Schlagwort: Filmkritik

  • UNDINE ★★★★

    UNDINE ★★★★

    Es dauert keine Minute und Christian Petzolds (Transit) neuer Film UNDINE katapultiert das Publikum hinein in die Gefühlswelt der Hauptfigur. Die Blicke und Gesten in der ersten großartigen Szene sind so intensiv und eindringlich, dass man sich ihnen nicht entziehen kann. Der Regisseur interpretiert den, vor allem in der deutschen Romantik rezipierten, Mythos der Wasserfrau Undine neu und orientiert sich dabei an Ingeborg Bachmanns Erzählung „Undine geht“. UNDINE wurde bei der Berlinale ausgezeichnet und ist nun einer der ersten Neustarts nach der Wiedereröffnung der heimischen Kinos.

    Darum geht es

    Undine (Paula Beer) lebt in Berlin. Als Stadthistorikerin bringt sie Besuchern die Geschichte Berlins näher. Zu Beginn verlässt sie ihr Freund Johannes (Jacob Matschenz). Für Undine hat das, so steht es in den alten Märchen, dramatische Konsequenzen. Sie muss den treulosen Mann töten und ins Wasser zurückkehren, aus dem sie einst gekommen ist. Undine versucht diesem Fluch Widerstand zu leisten. In einem Lokal trifft sie auf den Industrietaucher Christoph (Franz Rogowski) und verliebt sich in ihn. Vom ersten Moment an ist Wasser das bestimmende Element ihrer Beziehung. Undine entdeckt das Leben neu, doch Christoph merkt bald, dass im unterbewussten Undine etwas plagt. Sie führt einen inneren Kampf gegen ihr vorherbestimmtes Schicksal.

    Paula Beer und Franz Rogowski in UNDINE

    Kommentar

    Nun also neuerlich Paula Beer und Franz Rogowski als Paar auf der Leinwand. Diesmal steht Beer mehr im Vordergrund und verleiht dem Film seine ganze Kraft und Magie. Zwischen einer schicksalshaften Verletzlichkeit und Selbstbestimmung füllt die Schauspielerin das Wesen Undine mit Leben. Ihre großartige Darstellung wurde bei der Berlinale mit dem Silbernen Bären honoriert. Rogowski übt sich an Zurückhaltung, festigt nach Transit einmal mehr seinen Status als bedeutender Schauspieler seiner Generation.

    „Wenn du mich verlässt, muss ich dich töten.“ sagt Undine zu Beginn. Regisseur Petzold wirft das Publikum gleich ins Geschehen und das kann im ersten Moment etwas irritierend sein, wenn man mit der Geschichte um die Sagengestalt Undine, die ihren Ursprung im 14. Jahrhundert hat, nicht vertraut ist. Die Liebe zu einem Mann ermöglicht ihr ein Leben an Land und wenn sie der betrügt, muss sie ihn töten und wieder zurück ins Wasser. Und Wasser spielt nicht nur bei der ersten Begegnung eine Rolle, sondern natürlich auch wenn Christoph seinem Beruf als Industrietaucher nachgeht. Die Tauchsequenzen in den finsteren Tiefen eines Stausees sind meisterhaft in Szene gesetzt.

    Manchen mag UNDINE zu trocken geraten sein, gerade wenn sich der Film mehrmals in nüchternen stadthistorischen Details verliert. Petzold hat sie aber klug in die Geschichte eingebaut. Ob es sich um ein modernen Märchen handelt muss am Ende jeder für sich entscheiden. Der Regisseur lässt dies offen. Andeutungen gibt es aber genügend. Jedenfalls sollte man den Film im ohnehin kargen Kinojahr nicht verpassen.

    Auszeichnungen

    Preis der internationalen Filmkritik für den besten Film des Wettbewerbs sowie Silberner Bär für Paula Beer als beste Darstellerin bei der Berlinale 2020.


    UNDINE | Christian Petzold | DE, FR 2019 | 90 min | Polyfilm Filmverleih | [usr 4]


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  • DA 5 BLOODS ★★★½

    DA 5 BLOODS ★★★½

    Ein Jahr nach seinem großen Erfolg BlackKklansman kehrt Spike Lee mit einem Film zurück, der den Nerv der Zeit trifft. Lees Filme tun das immer wieder und wenn er gerade jetzt bei Netflix eine Geschichte erzählt, die den Bogen vom Vietnamkrieg bis zur Black Lifes Matter Bewegung in die Gegenwart spannt, dann ist das natürlich ein Glücksfall. Da 5 Bloods lässt sich nicht einfach in eine Schublade stecken: Vergangenheitsbewältigung, Schatzsuche und Vater-Sohn-Konflikt eingebettet in eine Gesellschaftskritik. Aber schießt Lee da übers Ziel hinaus?

    Gleich zu Beginn wird es heftig. Historische Filmaufnahmen aus der Zeit des Vietnamkriegs prasseln in einer Collage auf uns nieder. Durch ihre Brutalität haben sie zum Teil entscheidenden Einfluss auf politische Entscheidungen genommen. Überdurchschnittlich viele schwarze US-Amerikaner hatten ihren Dienst als Soldaten versehen. Vier von ihnen treffen sich nun wieder in Vietnam, um die Überreste ihres gefallenen Kumpels Norman (Chadwick Boseman) zu suchen und in die Staaten zu überstellen. Es ist eine heitere Runde und der Kontrast zum gerade Gesehenen ist groß. Eddie (Norm Lewis), Paul (Delroy Lindo), Clarke Peters (Otis) und Isaiah Whitlock jr. (Melvin) stürzen sich ins bunte Nachtleben von Saigon. Es sind sehr unterschiedliche Typen, die hier aufeinandertreffen. Paul outet sich bald als Trump-Wähler. Er hätte die Mauer lieber heute als Morgen fertiggestellt. Lee versucht die Vielfältigkeit der schwarzen Bevölkerung herauszustreichen und liefert gleich das passende Newsmaterial aus Trumps Wahlkampf. Die Handlung wird immer wieder durch Einschübe unterbrochen. Mal sind es Archivbilder und dann wieder Rückblenden, welche die Protagonisten im Krieg zeigen.

    Hier hält sich Lee nicht lange damit auf, seine Schauspieler digital oder mit Make-up zu verjüngen, sondern ändert stattdessen das Bildformat in diesen Sequenzen zu 4:3. Es ist so ein Flickenteppich der hier entsteht, zwischen gegenwärtiger Handlung, Archivbildern und Rückblenden. Eingewoben in die Handlung ist das legendäre Konzeptalbum „What’s going on“ von Marvin Gaye. Es fügt sich wunderbar in die Geschichte ein und ist neben den hervorragenden Schauspielern der große Pluspunkt von Da 5 Bloods.

    Die Rahmenhandlung umfasst neben der Suche nach Norman eine Schatzsuche und hier wildert der Film in B-movie Gewässern. Lee nimmt Anleihen bei Tarantino und Splatterfilmen. So treffen die Männer anfangs auf Mélanie Thierry (Hedy Bouvier). Sie leitet eine Organisation zur Beseitigung von Landmienen. Es dauert dann etwas in diesem überlagen Film aber es kommt wie es kommen muss. Jean Reno spielt einen finsteren (französischen!) Geschäftsmann. Das mutet im Kontext der gesellschaftspolitischen Botschaften, die uns hier um die Ohren fliegen, schon fast skurril an. Zitate aus Apocalypse Now dürfen hie und da auch nicht fehlen, auch Richard Wagners Walkürenritt nicht.

    Das ist etwas viel auf einmal. Man bleibt schon dran an der Geschichte aber es wirkt alles überladen. Da 5 Bloods ist ein ambitioniertes Unterfangen, kann qualitativ aber nicht an seinen Vorgänger anschließen. Vielleicht hat der Film beim Streamingdienst zumindest die Chance, ein größeres Publikum zu erreichen, als es im Kino der Fall gewesen wäre. Dort hätte es Da 5 Bloods wohl schwer gehabt.

    DA 5 BLOODS | SPIKE LEE | USA 2020 | 154 Min. [usr 3,5]


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  • KÖRPER UND SEELE

    KÖRPER UND SEELE

    Der recht sperrige Titel täuscht vielleicht darüber hinweg, dass es sich hier um eine große Liebesgeschichte handelt. Regisseurin Enyedi zeigt, wie sich zwei fragile Menschen näher kommen, die bisher zu keiner Beziehung fähig waren.

    Der Fragilität steht die strahlend weiße Kulisse eines Schlachthofes gegenüber in der Körper und Seele – der Film spielt. Hier werden Tiere mit einer klinischen Nüchternheit getötet und zerlegt. Mit derselben Präzision durchleuchtet Enyedi das Wesen ihrer beiden Hauptdarsteller. Mária (Alexandra Borbély), die Neue in der Qualitätskontrolle und Endre (Géza Morcsányi), der Finanzchef.

    Der Film wagt einen tiefen Blick dahin, was man gemeinhin als Seele bezeichnet. Mária ist Autistin und zu keinem sozialen Leben fähig. Jede auch nur unabsichtliche Berührung ist ihr unangenehm. Endre hat Beziehungen, die sich auf Körperlichkeit beschränken. Durch seinen gelämten Arm sieht er sich außer Stande, mit einer Frau einen tiefergehenden Kontakt aufzubauen. Liebe ist für beide nicht denkbar. Zusehr steht der eigene Körper und die Scheu vor anderen Menschen im Weg.

    Zu einer ersten Begegnung kommt es in der grellen Kantine. Dort, wo in der täglichen Routine die Belegschaft aufeinander trifft und es keinen Winkel gibt, um sich vor den Blicken der anderen zu schützen. Es ist ein langer Weg der sich abwechselnden Annäherung und Zurückweisung bis Endre durch die laufende Untersuchungen einer Arbeitspsychologin erfährt, dass er mit Mária ein und denselben Traum teilt. Enyedi zeigt die Traumsequenzen von Beginn an. Zwei Hirsche im winterlichen Wald, die sich auf ähnlich vorsichtige Weise näher kommen. Ein entscheidender Impuls für Endre, auf Mária zuzugehen.

    Man spürt förmlich die Spannung in der Luft, wenn sich die beiden gegenüber sitzen. Die kühlen Bilder von Kameramann Máté Herbai erinnern in ihrer Komposition an zeitgenössische Fotografie, gehen auf Distanz und fangen das Umfeld von Mária und Endre aus einer beobachtenden Perspektive ein.

    KÖRPER UND SEELE ist eine tiefgründige Analyse Zweier, die große Überwindungen auf sich nehmen müssen, um einander näher zu kommen. Mit einer gehörigen Verspätung ist der Gewinner des Goldenen Bären bei der Berlinale 2017 bei uns angelaufen. Zu sehen im CineCenter Wien und VOTIVKINO / DE FRANCE.

    Idikó Enyedi, HU 2017 116 Min.