. I’m thinking of ending things ist bis ins kleinste Detail durchkomponiert, ohne dass dies je störend wirken würde. Der visuellen Umsetzung steht eine Erzählung gegenüber, die das Publikum wohl zum Großteil ratlos zurücklassen wird. Der Film verlangt dechiffriert zu werden, lässt das aber nur bedingt zu.

    Die Romanvorlage stammt vom kanadischen Schriftsteller Iain Reid. Der Film bleibt aber im Gegensatz zum Roman in seinen Andeutungen, die dem leichteren Verständnis dienen, vage. Als gleich zu Beginn der titelgebende Satz in den Gedanken der jungen Frau fällt, scheint es fast so, als hätte ihn Jake gehört. Bald passiere Dinge, die sich nicht leicht erklären lassen. Wenn man genau hinhört, läßt sich vielleicht das größte Rätsel entschlüsseln, das dem Film zugrunde liegt. Es sind Hinweise, wie ein kleines Foto, die wechselnden Namen und Fähigkeiten der jungen Frau, die eine Fährte legen. I’m thinking of ending things muss aus einer literarischen Erzählweise heraus betrachtet werden. Nicht erst im letzten Drittel brechen dann alle erzählerischen Mauern ein. Man kann sich nur zurücklehnen und die wunderbar choreographierten Szenen genießen (Tanzeinlagen!). Folgen kann man der Erzählung hier schon längst nicht mehr. Wenn man bis hierhin durchgehalten hat, die endlosen Dialoge gehen nämlich auf die Substanz, bleibt uns Charlie Kaufman bei einer Laufzeit von über 2 Stunden einiges an Erklärungen schuldig. Oder wer erinnert sich noch genau an Dialogzeilen aus A beautiful mind aus dem Jahr 2001? Schade, denn etwas weniger Rätselhaftigkeit hätte dem Film gut getan. Es ist nicht zuletzt den wunderbaren Darstellern zu verdanken, das man den Figuren bis zuletzt folgen möchte.

    Streamingdienst

    Netflix


    I’AM THINKING OF ENDING THINGS | CHARLIE KAUFMAN | USA 2020 | 134 MIN. | [usr 3,5]


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