Kategorie: Review

  • DETROIT

    DETROIT

    In den Morgenstunden des 23. Juli 1967 wurde in Detroit in einem Nachtclub ohne Konzession eine Razzia durchgeführt. Der Club befand sich in jenem Stadtteil, der ausschließlich von Afroamerikanern bewohnt wurde. Die Polizei traf auf eine viel größere Besucherzahl als erwartet und konnte die Aktion nicht unbemerkt durchführen. Vor dem Club versammelte sich in der Zwischenzeit eine Menschenmenge. Während sämtliche Besucher verhaftet wurden, kam es zu ersten Protesten und Ausschreitungen.

    Die folgenden fünf Tage andauernden Unruhen gingen neben denen von 1992 in Los Angeles als die blutigsten in die amerikanische Geschichte ein. Präsident Lyndon B. Johnson ordnete den Einsatz der Nationalgarde an. Die Bilanz waren 43 Tote, 1.189 Verletzte und 7.200 Inhaftierte. 2.000 Gebäude wurden zerstört. Was die Unruhen nun genau ausgelöst hat, ist nicht bekannt. Gesichert ist, dass sich schon lange Aggressionen aufgestaut hatten, da in jenem Stadtteil mit ausschließlich afroamerikanischen Einwohnern fast nur weiße Polizisten ihren Dienst versahen. In „Detroit“ wird die Ausgangslage im Schnelldurchlauf in einer Trickfilmsequenz im Vorspann erklärt.

    Kathryn Bigelow gilt als die erfolgreichste Regisseurin Hollywoods. 2010 erhielt sie einen Regie-Oscar für „The Hurt Locker“, als erste und bis heute einzige Frau. Nach zwei Filmen, die sich mit kriegerischen Auseinandersetzung der USA in Übersee beschäftigten, behandelt sie in „Detroit“ eine Episode, in der die USA im eigenen Land mit kriegsähnlichen Zuständen konfrontiert war.

    Ausgehend von der Razzia in dem Nachtclub wird das Publikum von der ersten Szene an mitten ins Geschehen hineinkatapultiert. Bigelow schildert die folgenden Tage anhand von mehreren Handlungssträngen, die alle im sogenannten „Algiers Motel Vorfall“ zusammenlaufen. Philip Krauss (beängstigend: Will Poulter) ist ein gewaltbereiter Polizist, der selbst seine Kollegen zu Verbrechen anstiftet. Melvin Dismukes (John Boyega) stößt als Sicherheitsmann zufällig mitten in die Polizeiaktion im Motel. Eines der Opfer ist Larry Reed (Algee Smith), der kurz vor dem Durchbruch stehende Sänger der Dramatics.

    Im Algiers Motel kam es zu einem regelrechten Exzess an Polizeigewalt gegenüber zwölf jungen Menschen, bis auf zwei Mädchen alle schwarzer Hautfarbe. Drei wurden von der Polizei ermordet. Die Polizei wendete die Methode des „Todesspiels“ an, bei der die Erschießung von Verdächtigen vorgetäuscht wird. Bigelow widmet einen großen Teil der 144 Minuten von „Detroit“ diesem Vorfall.

    Während die Handlung ausserhalb des Motels in verwackelten Bildern und mit originalem Nachrichtenmaterial von 1967 dem Film einen dokumentarischen Touch verleiht, kommt es in der Sequenz im Motel zu einer atmosphärischen wie räumlichen Verdichtung. Sie läßt erahnen, in welch aussichtsloser Situation sich die Gefangenen befunden haben müssen. Da es in Folge zu keinem Prozess gekommen ist und der Vorfall somit nicht lückenlos dokumentiert vorliegt, basiert die Erzählung auf Augenzeugenberichten und Nachrichtenmaterial. Davon ist genügend vorhanden. Von den Unruhen wurde in den Medien durch Live Berichterstattung und ausführliche Zeitungsartikeln prominent berichtet.

    „Detroit“ handelt von einer Vielzahl an Charakteren. Manch einer hätte den Stoff lieber im Rahmen einer Fernsehserie gesehen. Im jetzigen Format stellt der Film jedenfalls die Komplexität der Ereignisse möglichst realitätsnah dar. Die weißen Polizisten sind allerdings durchwegs böse Jungs. Nur deren Vorgesetzte haben haben Gesetz und ethische Grundsätze im Blickfeld. Dadurch wird das Gut gegen Böse Schema etwas durchbrochen. „Detroit“ handelt von Rassismus und Polizeiwillkür. Einer Situation, an der sich auch 50 Jahre später nicht viel geändert hat.

    Kathryn Bigelow USA 2017 144 Min.

  • BATTLE OF THE SEXES

    BATTLE OF THE SEXES

    Was es bedeutet, wenn eine der besten Tennisspielerinnen der Welt gegen einen alten chauvinistischen Selbstdarsteller, formals Tennisprofi, ein Match gewinnt, versuchen die Regisseure von „Little Miss Sunshine“ Valerie Faris und Jonathan Dayton in „Battle of the Sexes“ zu ergründen.

    Es ist das Jahr 1970 und Billie Jean King (Emma Stone), bis heute eine der erfolgreichsten Tennisspielerinnen der Welt, prangert die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern bei den Preisgeldern im Tennis an. Sehr zum Missfallen der Männer, die auch hinter den Kulissen den Sport dominieren, gründet sie mit einigen anderen Spielerinnnen der Tenniselite die Virginia Slim Series. 1973 war King Mitbegründerin der Women Tennis Association (WTA) in London. Die Männer wollten die Frauen nicht in ihrem Verband aufnehmen.

    Der Film vermischt diese Ereignisse und konzentriert sich auf die titelgebenden Battle of Sexes. Bobby Riggs (Steve Carell), ein ehemaliger Tennisspieler und nunmehriger Selbstdarsteller, forderte Margaret Smith Court (Jessica McNamee) 1973 zur ersten „Battle heraus. Sie gilt auch heute noch als erfolgreichste Tennisspielerin aller Zeiten und war auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Riggs gewann und das Match war fortan als „Muttertagsmassaker“ bekannt.

    In die Geschichte eingegangen ist allerdings sein Duell mit Billie Jean King ein paar Monate später. Erst weigerte sich King, ließ sich dann aber doch auf ein Match ein. 30.000 Zusehern verfolgten das Ereignis Live vor Ort, 90 Millionen vor den Fernsehgeräten. Ein Spektakel.

    King und Riggs und ihre Begegnung am Court stehen im Zentrum der Geschichte. Riggs hat die Lacher auf seiner Seite. Nichts ist ihm peinlich genug, wenn der notorische Glücksspieler nur die nötige mediale Aufmerksamkeit dafür bekommt. Sein Frauenbild ist mehr als bedenklich. Paralellen zu Trump sind Zufall. Mit den politischen Entwicklungen in den USA konnten die Macher des Films nicht rechnen.

    Billie Jean King hat das Match in drei Sätzen (6:4, 6:3, 6:3) gegen den fast doppelt so alten Riggs gewonnen. Was genau die Folgen waren, nachdem die aktuell beste Tennisspielerin gegen einen Gegner gewann, der 34 Jahre zuvor das Herreneinzel in Wimbledon gewinnen konnte, bleiben die Regisseure schuldig. Die Bedeutung dieser Begegnung für die Entwicklung der Preisgelder oder Kings Rolle bei der Gründung der WTA werden nicht deutlich.

    Für King ging ihr Kampf weit über die Tenniswelt hinaus. Ihr Traum waren Gleichberechtigung, Chancengleichheit und Freiheit. Kings Verhältnis zu einer Frau bleibt nicht ausgespart aber insgesamt werden einfach zu viele Themen angerissen. „Battle of Sexes“ möchte vieles sein.
    Dabei wartet man nur darauf, was für Blödheiten sich Riggs als nächstes einfallen lässt. So bleibt der Film eine unterhaltsame Gesellschaftssatire mit feministischem Touch. Immerhin erinnert der Film an eine kuriose Episode der Tennisgeschichte und eine bedeutende Persönlichkeit im Kampf um die Gleichberechtigung. Es hätte aber viel mehr sein können. Die Voraussetzungen wären mit solch großartigen Darstellerinnen gegeben gewesen.

    Es gibt übrigens Indizien dafür, dass Bobby Riggs gegen sich selbst wettete, um seine Spielschulden zu begleichen und den Schaukampf absichtlich verloren hatte.

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    Valerie Faris, Jonathan Dayton USA 2017 121 Min.

  • TIERE

    TIERE

    Dass sich Frau und Mann nicht unbedingt immer in ein und der selben Realität bewegen müssen, ist ein beliebtes Thema des Feuilletons. Der 2007 verstorbene Regisseur Jörg Kalt treibt es mit seiner Erzählung allerdings auf die Spitze. Mehr aneinander vorbeireden und vorbeileben als das Paar in „Tiere“ ist nicht möglich. Fast könnte man meinen, die beiden befinden sich in unterschiedlichen Dimensionen.

    Nick, der Koch (Philipp Hochmair) und die Kinderbuchautorin Anna (Birgit Minichmayr) nehmen sich in der Schweiz eine halbjährige Auszeit. Vor allem auch, um die Beziehung zu retten. Anna vermutet eine Affäre. Nicht zu unrecht. Auf dem Weg zu einer abgelegenen Almhütte haben sie einen Autounfall mit einem Schaf. Spätestens ab dann gerät so einiges durcheinander und man fragt sich, ob man dem noch trauen kann, was man zu sehen bekommt.

    Anna zweifelt bald an ihrem Verstand, sieht Doppelgänger und verliert immer mehr Raum- und Zeitvorstellung. Wie lange sind sie nun schon auf der Hütte? Einen Tag oder gar schon seit Wochen? Ist gerade Tag oder Nacht? – klingt im ersten Moment lächerlich, ist aber gekonnt umgesetzt.

    Die Beziehungskrise steht im Zentrum aber der Form in der erzählt wird, gilt das Hauptaugenmerk. Bereits in der allerersten Szene stürzt sich eine Frau aus dem Fenster. Man hört den Aufprall. Als die Kamera auf die Straße hinunter schwenkt, ist da jedoch nichts von einem leblosen Körper zu sehen. Die Geschichte wartet mit einer mitunter verwirrenden Montage auf und Freunde von Anschlussfehlern kommen voll auf ihre Kosten.

    Regisseur Greg Zglinski schien das Drehbuch von Kalt – der konnte es nicht mehr verfilmen – nie ganz verständlich aber es zog ihn in seinen Bann und ließ ihn bis heute nicht mehr los. Gut so. „Tiere“ möchte vieles sein – Psychodrama, Mysterythriller, Liebesgeschichte und Komödie – und ist dabei zumindest einmal sehr unterhaltsam geworden, wenn man sich auf eine Geschichte einläßt, die mit sämtlichen Erzählnormen bricht und mit allerhand Symboliken, wie verschlossenen Türen und schwarzen Katzen aufwartet. Die großartige Besetzung macht das aber nicht schwer.

    „Tiere“ ist im wahrsten Wortsinn unheimlich komisch. Lynch und Lanthimos wurden als Vorbilder schon mehrmals genannt. Die Zuschreibung ist treffend. Würden sie eine Komödie verfilmen, dann sehe das Ergebnis in etwa so aus. Anders als in Mysterythrillern, die am Ende mit einer enttäuschend simplen Auflösung daherkommen, darf man sich hier keine Erklärungen erwarten. Jörg Kalt hat darauf verzichtet und das macht auch den Reiz dieser ambitionierten Verfilmung aus.

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    Greg Zglinski, CH/A/POL 2017 94 Min.

  • THE SQUARE

    THE SQUARE

    Ein Ausstellungsraum mit einer Anordnung von Sandhäufchen. Ab und zu streckt ein Besucher den Kopf in den Raum und wendet sich mit Verwunderung wieder ab. In der stillen und andächtigen Atmosphäre wacht eine Museumsaufsicht darüber, dass ja niemand mit dem Smartphone ein Foto macht. In der Nacht fährt eine Reinigungskraft mit der Putzmaschine langsam zwischen den Häufchen hindurch. Wenn man genau hinhört, bemerkt man das leise Geräusch der Steine, die langsam eingesaugt werden.

    Ruben Östlund beweist in seinem neuen Film ein Gespür für subtilen Humor und regt zum Nachdenken an. „The Square“ handelt von Christian (Claes Bang), dem Kurator eines großen Stockholmer Museums. Erfolgreich, smart und gutaussehend verkörpert er den linken Kulturmanager. Stellvertretend für all jene den Weltschmerz in sich aufsaugenden betroffenen Intellektuellen, für die die moderne Kunst ein sozialkritisches Statement abgeben muss. Wie schon in seinem letzten Film „Höhere Gewalt“ beginnt Östlund aber langsam mit einer Demontage, in diesem Fall der Kunstbranche und den Menschen dahinter.

    Der Kunstbetrieb verliert sich in Phrasen, die er selbst nur umständlich erklären kann. Die Publikation zur Ausstellung will erst einmal dechiffriert werden. Es ist eine Entfremdung von der Realität. Zur Kommunikation mit Menschen außerhalb der eigenen Denkmuster ist man nicht in der Lage, die Angst vor den Menschen am Rande der Gesellschaft allgegenwärtig. Politische Korrektheit und falsch verstandene Toleranz verhindert eine Konfliktbewältigung im Alltag. Konflikte mit der Außenwelt sind vielmehr Interventionen im Leben der sogenannten Elite, die hier ein erbärmliches Bild abgibt. Alles läuft in geordneten Bahnen ab, auch der Sex. Das Schwitzen dabei ist unangenehm und die eigene Selbstüberschätzung schürt die Angst vor dem Samenraub.

    Der Zustand der Gesellschaft wird in der zentralen Szene deutlich. Bei einem Galadinner des Museums tritt der muskulöse Performancekünstler Oleg auf (gespielt von US-Stuntman Terry Notary, der als bester Affendarsteller der Welt gilt). Seine animalisch aggressive Art wird der Gesellschaft bald unangenehm. Oleg wird handgreiflich und wütend. An den Tischen senkt man beschämt die Köpfe. Erst als er eine Frau zu Boden zerrt, stürzen sich immer mehr Männer auf ihn. Es ist eine schockierend brutale Szenerie, die Handlungsunfähigkeit der Gäste unangenehm anzusehen.

    Christian gerät beruflich wie privat zwischen die Fronten. Die Werbekampagne zur titelgebenden Installation The Square – einem in den Boden eingelassene leuchtenden Quadrat als moralische Schutzzone vor dem Museum – wird unter seiner Verantwortung zum Fiasko. Genauso sein Privatleben, in dem er einen Jungen fälschlicherweise des Diebstahls bezichtigt. Nach einer gemeinsamen Nacht stellt ihn die Journalistin Anne (Elisabeth Moss) zur Sprache. Christian ist sich aber dessen bewusst, dass ihn seine Machtposition attraktiv macht und blockt jeden Annäherungsversuch ab. Östlund hat viele Ideen in seine überlange Gesellschaftssatire gepackt – vielleicht zu viele.

    Trotzdem bietet „The Square“, der bei den Filmfestspiele von Cannes mit der Goldenen Palme prämiert wurde, ausreichend Diskussionsgrundlage und regt zum Nachdenken an. Er hält dem Bildungsbürgertum den Spiegel vor. Eine unterhaltsame Demontage, die in der Realität viel schmerzvoller sein wird, oder vielmehr bereits ist.

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    Ruben Östlund  SWE/D/F/DEN 2017 142 Min.

  • CAPTAIN UNDERPANTS: DER SUPERTOLLE ERSTE FILM

    CAPTAIN UNDERPANTS: DER SUPERTOLLE ERSTE FILM

     

    Schon einmal von einem dickbauchigen Superhelden mit rotem Umhang und weißen Unterhosen gehört? Wahrscheinlich nicht. Zum Kinostart war die Comicvorlage zum nun angelaufenen Film selbst in größeren Buchhandlungen nur auf Bestellung zu bekommen und im Fachhandel wusste man vom nahenden Filmstart, kannte aber die Vorlage nicht. Demensprechend unbemerkt läuft das erste Abenteuer von Captain Underpants seit Mitte Oktober bei uns in den Kinos.

    Gleich vorweg: Die Bücher von Autor Dav Pilkey rangieren auf den Bestsellerlisten gleich hinter Harry Potter. Allein die Bücher der Captain Underpants Reihe wurden bisher über 70 Millionen Mal verkauft.

    Die Comics handeln von George und Harold, zwei Viertklässlern, dem Schrecken des gesamten Lehrerzimmers. Ihre Streiche und Comichefte treiben sie zur Verzweiflung, insbesondere den Schulleiter Mr. Krupp. Eines Tages verwandeln ihn die zwei Schlawiner mittels magischem 3-D-Hypnose-Ring in die von ihnen erdachte Comicfigur Captain Underpants. Mr. Krupp macht sich folglich auf, die Welt zu retten, vor Dr. Poopypant und schnappenden Klo-Schüsseln.

    Der Humor von Captain Underpants ist grob und respektlos. Liest man die Comics, greift man sich zuerst angesichts der Schwachsinnigkeiten auf den Kopf. Beim Zielpublikum 6+ kommen die Ideen von George und Harold, die man gelinde gesagt als verhaltensauffällig bezeichnen kann, gut an. Auch wenn es den Wortwitz von Pilkey nicht immer ganz durchschaut. Dazu muss man wissen, das Pilkey sich diese Geschichten selbst als Volkschüler in der Zeit, die er zur Strafe für unangemessenes Verhalten auf dem Gang verbringen musste, ausgedacht hat. Bei Pilkey wurde ADHS diagnostiziert. Parallelen zu seinen beiden Helden sind kein Zufall.

    Hinter den Abenteuern von George und Harold verbirgt sich aber eine ernste Botschaft und das ist eine Kritik am öffentlichen amerikanischen Schulsystem. Das wird in der Verfilmung noch mehr deutlich. Langweiliger Frontalunterricht von unterbezahlten Lehrern bringt desinteressierte und traurige Kinder hervor. In der Fantasiewelt aber ist der Schulleiter ein fröhlicher Held und kein griesgrämiger kolerischer Kinderhasser.

    Aus Kostengründen hat Dreamworks die Produktion an das Studio Mikros Image in Montreal ausgelagert. Damit bestreitet man neue Wege, denn selbst die Budgets von Animationsfilmen gehen bereits in die hunderte Millionen. Das hat auch eine Änderung im visuellen Stil von Dreamworks zur Folge. Knall bunt ist Captain Underpants geworden und beinhaltet neben der Computeranimation eine handgezeichnete Sequenz, reale Sockenpuppen und das aus den Büchern bekannte Flip-O-Rama. Damit wird betont, dass die Geschichte der Fantasie der beiden Kinder entsprungen ist.

    Der Film ist eine gelungene Umsetzung der subversiven Vorlage. Harold und George muss man einfach mögen. Auch wenn zum Finale hin etwas die Luft draußen ist, steckt die Liebe im Detail.

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    David Soren USA 2017 89 Min.

  • WESTERN

    WESTERN

    Ein Trupp deutscher Bauarbeiter wartet in der Gluthitze auf einer Kraftwerksbaustelle in Bulgarien auf Nachschub. Der Kies ist aus und das Wasser knapp. Die Männer haben sich eine Art Außenposten aufgebaut und eine Deutschlandfahne gehisst. Hier am Rande Europas, in einer vermeintlichen Wildnis, dürfen die Männer ihrer Männlichkeit freien Lauf lassen. Der erste Kontakt mit Bewohnerinnen des nahen Dorfes verläuft dementsprechend ungünstig.

    Der Baggerfahrer Meinhard, gespielt von Meinhard Neumann, ist ein wortkarger Einzelgänger und nähert sich der lokalen Bevölkerung zuerst auf eine ruppige Art und Weise, trifft aber bald auf seinesgleichen. Trotz sprachlicher Barriere versteht man sich schnell. Bei seinen Kollegen schürt das Misstrauen. Vor allem der Vorarbeiter Vincent (Reinhardt Wetrek) fühlt sich um seinem Status bedroht, ist aber selbst nicht in der Lage es Manfred gleich zu tun, zu groß sind die Vorbehalte gegenüber den Fremden und zu beschränkt sind seine Mittel um sich zu artikulieren. 

    Die deutsche Regisseurin Valeska Grisebach verarbeitet gekonnt Elemente des Western Genres in einer Geschichte um Arbeitsmigration und Fremdenfeindlichkeit. Anstelle von Pistolenhalftern tragen die Bauarbeiter Werkzeuggürtel und reiten auf ungesattelten Pferden durch eine mystifizierte wilde Landschaft. Ihr Camp gleicht dem Außenposten einer Kavallerie. Durch ihr Auftreten werden sie als Eindringlinge empfunden, obwohl sie eigentlich mit dem Bau eines Wasserkraftwerks die Infrastruktur verbessern sollen. Hinzu kommt die gemeinsame historische Vergangenheit. Soldaten der Wehrmacht kämpften an der bulgarischen Grenze gegen die Griechen. Es ist dieser Subkontext, der Grisebach dazu veranlasste, in dieser Region zu drehen.

    Sämtliche Darsteller sind Laien. Grisebach castet ihre Darsteller auf der Straße. Den Dreharbeiten geht eine lange Phase der Vertrauensfindung voran. Für sie der gewohnte Weg. Das Ergebnis ist beeindruckend. 

    Bereits seit den 1990ern gibt es die Arbeitsmigration in den Osten. Gerade größere EU-Projekte werden eher von westlichen Firmen umgesetzt. Nur sie haben die Ressourcen, um die aufwändigen bürokratischen Verfahren abwickeln zu können. Für die Arbeiter scheint das Angebot verlockend. „Was suchst du hier?“ fragt Adrian (Syuleyman Alilov Letifov) am Ende seinen deutschen Freund Meinhard. Ist es die Suche nach Freiheit und Unabhängigkeit? Fernab von zu Hause können sich die Männer neu Erfinden, nur um dann feststellen zu müssen, dass sie dieselben sind und dort wie da mit den Problemen des Alltags zu kämpfen haben. Frei und unabhängig, aber einsam sind sie.

    Western ist einer der Höhepunkte der gerade zu Ende gegangenen Viennale und im Stadtkino im Künstlerhaus zu sehen, am 7.11. darüber hinaus um 18:00 im Rahmen des Lux–Filmpreis bei freiem Eintritt im METRO Kinokulturhaus.

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    Valeska Grisebach D/A/BG 2017 119 Min.

  • HAPPY END

    HAPPY END

    Am Beginn sieht man ein Handyvideo. Die 13-jährige Eve (Fantine Harduin) vergiftet ihren Hamster mit Schlaftabletten, dokumentiert dies mit einem kühlen Kommentar, ebenso wie anschließend den Selbstmordversuch der Mutter, bevor sie die Rettung ruft. Dann erst kommt der Filmtitel. Michael Haneke hat in der Vergangenheit dem Publikum schon Einiges zugemutet. Man ist also gewappnet. Allerdings verhält es sich mit „Happy End“ anders. Der Sarkasmus steckt schon im Titel.

    Die großbürgerliche Familie Laurent, um die es hier geht, ist in Calais in der Baubranche tätig. Anzunehmen, dass sie durch den Bau des Eurotunnels reich geworden ist. Erwähnt wird das nicht direkt. Kilometerlange, meterhohe Zäune und Flüchtlinge auf der Straße sind jedoch allgegenwärtig und unterstreichen die Brisanz dieses Ortes. Sämtliche Dienstleistungen werden von Migranten übernommen. Für Viele ist Calais das verhängnisvolle Tor nach Großbritannien. 

    Das kümmert die Familie Laurent aber herzlich wenig. Die ist nämlich ziemlich kaputt. Jean-Louis Trintignant ist Georges, der Patriarch in der Familie. Es ist eine Fortführung seiner Rolle aus Hanekes letztem Film „Amour“. Er versucht sich immer wieder das Leben zu nehmen. Sein Sohn Thomas (Mathieu Kassovitz) betrügt eine Frau nach der anderen. Anna, gespielt von Isabelle Huppert ist Georges‘ Tochter, die Versucht die Firma am Leben zu erhalten, genauso wie sie versucht, die Familie zusammenzuhalten und ihren Sohn Pierre (Franz Rogowski) auf die Linie der Familie und der Firma zu bringen. Notfalls bricht sie ihm dafür einen Finger. Und dann ist da eben noch Eve, Thomas‘ Tochter aus erster Ehe, die in das Haus der Familie in Calais zieht. 

    Beiläufig erzählt Haneke von tragischen Ereignissen in der Familie und unterstreicht so deren Kaltherzigkeit. Der Vater ist verwundert über die psychische Lage von Eve, wie überhaupt die Konstellationen in der Familie den Film zu einer Groteske machen. Das nimmt etwas von der Dramatik. Im Detail liegt jedoch eine innere Wahrhaftigkeit der Figuren, die Haneke gewohnt präzise ausarbeitet.

    „Papa, ich weiß, dass niemanden liebst“ Diese Einsicht kommt von Eve, nachdem sie selbst einen Selbstmordversuch unternommen hat. Es dauert ein wenig, bis sich aufgrund der Vielzahl an Charakteren herauskristallisiert, wer die zentralen Protagonisten in dieser Geschichte sind. Figuren tauchen auf und verschwinden wieder. Manch Handlungsstrang erschließt sich durch Chats und Mails. Eine Herausforderung, wenn man es mit Namen nicht so genau nimmt. Es sind Georges und Eve die ins Zentrum rücken. Georges findet in Eve jemanden, der verstehen kann, dass er jegliche Lebenslust verloren hat. Diese Seelenverwandtschaft, das Aufeinandertreffen des Schauspielgiganten und des kleinen Mädchens, machen das Wesen dieses Filmes aus.

    Man kann bedingt durch die Vielzahl an Handlungssträgen und Thematiken auch kurzfristig den Überblick verlieren. Haneke fordert das Publikum in mehrerlei Hinsicht. Als Georges auf der Straße eine Gruppe von jungen afrikanischen Männern anspricht, wird die Konversation vom Straßenlärm überdeckt. Es lässt sich erahnen, um welchen Gefallen er die Männer bittet. „Happy End“ ist handzahmer als Hanekes vorangegangene Filme, jedoch fehlt es ihm nicht an gesellschaftskritischer Brisanz. 

    Nachdem die Academy im letzten Jahr Maria Schraders „Vor der Morgenröte“ kurzfristig wegen „unausgewogener kreativer Beteiligung“ als Kandidat für den Auslandsoscar ablehnte (um ihn dann doch zuzulassen), versucht man heuer neuerlich das Glück mit einer Koproduktion, bei der kaum 15% des Budgets aus Österreich stammen. Solche Entscheidungen sind, genauso wie bei den Nominierungen der Studios in den USA, immer von taktischer Natur. Mit welcher Einreichung bestehen die besten Chancen? Da hat ein Film in französischer Sprache mit allerhand Stars vor und hinter der Kamera einen Vorteil gegenüber einem Regieerstling im Salzburger Dialekt. Zu unrecht. Leider.

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    Michael Haneke, F/D/A 2017 110 Min.

  • BLADE RUNNER 2049

    BLADE RUNNER 2049

    7 Versionen gibt es von Ridley Scotts Blade Runner. Von einer Preview Fassung über einen Director‘s Cut (der eigentlich keiner ist) bis hin zum Final Cut, jener Version, mit der Ridley Scott letztendlich zufrieden war. Die Frage, ob Rick Deckard nun ein Replikant ist (so heißen die menschenähnlichen Roboter) oder nicht, stellte sich in aller Deutlichkeit weder in der Vorlage von Philip K. Dick, noch in der ersten Kinofassung. Scott hatte Hinweise erst in spätere Versionen geschnitten, was in der Fangemeinde zu allerhand Spekulationen führte. 

    Auch retrospektiv vermag Blade Runner zu faszinieren. Die Magie der Bilder dieser dem Zeitgeist ensprechenden dystopischen Welt, die tolle Musik von Vangelis und der spannungerzeugenden Finsternis, in der überall Gefahren und schräge Gestalten lauern. Diese Finsternis war auch der begrenzten technischen Machbarkeit geschuldet. Heute ist scheinbar alles möglich, stilisische Verweise aus dem großen Pool der Filmgeschichte sind jederzeit möglich. Alles ist hell. Alles wird gezeigt, weil es gezeigt werden kann. Die Magie liegt heute anderswo. Meist muss man sie lange suchen.

    Blade Runner war innovativ. Neben einer bahnbrechenden Ästhetik, die das SciFi Kino bis heute beeinflußt, hat der Film also auch einen Mythos begründet und auf diesem baut nun die Fortsetzung von Denis Villeneuve auf.

    Es ist tatsächlich eine Fortschreibung der Geschichte. Das Drehbuch verfasste neuerlich Hampton Francher. Das gesamte Team um Villeneuve näherte sich mit Respekt dem Original, bricht aber sofort mit dem visuellen Stil und mit dem Motiv der Hauptfigur. Blade Runner K (Ryan Gosling) ist ein Replikant und befindet sich in einer hellen postapokalyptischen Wüste. Dem wohltuend langsamen Erzählrythmus ist man treu geblieben. Es gibt ein wenig mehr Action Szenen, sie bleiben aber wohl dosiert. Auf den Soundtrack von Vangelis muss man verzichten. Hans Zimmer gelingt es leider nicht, an den prägenden Sound anzuschließen.

    Über den Inhalt sei nicht mehr verraten als ohnehin bekannt ist. K trifft auf den untergetauchten Deckard, abermals gespielt von Harrison Ford. Die zentralen Fragen „Woher komme ich?“ und „Kann ich meinen Erinnerungen trauen?“ durchziehen auch die Fortsetzung. Hologramme sind Bestandteil des Alltags. Ana de Armas als Joi ist das ganz persönliche Hologramm von K und erfüllt es auf erstaunliche Weise mit Leben. Jared Leto ist Niander Wallace, der unheimliche Übervater aller Replikanten, der die Tyrell Corporation übernommen hat. 

    Was bleibt nach über 160 Minuten (damit ist die Fortsetzung gut eine Stunde länger als der Vorgänger)? Man möchte nicht, dass es zu Ende geht und das ist nicht zuletzt den traumhafen Bildern von Kameramann Roger Deakins zu verdanken. Blade Runner 2049 entwickelt diese Sogwirkung, die das Publikum mitreißt und zum Nachdenken anregt. Der Film macht übrigens mehr Freude, wenn man sich vorher nochmals die Geschichte in Erinnerung ruft. Es gibt zahlreiche Verweise an das Original. Villeneuve hat die heikle Mission gut gemeistert. Ihm ist ein würdiger Nachfolger gelungen.

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    Denis Villeneuve USA 2017 164 Min.

  • DIE BESTE ALLER WELTEN ★★★★★

    DIE BESTE ALLER WELTEN ★★★★★

    Bevor das schwächelnde Kinojahr noch einmal in einen verheißungsvollen Herbst durchstartet, ist genügend Zeit um sich einen Film aus Österreich anzusehen, der einen so schnell nicht mehr loslassen wird.

    Adrian Goiginger hatte das, was man eine schwierige Kindheit nennt. Er wächst ohne Vater bei seiner drogenkranken Mutter Helga auf. Fernab des noblen Salzburg, in dem man von Touristen überrannt wird und an jeder Ecke in eine Kirche stolpert, am Rande der Stadt, wo die Drogenszene in den 1990ern ständig am wachsen ist.

    Der Tod seiner Mutter im Jahr 2012 hat Goiginger dazu bewegt, ihr seinen Debutfilm zu widmen. Portraitiert wird seine Mutter Helga (Verena Altenberger) aus der Sicht des siebenjährigen Adrian (Jeremy Miliker). Obwohl die Drogensucht in ihrer Wohnung allgegenwärtig ist, versucht Helga sie vor ihrem Sohn und dem Jugendamt zu verbergen. Sie schaffen sich beide eine Fantasiewelt, in der es nichts als Liebe, Abenteuer und Zuversicht gibt. Für die Beiden ist es „Die beste aller Welten„. Den kleinen Buben wird der Dämon aus seinen Träumen einholen, zu groß wird die psychische Belastung. Am Ende entlässt Goiginger die Zuseher aber in eine hoffnungsvolle Zukunft.

    Die Kamera von Yoshi Heimrath und Paul Sprinz nimmt unter großem körperlichen Einsatz die Perspektive von Adrian ein und hat in dem 360 Grad Set großen Anteil daran, dass sich das Publikum wie mitten in der Wohnung fühlt, in der der Film über weite Strecken spielt. Die Clique schottet sich in der verdunkelten Wohnung dermaßen von der Außenwelt ab, dass beinahe jeder räumliche und zeitliche Bezugsrahmen fehlt. Diese Geschichte kann immer und überall spielen. Nur als am Hot Dog Stand (so 1990er!) in Schilling bezahlt wird, lässt sich eine zeitliche Verortung herstellen. Die Entscheidung, das Drehbuch im Salzburger Dialekt zu verfassen, dient weniger dem Lokalkolorit, als vielmehr der Authentizität.

    Der tatsächlich erst siebenjährige Miliker spielt herzzerreißend und Altenberger schafft Überzeugend die Gradwanderung zwischen Drogensucht und dem Muttersein.

    Goiginger packt das Publikum und nimmt es mit auf eine Reise in die Tiefen der menschlichen Seele. Sein Regieerstling, bei dem er auch das Drehbuch verfasst hat, ist keine Vorverurteilung von Drogenkranken, sondern eine schonungslose Milieustudie. Ein sehr persönlicher und erschütternder Film, der voll Spannung von einer liebevolle Beziehung unter extremsten Umständen erzählt.

    Finanziert unter anderem durch das ORF Film/Fernseh-Abkommen, das die Produktion heimischer Kinofilme unterstützt. Nur weil demnächst wieder einmal über die Sinnhaftigkeit des ORF diskutiert werden wird.

    Adrian Goiginger | AUT 2017 | 103 Min | [usr 5]

  • ON THE MILKY ROAD

    ON THE MILKY ROAD

    Der Milchmann Kosta (Emir Kusturica) und seine Zukünftige Braut Milena (Sloboda Mićalović) leben auf einen Bahnhof, allerdings fahren hier schon lange keine Züge mehr. Es herrscht Krieg in Jugoslawien. Kosta gerät während der Milchtransporte zwischen die Fronten und zwischen zwei Frauen. Um den Traum einer Doppelhochzeit zu erfüllen, wird für Milenas aus dem Krieg heimgekehrten Bruder Žaga (Predrag Manojlović) eine Italienerin (schön: Monica Bellucci) herbeigeschafft. Kosta und die namenlose Italienerin sind einander nicht abgeneigt und so kommt es, wie es kommen muss.

    „Basierend auf drei wahren Geschichten und jeder Menge Fantasie“ steht am Beginn und zu wenig Fantasie kann man Kusturica nicht absprechen. Auf einem Esel reitet er über die Frontlinie und schützt sich mit einem Sonnenschirm vor der Sonne und Granaten. In On the Milky Road inszeniert er Wanderfalken und Schlangen als Beschützer und im Blut badende Gänse. Kusturicas Filme schienen immer einem Kuriositätenkabinett entsprungen zu sein. Banalitäten des Alltags stehen neben Slapstickeinlagen, die sich folglich leider in hanebüchenen Spezialeffekten verlieren.

    Schon zwei Mal ging Kusturica mit einer Goldene Palme nach Hause (Papa auf Dienstreise 1985, Underground 1995) und wurde auch sonst mit Preisen überhäuft. Ein Startplatz bei den renommiertesten Festivals ist ihm bis heute sicher. Mit seiner neuesten Arbeit mag er aber weniger zu überzeugen.

    Poesie und Brutalität stehen einander in Kusturicas Wunderwelt gegenüber. In der zweiten Hälfte wird der Film richtig brutal und mündet in einen Massenmord an Schafen.

    Die, die sagen „Der Krieg geht uns nichts an“ überleben ihn nicht und die anderen verfolgt er bis in alle Ewigkeit. Am Ende findet Kosta, wie Kusturica im richtigen Leben, zum Glauben und legt einen Garten aus Felsblöcken an. Was möchte er uns eigentlich sagen? Auch nach über zwei Stunden bleibt man als Zuseher ahnungslos zurück.

    Emir Kusturica SRB 2017 125 Min.