Schlagwort: Review

  • GREEN BOOK – Eine besondere Freundschaft ★★★★½

    GREEN BOOK – Eine besondere Freundschaft ★★★★½

    Erinnert sich noch jemand an die Farrelly Brüder? Neben dem Hit There’s something about Mary (1998) beglückten sie uns mit Dumb and Dumber (1994) und Me, Myself & Irene (2000). Der letzte Film von Peter Farrelly (Movie 43, 2013) hält auf der Bewertungsplattform Rotten Tomatoes aktuell bei 4%. Ja, der Höchstwert der Skala liegt tatsächlich bei 100%. Genau dieser Peter Farrelly gilt jetzt mit seinem neuen Film Green Book mit 5 Nominierungen als Oscar Anwärter (hat allerdings keine Nominierung als Regisseur erhalten). Das ist mindestens so unglaublich wie die wahre Geschichte selbst, um die es hier geht.

    Titelgebend ist das „Negro Motorist Green Book“. Ein Reiseführer für afroamerikanische Autofahrer, der bis 1966 herausgegeben wurde und die wenigen Unterkünfte, Restaurants und Tankstellen ausweist, die auch schwarze Kunden akzeptieren. Er sollte das Reisen für Schwarze erleichtern. So auch für den Starpianisten Don Shirley (Mahershala Ali). 

    Don Shirley wohnt nicht nur über der Carnegie Hall, sondern füllt sie mit seinen Konzerten auch. Trotzdem plant er eine Tournee durch das gefährliche Gebiet der Südstaaten. Dafür sucht er einen Fahrer, der notfalls auch noch andere Fähigkeiten vorzuweisen hat. Tony Lip (Viggo Mortensen), eigentlich Vallelonga, der Mann fürs Grobe in einem Nachtclub, wird bei Shirley vorstellig und die erste Begegnung verläuft alles andere als vielversprechend. In ein afrikanisches Gewand gekleidet, besteigt Shirley einen Ton. Das ist etwas zu viel für Lip. Dazu soll er nicht nur Fahrer, sondern auch Butler sein. Da lehnt er dankend ab. 

    Der Film rückt Tony Lip (in späteren Jahren startete das reale Vorbild eine Karriere als Schauspieler) in den Mittelpunkt. Selbst einer Einwandererfamilie entstammend, hegt er Ressentiments gegenüber allem, was nicht weiß und amerikanisch ist. In seinem Inneren ein aufrichtiger Kerl. Die Esskultur hat er dermaßen verinnerlicht, dass dies zu einigen witzigen Momenten führt.

    Kein großer Spoiler: sie kommen doch zusammen und auf dem folgenden Roadtrip wird das zelebriert, was offensichtlich ist: hier prallen zwei Welten aufeinander. Sehr zum Gaudium des Publikums. Die Dialoge sind  sehr komisch. Der gebildete, sich gewählt ausdrückende Musiker und der der Arbeiterklasse entstammende italienisch-amerikanische Türsteher überwinden die anfängliche Abneigung und entwickeln gegenseitigen Respekt für einander. Auch weil sie erkennen, dass sie beide auf ihre Art und Weise am Rande der Gesellschaft zu stehen

    Das Duo sieht sich mit widerlichen Auswüchsen von Rassismus konfrontiert und der Film vollzieht eine Gratwanderung, wie schon viele vor ihm, die sich auf humoristische Weise einem todernsten Thema widmen. Es ist Ali und Mortensen zu verdanken, dass dies geglückt ist. Mortensen beherrscht die Leinwand von der ersten Szene an mit einer unglaublichen Präsenz. In Alis manieriertem Auftreten sitzt jede Geste, jedes Wort wird mit bedacht gesprochen. Schauspielerisch ist da nicht mehr viel Luft nach oben. Die beiden alleine rechtfertigen einen Kinobesuch.

    Green Book ist ein zugänglicher und gefälliger Film, was ihm auch Kritik eingebracht hat. Bekämpft der Film Stereotypen oder verstärkt er sie (Italoamerikaner mit schneller Faust)? Ist die Geschichte vom geläuterten weißen Mann noch zeitgemäß? Ein Feelgood-Movie? Ist der Film zu harmlos? Green Book ist eine Charakterstudie, keine Provokation sondern Unterhaltungskino. Auf menschlicher Ebene funktioniert der Film am Besten. Es ist kein Nachteil, die Geschichte einem großen Publikum zugänglich zu machen. Genau das schafft Peter Farrelly mit seinen zwei grandiosen Darstellern, indem er immer wieder Bestürzung auslöst und sie im nächsten Moment mit bitterem Witz auffängt. Man lacht im Kino ohnehin viel zu selten.

    Peter Farrelly | USA 2018 | OT: Green Book | 130 Min. | [usr 4]

    ➤ Mehr Filme auf dem OSCAR RADAR

  • THE FAVOURITE – Intrigen und Irrsinn ★★★

    THE FAVOURITE – Intrigen und Irrsinn ★★★

    1708. England befindet sich im Krieg mit Frankreich. Allein die Queen weiß davon nichts und es interessiert sie auch nicht. Queen Anne (Olivia Coleman)  ist gesundheitlich angeschlagen und  lässt sich im Rollstuhl durch die langen Gänge des Palastes schieben. Sarah Churchill, die Herzogin von Marlborough (Rachel Weisz) ist The Favourite der Königin und hat die Zügel fest in der Hand. 

    Derweilen hält sich die Königin mit Entenrennen und anderen absurden Aktivitäten auf. Neben Sarah liebt sie auch ihre 17 Hasen. Je einer für eins der allesamt verstorbenen Kinder. Das läst Raum für allerhand Intrigen und Irrsinn. Sarahs Konkurrent im Parlament ist Robert Harley (Nicholas Hoult). Das Volk möchte den Krieg nicht mit Steuererhöhungen finanzieren. Als Sarahs verarmte Cousine Abigail Hill (Emma Stone) am Hof eintrifft, ist der Zickenkrieg eröffnet. Abigail sieht die Chance, ihr Ansehen wiederherzustellen und umgarnt die Königin, währendessen Sarah mit den Staatsgeschäften beschäftigt ist. Das Schickal eines ganzen Landes in den Händen dieser drei Frauen.

    Yorogos Lanthimos neuester Film ist kein Kostümschinken, sondern aktueller als man vermuten mag. Intrigen und das Buhlen um die Macht sind zeitlos und vor allem: es ist hier eine Freude dabei zuzusehen. Somit ist The Favourite eine weitaus leichtere Kost als Lanthimos‘ bisherigen Filme. Allerdings fällt das Kinoerlebnis weniger intensiv aus als gewohnt. Seine Handschift ist aber klar erkennbar und ist skurril wie eh und je.

    Die Machart des Filmes erinnert an Barry Lyndon von Stanley Kubrick. Beide Regisseure filmten ausschliesslich mit natürlichem Licht. Die Opulenz konkurriert mit dem ungeschönten Blick. Extrem weitwinkelige Einstellungen lassen die Figuren verloren wirken. Die Kamera nimmt die Charaktere von unten auf und schießt gegen die Decke. 

    Bemerkenswert ist, neben dem formidablen Ensemble rund um Olivia Coleman (selbst Nicholas Hoult bleibt trotz kleiner Rolle im Gedächtnis), der ungewöhnliche Soundtrack. Von Händel und Vivaldi spannt sich die musikalische Reise über Elton John bis zu Chilli Gonzalez.

    Gut gespielt und zu Beginn durchaus unterhaltsam ist The Favourite aber es mangelt an Spannung und irgendwann verliert man das Interesse am weiteren Verlauf der Geschichte. So werden es mit dem letzten Drittel doch zwei lange Stunden und man möchte, dass es endlich zu einem Ende kommt. 

    YORGOS LANTHIMOS | USA 2018 | OT: The Favourite | 120 Min | [usr 3]

    Foto (c) Fox

    ➤ Mehr Filme auf dem OSCAR RADAR

  • LEAVE NO TRACE ★★★★★

    LEAVE NO TRACE ★★★★★

    In einem Nationalpark nahe Portland haben ein Vater und seine Tochter ein Lager unter einer Zeltplane aufgeschlagen. Die widrigen Witterungsverhältnisse scheinen die Beiden nicht zu stören. Trotz Regen und Kälte gehen sie ihrer täglichen Routine nach, spielen sogar Schach. Das dichte saftige Grün und mächtige Baumriesen bieten ihnen Schutz. Aber wovor?

    Die 13-jährige Tom (Thomasin McKenzie) lebt mit ihrem Vater Will (Ben Foster) am Rande der Wildnis. Anders erträgt er das Leben nicht mehr. Nur um das Notwendigste zu besorgen begeben sich die Beiden in die nächste Stadt. Die Zivilisation hält Will nicht mehr aus. Er ist Kriegsveteran und auf Medikamente angewiesen, die er aber auf dem Schwarzmarkt an Drogenabhängige verkauft.

    In der Nacht wärmen sie sich gegenseitig. Das Einzige, was gegen die Kälte hilft.  Es ist eine innige Verbundenheit, die auf dem grenzenlosem Vertrauen aufbaut, das Tom gegenüber ihrem Vater hegt. Der unterrichtet sie und lehrt ihr, was zum Überleben notwendig ist. Das Leben ist hart aber sie nehmen es so wie es ist. Als Tom eines Tages von einem Läufer entdeckt wird, schaltet sich der Staat und das Jugendamt ein. Beide gehen mit der Situation unterschiedlich um. Nach und nach wird die Zweisamkeit auf die Probe gestellt. 

    Die Regisseurin Debra Granik stellt nach ihrem Erfolg Winter’s Bone (2010) neuerlich ein starkes Mädchen ihres, ja man muss sagen Meisterwerks, in den Mittelpunkt. Damals bedeutete es für die 20-jährige Jennifer Lawrence den Durchbruch. Heute überzeugt Thomasin McKenzie in ihrer ersten Hauptrolle. 

    Die zutiefst menschliche Weise, in der sich Granik in Leave No Trace ihren Charakteren annähert, schafft eine Unmittelbarkeit, die im Kino selten zu erleben ist. Es ist als wäre man auch unter der Zeltplane. Die Regentropfen, das Rauschen des Windes, die Erde, alles wird spürbar. Als wäre man ein stiller Beobachter und alles wäre tatsächlich wahr. 

    Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Peter Rock aus dem Jahr 2009. Dieser wurde durch einen Zeitungsartikel für seinen Roman inspiriert, der von einem sehr ähnlichen Fall handelte. Regisseurin Granik zeigt neuerlich, dass sie Menschen interessieren, die nicht Teil der Gesellschaft sein wollen oder können. Im Zuge der Recherchen für den Film wurde sie sogar auf eine Subkultur aufmerksam, die versucht mit einfachsten Mitteln in der Natur zu überleben.

    Thomasin McKenzie ist die Entdeckung des Jahres und Leave No Trace einer dieser Filme des Jahres die man gesehen haben muss. 

    Debra Granik | USA 2018 | 109 Min. | [usr 5]

    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST

  • BIRD BOX ★★★

    BIRD BOX ★★★

    Während die hochschwangere Malorie (Sandra Bullock) noch unbedarft in ihrem Atelier den Pinsel schwingt, erreichen sie über den Fernseher fast beiläufig erste unheilvolle Nachrichten. Aus unerklärlichen Gründen begehen Menschen in mehreren Regionen auf der Welt plötzlich in Massen Selbstmord. Vorerst erschüttert sie und ihre Schwester Jessica (Sarah Paulson) das eher weniger. Schon kurz darauf bricht aber auch in ihrer Stadt das Chaos aus. Menschen laufen, stürzen und fahren in den Tod.

    Soweit die Ausgangslage. Bald stellt sich heraus, dass eine unsichtbare Macht die Menschen bloß durch Augenkontakt in den Selbstmord treibt. Malorie flüchtet in ein Haus, in dem eine Gruppe von Menschen Zuflucht gefunden hat und die bald erkennen muss, dass sie in der Falle sitzt. Die Fenster verklebt und von der Außenwelt abgeschnitten.

    Es ist das Haus von Douglas (John Malkovich), einem misanthropischen Bastard, der darauf bedacht ist, niemanden mehr herein zu lassen. Zu der illustren Runde gehören unter anderen Tom (Trevor Rhodes) und Sheryl (Jacki Weaver). Bald gesellt sich Gary (Tom Hollander) dazu. Ein kurzer Auftritt, der es in sich hat. 

    Unterschnitten wird die Geschichte mit Szenen von Malorie und zwei Kindern, die fünf Jahre in der Zukunft liegen. Irgendwo in der Wildnis irren sie mit verbunden Augen umher und begeben sich bald in einem kleinen Boot flussabwärts. Ziel unbekannt. 

    Bird Box beginnt stark, löst sein Versprechen aber nicht ein. Wie so oft in diesem Genre liegen auch diesem Mysterythriller gute Ideen zu Grunde, die sich aber offenbar nur schwer schlüssig umsetzen lassen. Nicht das alles bis ins letzte Detail erklärt werden muss aber ein paar Informationen bleibt der Film trotzdem schuldigt.

    Der Film wartet mit einem tollen Ensemble auf. Malkovich ist in seinem Element und Rhodes, noch von Moonlight in guter Erinnerung, füllt die Lein.. nein, den Bildschirm mit seiner Präsenz. Bullocks Charakter bekommt durch ihre Schwangerschaft im Endzeitszenario eine Tiefe. Sie akzeptiert ihre Mutterschaft von Anfang an nicht, ist aber doch eine Kämpferin. Später auch für die Kinder. Bird Box ist auch ein Melodram.

    Die Regisseurin Susanne Bier gewann 2010 mit A Better World den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Sicher ein gute Wahl, allerdings kann die Geschichte ihr volles Potential nicht ausschöpfen. Das Ende wird wie so oft eher wenige zufrieden stellen und der Weg dahin ist um gut eine viertel Stunde zu lang. „We make the end of the world great again!“ ruft Douglas einmal aus. Stimmt nicht ganz aber trotzdem ein markiger Spruch.

    Netflix hält sich gewöhnlich mit der Preisgabe von Zuseherzahlen zurück. Bei Bird Box ist das nun anders. Kein Wunder, wurde der Film doch allein in der ersten Woche 45 Millionen Mal gestreamt. Umgelegt auf Kartenkäufe entspricht das bei einem Budget von kaum 20 Millionen US-Dollar einem außerordentlich großen Erfolg. Laut Angaben von Netflix wird erst gezählt nachdem mindesten 70% des Filmes konsumiert wurden. Der Film bekommt nun eine Aufmerksamkeit, die er bei einem regulären Kinostart wohl nie bekommen hätte. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes, ob es in diesem Fall gerechtfertigt ist, sei dahingestellt.

    Gab es gerade noch die Diskussion, welche Filme bei Festivals zugelassen werden sollten und Unmutsäußerungen darüber, das Produktionen ein regulärer Kinostart verwehrt wird, so geht es jetzt mit Jahresende bereits einen Schritt weiter. Der Erfolg einzelner Produktionen ist natürlich ausschlaggebend dafür, was wir in Zukunft überhaupt zu sehen bekommen und Sehgewohnheiten sind auf dem Sofa andere als im Kino. Zumal Streamingproduktionen bestimmten rechtlichen und moralischen Anforderungen des jeweiligen Konzerns entsprechen müssen.

    Die Filmwelt wird gerade auf den Kopf gestellt. Bird Box erfüllt seinen Zweck für einen Filmabend zu Hause. Nicht mehr und nicht weniger. Die Auswirkungen des Erfolges werden uns aber weiterhin beschäftigen.

    Susanne Bier | USA 2018 | 124 Min. | [usr 3]

    Foto (c) Netflix

  • SHOPLIFTERS ★★★★

    SHOPLIFTERS ★★★★

    Gleich vorweg: Shoplifters offenbart nach und nach ein Geheimnis. Es wurde viel zu viel über den Inhalt geschrieben, denn Regisseur und Drehbuchautor Hirokazu Kore-Eda gibt nur sehr langsam Preis, worin der Kern dieser berührenden Geschichte liegt. Nicht zuletzt davon lebt diese Erzählung von einer Familie am Rande der Gesellschaft, die auf engstem Raum in einer kleinen Hütte umringt von Hochhäusern ihr Dasein fristet und dabei eigentlich recht glücklich ist. Also Finger weg vom Trailer!

    Rasante soziokulturelle Transformationen machen auch vor japanischen Gesellschaft nicht halt. Betroffen davon ist nicht zuletzt das für uns ungewöhnliche Bild der Familie. Der Begriff ist in Japan sehr weit gefasst und meint viel mehr als die Kernfamilie und die Verwandtschaft. Hinzu kommen Traditionen, wie dass das Ehepaar bei den Eltern des Mannes wohnt und die immer noch strikte hierarchische Struktur. Der Druck ist enorm und führt zu allerhand Betrügereien. Da wird schon einmal dem Staat das Ableben der Großmutter verschwiegen um weiterhin deren Pension zu kassieren. Hirokazu hat dies neuerlich zum Anlass genommen um seinem Land den Spiegel vorzuhalten. Das ist in Japan nicht gerade wohlwollend aufgenommen worden, bietet uns aber die Möglichkeit für einen tiefen Einblick in eine völlig fremde Kultur. 

    Shibata Osamu (Lily Franky) und sein Sohn Shota (Kairi Jyo) geben beim Ladendiebstahl ein eingespieltes Duo ab. Auf dem Heimweg finden sie in einer kalten Winternacht das verwahrloste Mädchen Yuri (Miyu Sasaki) und nehmen es mit nach Hause. Es bleibt nicht bei einer wärmeren Suppe. Die Familie behält Yuri kurz entschlossen. Ihre Eltern scheinen sie nicht zu suchen. Unter einem Dach wohnen darüber hinaus noch Osamas Ehefrau Nobuyo (Sakura Andô), die Großmutter Hatsue (Kilin Kiki) und die Halbschwester Aki (Mayu Matsuoka). Das Glück währt solange, wie die Familie ihr Geheimnis bewahren kann. Erst durch den Tod der Großmutter kommen die Dinge ins Rollen.

    Die Familie Osamu lebt auf wenigen Quadratmetern und es gelingt Hirokazu und seinem Kameramann Ryûto Kondô diese Enge auf die Leinwand zu übertragen. Es gibt keine Rückzugsmöglichkeit, kein Platz für Privatsphäre.

    Die Geschichte ist lebensbejahend, herzzerreißend und erschütternd zugleich. Hirokazu erzählt aber ohne Pathos mit einer Leichtigkeit die ihresgleichen sucht ohne groß auf die Tränendrüsen drücken zu müssen. Als Zuseher kommt einem immer wieder ins Bewusstsein, wie tragisch diese Geschichte eigentlich ist und in welchen prekären Verhältnissen die Familie lebt aber da man sieht, wie die Familie ihr Leben meistert, kommt weder auf noch vor der Leinwand große Verzweiflung auf.

    Shoplifters – Familienbande, so der deutsche Verleihtitel,  wurde bei den Filmfestspielen Cannes 2018 verdientermaßen mit der Goldenen Palme ausgezeichnet und ist außerdem die japanische Einreichung zum Oscar in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“.

    Hirokazu Kore-Eda | JPN 2018 | OT: Manbiki Kazoku | 121 Min. | [usr 4]

    Foto (c) Filmladen Filmverleih

    ➤ Mehr Filme auf dem OSCAR RADAR

  • SPIDER-MAN: A NEW UNIVERSE ★★★★

    SPIDER-MAN: A NEW UNIVERSE ★★★★


    Kurz vor Jahresende spuckt Hollywood noch ein paar Superheldenfilme aus. Das gehört eigentlich zur Routine. Irgendwo entsteht in einer Soundstage bereits der Nächste. Zu Weihnachten frei? Eher unwahrscheinlich aber es geht während des  Dreharbeiten sicher mindestens so spaßig zu, wie in den fertigen Filmen. Man kennst sich schließlich schon eine ganze Weile. Spiderman gehört da natürlich dazu. Irgendwie. Rechtemäßig ist das nicht so einfach aber Paul McCartney hält bekanntlich auch nicht die Rechte an seinen Beatles Songs. Die gehören Sony. Genauso wie Spider-Man. Zumindest Sony und Marvel haben sich arrangiert, damit alle etwas vom Kuchen haben. Nun also ein Animationsfilm, der bewusst abseits des Marvel Cinematic Universe (MCU) angesiedelt ist. Gute Idee, weil Spider-Man: A New Universe ist richtig gelungen und fügt dem Francise eine neue Facette hinzu

    Wobei ganz ohne Außenseiterdasein und Spinnenbiss geht es nicht. Miles Morales, einer von Spider-Mans Fans, erleidet das gleiche Schicksal wie schon Peter Parker vor ihm. Der gerät auch arg in Bedrängnis und so sieht sich Miles gezwungen, nach und nach in seine neue Rolle hineinzuwachsen. Kingpin, der böse, ist auf Rache aus und versucht mittels Teilchenbeschleuniger eine Dimensionenkoppelung, um sich seine Familie zurückzuholen. Dabei saugt er gleich mehrere Spider-Men und Spider-Women in die Welt von Miles. Darunter ein Spider-Man Noir und ein Spider-Ham.

    Die Story ist unterhaltsam und die Figuren sind liebevoll ausgearbeitet. Nach Black Panther betritt mit Miles der zweite afroamerikanische Charakter die Bühne der Superhelden. Dazu ein obligatorischer Hip-Hop Soundtrack (The Notorious B.I.G.!). Der wahre Knaller ist aber die Animation. Es ist als hätte sich ein Comic auf der Leinwand aufgeschlagen. Man kann das Papier richtig spüren. Bildteiler und Textfelder spielen mit der typischen Ästhetik von Comics. Alles ist anders, als man es von Animationsfilmen gewohnt ist. Das Ganze ist ziemlich spektakulär und atemberaubend schön.

    Nur für Kinder ab 6 Jahren , wie vom Verleih vorgegeben, ist der Film sicher nicht geeignet. Wohl eher ab 10 Jahren, wie in Österreich empfohlen. Das hohe Tempo und die anspruchsvolle visuelle Umsetzung führt, neben der für die Jüngsten verwirrenden Geschichte, selbst in 2D schnell zu einer Überforderung.

    Marvel ist sicher nicht ganz undankbar darüber, dass es jetzt Paralleluniversen gibt, weil sich im MCU gerade ein paar Helden und mit ihnen die halbe Menschheit in Staub aufgelöst haben. Vielleicht zeigt dieser Spider-Man, zu einem Zeitpunkt, als kaum jemand geglaubt hätte, einen weiteren Film ertragen zu können, einen Blick in die Zukunft des Genres. Zumindest ist man einmal ein gewisses Risiko eingegangen, in dem man dem Regietrio freie Hand ließ. Hier kann jeder ein Superheld sein. Die Rechnung ist voll aufgegangen.

    Bob Persichetti / Peter Ramsey / Rodney Rothman | OT: Spider-man: Into the Spider-Verse | USA 2018 | 117 Min. | [usr 4]

    (c) Foto Sony Pictures

    ➤ Mehr Filme auf dem OSCAR RADAR

  • WIDOWS ★★★★

    WIDOWS ★★★★

    Regisseur Steve McQueen verdichtet eine britische TV Serie aus den frühen 1980ern zu einem Spielfilm, verlegt die Handlung ins heutige Chicago und stattet seinen Heist-Movie mit einem (Frauen)Ensemble aus, das seines gleichen sucht. Dabei steht nicht allein der Raub im Zentrum sondern McQueen greift soziale, ethnische und politische Konflikte auf.

    Es sind vertauschte Rollen, denn in Widows – Tödliche Witwen (so der irreführende deutsche Verleihtitel) kommen die Männer der Protagonistinnen bei einem Überfall allesamt ums Leben und hinterlassen ihren Frauen einen Haufen Schulden. Allen voran Veronica (Viola Davis) sieht sich gezwungen das Geld aufzutreiben und kann bald die anderen Frauen Alice (Michelle Rodriguez), Linda (Elisabeth Debicki) und Belle (Cynthia Ervio) davon überzeugen, einen bereits geplanten finalen Coup ihrer Männer umzusetzen um so die Schulden begleichen zu können.

    Dass es McQueen nicht vordergründig um die Action geht, bekommt man gleich zu Beginn mit, wenn sich Autostunts bei einer Verfolgungsjagd nur im Hintergrund abspielen. Überhaupt setzt der Regisseur in seiner Inszenierung durchwegs interessante Kontrapunkte zum sonst Genreüblichen.  Er interessiert sich viel mehr für soziale Spannungen und Politik. Die Frauen kommen aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten und sind gezwungen zu kooperieren. Denn nur so können sie ihr Ziel erreichen.

    Der korrupte Politiker Jack (Colin Farrell) befindet sich im Wahlkampf, der ihn in die unterschiedlichsten Vierteln der statt führt. Steve McQueen veranschaulicht das mit einer Autofahrt von einem Wahlkampfauftritt zu ihm nach Hause. Die Kamera lässt er seitlich über das Auto blicken und binnen weniger Minuten Fahrt kommt man von einem armen Viertel in eine Villengegend. Die Kameraarbeit ist durchwegs durchdacht und unkonventionell.

    Komplettiert wird das Ensemble – Widows ist in erster Linie eine exzellente Ensembleleistung – durch Robert Duvall als Jacks Vater Tom, Liam Neeson als Violas Mann Tom, Jacki Weaver als Lindas Mutter Angieska und  Daniel Kaluuya (in diesem Jahr mit Get out für einen Oscar nominiert) als kaltblütiger Killer Jatemme. Kaluuya weiß in seinen kurzen Auftritten zu überzeugen und dominiert jede seiner Szenen.

    Steve McQueen vollzieht in seinem erst vierten Spielfilm neuerlich einen radikalen Genrewechsel und beweist sein handwerkliches Können.

    Steve McQueen | USA/UK 2018 | 130 Min | [usr 4]

    Foto © Twentieth Century Fox

  • CLIMAX ★★★½

    CLIMAX ★★★½

    Wer die Filme von Gaspar Noé kennt, weiß, dass man nach seinen Filmen nicht einfach so den Saal verlässt und so tut als wäre nichts gewesen. Es sind intensive Kinoerfahrungen die nicht jedem gefallen mögen und über die sich nur schwer diskutieren lässt, weil, entweder man findet es toll oder eben nicht. Ob das Publikum heute noch zu hunderten den Saal verlassen würde, wie vor sechzehn Jahren bei Irreversible, sei dahingestellt. Exzessive Gewalt ist heute schon fast Mainstream geworden. Noès Filme sind aber viel mehr als bloße explizite Gewaltdarstellungen. Sie erheben durchaus künstlerischen Anspruch.

    Sein neuester Film Climax beginnt zwar neuerlich mit dem Ende, wird darüber hinaus aber chronologisch erzählt. Zu Beginn werden die Darsteller in einem Prolog vorgestellt. Sie sprechen aus einem alten Fernsehgerät umrahmt von Videokassetten und Büchern, die den Regisseur bei seinem folgenden Trip offensichtlich beeinflusst haben oder er möchte das dem Publikum jedenfalls glauben machen. Das Ganze strapaziert etwas die Geduld, was danach kommt ist aber großes Kino.

    Eine Tanzkompanie probt ein letztes Mal vor einer großen Tournee in einem Veranstaltungssaal. Der gesamte Film wird in diesem Raum und den angrenzenden Gängen und Zimmer spielen. Die Choreografie ist berauschend gut, die Kamera fliegt durch den Raum, dass es eine Freude ist und der Soundtrack dazu ist eine Wucht. Alles in einer einzigen ungeschnittenen Einstellung. Noés Filme sind immer ein Rausch und man ist bereits mitten drinnen. Was folgt ist aber ein Trip in die Hölle.

    Die Probe ist zu Ende und die Party kann beginnen. Irgendwann kommen die Credits. Wie immer bunt und groß. An dieser Stelle könnte man das Kino verlassen. Sangria fließt in strömen. Die Stimmung kippt. Jemand hat Drogen in die Bowle gemischt. Bei gleichbleibend wummerndem Soundtrack wird jetzt auch noch geschrien. Panik macht sich breit. Ein Kind ist involviert. Noè geht aufs Ganze, in allem was er tut. Das mag dick aufgetragen sein, andererseits ist es nur konsequent. Dass dies kein Kindergeburtstag ist, hat man schon in der ersten Szene gesehen.

    Bei Noé geht es nicht ohne unschöne Bilder aber visuell ist das alles brillant. Die Musik spielt in Climax eine wesentliche Rolle. House, Disco, Techno: Supernature im Remix, Born to be alive und eine tolle Instrumentalversion von Angie. Ein Höhepunkt jagt im wahrsten Wortsinn den nächsten. Ein opulenter Drogentrip den man nicht verpassen sollte, wenn man bis hier her gelesen hat und das alles nicht schon im Vorhinein für unerträglich hält.

    Gaspar Noé | F 2018 | 96 Min | [usr 3.5]

    Foto © Thimfilm

  • ROMA ★★★★★

    ROMA ★★★★★

    Der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón hat seinen bisher persönlichsten Film gedreht. Aus Sicht seines Kindermädchens porträtiert er in atemberaubenden schwarzweiß Bildern den Alltag von Mexiko City in den sechziger und siebziger Jahren.

    Es gibt viele Möglichkeiten einen Film zu beginnen. Alfonso Cuarón zeigt Abwaschwasser, das schwallweise in einen Kanal rinnt. Minutenlang. Ein Flugzeug am Himmel spiegelt sich in der Pfütze und die Kamera öffnet sich zu einer Totalen, gefolgt von einem dieser langen Schenks, die in diesem Epos immer wieder kehren werden. Cleo reinigt die Einfahrt des gutbürgerlichen Hauses im Titel gebenden Stadtteil in Mexico City. In der engen Zufahrt parkt der Vater Antonio (Fernando Grediaga) jeden Abend mit fanatischer Genauigkeit millimetergenau sein Auto ein, während seine Frau Sofía (Marina De Tavira) mit deren vier Kindern geduldig und sehnsüchtig wartet. Eine heile Welt, wenn sich die Tore der Garage schließen.

    Cloe, gespielt von Yalitza Aparicio, ist Haus- und Kindermädchen mixtekischer Abstammung. Die Geschichte wird aus ihrer Sicht erzählt. Sie stellt Cuaróns einstiges Kindermädchen dar, das ihn in den sechziger und siebziger Jahren großgezogen hat. Nach dem Überraschungserfolg von Y Tu Mamá También in Venedig 2001 und dem technischen 3D-Meisterwerk Gravity 2013 kehrt der Regisseur zuerst für die Dreharbeiten in seine Heimat und dann nach Venedig zurück und holt sich in diesem Jahr seinen dritten Goldenen Löwen ab.

    Roma ist ein liebevolles Porträt von gesellschaftspolitischer Dimension. Zu Hause spielt sich bald ein Familiendrama ab. Cloe ist wie ein Hausgeist mittendrinnen und wird, obwohl selbst vom Schicksal nicht verschont, von der Familie völlig ignoriert, sobald sie selbst mit ihren eigenen Problemen zu sehr beschäftigt ist. Mitten durch das Wohnzimmer verläuft eine scharfe soziale Trennlinie.

    Cuarón beherrscht die leisen Töne und verleiht ihnen eine enorme Wucht, stellt dem Alltag historische Ereignisse gegenüber. Cloe wird während eines Einkaufes Zeugin des Corpus-Christi-Massakers, bei dem 120 Studenten von Militärs getötet wurden. Dabei bleibt die Kamera konsequent bei der Hauptdarstellerin und verleiht dem Moment eine unglaubliche Eindringlichkeit. Im quälend langsamen Kameraschwenks fühlt man sich als Zuschauer selbst wie gelähmt im Angesicht des tragischen Ereignisses.

    Cuarón spielt mit der Aufmerksamkeit des Publikums. In einer Szene in einem Kinosaal leitet er sie vom Geschehen im Vordergrund direkt auf den Film auf der Leinwand. Aufeinmal ist man mitten in einer Kriegskomödie. Im Zentrum des Filmes steht später eine herzzerreißend Spitalsszene mit Cloe. Eine schier endlos lange Kameraeinstellung, die kein Wegschauen zulässt und für viele ein Schock sein dürfte. Gegen Ende kommt es dann zu einer Wende, die an Dramatik kaum zu überbieten ist. Ebenfalls eine einzige Einstellung, im tosenden Meer.

    Der Sound ist neben den prächtigen durchkomponierten schwarzweiß Bilder in Cinemascope ein weiteres bemerkenswertes Detail. Wie oft kommt es in Zeiten von ausgeklügeltsten Surround Sounds schon vor, das man sich umdreht, weil man in den hinteren Reihen störende Plaudertaschen vermutet? Roma ist nicht nur ein erzählerisches Meisterwerk, sondern auch ein technisches.

    Alfonso Cuarón war der erste mexikanische Regisseur, der einen Regie-Oscar bekommen hatte. Gut möglich, dass er im nächsten Jahr wieder Geschichte schreiben wird. Roma geht für Mexiko ins Rennen um den Besten Fremdsprachigen Film. Dort darf er als Favorit gelten und obwohl die Nominierungen erst im Jänner bekannt gegeben werden, führt er bei den Buchmachern bereits die Kategorie Beste Regie an. Dabei zeichnet sich Cuarón noch für das Drehbuch, die Kamera und den Schnitt (mit Adam Gough) verantwortlich. Roma ist ein Ausnahmefilm. Gut möglich, dass sich das auch bei der Preisvergabe niederschlägt.

    Netflix hat die Produktion und den Vertrieb übernommen. In den nächsten Tagen kommt es zu einem limitierten Kinostart, bevor der Film nächste Woche auf der Streaming Plattform abrufbar sein wird. Ein Screening auf der großen Leinwand sei dringend empfohlen. Paradoxerweise kann sich gerade Roma nur dort richtig entfalten. In Italien kam es wegen der Restriktionen im Verleih zu einem Boykott durch Kinobetreiber. Eine besondere Situation, da der Film im Rahmen der staatlich subventionierten Filmfestspiele gelaufen ist und nun nicht flächendeckend verwertet werden darf. Das Kino befindet sich also im Umbruch. Mit Roma an der Spitze sind die Zeiten so schlecht nicht.

    Alfonso Cuarón | MEX/USA 2018 | 135 Min | [usr 5]

    ➤ Mehr Filme auf dem OSCAR RADAR

  • STYX ★★★★

    STYX ★★★★

    Meldungen über Flüchtlinge, die auf ihrem Weg nach Europa Schiffbruch erleiden, erreichen uns nahezu jede Woche. Erreichen sie uns nicht, dann nur weil etwas anderes gerade wichtiger erscheint und kein Platz ist für die immer wiederkehrenden gleichen Nachrichten.  Manche mögen es nicht mehr hören können und andere sind jedes Mal aufs Neue erschüttert. Eines ist bei uns allen gleich: Es ist alles bald wieder vergessen. Doch eigentlich geht es uns alle an. Was wäre, wenn sich plötzlich vor unseren eigenen Augen eine Flüchtlingstragödie abspielen würde und wir zum Handeln gezwungen wären? Mit diesem Gedankenexperiment beschäftigt sich der niederösterreichische Regisseur Wolfgang Fischer und zeigt in seinem neuen Film, wo wir als Gesellschaft heute stehen. 

    Rike (Susanne Wolff) ist eine deutsche Notärztin und hat alles fest unter Kontrolle. Selbst als sie sich allein auf einer 11 Meter Jacht auf dem Atlantik Richtung Süden und der Insel Ascension begibt, sitzt jeder Handgriff. Bei ruhiger See genießt sie die scheinbar unendliche Freiheit und als sich ein Unwetter ankündigt, bewahrt die Ruhe. Doch nicht für jeden ist das Meer ein einziges Glücksgefühl. Für manche ist es ein tödliches Hindernis.

    Als sie auf ein mit Flüchtlingen völlig überladenes Fischerboot trifft, ist auf einmal nichts mehr so wie es gerade noch war. Von einem Moment auf den anderen geht es um existenzielle Fragen. Rike ist klar, dass gehandelt werden muss. Nur ist sie überhaupt in der Lage dazu? Als Notärztin geht ihre eigene Sicherheit vor. Sie nimmt Kontakt mit der Küstenwache auf und dann steht da plötzlich der junge Kingsley (Gedion Odour Wekesa) auf ihrem Boot.

    Fischer erzählt dieses tragische Ereignis nüchtern und unaufgeregt und genau das ermöglicht es dem Publikum, sich in diese Lage zu versetzen. Dabei geht es nicht um moralisierende Belehrungsversuche sondern um Fragen, die sich jeder Einzelne stellen muss und um die Verantwortung, die zu tragen ist.

    Styx vermittelt das Gefühl, allein auf einem Boot zu sein so authentisch, wie wir das vor einiger Zeit schon bei Robert Redford in All is lost gesehen haben. Wind und Wetter werden spürbar, das Meeres rauscht und die Seile knarzen. Jeder der noch nie auf einem Segelboot war, weiß danach zumindest, wie es sich dort anhört. Aber auch das Gefühl, den Gewalten der Natur ausgesetzt zu sein, wird nachvollziehbar.

    Der Filmtitel bezieht sich auf die griechische Mythologie. Styx ist der Fluss der Ober- und Unterwelt von einander trennt oder auch die Lebenden von den Toten. Das mag pathetisch klingen, wird aber im Film nicht extra thematisiert und darüber hinaus ist dieses Bild gar nicht abwegig. Die Flüchtlinge trennen tatsächlich ein paar hundert Meter Wasser vor ihrer Rettung. Die Insel Ascension im Südatlantik, das Ziel der Hauptfigur, ist das erste künstliche erschaffene und sich selbst erhaltene Ökosystem. Erdacht und umgesetzt von Charles Darwin. An Symbolik ist der Film also nicht arm. In der ersten Sequenz zeigt Fischer Berberaffen in Gibraltar. Neben dem Menschen die einzige in Europa freilebende Primatenart. Eingewandert aus Afrika und das schon vor Jahrhunderten.

    Styx ist so ein Film der Stunde.

    Wolfgang Fischer | D/AT 2018 | 94 Min. | [usr 4]

    © Foto: Filmladen Filmverleih