Schlagwort: Filmkritik

  • THE WHITE TIGER ★★★½

    THE WHITE TIGER ★★★½

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    Der erste vielversprechende und allgemein verfügbare Film im Jahr 2021 ist ohne große Überraschung bei Netflix im Programm. Die Bestsellerverfilmung The White Tiger, nach dem gleichnamigen Roman von Aravind Adiga aus dem Jahr 2008, ist eine Satire, die sich zu einem gesellschaftskritischen Drama entfaltet und neben einem erinnerungswürdigen Hauptdarsteller mit einem wunderbaren Ensemble aufwartet. Das Schicksal eines Chauffeurs im gegenwärtigen Indien, der dem Teufelskreis des Kastensystems entkommen möchte, unterhält nicht nur, sondern regt zu Diskussionen über dieses menschenverachtende System an aber auch darüber, wie dem ein Blick von außen überhaupt gerecht werden kann. Ein Film über eine Gesellschaft im Hühnerkäfig, wie es der Hauptcharakter versinnbildlicht. Nebenbei sollte langsam thematisiert werden, dass sich im wesentlichen zwei Streamingdienste den gesamten Filmmarkt aufteilen.

    Darum geht es

    Die Geschichte wird in Rückblenden erzählt. Balram (Adarsh Gourav) scheint ein gemachter Mann zu sein und erinnert sich zurück. Er stammt aus einem Dorf und seine Familie gehört der niedrigen Kaste an. Als eines Tages ein Großgrundbesitzer mit seinem Sohn in seinem Dorf auftaucht und Balram erfährt, dass sie einen Fahrer benötigen, fasst er einen Entschluss. Von seiner alles bestimmenden Großmutter (Kamlesh Gill) erbittet er Geld für die Führerscheinausbildung und folglich gelingt es ihm tatsächlich, in der wohlhabende Familie von Ashok (Rajkummar Rao) eine Stelle als 2. Chauffeur zu bekommen. Fortan steht er im Dienst von Ashok und seiner Frau Pinky. (Priyanka Chopra Jonas), die gerade aus den USA zurück in ihre Heimat gekommen sind. Seine Erziehung gebietet es, sich unterzuordnen und alle Erniedrigungen über sich ergehen zu lassen. Doch insgeheim möchte er sich nicht mit seinem Schicksal abfinden und schmiedet große Pläne.

    Balram (Adarsh Gourav) hat verstanden, das System für sich zu nutzen.

    Kommentar

    Man muss einen Schritt zurücktreten, die westliche Brille abnehmen, durch die hindurch wir die Welt sehen, deuten und zu verstehen versuchen, um The White Tiger zu beurteilen. Ganz klar: wunderschön gefilmt (Kamera: Paolo Carnera) und in kräftige Farben getaucht, gibt der Film ordentlich was her. Regisseur Ramon Bahrani hat sein ganzes Vertrauen in den unbekannten Adarsh Gourav gelegt und die Rechnung ging auf. Obwohl nicht auf den Mund gefallen und zahlreiche zitierwürdige Kommentare abgebend, ist es oft nur ein Ausdruck in seinem Gesicht, der Bände spricht. Als ZuseherIn weiß man immer ganz genau, was in ihm vorgeht. Egal ob sich Wut aufstaut oder er schon seinen nächsten Schritt plant. Seine Co-Darsteller haben ebenso stark ausgeprägte und überzeugende Rollen. Selbst kleinere Rollen, wie die des Balram ständig drangsalierenden Assistenten Ashoks, tragen ihres zu einem gelungenen Ensemble bei.

    Wie stark beeinflusst nun aber der Blick von außen einen Film, der mit einem jahrtausendealten Gesellschaftssystem derart hart ins Gericht geht? Zurecht möchte man meinen und The White Tiger liefert auch gleich mögliche Erklärungen, warum das Kastensystem auch heute noch so gut funktioniert. Es hat sich blendend an die kapitalistischen Strukturen angepasst. Für uns ist es schlicht unverständlich, wie eine Minderheit soviel Menschen über einen langen Zeitraum unter Kontrolle halten und letzten Endes brutal unterdrücken kann.

    Der Film beginnt mit dem Welthit Mundian To Bach Ke von Punjab MC aus dem Jahr 1998. Im Grunde gibt das schon die Tonalität der Geschichte vor. Indische Klänge werden mit Hip-Hop Rhythmen vermischt um sie massentauglich zu machen. Karan Madhok führt das in seiner Filmbesprechung Indian Tiger, foreign gaze für The Chakkar sehr eindrücklich aus. Gewissermaßen ist der ganze Film weichgespült und auf den westlichen Geschmack getrimmt. Madhok kritisiert weiters die englische comichafte Sprache mit indischem Akzent. Gerade so weit exotisch, dass keine Übersetzung notwenig ist und unerträglich lächerlich für indisch sprechende Menschen.

    The White Tiger gibt jetzt nicht vor authentisches Weltkino zu sein. Die Geschichte ist unterhaltsam und wird spannend erzählt. Sie wird den Großteil des Publikums zufriedenstellen. Trotzdem schadet es nicht, sich etwas mehr Gedanken darüber zu machen, wie gefiltert und zurechtgebogen uns die Welt präsentiert wird, genau so nämlich, wie wir sie gerne sehen möchten.

    THE WHITE TIGER | RAMIN BAHRANI | USA 2021 | 125 MIN. | [usr 3,5 ]


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  • BOYS STATE ★★★★

    BOYS STATE ★★★★

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    Wie würden jugendliche Burschen Politik machen, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten? Boys State ist ein in zahlreichen Bundesstaaten der USA stattfindendes Experiment und ermöglicht ihnen genau das, nämlich demokratische Strukturen kennenzulernen und auch gleich praxisnah auszuprobieren. Die viel gepriesene Dokumentation erhielt beim Sundance Filmfestival den Preis der Jury. Sie verrät viel über das aktuelle Politikverständnis in den Vereinigten Staaten.

    Darum geht es

    Zu Beginn des eine Woche dauernden Camps werden rund tausend Jugendliche per Zufall in zwei Gruppen aufgeteilt, die das Zweiparteiensystem in den USA widerspiegeln sollen. Das Ziel ist klar: am Ende soll ein Gouverneur gewählt werden. Zuerst muss jedoch ein Programm geschrieben werden, ein Parteivorsitzender und eine Reihe anderer Posten besetzt werden. Bereits am ersten Abend beginnen die Kandidaten Unterstützungsunterschriften zu sammeln und schon nach wenigen Stunden kristallisiert sich heraus, wer jene mit den größten Ambitionen sind.

    Für manche geht es um alles.

    Kommentar

    American Legion, eine Non-Profit Organisation bestehend aus Veteranen, veranstaltet jedes Jahr Boys und Girls State Jugendcamps in den USA. Deren Geschichte geht bis an den Anfang des 20. Jahrhunderts zurück und sie waren ursprünglich von Camps in der Sowjetunion inspiriert. Sie entwickelten sich jedoch bald zu einem Programm, dass jungen Menschen die Dynamiken von Politik und Demokratie näher bringen sollte. Heute nehmen jedes Jahr rund 20.000 Jugendliche teil. Die Auswahl ist elitär. Für gewöhnlich schickt jede High School insgesamt nur ein bis zwei Studenten aus den letzten beiden Jahrgängen. Die Teilnahme ist gleich die Eintrittskarte für College und Militärakademie.

    Die Inhalte des Boys/Girls State Camps variieren leicht. Mal geht es um einen fiktiven Prozess oder einen speziellen Fokus auf Bildung aber meist läuft es so ab, wie es in der Dokumentation Boys State (gedreht 2018 in Austin, Texas) nun zu sehen ist. Es gibt eine strikte Trennung zwischen Mädchen und Jungen. Die Regisseure arbeiten gerade an einer Dokumentation über Girls State.

    Das verspricht auf jede Fall spannend zu werden, denn was passiert in Boys State? Sie machen das, was man von der männerdominierten Politiklandschaft ohnehin kennt. Mehrheiten zu finden ist in der Demokratie unumgänglich, wenn man erfolgreich sein möchte. Die eigene Werte und Prinzipien werden schnell hintangestellt. Jeder glaubt, über die Rechte von Frauen bestimmen zu können und zu wissen, was für sie das Beste ist. Das Thema Abtreibung ist allgegenwärtig.

    Die Teilnehmer bilden eine Mischung aus großen ehrgeizigen politischen Talenten (auch Bill Clinton nahm einst teil), Schnöseln und Besserwissern. Zumindest jene, die sich das Regieduo herausgepickt hat. Sie sind es, die die Zukunft der USA bestimmen werden und sie haben erstaunlich schnell begriffen, wie der Hase läuft. Idealismus und revolutionäre Gedanken muss man hier lange suchen.

    BOYS STATE | AMANDA MCBAINE, JESSE MOSS | USA 2020 | 109 MIN. | [usr 4]


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  • SOMMER DER KRÜPPELBEWEGUNG ★★★★½

    SOMMER DER KRÜPPELBEWEGUNG ★★★★½

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    Unsere Wohnanlage wurde im Jahr 2012 fertiggestellt. Bereits in der Tür ins Stiegenhaus befindet sich eine kleine völlig unnötige Schwelle, die Gegensprechanlage ist zu hoch und der Haupteingang ist über Stiegen erreichbar. Für Barrierefreiheit muss man den Umweg über einen ganzen Häuserblock nehmen. In den USA ist so etwas seit dem Americans with Disabilities Act aus dem Jahr 1990 undenkbar. Die Dokumentation Sommer der Krüppelbewegung nimmt ihren Ausgang 1971 in einem Sommercamp für Menschen mit Behinderung. Im Fahrwasser der Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King bildete sich über die Jahre eine Bewegung, die sich für die Rechte von Menschen mit Behinderung engagierte. Bis dahin konnten diese Menschen meist nicht am öffentlichen Leben teilnehmen. Für den Film erhielt das Regieduo Nicole Newham und James Lebrecht den Publikumspreis beim Sundance Filmfestival 2020 und sie sind bei den Oscars in der Kategorie Bester Dokumentarfilm nominiert.

    Es sind erschütternde Bilder aus einer Pflegeanstalt für Menschen mit Behinderungen. Abgemagerte Kinder liegen fast übereinander, beiseite geräumt und vor der Öffentlichkeit verborgen. Ihnen wurde fälschlicherweise oft eine geringe Lebenserwartung prognostiziert. Die Welt draußen ermöglichte ihnen kein normales Leben. Überall stießen diese Menschen auf Hürden: Physische Hürden im öffentlichen Raum, die sie mehr in der Bewegungsfreiheit einschränkten als ihre Rollstühle und Hürden in den Köpfen der nicht behinderten Menschen.

    Im Camp Jened hatte man erkannt, dass nicht diese Menschen ein Problem hatten, sondern alle anderen mit ihnen. Hier wurden sie als vollwertige Menschen empfangen und konnten ein freies und glückliches Leben führen, was ihnen damals im Alltag verwehrt blieb. Hier nahm eine nationale Bürgerrechtsbewegung ihren Ausgang und breitete sich später über die ganze Welt aus.

    Szene aud dem Camp Jened.

    Der Kampf für mehr Rechte sollte sich über mehrere Jahrzehnte erstrecken. Erstmals wurden Menschen mit Behinderung im Jahr 1973 in einem Teil des Rehabilitation Act Bürgerrechte eingeräumt. Abschnitt 504 gewährleistete, dass Kinder und Erwachsene dieselben Chancen im Bildungssektor, Arbeitsleben und anderen Teilen des gesellschaftlichen Lebens bekommen sollten. 1990 wurden dann mit dem Americans with Disabilities Act Diskriminierungen per Gesetz verboten.

    Sommer der Krüppelbewegung schildert den mühsamen und emotionalen Kampf gegen den Widerstand der Politik, die meist das Kostenargument vorschob, um eine entsprechende Gesetzgebung zu verhindern. Obwohl damals 40 Millionen Amerikanerinnen betroffen waren. Die Proteste gipfelten in der Besetzung des Gesundheitsministeriums.

    Die Dokumentation schärft den Blick für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung. Die Menschen wurden nicht als Frau oder Mann wahrgenommen, sondern auf ihren Rollstuhl reduziert. Im Rollstuhl zu sitzen, war gleichbedeutend wie schwarz zu sein, heißt es einmal. Sommer der Krüppelbewegung ist gleichermaßen unterhaltsam und eine bedeutende Geschichtsstunde. Der Film erzählt davon, wie ziviler Ungehorsam zu einem bahnbrechenden Gesetz für die Gleichberechtigung führte und über die Kraft der Gemeinschaft, die in sozialen Bewegungen liegt. Ein Pflichtfilm.

    Sommer der Krüppelbewegung (OT: Crip Camp: A Disability Revolution)

    Dokumentation, USA 2020
    Regie
    , Drehbuch Nicole Newnham, James Lebrecht
    Kamera Justin Schein
    Schnitt Alex Odesmith, Mary Lampson, Eileen Meyer
    Musik Bear McCreary


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  • MEIN 40-JÄHRIGES ICH ★★★★

    MEIN 40-JÄHRIGES ICH ★★★★

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    Ein weiteres aussergewöhnliches Regiedebüt aus dem Jahr 2020 kommt von Radha Blank. In ihrem semi-autobiographischen Film Mein 40-jähriges Ich spielt sie eine Dramatikerin mit gleichem Namen, sozusagen eine Version ihrer selbst und beschreibt die Tiefen einer künstlerischen Existenz zwischen Frau sein und Schwarz sein auf eine humoristische Weise und einem hohen Grad an Authentizität. Beim Sundance Filmfestival erhielt sie dafür den Regiepreis.

    Darum geht es

    Die Dramatikerin Radha (Radha Blank) steht kurz vor ihrem 40. Geburtstag. Große Erfolge liegen lang zurück. Einst war sie eines der vielversprechendsten Talente unter 30 (von dieser Auszeichung zehrt sie noch heute). Nun befindet sie sich in einer Sinnkrise. Der Theaterunterricht an einer Schule dient mehr zum Broterwerb, als der künstlerischen Erfüllung. Zumal die StudentInnen ihr mit wenig Respekt begegnen. Da hat sie die Eingebung, sich als Rapperin zu versuchen. Dazu begibt sie sich nach Brooklyn zum angesagten DJ D (Oswin Benjamin). In der Zwischenzeit versucht ihr langjähriger Freund und Manager Archie (Peter Y. Kim) für sie ein Engagement bei dem einflussreichen Produzenten und Theaterdirektor Josh Whitman (Reed Birney) einzufädeln. Radha ist von dem arroganten Selbstdarsteller weniger begeistert.

    Radha und D beim Poetry Slam im Ring.

    Kommentar

    Radha Blank verpackt eine ganze Latte an Themen in ihren Regieerstling. Ihre Protagonistin steckt in der Midlifecrisis, die allerdings nicht unwesentlich durch die äußeren Umstände bestimmt wird, die auf eine schwarze 40-jährige Künstlerin einwirken. Genderfragen, Rassismus und sexuelle Belästigung erweitern das Spektrum. Sie blickt zurück auf ihre Erfolge, kann daran aber gerade nicht anschließen. Heute versucht sie unabhängig von Weißen zu arbeiten und zu leben. Dazu lastet der jüngste Tod ihrer Mutter auf ihr.

    Diese war selbst Künstlerin. Nun muss Radha mit ihre Bruder deren Gemälde in einem Lager verstauen. Was bleibt für die Nachwelt? Diese Frage stellt sie sich. Gleichzeitig beflügelt es sie, etwas für sie völlig Neues auszuprobieren. Der Fremdbestimmung durch Weiße kann sie sich aber nicht entziehen. Die schwarze Theaterwelt ist notorisch unterfinanziert. Dort reicht das Geld nicht einmal um die Miete zu bezahlen. Sie begibt sie ich, wie Ma Rainey fast 100 Jahre vor ihr in die Hände eines weißen Produzenten (siehe auch Ma Rainey’s Black Bottom). Der Produzent Whitman ist aber nur an Black-poverty-porn interessiert, was Radha mehr als verabscheut. Sie versucht sich dem Bild zu widersetzen, das Weiße von Schwarzen gerne hätten.

    Mein 40-jähriges Ich ist ein erfrischend kantiges und raues Debüt in Schwarzweiß. Eine Abrechnung mit der gegenwärtigen New Yorker Theaterwelt. Blanks Humor ist sehr subtil und funktioniert oft nur durch kleine Gesten. Radha Blank zeigt eine starke Frau mit Mut zur Selbstironie und Selbstkritik. Sie möchte als Künstlerin ernstgenommen und wertgeschätzt werden. Darum geht es hier im Kern. Man spürt ihre Leidenschaft, innere Verzweiflung und kreative Kraft. Wir sehen ein neues vielversprechendes Multitalent.

    THE 40-YEAR OLD VERSION | RADHA BLANK | USA 2020 | 123 MIN. | [usr 4]


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  • SOUND OF METAL ★★★★ ½

    SOUND OF METAL ★★★★ ½

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    Was passiert, wenn man plötzlich sein Gehör verliert? In Sound of Metal trifft es einen Schlagzeuger, der von heute auf morgen nichts mehr hören kann und sein Schicksal nicht akzeptieren möchte. Das Filmdrama von Darius Marder und sein Hauptdarsteller Riz Ahmed sind die Geheimtipps bei den diesjährigen Oscars. Kaum eine Geschichte hat uns in diesem Jahr mehr berühren können und war im Stande uns mit einem dramaturgisch ausgeklügelten Sounddesign derart in den Bann zu ziehen. Gestartet und ausgezeichnet auf dem Toronto International Filmfestival, landete der Film bedingt durch die Pandemie bereits nach wenigen Wochen im Angebot von Amazon Prime Video.

    Darum geht es

    Ruben (Ria Ahmed) und seine Freundin Lou (Olivia Cooke) bilden gemeinsam das Metal-Duo Blackgammon und Touren mit einem Wohnmobil durch die USA. Ihre Zweisamkeit wird jäh auseinandergerissen, als Ruben während eines Konzerts einen Gehörsturz erleidet. Heilung verspricht nur ein Implantat, das jedoch enorm teuer ist. Er möchte weitermachen wie bisher, doch Lou sieht die Gefahr, dass Ruben rückfällig werden könnte, da er sich gerade nach einer Drogenabhängigkeit auf Entzug befindet. Sein Therapeut empfiehlt eine ländliche Gemeinschaft, die sich genau solchen Menschen wie Ruben angenommen hat. Joe (Paul Raci) leitet die Einrichtung. Hier lautet die Devise, dass Taubheit kein Handicap ist. Joe versucht Ruben mit der Stille vertraut zu machen. Der lernt zwar die Zeichensprache, kann sich mit der Situation jedoch nicht abfinden. Er verkauft seinen ganzen Besitz um sich die Operation leisten zu können. Sehr zum Missfallen von Joe. Ruben passt nun nicht mehr in die Gemeinschaft und muss gehen. Als die Implantate aktiviert werden, ist es ein großer Schock für ihn. So hatte er sich das nicht vorgestellt.

    Ruben (Riz Ahmed) in der schönsten Szenen von Sound of Metal.

    Kommentar

    Wenn es in jüngster Zeit einem Film gelungen ist, uns tatsächlich in die Gefühlswelt seines Protagonisten eintauchen zulassen, dann ist das Sound auf Metal. Wir sind nicht mehr bloß Beobachter, wenn Ruben plötzlich sein Gehör verliert, sondern können seine Verzweiflung spüren. Das ist zum einen dem großartigen Riz Ahmed zu verdanken, der uns scheinbar durch seine großen Augen in sein innerstes schauen lässt. Er muss sich dazu gar nicht viel artikulieren, alleine seine Blicke sagen alles.

    Dann wäre noch das aussergewöhnliche Sounddesign von Nicolas Becker. Als Film über die Stille dreht uns Regisseur Darius Marder kurzerhand den Ton ab. Mehr als ein dumpfer Ton in der Ferne ist nicht mehr zu hören. Dazwischen kommt der Ton für uns zwar immer wieder zurück aber nur um im nächsten Moment wieder zu verschwinden und uns somit immer wieder damit konfrontiert. Als die Implantate aktiviert werden, ist das Ergebnis nicht nur für Ruben ein Schock, sondern genauso für uns. In der schönsten Szene sitzt Ruben am unteren Ende einer Rutsche beginnt auf das Blech zu trommeln. Ein ebenfalls gehörloser Bub am oberen Ende legt sein Ohr auf die Rutsche und lauscht dem dumpfen Klopfen. Es ist ein berührender und zugleich ungemein friedlicher Moment, den beiden zuzusehen, wie sie in eine für sie ferne Welt versinken.

    Paul Raci spielt Joe, den Leiter der Gehörlosen Gemeinschaft. Der nahezu unbekannte Schauspieler wuchs in einer Familie von Gehörlosen auf und beherrscht die Gebärdensprache. Es ist eine glückliche Fügung, dass er nun gerade wegen seiner Fähigkeit für die Rolle in Sound of Metal ausgewählt wurde. Joe ist bereit Ruben aufzunehmen aber gleichzeitig drauf bedacht, das die Grundwerte der Einrichtung nicht verletzt werden: Gehörlosigkeit ist kein Handicap und ist nichts, was behandelt werden muss. Er tritt Ruben mit aller Strenge gegenüber und das kostet ihm vermutlich Sympathiewerte beim Publikum. Sein starrer, ausdrucksloser Blick ist schwer einzuschätzen. Erst während des letzten Aufeinandertreffen der Beiden wird klar, wie wichtig ihm seine Bewohner sind und wie sehr er durch die Entscheidung von Ruben verletzt ist. Ein starker Moment, der in Gedächtnis bleibt. Raci darf sich durchaus Chancen bei den Oscars ausrechnen.

    Filme über Menschen mit Behinderung ziehen immer wieder Kritik auf sich. So kam in diesem Fall unter anderem von Bret Easton Ellis der Einwand, der Filme stelle Menschen mit Behinderung als Opfer dar. Viktimisierung kann man Sound of Metal aber wohl eher nicht vorwerfen. Paul Schrader kritisierte das Ende. Hier gehen die Meinungen auseinander. Eines ist aber klar: kalt lassen wird der Film niemanden und immerhin schafft er es, dass wir uns über das Gehörlossein Gedanken machen.

    SOUND OF METAL | DARIUS MARDER | USA 2019 | 120 MIN. | [usr 4,5]


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  • THE ASSISTANT ★★★★ ½

    THE ASSISTANT ★★★★ ½

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    Zum Ausleihen

    Aufsehenerregende Geschichten nach wahren Begebenheiten finden in der ein oder andere Form früher oder später ihren Weg auf die Leinwand. So verhält es sich auch mit The Assistant von Kitty Green und dem Weinstein-Skandal. Sogar das mit der Leinwand stimmt in diesem Fall. Das Drama um sexuellen Missbrauch am Arbeitsplatz feierte bei der Berlinale im Februar 2020 Premiere. Der Film zeichnet sich durch eine außergewöhnlich wirkungsvolle subtile Herangehensweise aus. Ein weiteres gelungenes Spielfilmdebüt in diesem Jahr.

    Darum geht es

    Julie (Julia Garner) sitzt seit fünf Wochen im Vorzimmer eines Filmproduzenten. Als seine Assistentin kommt sie als erste ins Büro und verläßt es spät Abends als letzte. Termine koordinieren, kopieren, saubermachen und Kinder betreuen sind nur ein kleiner Teil ihrer Aufgaben. Als Mädchen für alles kann sie es trotz sehr guter Qualifikation nie allen recht machen. Ihre zwei männlichen Kollegen im Raum lassen ihr im Büro keinerlei Privatsphäre. Ständig wird sie für private Angelegenheiten eingespannt aber ist für die anderen trotzdem so gut wie unsichtbar.

    Als ihr Chef eine zusätzliche Sekretärin einstellt, erhärten sich die Indizien, dass diese nur wegen ihres Aussehens ausgewählt wurde und dem Chef als sexuelle Gespielin dienen soll. Sie wendet sich mit ihrem Verdacht an den Personalleiter (Matthew Macfadyen). Dort muss sie aber erkennen, dass hier ein System dahinter stecken dürfte. Sie bekommt nur den Hinweis mit auf den Weg, sie brauche sich keine Sorgen zu machen, da sie nicht nicht sein Typ sei.

    Jane (Juli Garner) unter Kollegen.

    Kommentar

    Die Handlung von The Assistant erstreckt sich über einen Arbeitstag von Julie. Als Zuseher nimmt man ihre Perspektive ein und es ist ihr Gesicht, das den gesamten Film prägt. Über ihre Blicke nehmen wir nicht nur ihre Gefühlswelt, sondern auch die Umgebung war. Den Boss, den sieht man nicht. Wir kennen nur seine Stimme am Telefon, wenn er Julie wieder einmal maßregelt, wenn sie eine Aufgabe, die meist von Vorhinein nicht ihr gewesen wäre, nicht nach seine Wünschen erledigt hat. Oder hören sein Lachen durch die verschlossene Tür.

    Ihre zwei Zimmerkollegen ignorieren sie völlig, sind aber schnell unaufgefordert zu Stelle, wenn Julie wieder einmal ein Entschuldigungsmail an ihren Chef verfassen muss. Bestenfalls werfen sie ihr skeptische Blicke zu, wenn sie versucht, ein Problem zu lösen. Meist spricht Julie man Telefon, darüber hinaus gibt es kaum Dialoge und wenn, dann nur bruchstückhafte Gespräche.

    Der Ton trägt in The Assistant viel zur atmosphärischen Stimmung bei. Die Kamera meist auf Julie gerichtet, spielen sich fast sämtliche Gespräche außerhalb unseres Blickfeldes ab. Musik von Tamar-kali gibt es nur in der ersten und letzten Szene. Dafür ist das ständige Surren der Lüftungsanlage zu hören. Satzfragmente und Stimmengewirr im Hintergrund lassen das Publikum in das Büro eintauchen. Dabei möchte man das eigentlich überhaupt nicht. Regisseurin Kitty Green gelingt es, eine klaustrophobische Atmosphäre des Unbehagens zu erzeugen. Die Bildsprache ist von klaren Linien bestimmt, die Farben sehr reduziert. Das Büro wirkt beinahe wie ein Gefängnis, die Stimmung erinnert an einen modernen Horrorfilm.

    Langsam entsteht in Julies Kopf und damit gleichzeitig in unseren Köpfen ein Bild davon, was in dieser Firma vor sich geht. Man sieht es aber nicht. Trotzdem besteht kein Zweifel daran. Indirekte Bestätigung erfährt sie durch die Reaktionen der Kollegen. In diesem Moment wird klar, dass sie völlig alleine dasteht und von niemanden Unterstützung erfahren wird. Ganz im Gegenteil: der Rest der Belegschaft hat sich längst angepasst.

    Die kühle und reduzierte Herangehensweise an ein Thema, für das erst vor wenigen Jahren ein entsprechendes Bewusstsein geschaffen wurde, machen The Assistant zu einem besonderen Film. Die eigentliche Tat ist darin so unsichtbar, wie im realen Leben versteckt hinter Bürotüren. Alle wissen es. Keiner unternimmt etwas. Dabei beginnt der systematische Missbrauch einer Machtposition durch kleine Gesten und Verhaltensmuster schon viel früher und gehört zum Büroalltag. Das Herz des Filmes ist jedenfalls die schauspielerische Leistung von Julia Garner, die fast zur Gänze ohne Dialoge auskommen muss. Eine Frau ohne Stimme umgeben von widerwärtigen Männern.

    The Assistant ist übrigens einer von zwei großartigen Filmen im Jahr 2020, die sich mit Frauenschicksalen auseinandersetzen und auf der Bewertungsplattform Rotten Tomatoes eine auffällige Diskrepanz zwischen Kritiker- und Publikumsbewertung aufweisen, nämlich 92% zu 25%. Bei Never Rarely Sometimes Always, einem Film über Abtreibung, ist das Verhältnis 99:20.

    THE ASSISTANT | KITTY GREEN | USA 2019 | 88 MIN. | [usr 4,5]


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  • ONE NIGHT IN MIAMI ★★★★ ½

    ONE NIGHT IN MIAMI ★★★★ ½

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    Es gibt diese Ikone der Fotografie, in der Cassius Clay 1965 im Ring steht und den vor ihm auf dem Boden liegenden Sonny Liston anzubrüllen scheint. Clay ist eine jener Persönlichkeiten, für die es im Englischen die Zuschreibung larger than life gibt. Überlebensgroß also, ein Leben weit über die Grenzen der Sportwelt hinaus bekannt. One Night In Miami spielt nun im Jahr davor, am 25. Februar 1964, als es in Miami zum ersten Aufeinandertreffen der beiden Boxlegenden und zu einem überraschenden Sieg von Clay kam. Es ist eine fiktive Geschichte rund um diesen Kampf und sie bringt in jener Nacht Cassius Clay mit drei weiteren Männer in einem Motelzimmer zusammen, die jeder auf seine Art Geschichte geschrieben haben: Jim Brown, Sam Cooke und Malcom X. Das Spielfilmdebüt der Oscar-Preisträgerin Regina King (Beale Street) war 2020 die erste Regiearbeit einer afroamerikanischen Regisseurin, die bei den Filmfestspielen von Venedig gezeigt wurde.

    Darum geht es

    Nachdem Cassius Clay (Eli Goree) im Miami Convention Center Schwergewichtsweltmeister wurde, verbringt er den weiteren Abend mit dreien seiner engsten Freunde in einem Motelzimmer: mit dem NFL-Spieler Jim Brown (Aldis Hodge), dem Soulsänger Sam Cooke (Leslie Odom Jr.) und Bürgerrechtler und Aktivisten Malcom X (Kingsley Ben-Adir). Es werden grundlegende Fragen der eigenen Verantwortung im Kampf um die Rechte der schwarzen Bevölkerung diskutiert, bei er sich die Männer durch ihre unterschiedlichen Ansichten immer wieder in die Haare kriegen. Die Atmosphäre bleibt trotz aufkommender Emotionen jedoch immer von freundschaftlichem Respekt geprägt.

    Malcom X (Kingsley Ben-Adir) hat eine böse Vorahnung.

    Kommentar

    Das Treffen fand tatsächlich statt, allerdings sind die Inhalte der Gespräche nicht verbrieft. Das auf einem Theaterstück von Kemp Powers basierende Drama One Night in Miami verdichtet einen Umbruch in der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung auf wenige Stunden. Nachdem Cassius Clay über Nacht zum Weltstar wurde, bekannte er sich zur Nation of Islam und legt seinen Sklavennamen, wie er sagte, ab und nannte sich zuerst Cassius X und später Muhammad Ali. Es ist der Vorabend des Entstehens der Black Power Bewegung. Malcom X zweifelt bereits an der Ideologie der Nation of Islam, die eine Black Supremacy Strategie vertrat und damit genauso rassistisch war, wie jene, die man bekämpfte.

    Der Film reflektiert exemplarisch anhand der vier Männer die Stellung der Schwarzen in den USA und ihre Wirkung zueinander. Malcom X, der insgeheim das Zentrum der Erzählung bildet, versucht die anderen aufzurütteln und sieht sie in der Pflicht, ihren Einfluss für den Kampf der Rechte von Schwarzen einzusetzen. Sonst würden sie von den Weißen nur für ihre Talente respektiert aber nicht als Menschen schwarzer Hautfarbe. So sei Sam Cooke zwar erfolgreich, jedoch nur solange er auf der Bühne steht. Dass Cooke in seinen Texten dabei nur über die Liebe singt und nicht die Kraft seiner Stimme für die Bewegung erkennt, bringt Malcom X in Rage.

    Cassius Clay, der kurz davor steht, zu konvertieren, steht stark unter dem Einfluss von Malcom X. In plagen letzte Zweifel, ob er denn den Schritt Richtung Islam wagen sollte. Man merkt, es brennt in ihm mehr zu sein als bloß ein Boxer. Jim Brown ist ebenfalls dabei sich zu verändern. Bald wird er dem Sport den Rücken kehren und ins Schauspielfach wechseln.

    Malcom X hat bereits eine Vorahnung. Er ist jener der Truppe, der unter ständiger Bewachung steht. Auch wenn er sich nichts anmerken läßt, versetzt ihn jede kleine Auffälligkeit in seiner Umgebung in Alarmbereitschaft. Als er einen seiner Leibwächter in der Nacht dabei beobachtet, wie er einem weißen Mann auf dem Parkplatz etwa zusteckt, erinnert die Szene an den Verräter Judas. Ein Jahr später wird Malcom X ermordet. Traurigerweise ereilte drei der vier Männer ein tragisches Schicksal.

    In One Night in Miami werden historische Fakten klug in die Geschichte eingefügt. Es wird deutlich, was die vier Charaktere antreibt. Obwohl die Grundlage ein Bühnenstück ist und der Film das nicht ganz verleugnen kann, vergißt Regina King nicht auf die filmischen Momente, vor allem in den Passagen, in denen die Handlung das Motelzimmer verläßt. Eine der bedrückendsten Szene ist Jim Brown vorbehalten, als er auf seinen Gönner Carlton (Beau Bridges in einem Kurzauftritt) trifft. Die zwischenmenschlichen Spannungen unter den Protagonisten tun ihr übriges. Vor allem Kingsley Ben-Adirs Darstellung von Malcom X ist schwer beeindruckend. Dabei ist es für alle keine leichte Aufgabe, derart populäre Persönlichkeiten zu verkörpern. Er versucht die anderen für seine Sache einzuspannen und hadert selbst mit seiner Rolle. Diese Komplexität der Charaktere und nachdenklich stimmende Auseinandersetzungen machen den Film so sehenswert.

    REGINA KING | ONE NIGHT IN MIAMI | USA 2020 | 110 MIN. | [usr 4,5]


    NEUESTRE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


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  • MA RAINEY’S BLACK BOTTOM ★★★★

    MA RAINEY’S BLACK BOTTOM ★★★★

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    Im vergangenen Jahr gab es kaum Produktionen, die von einem vergleichbaren leidenschaftlichen und intensiven Schauspiel geprägt waren, wie Ma Rainey’s Black Bottom. Neben Viola Davis (Widows) als temperamentvolle Bluessängerin erhielt vor allem Chadwick Boseman (Black Panther) für seine Rolle als Jazztrompeter viel Aufmerksamkeit. Es sollte seine letzte Rolle sein. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits schwer krank (Boseman ging damit nie an die Öffentlichkeit), verstarb der Schauspieler im August 2020 an Krebs. Dem Film liegt einen Bühnenstück von August Wilson aus dem Jahr 1984 zu Grunde. Es ist nicht zu übersehen: Ma Rainey’s Black Bottom atmet Theaterluft.

    Darum geht es

    Ma Rainey (Viola Davis), eine einflussreiche Bluessängerin der 1920er Jahre, kommt nach Chicago um ihre nächste Platte aufzunehmen. Vorerst läßt sie aber ihre Band und ihren Produzenten Irvin (Jeremy Shamos) im Tonstudio warten. Neben dem Pianisten Toledo (Glynn Turman), dem Gitarristen Cutler (Colman Domingo) und Slow Drag (Michael Potts), dem Bassspieler, stößt der vor Selbstvertrauen strotzende Trompeter Levee Green (Chadwick Boseman) zur Band.

    Als Ma Rainey eintrifft, hat sie nicht nur ihre Freundin Dussie Mae (Taylour Paige) im Schlepptau, sondern auch ihren Neffen Sylvester (Dusan Brown). Die Anspannung steigt, als es Differenzen bei der Auswahl der Stücke gibt und Ma ihren stotternden Neffen die Einleitung zu Black Bottom sprechen lassen möchte. Levee stiftet zusätzlich Unruhe, weil er gerne seine eigenen Interpretationen aufnehmen würde.

    Als die Aufnahmen starten, wird sie von technischen Problemen begleitet. Levee ist zusätzlich aufgebracht, da der Studiomanager Mel Sturdyvant (Jonny Coyne) seine Eigenkompositionen als nicht geeignet für schwarze Sänger ansieht. Die hitzige Stimmung führt zu einer finales Auseinandersetzung zwischen Levee und Toledo.

    Chadwick Boseman in seiner letzten Rolle

    Kommentar

    Man spürt in Ma Rainey’s Black Bottom förmlich die Hitze. Die warme Farbgebung, die schwitzende Ma und natürlich die sich durch die stetig aufbauenden Spannungen erhitzten Gemüter. Verstärkt wird das durch die Enge des Sets. Die Charaktere stoßen so unweigerlich immer wieder aufeinander.

    Die Ausleuchtung erinnert an eine Theaterkulisse. Durch die Kameraarbeit von Tobias A. Schliessler wird noch verstärkt sichtbar, dass der Verfilmung ein Theaterstoff zugrunde liegt. Schliessler beobachtet und reduziert Kamerabewegungen und vermeidet optische Spielereien. Für Liebhaber des Theaters sicher eine willkommene Abwechslung, wenn hier das Gefühl aufkommt, einer Bühnenaufführung beizuwohnen. Alles ist sehr dicht und intensiv.

    Viola Davis bestimmt jede ihrer Szene. Ma duldet keine Widerrede und stellt permanent die ganze Aufnahme aufs Spiel. Davis, unter einer dicken Schicht Make-up, beeindruckt durch ihre pure Präsenz. Sie kommt mit Chadwick Bosemans Levee quirligen und präpotenten Art nicht zurecht, genauso wenig wie der Rest der Mannschaft. Levee ist wie ein Pulverfass. Unberechenbar und man weiß nicht ob und wann er die Kontrolle verliert. Boseman beherrscht dabei genauso die leisen Momente. Es ist genau die Spannung dieser beiden Charaktere, die Ma Rainey’s Bottom Blues so sehenswert macht. Welche Wirkung könnten die beiden erst auf der großen Leinwand entfalten! Levees Counterpart ist jedoch der Pianist Toledo. Glynn Turman ist das dritte Schwergewicht im Bunde. Durch seiner strengen Religiosität gerät er in Konflikt mit Levees Lebensstil.

    Ma Rainey (1882 oder 1886 – 1939) galt als The Mother of Blues und war eine der ersten Bluessängerinnen, die ihre Musik auch aufnehmen durfte. Ihr Einfluss reicht weit über die Musikwelt hinaus. Es war nicht nur ihr einzigartiger Stil, der sie zu einer bedeutenden Frau der schwarzen Kultur werden ließ. Sie gab jenen eine Stimme, die keine hatten. Es ist bezeichnend, dass die einzigen weissfarbigen Charaktere im Film der Manager und der Studioboss sind. In der letzten Szene wird klar, wer das Sagen hat und letzten Endes über die MusikerInnen bestimmte.

    Ma Rainey’s Balck Bottom

    Drama, USA 2020
    Regie
    George C. Wolfe
    Kamera Tobias A. Schliessler
    Drehbuch Ruben Santiago-Hudson
    Musik Branford Masalis
    Schnitt Andrew Mondshein
    Mit Viola Davies, Chadwick Boseman, Glynn Turman, Colman Domingo
    Länge 93 Minuten
    Streamingplatform Netflix

    MA RAINEY’S BLACK BOTTOM | GEORGE C. WOLFE | USA 2020 | 94 MIN. | [usr 4]


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  • A SUN ★★★★½

    A SUN ★★★★½

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    Die Verlagerung aktueller Spielfilme von den Kinos auf Streamingplattformen treibt seltsame Blüten. A Sun feierte beim Toronto International Filmfestival im September 2019 in einer Nebenschiene unter mehr als 50 weiteren Filmen seine Weltpremiere. Beim renommierten chinesisch-sprachigen Golden Horse Film Festival ging der Film im November 2019 als großer Sieger hervor. Bereits am 24. Jänner 2020 wurde das taiwanesische Familiendrama bei Netflix veröffentlicht. Völlig unbemerkt schlummerte der nunmehrige Beitrag Taiwans für die Oscars 2021 monatelang vor sich hin. Scheinbar war man sich nicht einmal bei Netflix bewusst, was man da eingekauft hatte. Bis A Sun im Dezember 2020 auf einmal in den Listen der besten Filme des Jahres auftauchte (Im Branchenblatt Variety sogar an erster Stelle). Nun ist sie da, die große Aufmerksamkeit. Völlig verdient, denn wir haben es tatsächlich mit einem der besten Filme des Jahres zu tun.

    Darum geht es

    Der umtriebige A-Ho (Wu Chien-ho) stürmt zusammen mit seinem Kumpel Radish (Liu Klang-ting) in ein Lokal und dieser attackiert dort einen Mitschüler so schwer, dass dessen Hand im nächsten Augenblick in der Suppe schwimmt. Für den Fahrlehrer A-Wen (Chen Yi-wen), den Vater von A-Ho, kommt das nicht unerwartet. Er empfiehlt dem Richter sogar eine harte Gefängnisstrafe für seinen Sohn. Sein ganzer Stolz ist A-Hos Bruder A-Hao (Greg Hsu), ein erfolgreicher Studenten, dem eine vielversprechenden Zukunft bevor steht. Der wiederum leidet darunter, ständig im Zentrum zu stehen.

    Während A-Ho im Gefängnis sitzt, taucht dessen schwangere Freundin Xiao-Yu (Apple Wu) auf. Die Probleme der Familie scheinen kein Ende zu nehmen. Qin, die Mutter von A-Ho (Samantha Ko), nimmt sich der jungen Frau an, trotz der Skepsis deren Familie. Kurz darauf folgt der nächste Schicksalsschlag für die Familie.

    Nachdem A-Ho aus dem Gefängnis entlassen wird, versucht er ein neues Leben anzufangen. Als drei Jahre später Radish ebenso freikommt, holt in aber seine kriminelle Vergangenheit ein und die Familie wird nochmals auf die Probe gestellt. Eines Tages verschwindet Radish während einer gemeinsamen Gaunerei auf einmal spurlos.

    A-Ho (Wu Chien-ho) mit seinem Vater A-Wen (Chen Yi-wen).

    Kommentar

    Es beginnt mit einem ziemlichen Schockmoment. Die ersten Minuten lassen vermuten, dass wir es mit einem Gangsterfilm zu tun haben. Der Eindruck täuscht, die Gangart ändert sich schon in der nächsten Szene. A Sun konzentriert sich auf eine Familie in Taipeh, die durch die Entscheidungen von zwei Brüdern plötzlich auseinandergerissen wird. Allerdings ist eines von Anfang an klar: man muss hier mit allem rechnen. Nach und nach treten die Geheimnisse der Charaktere zu Tage.

    A Sun ist eine emotionale Achterbahnfahrt. Wie das Leben so spielt, folgen einem Schicksalsschlag komische Momente. Da ist zum Beispiel der Vater des Opfers, der sich plötzlich hinten ins Fahrschulauto setzt und eine Entschädigung einfordert und dann von A-Wen einfach irgendwo rausgeschmissen wird. Seine Rache wird alles andere als süß ausfallen. Und als A-Hao mit seiner Freundin durch den Park spaziert und sich wie zufällig ihre Hände berühren, kann man den Moment großen Glücks in ihrem Lächeln ablesen. Ganz natürlich gehört in diesem Drama dann auch Mord zum Leben dazu.

    Die titelgebende Sonne ist A-Hao, Vorzeigestudent mit großem Herz. Der Stolz des Vaters setzt ihn unter Druck. Er möchte all dem Licht der Anerkennung entfliehen und sucht Zuflucht im Schatten. Es gelingt ihm nur nicht. Sein Bruder, der junge A-Ho durchschreitet den harten Weg der Selbstfindung, auch eine Folge der Ignoranz durch seinen Vaters. Regisseur Chung zeigt komplexe Charakterportraits, die auf ihres Weise glaubwürdig agieren. A Sun ist mit zweieinhalb Stunden lang aber clever konstruiert. Durchhalten lohnt sich. Selbst visuell hat A Sun einiges zu bieten (Hinter der Kamera: Regisseur Chung).

    A Sun ging am zweiten Tag des Sundance Film Festivals online. Da hatte wahrlich niemand in den USA ein Auge drauf. Netflix hat es mehr den je dringend nötig, die Filmauswahl besser zu kuratieren. Die Benutzeroberfläche ist da gar keine Hilfe, ganz im Gegenteil. Es ist eine willkürliche Aneinanderreihung von sich ständig wiederholenden Filmen, die an der Spitze nichts verloren haben. Zumindest eine neue Sektion würde mit wenig Kostenaufwand eine große Wirkung entfalten, wie die Filmseite Indiewire schreibt. Wenn für den Streamingdienst Film mehr als nur eine Ware ist, sollte das schleunigst angegangen werden. Nun hat man aber nicht einmal die Gunst der Stunde genutzt, die der internationale Erfolg von Parasite mit sich brachte.

    A SUN (OT: YÁNGGUÃNG PUZHÀO) | CHUNG MONG-HONG | TAIWAN 2019 | 155 MIN. | [usr 4,5]



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  • PIECES OF A WOMAN ★★★★

    PIECES OF A WOMAN ★★★★

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    [icon name=“exclamation-triangle“] Kann Spoiler enthalten

    Einer der meisterwarteten Filme der jüngsten Vergangenheit hat nun seinen Weg in unsere Wohnzimmer gefunden: Pieces of a Woman war schon vor der Premiere bei den Filmfestspielen von Venedig letzten Herbst im Gespräch und als Vanessa Kirby dort den Darstellerpreis erhielt, war klar, dass es sich um eine der herausragendsten schauspielerischen Leistungen in dieser Saison handelt. Von einer beeindruckenden wie intensiven 20-minütigen Plansequenz ist die Rede. Es waren aber auch durchwachsene Filmbesprechungen zu lesen und das bei einen Film, der wohl in mehreren Kategorien ins Oscar Rennen gehen wird. Offensichtlich eine spannende Arbeit, die der ungarische Film- und Theaterregisseur Kornél Mundruczó gemeinsam mit seiner Partnerin Kata Wéber, die das Drehbuch verfasste, abgeliefert hat.

    Darum geht es

    Martha (Vanessa Kirby) und Sean (Shia LaBeouf) bereiten sich gerade auf den bevorstehenden Nachwuchs vor. Ein Kinderzimmer wird eingerichtet, von ihrer Mutter Elisabeth (Ellen Burstyn) kommt der Minivan. Die Beiden haben sich für eine Hausgeburt entschieden. Als es soweit ist, verständigen sie die Hebamme. Doch die ist gerade bei einer anderen Geburt und schickt als Vertretung Eva (Molly Parker). Zum Kennenlernen bleibt nicht viel Zeit. Es geht alles sehr schnell.

    Eva misst die Herztöne und es scheint alles nach Plan zu verlaufen. Als sich bei Eva doch eine gewisse Besorgnis breit macht, spielt sie sie herunter. Unterschwellig und beinnahe unbemerkt ändert sich die Stimmung. Eva rät, den Notarzt zu rufen. Kurz darauf hält Martha ihr Baby in den Armen. Es werden Fotos geschossen. Das Paar ist überglücklich.

    Doch dann passiert das denkbar Schlimmste. Als der Arzt kommt, ist es bereits zu spät. Martha und Sean stehen unter Schock und mit ihnen die Familie, vor allem die Mutter Elisabeth. Wochen und Monate vergehen. Es gibt kein Wir mehr. Jeder trauert für sich. Nicht nur emotional, auch juristisch wird der Fall aufgearbeitet. Es war nicht der einzige Fehltritt der Hebamme.

    Vanessa Kirby in einer der schönsten Szenen in Pieces of a Woman.

    Kommentar

    Es beginnt mit einem Mann. Sean ist Bauarbeiter und arbeitet gerade an einem Brückenbau. Über die Zeitspanne der Handlung des Films werden die zwei Enden der Brücke immer mehr zusammenwachsen und gleichzeitig bricht eine andere Verbindung entzwei.

    Nach einer kurzen Einführung kommt es zur besagten 20-minütigen Geburtsszene. Die Kamera gleitet von Raum zu Raum durch die Wohnung, schwenkt nie weg (Kamera: Benjamin Loeb). Wir sind so nah dran wir nur möglich. Die Nervosität, die Anspannung und der Schmerz sind spürbar und mitten drin gibt es intime Glücksmomente. Für Vanessa Kirby ist es eine Tour de Force, die alle Anerkennung verdient. LaBeouf und Parker tragen ihren Beitrag zur Intensität der Szene bei. Den gesamten Film über fragt man sich, ob die Hebamme nun wusste was sie tat oder nicht. Parker spielt gekonnt mit dieser Unsicherheit. Nebenbei wird es für viele das erste Mal sein, eine Geburt auf derart realistische Weise mitzuerleben und eine überraschende Erkenntnis sein, dass Komplikationen bei der Geburt nicht gerade selten sind. Erst nach 30 Minuten erscheint der Titel des Films und ab dann ist alles anders.

    Es folgt die Trauerarbeit und es ist dieser Bruch, den viele dem Film ankreiden. Nichts kann das eben Gesehene noch übertreffen. Dem ultimativen Realismus folgen in einem Drehbuch niedergeschriebene Dialoge. Dabei bietet Pieces of a Woman einiges auf, um dies abzufedern. Kirby trägt den Film bis zum Schluss. Sie ist hier ganz klar der Star. Keine Überraschung für all jene, denen sie schon als junge Prinzessin Margret in The Crown oder als White Widow in Mission: Impossible – Fallout aufgefallen war. Ihre Karriere könnte nun ordentlich an Fahrt aufnehmen.

    Ellen Burstyn ist Marthas dominante Mutter Elisabeth. Sie mischt sich von Beginn an in das Leben der beiden Protagonisten ein und belastet die Beziehung. Sean ist für sie als Bauarbeiter nicht standesgemäß. Einer, der sich nicht einmal ein Familienauto oder den Grabstein für die Tochter leisten kann. Mit der Tochter wiederum kommt es zu intensiven Schlagabtauschen. Sie spielt mit einer Eindringlichkeit, die über den Film hinaus im Gedächtnis bleibt. Eine Nominierung für einen Oscar in einer Nebenrolle scheint wohl als gesichert.

    Während sich Martha zurückzieht, kocht in Sean die Wut. Er möchte Gerechtigkeit, wo es keine gibt und fühlt sich alleingelassen. Immer wieder verliert er die Kontrolle über seine Emotionen. In einer bedrückenden Szene zwingt er Martha zum Sex, nur um zu schnell wieder das Interesse zu verlieren. Nur in einem ist sich Sean mit seiner Schwiegermutter einig. Die Hebamme gehört zur Rechenschaft gezogen. Gegen Ende kommt es zu einer Gerichtsverhandlung. Öfters wurde angemerkt, dass sie den Film zu sehr von seiner ursprünglichen Intention entfernt.. Doch es geht in Pieces of a Woman nie um Gerechtigkeit. Es gibt keine spannenden Kreuzverhöre oder alles, was man sonst von einem Gerichtssaaldrama erwartet. Für Martha ist die Verhandlung ein Teil der Trauerarbeit.

    Mag sein, dass Pieces of a Woman den anfänglichen Realismus hätte mitnehmen müssen, um das große Meisterwerk werden zu können. Doch wir haben es hier sicherlich mit einem überdurchschnittlichen Film zu tun, den man nicht auf die Geburtssequenz reduzieren kann. Die Charaktere bleiben bis zum Ende interessant.. Es gibt zahlreiche hervorragende schauspielerische Leistungen und Szenen, die man nicht so schnell vergisst. Für Diskussionen ist also gesorgt.

    KORNÉL MUNDRUCZÓ | USA/CANADA 2020 | 128 MIN. | [usr 4]


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