Schlagwort: Filmkritik

  • MISSION: IMPOSSIBLE – Dead Reckoning Teil Eins ★★★ ½

    MISSION: IMPOSSIBLE – Dead Reckoning Teil Eins ★★★ ½

    Es sind pandemiebedingt schon wieder 5 Jahre vergangen, seit Ethan Hunt und sein Team ihren letzten Einsatz hatten. Mission: Impossible: Fallout bot Action vom Feinsten und es ist einer der großartigsten Actionfilme der jüngsten Zeit. Nun gehen Christopher McQuarrie und Tom Cruise aufs Ganze: Gleich ein Zweiteiler, wobei Mission: Impossible – Dead Reckoning Teil Eins bereits stolze 164 Minuten lang ist. Dazu eine Künstliche Intelligenz als übermächtiger Gegner. Kann das gut gehen oder gehen den Duo die Ideen aus?

    Darum geht es

    Ethan Hunt (Tom Cruise) erhält von CIA-Direktor Eugene Kittridge (nach Teil 1 diesmal wieder dabei: Henry Czerny) den Auftrag, die Agentin Ilsa Faust (Rebecca Ferguson) aufzuspüren und ihr die eine Hälfte eines mysteriösen Schlüssels abzunehmen, von dem man noch nicht genau weiß, wozu der gut sein soll. Allerdings besteht von mehreren Seiten großes Interesse an ihm. Als Ethan erfährt, was hinter dem Schlüssel steckt und was der CIA-Direktor damit vorhat, nimmt er die Mission mit seinen Mitstreitern Benji Dunn (Simon Peck) und Luther Stickell (Ving Ragmes) selbst in die Hand.

    Auf dem Flughafen in Dubai will das Trio die Spur aufnehmen. Dabei stößt Hunt auf die Diebin Grace (Hayley Atwell), die ihrerseits wieder beauftragt wurde, einen Teil des Schlüssel von Hunt zu klauen. Die Jagd wird sie weiter nach Rom und Venedig führen. Eines wird bald klar: hier sind Kräfte im Spiel, die den Lauf der Welt verändern könnten.

    Kein romantisches Wochenende in Venedig (Mission: Impossible – Dead Reckoning Teil Eins)

    Kommentar

    Zu allererst steht die Mission Impossible-Reihe für waghalsige Stunts, die Tom Cruise selbst ausführt. Er und Regisseur Christopher McQuarrie sind ein produktives Kreativduo, das als Glücksfall bezeichnet werden kann. Keine leichte Konstellation. Cruise ist eine Kontrollfreak und da muss man als Regisseur auch zurückstecken können.

    Die Actionszenen sind spektakulär und sehr aufwendig und technisch ausgefeilt inszeniert (wie zum Beispiel in Fallout die Verfolgungsjagd durch Paris, die an John Frankenheimer erinnert, der ebenfalls auf digitale Effekte verzichtete. Wer erinnert sich an Ronin aus dem Jahr 1998?). Es gibt sie auch in Dead Reckoning Teil Eins. Diesmal führt sie durch Rom und ist zudem recht witzig geraten. Jedoch beginnen hier auch schon die Probleme. Man kopiert sich nämlich selbst. Hinzukommen Locations wie Venedig (schon wieder!) und ein Zug (schon wieder!). Auf und in einem Zug hat man in diesem Jahr bereits zumindest eine ausgiebige Actionssequenz gesehen.

    Zudem verliert sich Mission Impossible 7 genau hier am Ende in durchschnittlichem CGI. Warum? Die Bahntrasse wurde extra für den Dreh gebaut. Gerade für die Actionszenen hat man in der Reihe zuletzt auf augenscheinliche Computeranimationen verzichtet. Die Echtheit der aufwendigen Stunts ist zu einem Markenzeichen geworden. Ebenso verhält es sich mit der Verfolgungsjagd über die Spanische Treppe, die freilich nicht vor Ort stattfinden konnte und teilweise offensichtlich dem Rechner entsprungen ist. Bleibt der bereits im Vorfeld oft gezeigte Stunt über eine Klippe in Norwegen (im Film spielt die Szene auf der Strecke zwischen Venedig und Innsbruck), für den Tom Cruise eine Unzahl an Testsprüngen absolvieren musste. Mehr dazu in diesem Video.

    Der Motorrad-Stunt (Mission: Impossible – Dead Reckoning Teil Eins)

    Die Entscheidung, den Gegenspieler diesmal eine künstliche Intelligenz sein zu lassen, bringt zuerst frischen Wind hinein. Auch wenn wir in der halbstündigen Eröffnungssequenz noch nicht genau wissen, was vor sich geht, so verheißt sie nichts Gutes. Bereits in der nächsten Sequenz bekommt wir zum ersten Mal zu spüren, womit wir es zu tun haben. Hier befinden sich McQuarrie/Cruise auf dem Puls der Zeit. Ein weder für die Leinwandhelden noch das Publikum fassbarer Gegner bringt allerdings auch Probleme mit sich. Wo genau liegen die Grenzen es Bösen (und der Überwachung)? Ist es der digitale Raum, dann ist der Nostalgiezug mit Dampflock im Finale fast schon ein Save Space. Hier tragen nur die aus der Serie bekannten Masken zur Täuschung bei und der Konflikt reduziert sich wieder auf Mensch gegen Mensch.

    In der vernetzten Welt sind solche technologiefernen Orte aber rar und durch die Rahmenhandlung, die uns am Ende Richtung Teil 2 führt, wird angedeutet, dass es um weit mehr geht. Auch das wird nicht der letzte Teil der Filmreihe werden, wie es ursprünglich geplant war. Tom Cruise liebäugelt hier mit Harrison Ford und Indiana Jones. Das Spätwerk von Cruise wird wohl vor allem dadurch bestimmt sein, wie er, der ewige Jüngling, mit dem eignen Alter umgehen wird. Andeutungsweise kann man es in Dead Reckoning Teil Eins schon erahnen.

    Trotzdem: vor allem die erste Hälfte von Dead Reckoning Teil Eins ist spannend und am Ende wird man die beiden Filme im Doppelpack beurteilen müssen. Unterhaltsam ist das alles allemal. An der Kinokassa muss Cruise, ein Verfechter der Kinovermarktung, noch etwas zittern. Beim Einspielergebnis teilt man im Moment noch das Rad des Schicksal mit Indiana Jones.

    OT: Mission: Impossible – Dead Reckoning Part One
    Action, USA 2023
    Regie Christopher McQuarrie
    Drehbuch Christopher McQuarrie
    Kamera Fraser Taggart
    Schnitt Eddie Hamilton
    Musik Lorne Balfe
    Mit Tom Cruise, Hayley Atwell, Esai Morales, Simon Pegg, Ving Rhames, Rebecca Ferguson, Henry Czerny, Vanessa Kirby
    Länge 164 Min.


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  • ASTEROID CITY ★★★ ½

    ASTEROID CITY ★★★ ½

    Wo Wes Anderson drauf steht, da ist Wes Anderson drinnen. Asteroid City erzählt von einer Wüstenstadt in den 1950er Jahren, in der sich alles um den Weltraum dreht und in der wie gewohnt allerhand Schräge Charaktere aufeinandertreffen. Die Liste der Mitwirkenden mit großen Namen ist lang. So lang, dass sie am Anfang im Schnelldurchlauf über die Leinwand gejagt werden. Also riefe jemand: „Schaut, alle wollen mitspielen.“

    Darum geht es

    Asteroid City, eine US-amerikanische Wüstenstadt mit 87 EinwohnerInnen. Namensgeber ist ein vor tausenden Jahren eingeschlagener Meteorit, der einen riesigen Krater hinterließ. Dieser lockt nicht nur Weltraumafine Menschen an, sondern ist auch der Anlass für einen jährlich stattfindenden Kongress, bei dem jugendliche ErfinderInnen ausgezeichnet werden.

    Just während des Kongresses kommt es jedoch zu einem Zwischenfall, der die Armee auf den Plan ruft und die den ganzen Ort unter Quarantäne stellt. Betroffen sind unter anderen der Kriegsfotograf Aguie Steenbeck (Jason Schwartzman), seine vier Kinder und sein Schwiegervater Stanley Zak (Tom Hanks), die Schauspielerin Midge Campbell (Scarlett Johansson), die Astronomin Dr. Hickenlooper (Tilda Swinton) und der Country Sänger Montana (Rupert Friend).

    Asteroid City (Wes Anderson, USA 2023)

    Kommentar

    Im Grunde täte es mit leichten Abänderungen auch der Kommentar zu Wes Anderson letzten Film The French Dispatch. Die Bilder sind von einer seltenen Perfektion und es ist immer noch ein Vergnügen, in diese artifiziellen Welten einzutauchen. Neu ist diesmal eine Rahmenhandlung (in Schwarzweiß). Die Geschichte ist ein Film im Film und alles sieht hier nach Kulisse aus. Sogar die Berge in weiter Ferne.

    Woran es aber bei all der gewohnten skurrilen Art fehlt, ist, neben jeglicher Emotionalität, der Humor. Es gibt sehr wohl komische Momente aber gemessen an den Möglichkeiten fallen sie bescheiden aus. In Asteroid City ist nicht nur der Boden viel zu trocken. Wes Anderson Fan werden nicht enttäuscht sein. Sie bekommen 1A Ausstattungskino, das zudem weitaus leichter zugänglich ist als der Vorgänger.

    Andere werden aber bei Jacques Tati besser ihr Auskommen finden. Beide haben einen unverwechselbaren visuellen Stil entwickelt. Während Tati jedoch auf Dialoge verzichtete und Umgebungsgeräusche in den Vordergrund rückten, werden wir bei Anderson zugetextet, sodass es zeitweise Mühe kostet, nicht den Faden zu verlieren. Es ist wohl kein Zufall: Im Wiener Gartenbaukino ist gerade Tatis Gesamtwerk zu sehen und zwischendurch auch der aktuelle Film von Wes Anderson. Sehenswert? Ja. Muss man aber alle Filme gesehen haben? Eher ein, weil viel Neues gibt es nicht zu entdecken und es fehlt etwas der Biss.

    ASTEROID CITY
    Drama, USA 2022
    Regie Wes Anderson
    Drehbuch Wes Anderson, Roman Coppola
    Kamera Robert D. Yeaoman
    Schnitt Barney Pilling
    Musik Alexandre Desplat
    Mit Jason Schwartzman, Scarlett Johansson, Tom Hanks, Jeffery Wright, Tilda Swinton, Adrian Brody, Bryan Cranston, uvm.
    Länge 106 Min.


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  • SPIDER-MAN: ACROSS THE SPIDER-VERSE ★★★★★

    SPIDER-MAN: ACROSS THE SPIDER-VERSE ★★★★★

    Wer bei Batman, Captain America, Spider-Man & Co reflexartig die Flucht ergreift und jedes Filmschnipsel mit einem Klick ins digitale Universum hinauskatapultiert, aufgepasst, denn hier könnte man Großes versäumen! Spider-Man: Across The Spider-Verse schon wieder eine Fortsetzung – aber um was für eine! Alles wirkt frisch, neu und überwältigend. Ein Feuerwerk an Farben und unterschiedlichsten Animationsstilen.

    Darum geht es

    Miles Morales kehrt für das nächste Kapitel der Oscar®-gekrönten Spider-Verse-Saga, Spider-Man: Across the Spider-Verse, zurück. Nach seiner Wiedervereinigung mit Gwen Stacy wird Brooklyns freundliche Spinne aus der Nachbarschaft, nun als Vollzeit-Spider-Man, quer durch das Multiversum katapultiert, wo er auf ein Team von Spider-People trifft. Ihre Aufgabe ist es, die Existenz des Multiversums zu schützen. Doch als die vielen Helden über die Frage, wie sie mit einer neuen Bedrohung umgehen sollen, aneinandergeraten, muss Miles gegen all die anderen Spinnen antreten und neu definieren, was es bedeutet, ein Held zu sein. Auch, damit er die Menschen retten kann, die er am meisten liebt. Jeder kann die Maske tragen – die Frage, wie du sie trägst, macht dich zum Helden. (Sony Pictures Filmverleih)

    Spider-Man: Across The Spider-Verse (USA 2023)

    Kommentar

    Es gibt hier keine Sequenz, die nicht mit ihrer Animation besticht und vermutlich keinen Frame, der sich nicht an der Wand gut machen würde. Visuell haben wir es hier mit einem Meisterwerk zu tun. Die Kreativität scheint unerschöpflich zu sein und das über zwei Stunden lang. Dabei verlangen wechselnde Animationsstile und eine komplexe Story dem Publikum schon einiges ab. Es ist ein Animationsfilm ab 12 Jahren (Kindern mit Kino- und Filmerfahrung ist das auf jeden Fall zumutbar). Das merkt man ihm an und das ist gut so. Beim ersten Mal kann man den ganzen Film ohnehin in all seinen Details nicht ganz fassen, da geht es den Erwachsenen vermutlich nicht anders.

    Aufbauend auf der Geschichte von Miles Morales und Gwen Stacy aus dem Jahr 2018, eröffnen sich uns immer mehr Paralleluniversen, Spider-Mens (inklusive einem anarchischen Punk-Spider-Man) und Bösewichten (etwa einem scheinbar einer Zeichnung da Vincis entsprungenen Vogel). Ein Erfolgsgeheimnis ist wohl der sorgsame Umgang mit den Figuren und deren Charakterentwicklung. Während Miles von einem Universum ins nächste reist, versucht er sich zu Hause von seiner Mutter zu emanzipieren. Hier gelingt in all dem überbordenden Tohuwabohu und einer Flut an Sinneseindrücken die Balance (auch der Soundtrack ist bemerkenswert!). Miles ist hin und her gerissen, zwischen Heldentum, erster Liebe und Erwachsenwerden.

    All die Freiheiten, die Joaquim Dos Santos, Kemp Powers und Justin K. Thompson bekommen haben, wurden sozusagen ins Handwerk gelegt und sie erlagen nicht der Versuchung, sich ständig übertrumpfen zu müssen – oder sich zu wiederholen. Der Markt ist an Superheldenfilmen gesättigt. Spider-Man: Across The Spider-Verse ist da jedoch die große Ausnahme. Ein Film, der uns wohl nicht so schnell wieder aus dem Kopf geht.

    Spider-Man: Across The Spider-Verse verdient die große Leinwand. Nur hier kann man dem Schicksal von Miles und Gwen ohne Ablenkungen folgen und die Wucht der Bilderpracht in vollem Ausmaß über sich ergehen lassen. Nur eins muss man in jedem Fall in Kauf nehmen: das offene Ende, an das in einer weiteren Fortsetzung nahtlos angeschlossen werden wird. Aber soviel kann man jetzt schon sagen: auch Beyond the Spider-Verse wird uns im März 2024 wohl nicht enttäuschen.


    SPIDER-MAN: ACROSS THE SPIDER-VERSE
    Animationsfilm, USA 2023
    Regie Joaquim Dos Santos, Kemp Powers, Justin K. Thompson
    Drehbuch Phil Lord, Christopher Miller, David Callahan
    Schnitt Michael Andrews
    Musik Daniel Pemperton
    Mit den Stimmen von Shameik Moore, Hailee Steinfeld, Jake Johnson, Oscar Isaak, Issa Rae
    Länge 141 Min.


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  • ALL THE BEAUTY AND THE BLOODSHED ★★★★★

    ALL THE BEAUTY AND THE BLOODSHED ★★★★★

    Es gibt Filme, auf die kann man nicht vorbereitet sein. Sie treffen einen mit voller Wucht. Das passiert vor allem dann, wenn uns die Menschen und ihre Schicksale nahe gehen, wenn wir plötzlich mit Dingen konfrontiert werden, die so nicht erwartbar waren, wenn sie den Rahmen einer gewöhnlichen Erzählung sprengen. All the Beauty and the Bloodshed ist weitaus mehr als das Porträt von Nan Goldin, der vielleicht bedeutendsten Fotografin unserer Zeit. Es ist eine Geschichte über Verzweiflung und Hoffnung zugleich, über den Kampf von AktivistInnen gegen einen übermächtigen Pharmakonzern und dessen Eigentümer. Es ist in der Arbeit von Regisseurin Laura Poitras nach Citizenfour (2014) und Risk (2016) über Snowden und Asange vielleicht so etwas wie die logische Fortsetzung. Ein weiterer Kampf David gegen Goliath. Dafür wurde sie in Venedig 2022 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Einer der Höhepunkte der vergangenen Kinosaison endlich auch im Kino

    Darum geht es

    All the Beauty and the Bloodshed ist ein Porträt der berühmten Fotografin Nan Goldin und legt einen Fokus auf ihre aktivistischen Aktivitäten gegen die Familie Sackler ab 2019, deren Pharmakonzern für die Opioid Epidemie verantwortlich ist, der hunderttausende Menschen zu Opfer fielen. Die von Goldin gegründete Interessensvertretung P.A.I.N. (Prescription Addiction Intervention Now) prangerte dabei das Kunstsponsering der Sacklers an und setzte Kulturinstitutionen unter Druck, deren Kooperationen zu beenden.

    Nan Golding steht in einer Gruppe von Aktivistinnen vor dem Louvre in Paris und gibt ein Fernsehinterview.
    All the Beauty and the Bloodshed (Laura Poitras, USA 2022)

    Kommentar

    Nan Goldin, geboren 1953 in Washington D.C., ist unter schwierigen Familienverhältnissen aufgewachsen. Sie ist 11, als sich ihre ältere Schwester das Leben nimmt. Eine Zäsur in ihrem Leben. Schon sehr früh verläßt sie die Familie, nimmt Drogen. Aber bereits als Teenager nimmt sie zum ersten Mal einen Fotoapparat in die Hand und bringt in ihrer Arbeit Randgruppen in den Fokus, die dem Großteil der Gesellschaft verborgen bleiben. LGBT Subkulturen finden sich in ihren Bildern wieder, lange bevor sie im Mainstream angekommen waren, ebenso wie die HIV/AIDS Pandemie. In The Ballad of Sexual Dependency aus dem Jahr 1985 porträtiert Goldin die Schwulen und Lesben Szene in der Bowery Street in Lower Manhattan, ebenso wie die Folgen von Heroinsucht aber auch auch ihr persönliches Leben. Eine etwa 45-minütige Slideshow unterlegt mit Opern, Rock, Pop und Blues Musik. Die Arbeit gilt als wegweisendes Kunstwerk der 1980er Jahre.

    2017 gab Goldin bekannt, dass sie sich gerade von einer Opioid Abhängigkeit erholt hatte. Nach einer Operation hatte sie OxyContin als Schmerzmittel erhalten. Vertrieben wurde es von Purdue Pharma, die aber nicht auf das Abhängigkeitspotential hinwiesen. Wäre Goldin nicht eine Person des öffentlichen Lebens, wäre sie wohl gerade mit ihrer Biografie eines von hunderttausenden anonymen Opfer geblieben. Als Frau, die ihre Arbeit Zeit ihres Lebens als politisch und aktivistisch verstanden hat, startete sie eine Initiative gegen den Pharmakonzern der Familie Sackler. Von diesem Kampf handelt All the Beauty and the Bloodshed in weiten Teilen.

    Die Familie Sackler hatte sich dem Kunstsponsoring verschrieben. Ganze Gallerien trugen ihren Namen, darunter der Louvre, Solomon R. Guggenheim Museum, Tate Gallery und Victoria and Albert Museum. Nan Goldin nutzte ihre Stimme als anerkannte Künstlerin, um gegen die Museen Druck zu machen und auf diesem Weg Gerechtigkeit walten zu lassen. Es ist ein Paradebeispiel für gelungenen Aktionismus, gerade zu einer Zeit, wo diese Protestform in der Kritik steht.

    All the Beauty and the Bloodshed ist in enger Zusammenarbeit von Laura Poitras und Nan Goldin entstanden. Es ist das Porträit einer im ersten Moment verletzlich wirkenden aber in Wahrheit unglaublich furchtlosen und mutigen Künstlerin. Die Dokumentation wurde vielfach ausgezeichnet und war 2023 für einen Oscar nominiert (der Preis ging in diesem Jahr an Nawalny von Daniel Roher). Das Medikament wird unter einem neuen Namen auch heute noch vertrieben und zur Betäubung und bei sehr starken Schmerzen eingesetzt.


    All the beauty and the bloodshed
    Dokumentation, USA 2022
    Regie Laura Poitras
    Kamera Nan Goldin, Clare Carter, Robert Kolodny, Alexander W. Lewis, Laura Poitras, Sean Vegezzi, Thom Pavia
    Schnitt Amy Foote, Joe Bini, Brian A. Kates
    Musik Soundwalk Collective, Dawn Satter Madell
    Mit Nan Goldin
    Länge 117 Min
    Im Kino


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  • DIE KAIRO VERSCHWÖRUNG ★★★★ ½

    DIE KAIRO VERSCHWÖRUNG ★★★★ ½

    Schon während der Dreharbeiten zu seinem Film Die Nile Hilton Affäre (Viennale 2017), wurde dem schwedischen Regisseur Tarik Saleh in Ägypten die Dreherlaubnis entzogen und die Produktion musste nach Marokko ausweichen. Ging es damals um Korruption im Polizeiapparat in den letzten Tagen des Mubarak Regimes, so ist sein neuer Film nicht weniger brisant. Hinter den dicken Mauern der Azhar Universität in Kairo tobt nicht nur ein Machtkampf zwischen den unterschiedlichen islamischen Strömungen, sondern darüber hinaus möchte das Regime von Präsident Abd al-Fattah as-Sisi seinen Einfluss geltend machen und kratzt dabei am Ruhm der renommierten Universität. In Cannes 2022 mit dem Preis für das Beste Drehbuch ausgezeichnet, ist Die Kairo-Verschwörung nun mit großer Verspätung auch bei uns im Kino angelaufen.

    Darum geht es

    Adam (Tawfeek Barhom), der Sohn eines Fischers, bekommt ein Stipendium für die Azhar Universität in Kairo. Als der Großimam der Universität stirbt, entbrennt um dessen Nachfolge ein Machtkampf zwischen den einzelnen islamischen Strömungen und der politischen Führung im Land. Colonel Ibrahim (Fares Fares) wird von der Staatssicherheit eingesetzt, um die Interessen von Präsident as-Sisi geltend zu machen. Er rekrutiert Adam als Informanten. Dann wird ein Student ermordet. Ibrahim weiß nicht mehr wem er vertrauen kann, da jeder Student ein potentieller Spitzel sein könnte. Colonel Ibrahim wird mit der Aufklärung des Mordes beauftragt. Die Lage spitzt sich zu, als ein blinder Scheich ein Geständnis ablegen möchte und dadurch möglicherweise gefährlich für das Regime werden könnte. Während die Lage in der Universität beklemmender und paranoider wird, gerät Adam immer mehr zwischen die Fronten.

    Kommentar

    Tarik Saleh hat aus mehreren Gründen mit Die Kairo Verschwörung einen mutigen Film gemacht. Seit der Machtübernahme von as-Sisi steht die Azar Universität unter Druck. Schon mehrmals hat der Präsident über die Köpfe der Gelehrten hinweg in die Studienpläne eingegriffen. Das hat dem Ruf der Universität geschadet, die sich damit rühmt, dem ganzen Spektrum islamischer Strömungen Platz zu bieten. Während die Geschichte um Adam frei erfunden ist, so entspricht das Spiel der Kräfte, zwischen die der Student gerät, doch der derzeitigen Realität. Der Regierungsapparat ist auch hier brutal und korrupt bis auf die Knochen. Der Regisseur ist in Ägypten nach wie vor eine persona non grata.

    Saleh läßt aber insgesamt kein gutes Haar an den Gelehrten und an den Studenten der Universität. Für ihn ist dies kein Platz der geistigen Ertüchtigung, sondern ein allein von Ideologie und Politik getriebener und von Intrigen geplagter Ort. Hier gibt es keine sympathische Identifikationsfigur, weder Adam, noch Ibrahim taugen dazu.. Saleh bringt Adam in eine Situation, in der es keine Möglichkeit gibt, unter all der Einschüchterung das moralisch Richtige zu tun. Aber trotzdem können wir mit ihm mitfiebern. Bei Ibrahim (Fares Fares ist großartig als undurchsichtiger Beamter) blitzt nur hin und wieder ein Funke von Humanität und Empathie auf. Er bleibt aber tief im autoritären und folternden Staatsapparat verhaftet. Das sind nicht die besten Vorraussetzungen für einen erfolgreichen Film, wie vermutlich jeder Drehbuchguru anmerken würde.

    Hinzu kommt, dass es etwas dauert, bis man sich als Zuseher in die Welt der Azhar eingewöhnt hat. Im Grunde ist uns das alles völlig fremd. Die hier wirkenden Dynamiken erschließen sich nur nach und nach. Es ist dem perfekt getimten Drehbuch von Saleh zu verdanken, dass wir trotzdem dranbleiben, bis sich die Spannung im Finale immer mehr verdichtet. Dabei gibt es kaum Gewaltausbrüche. Kaum jemand wird je laut. Die Konflikte spielen sich auf einer unerträglich ruhigen, um nicht zu sagen besonnenen, Ebene ab. Hinter jedem Charakter steckt ein übermächtiger Akteur, seien es der Staat oder die Muslimbrüderschaft, sodass mehr nicht notwenig ist. Es ist eine Atmosphäre des gegenseitigen Misstrauens und der Paranoia.

    Die Kairo Verschwörung bietet nicht nur spannende Unterhaltung mit einer bemerkenswerten Besetzung, sondern gibt uns einen Einblick in eine Welt, die wir so nicht kennen und die so im Kino auch noch nicht zu sehen war.


    Die Nile Hilton Affäre von Tarik Saleh (ebenfalls mit Fares Fares), ist derzeit bei Mubi verfügbar.


    DIE KAIRO VERSCHWÖRUNG (OT: Cairo Conspiracy/Walad Min Al Janna)
    Drama (SWE/FR/FIN/DEN, 2022)
    Regie Tarik Seleh
    Drehbuch Tarik Saleh
    Kamera Pierre Aïm
    Schnitt Theis Schmidt
    Musik Kristen Linder
    Mit Tawfeek Barhom, Fares Fares, Mohammad Bakri,
    Länge 126 Min.
    Im Kino


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  • TÁR ★★★★★

    TÁR ★★★★★

    Ganze 16 Jahre nach seiner letzten Regiearbeit bringt uns Schauspieler und Regisseur Todd Field (Little Children, 2006) sein neuestes Werk, zu dem er neuerlich das Drehbuch verfasst hat: die fiktive Künstlerbiographie Tár wird gefeiert und steht gleichzeitig in der Kritik, wegen ihrer weiblichen Perspektive auf das Dirigat im Kontext von Machtmissbrauch. Es dürfte am Ende aber eine großer Erfolg werden für Field und seine Hauptdarstellerin Cate Blanchett, die bereits als sichere Bank bei den diesjährigen Oscars gilt. In stolzen 158 Minuten – zur Abwechslung einmal keine zu viel – breitet sich vor uns ein audiovisuelles Kunstwerk aus. Was einen himmelschreiend prätentiösen Anfang nimmt, formiert sich zu einer Abwärtsspirale dem Abgrund entgegen. Genial hinein bis in das kleinste Soundschnipsel.

    Darum geht es

    Lydia Tár (Cate Blanchett) hat was drauf. Sie leitet ein Orchester in Berlin und der Film nimmt sich zuerst ausladend Zeit, um vor uns ihre beeindruckende Biografie auszubreiten. Tár befindet sich gerade mitten in den Proben zu Gustav Mahlers 5. Symphonie. Nebenbei geht sie einer Lehrtätigkeit nach, präsentiert ihre eigene Biografie und hat Personalentscheidungen zu treffen. Sie lebt mit der 1. Geigerin des Orchesters zusammen. Mit Sharon (Nina Hoss) hat sie eine gemeinsame Tochter.

    Ihren StudentInnen – wie auch ihrem gesamten Umfeld – tritt Tár herablassend gegenüber. Als sich eine andere Dirigentin das Leben nimmt, gerät Tár in den Verdacht, daran nicht ganz unschuldig zu sein. In diesem Spannungsfeld befindet sich neben ihrer Frau Sharon auch ihre persönliche Assistentin Francesca Lentini (Noémie Merlant). Als eine neue Stelle im Orchester zu besetzen ist, fällt die Wahl in einem blinden Vorspiel auf die junge Musikerin Olga Metinka (Sophie Kauer). Unruhe kommt ins Orchester und in das persönliche Umfeld von Tár. Nicht nur wegen ihres exzentrischen Auftretens, sondern auch weil sich die Anschuldigungen gegen sie verdichten. Sie soll ihre Machtposition gegenüber anderen MusikerInnen wiederholt ausgenutzt haben. Tár steht zusehends mit dem Rücken zur Wand, beteuert aber ihre Unschuld.

    Nina Hoss und Cate Blanchett liegen sich in den Armen.
    Nina Hoss und Cate Blanchett in Tár (Todd Field, USA 2022).

    Kommentar

    Österreich hat ihr vielleicht eine Sonderstellung. Selbst wenn man noch keinen unserer Konzertsäle von Innen gesehen hat, sind Namen wir Karajan oder Harnoncourt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Den Goldenen Saal im Musikverein würden wohl auch viele erkennen können. Nicht zuletzt Dank der TV- Übertragungen des ORF. Unter anderem horrende Kartenpreise (wobei sich hier die U-Musik der E-Musik gerade mit großen Schritten annähert) schränken den Kreis jener, die sich – regelmäßig – der klassischen Livemusik hingeben doch stark ein.

    So entwickelt sich rund um ein großes Orchester zwangsläufig ein Mikrokosmos. Hier hat alles seinen Platz. Die hierarchisch strenge Ordnung erinnert an jene des Militärs. Es ist eine alles andere als demokratische Umgebung. Ihr steht eine Leitung vor, die sich gern Maestro nennen lässt, so wie auch Lydia Tár in Tár. Todd Fields Requiem nimmt auch hier seinen Anfang. Tár lässt sich in einem Künstlergespräch abfeiern. Die Biografie ist beeindruckend. Sie ist gebildet, philosophiert vor sich sich hin. Das Publikum lauscht gebannt. Wenn man derart angehimmelt wird und mitunter gut 100 MusikerInnen unter sich hat, ist der Machtrausch auch nicht mehr weit.

    Time is the essential piece of interpretation.

    Lydia Tár in Tár.

    Bei Lydia Társ Probenarbeit, die sich durch den gesamten Film zieht, kann man das gut erkennen. Ebenso bei ihrer Lehrtätigkeit oder in den privaten vier Wänden. Der Umgangston ist, sagen wir mal so, bestimmend. Im Wohnzimmer, sowie im Schulhof. Reale Vorbilder, bei denen Machtmissbrauch oder sexueller Missbrauch im Spiel waren, sind bekannt. Regisseur Field stellt in seine fiktiven Biografie nun eine Frau ans Dirigentenpult. Das hat ihm Kritik eingebracht, nicht zuletzt von Marin Alsop, der Chefdirigentin des ORF Radio-Symphonieorchesters (hier).

    Nun ist dem der fulminante Erfolg Cate Blanchetts gegenüberzustellen. Getragen von einer nahezu unerträglichen Präpotenz verkörpert sie Tár mit einer derartigen Intensität, dass an ihr in diesem Jahr kein Weg vorbeiführt. Um sie herum hat Todd Field Räume gebaut, die sich nahtlos in die Gefühlswelt von Tár und die Musik von Mahler, Guðnadóttir und Elgar einfügen. Kalt und meist grau und düster sind sie und man wird kaum einen wohligen Ort finden können. Die Musik wird ergänzt durch Geräusche, die Tár zusehends als Störung empfindet und sie mehr und mehr paranoid werden lassen. Von der ersten bis zur letzten Szene ist es ein kontinuierlicher Abstieg, der uns in das Innerste der Protagonistin blicken lässt. Es wurde an andere Stelle schon mehrfach erwähnt, dass hier Erinnerungen an Michael Haneke wach werden. Das kann man nicht anders als ein Kompliment auffassen.

    Was da in der letzten Szene genau abgeht, hat sich mir nicht sofort bis ins Detail erschlossen. Geschenkt, kann man nachlesen. Es gibt hier auch einen Interpretationsspielraum. Befinden wir uns hier bereit im Kopf von Tár und haben die Realität längst verlassen? Vielleicht ist es auch nicht wichtig. Die Aussage ist klar. Sie ist vernichtend für Lydia Tár.

    Tár
    Drama, USA 2022
    Regie Todd Field
    Drehbuch Todd Field
    Kamera Florian Hoffmeister
    Schnitt Monika Willi
    Musik Hildur Guðnadóttir
    Mit Cate Blanchett, Nina Hoss
    Länge 158 Min.


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • AFTERSUN ★★★★★

    AFTERSUN ★★★★★

    Das Spielfilmdebüt von Charlotte Wells zählt zu den großen Überraschungen des Jahres. Im Zentrum steht die Beziehung der 11-Jährigen Sophie zu ihrem Vater, an den sie sich Jahre später als junge Frau zurückerinnert. Von der Fachzeitschrift Sight and Sound wurde Aftersun zum Film des Jahres 2022 gewählt. Für The Reel Therapist ist auf jeden Fall ebenso ein Platz an der Spitze sicher.

    Darum geht es

    Die 11-Jährige Sophie verbringt mit ihrem 30-Jährigen Vater Calum einen Sommerurlaub in einem türkischen Resort. Normalerweise lebt sie bei ihrer Mutter. Die Eltern sind getrennt. Die Beiden haben ein sehr gutes Verhältnis zueinander. Als Mädchen beginnt sie sich erstmals für Jungen zu interessieren und versucht Kontakt zu anderen Jugendlichen in der Hotelanlage aufzunehmen. Trotzdem merkt Sophie, dass ihr Vater zeitweise auf Distanz geht oder abwesend ist. So richtig begreifen kann sie das aber alles erst, als sie sich als erwachsene junge Frau das Urlaubsvideo von damals ansieht.

    Aftersun (Charlotte Wells, 2022)

    Kommentar

    Charlotte Wells‘ Spielfilmdebut mit den zwei herausragenden Darstellerin Paul Mescal und der Newcomerin Francesca Corio spielt auf mehreren Ebenen mit Erinnerungen und wie sich diese im Laufe der Zeit verändern und den unterschiedlichen Perspektiven auf die Vergangenheit und das Medium Film selbst.

    Da wäre zum einen die knapp 10-jährige Sophie, die einen Urlaub mit ihrem Vater verbringt. Kein Kind steckt eine Trennung leicht weg. Sie genießt die gemeinsame Zeit am Meer. Die Chemie zwischen den beiden stimmt und umso enger ist ihre Beziehung. Sophie ist Beobachterin. Nicht alles was sie sieht und erlebt, kann sie auch richtig deuten. Ein Urlaubsvideo dient ihr in Aftersun dazu, Jahrzehnte später die Erinnerungen aufzufrischen. Während vor allem Fotos unsere Erinnerungen selektiv beeinflussen, dient das Video Sophie dazu, Gesten und Kommentare ihres Vaters im Nachhinein anders zu deuten. Manches versteht sie jetzt besser über ihren Vater, der offenbar nicht mehr in ihrem Leben ist (Wells lässt einiges an Interpretationsspielraum offen, es gibt aber da und dort mehr oder weniger klare Indizien).

    Dann gibt es noch uns selbst, das Publikum. Unsere Perspektive ist noch am ehesten mit jener der 30-jährigen Sophie vergleichbar. Die Geschichte wird aus der Perspektive von Sophie erzählt und trotzdem nehmen wir die Rolle von Beobachtern von Außen ein. Das macht Aftersun zu einem spannenden Puzzle aus Emotionen und Erinnerungen.

    Durch alltägliche Banalitäten (gibt es so etwas überhaupt?) und die Homevideo Sequenzen, die freilich auch einen sichtbaren Einfluss auf die Optik des Films haben, erreicht Wells einen hohen Grad an Authentizität. Es ist ein entspannter und unaufgeregter Urlaub. Genauso wie die darstellerischen Leistungen es sind. Mescal und Corio, unter der cleveren Regie von Wells, machen Aftersun zu einem erinnerungswürdigen Film und einem der Besten des Jahres.


    Aftersun
    Drama, UK/USA 2022


    Regie Charlotte Wells
    Drehbuch Charlotte Wells
    Kamera Gregory Oke
    Schnitt Blair McClendon
    Musik Oliver Coates
    Mit Paul Mescal, Francesca Corio
    Länge 101 Min.
    Streaming Mubi


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  • THE BANSHEES OF INISHERIN ★★★★★

    THE BANSHEES OF INISHERIN ★★★★★

    Regisseur und Drehbuchautor Martin McDonagh (Brügge sehen und sterben, Three Billboards Outside Ebbing, Missouri) bringt neuerlich Colin Farrell und Brendan Gleeson gemeinsam auf die Leinwand. In dieser melancholischen und gleichzeitig witzigen Tragikomödie geht es um eine innige Männerfreundschaft im Irland der 1920er Jahre, die schon in die Brüche gegangen ist, bevor die Geschichte überhaupt beginnt. The Banshees of Inisherin ist einer der schönsten Filme des Jahres und heißer Kandidat bei den Oscars 2023.

    Darum geht es

    Eine Irische Insel 1923. Pádraic (Colin Farrell) ist auf dem Weg, seinen besten Freund Colm (Brendan Gleeson) zum alltäglichen Pubbesuch abzuholen. Doch Colm öffnet ihm nicht. Pádraic ist irritiert. Seine Schwester Siobhán (Kerry Condon) meint lapidar: “Perhaps he just doesn’t like you no more” und niemand ahnt wie recht sie damit hat. Der Violinspieler Colm hat beschlossen, Abstand zu nehmen von Pádraic und seinen einfältigen Gesprächen. Er möchte sich auf das Komponieren konzentrieren. Die Zeit sei zu kostbar.

    Sein ehemaliger Freund nimmt das aber nicht so einfach hin. Doch Colm meint es ernst, sehr ernst und droht zu drastischen Mitteln zu greifen. In der Zwischenzeit macht sich Dominic (Barry Keoghan) Hoffnungen, bei Siobhán zu landen. Er versucht vor seinem brutalen Vater loszukommen. Doch Siobhán hat die langweilige Insel und alle ihre Bewohner längst satt und möchte nur weg. Pádraic versteht das alles nicht und merkt in seiner unbekümmerten Art nicht, wie er auf eine große Katastrophe zusteuert.

    Brendan Gleeson und Colin Farrell in THE BANSHEES OF INISHERIN. Photo by Jonathan Hession. Courtesy of Searchlight Pictures. © 2022 20th Century Studios All Rights Reserved. (The Banshees of Inisherin, Martin McDonagh, Großbritannien/Irland/USA 2022)

    Kommentar

    Etwa im 5-Jahres Rhythmus bringt Martin McDonagh Filme heraus, die auf die ein oder andre Art auf Festivals und bei Preisverleihungen für Aufsehen sorgen. Nun ist es ihm mit seinem Originaldrehbuch neuerlich gelungen, dass man an The Banshees of Inisherin in diesem Jahr wohl kaum vorbei kommt. Vor der pittoresken Kulisse der fiktiven irischen Insel Inisherin entfaltet sich ein Drama um zwei Männer, das voll Melancholie und Witz ist. Getragen wir es von einem virtuosen Ensemble, angeführt von Gleeson und Farrell, der eine der besten Leistungen seiner Karriere bietet und dafür in Venedig ausgezeichnet wurde. Obwohl die beiden Männer im Zentrum der Geschichte stehen, läßt das Drehbuch noch genügend Zeit für Kerry Condon (Siobhán) und ihre Träume für eine bessere Zukunft. Barry Keoghan als Dominik stiehlt den anderen in einer Nebenrolle fast die Show.

    „I just don’t like you no more.“

    Colm Doherty zu seinem ehemals besten Freund. „The Bahnsees of Inisherin“ (Martin McDonagh, 2022)

    Eine weitere Hauptdarstellerin ist von der ersten Szene an die irische Landschaft, wie flämische Gemälde von Kameramann Ben Davies in Szene gesetzt, genauso wie die Interieurs. Unwiderstehlich schön und in all ihrer Kargheit voller Mystik, so wie der Filmtitel. Mit den Charakteren befindet sie sich in einem direkten Dialog. Erst durch die Umgebung können sich die Schrulligkeiten der – mit ihrem Dialekt schwer verständlichen – Inselbewohner richtig entfalten. Oder sie macht, wie für Siobhán, das Leben hier unerträglich.

    Colm ist nicht von Hass getrieben, sobald Pádraic in Not ist, ist er zur Stelle. Es ist vielmehr die Angst vor dem Vergessen werden, die dem melancholischen Charakter innewohnt. Was bleibt ist für ihn die Musik und keine belanglosen Gespräche über Esel. Er spürt, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt. Die Insel ist für sein kreatives Schaffen gerade der richtige Ort. Die Menschen hier sind aber nicht die richtigen Wegbegleiter für ihn.

    Selten haben Tragik und Komik so harmonisch zueinander gefunden. The Banshees of Inisherin ist urkomisch, makaber, herzzerreißend und von einer tiefgreifenden Menschlichkeit. Ein großer Erfolg auf allen Linien. Für mich der Film des Jahres 2022.

    Diese Filmkritik wurde im Rahmen der Viennale (20. Oktober – 1. November 2022) verfasst.


    THE BANSHEES OF INISHERIN
    Drama, IRE/UK/USA 2022

    Regie Martin McDonagh
    Drehbuch Martin McDonagh
    Kamera Ben Davies
    Schnitt Mikkel E. G. Nielson
    Musik Carter Burwell
    Mit Colin Ferrell, Brendan Gleeson, Kerry Condon, Barry Keoghan
    Im Kino


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  • GLASS ONION: A KNIVES OUT MYSTERY ★★★★

    GLASS ONION: A KNIVES OUT MYSTERY ★★★★

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    Drei Jahre nach dem Überraschungserfolg Knives Out – Mord ist Familiensache bringt uns Regisseur und Drehbuchautor Rian Johnson mit Glas Onion: A Knives Out Mystery den nächsten Fall für Meisterdetektiv Benoit Blanc. Diesmal direkt ins Wohnzimmer, da der Film bei uns ausschließlich über Netflix vertrieben wird. Letzten Endes eine Entscheidung des Regisseurs, was schade ist, denn die mehr als gelungene Fortsetzung – die im eigentlichen Sinn gar keine ist – hätte sich die große Leinwand verdient.

    Darum geht es

    Der Milliardär Mike Bron (Edward Norton) lädt alljährliche eine Runde an Freunden aus Jugendtagen zu einem gemeinsamen Wochenende ein. In diesem Jahr beordert er sie auf eine abgelegene Insel. Auf dem eigenwilligen Anwesen kündigt er an, dass er seinen eigenen Mord als Spiel inszenieren wird und seine Gäste das Wochenende über Zeit haben, den Mörder zu ermitteln.

    Da wären Cassandra „Andi“ Brand (Janelle Monáe), die ihr Geschäftspartner Bron vor kurzem um die Anteile an der gemeinsamen Firma gebracht hatte, Duke Cody (Dave Bautista), ein Twitch Celebrity, Birdie Jay (Kate Hudson), Model und Modedesignerin, Claire Debella (Kathryn Hahn), eine Politikerin und der Wissenschaftler Lionel Toussaint (Leslie Odom Jr.).

    Aber was macht Meisterdetektiv Benoit Blanc auf der Insel? Wer hat ihn eingeladen? Nach und nach stellen sich immer mehr Fragen. Gleichzeitig wird das Verhältnis der Gäste untereinander und zu deren Gastgeber immer klarer. Es ist alles andere als harmonisch. Auch dieses Wochenende nicht, an dem rein gar nichts nach Plan verlaufen wird.

    Glass Onion: A Knives Out Mystery (2022). Daniel Craig als Detective Benoit Blanc. Cr. John Wilson/Netflix © 2022.

    Kommentar

    Ein neuer Fall für Benoit Blanc. Neue Charaktere und eine neue Geschichte machen Glass Onion zu einem eigenständigen Film. Rian Johnson verlässt das klassische Setting des Vorgängers und verpflanzt die Handlung auf das Anwesen eines exzentrischen Milliardärs, dessen Gebaren durchaus Parallelen zu Elon Musk aufzeigt (hier wurde der Film regelrecht von der Realität eingeholt). Von Anfang an mutet hier alles wie ein Spiel an aber dabei bleibt es natürlich nicht.

    Neuerlich bestechen das Setdesign und die ausgefallenen Kostüme. Blanc wird noch zur Stilikone werden. Aber auch seine Mitstreiter sind alle nicht weniger ausgefallen gekleidet. Auch die Villa hat einige Schauwerte zu bieten. Das was den Film darüber hinaus im Detail aber eigentlich ausmacht, wird es hier nicht zu lesen geben. Johnson hat sein Drehbuch neuerlich perfekt getimt und es funktioniert wie ein Uhrwerk. Dort und da gibt es Hinweise, die sich erst im Nachhinein also hilfreich erweisen, wenn sie überhaupt aufgefallen sind. Ungewöhnlich ist der dramaturgische Aufbau. Zuerst steuert alles auf einen vermeintlichen Höhepunkt zu, der wie eine Seifenblase zerplatzt. Dann kommt ein halbstündiger Einschub in Form einer Rückblende, die noch einmal alles auf den Kopf stellt.

    It’s a dangerous thing to mistake speaking without thought for speaking the truth.

    Benoit Blanc in „Glas Onion: A Knives Out Mystery“

    Wie schon im Vorgänger appelliert Johnson an unser soziales Gewissen und prangert hier aufgeblasene Internetphänomene an, hinter denen rein gar nichts steckt außer Selbstdarstellung und großes Business. Nach Idealen wird man unter den Gästen lange suchen müssen. Einzig die Angst vor dem Statusverlust verursacht so etwas wie Emotionen. Ein großes Geschäft steckt auch hinter der Produktion selbst. Die Kosten sind regelrecht explodiert. Ebenso die Gagen für Johnson und Craig. Netflix war die Geschichte die teuerste Streamingproduktion überhaupt wert. Andere drehen um dieses Budget eine ganze Phantasy-Serie. Vor diesem Hintergrund ist Glass Onion nicht frei von Ironie.

    Glass Onion bietet beste Unterhaltung und ist trotz der Länge kurzweilig. Es ist gerade so, dass man immer wieder auf neue Wendungen hofft. Vor allem der witzige Daniel Craig (mit großartigem Dialekt, hat sichtlich großen Spass an der Rolle) und die geheimnisvolle Janelle Monáe tragen den Film. Ganz so stark ist das Ensemble diesmal sonst leider nicht. Der Titel ist einem Song der Beatles entlehnt (im Liedtext beklagt sich John Lennon darüber, dass die Texte der Beatles viel zu ernst genommen werden und sich weit weniger dahinter versteckt, als allgemein angenommen wird) und er verrät es schon: die Abgründe werden hier Schicht für Schicht enthüllt. Allerdings ist das Ergebnis im Kern diesmal weit weniger zufriedenstellend und hier sind wir wieder bei Lennon. Die finale Auflösung will dann nicht so ganz zünden. Es liegt wohl auch an der Zusammensetzung der Gruppe, dass man nicht der Lösung entgegenfiebert, so wie in Knives Out. Es ist irgendwann auch schon egal, wer hier nun der Bösewicht ist. Dadurch verliert alles etwas an Intensität.

    Trotzdem: es ist ein kluger großer Spaß. Rian Johnson spielt mit unseren Erwartungshaltungen und nebenbei liefert das Drehbuch gleich eine ganze Menge erinnerungswürdiger Zitate. Teil 3 ist schon auf Schiene. Benoit Blanc kehrt zurück. Das ist sicher. Wir sind gerne mit an Board.


    Glass Onion: A Knives Out Mystery
    Drama, USA 2022

    Regie Rian Johnson
    Drehbuch Rain Johnson
    Kamera Steve Yedlin
    Schnitt Bob Ducsay
    Musik Nathan Johnson
    Mit Daniel Craig, Janelle Monáe, Edward Norton, Dave Bautista, Kate Hudson, Leslie Odom Jr., Kathryn Hahn
    Streamingplattform Netflix


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  • ENOLA HOLMES 2 ★★★★

    ENOLA HOLMES 2 ★★★★

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    Zwei Jahre nach dem vielversprechenden ersten Teil Enola Holmes kommt nun endlich die Fortsetzung. In Enola Holmes 2 hält man sich nicht mehr an die Romanvorlage, sondern adaptiert eine historische Begebenheit von 1888. Soviel sei schon verraten: die Serie entwickelt sich weiter und löst ihre Versprechen ein. Nebenbei macht sie Millie Bobby Brown zu bestbezahltesten Schauspielerin unter 20 Jahren. Formal folgt man der BBC Serie mit Benedict Cumberbatch.

    Darum geht es

    Enola Holmes (Millie Bobby Brown) eröffnet ihre eigene Detektei. Leider mit geringem Erfolg. Gerade als sie aufgeben möchte, steht ein kleines Mädchen im Büro, das ihre verschwundene Schwester sucht. Enola nimmt sich ihr an. Die Gesuchte arbeitete vor ihrem Verschwinden in einer Streichholzfabrik, in der gerade Typhus wütet und vielen Arbeiterinnen bereits das Leben kostete.. Es dauert nicht lange und Enola erregt das Interesse von so manch finsterer Gestalt. Wie kann es anders sein, sie ist natürlich etwas Großem auf der Spur. Ganz ohne die Hilfe ihres großen Bruders Sherlock (Henry Cavill) wird es allerdings nicht gehen, denn vor allem die Polizei hat es auf Enola abgesehen.

    Enola Holmes 2. Millie Bobby Brown als Enola Holmes, Henry Cavill als Sherlock Holmes. Cr. Alex Bailey/Netflix © 2022

    Kommentar

    Es sind einige Themen, die in Enola Holmes 2 angerissen werden. Wie schon Teil 1 geprägt von einem erfrischenden Feminismus, damals vor allem durch Enolas Mutter Eudoria (Helena Bonham Carter) vorangetrieben, setzt die Serie diesen Weg fort. Hinzukommen die Komplexe Arbeiterinnenrechte, gewerkschaftliche Organisation, Streik (Historischer Verweis auf den Matchgirls‘ strike), parlamentarische Konsensfähigkeit und Korruption. Das alles verpackt in einen Krimi, der äußerst unterhaltsam ist. Das ist in erster Linie der charmant agierenden Millie Bobby Brown zu verdanken, die neuerlich die vierte Wand durchbricht und sich an das Publikum wendet.

    Es ist der seltene Fall einer starken emphatischen weiblichen Identitätsfigur für junge Mädchen. Allein das schon ist es Wert, sich den Film anzuschauen. Enola kämpft auch weiterhin gegen die gesellschaftlichen Zwänge des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die vor allem zum Nachteil von Frauen waren. Enola Holmes 2 gibt sich noch dazu äußert divers, was die Auswahl der SchauspielerInnen angeht. Hier gibt es die ein oder andere Überraschung. Dem multikulturellen London wird das allemal gerecht. Woanders muss man danach lange suchen.

    Nicht nur dass Cavill in der selben Wohnung wie Cumberbatch in der BBC Serie residiert, auch die rasante Art, in der Indizien kombiniert werden, weckt Erinnerungen an die Serie (4 Staffeln 2010-2017). Schon klar, dass es ganz ohne Sherlock Holmes nicht geht. Dabei besteht aber immer die Gefahr, dass die eigentliche Hauptfigur ins Hintertreffen gerät. Vor allem hinsichtlich des Teasers im Abspann. Unterschätzt nicht die Nebendarsteller! Fortsetzung folgt nämlich. Wir können es kaum erwarten.

    ENOLA HOLMES 2
    Krimi, 2022
    Regie Harry Bradbeer
    Drehbuch Jack Thorne
    Kamera Giles Nuttgens
    Schnitt Adam Bosman
    Musik Daniel Pemberton
    Mit Millie Bobby Brown, Henry Cavill, Helena Bonham Carter, Louis Partridge, David Thewlis, Adeel Akhtar
    Streamingplattform
    Netflix


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