Schlagwort: Filmkritik

  • SHE SAID ★★★★ ½

    SHE SAID ★★★★ ½

    In Europa ist es still geworden um dein einstigen Starproduzenten Harvey Weinstein, nachdem er Anfang 2020 von einem Gericht in New York City zu mehr als 20 Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Dass er nun im Dezember 2022 in Los Angeles neuerlich der mehrfachen Vergewaltigung und wegen sexueller Belästigung schuldig gesprochen wurde, hat hierzulande kaum noch jemand mitbekommen. She Said von Maria Schrader (Vor der Morgenröte) erzählt von den beiden Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey von der New York Times, die das perfide System aus Abhängigkeiten und Missbrauch in ihrer Reportage aufgedeckt hatten. Der Film reiht sich ein in den Kanon der großen Filme über investigativen Journalismus und führt vor, unter welch grausamen Bedingungen Frauen im Umfeld von Weinstein leben mussten.

    Darum geht es

    Es begann 2017, als die Journalistin Jodi Kontor (Zoe Kazan) von der New York Times den Hinweis erhielt, dass die Schauspielerin Rose McGowan angeblich ein Opfer von sexuellem Missbrauch durch den Indiefilmproduzenten Harvey Weinstein gewesen war. Auch die Schauspielerinnen Ashley Judd und Gwyneth Paltrow schildern ihre Erfahrung von sexuellem Missbrauch. Allerdings möchte niemand namentlich genannt werden, da die Frauen einen Schaden für ihre Karrieren fürchteten. Kantor zieht ihre Kollegin Megan Twohey (Carey Mulligan) zur Unterstützung hinzu. Gemeinsam stossen sie auf immer mehr Fälle, in denen die Frauen allerdings im Zuge von Vergleichen Geheimhaltungserklärungen unterzeichnet hatten.

    Vom ehemaligen Vizepräsidenten der Weinstein Company Irwin Reiter (Zach Grenier) erfährt Kantor, dass das Verhalten von Weinstein firmenintern offenbar schon seit Jahren bekannt war. Nach und nach erklären sich Frauen bereit, offen über ihre Erfahrungen mit Weinstein mit den Reporterinnen zu sprechen. Es stellt sich heraus, dass dies nur die Spitze des Eisbergs ist.

    Am anderen Ende der Leitung: Harvey Weinstein (She Said, Maria Schrader 2022)

    Kommentar

    Erst im November 2022 verfasste Irwin Reiter einen Gastkommentar für die LA Times (hier) über die stille Mittäterschaft der schweigenden Männer rund um Harvey Weinstein. Die Journalistinnen und seine eigene Tochter hatten den ehemaligen Vizepräsidenten von der Weinstein Company und Miramax (der Vorgängerfirma) dazu gebracht, an die Öffentlichkeit zu gehen. Weiters erzählt er davon, dass sich die Herabwürdigung der Opfer vor dem Gericht während den Verhandlungen durch Weinsteins Anwälte fortsetzte und er selbst sich kein bisschen geändert hatte.

    Die große Macht von Harvey Weinstein im Filmgeschäft machte es möglich, ein ganzes System an Missbrauch aufrecht zu erhalten. Er hatte es in der Hand Karrieren in Hollywood für immer zu beenden und zahlte wenn nötig große Summen an seine Opfer, um sie zum Schweigen zu bringen. Selbst Brad Pitt arbeitete weiter mit Weinstein, auch nachdem seine Verlobte Gwyneth Paltrow ein Opfer von Weinstein wurde.

    Diese so unglaublichen Umstände wurden erst vor kurzem schon einmal filmisch behandelt. The Assistant (2019) von Kitty Green schilderte das Umfeld von Weinstein aus einer ganz anderen Perspektive. Damals konnte eine Sekretärin Weinsteins (der im Film namentlich nicht genannt wird) beobachten, wie er mit Frauen umgegangen ist und musste bald bemerken, dass es sich um einen systematischen Missbrauch handelte und Weinstein von Kollegen gedeckt wurde. Das deckt sich auch mit den Szenen rund um Irwin Reiter in She Said.

    Das US-Regiedebüt von Maria Schrader reiht sich ein in die großen Filme über investigativen Journalismus. Check, Re-Check, Double-Check – die Prinzipen von Qualitätsjournalismus werden hier sichtbar hochgehalten. Den Vorwurf She Said sei nicht filmisch genug, kann ich nur schwer nachvollziehen. Der Film ist sehr nüchtern inszeniert. Mehr ist aber auch nicht notwendig. Die beiden Hauptdarstellerinnen sind grandios. Ashley Judd sorgt zudem für einen emotionalen Höhepunkt, den man im Kino nur selten finden wird. Es war sehr clever sie sich selbst spielen zu lassen. Auf einmal gibt es für einen Moment keine Grenzen mehr zwischen Fiktion und Realität. Eine intensive Erfahrung, bei einem schon an sich schwierigen Thema.

    Als Twohey gegen Ende Harvey Weinstein gegenübersitzt und die Kamera auf ihr verweilt, ist ihr die Genugtuung ins Gesicht geschrieben. Kurz darauf verbreitete sich die #metoo Bewegung rasant über die ganze Welt und auf einmal erfuhr man, dass selbst im engsten Arbeitsumfeld Frauen betroffen sind und irgendwie war der ganze Wahnsinn Alltag.

    Hat sich etwas geändert? Ein Verhaltenscodex ist heute zumindest auf dem Papier in vielen Firmen selbstverständlich. Die Umsetzung im Alltag ist es weniger, vor alle wenn es um sich um ungleiche Machtverhältnisse handelt. Sogar die Schule meiner Tochter sah sich in diesem Herbst veranlasst, das in einem Verhaltenskodex niederzuschreiben, was eigentlich selbstverständlich sein sollte. Ist es leider nicht. She Said, ein wichtiger Film in diesem Jahr.

    SHE SAID
    Drama, USA 2022

    Regie Maria Schrader
    Drehbuch Rebecca Lenkiewicz
    Kamera Natasha Braier
    Schnitt Hansjörg Weißbrich
    Musik Nicholas Britell
    Mit Carey Mulligan, Zoe Kazan, Patricia Clarkson, Samantha Morton, Ashley Judd
    Länge
    129 Min.


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • AVATAR: THE WAY OF WATER ★★★½

    AVATAR: THE WAY OF WATER ★★★½

    Mit nur 9 Filmen in 40 Jahren hat sich James Cameron den Ruf erarbeitet, mit Produktionen, die technisch immer auf der Höhe der Zeit waren, das Publikum immer aufs Neue in Staunen zu versetzen. Er machte Arnold Schwarzenegger mit Terminator zum Weltstar. Bereits in den späten 1980ern setzte Cameron in The Abyss die Morphing-Technik ein. Als James Bond in einer Krise steckte, schuf er mit True Lies in den 1990ern den besseren Agentenfilm. In Titanic machte er sich digitale Effekte zu nutze, ohne dass sie tatsächlich sichtbar waren. Es wurde der erfolgreichste Film aller Zeiten. In Avatar schuf er vor 13 Jahren nie gesehene digitale Bildwelten. Cameron ist einer, der sich selbst immer auf Neue übertrumpft. Gelingt ihm dies mit Avatar: The Way Of Water nun neuerlich?

    Darum geht es

    Mehr als eine Dekade nach der Invasion der Erdbewohner auf Pandora, schließt die Handlung an Teil 1 an. Jake Sully (Sam Worthington) lebt mit Neytiri (Zoe Saldaña) mit dem Volk der Omaticaya. Zu ihrer Familie gehören die Söhne Neteyam (James Flatters) und Lo’ak (Britain Dalton), ihre Tochter Tuk (Trinity Jo-Li Bliss), die Adoptivtochter Kiri (Tochter von Grace Augustine, beide Sigourney Weaver) und der Menschenjunge Spider (Sohn von Antagonist Colonel Miles Quaritch, Stephen Lang).

    Als die Menschen auf Pandora zurückkehren, haben sie Na’vi Avatare mit dabei, denen die Erinnerung von gefallenen Soldaten eingepflanzt wurden. Jake startet einen Sabotageangriff. Dabei bringt er seine ganze Familie in Gefahr und sie fliehen zum Volk der Metkayina, die ein Riff bewohnen und in enger Symbiose mit dem Meer und dessen Bewohner leben. Kulturelle Unterschiede führen immer wieder zu Spannungen.

    Unter den Menschen befindet sich ein Avatar mit den Erinnerungen von Colonel Miles Quaritch. Er sehnt sich nach Rache an Jake und macht sich daran, ihn auf Pandora aufzuspüren. Bald sind die friedlichen Meeresbewohner in Gefahr.

    Die Unterwasserwelten sind das Herzstück von Avatar: The Way Of Water (© 2022 20th Century Studio).

    Kommentar

    In den vergangenen Jahrzehnten gab es für mich vor allem zwei prägende Filmerfahrungen im Blockbusterkino: Titanic 1997 und Avatar 2009. Die Maschinenräume des Ersteren rumorten noch lange in meinem Kopf. James Cameron verband Herzschmerz mit technischer Perfektion. Das Jahrhundertschiff sollte ihn noch viele Jahre beschäftigen. Zahlreiche Forschungsreisen folgten, dann auch Dokumentationen. Um seine nächste Vision zu verwirklichen musste er nämlich noch einige Jahre warten. Auf dem Höhepunkt der 3D Technik zeigte Cameron am Ende der Nullerjahre eine nie dagewesene Bilderwelt und erschuf Pandora, seine Vorstellung von einem perfekten Planeten, auf dem die Bewohner mit der Natur in Einklang leben, bis sie von den Menschen gestört werden, die den Planeten ausbeuten wollen.

    The way of water has no beginning and no end.

    Avatar: The Way Of Water (2022)

    In den folgenden Jahren hat sich James Cameron ganz dem Projekt Avatar verschrieben und wie es aussieht hat er das auch noch viele Jahre vor. Die Ankündigung der Fortsetzung wurde zum Running Gag. Immer wieder kam es zu Verschiebungen und das seit mehr als 5 Jahren. Gerade als die Maschinen der Filmindustrie wieder volle Fahrt aufgenommen hatten, war es dann soweit. Das Herzstück der 192 Minuten langen Fortsetzung sind die Unterwasserwelten. Es ist gerade die Stunde in der Mitte, in der das Special-Effects-Department (und man muss es an dieser Stelle deutlich sagen: Für Avatar gehört jenen alle Anerkennung, die im Hintergrund an der Umsetzung gearbeitet haben) über sich hinauswächst.

    Licht, Oberflächen und das Wasser sehen sensationell aus. Hyperreaslistisch ist das aber nur zum Teil. Pandora wirkt mitunter wie eine Welt aus Plastikspielzeug. Stephen Spielberg hatte schon in Jurassic Park die Schwierigkeit die Täuschung von der Schwere seiner Dinosaurier zu erzeugen. Dieses Problem gibt es zumindest zum Teil immer noch. Gar nicht unseren Sehgewohnheiten entspricht der allgemeine Look des Films. Cameron wagte sich neuerlich an das 48fps Verfahren (also die doppelte Bildfrequenz pro Sekunde). Bereits Peter Jackson tat dies mit seinem Hobbit und war mäßig erfolgreich. Die enorme Schärfe der Bilder ist gewöhnungsbedürftig. Jeglicher filmische Flair geht so verloren. Die Optik erinnert fast an früherer TV Filme, in denen immer alles gestochen scharf war (wenn auch natürlich bei weitem nicht in dieser Qualität). Gut möglich, dass sich unsere Augen daran gewöhnen. Das hat schon beim katastrophalen Fernsehsignal für unsere hochauflösenden Flachbildschirme mehr schlecht als recht funktioniert. Die Perfektion geht hier auf Kosten der Emotion.

    Schon Teil 1 war ein Meilenstein der 3D-Technik, Cameron einer der wenigen, die wissen, wie man die Technik richtig einsetzt. Dem war aber schon damals nichts hinzuzufügen. Bei Avatar: Way Of The Water hat 3D keinen Mehrwert mehr. Die Brille von Dolby ist ein Ärgernis: unbequem und die Sicht einschränkend. Das Problem, dass die Brille die Projektion abdunkelt, hat man immer noch nicht im Griff. Anstrengend ist es über mehr als 3 Stunden außerdem. Jetzt fast ausschließlich 3D-Vorstellungen anzubieten und dem Publikum nicht einmal die Wahl zu lassen, ist unverschämt. Sowohl hinsichtlich des Kartenpreises, als vor allem auch gegenüber Menschen, die mit 3D gesundheitlich nicht zurecht kommen.

    Während des Sprungs des Tulkun in der Abendsonne im Nachspann hat ein Großteil des Publikums den Saal bereits verlassen. © 2022 20th Century Studios.

    Die meiste Kritik trifft wohl das Drehbuch (obwohl der Film gerade von führenden US-KritikerInnen euphorisch begrüßt wurde. Allgemein ist die Stimmung aber dann doch gedämpfter). Große Dialoge durfte man ohnehin nicht erwarten. Charakterentwicklungen Fehlanzeige. Es gibt allerhand Ungereimtheiten. Es war nie meine Art auf Fehlersuche zu gehen und die dann euphorisch zu vertweeten. Aber bei einem richtig guten Film sollte das nicht passieren.

    Ist Avatar 2 nun sehenswert? Ein eingeschränktes Ja hierfür. Wir müssen schon tief in die Geldbörse greifen. Es wird kolportiert, dass der Film mindestens 2 Milliarden US-Dollar einspielen muss, damit er sich rechnet (was gleichzeitig bedeutet, dass er einer der erfolgreichsten Filme überhaupt werden muss). Vermutlich wird es auch ein Testlauf dafür sein, was die Kinofans bereits sind für eine Karte auszugeben. Gerade im Blockbustersegment wird nicht mit Spiellängen und allerhand anderen Features für Zulagen gegeizt.

    James Cameron ist es neuerlich gelungen, dass wir in die Welt von Pandora buchstäblich eintauchen können. Das ist eine wunderbare Erfahrung, die man wenn auf jeden Fall im Kino erleben sollte. Der finale Akt ist eine Mischung aus Titanic und Aliens, wie überhaupt sehr viele Sequenzen an etwas erinnern, dass wir schon einmal irgendwo gesehen haben. Trotzdem ein solides actiongeladenes (vorläufiges) Ende. Davor zwei Stunden mit imposanten und rasanten Aufnahmen. Geheimnisse gibt es auf diesem Planeten aber nicht zu entdecken. Dafür hat die Fantasie (oder das Geld?) dann doch nicht ausgereicht. Der Wow-Effekt von 2009 wiederholt sich nur bedingt. Ein Spektakel allemal.

    AVATAR: THE WAY OF WATER
    Actionfilm, USA 2022

    Regie James Cameron
    Drehbuch James Cameron, Rick Jaffa, Amanda Silver
    Kamera Russel Carpenter
    Schnitt Stephen E. Rivkin, David Brenner, John Refoua, James Cameron
    Musik Simon Franglen
    Mit Sam Worthington, Sigourney Weaver, Zoe Saldaña, Stephen Lang, Kate Winslet
    Länge 192 Min.
    Im Kino (folglich Disney+)


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • ARGENTINIEN, 1985 ★★★★

    ARGENTINIEN, 1985 ★★★★

    Jetzt verfügbar bei

    Im Abo

    Gerade wenn illiberale Strömungen überall auf der Welt im Vormarsch sind, müssen wir uns in Erinnerung rufen, dass es noch gar nicht so lange her ist, dass von Europa bis Südamerika faschistische Regime an der Macht waren. Sind demokratische Grundfesten einmal zerstört, ist es ein steiniger Weg zurück in die Freiheit. Von diesen Schwierigkeiten erzählt Argentinien, 1985 von Santiago Mitre. Die Junta ist zwar Geschichte aber überwunden ist sie noch lange nicht, wie der Staatsanwalt Julio Strassera erfahren muss, als er das größte Strafverfolgungsverfahren für Kriegsverbrechen seit den Nürnberger Prozessen vorbereitet.

    Darum geht es

    Nachdem das Militärgericht 1984 keinen Grund für eine Strafverfolgung gegen die Haupttäter der argentinischen Militärdiktatur feststellen wollte, beschließt ein ziviles Gericht Anklage gegen den ehemaligen General Jorge Videla und weitere führende Mittäter zu erheben. Dem Staatsanwalt Julio Strassera (Ricardo Darín) bleiben nur wenige Wochen, um ein Team zusammenzustellen und Beweise zusammenzutragen. Renommierte Juristen zu finden gestaltet sich als unmöglich. Zum einen ist die Gesellschaft gespalten und dann geht auch immer noch die Angst vor der Rache des Militärs um. Einzig der junge Anwalt Luis Moreno Ocampo (Juan Pedro Lanzani) erklärt sich bereit mit Strassera zusammenzuarbeiten. Obwohl er selbst familiäre Verbindungen zum Militärregime hat, ist er im Gegensatz zum Staatsanwalt davon überzeugt, dass ein fairer Prozess möglich ist. Gemeinsam stellen sie ein sehr junges Team aus unerfahrenen und somit auch politisch nicht vorbelasteten AnwältInnen zusammen. Innerhalb kürzester Zeit sammeln sie quer durch ganz Argentinien über 800 Zeugenaussagen. Dabei sind sie ständig Bedrohungen ausgesetzt. Es gibt Kräfte im Land, die einen Prozess mit allen Mitteln verhindern möchten.

    Staatsanwalt Julio Strassera (Ricardo Darín) und sein Team. (Argentinien, 1985, Amazon Studios)

    Kommentar

    Selbst in Argentinien ist der Prozess von 1985 zumindest bei der jüngeren Bevölkerung in Vergessenheit geraten. Mit ein Grund für Regisseur Santiago Mitre sich dem Thema anzunehmen. Die juristische Aufarbeitung sollte das Land noch viele Jahre beschäftigen. Alle damals verurteilten wurden bald wieder in die Freiheit entlassen. Ein neuerlicher Prozess fand erst mehr als 20 Jahre später statt. Videla wurde erst 2010 zu lebenslanger Haft verurteilt und starb 2013 im Gefängnis. Während der Diktatur verschwanden zehntausende Menschen. Kinder wurden systematisch entführt und verkauft.

    Argentinien, 1985 gibt jenen Menschen eine Stimme, die unter der Junta litten. Vor Gericht kommen sie zu Wort und schildern die unfassbaren Gräuel, denen sie ausgesetzt waren. Die detaillierten Berichte sind kaum zu ertragen. Es ist der Moment, in dem Regisseur Mitre todernst wird.

    Darüber hinaus kommt das Drama mit einer gewissen Leichtigkeit daher, die vor allem dem ambivalenten Charakter Julio Strassera zu verdanken ist. Am Anfang ist er alles andere als ein Held. Nur widerwillig nimmt er sich der Aufgabe an und ist nicht von der Sinhaftigkeit eines Prozesses überzeugt. Ricardo Darín verkörpert ihn mit einem gewissen Witz und einer mürrischen Schrulligkeit, die Argentinien, 1985 auch zu einem unterhaltsamen Film machen. Spannend und mit einer charismatischen Besetzung braucht das Gerichtsdrama den Vergleich mit Hollywood nicht zu scheuen.

    Argentinien, 1985 erfindet das Genre nicht neu aber Mitre, trifft aber immer den richtigen Ton und leistet einen großen Beitrag zur Erinnerungskultur und seine Geschichtsstunde sollte in Argentinien aber auch über die Grenzen hinaus in der Welt ihr Publikum finden. Hat man sich erstmal von der Demokratie verabschiedet, ist der Weg zurück ein sehr mühsamer und die Aufarbeitung langwierig.

    Argentinien, 1985 (OT: Argentina, 1985)
    Drama, ARG/UK/USA 2022

    Regie Santiago Mitre
    Drehbuch Santiago Mitre, Mariano Llinás
    Kamera Javier Juliá
    Schnitt Andrés P. Estrada
    Musik Pedro Osuna
    Mit Ricardo Darín, Juan Pedro Lanzani, ua.
    Länge 140 Minuten
    Streamingplattform
    Amazon Prime


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • ATHENA ★★★½

    ATHENA ★★★½

    Verfügbar bei

    Im Abo

    In Österreich erlangte Athena von Romain Gavras unrühmliche Bekanntheit, als es Ende Oktober 2022 in Linz zu Ausschreitungen kam und der Film hier offenbar als Inspiration für die Gefechte mit der Polizei herhalten musste. Bei den Filmfestspielen in Venedig mit zwei Preisen bedacht, ist Athena vor allem eins: ein rasantes wutgeladenes Gefecht mit chaotischen, langen Plansequenzen, die ihresgleichen suchen. Nicht zuletzt in der technischen Umsetzung sehr spannend. Wem Emily in Paris zu lieblich ist, hier kommt Mad Max: Fury Road in der Pariser Vorstadt.

    Darum geht es

    Die drei Brüder Karim (Sami Slimane), Abdel (Dali Benssalah) und Moktar (Ouassini Embarek) machen für den ungeklärten Tod ihres Bruders Idir die Polizei verantwortlich. Allerdings gehen sie damit ganz unterschiedlich um. Sie haben einen algerischen Migrationshintergrund, jedoch ganz verschiedene Biografien. Karim ist eine im Bezirk angesehene Größe und schwört auf Rache. Im zur Seite steht ein ganzes Heer an wütenden Mitstreitern. Nicht weniger aufgebracht ist Moktar, ein Drogendealer. Abdel kehrt gerade von der Armee zurück und versucht zu beschwichtigen. Er kann jedoch nicht mehr verhindern, dass die Lage allmählich eskaliert und sich ein ganzer Wohnblock in ein Schlachtfeld verwandelt.

    Für Karim (Sami Slimane) gibt es keine Kompromisse. Alle Zeichen stehen auf Angriff. (Athena, 2022)

    Kommentar

    Bereits nach wenigen Minuten musste ich die Pausetaste drücken. Was ist das jetzt? Schnell bei Youtube fündig geworden (siehe Making-of unten). Also alles echt. Athena beginnt mit einer 10-minütigen Plansequenz: Anfangs ein Pressestatement der Polizei, das in einen Brandanschlag und einer Stürmung eines Gebäudes mündet. Dann Flucht auf Motorrädern und im Kleinlaster. Die Kamera (Matias Boucard) mal auf dem Motorrad, dann im Inneren des Lasters. Von Beginn an alles ohne Schnitt gedreht auf einer Distanz von mehreren Kilometern, bis die Kamera in die Luft abhebt. Das ist atemberaubend gut.

    So geht es dann auch weiter. Romain Gavras hat den gesamten Film um die drei Brüder in der Pariser Vorstadt in Plansequenzen angelegt. In der Ästhetik erinnern sie teilweise an Peter Jacksons Schlachten in Mittelerde, nur das hier Großteils Migranten der Polizei gegenüberstehen. Das ist unglaublich dynamisch und dicht, sicherlich auch wegen der kompakten Spiellänge von rund 90 Minuten.

    Athena Making-of (Netflix)

    Am Drehbuch beteiligt war unter anderen Ladj Ly, der 2019 mit Die Wütenden – Les Misérables auf sich aufmerksam machte (Amazon Prime). In seinem Regiedebüt porträtierte Ly drei Polizisten im Stadtteil Les Bosquets. War damals der schwellende Konflikt unter der Oberfläche zu spüren, eskaliert es in Athena nun bis zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen.

    In diesem Sinne haben wir es hier mit einer Fortführung des Themas zu tun. Allerdings entwarf Die Wütenden ein präziseres und feinfühliger Bild der Konflikte in den Banlieues. Weniger spektakulär in der Umsetzung, dafür mehr der Sache dienlich, in dem der Fokus auf die Lebenssituation der Menschen gelegt wurde. Athena ist pure Provokation. Graubereiche gibt es hier keine mehr.

    Es ist am Ende die technische Umsetzung mittels enormen logistischem Aufwand, die Athena so spannend macht. Der hohe technische Aufwand und der Einsatz von realer Pyrotechnik ermöglicht ein unmittelbares Erlebnis, das an Intensität und Rasanz kaum zu überbieten ist. Greenscreen oder digitale Effekte gibt es nicht. Vor allem die erste Sequenz wird lange in Erinnerung bleiben. Es ist die wohl spektakulärste Plansequenz der Filmgeschichte. Die epochalen Choräle von Surkin entfalten ihre Wirkungskraft vor allem in den großen Gefechtsszenen. Überwiegend gedreht mit IMAX Kameras. Zu sehen ausschließlich bei Netflix.

    ATHENA
    Drama, F 2022

    Regie Romain Gavras
    Drehbuch Romain Gavras, Ladj Ly, Elias Belkeddar
    Kamera Matias Boucard
    Schnitt Cherifi Akram Mohamed Yasser
    Musik Gener8ion
    Mit Dali Benssalah, Sami Slimane, Anthony Bajon, Ouassini Embarek, Alexis Manenti
    Länge 97 Minuten
    Streamingplattform Netflix


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • GUILLERMO DEL TORO’S PINOCCHIO ★★★★★

    GUILLERMO DEL TORO’S PINOCCHIO ★★★★★

    Verfügbar bei

    Im Abo

    In diesem Jahr entführt uns Oscar-Preisträger Guillermo del Toro (Shape of Water – Das Flüstern des Wassers) in die Welt von Geppetto und seiner berühmten Holzpuppe Pinocchio. Umgesetzt gemeinsam mit Mark Gustafson (Der fantastische Mr. Fox) in der Stop-Motion Technik. Nach nur wenigen Spieltagen im Kino leitet Guillermo Del Toro’s Pinocchio nun bei Netflix die Award Season ein. Es ist die Arbeit eines Visionärs. Eine wunderbar feinfühlige Neuinterpretation.

    Darum geht es

    Nachdem der Tischlermeister Geppetto (David Bradley) seinen Sohn verloren hat, schnitzt er aus einem Baum eine Holzpuppe und nennt sie fortan Pinocchio. Eine Fee erweckt Pinocchio (Gregory Mann) zum Leben. Der Junge ist allerdings alles andere als brav und stellt seinen Schöpfer immer wieder auf die Probe, bis er eines Tages auf dem Schulweg auf Graf Volpe (Christoph Waltz) und Sprezzatura (Cate Blanchett) trifft und sich ihrem Zirkus anschließt. Es ist der Beginn einer großen abenteuerlichen Reise.

    Guillermo del Toro’s Pinocchio -Pinocchio (Stimme von Gregory Mann) and Count Volpe (Stimme von Christoph Waltz). Cr: Netflix © 2022

    Kommentar

    Im Jahr 1940 legte Walt Disney mit dem zweiten abendfüllenden Zeichentrickfilm Pinocchio einen Grundstein für die bis heute andauernde Erfolgsgeschichte des Produktionsstudios. Der Film wurde nicht nur wegen seiner technischen Perfektion gelobt, sondern auch auf Grund der Neuinterpretation des Originalstoffes von Carlo Collodi aus dem Jahr 1881. Disneys Version war düster. Es sollte aber noch viele Jahrzehnte dauern, bis die Geschichte sich vom Ruf eines Kindermärchens emanzipieren konnte und der Entwicklungsroman durchaus auch als Erwachsenenliteratur gelesen wurde. Was die Geschichte bei genauerer Betrachtung auch nahelegt.

    Heute ist dem jungen Publikum die erste Verfilmung wohl kaum mehr bekannt, im Gegensatz zur allgegenwärtigen Visualisierung der Holzpuppe mit der roten Hose. Ebensowenig, dass der mit einem Oscar prämierte Song „When you wish upon a Star“, gesungen von der Grille, zur inoffiziellen Hymne von Disney geworden ist und bis heute am Anfang fast jeder Produktion des Konzerns erklingt. Erst vor wenigen Monaten ist man bei Disney mit einer Neuverfilmung kläglich gescheitert. Dazwischen liegen zahlreiche weitere Verfilmungen von unterschiedlicher Qualität.

    Pinocchio ist also unzertrennliche mit Disney verbunden. Guillermo del Toro (ihm zur Seite stand Stop-Motion Spezialist Mark Gustafson) dürfte es aber gelingen, mit seiner Version ein neues Kapitel aufzuschlagen. Guillermo del Toro’s Pinocchio ist ein technisches Meisterwerk, welches das Publikum in Staunen versetzen wird und mit viel Liebe und Fingerspitzengefühl inszeniert ist (alleine mit wieviel Leidenschaft Del Toro Pinocchio ausspricht, als wäre er selbst Gepetto!). Einzig die Gesangsnummern wirken deplatziert (ungeachtet ihrer Qualität).

    Auch Del Toros Ansatz ist ein düsterer. Er verlegt die Geschichte in die Zeit des italienischen Faschismus und läßt Pinocchio für Benito Mussolini tanzen. Die Holzpuppe weiß aber ganz genau, wer da im Publikum sitzt und macht dass, was Spitzbuben so tun. Dieser Brückenschlag ist durchaus gelungen und erinnert an Pan’s Labyrinth (2006), wo Del Toro schon einmal ein faschistisches Regime in seine Geschichte eingewoben hatte (damals Spanien unter Franco). Wunderbar ist Ewan Mc Gregor als Sebastian J. Grille (auch gesanglich stark). Kein süßes Tier als Beiwerk sondern ein Insekt eben. Christoph Waltz macht als Antagonist Graf Volpe das, was er am Besten kann und hatte hörbar Freude daran. Die Blaue Fee (Tilda Swinton) bekommt bei Del Toro eine größere Rolle in Gestalt einer Schwester im Totenreich. Selbst als Holzpuppe muss sich Pinocchio mit dem Tod und der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen.

    Guillermo del Toro’s Pinocchio | Behind the Scenes

    Es ist ein Dilemma, dass einem bahnbrechenden Erfolg gerade das größtes Kapital im Wege stehen wird. Stop-Motion ist natürlich ein Nischenprodukt. Bleibt zu hoffen, dass die Niederschwelligkeit von Netflix dem Film zu mehr Erfolg verhilft, als es bei einer längeren Kinoauswertung möglich gewesen wäre. Immerhin konnte wer wollte den Film im Laufe einiger Tage im Kino sehen. Anderen Filmen bleibt dieses Privileg längst verwehrt.

    Man kann die Prognose wagen: In diesem Jahr wird die Oscar Kategorie Bester Animierter Film nicht von bunten Kinderfilmen beherrscht werden. Es ist nicht nur das Jahr von Stop-Motion, sondern eines Trickfilmes, der sich (auch) an ein älteres Publikum wendet. Die Chancen für Del Toro dürften nicht schlecht stehen, obwohl die Konkurrenz wie in jedem Jahr stark ist. Netflix strebt gar eine Nominierung in der Kategorie Bester Film an. In jeglicher Sicht gerechtfertigt.


    GUILLERMO DEL TORO’S PINOCCHIO
    Stop-Motion Märchen, USA/MEX/F 2022

    Regie Guillermo del Toro, Mark Gustafson
    Drehbuch Guillermo del Toro, Carlo Collodi, Matthew Robins,
    Kamera Frank Passingham
    Schnitt Ken Schretzmann
    Musik Alexandre Desplat
    Mit Gregory Man, Ewan McGregor, David Bradley, Christoph Waltz, Tildo Swinton, Cate Blanchett
    Streamingplattform
    Netflix


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • MARCEL THE SHELL WITH SHOES ON ★★★★★

    MARCEL THE SHELL WITH SHOES ON ★★★★★

    Ein großes Filmwunder mit einem zündholzschachtelkleinen Protagonisten beschert uns die Produktionsfirma A24. Es ist eine recht absurde Ausgangslage. Wie soll eine winzige sprechende Muschel mit Füßen und einem großen Auge unsere Aufmerksamkeit erwecken? Ja, das funktioniert und zwar ziemlich gut. Die Fake-Stop-Motion-Dokumentation Marcel The Shell With Shoes On von Dean Fleischer-Camp und Jenny Slate ist eine Sternstunde des Geschichtenerzählens.

    Darum geht es

    Der Dokumentarfilmer Dean zieht nach einer Trennung in ein AirBNB Haus. Dort entdeckt er, dass das Haus von einer sprechenden Muschel und deren Großmutter bewohnt wird. Dean beginnt den Alltag von Marcel der Muschel zu filmen. Es stellt sich heraus, dass mit dem Auszug der Vormieter auch sämtliche Verwandte der Muscheln verschwunden sind.

    Dean stellt erste Videos online und rund um den von der Einsamkeit geplagten Marcel entwickelt sich bald ein Internetphänomen. Sogar die Produzenten von Marcels Lieblingssendung 60 Minutes werden auf ihn aufmerksam. Durch den Auftritt in der Talkshow nimmt das Leben von Marcel eine entscheidende Wendung.

    Marcel in seiner Vorratskammer und einer Rutsche im Hintergrund (Marcel The Shell with Shoes on, USA 2022)

    Kommentar

    Dem Film gehen drei Kurzfilme voran, die auf Youtube verfügbar sind (hier, hier und hier). Mit dem ersten Film 2010 konnten Dean Fleischer-Camp und Jenny Slate schon auf Festivals reüssieren. Die Beiden haben sich Marcel ausgedacht und Slate leiht ihm ihre Stimme. Diese hohe verletzliche, weinerliche Stimme ist auch das, was den Charakter der Muschel massgeblich prägt. Sie läßt uns an seinem Gefühlsleben teilhaben und binnen weniger Momente hat Marcel alle Sympathien auf seiner Seite.

    It’s pretty much common knowledge, that it takes 20 shells to have a community.

    Marcel in MARCEL THE SHELL WITH SHOES ON

    Marcel ist von Einsamkeit geplagt. Seine Großmutter zeigt erste Anzeichen von Vergesslichkeit. Vielleicht ist das für manche zu dick aufgetragen. Das Ganze ist schon sehr sehr rührend aber irgendwie kann man dem Winzling nicht Wiederstehen. Außerdem ist es ein Feelgood Movie und den können wir gerade gut gebrauchen.

    In liebevoll gestalteten Sets gibt uns Marcel einen Einblick in eine Welt, die uns auf den ersten Blick verborgen bleibt. Der Clou an der Geschichte ist, dass Fleischer-Camp in seiner Dokumentation so tut, als wäre das alles echt und Marcel eine reale Zufallsentdeckung in seinem Miethaus.

    Erfreulicherweise ist 2022 ein gutes Jahr für Stop-Motion. The House, Del Toro’s Pinocchio, Wendell &Wild (alle Netflix) huldigen eine der großartigsten Tricktechniken überhaupt, die uns immer wieder in Staunen versetzen kann. Selbst wenn die technischen Parameter bekannt sind, so bleibt immer etwas Magisches in den Bildern. Für das Publikum übt Stop-Motion auch nach 100 Jahren immer noch eine große Faszination aus.

    Marcel the Shell with Shoes on ist in Österreich leider nur einige wenige Mal im Kino zu sehen und eine Streamingauswertung ist auch nicht in Sicht. A24 hat einen Deal mit AppleTV+. Es wäre also möglich, dass die Mockumentary irgendwann dort verfügbar sein wird.

    Ein Film über die Wichtigkeit von Gemeinschaft und auf den „sowas hab ich noch nie gesehen“ tatsächlich zutrifft.

    MARCEL THE SHELL WITH SHOES ON
    Mockumentary, USA 2022

    Regie Dean Fleischer-Camp
    Drehbuch Dean Fleischer-Camp, Jenny Slate, Nick Paley,
    Kamera Bianca Cline
    Schnitt Dean Fleischer Camp, Nick Paley
    Musik Disasterpeace
    Mit Jenny Slate (Stimme), Isabella Rossellini (Stimme), Dean Fleischer Camp


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • ARMAGEDDON TIME ★★★★½

    ARMAGEDDON TIME ★★★★½

    Im Kino

    Regisseur James Gray (Ad Astra) erinnert sich an einen bestimmten Moment der US-amerikanischen Geschichte im Jahr 1980. Ein 11-jähriger Bub schließt in Armageddon Time während des Wahlkampfs von Ronald Regan Freundschaft mit einem schwarzen Mitschüler. Die Abneigung gegenüber Schwarzen ist jedoch selbst in seiner Einwandererfamilie noch allgegenwärtig. Das Schulsystem separiert Gesellschaftsgruppen und im Hintergrund zieht in New York ein Geschäftsmann die Fäden: Fred Trump, Vater des späteren US-Präsidenten Donald Trump. Mit zwei grandiosen Kinderdarstellern und einmal mehr Anthony Hopkins, so wie wir ihn lieben.

    Darum geht es

    Es ist für Paul Graff (Banks Repeta) der erste Schultag in der 6. Klasse in Queens, New York. Er freundet sich mit dem einzigen schwarzen Mitschüler in der Klasse an. Johnny (Jaylin Webb) ist aufmüpfig, genauso wie Paul. Allerdings muss Paul bald feststellen, das Johnny von den Lehrern im Gegensatz zu ihm stark benachteiligt wird. Auch Pauls Familie ist nicht begeistert, dass ein schwarzer Junge „durch die Nachbarschaft schleicht“. Seine Großeltern sind russische Juden und aus der Ukraine imigriert. Zu seinem Großvater (Anthony Hopkins) hat er eine enge Beziehung. Seine Eltern (Anne Hathaway, Jeremy Strong) sind überfordert, als sie schlechte Einflüsse der öffentlichen Schule bemerken und gehen entsprechend brutal vor. Folglich muss Paul in eine Privatschule, so wie sein älterer Bruder. Dort sind ausschließlich weiße Kinder. Sie tragen eine Schuluniform und die Klassen sind allgemein besser ausgestattet. Als Mäzen tritt Fred Trump (John Diehl) auf, der die Schule finanziert. Paul bricht den Kontakt zu Johnny allerdings nicht ab, auch wenn er diese Freundschaft verheimlichen muss.

    Jaylin Webb stars as Johnny Crocker and Michael Banks Repeta stars as Paul Graff in director James Gray’s ARMAGEDDON TIME, a Focus Features release. Courtesy of Focus Features, Armageddon Time, James Gray, USA 2022, The Reel Therapist

    Kommentar

    Es ist eine Dialog, der einem in die Knochen fährt. So nebenbei erzählt, dass man sie fast verpassen könnte. Pauls Großmutter Mickey Rabinowitz (Tovah Feldshuh) erzählt von einer Pragreise. Auf dem Flohmarkt entdeckt sie auf der Unterseite der angebotenen Gegenstände jüdische Namen. Es ist der Besitz vertriebener und ermordeter Familien. Sie selbst ist mit ihrem Mann aus Europa geflohen. Und einmal fragt Fred Trump Paul, was denn Graff für ein seltsamer Name sei. Pauls Eltern haben das Jüdische aus ihrem Familiennamen schlicht getilgt.

    Die Großeltern hat es nach Queens verschlagen. Der Anteil an Migranten ist hoch, kaum wo in den USA werden so viele unterschiedliche Sprachen gesprochen wie hier. Die Familie ist sehr bedacht drauf, dass die Kinder eine gute Bildung erfahren und schauen darauf, zu wem die Kinder Kontakte pflegen. Schwarze sind nicht gerne gesehen und haben für sie in der Gesellschaft keinen Platz.

    Das öffentliche Schulsystem ist überlastet. Schlechte Ausstattung und große Klassen, in denen sich die Lehrer kaum durchsetzen können. Pauls kreativen Talente werden hier aufgrund eines falschen Verständnisses von Originalität nicht honoriert. In der Privatschule ist das kaum anders. Allerdings weil hier eiserne Disziplin herrscht und kaum Platz für freie Gedanken ist. Paul sieht hier zum ersten Mal Personal Computer in den Klassen (an ihnen wird später die Freundschaft von Paul und Johnny zerbrechen) und etwas anderes nicht: schwarze Mitschüler. Hier wird die zukünftige Elite herangezogen. Unter den Augen von Fred Trump und seiner Tochter Maryanne (Jessica Chastain). Auch Sohn Donald ist hier einst zur Schule gegangen.

    Im Wahlkampf beschwört Ronald Reagan das bevorstehende Armageddon herauf. Wie sonst als mit Angst können Republikaner Wahlen gewinnen. Geiselnahme von Teheran, Energie Krise und Kalter Krieg spuken in den Köpfen der Menschen. In der Schule wird Reagan gefeiert. Bei Paul zu Hause nimmt man am Ende seinen Wahlsieg bedrückt hin. Der Titel Armageddon Time ist von einem Songtitel von The Clash geliehen.

    In einer Nebenrolle glänz einmal mehr Anthony Hopkins, hier als Aaron Rabinowitz. Als Großvater zeigt er seine große Liebe zu seinem Enkel. Zeit ist für ihn kostbar. Er merkt, dass es mit ihm zu Ende geht. Es sind herzzerreißende Momente zwischen den beiden. Es ist buchstäblich die Weitergabe des Feuers, die wir hier beobachten können.

    Regisseur James Gray läßt sich nicht von der gerade populären 80er Retrowelle verleiten. Armageddon Time gibt sich nicht nostalgisch. Es ist ein solides Geschichtsdrama über Familie, Politik, Migration und das Bildungssystem im New York des Jahres 1980. Ohne Retrochic und Sentimentalität. Ich hoffe, wir sehen bald mehr von Banks Repeta und Jaylin Webb. Zwei tolle Entdeckungen.

    Armageddon Time
    Drama, USA 2022

    Regie James Gray
    Drehbuch James Gray
    Kamera Darius Khondji
    Schnitt Scott Morris
    Musik Christopher Spelman
    Mit Banks Repeta, Jaylin Webb, Anne Hathaway, Jeremy Strong, Anthony Hopkins
    Länge 115 Min.
    Verleih Österreich UIP Austria
    Im Kino


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • RRR ★★★★½

    RRR ★★★★½

    Verfügbar bei

    Im Abo

    Das in der Telugu Sprache gedrehte Actionspektakel RRR (die Buchstaben stehen für Rise Roar Revolt) von S. S. Rajamouli ist nicht zuletzt wegen seines großen Erfolges der erster Film des Regisseurs, der weltweit sein Publikum gefunden hat. Jene, die mit dem indischen Kino vertraut sind, wird das jetzt nicht gleich vom Ofen hervorholen. Das Anti-Kolonialmärchen über zwei Revolutionäre der 1920er Jahre bietet jedoch neben einer dramatischen Story exzessive atemberaubende Actionchoreografien und spektakuläre Spezialeffekte. Hier wird nicht nur das Heldentum bis an die Spitze getrieben. Die gesamten drei Stunden sind nichts weniger als bombastisch.

    Darum geht es

    Als die Schwester von Komaram Bheem (N.T. Rama Rao Jr.) vom tyrannischen Kolonialherren Scott Buxton (Ray Stevenson) entführt wird, schwört er Rache und macht sich auf nach Delhi, um sie zurückzuholen. Dort ist man bereits gewarnt und setzt den ambitionierten Polizisten Alluri Sitarama Raju (Ram Charan) darauf an, Bheem aufzuspüren. Wie das Schicksal so spielt, treffen die Beiden aufeinander, ohne ihre wahre Identität Preis zu geben. Es entwickelt sich eine große Freundschaft. Bis die Deckung der beiden auffliegt und ihre jeweilige Agenda zum Vorschein kommt. Aus der Freundschaft wird bittere Rivalität. RRR hält jedoch einige Wendungen parat. Unterstützung erhält Bheem von Buxtons Nichte Jennifer (Olivia Morris). Der große gemeinsame Feind sind am Ende die erbarmungslosen Kolonialisten und deren brutale Herrschaft.

    Komaram Bheem (N.T. Rama Rao Jr.) und Alluri Sitarama Raju (Ram Charan) in RRR von S. S. Rajamouli

    Kommentar

    Es ist eine regelrechte Lawine, die das Publikum in RRR von Anfang an überrollt. Alleine die ersten 30 Minuten beinhalten Actionszenen, die für mehr als einen Film reichen würden. Das scheinbar große Finale folgt irgendwann in der Mitte des Filmes und das Ende ist nach gut drei Stunden so wirkungsvoll wie der Beginn. RRR ist wie eine Dampflokomotive, die mit Vollgas durch die Landschaft donnert.

    Es sind dann auch die spektakulären Momente die große Stärke und natürlich die beiden charismatischen Hauptdarsteller. Feine Zwischentöne oder kluge Dialoge darf man sich hier nicht erwarten. Die Darstellung der brutalen britischen Besatzungsmacht erinnert an jene von Nazibösewichten. RRR spart auch nicht mit heftigen Gewaltszenen, die dann auch noch mit Gesangsnummern angereichert sind. Das ist gewöhnungsbedürftig.

    Die zwei späteren Revolutionäre (Die beiden haben sich im wirklichen Leben nie getroffen. Die Gesichte ist also reine Erfindung) stehen für den Freiheitskampf des Subkontinents. Naturgemäß ist RRR dadurch geprägt von Nationalstolz. Dagegen wirken sogar US-amerikanische Pendants bescheiden. Durch die stetigen Übertreibungen wird das etwas entschärft. Was das für die gegenwärtige Rezeption in Indien bedeutet, ist eine andere Sache. Im historischen Kontext ist er wohl gerechtfertigt. An der damaligen Realität gibt es nichts zu rütteln. Der antikoloniale Kampf mündet in eine letzte Gesangsnummer, in der weitere Nationalhelden aus ganz Indien gefeiert werden.

    Bei Netflix kann man es sich sparen, sich durch die vermeintliche Originalfassung zu quälen. RRR ist nur in den synchronisierten Fassungen Hindi und Englisch zu sehen. Die Rechte für Telugu liegen bei einem indischen Streamingdienst.

    RRR ist ein großes Vergnügen mit vielen Momenten, die wohl in Erinnerung bleiben werden. Ein Biest von einem Film, in dem die Schwerkraft und die Zeit keine Rolle mehr spielen. S. S. Rajamouli scheint keine Grenzen beim Geschichten erzählen zu kennen. In Hollywood muss man sich dagegen warm anziehen. Es wäre schön, wenn man sich dort in den nächsten Wochen an diese Produktion erinnert, wenn es auch leider sehr unwahrscheinlich ist. Die Bedeutung für das heutige Unterhaltungskino ist jedenfalls enorm. Für den Rolling Stone ist es der beste Blockbuster des Jahres. Leider war es so gut wie unmöglich, denn Film auf der großen Leinwand zu sehen, wo er erst seine volle Wirkungskraft entfalten kann.

    Eine Einstiegsdroge in den indischen Film.

    RRR
    Actiondrama, IND 2022

    Regie S. S. Rajamouli
    Drehbuch S. S. Rajamouli
    Kamera K. K. Senthil Kumar
    Schnitt A. Sreekar Prasad
    Musik M. M. Keeravani
    Mit N. T. Rama Rao Jr., Ram Charan, Alia Bhatt, Olivia Morris, ua.
    Länge 182 Min.
    Sprache Telugu/Englisch, dt. Untertitel
    Streamingplattform
    Netflix


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • IM WESTEN NICHTS NEUES ★★★★

    IM WESTEN NICHTS NEUES ★★★★

    Im Abo

    Wenn Deutschland mit der Netflix Produktion einer sehr freien Adaptierung des Klassikers Im Westen nichts Neues ins Oscar Rennen geht (und dabei gar nicht mal so schlechte Chancen auf eine Nominierung hat), dann ist es für viele der erste Berührungspunkt mit einem Antikriegsfilm. Der Streamingdienst macht es möglich andere Zusehergruppen zu erreichen als es bei einer Kinoproduktion der Fall wäre. Drastische Bilder voll Brutalität sind fixer Bestandteil des Genres geworden und man ist sich mehr oder weniger einig, dass der Film natürlich zu rechten Zeit gekommen ist. Über die sehr freie Umsetzung von Regisseur Edward Berger gehen die Meinungen allerdings auseinander.

    Darum geht es

    Es ist die dritte Verfilmung des von Erich Maria Remarque verfassten Antikriegsromanes aus dem Jahr 1928. Darin werden die Erlebnisse des jungen Paul Bäumer (Felix Kammerer) an der Westfront ab 1917 geschildert. Aufgestachelt von ihrem Lehrer meldete sich eine Gruppe von jungen Männern freiwillig zum Kriegsdienst. Schon auf dem beschwerlichen Marsch durch das Hinterland zur Front stellt sich Ernüchterung ein.

    Von General Friedrich (Devid Striesow) werden die Soldaten kommandiert, der um jeden Preis Meter machen möchte, obwohl die Situation fast chancenlos ist. Tatsächlich hatte sich die Westfront über die Jahre kaum mehr als ein paar hundert Meter bewegt. In den Schützengräben fanden Hunderttausende den Tod. Die Spuren des exzessiven Kampfes sind bis heute, mehr als hundert Jahre später, immer noch zu sehen.

    Im Westen nichts Neues bewegt sich fortan zwischen Schützengräben und verlassenen französischen Bauernhöfen, in den die Soldaten kurz zur Ruhe kommen können. Die Version von Regisseur Edward Berger entfernt sich allerdings von der Romanvorlage, streicht ganze Passagen und fügt neue hinzu, wie die der historischen Figur Matthias Erzberger (Daniel Brühl), der mit den französischen Marshall Foch (Thibault de Montalembert) den Friedensvertrag ausverhandelte. General Friedrich passt das ganz und gar nicht und schickt die Soldaten bis zuletzt in einen sinnlosen Grabenkampf.

    Chaos und Vernichtung in IM WESTEN NICHTS NEUES (Edward Berger, 2022)

    Kommentar

    Es ist ein echter Jammer. Wenn sich zu Beginn der Nebel über die winterliche Landschaft legt, kann einen schon das Frösteln kommen. Wenn man im Kino sitzen würde. Ja, wenn. Da Im Westen nichts Neues von Netflix vertrieben wird, sind Kinoaufführungen sehr rar. So fristet das Kriegsdrama sein Dasein auf Laptopbildschirmen (man glaubt gar nicht, wie wenige Menschen heute noch einen Fernseher haben). Noch dazu ist es gerade über einen so langen Zeitraum von 2 1/2 Stunden eine Herausforderung jeglicher Ablenkung zu widerstehen.

    Aber so ist das jetzt nunmal. Die erste Sequenz ist zugleich die Stärkste: Gefallenen Soldaten werden die Uniformen ausgezogen und in großen Bündeln nach Deutschland gebracht, gereinigt, Einschusslöcher geflickt und dem nächsten Schwung an Rekruten ausgehändigt. Die wundern sich über das falsche Namensschild. Besser kann man den Irrsinn der Kriegsmaschinerie kaum darstellen. Es wird auch einer der wenigen Bezüge zur damaligen Zeit bleiben. Regisseur Berger bleibt fortan im Kriegsgeschehen. Einen Heimurlaub wie im Roman gibt es nicht. Einzig die Verhandlungen über einen Waffenstillstand stellen einen historischen Bezug her.

    Dass sich die Verfilmung gar weit von der Romanvorlage entfernt, hat viele gestört. Dazu muss am aber das erst einmal Buch kennen und daher soll uns das nicht wieder kümmern. Es ist ein für deutsche Verhältnisse schon ganz beachtliches Projekt, dass den Vergleich mit US-Produktionen nicht zu scheuen braucht. Auch wenn die technischer Finesse von Dunkirk oder 1917 nicht erreicht wird. Bildgewaltig ist das deutsche Kriegsepos allemal. Vor allem die Szenen im Schützengraben sind beklemmend. Der Lärm und die Unübersichtlichkeit in den feuchten Erdlöchern wird durch die drastischen Aufnahmen erlebbar und zum intensiven Erlebnis.

    Am Ende wird etwas dick aufgetragen. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es beim Publikum ganz gut ankommen wird. Irgendwie möchte man nach 140 Minuten doch noch was geboten bekommen. Davor mehr als zwei Stunden Tod und Verderben in Schlamm und Regen. Es waren unvorstellbare Bedingungen, unter denen die Soldaten kämpfen mussten. Das vermittelt Im Westen nichts Neues ganz eindringlich.

    Der Hauptdarsteller Felix Kammerer ist Ensemblemitglied im Wiener Burgtheater und kann dort auch auf der Bühne erlebt werden.


    IM WESTEN NICHTS NEUES
    Drama, D/USA/GB 2022

    Regie Edward Berger
    Drehbuch Lesley Paterson, Edward Berger, Ian Stokell
    Kamera James Friend
    Schnitt Sven Budelmann
    Musik Volker Bertelmanm
    Mit Felix Kammerer, Albrecht Schuch, Aron Hilmer, Daniel Brühl, Devid Striesow, ua.
    Länge 148 Min.
    Streamingplattform
    Netflix


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • BLOND ★★½

    BLOND ★★½

    Jetzt verfügbar bei

    Abo

    Sie gilt immer noch als einer der größten Filmstars aller Zeiten. Marilyn Monroe ist eine Popikone und einer der Stars des Goldenen Hollywood der 1950er Jahre. Sie füllte mit ihrer Persönlichkeit die Klatschspalten genauso aus, wie die große Leinwand. Blond von Andrew Dominik wird nun als Biopic vermarktet, dabei basiert der Film auf einer fiktionalen Romanvorlage. Die Autorin Joyce Carol Oates hat schon gewusst, warum sie auf 700 Seiten keine Namen nennt, außer jenen von Marylin Monroe. Das Bild, dass nun gerade jene von ihr haben werden, die Monroe nie in einer ihrer Rollen gesehen haben (und das mangels Angebot auf den Streamingplattformen auch nicht nachholen können), ist ein katastrophales. Leider scheint sich niemand um ihr Erbe für die Nachwelt zu kümmern. Über die ersten 20 von 166 Minuten kommt aber offenbar ohnehin kaum jemand hinaus. So blüht dem Film ein unrühmliches und tristes Streamingdasein.

    Darum geht es

    Der Film erzählt in Episoden aus dem Leben von Marilyn Monroe (Ana de Armas). Zu Beginn sieht man sie als kleines Mädchen (Lily Fisher) zusammen mit ihrer psychisch kranken Mutter (Julianne Nicholson) während eines großen Feuers in Hollywood Anfang der 1930er Jahre. In ihrer Jugend arbeitet sie als Cover- und Pinup-Model, bis sie 1946 von Darryl F. Zanuck ihren ersten Studiovertrag erhält, von dem sie dafür vergewaltig wird. Monroe ist stetig auf der Suche nach einer Vaterfigur. Ihren richtigen Vater hat sie nie kennengelernt. Es folgen Affären mit Eddy Robinson Jr und Cass Chaplin und Ehen mit Joe DiMaggio (Bobby Cannavale) und Arthur Miller (Adrian Brody). Von US-Präsident John F. Kennedy wird sie ebenso missbraucht. Sie arbeitet mit den größten Regisseuren ihrer Zeit, die ihre Eskapaden für ihre unvergleichliche Leinwandpräsenz in Kauf nehmen. Ihr Ruhm steigt ins Unermessliche, was ihr immer mehr zu schaffen macht. 1962 nimmt sie sich nach offiziellen Angaben das Leben.

    Marilyn Monroe (Ana de Armas) und Arthur Miller (Adrian Brody) in BLONDE.
    Marilyn Monroe (Ana de Armas) und Arthur Miller (Adrian Brody) in BLOND.

    Kommentar

    Erst vor kurzem konnte eine jüngere Generation eine andere Ikone des 20. Jahrhunderts auf der Leinwand kennenlernen. Buzz Lurmanns Elvis spart nicht mit den Schattenseiten im Leben des Rock’n’Rollers. Trotzdem: man konnte sich ein Bild machen und verstehen, warum die Faszination um ihn bis heute ungebrochen ist. Mit Andrew Dominiks Blond gestaltet es sich nun etwas anders.

    Technisch (Kamera: Chayse Irvin) zieht der Film alle Register. In Farbe und Schwarzweiß wechseln die Bildformate und werden zahlreiche berühmte Fotografien nachgestellt und zum Leben erweckt. Das ist Größtenteils schön anzusehen. Jedenfalls so lange die Bilder nicht zu explizit werden und man mit ansehen muss, wie sich Monroe prostituieren muss. Das ist dann mitunter unerträglich.

    Ana de Armas legt sich ordentlich ins Zeug und zeigt mit Sicherheit eine schauspielerischer Leistung, an die man sich zurückerinnern wird. Sie beherrscht die verletzliche dünne Stimme, die wir von Monroe kennen. Jede Locke sitzt perfekt. Ebenso Julianne Nicholson, Bobby Cannavole und Adrian Brody seien erwähnt und zeigen einmal mehr, warum es im Englischen Supporting Actor/Actress heißt. Retten können sie den Film aber alle nicht.

    Wir haben es hier mit einer Aneinanderreihung von negativ konnotierten Lebensstationen zu tun. Das Leben als ständiger Kontrollverlust. Monroe sehen wir durchwegs fremdbestimmt. Ein Funken der Lebensfreude kommt erst gar nicht auf. Wenn hier allerdings das männliche Studiosystem angeprangert werden soll, so fügt der Film dem eine neue Ebene hinzu. Denn frei von voyeuristischen Zügen ist Dominiks Inszenierung keineswegs. Die Bilder setzten dem noch eins drauf, in dem sie Monroes Charakter neuerlich ausbeuten. Auch durch die Bildsprache. In der Realität hatte sie ihr Leben sehr wohl selbst in der Hand. Immerhin war sie Mitbegründerin einer eigenen Filmproduktionsfirma, nachdem sie zusehends mit den Rollenangeboten nicht mehr zufrieden war. Ein Schritt, der heute als Teil vom Ende des Studiosystems gesehen wird.

    Blond bedient sich Mythen rund um Marilyn Monroe, die heute teilweise widerlegt sind und macht das, was schon die Studiobosse zu ihren Lebzeiten getan haben: sie für ihre Zwecke auszunutzen. Einer ambivalente Persönlichkeit wird der Film nicht gerecht. Leider kann Marilyn Monroe sich nicht mehr dagegen wehren.

    BLOND (OT: BLONDE)
    Drama, 2022

    Regie Andrew Dominik
    Drehbuch Andrew Dominik nach Joyce Carol Oates
    Kamera Chayse Irvin
    Schnitt Adam Robinson
    Musik Nick Cave, Warren Ellis
    Mit Ana de Armas, Adrian Brody, Bobby Cannavale, Julianne Nicholson
    Länge 166 Min.
    Streamingplattform
    Netflix


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau