Schlagwort: Filmfestival

  • DIE VIENNALE 2020 – DAS WAR’S VORERST

    DIE VIENNALE 2020 – DAS WAR’S VORERST

    Die zehn Tage der 58. Viennale sind vorüber. Vieles war diesmal anders, auf der Leinwand und abseits davon. Großer Respekt gebührt dem Team des Filmfestivals von der künstlerischen Leitung unter Eva Sangiorgi bis hin zu jenen zahlreichen HelferInnen, die einen reibungslosen Ablauf der Vorstellungen ermöglichten. War es genug der Prävention? Das werden wir erst in 2-3 Wochen wissen. Jedenfalls glänzte Bundesminister für Kunst und Kultur Werner Kogler durch Abwesenheit, als Bundespräsident Alexander van der Bellen bei der Eröffnung wertschätzende Worte für die Filmbranche fand. Auch zum Ende der wohl einzigen Großveranstaltung in Wien in diesem Herbst herrschte Stille. So sieht offenbar die Kulturpolitik im Jahr 2020 aus. Was soll man machen. Die Festivalleitung schreibt: „Trotz der um drei Tage verkürzten Dauer und der massiven Verringerung der Sitzplatz-Kapazitäten konnte die Viennale 42.000 Besucher*innen in den Kinosälen begrüßen. Das entspricht einer Auslastung von 74%.“

    Das Festival war kürzer, dafür waren fünf neue Kinos mit dabei: der Viennale Circuit. Leider wieder kein Multiplex Kino. Schon vor ein paar Jahren wurde das angedacht, um das Festival einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Gerade in diesem Jahr ist auch der Marktführer in Österreich bemüht, die Versorgung mit neuen Filmen zu gewährleisten. Platz wäre jedenfalls genügend gewesen.

    Produktionen aus den USA haben zum Teil gefehlt, ebenso wie Produktionen diverser Streamingdienste, allen voran der Marktführer Netflix, die sich in den letzten Jahren einen fixen Platz im Festivalzirkus errungen haben. Trotzdem: die Viennale bleibt der Ort, an dem man sensationelle Entdeckungen machen kann. Aus meiner Sicht war sie heuer weniger vorhersehbar und hat sich mir erst von Tag zu Tag erschlossen, was die ein oder andere Überraschung ermöglichte.

    14 Filme waren es in diesem Jahr. Davon zwei Kurzfilme, ein ungewöhnlich hoher Anteil an Dokumentationen und erfreulicherweise auch österreichischen Produktionen. Hier folgt Teil 2 des Überblicks (-> Teil 1 hier zum Nachzulesen):

    Kajillioniare (Miranda July, USA 2020)

    Kajillionaire ist erst der dritte Spielfilm der Autorin, Filmemacherin, Multimedia- und Perfomancekünstlerin Miranda July. Zwischenmenschliche Beziehungen sind bei July nichts weniger als bizarr. Eine Familie, bestehend aus Vater Robert (Richards Jenkins), Mutter Theresa (Debra Winger) und deren Tochter Old Dolio (Evas Rachel Wood) schlägt sich als betrügerisches Trio durchs Leben. Das Verhältnis zueinander ist gelinde gesagt distanziert, die Tochter hochgradig verhaltensgestört. Ein Überfall auf eine Postfiliale gleich zu Beginn trägt starke Züge von Perfromancekunst und gibt einen ironischen Ton vor. Trotz Armut und trostloser kalifornischer Industrieviertel ist Kajillionaire nämlich äußerst unterhaltsam. Bei einer Betrügerei gesellt sich Melanie (Gina Rodriguez) zur Familie und stell deren Leben auf den Kopf, natürlich ausgehend von einer an sich schon mehr als schrägen Konstellation.

    Nicht schrecklich nett, sondern schräg ist diese Familie (Kajillionaire .

    3.30PM (Ludwig Wüst, A 2020)

    Ein ebenso vielseitiger Künstler ist Ludwig Wüst. Seine Filme kommen mit minimalsten Mitteln aus und brechen mit unseren Sehgewohnheiten. Da kann ein Film schon mal aus einer fixen Kameraeinstellung bestehen. So geschehen in Tape End aus dem Jahr 2011. In seiner neuesten Arbeit 3.30PM verzichtet er gleich auf eine konventionelle Kamera und steckt einem seiner zwei Hauptdarsteller eine Spycam ins Knopfloch. Zwei Männer treffen sich nach vielen Jahren wieder in Wien und verbringen ein gemeinsames Wochenende. Beginnend auf einer der letzten Gstättn mitten in der Stadt, verfolgen wir die beiden bei einer lockeren Plauderei in den Prater und dann aufs Land.. Wüst vermag es mit seinen Geschichten trotz dieser stilistischen Reduktion zu fesseln. Neben den beiden Darstellern war nur noch der Tontechniker bei den Dreharbeiten mit dabei. Der Regisseur musste seinem Team – nach einem halben Tag Vorbereitung – komplett freie Hand lassen. Eine spannende Kinoerfahrung.

    Kamera abgelegt in 3:30PM von Ludwig Wüst.

    Effacer l’historique (Benoît Delépine/Gustave Kervern, F/BEL 2020)

    Eine Gruppe der Generation 40plus ist in dieser Komödie der zunehmenden Digitalisierung unseres Alltags nicht gewachsen. Die Digital Naiven, wie der deutsche Titel heißt, sagen Google & Co darauf den Kampf an. Eine Satire, bei der der Saal zweigeteilt war. In der linken Hälfte vielen manche vor lachen fast vom Sessel, recht herrschte Schweigen. Ich saß rechts.

    Effacer l’historique, Die digital Naiven, Delete History.

    Nomadland (Chloé Zhao, USA 2020)

    Fern (Frances McDormand) hat alles verloren. Ihren Mann, ihre Arbeit, ihren Wohnort. Nach der Schliessung einer Fabrik, wird die Postleitzahl der Kleinstadt Empire einfach ausgelöscht. Die Frau lebt nun in einem Van und verdingt sich als Tagelöhnerin. Das Jahr wird durch den Kreislauf diverser Jobs beistimmt. Vor Weihnachten arbeitet sie bei Amazon. Sie ist nicht allein: es gibt eine ganze Gruppe von Menschen, die wie Nomaden leben, ohne soziale Kontakte und ohne festen Wohnsitz. Im Laufe des Jahres kommt man dort und da zusammen, auch um der tristen Einsamkeit zu entgehen. Sie alle sind Opfer der in den USA vorherrschenden Rezession. Es ist ein eng mit der Natur verbundenes Leben. Die kalten, rauen und weiten Landschaften Nordamerikas spielen neben der großartigen McDormand ebenso eine Hauptrolle. Nach ihrem bereits beeindruckenden letzten Film The Rider (USA 2017), wird Zhao in dieser Award Saison hoffentlich endlich für ihre Arbeit gewürdigt. Den Goldenen Löwen in Venedig hat sie diesen Herbst schon erhalten.

    Eine Grußbotschaft von Chloé Zhao und Frances McDormand

    Epicentro (Hubert Sauper, A 2020)

    1898 explodiert der US-Zerstörer USS Maine im Hafen von Havanna. Für Hubert Sauper ist das der Ausgangspunkt seiner ungewöhnlichen Dokumentation über Kuba. Der Vorfall blieb lange ungeklärt, lieferte jedoch den Vorwand für den Krieg zwischen Spanien und den USA und prägt bis heute das Verhältnis der Karibikinsel und den USA. Sauper verknüpft die Geschichte Kubas mit jener der Kinematographie und im speziellen der des Propagandafilmes. Nicht nur die Beziehung zwischen den beiden Ländern, sondern das Leben auf der Insel selbst war und ist durch Propaganda bestimmt. Im Zentrum der Dokumentation stehen Kinder im Volksschulalter, die über die Geschichte ihres Landes reflektieren und darüber hinaus auch über die aktuellen politischen Verhältnisse in den USA erstaunlich gut Bescheid wissen. Der Film beschäftigt sich einerseits mit der realen Lebenssituation der Menschen, öffnet darüber hinaus mehrere Erzählebenen, die beispielsweise den Tourismus thematisieren und uns zahlreiche kleine Geschichten offenbaren. Es ist ein berührender Film über Träume und bittere Lebensrealitäten und es wäre keine Überraschung, wenn es Sauper ein weiteres Mal im Rennen um den Oscar auf die Shortlist für den besten Dokumentarfilm schaffen würde.

    Epicentro von Hubert Sauper.

    The Truffle Hunters (Michael Dweck/Gregory Kershaw, I/USA/GR 2020)

    In The Truffle Hunters prallen zwei Welten aufeinander: die alten Trüffelsammler, die um nichts in der Welt ihre geheimen Sammelplätze preisgeben möchten und die Händler, die um ihr Geschäft bangen. Ein melancholisch witziger Film über das Altwerden, über die Beziehung alter Männer zu ihren Hunden und dem drohenden Verschwinden einer alten Tradition in den Wäldern Norditaliens. Für Eva Sangiorgi ein Film, der exemplarisch zeigt, was die Viennale ausmacht.

    The Truffle Hunters bei der Arbeit


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • VIENNALE 2020 – HALBZEIT

    VIENNALE 2020 – HALBZEIT

    Kino findet statt! Die Viennale 2020 ist nichts weniger als ein organisatorischer Kraftakt aus Liebe zum Kino. Bis jetzt ist er absolut geglückt. Liebe Filmfreunde, nutzt die verbleibenden fünf Tage. Es könnte für ein gewisse Zeit die letzte Möglichkeit für ein Kinoerlebnis sein. 8 Filme in den ersten 5 Tagen (davon 2 Kurzfilme und 1 Dokumentation). Der Start war auch gleich sehr vielversprechend. Hier ein kurzer Überblick.

    Mads Mikkelsen in DRUK von Thomas Vinterberg

    Druk (Thomas Vinterberg, DK 2020)

    Bei Druk von Thomas Vinterberg und mit Mads Mikkelson in der Hauptrolle wurde viel gelacht. Vier Lehrer testen aus, ob ein durchgängig minimal erhöhter Alkoholspiegel ihr Leben bereichert. Eine tragische Ebene fehlt natürlich nicht. Der Filmladen bringt die Tragikomödie demnächst ins Kino.

    Kurt Girk in AUFZEICHNUGNEN AUS DER UNTERWELT

    Aufzeichnungen aus der Unterwelt (Tizza Covi/Rainer Frimmel, A 2020)

    Aufzeichnungen aus der Unterwelt ist eine Dokumentation über Alois Schmutzer und Kurt Girk. Zwei echte Wiener, deren Schicksal sie in den späten 1960er Jahren unverschuldet ins Gefängnis brachte. Unterhaltsam und ein aufschlussreicher Einblick in die damalige Justiz. Demnächst im Stadtkino.

    The Human Voice (Pedro Almodóvar, E 2020)

    Einen Kurzfilm hat Pedro Almodóvar diesmal gemacht. Nicht nur, weil Tilda Swinton die Hauptrolle im 30 minütigen The Human Voice spielt, möchten wir mehr davon. Swinton wie immer göttlich, optisch das Ganze ein Augenschmaus. (Constantin Film)

    Intimate Distances (Philip Warnell, GB/USA 2020)

    Ich habe bisher nicht oft den Kinosaal während eines Films verlassen. Der Kurzfilm Intimate Distances ist so ein Fall.

    Sidney Flanagan in NEVER RARELY SOMETIMES ALWAYS

    Never Rarely Sometimes Always (Eliza Hittman, USA 2020)

    In Never Rarely Sometimes Always ist die 17-jährige Autumn ungewollt schwanger. Gemeinsam mit einer Freundin macht sie sich von Pennsylvania auf den Weg nach New York, wo einer Minderjährigen der Abbruch auch ohne Zustimmung der Erziehungsberechtigten erlaubt ist. Die jungen Mädchen sind mit einem tief in der Gesellschaft verankerten Sexismus und sexuellem Missbrauch konfrontiert und werden auf ihrer schwierigen Reise völlig alleine gelassen. Inszeniert ohne große Dramatik. Das Thema alleine ist bestürzend genug. (Verleih: UIP Austria)

    Falling (Viggo Mortensen, USA 2020)

    Viggo Mortensen als Regisseur, Drehbuchautor und Komponist: In Falling übernimmt er sich leider. In dem Drama müssen er und seine Familie sich an deren homophoben rassistischen Vater abarbeiten. Ein Menschenfeind, wie er im Buche steht. Leider weiß Mortensen nicht, wohin er eigentlich möchte. Ein an sich vielversprechendes Thema tritt bald auf der Stelle. Irgendwann nerven die Eskapaden des Alten nur noch. (Filmladen Filmverleih)

    Willem Dafoe in SIBERIA

    Siberia (Abel Ferrara, I/D/MEX 2020)

    Siberia ist ein schwer zu entschlüsselndes Vexierspiel zwischen  Erinnerungen, Halluzination, Gewalt und Natur. Angelehnt an C. G. Jungs Notizsammlung „Das Rote Buch“ zeigt Abel Ferrara seinen derzeitigen Lieblingsschauspieler Willem Dafoe als Mann in der Isolation, der in der Wildnis von Visionen heimgesucht wird. Eine Herausforderung für das Publikum. Nicht wenige verlassen den Saal. (Filmladen Filmverleih)

    Katherine Waterston in THE WORLD TO COME

    The World to come (Mona Fastvold, USA 2020)

    Im Nordosten der USA Mitte des 19. Jahrhunderts ist The World to come angesiedelt. Das Leben wird durch die Jahreszeiten und die raue Natur bestimmt. Hier ist sie besonders gewaltig und beschwört die Aufbruchstimmung der Protagonistin heraus, die sich dem Publikum leider durch ein aufdringliches Voice-Over offenbart: Abigail (Katherine Waterston) fühlt sich der neuen Nachbarin Taille (Vanessa Kirby)  hingezogen. Ihre Gefühle werden erwidert. Doch es ist ein Zeitalter, in dem die Männer der beiden das letzte Wort haben. Sehr stimmiges Historiendrama mit einer intensiven Liebesgeschichte und vier tollen schauspielerischen Leistungen. (Polyfilm)


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • VIENNALE 2019 | Rückblick | Als das Foyer im Gartenbaukino ganz Wien aufgeheizt hat.

    VIENNALE 2019 | Rückblick | Als das Foyer im Gartenbaukino ganz Wien aufgeheizt hat.

    Die 57. Viennale ist vorüber. Es war die Zweite unter der Direktorin Eva Sangiorgi. Als einprägsamste Veränderung ist die, schon im Vorjahr vollzogene, Programmzusammenlegung von Dokumentar- und Spielfilmen geblieben. Schriftzug, Programmheft und Logo sind noch immer so, wie man es seit vielen Jahren gewohnt ist. Sogar die Abneigung gegenüber den, für die mediale Berichterstattung nicht unwichtigen, Stargästen ist noch da. Die Festivalzentrale im Museumsquartier liegt immer noch weit abseits von jeglicher Spielstätte. Das Publikum ist der Viennale treu geblieben: 92.100 BesucherInnen kann das Festival in diesem Jahr verbuchen. Somit hält man das Niveau der letzten Jahre.

    Dabei ist die persönliche Auswahl der Filme schwierig geworden. Neben der oben erwähnten Vereinigung von Dokumentar- und Spielfilmen, fehlen im Programmheft jegliche Hinweise darüber, auf welchen Festivals die Filme bisher gelaufen sind und ob sie dort Auszeichnungen erhalten haben. Die Viennale ist kein Premierenfestival, sondern gibt einen Überblick über das aktuelle Filmjahr. Das ist gut so. Somit können die Vorstellungen von allen besucht werden. Möchte man sich aber nun jene Filme herauspicken, die andernorts erfolgreich waren, ist eine aufwendige Recherche gefragt. So lief beispielsweise der Gewinner des Locarno Film Festival Vitalina Varela von Pedro Costa einmal im Filmmuseum und dann noch zu Mittag im Gartenbaukino. Kann man übersehen.

    Für viele sind somit die Vorstellungen um 18:00 und 20:30 im Gartenbaukino die erste Wahl. Auch in diesem Jahr konnte man so zahlreiche Highlights genießen. Oft heiß ersehnte Filme, die jedoch ohnehin in den nächsten Wochen und Monaten regulär im Kino anlaufen, wie zum Beispiel Booksmart, The Lighthouse oder Jo-Jo Rabbit und ein paar andere mehr. Die meisten übrigens in der ersten Festivalwoche. Überwiegend Produktionen aus den USA. Es sind auch jene, die am ehesten überzeugen konnten. Abseits davon Filme für sich zu entdecken, die einen begeistern, ist bei einer Auswahl von rund 300 Vorstellungen schwierig geworden.

    Beilagen von Zeitungen, wie Falter oder Standard, schaffen zumindest einen Überblick. Manche Regisseure, wie Woody Allen oder Olivier Assayas bekommen Screenings zur Primetime, unabhängig von der Qualität der jeweiligen Arbeiten. Aber gerade Woody Allen ist immer noch ein Garant für einen vollen Saal und darauf möchte man nicht verzichten. Selbst wenn er dabei sämtliche Bemühungen, das Festival weiblicher zu machen, mit seinem Frauenbild konterkariert.

    Zum Schluss sei noch die größte Überraschung des diesjährigen Festivals erwähnt. Ein Regisseur, der schon seit Jahren mit seinem eigenwilligen visuellen Bildstil und transzendendalen Themen das Publikum immer wieder auf die Probe gestellt hat, ist ins Salzburger Land gekommen, um mit einer österreichisch-deutschen Allstar-Besetzung die letzten Monate des Franz Jagerstätter mit August Diehl in der Hauptrolle zu verfilmen. A Hidden Life von Terence Malick ist nicht weniger als ein Meisterwerk geworden. Nicht nur, dass Schauspieler wie Tobias Moretti oder Karl Markovics zur Höchstform auflaufen, nutzt Malick seinen unverkennbaren Stil diesmal um eine starke Geschichte mit Relevanz zu erzählen und zwar so, dass man sich am Ende denkt: so und nicht anders. Wie die Menschen selbst im entlegensten Bauerndorf die Gunst der Stunde nutzen, um gegeneinander zu hetzen ist und die Familie eines Mannes diffamieren, der den Eid auf Adolf Hitler verweigerte, ist erschreckend. Die Qualen der Ungewissheit, die seine zurückgelassene Frau Franziska (Valerie Pachner) aushalten muss, fängt die Kamera von – erstmals – Jörg Widmer beeindruckend ein. Die Szenen rund um die Hinrichtung des mutigen Franz Jagerstätters sind ganz großes Kino und werden für immer unvergessen bleiben.

    Die Viennale bleibt also der Ort, an dem man so manchen Höhepunkt des Filmjahres zu aller erst zu sehen bekommt. Man muss vielleicht länger danach suchen als früher.


    Neueste Beiträge auf THE REEL THERAPIST

    ▶︎ DORA UND DIE GOLDENE STADT

    ▶︎ PARASITE

    ▶︎ JOKER

    ▶︎ A TOY STORY: ALLES HÖRT AUF KEIN KOMMANDO

    ▶︎ DER KÖNIG DER LÖWEN

  • V’19 |VII|THE CLIMB

    V’19 |VII|THE CLIMB

    Kurzbericht von der Viennale 2019

    Zum Abschluss ein Film über eine ungewöhnliche Männerfreundschaft. Ungewöhnlich ist in The Climb aber nicht nur die Beziehung zwischen Kyle (Kyle Marvin) und Mike (Michael Angelo Convino), sondern die Entstehungsgeschichte ebenso wie die Umsetzung. Ausgehend von einer Idee für einen Kurzfilm, die nun der Beginn des Filmes ist, haben die beiden Freunde in zwei Monaten das Drehbuch zu The Climb geschrieben.

    Unterteilt in 8 Kapitel erstreckt sich die Handlung über mehrere Jahre, in denen wir Höhen und sehr viele Tiefen dieser Beziehung zu sehen bekommen. Wobei Mike hier die Rolle des impulsiven und unberechenbaren Parts über hat und man sich immer wieder fragt, warum Kyle überhaupt mit ihm befreundet ist. Etwa, nach dem Mike gleich zu Beginn gesteht, dass er mit seiner zukünftigen Frau geschlafen hat. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass Mike sich zwischen Kyle und eine Frau stellt aber deren Beziehung scheint das auszuhalten.

    Der Film hat etwa 15 Szenen, die jeweils ohne Schnitt aufgenommen wurden. Die Kameraarbeit ist dabei sowohl präzise wie originell. Mal beobachtend und dann wieder mitten im Geschehen. Auch der Ton ist besonders hinsichtlich des Entstehungsprozesses sehr gelungen.

    Marvin und Convino standen nach der Vorstellung für ein Q&A zur Verfügung und es war einer jener Momente, wo diese halbe Stunde nicht nur aufschlussreich war, sondern den Film als solchen noch bereichert hat.

    Die beiden Filmemacher nennen Altman, Rohmer oder Sautet als Vorbilder. Sie lieben den französischen Film und Chansons. All diese Einflüsse sind zu spüren und doch haben sie mit The Climb etwas neues geschaffen, nämlich ein erfrischendes Buddymovie, der uns nicht nur zum Lachen bringt sondern auch ein autentisches Leinwandduo präsentiert, bei dem die Chemie einfach stimmt.

    [Ö-Start: 08.05.2020]


    Neueste Beiträge auf THE REEL THERAPIST

    ▶︎ DORA UND DIE GOLDENE STADT

    ▶︎ PARASITE

    ▶︎ JOKER

    ▶︎ A TOY STORY: ALLES HÖRT AUF KEIN KOMMANDO

    ▶︎ DER KÖNIG DER LÖWEN

  • V’19 |VI| A RAINY DAY IN NEW YORK | LA GOMERA

    V’19 |VI| A RAINY DAY IN NEW YORK | LA GOMERA

    Als Woody Allen Liebhaber hat man es nicht immer leicht. Eine Top-Besetzung und ein New York in warmen Herbstfarben täuschen hier nicht über teils haarsträubende Dialoge hinweg. Timothée Chalamet als Gatsby ist natürlich Allens Alter Ego und manche Gags wären tatsächlich witziger, kämen sie dem Regisseur selbst über die Lippen.

    A Rainy day in New York schwelgt in Nostalgie, die soweit führt, dass man fast glauben könnte, der Film spiele tatsächlich vor 50 Jahren. Das antiquierte Frauenbild passt jedenfalls in diese Zeit. Entweder sind es Prostituierte oder sie haben nicht immer die Kontrolle über sich. Die letzte Szene setzt dem ganzen die Krone auf.

    [Ö-Start: 5.12.2019]


    Nach und nach offenbart sich in diesem Neo-Noir-Polizeikrimi, warum der Polizist Cristi rund um die Uhr überwacht wird. Der Drogenfahnder kooperiert mit der Mafia und soll bei der Befreiung eines inhaftierten Geschäftsmannes helfen, der alleine über den Verbleib von 30 Millionen Euro Bescheid weiß. Dafür soll Cristi auf der Insel La Gomera die geheime Pfeifsprache der Inselbewohner lernen um so trotz Überwachung mit den Gangstern kommunizieren zu können. Dabei setzt sich die Geschichte mit der Zeit für das Publikum wie ein Puzzle zusammen. Am Ende führt die Reise nach Singapur in den Gardens by the Bay, wo man allabendlich ein schräges Klassikmedley über sich ergehen lassen kann.

    La Gomera ist der rumänische Beitrag für den Auslandsoscar 2020.

    [Ö-Start: 14.2.2020]


    Neueste Beiträge auf THE REEL THERAPIST

    ▶︎ DORA UND DIE GOLDENE STADT

    ▶︎ PARASITE

    ▶︎ JOKER

    ▶︎ A TOY STORY: ALLES HÖRT AUF KEIN KOMMANDO

    ▶︎ DER KÖNIG DER LÖWEN



  • V’19|V| JOJO RABBIT | MARRIAGE STORY

    V’19|V| JOJO RABBIT | MARRIAGE STORY

    Das war so nicht zu erwarten. Taika Waititis JoJo Rabbit ist eine Nazi-Persiflage, die nicht nur außerordentlich komisch ist, sondern noch dazu auf inhaltlicher Ebene überzeugt. Ob man über die Nazigräuel lachen darf, wurde schon oft diskutiert. Wer es nicht kann, sollte von dem Film die Finger lassen. Die es können, werden vor lachen fast vom Kinosessel fallen.

    Johannes „JoJo“ Betzler (Griffin Davis) ist ein Hasenfuß, gerade einmal zehn Jahre alt und ein überzeugter Nazi. Seine Mutter Rosie (Scarlett Johansson) verfolgt eine andere Agenda, die aber lange im Dunkeln bleibt. Jojo hat zwei beste Freunde. Einer davon ist Adolf Hitler (Taika Waititi), den er sich stets an seine Seite imaginiert. Jojo tut alles, um ein perfekter Nazi zu sein. Sam Rockwell als Nazi Captain und Tomasin McKenzie (bekannt aus Leave no Trace) als jüdisches Mädchen komplettieren das wunderbare Ensemble.

    Waititi wirft mit Vorurteilen jener Zeit nur so um sich, dass es eine Freude ist. Am Schluss setzt David Bowies Song „Helden“ dem ganzen die Krone auf.

    [Ö-Start: 23.1.2020 ]


    Mit Marriage Story kommt für kurze Zeit einer jener Filme des Jahres in die Kinos, bevor er im Dezember beim Streamingdienst Netflix abrufbar sein wird. Regisseur Noah Baumbach inszeniert, wie sich Scarlett Johansson und Adam Driver als Ehepaar durch ihre Scheidung verändern. Man sieht, wie die Situation sie dazu bringt, Dinge zu tun, die sie eigentlich gar nicht tun möchten. Mal ist es komisch und dann wieder niederschmetternd. Zu Beginn beschreiben sich die Beiden für den Therapeuten gegenseitig. Diese Beschreibungen am Anfang bringen den Kinosaal zum Lachen und genau diese werden das Publikum am Ende zu Tränen rühren.

    Hier passt einfach alles. Die Darsteller übertreffen sich gegenseitig, die Musik von Randy Newman bleibt in Erinnerung. Noah Baumbachs Drehbuch ist eine Chronologie dessen, wozu Menschen in einer Beziehung fähig sind, wenn die Liebe verschwunden ist. Als Beobachter ist man gleichzeitig in und her gerissen, wenn es darum geht, seine Sympathien für die beiden Hauptdarsteller zu verteilen.

    Marriage Story hat das Zeug zu einem Klassiker.

    [Ö-Start: 22.11.2019/Netflix: 6.12.2019]


    Neueste Beiträge auf THE REEL THERAPIST

    ▶︎ DORA UND DIE GOLDENE STADT

    ▶︎ PARASITE

    ▶︎ JOKER

    ▶︎ A TOY STORY: ALLES HÖRT AUF KEIN KOMMANDO

    ▶︎ DER KÖNIG DER LÖWEN

  • V’19|IV| THE LIGHTHOUSE | ZOMBI CHILD

    V’19|IV| THE LIGHTHOUSE | ZOMBI CHILD

    Kurzbericht von der Viennale 2019

    Mit betörend schönen Bildern und den finsteren Blicken seiner Hauptdarsteller lockt Regisseur Robert Eggers in sein zwei Personenstück. The Lighthouse wurde auf 35mm und in tiefstem Schwarzweiß gedreht. Das fast quadratische Filmformat 1.19:1 erlaubt kompakte Bildkompositionen, die jene in Cinemascope an Eleganz bei weitem übertreffen.
    In einem Leuchtturm auf einem Felsen arbeiten sich Willem Dafoe und Robert Pattinson bei Wind und Wetter an einander ab. Mangelnde Ernährung, Alkohol und Seefahrermythen tun das Übrige, um die Situation eskalieren zu lassen. Warum hat mich dieses intensive Kammerspiel trotzdem nicht berührt?

    [Ö-Start: 28.11.2019]



    Auf zwei Zeitebenen kombiniert Zombi Child die Kolonialgeschichte von Haiti und Frankreich mit der Offenheit der Bevölkerung des karibischen Inselstaats gegenüber dem Okulten. Im Haiti der 1960er Jahre werden Menschen mittels Vodoo in Zombies verwandelt und für die Arbeit auf den Zuckerrohrplantagen versklavt.

    In der Gegenwart versucht ein Mädchen aus Haiti in einem Pariser Eliteinternat für Angehörige von Legionären in der Klasse Anschluss zu finden. Es scheint eine Verbindung zum zweiten Erzählstrang zu geben. Alleine wollen sich diese zwei Ebenen leider nie zu einem Ganzen zusammenfügen.

    [Ö-Start: unbekannt/Stadtkino Filmverleih ]

  • V’19|III| BACURAU

    V’19|III| BACURAU

    Kurzbericht von der Viennale 2019

    In der nahen Zukunft treffen brasilianische Dorfbewohner in diesem Science-Fiction-Mystery-Thriller auf weiße Suprematisten-Touristen, die eine ganz besondere Safari gebucht haben. Dann verschwindet das Dorf plötzlich auf Google Maps.

    Bacurau kommt leider sehr unentschlossen daher, outet sich erst zu spät und kommt dementsprechend langsam in Fahrt. Als Unterhaltungsfilm nicht wirklich lustig, nimmt sich der Film selbst zu ernst und taugt auch nicht als Gesellschaftskritik.

    Der Film wurde inzwischen von der politischen Realität eingeholt und mausert sich in Brasilien zum Kulthit. Die  Fortsetzung ist bereits in Planung.

    Mit Sõnia Braga und Udo Kier.

    [Ö-Start:. unbekannt]


    Neueste Beiträge auf THE REEL THERAPIST

    ▶︎ PARASITE

    ▶︎ JOKER

    ▶︎ A TOY STORY: ALLES HÖRT AUF KEIN KOMMANDO

    ▶︎ DER KÖNIG DER LÖWEN

    ▶︎ ONCE UPON A TIME IN … HOLLYWOOD

  • V’19|II| UNE FILLE  FACILE | KNIVES AND SKIN

    V’19|II| UNE FILLE FACILE | KNIVES AND SKIN

    Kurzbericht von der Viennale 2019

    Eine malerische Bucht unter der Sommersonne der Côte d’Azur, gleich in der ersten Einstellung, lässt den vollen Kinosaal aufseufzen. Dann ein nackter Frauenkörper. Schweigen. Une fille facile zeigt gleich worum es auch gehen wird: einen Körper, so begehrenswert wie das türkise Meer. Aber nur vordergründig. 

    Was für die 22-jährige ihre Freizügigkeit, ist für den Reichen die Motorjacht und das Geld und den Teenager das Aufbegehren gegen die Mutter. In anderen Worten: sich frei zu fühlen. Kann es aber sein, dass der Schein trügt? Ist die Leichtigkeit nur Mittel zum Zweck, ein Akt des Überlebens? Kann man auch an einem der unfreisten Orte der freien Welt, nämlich einer Restaurantküche, glücklich sein?

    Une fille facile (dt. Das leichte Mädchen) braucht etwas Zeit aber dann kratzt der schwüle Sommerfilm an der Oberfläche. Regisseurin Rebecca Zlotowski erzählt von Sehnsüchten, sozialen Unterschieden und einer Vulgarität – einer körperlichen und einer materiellen – ohne je über jemanden zu urteilen.

    [Ö-Start: 29.11.2019]


    Ein Film, der sich jeglicher Einordnung verweigert. Das plötzliche Verschwinden eines Schulmädchens versetzt eine Kleinstadt in Unruhe. Der Fokus liegt hier auf den Schulfreundinnen und den Müttern.

    Knives and Skin ist wie Twin Peaks durch eine feministische Brille, mit Mystery-Elementen und in grellen Farben. Es wird gesungen. Etwas überambitioniert und ein Q&A mit der Regisseurin bringt auch nicht mehr Licht in die Sache. 

    [Ö-Start: unbekannt]


    Neueste Beiträge auf THE REEL THERAPIST

    ▶︎ PARASITE

    ▶︎ JOKER

    ▶︎ A TOY STORY: ALLES HÖRT AUF KEIN KOMMANDO

    ▶︎ DER KÖNIG DER LÖWEN

    ▶︎ ONCE UPON A TIME IN … HOLLYWOOD

  • V’19|I| BOOKSMART  | A HIDDEN LIFE

    V’19|I| BOOKSMART | A HIDDEN LIFE

    Kurzbericht von der Viennale 2019

    Die zwei Superstreberinnen Amy und Molly verbringen in BOOKSMART, dem Regiedebüt von Olivia Wilde, eine irrwitzige Nacht vor dem Schulabschluss voll unglaublicher Situationen und skurriler Charaktere. Begleitet von einem spitzen Soundtrack. Erfrischend schräg.

    [Ö-Start: 14.11.2019]


    Terence Malick verliert sich in A HIDDEN LIFE in einem Sprachenwirrwarr und geht in eine anstrengende Überlänge aber nachdem man den Film gesehen hat, ist es kaum vorstellbar, Franz Jägerstätters Geschichte anders zu erzählen, als in diesen poetischen Bildern.

    Ein Film, der uns mehr über uns selbst nachdenken lässt, als irgendein anderer der letzten Zeit.

    [Ö-Start: 31.1.2020]


    Neueste Beiträge auf THE REEL THERAPIST

    ▶︎ PARASITE

    ▶︎ JOKER

    ▶︎ A TOY STORY: ALLES HÖRT AUF KEIN KOMMANDO

    ▶︎ DER KÖNIG DER LÖWEN

    ▶︎ ONCE UPON A TIME IN … HOLLYWOOD