Kategorie: Review

  • KÖRPER UND SEELE

    KÖRPER UND SEELE

    Der recht sperrige Titel täuscht vielleicht darüber hinweg, dass es sich hier um eine große Liebesgeschichte handelt. Regisseurin Enyedi zeigt, wie sich zwei fragile Menschen näher kommen, die bisher zu keiner Beziehung fähig waren.

    Der Fragilität steht die strahlend weiße Kulisse eines Schlachthofes gegenüber in der Körper und Seele – der Film spielt. Hier werden Tiere mit einer klinischen Nüchternheit getötet und zerlegt. Mit derselben Präzision durchleuchtet Enyedi das Wesen ihrer beiden Hauptdarsteller. Mária (Alexandra Borbély), die Neue in der Qualitätskontrolle und Endre (Géza Morcsányi), der Finanzchef.

    Der Film wagt einen tiefen Blick dahin, was man gemeinhin als Seele bezeichnet. Mária ist Autistin und zu keinem sozialen Leben fähig. Jede auch nur unabsichtliche Berührung ist ihr unangenehm. Endre hat Beziehungen, die sich auf Körperlichkeit beschränken. Durch seinen gelämten Arm sieht er sich außer Stande, mit einer Frau einen tiefergehenden Kontakt aufzubauen. Liebe ist für beide nicht denkbar. Zusehr steht der eigene Körper und die Scheu vor anderen Menschen im Weg.

    Zu einer ersten Begegnung kommt es in der grellen Kantine. Dort, wo in der täglichen Routine die Belegschaft aufeinander trifft und es keinen Winkel gibt, um sich vor den Blicken der anderen zu schützen. Es ist ein langer Weg der sich abwechselnden Annäherung und Zurückweisung bis Endre durch die laufende Untersuchungen einer Arbeitspsychologin erfährt, dass er mit Mária ein und denselben Traum teilt. Enyedi zeigt die Traumsequenzen von Beginn an. Zwei Hirsche im winterlichen Wald, die sich auf ähnlich vorsichtige Weise näher kommen. Ein entscheidender Impuls für Endre, auf Mária zuzugehen.

    Man spürt förmlich die Spannung in der Luft, wenn sich die beiden gegenüber sitzen. Die kühlen Bilder von Kameramann Máté Herbai erinnern in ihrer Komposition an zeitgenössische Fotografie, gehen auf Distanz und fangen das Umfeld von Mária und Endre aus einer beobachtenden Perspektive ein.

    KÖRPER UND SEELE ist eine tiefgründige Analyse Zweier, die große Überwindungen auf sich nehmen müssen, um einander näher zu kommen. Mit einer gehörigen Verspätung ist der Gewinner des Goldenen Bären bei der Berlinale 2017 bei uns angelaufen. Zu sehen im CineCenter Wien und VOTIVKINO / DE FRANCE.

    Idikó Enyedi, HU 2017 116 Min.

  • VALERIAN – DIE STADT DER TAUSEND PLANETEN

    VALERIAN – DIE STADT DER TAUSEND PLANETEN

    Unverfilmbar. Das galt lange Jahre auch für die dem Film zugrundeliegende Science-Fiction-Comic-Serie „Valerian und Veronique“ (Originaltitel: Valérian et Laureline) von Pierre Christin und Jean-Claude Mézières aus den 1960 Jahren. Erst durch James Camerons Arbeit an „Avatar“ sah Luc Besson die technischen Vorraussetzungen geschaffen, den Stoff umzusetzen. VALERIAN wartet mit komplexen animierten Welten und einer ganzen Armada an Außerirdischen auf.

    In grellen Farben wird vom Agentenpärchen Valerian und Laureline erzählt. Sie sind schon zu Beginn ein Paar. Die Geschichte spart das Vorspiel aus und nach dem Motto „was sich liebt, das neckt sich“ reisen sie mit Lichtgeschwindigkeit von einem Auftrag zum nächsten. Durchaus unterhaltsam.

    Dem Humor und manch origineller Idee wird aber durch platte Dialoge der Wind aus den Segeln genommen. VALERIAN ist ein Genuß für die Augen aber darüber hinaus weniger geglückt. Laureline (Cara Delevingne) ist nur Beiwerk, nur selten darf auch sie ihr Können beweisen. Von gleichberechtigten Partner kann hier nicht die Rede sein. Am Ende muss sie Valerian (Dane DeHaan) von der Macht der Liebe überzeugen.

    Dabei ist der Film eines der wenigen positiven Beispiele dafür, wie effektiv 3D eingesetzt werden kann. Aufgrund des mangelnden Erfolges – trotzdem hält sich der Film bereits vier Wochen in den Kinos – wird sich Bessons Wunsch nach dem Start einer Serie eher nicht erfüllen.

    Luc Besson F 2017 138 Min.

  • BABY DRIVER

    BABY DRIVER

    Mit unsinnigen Übersetzungen von Filmtiteln ins Deutsche könnte man Bände füllen. In diesem Fall wurde dem Verleih die Arbeit bereits abgenommen. BABY DRIVER, da gibt es keine Steigerung mehr. Zum Filmstart in Großbritannien wurde darüber diskutiert, ob der Titel dem Erfolg des Filmes im Wege stehen würde. Dazu gleich vorweg: nicht abschrecken lassen, Unterhaltung ist garantiert.

    One more job

    Baby (Ansel Elgort, bekannt aus „The fault in our stars“) steht bei Doc (Kevin Spacey) hoch in der Schuld und fungiert seit Kindheitstagen bei von ihm organisierten Raubüberfällen als Fluchtfahrer. Babys Interesse gilt jedoch in erster Linie der Musik. Für jeden Überfall stellt er sich einen eigenen Soundtrack zusammen und wartet mit Stöpseln in den Ohren im Auto und stiehlt sich so auch aus der Verantwortung.

    Edgar Wright inszeniert den Film aus der Sicht von Baby und seiner Musik. Jeder Schnitt, jede Bewegung und jeder Schuß erfolgt im Takt der Musik. Klingt anstrengend, funktioniert aber erstaunlich gut.

    Achtung Baby!

    BABY DRIVER ist ein solider Gangsterfilm mit Musicaleinschlag und Lovestory obendrauf. Kurz vor seinem letzten Job lernt Baby Deborah (Lily James) kennen. Doch bald heisst es wie so oft: „Behind the wheel or in a wheelchair?“ Mit dem Aussteigen ist es immer so eine Sache. Baby muss sich seiner Verantwortung stellen und die Liebe erstmal warten.

    Alles ist der Musik untergeordnet. Die Sprache tritt in den Hintergrund. Entsprechend wortkarg gibt sich Baby. Selbst mit seinem taubstummen Ziehvater kommuniziert er neben Gebärden über die Musik. Damit hebt sich Wrights Film von der Masse an Gangsterfilmen ab und versteht sich auch ein wenig als Hommage an die Filme der 1960er Jahre.

    Auch wenn zu damaligen Zeiten ganz andere Kaliber vor der Kamera standen. Die Kumpanen bei den Raubzügen wechseln ständig. Jamie Foxx ist mit dabei. Das ist der mit dem clownensken Outfit und es gibt ein Wiedersehen mit Jon „Draper“ Hamm.

    BABY DRIVER, ohne große Vorankūndigungen aus dem Nichts aufgetaucht, bietet mit seinen Verfolgungsjagden und dem fetzigen Soundtrack gute Unterhaltung und ist der Überraschungserfolg dieses Sommers.

    Edgar Wright USA 2017 113 Min

  • WAR FOR THE PLANET OF THE APES

    WAR FOR THE PLANET OF THE APES

    Schon einmal die Gelegenheit gehabt, einem Menschenaffen im Zoo in die Augen zu schauen? Gut möglich, dass dabei ein eigenartiges Gefühl aufgekommen ist. Zu sehr ähnelt der Blick an den eines Menschen und erinnert daran, wie nah wir uns eigentlich sind. Mit dieser Nähe beschäftigt sich die „Planet der Affenhitze“- Filmreihe nach der Romanvorlage von Pierre Boulle seit Ende der 1960er Jahre. Mit WAR FOR THE PLANET OF THE APES kommt die aktuelle Trilogie, in der die Vorgeschichte zur ersten Verfilmung mit Charlton Heston von 1968 erzählt wird, nach 2011 und 2014 zu einem Abschluss.

    Zur Botschaft der Reihe, die Menschen steuerten wegen ihrer immer währenden Aggression und Maßlosigkeit unweigerlich ihrem Untergang entgegen, kam in der Neuauflage die technische Rafinesse des Motion Capture Verfahrens, die es dem Publikum nun erlaubte, den Affen tatsächlich in die Augen zu sehen. Im dritten Teil nun perfektioniert, sodass man neuerlich vergisst, es handle sich hier um reale SchauspielerInnen. Dabei leisten Andy Serkis als Caesar und seine MitstreiterInnen eine großartige Arbeit.

    Woody Harrelson als Colonel brilliert in der Rolle eines Antagonisten, wie er im Kino nur mehr selten zu sehen ist. Böse ohne je lächerlich zu wirken. Regelrecht erfrischend.

    Nach einer zweimaligen Nominierung für die Spezialeffekte wäre es nun entgültig an der Zeit, dass das Team von Apes im nächsten Jahr endlich die goldene Statue mit nach Hause nehmen kann. Für mehr wird es wohl nicht reichen. Die Vorgänger hatten nicht zuletzt durch ihren revolutionären Charakter in der Storyline mehr zu erzählen.

    Es herrscht also von Beginn an der finale Krieg zwischen Tier und Mensch in WAR FOR THE PLANET OF THE APES und auch wenn man auf ein originelleres Finale zu hoffen wagte, gehört dieser vielleicht doch nicht letzte Teil zu den sehenswerten Blockbustern in diesem Sommer, mit dem man nicht viel falsch machen kann.

    Matt Reeves USA 2017 140 Min

     

     

  • WONDER WOMAN

    WONDER WOMAN

    Das Licht geht aus. Der Film beginnt. Mein Sitznachbar schaut auf sein Ticket. Irgendwas mit „Pirates“ steht da drauf. Dies ist aber nicht die Geschichte von Jack, sondern der von Zeus erschaffenen Diana. Von der Kritik wurde Wonder Woman größtenteils abgefeiert und schon nach wenigen Tagen mit einem Einspielergebnis bedacht, das Produzentenherzen höher schlagen läßt. Was ist dran an der Frauenpower vor und hinter der Kamera? Der erst zweite Spielfilm von Patty Jenkins nach Monster (2003, Oscar für Charlize Theron) darf, vor allem gemessen an anderen Superheldenfilmen, durchaus als geglückt bezeichnet werden und mag über weite Strecken gut zu unterhalten, auch wenn er im Verlauf unnötigerweise Anleihen bei der Konkurrenz nimmt.

    Die Begegnung von Amazonen und Weltkriegs-Pilot zu Beginn hätte leicht peinlich werden können. Jenkins gelingt es aber, das auf humorvolle Weise zu verhindern. Die Chemie zwischen Gal Gadot und Chris Pine stimmt. Beide spielen überzeugend, wie auch noch die kleinsten Rollen exzellent besetzt sind. Die Rolle von Gal Gadot ist Gegenstand einer Sexismusdebatte, was ansich schon sexistisch ist. Aber das ist eine andere Geschichte. Gardot trägt den überlangen Film auf eine graziöse und charmante Art. Man muss sie einfach mögen.

    Wonder Woman und die Männerrunde

    Die „überraschende Wendung“ in WONDER WOMAN ist aber leider missglückt, folgt sie doch den Gesetzen des Fernsehkrimis. Der Böse ist immer der … Da muss man erst gar kein Experte auf dem Gebiet sein.

    Die Überlänge. Bei Rapid gibt es bekanntlich die Rapid-Viertelstunde. In SuperheldInnen Filmen gibt es etwas ähnliches, nennen wir sie die Marvel-Viertelstunde. Sie dauert in Wahrheit etwas länger und mündet in diesem Fall in ein langweiliges flammendes Inferno. Nach gut 100 Minuten wird man so auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Bis dahin bietet WONDER WOMAN beste Unterhaltung, ist witzig und spannend zugleich. Leider dauert der Film dann noch 40 Minuten.

    DC Extended Universe (Warner Bros), Marvel Cinematic Universe (Disney) und Dark Universe (Universal): Wenn man sich darauf noch einläßt, muss man entweder ein Filmnerd sein oder/und sich in einer ewigen Pubertät befinden. Es ist ein Wettlauf um Starttermine und Marktanteile. Ähnlich der Supermarktfilialen, die nur aus strategischen Gründen existieren, um die Konkurrenz in Schach zu halten und zu verhindern, das eine andere deren Platz einnimmt.

    WONDER WOMAN wird sich unter die erfolgreichsten Filme aller Zeiten einreihen, als erste Produktion, bei der eine Frau Regie geführt hat. Warner Bros gewinnt damit, nach ein paar unglücklichen Versuchen sein DC Extended Universe zu etablieren, einiges an Aufwind.

    Mein Sitznachbar hat dann schnell den Saal gewechselt. Schlechte Wahl. Er hätte dem Wink des Schicksals folgen sollen, dass ihm im sonst vollen Kinosaal genau den richtigen Platz freigehalten hatte. Gut, daran bin ich nicht ganz unschuldig.

    Gibts ein Fazit? Gal Gadot IST Wonder Woman und Chis Pine „beyond average“. Kann man sich anschauen. Wunder darf man aber keine erwarten.

    WONDER WOMAN | Patty Jenkins | USA 2017 | 149 MIN.


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • THEIR FINEST

    THEIR FINEST

    London 1940. Die Kriegsmaschinerie läuft auf Hochtouren. Es werden Waffen produziert, Munition aber auch Kinofilme. Das Ministerium für Information gibt Filme in Auftrag, um die Moral zu stärken und um Kriegsmüdigkeit erst gar nicht aufkommen zu lassen. Drehbuchautor Tom Buckley (Sam Claflin) wird auf Catrin Cole (Gemma Arterton) aufmerksam und das Ministerium bietet ihr einen Job als Drehbuchautorin an. Da ihr Mann, der Maler Ellis Cole (Jack Huston), nicht für sie sorgen kann, nimmt sie das Angebot an.

    Auf der Suche nach einer wahren heldenhaften Geschichte, wird das Ministerium auf Zwillingsschwestern aufmerksam, die mit einem Fischkutter Soldaten vor Dünkirchen gerettet haben sollen. Bei Catrins Recherche stellt sich die Geschichte als unwahr heraus, was sie verschweigt und so beginnt man mit der Filmproduktion.

    Lone Scherfigs romantische Tragikkomödie ist durch und durch nostalgisch und gäbe es gegen Ende nicht noch eine Wende, wäre der Film allzu vorhersehbar. Die Balance zwischen den verschiedene Genres gelingt gut, die permanente Gefahr von Bombenangriffen ist den ganzen Film über allgegenwärtig. Durch die Aufarbeitung von Geschlechterrollen der damaligen Zeit und herausragenden schauspielerischen Leistungen, lohnt ein näherer Blick. Bill Nighy, als alternder, von der Popularität längst vergangener Tage zehrender Schauspielstar Ambrose Hilliard, bleibt durch seine gewohnte Ausdrucksstärke in Erinnerung und verschafft dem Film zahlreiche komische Momente. Arterton brilliert in der Darstellung Catrins im Kampf gegen Bevormundung und Geringschätzung, in der Arbeit, wie in den eigenen vier Wänden. Das Leben macht es ihr nicht leicht. Der Moment des größten Glücks dauert dann nur einen leidenschaftlichen Filmkuss lang. Sam Claflin ist ein wunderbarer Partner für Arterton.

    Die Bedeutung des Mediums Film als Propagandainstrument entgeht auch Winston Churchill nicht. Der beauftragt seinen Minister (Jeremy Irons), eine Rolle für einen US-amerikanischen Schauspieler einzubauen. Nicht nur, um den dortigen Markt zu bedienen, sondern als Aufforderung, die da drüben sollen sich doch endlich Richtung Europa in Bewegung setzten. Wenige Monate vor dem Angriff auf Pearl Harbour gab es hinsichtlich dessen nämlich noch keine Anzeichen.

    Aufgrund verschobener Starttermine läuft nun THEIR FINEST bei uns an, kurz bevor Christopher Nolans „Dunkirk“ in die Kinos kommt. Scherfig thematisiert die Ereignisse um die Schlacht von Dünkirchen als Film im Film Kriegspropaganda, während Nolan die Schlacht als Actionspektakel inszeniert. Bleibt abzuwarten, auf welche Art und Weise in „Dunkirk“ mit Geschichte umgegangen wird und ob die spektakuläre Rettungsaktion heute, in Zeiten verhärteter Fronten, neuerlich als Propaganda herhalten muss.

    THEIR FINEST Ihre beste Stunde – Drehbuch einer Heldin Lone Scherfig 2016

  • DUNKIRK

    DUNKIRK

    Dröhnende Spitfire Jagdflugzeuge, Bombenexplosionen und eine ohrenbetäubende Filmmusik. Kurz bevor es nach kompakten 107 Minuten vorbei ist, ein Augenblick der Stille. Die Kamera ruht groß auf einem der Hauptdarsteller. Stille im Saal aber ein anhaltender Radau im Kopf. DUNKIRK hinterläßt ein Ohrensausen. Ein Film als Ereignis.

    Kriegsfilme kommen mit gewisser Regelmäßigkeit in die Kinos und sind im besten Fall eine sichere Bank für Auszeichnungen. In den letzten Jahren versuchte man sich ständig mit bluttriefendem Hyperrealismus zu überbieten, um die unbegreiflichen Greuel greifbar zu machen und um einen Grusel- und Eckelfaktor zu erweitern. Bei all der Brutalität standen Helden im Zentrum, die allen Gefahren trotzten und in extremsten Situationen über sich hinauswuchsen. Selbst für Humor war da noch Platz.

    Rastlos, chaotisch, unübersichtlich.

    Christopher Nolan hat nun einen völlig anderen Weg eingeschlagen. Aus drei Perspektiven erzählt er einen Moment der großangelegten Evakuierungsaktion von Dunkirk im Jahr 1940, bei der von den Alliierten binnen weniger Tage mehr als 300.000 von der Wehrmacht eingekesselte Soldaten gerettet wurden. Nicht chronologisch und ohne Anfang und Ende. Wenig Dialoge und Kampfhandlungen, dafür Filmmusik oder vielmehr eine die Kinosessel zum vibrieren bringende Klangwolke von Hans Zimmer und Sounddesigner Richard King. Sie gibt auch den Takt vor. In hohem Tempo wird erzählt. Im Hintergrund das Ticken einer Stoppuhr. Dem Publikum wird keine Verschnaufpause gegönnt. 
    Hoyte von Hoytemas Kamera nimmt das Publikum in den drei Kapiteln mit auf die hohe See, an Land und ins Cockpit. Keine Tricks, die Flugszenen sind echt. Die IMAX Kamera wurde eigens umgebaut, damit sie in die kleinen Jagdflugzeuge aus dem Museum passt. Nicht nur Actionszenen sondern zwei Drittel des Filmes drehte Nolan auf dem Großformat. Die drei Kapitel unterscheiden sich aber nicht nur im Projektionsformat, sondern auch in der Erzählweise: konventionell erzählte Rettungsaktion und orientierungsloser Überlebenskampf.

    The Enemy

    Wie schon Terrence Malick in „The Thin Red Line“ setzt Nolan eine größere Zahl an Schaupielern ein (darunter Mark Rylance, Fionn Whitehead, Harry Styles, Cillian Murphy, Tom Hardy und Kenneth Branagh), ohne einen hervorzuheben. Auch wenn sie durchwegs überzeugend agieren, durch die stakkatoartige Aneinanderreihung von Sequenzen geraten sie unter die Räder. Die Technik, vor und hinter der Kamera, ist der wahre Star des Films. DUNKIRK ist keine Charakterstudie. Die Hintergrundgeschichten interessieren hier bewusst nicht. Nur der Moment zählt und der pure Überlebenswille. Die Gegenseite wird nur „The Enemy“ genannt. Zu sehen ist sie nicht. Damit geht Nolan einer schablonenhaften Darstellung und einer plumpen Dämonisierung der Wehrmacht elegant aus dem Weg.

    Ein Augenzeugenbericht

    Die Spannungen zwischen den Alliierten werden ebenso thematisiert, wie die Enttäuschung der Soldaten darüber, dass ihrer Führung keine schnellere und organisiertere Rettung gelingt. 

    Durch das Zusammenspiel von Kamera, Ton und Schnitt (Lee Smith) und den Verzicht auf eine lineare Handlungsebene erlangt Nolan ein Höchstmaß an Realismus. Weniger Kriegsfilm als Augenzeugenbericht ist DUNKIRK und vermittelt keinen Überblick der Geschehnisse, sondern Momente und Perspektiven, die sich nach und nach zu einem Bild zusammensetzen. 

    Wenn in diesem Jahr kein Film über Hollywood selbst oder ein Musical über Ivanka und Jared ins Kino kommt, hören wir von DUNKIRK nochmals, wenn im Winter die Award Saison beginnt. Zumindest in technischer Hinsicht überzeugt der Film auf allen Fronten.

    _____

    Christopher Nolan UK/USA/F/NL 2017 120 Min.

  • DER TOD VON LUDWIG XIV.

    DER TOD VON LUDWIG XIV.

    Jean-Pierre Léaud als sterbender Ludwig XIV. Die französische Schauspiellegende in der Rolle des Sonnenkönigs. Albert Serra ist hier ein besonderer Coup gelungen.

    Léaud erlangte Berühmtheit in der Rolle des Antoine Doinel, dem Alterego François Truffauts. Die erste Zusammenarbeit „Sie küßten und sie schlugen ihn“ stammt aus dem Jahr 1959. Léaud war damals fünfzehn Jahre alt. Ludwig wurde als Vierjähriger inthronisiert und regierte bis zu seinem Tod mit siebenundsiebzig Jahren. Somit ist Léaud im richtigen Alter um diese Rolle zu verkörpern. Auf diese Weise überschneiden sich die Biographien zweier auf ihre Weise für Frankreich bedeutenden Persönlichkeiten. Von Serra so durchaus gewollt.

    Serra inszeniert den Tod Ludwigs als Kammerspiel. Der engste Hofstaat hat sich am Totenbett versammelt und sein Leibarzt ist bemüht, den Leiden des Sonnengottes auf den Grund zu gehen. Vergebens, mit den damaligen medizinischen Kenntnisse stoßt er bald an seine Grenzen.

    Ludwig liegt mit einer grotesk großen Perücke und Festkleidung im Bett, umgeben von düsterem Dekor. Viel gibt Serra nicht Preis und inszeniert in jeglicher Hinsicht minimalistisch. Die Kamera ruht meist auf Léauds Gesicht. Man hört ihn atmen, stöhnen. Anfangs wird noch jede auch noch so banale Tätigkeit mit Applaus bedacht. Für Ludwig ist es ist eine Art Menschwerdung und eine Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit, nachdem er sein Leben lang vergöttert wurde. Seine engsten Vertrauten bewundern selbst nach dem Tod die Ausmaße seines Darms.

    Albert Serra war sehr überrascht, als im letzten Jahr das Publikum in Cannes bis zum Ende des Filmes sitzenblieb. Das war er bis jetzt nicht gewohnt. In Scharen verließen die ZuseherInnen bei seinen vorangegangenen Filmen die Kinosäle. Somit müsste das wohl sein bisher kommerziellster Film sein, meint er selbst. Letztlich ist es ihm egal, er schert sich um das Publikum nicht. „The Three Little Pigs“ (2013) hatte eine Länge von 101 Stunden. Am Set gibt er kaum Anweisungen, Vorbereitungen gibt es keine und die drei Kameras, mit denen er arbeitet, lässt er schon mal ein paar Stunden durchlaufen. Jeder wie er mag. Im Schnitt bedeutet das normalerweise hunderte Stunden Drehmaterial. Der eloquente Serra sieht das allerdings ganz entspannt.

    DER TOD VON LUDWIG XIV ist ein Historienfilm, wie man ihn noch nicht gesehen hat. Es ist Jean-Pierre Léauds erste Hauptrolle nach über zehn Jahren und ein Lichtblick im sonst bisher schwachen Kinojahr.

    _____

    Albert Serra  F/E/PRT 2016 115 Min.

  • SIEBZEHN

    SIEBZEHN

    Es gibt Tage, da ist der Schultag schon vor der ersten Stunde gelaufen. Wenn man gerade siebzehn ist und ein Herz mit eindeutigen Initialen auf der Tafel vorfindet, zum Beispiel.

    Siebzehn handelt von Paula (wunderbar: Elisabeth Wabitsch), die in Charlotte (Anaelle Dézsy) verliebt ist. Die ist jedoch gerade mit Michael zusammen. In einer unaufgeregten Weise behandelt Art dieses Begehren, denn in diesem Mikrokosmos vor den Toren Wiens spielt es keine Rolle ob Bub und Mädchen oder Mädchen und Mädchen eine Beziehung führen (wollen). Es geht ganz allgemein um Liebesnöte in diesem Alter. Die so aufkommende Verzweiflung einer unerwiderten Liebe fängt der Film immer wieder treffend ein.

    Man fühlt sich an La belle Saison (2015), wobei der von Siebzehn bei weitem übertroffen wird, oder vielmehr an La Vie d’Adèle (2013) erinnert. Allerdings wählt Art einen subtileren Umgang mit Erotik und verzichtet auf Nacktheit.

    Die Besetzung besteht aus Laien- und ProfidarstellerInnen und bei den Dreharbeiten wurde gemeinsam improvisiert. Das verleiht dem Film eine Leichtigkeit und Authentizität. Es gibt witzige Momente, auch wenn das Potential nicht voll ausgeschöpft wurde. Aber all die Unzulänglichleiten, die durch so eine Arbeitsweise aufteten, machen den Film nur sympathischer. Der Soundtrack dazu kommt unter anderem von Clara Luzia, Mo, Wanda und Bilderbuch.

    SIEBZEHN spielt im niederösterreichischen Lanzendorf. Endlich bekommt die österreichische Provinz einen würdigen Leinwandaufrtritt abseits von Mord und Totschlag. Die großen Dramen spielen sich hier genauso wie in Paris, New York oder der Toskana ab. Art, sie bekam in diesem Jahr für ihr Debüt den Max Ophüls Preis, setzt die Landschaft gekonnt in Szene, ohne viel Zeit für Totale zu verschwenden, bleibt meist nah an ihren Figuren.

    SIEBZEHN ist ein Film in den Farben des Sommers. Fortsetzung erwünscht. Man möchte mehr über die Zukunft der Charaktere erfahren und über mehr Anmachsprüche wie „Diese grüne Wand schaut voll arg aus.“ lachen können.

    Monja Art AUT 2017 109 Min

  • HELL OR HIGHWATER

    HELL OR HIGHWATER

    Eines der Filmhighlights des letzten Jahres läuft nun endlich auch bei uns an.

    Die Brüder Tanner (Ben Foster) und Toby Howard (Chris Pine) haben einen Plan. Um der schon Generationen übertragenden Armut zu entkommen und wenigstens Tobys Kinder etwas hinterlassen zu können, wollen sie ihr verbliebenes Stück Land von den darauf lastenden Schulden befreien.

    Der Plan sieht einen Raubzug durch Texas vor. Eine Zeit lang geht es gut, gerade jene Banken auszurauben, bei denen das Grundstück mit der Hypothek belastet ist. Zu Unrecht, wie die Howards finden. Auf Dauer kann das natürlich nicht gut gehen und sie beginnen Fehler zu machen. So nehmen die Dinge ihren Lauf.

    Foster und Pine geben ein grandioses Duo ab. Der Film hat aber noch ein weiteres Ass im Ärmel. Jeff Bridges spielt einen, kurz vor der Pensionierung stehenden, Texas Ranger und nimmt bald als letzte Amtshandlung die Verfolgung auf. Voll altersmüder Coolness und Sarkasmus glänzt Bridges in einer Performance, die seines gleichen sucht, liefert im Dialog mit seinem Deputy (Alberto Parker) Pointen, bei denen man sich fragt: Darf man da jetzt lachen?

    HELL OR HIGH WATER thematisiert die archaischen Strukturen in der Welt der letzten Cowboys im konservativ republikanisch geprägten West Texas und die Wirtschaftskrise als Misere der Provinz. In der weiten Welt sollen Werte und die innere Sicherheit verteidigt werden, auf die Menschen zu Hause hat man vergessen. Die Immobilienblase ist geplatzt, die Banken wollen an ihr Geld. Mangels Arbeit, Infrastruktur und Zukunftsperspektiven greifen die Protagonisten zur Waffe und versuchen, sich so Gerechtigkeit zu verschaffen.

    Der Western ist im 21. Jahrhundert angekommen. HELL OR HIGHWATER ist nicht nur spannendes Kino sondern auch sehr komisch. Eine klare Empfehlung.

    David Mackenzie USA 2016 102 Min.