Schlagwort: Review

  • MID90S ★★★½

    MID90S ★★★½

    In seiner ersten Regiearbeit reist Jonah Hill (21 Jump Street) zurück in seine eigene Kindheit, in einen Sommer der 1990er Jahre. Mid90s erzählt vom 13-jährigen Stevie (Sunny Suljic), der versucht, Anschluss in einer Skatergang zu finden. Zu Hause wird er von seiner Mutter Dabney (Katherine Waterson) umklammert und seinem älteren Bruder Ian (Lucas Hedges) tyrannisiert. Erst imponieren ihm die in einem Skatershop abhängenden und um ein paar Jahre älteren Burschen. Bald wird er herausfinden, dass seine neuen Helden hinter der coolen Fassade ebenso mit ihren Problemen zu kämpfen haben.

    Vorerst dürfen wir aber einmal in Nostalgie schwelgen: Ein warmer Sommer in L.A. mit Mixtapes, Discman, Super Nintendo, Street Fighter, Turtles und Nirvana. Stevie hält es zu Hause nicht mehr aus und da kommen seine neuen Freunde gerade recht. Dabei muss er sich deren Anerkennung erst verdienen. Auf dem Board ist er ein blutiger Anfänger und auch sonst ist er gerade erst dabei, erste Lebenserfahrungen zu sammeln. Hill fängt die Atmosphäre des gelangweilten Abhängens und den inneren Aufregungen und Unsicherheiten eines Teenagers gekonnt ein. Es ist der Moment im Erwachsenwerden Stevies, in dem er sich an den Älteren orientiert, die für ihn erwachsen wirken aber selbst kaum drei Jahre älter sind.

    MID90S JONAH HILL Sunny Suljic
    Der 11-jährige Sonny Suljic in einer Drehpause

    Ray (Na’kel Smith), Fourth Grade (Ryder McLaughlin) und Fuckshit (Olan Prenatt) nehmen ihn in die Clique auf. Stevie bekommt den Spitznamen Sunburn. Ruben (Gio Galicia), der bisher jüngste, sieht bald seine Stellung durch den Neuling gefährdet und es kommt zu ersten Spannungen. Bevor es gegen Ende des Filmes zum großen Showdown kommt, mischen sich zu Ollie und Hip-Hop Nikotin und Alkohol. Die Mutter zeigt sich wenig begeistert und der Bruder ist schlicht eifersüchtig.

    Jonah Hill hat mit seinen jungen Darstellern einen wahren Glücksgriff getan. Allesamt sind sie keine Schauspieler, dafür begnadete Skater. Das verleiht dem Film eine gewisse Authentizität. Weniger radikal als Larry Clarks Kids (1995) und auch publikumsfreundlicher ist Mid90s geraten. Hill hat auch das Drehbuch verfasst. Dies kann durchaus den Beginn einer neuen vielversprechenden Regiekarriere bedeuten.

    JONAH HILL | USA 2018 | 85 Min. | [usr 3.5]

    ▶︎ W Magazine: The Mid90s Skate Kids Always Ride Together, Onscreen and Off

  • YULI ★★★★

    YULI ★★★★

    Carlos Acosta wurde 1973 in ärmlichen Verhältnissen in Havanna geboren. Getrieben durch den Ehrgeiz seines Vaters, der seine Tanzbegabung erkannt hatte und für ihn darin die einzige Chance sah, dem ewigen Kreislauf der Armut zu entkommen, wird Acosta einer der gefeiertsten Balletttänzer und Choreografen unserer Zeit.

    Dabei war es für den kleinen Carlos (Debüt: Edilson Manuel Olbera Nunez) alles andere als ein Traum, Tänzer zu werden. Auch nicht, als die Chance besteht, in ein Internat aufgenommen zu werden und somit seinem gewalttätigen Vater zu entkommen. Regisseurin Ichar Bollaín (El Olivo – Der Olivenbaum, 2016) zeigt diese Verzweiflung, die dem Jungen inne wohnt, der auf Grund seiner sozialen Stellung ein Außenseiter ist. Bald erkennt Carlos aber, welche Bewunderung Tänzer auf der Bühne durch seine Mitschüler erfahren. Es ist der Beginn einer rasanten Karriere, die ihn, keine zwanzig Jahre alt, bis zum Royal Ballet in London führen wird. Als erster schwarzer Tänzer überhaupt.

    Der junge Carlos Acosta fühlt sich einsam und verloren.

    Von seinem Vater Pedro (Santiago Alfonso) wird Carlos Yuli genannt. Er ist liebevoll und jähzornig zugleich. Es ist ein ambivalentes Verhältnis zwischen Vater und Sohn. In prägenden Momenten, wie die der väterlichen Gewalt oder bedrückenden Erlebnissen im Internat in der Provinz fernab seiner Familie, bedient sich Bollaín eines dramaturgischen Kniffes. In fantastischen Choreografien von María Rovira tanzt Acosta selbst mit seiner Kompanie Szenen seines bewegten Lebens. Diese immer wieder eingestreuten Sequenzen voll Energie und Wut kommen ganz ohne Text aus und machen Yuli zu einem außergewöhnlichen Biopic.

    Yuli
    Der junge Carlos mit seinem Vater

    Durch eine Verletzung ist der junge Acosta (Keyvin Martinez) gezwungen zu pausieren und das Fernweh zieht in zurück in die Heimat zu seiner Familie. Die weitere Karriere steht auf dem Spiel. Die Versuchung, versäumtes nachzuholen ist groß. Schafft es Carlos, sich von seinem Vater loszulösen, und sein eigenes Leben zu leben?

    Yuli basiert auf Alberto Acostas Autobiografie No Way Home (2013). Die spektakulären Bilder stammen von Kameramann Alex Catalin und die Musik von Alberto Iglesias.

    Juli
    Der Film zeigt Carlos Acosta in wunderbaren Choreografien

    Es ist die Geschichte von einem Tänzer, der nicht tanzen wollte. Der Tanz selbst spielt in der Erzählung eine ungewöhnlich große Rolle. Daher ist der Film nicht zuletzt für Tanzfans besonders sehenswert. Darüber hinaus gibt Yuli einen Einblick in eine Welt, die sonst immer über das Politische beschrieben wird. Hier aber erfährt man anhand eine Familiengeschichte viel über das Leben und die Perspektiven der Menschen auf Kuba. Aus der Sicht von Carlos Acosta, dem ersten schwarzen Romeo.

    Icíar Bollaín | ES/UK/DE 2018 | 115 min |[usr 4]

    Foto © Polyfilm Filmverleih

  • CAPTAIN MARVEL ★★★½

    CAPTAIN MARVEL ★★★½

    Filme von Marvel sind wie Überraschungseier. Man weiß ungefähr was man bekommt, ist dann aber trotzdem meist enttäuscht und so richtig cool ist halt nur jedes siebte Ei. Mit Captain Marvel betritt die mächtigste aller Superheldinnen die Bühne. Zum ersten Mal also eine Superheldin in der Hauptrolle aber es ist auch erst der 21. Film des Marvel Cinematic Universe.

    Vor genau 11 Jahren kam mit Iron Man der erste Film der Reihe in die Kinos. Es folgten mehr oder weniger muskelbepackte Nachfolger. Fehlte es an Körpermasse, mussten sie um so mehr witzig sein. Der von Brie Larson gespielte Charakter Carol Danvers/Captain Marvel liegt irgendwo dazwischen. Klar, der belesene Filmfan weiß natürlich, dass Larson wochenlang ein hartes Training über sich ergehen lassen musste. Ohne geht es in diesem Genre überhaupt nicht mehr. Eine Frage der Glaubwürdigkeit.

    Der Film hält sich nicht mit einleitenden Erklärungen auf und wirft das Publikum gleich mitten ins Geschehen. Wir befinden uns irgendwo im Weltraum im Krieg zwischen zwei Alien-Spezies. Alle Charaktere sind neu und so muss man sich zuerst einmal orientieren – das Publikum, genauso wie die Protagonistin. Sie besitzt bereits Superkräfte. Woher sie die hat und woher sie überhaupt stammt liegt auch für sie im Dunkeln. Erst nach und nach wird sich im Verlauf des Filmes ihre Vergangenheit als US-Air-Force-Pilotin wie ein Puzzle zusammensetzen. Nun kämpft sie unter ihrem Mentor Yon-Rogg (Jude Law) an der Seite der menschenähnlichen Kree gegen die Formenwandler der Skrull, angeführt von Talos (Ben Mendelsohn).

    So richtig in Fahrt kommt die Story aber erst als Danvers wie ein Komet in einer Blockbuster Videothek auf der Erde der 1990er Jahre einschlägt. Für die höher entwickelten Wesen da draußen nicht mehr als ein „Shithole“. Das gibt Raum für allerhand komische historische Verweise und nicht zuletzt kommt es hier zu einer Begegnung mit dem erschreckend jungen(!) Geheimagenten Nick Fury (Samuel L. Jackson lange vor seiner Zeit als Chef von S.H.I.E.L.D.). Dem Duo zuzusehen macht wirklich Spass. Obwohl sich deren Gegner Ben Mendelsohn unter einer Alienmaske versteckt, liefert er eine beeindruckende schauspielerische Leistung ab. Sie begeben sich auf die Suche nach Dr. Wendy Lawson (großartig aber etwas unterfordert: Annette Bening – und Disney spoilert was ihre Rolle betrifft, dass die Funken fliegen), die das Geheimnis von Danvers Superkräften kennt. Die Riege der SchauspielerInnen kann als Herzstück des Filmes bezeichnet werden. Für allerhand Plottwists ist gesorgt.

    Manchmal weiß man nicht so recht, ob Captain Marvel durchs All fliegt oder nur vom Drehbuch durchs All geschossen wird. Für eine Superheldin fehlt ihr im Moment noch die Härte und Ausstrahlung. Gal Gadot als Wonderwoman war da überzeugender. Aber schließlich macht sie in der Geschichte einen Selbstfindungsprozess durch, an dessen Ende der Beginn des großen Avengers Finale im kommenden April steht, in dem sie die Welt vor Thanos retten soll.

    Der große Bonus ist der Retro-Schick, auf dessen Welle in letzter Zeit immer mehr Produktionen mitschwimmen. Aviator Sonnenbrillen und Alta Vista Suchmaschine geben schon was her. Danvers knallt einem Schwarzenegger-Pappaufsteller den Schädel weg, nur um ein paar Szenen später ein Motorrad zu klauen. Ganz wie der T-1000 in Terminator 2 (Ach, was waren das für coole Blockbusterzeiten!) Allein der Soundtrack von TLC bis Nirvana kommt mit dem Holzhammer.

    Captain Marvel ist nicht das siebte Ei. Zu konfus ist teilweise die Story und zu unglaubwürdig dort, wo etwas Erdung gefragt wäre. Die Charaktere und eine Katze machen aber Lust auf mehr. Vor gerade einem Jahr hat das Studio aber mit Black Panther gezeigt, was alles möglich sein kann. Ein weiterer großer Schritt um zu zeigen, dass ein Blockbuster-Franchise auch von weiblichen Charakteren getragen werden kann. Der große Wurf ist es aber nicht geworden.

    RYAN FLECK, ANNA BODEN | USA 2018 | 124 Min | [usr 3,5 ]


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    ▶︎ Review Ant-man and the Wasp

    ▶︎ Review Black Panther

    Foto © Marvel Studios

  • BEALE STREET ★★★★

    BEALE STREET ★★★★

    Die Beale Street liegt im Zentrum von Memphis in Tennessee. Die ersten Blues Songs sind hier entstanden und über die Jahrzehnte traten hier Jazzgrößen wie Louis Armstrong und Muddy Waters auf. Eine ausgelassene Stimmung, Kriminalität und Spannungen zwischen der schwarzen und irischen Bevölkerung bestimmten den Alltag. Barry Jenkins hat nach Moonlight (2016) nun ein Werk des US-Autors James Baldwin (1924-1987) verfilmt. Der dem Film zugrunde liegende Roman If Beale Street Could Talk aus dem Jahr 1974 ist dieser berühmten Straße gewidmet und erzählt von einer jungen Liebe und der Willkür der weißen Justiz im New York City der 1970er Jahre. Die Beale Street konnte für Baldwin überall sein. Er bezeichnete die Straße als das Erbe aller in Amerika geborenen Schwarzen.

    Darum geht es

    Der 22-jährige Bildhauer Alonzo Hunt (Stephan James), genannt Fonny, und die 19-jährige Verkäuferin Tish (KiKi Lane) sind ein Liebespaar. Eines Tages wird Fonny fälschlicherweise beschuldigt, eine Puertoricanerin vergewaltigt zu haben. Er muss ins Gefängnis. Kurz darauf erzählt ihm Tish, dass sie schwanger ist. Ungeachtet der Situation, ist sie davon überzeugt, dass Fonny aus dem Gefängnis entlassen wird, bevor das Kind geboren wird. Während Tishs Familie (Regina King wurde für ihre Rolle der Mutter von Tish mit dem Oscar für die Beste Nebendarstellerin ausgezeichnet) und Fonnys Vater mit allen Mitteln versuchen, ihn frei zu bekommen, vergehen die Monate. Die Mühlen der weißen Justizwillkür beginnen zu mahlen und der Prozess wird immer mehr verschleppt.

    If Beale Street Could Talk
    Regina King erhielt für ihre Rolle den Oscar für die Beste Nebendarstellerin.

    Kommentar

    In Rückblenden und betörend schönen Bildern (Kamera: James Layton) erzählt Barry Jenkins diese Geschichte einer berührenden Liebe aus der Sicht von Tish und von den Ungeheuerlichkeiten, mit denen das Leben von Schwarzen zu dieser Zeit verbunden war – und durch institutionellen Rassismus heute noch immer ist. Eine tolle Ausstattung in warmen Farbtönen (Manchmal auch etwas zu viel, wenn etwa das Kleid zu den Vorhängen passt) und die wunderbare Musik von Nicholas Britell vervollständigen diesen zwar stillen aber in seinem Innersten laut aufschreienden Film.

    Beale Street hat es nicht leicht, wird er doch zwangsläufig mit seinem grandiosen Vorgänger Moonlight verglichen. Jenkins‘ erst dritter Spielfilm braucht den Vergleich aber nicht zu scheuen und steht für sich. Dass er bei den Oscars übergangen wurde, obwohl es noch freie Plätze in der Kategorie Bester Film gegeben hat, ist unverständlich. Mit Barry Jenkins hat Hollywood einen großen Regisseur gewonnen, von dem wir uns noch mehr Filme erhoffen dürfen, die, egal wann und wo sie spielen, eine große Aktualität aufweisen.

    Dank des Dokumentarfilmes I Am Not A Negro (2016) von Raoul Peck und nun Beale Street wird der zu unrecht in Vergessenheit geratene Autor James Baldwin bei uns gerade wiederentdeckt. Seine vergriffenen Romane erscheinen nun nach und nach in neuer Übersetzung auf Deutsch.

    Beale Street ist wie eine melancholische Vinyl-Schallplatte. Viele Szenen wirken wie einem Cover entsprungen. Ein Film der trotz aller Tragik nie die Hoffnung verliert und an die Kraft der Liebe glaubt – und die der Poesie.

    Beale Street / OT: If Beale Street Could Talk

    Drama, USA 2018 
    Regie Barry Jenkins
    Drehbuch Barry Jenkins nach dem gleichnamigen Roman von James Baldwin
    Kamera James Laxton
    Schnitt Joi McMillon, Nat Sanders
    Musik Nicholas Britell
    Mit Kiki Layne, Stephan James, Regina King
    Länge 117 Minuten
    derzeit bei Netflix


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  • DER GOLDENE HANDSCHUH ★★★½

    DER GOLDENE HANDSCHUH ★★★½

    Jene, die vor ein paar Jahren den Roman von Heinz Strunk gelesen haben, der diesem Film zu Grunde liegt, erinnern sich jetzt mit Grauen zurück. Eigentlich möchte niemand die expliziten Gewaltdarstellungen von Der goldene Handschuh auf der großen Leinwand sehen. Nun hat Fatih Akin das Porträt des Serienmörders Fritz Honka, der in den 1970er Jahren St. Pauli unsicher gemacht hat, verfilmt und sagt selbst: für jeden ist der Film nicht geeignet. Auch wenn an dieser Stelle keine uneingeschränkte Empfehlung kommen kann, ganz links liegen lassen kann man diese gleichsam beeindruckende wie bedrückende Milieustudie nicht.

    Die Fakten: Fritz Honka ermordete von 1970 bis 1974 vier Frauen, die dem Milieu seiner Nachbarschaft rund um die Kneipe „Zum Goldene Handschuh“ in der Nähe der Reeperbahn entstammten. Meist im hoch alkoholisierten Zustand missbrauchte und zerstückelte Honka seine Opfer und versteckte die Körperteile in seiner Wohnung. Alle Opfer waren Obdachlose, die sich zeitweise als Prostituierte ihr Leben verdingten. Da sie niemand vermisste, konnte Honka seine sexuellen Obsessionen über Jahre ausleben.

    Der Film konzentriert sich genau auf diese vier Jahre. Über die Vergangenheit von Honka erfährt man nichts. Auch nicht, dass Honkas Entstellungen im Gesicht auf Arbeitsunfälle zurückzuführen sind. Akin geht es nicht um Erklärungen, sondern darum zu zeigen, das Sexualverbrechen einfach nur grauslich sind und keinerlei Befriedigung für den Täter mit sich bringen. Darum rekonstruiert er nicht nur die Verbrechen penibel genau, sondern genauso Honkas Wohnung mit Pin-ups und Kinderpuppen und das Leben im Goldenen Handschuh, dem Wohnzimmer gescheiterter Existenzen.

    Der Goldene Handschuh
    Margarethe Tiesel und Jonas Dassler beim 5 o’Clock Korn

    Gleich zu Beginn wird das Publikum auf die Probe gestellt, als Honka sein erstes Opfer minutenlang zerstückelt. Man sieht nichts aber das von der Säge verursachte Geräusch ist sogar dem Täter zuwider. Er legt eine Platte auf. Wer nun glaubt, Der Goldene Handschuh hantelt sich von einer brutalen Tat zur nächsten, der irrt. Splatterfilm ist es keiner. Angewidert und schockiert ist man vielmehr von der Gesamtsituation, in der sich Honka und die anderen Charaktere befinden. Es ist eine Tristesse in Brauntönen, in der es keine Träume mehr gibt. Nur immer die nächste Flasche Korn.

    Im Goldenen Handschuh treffen Trinker, Obdachlose, Nazis und Touristen aufeinander. Die Fenster sind verdunkelt, die Rauchschwaden sind dicht und aus der Jukebox kommen Schnulzen, die manche zu Tränen rühren. Hier trifft Honka auf die meisten seiner Opfer. Es sind verwahrloste Frauen, die ihm im alkoholisierten Zustand in seine Wohnung folgen und sich sexuell erniedrigen lassen. Honkas Frauenhass ist vermutlich auch im eigenen Unvermögen begründet aufgrund seines Aussehens und seiner Alkoholsucht zu keinen sozialen Kontakten fähig zu sein. Alleine diese Erklärung greift aber zu kurz. Selbst Fatih Akin tappt in die Falle, den Alkohol als wesentliche Ursache für die Verbrechen zu sehen.

    Honkas Wohnung ist mit Duftbäumen verhängt. Nutzen tun sie nichts. Der Gestank muss unerträglich gewesen sein. Mit Der Goldene Handschuh befinden wir uns knietief im Grind. Jonas Dassler liefert eine überzeugende Darstellung Honkas. Seine Co-Stars, allen voran Margarethe Tiesel, beeindrucken mit einem körperlichen Grenzgang. Als Zuseher wird man regelrecht in die Szenerie hineingesaugt. Es ist so richtig deprimierend. Die Atmosphäre, die Akin nicht zuletzt mittels des grandiosen Soundtracks zu erzeugen vermag sucht ihresgleichen. Gerade das macht den Film so sehenswert. Man sollte sich für danach aber nichts vornehmen.

    FATIH AKIN | D 2019 | 110 Min | [usr 3.5]

    Foto © Warner Bros.


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  • STIGMA MONATSBLUTUNG ★★★

    STIGMA MONATSBLUTUNG ★★★

    Manchmal haben die Oscars einen spannenden Nebeneffekt. Dann nämlich, wenn sie für einen kleinen Moment die Aufmerksamkeit des Publikums auf jene Filme lenken, die sonst, wie in diesem Fall, in den unendlichen Weiten des Internets verloren gingen. Period. End of Sentence von Rayka Zehtabchi, wie der nicht wörtlich übersetzbare Titel im Original lautet, wurde soeben als bester Dokumentar-Kurzfilm ausgezeichnet. Ein Film mit einer starken Botschaft.

    Der Titel spielt auf die im Englischen doppelte Bedeutung von Period an. Neben der Monatsblutung ist damit auch der Punkt am Ende des Satzes gemeint. Die Periode soll nicht das Ende gesellschaftlicher Partizipation junger Mädchen bedeuten. In manchen Ländern der Welt ist der Beginn der Monatsblutung jedoch genau damit gleichzusetzen. Am Beispiel Indiens wird ein großes Tabuthema aufgezeigt. Durch die Periode werden Mädchen regelrecht stigmatisiert. Es mangelt an Aufklärung. Sie gilt als schmutzig und die Mädchen somit als unrein.

    Der Gebrauch von Binden ist verschwindend gering. Die Folgen mag man sich gar nicht ausmahlen. Hier setzt die Dokumentation an. Eine Gruppe von Frauen aus einem Dorf beginnt mit der eigenen Bindenproduktion. Vertrieben werden die kostengünstigen und offenbar qualitativ hochwertigen Binden an der Haustüre. Vor den Augen von Männern in einem Laden einzukaufen ist undenkbar.

    Bette Midler empfiehlt.

    Stigma Monatsblutung porträtiert diese Initiative, die für die Frauen in mehrerer Hinsicht eine Verbesserung der Lebensqualität mit sich bringt. Die Eigenproduktion der Binden ist auch ein Akt der Selbstermächtigung und lässt die Frauen am beruflichen Leben teilhaben. So weit so gut und wichtig.

    Der Filmemacherin geht es in erster Linie darum Inhalte zu transportieren und eine Botschaft unter die Leute zu bringen. Eine durchdachte Gestaltung bleibt da außen vor. Wer sich hier aber an der optischen Umsetzung stößt, sollte sich einmal eine Dokumentation aus Österreich anschauen. Allerdings schaffen es die auch nicht bis auf die Shortlist der Oscars. Über die Protagonistinnen erfährt man nicht viel. Die Dokumentation wirkt wie gerade einmal so nebenbei gedreht und erinnert von der Aussage her an Produktwerbungen, ohne Werbefilmästhetik.

    Die Euphorie darüber, dass ein Film mit diesem Thema eine derartige Anerkennung erfahren hat, ist groß. Stigma Monatsblutung rückt ein großes Tabuthema in den Fokus. Das wurde bei den Oscars honoriert. Um mehr in die notwendige Tiefe gehen zu können, ist das Ganze jedoch zu kurz geraten. Wie schwer es ist, trotz Oscar abseits des Mainstreams auf sich aufmerksam zu machen, zeigt das geringe Interesse der Medien. Auf der Webseite Rotten Tomatoes reichen die Kommentare nicht einmal für eine Bewertung.

    RAYKA ZEHTABCHI | USA 2019 | OT: Period. End of Sentence |26 Min. | [usr 3]

    Foto © Netflix

    ▶︎ Mehr Filme auf dem Oscar-Radar

  • VICE – DER ZWEITE MANN ★★★★½

    VICE – DER ZWEITE MANN ★★★★½

    Politik ist nicht nur ein schmutziges Geschäft sondern auch noch ein äußerst unmoralisches. Zumindest wenn es um echte Macht geht. Einer der Macht in einem Amt konzentriert hat, wie kaum ein anderer in der westlichen Welt, ist der ehemalige US-Vizepräsident Dick Cheney. Regisseur Adam McKay (The Big Short, 2015) schildert in bissigen Politsatire Vice – Der Zweite Mann dessen Werdegang. Der Film wurde für gleich 8 Oscars nominiert.

    Eine objektive Rückschau darf man sich hier nicht erwarten. Vice – Der Zweite Mann ist eine Abrechnung mit Dick Cheney und dem politischen Establishment seiner Zeit. Daraus machen weder McKay noch sein Hauptdarsteller Christian Bale ein Geheimnis. Sämtliche Jugendsünden vom Rausschmiss aus der Yale-Universität bis zu einer Festnahme wegen Trunkenheit am Steuer stehen gleich zu Beginn dieses 50 Jahre umspannenden Biopics.

    In den ersten Jahren ist der Schauspieler Bale noch gut zu erkennen. Parallel zum realen Vorbild vollzieht der dann aber über die Jahrzehnte eine physische Transformation, wenn auch mit Hilfe einer dicken Silikonmaske, die mit grimmiger Mimik und schlürfendem Gang zu den großen Momenten der Schauspielkunst in diesem Jahr zählen dürfen.

    Vice – Der Zweite Mann wurde sehr kontroversiell aufgenommen, dabei hält sich Adam McKay an Fakten (kleinere Ungenauigkeiten können mit dem Blick auf das Ganze vernachlässigt werden) aber auch an Wahrscheinlichkeiten. Wenn über den Inhalt von Schlüsselszenen,  keine Gewissheit herrschen kann, wird das im Off-Kommentar auch explizit erwähnt. Kurt, Familienvater und Soldat im Irak-Krieg, gespielt von Jesse Plemons, ist der Erzähler. Er gibt der nicht zuletzt aufgrund der Fülle an Informationen und dem hohen Erzähltempo für das Publikum anspruchsvolle  Handlungsebene einen Rahmen. Über den Konnex von Kurt und Cheney lässt McKay das Publikum lange im Ungewissen. Es ist einer der unzähligen kreativen Einfälle, mit denen der Film vollgepackt ist. 

    Cheneys politische  Karriere reicht bis in die 1970er Jahre zurück: erst Stabschef im Weißen Haus unter Gerald Ford (1975-77), dann Kongressabgeordneter (1979-89) und  Verteidigungsminister unter George Bush Senior (1989 -1993). Es folgt der Rückzug in die Privatwirtschaft. An die Firma Halliburton wird sich vielleicht der eine oder andere noch erinnern. Hier bricht der Film ab. Es hätte ein Ende sein können. War es aber nicht. Es ist die Zeit, in der sich die Tochter der Cheneys, Mary, als lesbisch outet. Papa Dick akzeptiert dies, seine Frau Lynne (ebenfalls großartig immer an seiner Seite: Amy Adams) weniger. Für einen erzkonservativen Politiker ist das aber ein Problem. Es ist eine der Stellen im Film, wo sichtbar wird, dass die eigenen Werte von Politikern keine Rolle spielen, wenn es darum geht, die eigene Klientel zu bedienen. 

    Vice - Der zweite Mann
    George W. Bush (Sam Rockwell) und Dick Cheney (Christian Bale): ein folgenschwerer Deal.

    Das Karriereende war es bekanntlich nicht. Von 2001 bis 2009 war Cheney die Nummer Zwei unter US-Präsident George W. Bush. Sam Rockwell zeigt uns den Präsidentensohn so, dass uns selbst retrospektiv noch einmal Angst und Bange wird. Eine Gesetzeslücke und ein Deal mit Bush macht es Dick Cheney aber möglich, zum wahrlich mächtigsten Mann im Staat aufzusteigen. Dafür reichte die Motivation dann doch noch. Fortan war er an Entscheidungen über die Invasion im Irak und Verhöre mit Foltermethoden beteiligt und der Existenz von geheimen CIA- Gefängnissen vertraut. Unter dem Vorwand der nationalen Sicherheit wurde ein Überwachungsapparat mit weitreichenden Befugnissen aufgebaut. Entscheidungen, die hunderttausenden Menschen das Leben kosteten. Das ist alles mehr als unschön. Die schräge Inszenierung macht die deftigen, teilweise stakkatoartig auf das Publikum losgelassenen Bilder erträglicher.  

    Colin Powells (Tyler Perry) zu trauriger Berühmtheit gelangte Rede vor der UNO, die zum Einmarsch im Irak führte, war das Ergebnis der Befragung sogenannter Fokusgruppen, nach denen das politische Handeln ausgerichtet wurde. Das genaue Benennen von Feindbildern ist dabei zentral. Ein scheinbar nicht umzubringender Charakter während dieser Zeit war der skrupellose Verteidigungsminister Donald Rumsfeld (Steve Carell). Ein enger Weggefährte Cheney und als einziger eingeweiht in seine Machenschaften. 2008 gab der US-Senatsausschuss ihm die Schuld an Foltergefängnissen und dergleichen. Dick Cheney war nie Thema einer Untersuchung. Die Folge einer Strategie, die er sich über die Jahre mit seinen Anwälten zurechtgelegt hatte.

    Anhängern der Republikaner dürfte das weniger gut gefallen. Da die USA diesbezüglich ziemlich gespalten sind, schlägt sich das auch in der Rezeption von Vice – Der Zweite Mann nieder. Der Wahrheitsgehalt wird angezweifelt. Dabei gibt Adam McKay mit einem Augenzwinkern in der Mid-Credits-Szenen eine Antwort darauf. Ohne rechtliche Absicherung wäre so ein Film, auch wenn es eine Satire ist, nicht möglich. Produziert wurde der Film von Annapurna Pictures, die in der Vergangenheit schon mit Zero Dark Thirty und Detroit von Kathryn Bigelow unangenehme Kapitel der US-Geschichte aufgearbeitet haben. 

    Neuerlich gelingt es Adam McKay ein komplexes Thema durch seinen ungewöhnlichen Erzählstil verständlich zu machen. Obwohl amüsant, ist trotzdem die Konzentration des Publikums gefordert. McKay steigt in Dialoge abrupt ein und aus. Ein Exkurs folgt dem nächsten. Bei den Oscars wird das möglicherweise mit einem Preis für den Schnitt honoriert werden. In den restlichen Kategorien (Film, Regie, Haupt- und NebendarstellerInnen) ist Vice – Der Zweite Mann ein paar Tage vor der Verleihung Außenseiter.  

    Warum kommt der Film gerade jetzt? Hier wird deutlich, welche Folgewirkungen Wahlergebnisse und politische Entscheidungen über Jahrzehnte haben können.

    ADAM MCKAY | USA 2018 | OT: Vice | 132 Min | [usr: 5]

    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST

  • CHAOS IM NETZ ★★★★

    CHAOS IM NETZ ★★★★

    Sechs Jahre sind vergangen, seitdem die Videospielfigur Randale-Ralph genug davon hatte, tagtäglich den zerstörerischen Bösewicht spielen zu müssen.  Ralph verließ sein Computerspiel um sich gemeinsam mit der Rennfahrerin Vanellope van Schweetz zu einer abenteuerlichen Reise durch das Litwak’s Family Fun Center aufzumachen. Ralph reichts (2012) strotze regelrecht vor kreativen Ideen und Querverweisen zum Videospieleuniversum. Nun ging man bei Disney mit Chaos im Netz noch einen Schritt weiter.

    Die Rollen sind nun vertauscht. Ralph führt mittlerweile ein zufriedenes Leben. Er hat sich mit den Mitbewohnern seines Spiels arrangiert und sein Counterpart Felix führt die absurdeste Ehe des ganzen Universums. Nur Vanellope wird es in ihrem Rennspiel Zusehens langweiliger. Eines Tages schließt Spielhallenbetreiber Mr. Litwak ein Modem an den Stromkreis und somit die Spielhalle an das Internet an. Ein defektes Teil an Vanellopes in die Jahre gekommener Spielkonsole „Sugar Rush“ macht es bald notwendig, dass sie sich mit Ralph auf die Suche nach einem Ersatzteil ins Internet begibt. Es droht das Videospiel verschrottet zu werden, was für die Bewohner Obdachlosigkeit zur Folge hätte.

    Das Internet mag heute für Groß und Klein allgegenwärtig sein, so ganz verstehen werden das die meisten Kinder wohl eher nicht. Chaos im Netz entwirft eine liebevolle und detailreiche Visualisierung jenes Ortes, der für uns zum zentralen Treffpunkt geworden ist. Sämtliche Konzerne und deren Internetplattformen sind natürlich mit dabei: ein großer Bazar, Bäume voll blauer Vögel, die unentwegt Nachrichten zwitschern und mitten drin natürlich der Alleswisser. Popups schwirren herum, unter ihnen Mr. Spamley  und versuchen mit lukrativen Jobs („Werden sie reich mit dem Internet!“) und anderen Angeboten Kundschaft zu gewinnen. Es ist die Zukunftsvision einer Stadt, wie wir sie schon oft gesehen haben. Hier erinnert sie mehr an eine Dauerwerbesendung.

    Über all den großen Namen der Internetwelt schwebt allerdings der produzierende Konzern Disney und der kostet nur erstmals aus, was er in den letzten Jahren alles an Lizenzen angehäuft hat. Marvel- und Star Wars- Figuren haben ebenso einen Auftritt, wie sämtliche Disney-Prinzessinnen, die als ärgste Tussen gelangweilt in Dornrösschens Schloss abhängen. Sie erweisen sich als Retter in der Not. Die Avengers für Mädchen sozusagen. Das alles macht erstaunlich viel Spaß. Das Drehbuch für ein Prinzessinnen-Crossover liegt bestimmt schon in irgendeiner Schublade.

    Chaos im Netz wartet mit so mancher Weisheit auf (Lese niemals Kommentare!), zentrales Thema ist aber was man sich vom Leben erwarten darf und was das für eine Freundschaft bedeutet. Da wird der Film naturgemäß etwas moralisch. Eine gehörige Portion Humor bewahrt das Abenteuer aber davor, zu sehr in diese Richtung abzugleiten. Einmal fragen Arielle, Pocahontas, Cinderella & Co Vanellope nach dem obligatorischen Lied über ihre Träume. Woraufhin sie in eine Pfütze eine Ode an das „Slaughter Race“ singt.

    Das große Finale ist eine Hommage an King Kong und wer immer schon wissen wollte, wozu Pinterest eigentlich gut ist, hier erfährt man es.  Produktplatzierungen erreichen in Chaos im Netz einen nie dagewesenen Höhepunkt. Gleichzeitig ist es beeindruckend zu sehen, wie gut das Uhrwerk läuft. Disney zeigt neuerlich, dass man mit der eigenen Geschichte durchaus selbstironisch umgehen kann.

    Rich Moore, Phil Johnston | OT: Ralph Breaks the Internet: Wreck-It Ralph 2 | USA 2018 | 113 Min | [usr 4]

    Foto (c) The Walt Disney Corp.

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  • COLD WAR – Breitengrad der Liebe ★★★★½

    COLD WAR – Breitengrad der Liebe ★★★★½

    In der polnischen Provinz soll der Komponist Wiktor (Tomasz Kot) im Auftrag des Ministeriums ein folkloristisches Ensemble zusammenstellen. Zu diesem Zeck werden Tänzerinnen und Sängerinnen gecastet. Es ist das Jahr 1949. Für den Staat ist es eine identitätsstiftende Maßnahme, mit der die Landsleute in einer entbehrungsreichen Zeit bei Laune gehalten werden sollen.

    Als die junge Zula (Joanna Kulig) bei ihm vorsingt, ist es Liebe auf den ersten Blick. Zula wird bald zum Mittelpunkt des tourenden Ensembles. Ein paar Jahre später, während eines Gastspiels in Berlin, planen sie die Flucht in den Westen. Doch es kommt alles anders. Die Handlung von Cold War spannt sich folglich über fast 20 Jahre, in denen sich Zula und Wiktor immer wieder begegnen. Fragmentarisch mit mehreren Unterbrüchen schildert Pawlikowski eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, über der der Schatten des Kalten Krieges schwebt und die von einer dritten Hauptdarstellerin regelrecht durchdrungen wird: der Musik. 

    Trotz der kurzen Spieldauer lässt sich Cold War lange Zeit, um die Geschichte zu entfalten. Der erste Teil ist geprägt von folkloristischer Musik, die zuerst die Geduld strapaziert aber dann soviel aussagt über die damalige polnische Lebenswelt. Für Pawlikowski ist die Musik ein Spiegel dessen, wo die Hauptdarsteller in ihrer Beziehung stehen. Das Volkslied Dwa serduszka, cztery oczy wird den gesamten Film über in den unterschiedlichhsten Versionen wiederkehren. Denn auf einmal, von einem Moment auf den anderen, tritt der Jazz an die Stelle der Folklore. Musik als politischer Barometer und Leitfaden durch eine Liebesgeschichte.

    Die Volkstanzgruppe Mazowsze (es gibt sie tatsächlich und sie ist bis heute aktiv) steht exemplarisch für eine politische Agenda. Pawlikowsi muss in seiner detailverliebten Inszenierung daher die politischen Rahmenbedingungen nicht weiter erklären. Sie werden durch die Musik und durch das Spannungsverhältnis zwischen Zula und Wiktor sichtbar.

    Fast hätte Pawlikowski Cold War in Farbe gedreht. Nun sind bei den diesjährigen Oscars gleich zwei fremdsprachige Filme in schwarzweiß in der Kategorie Beste Kamera nominiert: Alfonso Cuaron für Roma und  Łukasz Żal für Cold War. Während sich Cuaron für das schier unendlich weite Cinemascope entschied, filmte Żal im Academy Standard Filmformat, das in etwa dem alten 4:3 Fernsehbild entspricht. 

    In Cannes war Pawlikowsi schon erfolgreich und gewann den Regiepreis. Auch beim Europäischen Filmpreis war er der große Gewinner. Gleich zwei Nominierungen als Bester Ausländischer Film und als Überraschung auch für die Beste Regie bei den Oscars sind nun die Krönung für den bereits mit  Ida (2013) Oscar prämierten Regisseur.

    Paweł Pawlikowski | OT: Zimna wojna | POL/UK/F 2018 | 89 Min | [usr 4,5]

    Foto (c) Polyfilm Verleih

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  • DIE AUSLÖSCHUNG ★★★½

    DIE AUSLÖSCHUNG ★★★½

    Der Science-Fiction-Film Die Auslöschung, Originaltitel Annihilation, ist bereits seit fast einem Jahr bei Netflix abrufbar. Obwohl an den Kinokassen in den USA ein Misserfolg, erfreut sich der Film einer großen Fangemeinde und gilt für viele als Highlight des vergangenen Filmjahres. Ein guter Grund also, sich den starbesetzten Film näher anzuschauen. 

    Die Auslöschung ist ein Beispiel dafür, unter welche extremen Bedingungen heute das Filmbusiness betrieben wird. Bereits 17 Tage nach dem US-Kinostart veröffentlichte Netflix den Film auf seiner Plattform.  Was war geschehen? Schon die Testscreenings verliefen nicht nach Wunsch. Zu anspruchsvoll und zu kompliziert sei der neue Film mit Natalie Portman und Oscar Isaac. Paramount Pictures verkaufte die Vertriebsrechte noch vor dem Kinostart an Netflix. Der Film sollte ausserhalb Nordamerikas nicht mehr in die Kinos kommen. 

    Zum Inhalt. Ein Feuerball stürzt auf die Erde. Fortan breitet sich der sogenannte Shimmer aus. Eine Art Glocke hat sich über die Landschaft gestülpt, an deren Oberfläche es seifenblasenähnlich in Regenbogenfarben schimmert.  Expeditionsteams werden hineingeschickt und kehren nicht zurück, bis eines Tages der auch verschollen geglaubte Kane (Oscar Isaac) vor seiner Frau, der Molekularbiologin Lena (Natalie Portman), steht. Die Freude währt nur kurz, irgendetwas stimmt nicht mit ihm. Er muss in Quarantäne und Lena entschließt sich, an einer weiteren Expedition in das mysteriöse Area X teilzunehmen. Nicht unbedingt die logischste Entscheidung aber vermutlich erhofft sie sich dadurch Rettung. Im weiteren Verlauf wird das durchaus Sinn machen.

    Gemeinsam mit drei anderen Wissenschaftlerinnen, darunter Jennifer Jason Leigh als Dr. Ventress, begibt sich Lena in das unbekannte Gebiet. Bereits kurz nach Eintritt, versagt jegliche Kommunikation nach außen und das Zeitgefühl geht auch noch verloren. Was dort aber neben mittelmäßig animierten Kreaturen noch so abgeht, kann sich sehen lassen. Es sei nicht zu viel verraten aber vor allem zum Ende hin, wenn der Plot immer abstrakter und verrückter wird, trumpft Die Auslöschung so richtig auf. Biologische Gesetzmäßigkeiten scheinen sich aufzulösen. Das eigene Ich wird in Frage gestellt. Banale Erklärungen werden dem Publikum erspart und so lässt einen das Finale auch nach dem Ende des Filmes so schnell nicht mehr los.

    Trotz der interessanten Ideen, die Die Auslöschung aufgreift, kommt der Film nicht an große Science-Fiction-Momente der letzten Jahre heran und kann auf der emotionalen Ebene nicht mit Arrival mit halten. Jene Wagnis, den Film nicht schon vor Veröffentlichung zu adaptieren und leichter zugänglich zu machen, ist der Produktion aber hoch anzurechnen. Solch ein Mut fehlt in der durchkalkulierten Filmlandschaft von heute. 

    Manche Stimmen meinen, Die Auslöschung wurde bei den diesjährigen Oscar Nominierungen übergangen. Zumindest auf eine Kategorie trifft das zu: Die Qualität des Sounds lässt sich zu Hause nur erahnen aber selbst hier vermag er zu beeindrucken. Wie muss das erst in einem Kinosaal sein!

    Es ist nach Ex Machina (2015) die zweite Regiearbeit von Alex Garland, der sich auch für die Romanvorlage von The Beach (2000) verantwortlich zeichnet. Ungewöhnlicherweise hat er nun die Trilogie der Vorlage zu einem Film vereint. Eine Geschichte, die uns von der Protagonistin im Nachhinein erzählt wird, was noch mehr Raum für Interpretationen offen lässt. Erfrischend gut.

    ALEX GARLAND | OT: Annihilation |USA 2018 | 115 Min. | [usr 3.5]

    Foto (C) Netflix