Kategorie: Streaming

  • ROMA ★★★★★

    ROMA ★★★★★

    Der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón hat seinen bisher persönlichsten Film gedreht. Aus Sicht seines Kindermädchens porträtiert er in atemberaubenden schwarzweiß Bildern den Alltag von Mexiko City in den sechziger und siebziger Jahren.

    Es gibt viele Möglichkeiten einen Film zu beginnen. Alfonso Cuarón zeigt Abwaschwasser, das schwallweise in einen Kanal rinnt. Minutenlang. Ein Flugzeug am Himmel spiegelt sich in der Pfütze und die Kamera öffnet sich zu einer Totalen, gefolgt von einem dieser langen Schenks, die in diesem Epos immer wieder kehren werden. Cleo reinigt die Einfahrt des gutbürgerlichen Hauses im Titel gebenden Stadtteil in Mexico City. In der engen Zufahrt parkt der Vater Antonio (Fernando Grediaga) jeden Abend mit fanatischer Genauigkeit millimetergenau sein Auto ein, während seine Frau Sofía (Marina De Tavira) mit deren vier Kindern geduldig und sehnsüchtig wartet. Eine heile Welt, wenn sich die Tore der Garage schließen.

    Cloe, gespielt von Yalitza Aparicio, ist Haus- und Kindermädchen mixtekischer Abstammung. Die Geschichte wird aus ihrer Sicht erzählt. Sie stellt Cuaróns einstiges Kindermädchen dar, das ihn in den sechziger und siebziger Jahren großgezogen hat. Nach dem Überraschungserfolg von Y Tu Mamá También in Venedig 2001 und dem technischen 3D-Meisterwerk Gravity 2013 kehrt der Regisseur zuerst für die Dreharbeiten in seine Heimat und dann nach Venedig zurück und holt sich in diesem Jahr seinen dritten Goldenen Löwen ab.

    Roma ist ein liebevolles Porträt von gesellschaftspolitischer Dimension. Zu Hause spielt sich bald ein Familiendrama ab. Cloe ist wie ein Hausgeist mittendrinnen und wird, obwohl selbst vom Schicksal nicht verschont, von der Familie völlig ignoriert, sobald sie selbst mit ihren eigenen Problemen zu sehr beschäftigt ist. Mitten durch das Wohnzimmer verläuft eine scharfe soziale Trennlinie.

    Cuarón beherrscht die leisen Töne und verleiht ihnen eine enorme Wucht, stellt dem Alltag historische Ereignisse gegenüber. Cloe wird während eines Einkaufes Zeugin des Corpus-Christi-Massakers, bei dem 120 Studenten von Militärs getötet wurden. Dabei bleibt die Kamera konsequent bei der Hauptdarstellerin und verleiht dem Moment eine unglaubliche Eindringlichkeit. Im quälend langsamen Kameraschwenks fühlt man sich als Zuschauer selbst wie gelähmt im Angesicht des tragischen Ereignisses.

    Cuarón spielt mit der Aufmerksamkeit des Publikums. In einer Szene in einem Kinosaal leitet er sie vom Geschehen im Vordergrund direkt auf den Film auf der Leinwand. Aufeinmal ist man mitten in einer Kriegskomödie. Im Zentrum des Filmes steht später eine herzzerreißend Spitalsszene mit Cloe. Eine schier endlos lange Kameraeinstellung, die kein Wegschauen zulässt und für viele ein Schock sein dürfte. Gegen Ende kommt es dann zu einer Wende, die an Dramatik kaum zu überbieten ist. Ebenfalls eine einzige Einstellung, im tosenden Meer.

    Der Sound ist neben den prächtigen durchkomponierten schwarzweiß Bilder in Cinemascope ein weiteres bemerkenswertes Detail. Wie oft kommt es in Zeiten von ausgeklügeltsten Surround Sounds schon vor, das man sich umdreht, weil man in den hinteren Reihen störende Plaudertaschen vermutet? Roma ist nicht nur ein erzählerisches Meisterwerk, sondern auch ein technisches.

    Alfonso Cuarón war der erste mexikanische Regisseur, der einen Regie-Oscar bekommen hatte. Gut möglich, dass er im nächsten Jahr wieder Geschichte schreiben wird. Roma geht für Mexiko ins Rennen um den Besten Fremdsprachigen Film. Dort darf er als Favorit gelten und obwohl die Nominierungen erst im Jänner bekannt gegeben werden, führt er bei den Buchmachern bereits die Kategorie Beste Regie an. Dabei zeichnet sich Cuarón noch für das Drehbuch, die Kamera und den Schnitt (mit Adam Gough) verantwortlich. Roma ist ein Ausnahmefilm. Gut möglich, dass sich das auch bei der Preisvergabe niederschlägt.

    Netflix hat die Produktion und den Vertrieb übernommen. In den nächsten Tagen kommt es zu einem limitierten Kinostart, bevor der Film nächste Woche auf der Streaming Plattform abrufbar sein wird. Ein Screening auf der großen Leinwand sei dringend empfohlen. Paradoxerweise kann sich gerade Roma nur dort richtig entfalten. In Italien kam es wegen der Restriktionen im Verleih zu einem Boykott durch Kinobetreiber. Eine besondere Situation, da der Film im Rahmen der staatlich subventionierten Filmfestspiele gelaufen ist und nun nicht flächendeckend verwertet werden darf. Das Kino befindet sich also im Umbruch. Mit Roma an der Spitze sind die Zeiten so schlecht nicht.

    Alfonso Cuarón | MEX/USA 2018 | 135 Min | [usr 5]

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  • THE BALLAD OF BUSTER SCRUGGS ★★★½

    THE BALLAD OF BUSTER SCRUGGS ★★★½

    Die Coen Brüder bestreiten in ihrem 18. Leinwandabenteuer neue Wege. Nicht nur, dass es bekanntlich gar kein Leinwandabenteuer im buchstäblichen Sinn mehr ist, auch in der Erzählweise und der Produktion gibt es große Veränderungen. Für das Publikum bedeutet das erstmal: ab auf die Couch.

    Eine Projektion auf der großen Leinwand blieb nämlich dem Publikum bei den Filmfestspielen von Venedig vorbehalten, wo der Film vergangenen August seine Premiere feierte. Im Gegensatz zu Alfonso Curóns Roma machte Netflix hier keine Ausnahme. The Ballad of Buster Scruggs wanderte direkt auf die Streaming Plattform. Eines darf als sicher gelten: dort haben Ethan und Joel Coen mit den Sehgewohnheiten von uns Couchpotatoes zu kämpfen. Ihr neuestes Werk setzt sich aus sechs Kurzfilmen zusammen. Der Abschaltimpuls dürfte daher hoch liegen. Dabei sollte man sich die Geschichtensammlung, in der sich die Coens als Gebrüder Grimm des Wilden Westens versuchen, auf jeden Fall bis zum Schluss anschauen.

    Ein blutroter Faden zieht sich durch die Geschichten von unterschiedlichster Länge. Das Regieduo hat seine tragikomischen Helden schon in der Vergangenheit immer wieder auf die skurrilste Weise sterben lassen. Der Kreativität scheinen auch jetzt keine Grenzen gesetzt. Es wird fleißig gestorben und wenn nur durch einen klassischen Schuss, dann verleiht die Vorgeschichte auch diesem jähen Ende eine zusätzliche Ebene der Betroffenheit.

    Auch in der technischen Umsetzung gingen die Coens neue Wege und drehten erstmals mit einer Digitalkamera. Vieles ist also neu. Dass ursprünglich eine Serie geplant war, spielt aber keine Rolle. Die Geschichten sind zwar nicht alle von gleicher Qualität, fügen sich aber schön zu einem Ganzen zusammen. Mit Tom Waits, Liam Neeson und James Franco versammelt sich das gewohnte Starensemble vor der Kamera. Wegen der Erzähltechnik sind alle aber nur in kurzen Rollen zu sehen. Tom Waits als Goldgräber sticht hier besonders hervor. Als er auf der Suche nach einer Goldader singend ein verlassenes Tal betritt, ergeifen sämtliche Tiere sogleich die Flucht. Die Figuren mögen oft dem Untergang geweiht sein und ihr Leben kurz, die Coens hegen ihnen gegenüber aber eine geradezu liebevolle Zuneigung, die sich auf dem Schirm(!) bemerkbar macht.

    Die letzte Episode „The Mortal Remains“ wurde, im Gegensatz zu den anderen, zur Gänze in einer Soundstage, also im Studio, gedreht. Die Kutschenfahrt hat nur scheinbar ein offenes Ende. Es ist genau das wonach es aussieht. Und wieder ist die Sammlung der Coens um einen Abgang reicher. Ein Ende, das viele Zuschauer nicht mehr sehen werden. Schade, sie haben etwas verpasst.

    Ethan and Joel Cohen | USA 2018 | 133 Min. | [usr 3,5]

    © Foto: Netflix

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  • SIE WERDEN MICH LIEBEN, WENN ICH TOT BIN ★★★★

    SIE WERDEN MICH LIEBEN, WENN ICH TOT BIN ★★★★

    Orson Welles, einer der großen des US-Kinos, hatte Zeit seines Lebens zahlreiche Filme nie fertig gestellt. Das ist die Geschichte der Odyssee seines letzten Filmes The Other Side Of The Wind mit John Houston in der Hauptrolle. Die Netflix-Produktion ist ein Portrait einer tragischen Figur, die Hollywood erst zu fest umarmt und dann fallen gelassen hatte.

    Was macht man, wenn sich einer der bedeutendsten Filmregisseure Hollywoods im eigenen Haus verschanzt und es dabei fast abfackelt? Peter Bogdanovich (The Last Picture Show, What’s up, Doc, Paper Moon) hatte seinem Freund Orson Welles sein Haus für die Dreharbeiten von The Other Side Of The Wind zu Verfügung gestellt, nachdem ihm das Geld für die Finanzierung ausgegangen war. Welles sollte mehr als drei Jahre bleiben.

    Die Dreharbeiten zogen sich von 1970 bis 1976 und der Schnitt bis in die 1980er. Für den Regisseur der wichtigste Teil des Filmemachens. Welles konnte den Film nie fertig stellen. Er starb 1985. Genauso wenig wie viele seiner anderen Filme, die unvollendet blieben, auch weil er an seinen Ambitionen scheiterte. Diese Dokumentation versucht dem nachzugehen. Welles war nicht nur Perfektionist, er konnte sich darüber hinaus nicht von seinen Projekten trennen. Der Schluss war für ihn immer traurig, außer man hörte auf zu erzählen, bevor die Geschichte zu Ende war.

    Mit nur 26 Jahren dreht er den Film, der von vielen als der beste aller Zeiten gesehen wird: Citizen Kane. Die Geschichte vom Zeitungsmagnaten mit dem berühmten letzten Wort lastete schwer auf seinen Schultern (David Fincher verfilmte in Mank die Entstehungsgeschichte). Das verbindet ihn mit Peter Bogdanovich. Auch er hatte seine größten Erfolge in jungen Jahren. Später wurde beiden nicht mehr die Anerkennung zu teil, die sie verdient hätten. Welles fühlte sich verraten. Citizen Kane bezeichnete er als den größten Fluch seines Lebens.

    In den 1980er endete die Produktion von The Other Side Of The Wind in einem Rechtsstreit. Durch eine Initiative von zahlreichen Filmschaffenden wie Wes Anderson und Noah Baumbach wurde er nun doch noch fertig gestellt. Diese Dokumentation ist nicht zufällig eine Netflix-Produktion. Der Streaming Dienst hat sich an die Vollendung von Orson Welles letztem Film gemacht. Ob Welles damit seine Freude gehabt hätte, sei dahingestellt. Das aus über 1000 Fragmenten zusammengesetzte Puzzle ist zumindest ein muss für jeden Cineasten (Filmbesprechung folgt). They’ll love me, when i’m dead, wie die Dokumentation im Original heißt, gibt auf jeden Fall einen spannenden Einblick in das Wesen eines passionierten Giganten der Filmgeschichte, für den jeder Tag, den er nicht auf einem Set verbrachte, ein verlorener war.

    Morgan Neville | USA 2018 | 98 Min | [usr 4]


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    Foto © Netlfix

  • THE CLEANERS ★★★★

    THE CLEANERS ★★★★

    IGNORE – DELETE – IGNORE – DELETE

    Sie sehen das, was wir nicht sehen. Sie sitzen tausende Kilometer weg von uns aber nur einen Mausklick von unseren Laptops und Smartphones entfernt. Die Content Moderatoren der Silicon-Valley-Konzerne.

    Schon mal gewundert, warum auf Facebook, Twitter, Youtube & Co ein Beitrag gelöscht wurde? Content Moderatoren in Manila sichten im Auftrag der Internetkonzerne gut 25.000 Bilder – pro Tag und Mitarbeiter. Menschen also, die in einem autokratischen System leben und völlig andere Moralvorstellungen haben. Sie handeln nach strikten Vorgaben und sind einer enormen psychischen Belastung ausgesetzt. Qualitätskontrolle gibt es praktisch keine, bzw. dient sie allein dazu Mitarbeiter unter Druck zu setzen.

    Über Zensur, das Spiel mit der Wahrheit, den Umgang mit Fakten und die tragischen Konsequenzen. Die Content Moderatoren sehen sich als Hüter der Welt, sind aber Teil eines Systems, das längst außer Kontrolle geraten ist.

    Diese Dokumentation lief gerade noch im Kino und ist jetzt bis 3. September 2018 bei Arte verfügbar.

    Link: Im Schatten der Netzwelt – The Cleaners

    Hans Block, Moritz Riesewieck | D/BRA/NL/I/USA 2018 | 88 Min. | [usr 4]

  • WEINER ★★★★

    WEINER ★★★★

    DER NETFLIX-TIPP

    Anthony Weiner ist ein charismatischer und eloquenter Politiker, der sieben Amtszeiten im Kongress von New York saß und durch seine emotionalen Reden landesweit Aufmerksamkeit erregte. So wie zum Beispiel mit seiner Rede anlässlich eines Gesetzesentwurfes für gesundheitliche Hilfe für Ersthelfer von 9/11. Ein wenig fühlt man sich an Matthias Strolz erinnert, wenn er die anderen Abgeordneten durch seine pointierte Rede auf die Palme bringt.

    Mit dieser Rede beginnt auch diese Dokumentation, die genauso eine klassische Komödie mit einem tragischen Helden sein könnte, wenn nicht alles wahr wäre, was wir hier zu sehen bekommen. 2011 ist seine Karriere vorerst beendet. Auf seinem Twitter Account taucht ein vermeintliches Foto seiner Nudel auf. In Unterhosen zwar aber das reicht in den USA für einen handfesten Skandal. Da nützt es nichts, dass er behauptet, sein Account wurde gehackt. Weniger später muss er ohnehin zugeben, dass das Foto von ihm stammt.

    Huma Abedin ist Weiners Ehefrau und steht entsetzt neben ihm. Die Kamera ist nämlich immer dabei und man fragt sich, wie ist das möglich? Warum gibt es diese Dokumentation überhaupt? Warum läßt Weiner dies zu? Sie wird den ganzen Film über zu ihm stehen. Obwohl sie noch einiges mehr ertragen muss und obwohl sie die engste Mitarbeiterin von Hillary Clinton ist und auch ihre Karriere auf dem Spiel steht. Einmal bittet Weiner dann doch den Kameramann den Raum zu verlassen um sich mit seiner Frau auszusprechen. Man ist fast froh darüber, wenn man ihren Blick sieht. Huma, wie sie liebevoll von der Öffentlichkeit genannt wird, ist eine toughe Frau, die über Jahre nicht von seiner Seite weicht. Sie wird ihn erst 2016 verlassen, lange nachdem die Handlung der Dokumentation endet.

    Zwei Jahre später, im Jahr 2013, kandidiert Weiner für das Amt des Bürgermeisters von New York. Er geht mit einem soliden Vorsprung von über 35% ins Rennen. Er stellt sein Wahlkampfteam zusammen, sammelt erfolgreich Spendengelder. Alles verziehen, die Menschen jubeln ihm zu. Bekanntlich wurde er nicht Bürgermeister. Weiner erreichte bloß 4,94%. Warum? Die Dokumentation schildet es detailreich. Manchmal möchte man dabei verlegen im Sofa versinken.

    Weiner handelt zum einen von der Doppelmoral der Amerikaner. Jeder Fehltritt wird dankend angenommen und in den Medien tagelang ausgekostet. Inhalte spielen überhaupt keine Rolle mehr. Da die Kamera über einen längeren Zeitraum immer mit dabei war, erhält man einen spannenden Blick hinter die Kulissen einer Wahlkampfmaschinerie. Taktische Überlegungen stehen hier an der Tagesordnung. Und Weiner selbst? Was treibt ihn an? Ist er rein geltungssüchtig? Warum kann er nie einen Schritt zurücktreten? Er weiß nicht wann es genug ist und hält, als ihm das Wasser bist zum Hals steht, auch noch sein Kind in die Kameras.

    Zum Vorteil des Publikums, das bestens unterhalten wird.  2016 lief Weiner bei der Viennale und seit einiger Zeit ist er bei Netflix verfügbar.

    Josh Kriegman, Elyse Steinberg | USA 2015 | 96 Min. | [usr 4]

  • 78/52

    78/52

    Es ist die berühmteste Szene der Filmgeschichte. Als Alfred Hitchcock im Jahr 1960 seine Hauptdarstellerin Janet Leigh in „Psycho“ nach nur 40 Filmminuten regelrecht abschlachten ließ, war es für das Publikum ein Schock. Noch dazu in der Badewanne, just in dem Moment, wo sie zum ersten Mal glücklich ist! Niemand war zu Hause in der Dusche mehr sicher. Der Regisseur Alexandre O. Philippe widmet dieser Szene gleich einen ganzen Film.

    Der „Master of Suspense“ brach mit allen Sehgewohnheiten und setzte auf den Überraschungseffekt: Surprise statt Suspense. Die Szene setzt sich aus 78 Einstellungen und 52 Schnitten zusammen und dauert kaum 2 Minuten. Trotzdem markiert sie eine Wende. Nach den großen Technicolor Produktionen der 1950er Jahre begann ein dunkles Zeitalter. Zum ersten Mal war eine Frau einem derartigen Angriff ausgesetzt. Obwohl es kaum Blut und keine Messerstiche zu sehen gibt, wurde die Szene als äußerst brutal empfunden. Nur das Geräusch der Einstiche ist zu hören. Ein brutaler Mord konnte von nun an ein Teil von Unterhaltung sein und ein Mörder die Hauptfigur. Der Slasher-film war geboren.

    Die Dokumentation folgt im Aufbau dem Film. Ebenfalls in schwarz-weiß Bildern schildern Theoretiker, Zeitzeugen und Schauspieler ihre Eindrücke dieses Kinomoments. Es kommt unter anderen Jamie Lee Curtis, die Tochter von Janet Leigh, ebenso zu Wort, wie Guillermo del Toro, Bret Easton Ellis, Eli Roth, Peter Bogdanovich und Marli Renfro, das damalige Bodydouble von Janet Leigh. Regisseur Philippe, der schon einen Film über George Lucas ohne George Lucas gemacht hat, musste diesmal auf Gus Van Sant verzichten. Der hatte 1998 Szene für Szene penibel genau nachgedreht. Daran ist er gescheitert, wie er sich selbst eingestehen musste. Weder Schnitte, noch Atmosphäre des Filmes waren reproduzierbar. Ein Moment von „movie magic“ sozusagen. Der Filmkritiker Leonard Maltin ging so weit, den Film nicht als Remake, sondern als Beleidigung am Original zu bezeichnen. Eine Kooperation bei dieser Dokumentation hat Van Sant verweigert.

    Eine detektivische Aufarbeitung der Szene mit dem ebenso legendären stakkatohaften Streichern von Komponist Bernhard Herrmann, die für immer ihren Platz in der Filmgeschichte haben wird. Ein Muss für Filmenthusiasten.

    Alexandre O. Philippe USA 2017 91 Min.

     

  • OSCAR nominierte Filme für das Wohnzimmer!

    OSCAR nominierte Filme für das Wohnzimmer!

    Mit gleich vier Nominierungen für Mudbound kann Netflix einen großen Erfolg für sich verbuchen: Bestes adaptiertes Drehbuch, Beste Kamera und erstmals ist mit Mary J. Blige eine (Neben)Darstellerin gleichzeitig für den Besten Song nominiert.

    Ebenso auf der Streamingplattform sind folgende nominierte Dokumentationen verfügbar:

    Icarus
    Strong Island
    Heroin(e)

    Details folgen demnächst.

  • DER KLEINE PRINZ

    DER KLEINE PRINZ

     

    „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ sagt der Fuchs zum kleinen Prinzen.

    …

    Die mit Liebe zum Detail gestaltete Neuinterpretation des Literaturklassikers verknüpft die bekannte Geschichte mit der eines kleinen Mädchens und dem Piloten und Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry. Die französische Produktion ist von US-Animationsfilmen stark beeinflusst und verbindet auf charmante Art und Weise Computeranimation mit der analogen Stop-Motion Technik.

    Der Film ist eine Ode an die Phantasie und erzählt davon, wie bedeutend es ist, das Kind in sich selbst zu bewahren. Genug Grundlage für philosophische Diskussionen mit Kindern ab 8 Jahren.

     

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    Mark Osborne | FR 2015 | 108 Min.

  • MUDBOUND

    MUDBOUND

    Zwei Männer schaufeln im strömenden Regen eine Grube in den Schlamm. Ein Grab für den Vater. Einer ersäuft beinahe in dem sich mit Wasser füllenden Loch. Die Bedeutung dieser Szene erschließt sich freilich erst gegen Ende des Filmes. Sechs Jahre zuvor, es ist das Jahr 1939, entschließt sich Henry McAllan (Jason Clark) mit seiner Familie von Memphis nach Mississippi zu übersiedeln. Wohnraum ist teuer in der Stadt, so kauft er sich ein Stück Land. Dort angekommen, muss Henry feststellen, dass er es beim Kauf mit einen Betrüger zu tun hatte. Anstelle in das Haus des Grundbesitzers zu ziehen, muss er mit Frau Laura (Carey Mulligan), Kindern und Vater (Jonathan Banks) mit einer Holzhütte vorlieb nehmen.

    Schon wieder ein Südstaatendrama! „Mudbound“ wählt aber eine neue Perspektive. Die McAllans, allen voran der rassistische Vater Pappy, sind arm. Sie leben und arbeiten im selben Dreck wie die Familie Jackson, die schwarzen Angestellten auf der Plantage und müssen mit den gleichen Unzulänglichkeiten des Lebens zurecht kommen. Sie sind hilflos dem Wetter ausgesetzt. Selbst als starker Regen beider Existenz bedroht, bleiben sie in ihren angestammten Rollen und die hierarchische Struktur aufrecht.

    1941. Die Nachricht vom Kriegseintritt der USA erreicht auch Mississippi. Henrys Bruder Jamie (Garrett Hedlund) und Florence Jackson (Mary J. Blige) Sohn Ronsel (Jason Mitchell) ziehen in den Krieg. Am Ende kehren sie als Kriegshelden zurück. Im Krieg sind alle gleich. In Mississippi ist die Zeit aber stehen geblieben. Rassentrennung und Rassenhass bestimmen das Leben in den Südstaaten. Jamie und Ronsel können sich beide nicht mehr in die für sie rückständige Gesellschaft einfügen. Traumatisiert von den Kriegserlebnissen und mit ihren Problemen alleingelassen, entsteht eine Freundschaft, die es eigentlich nicht geben darf.

    Aus dem Off erzählen gleich fünf Charaktere ihre Sicht der Dinge und ermöglichen, die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Das erinnert Phasenweise an Filme von Terence Malick, ebenso wie die Kameraschwenks über stille Landschaften und die Zeitsprünge in der Handlung. Regisseurin Dee Rees ist ein stimmiger Film in wunderbaren Bildern und satten Farben gelungen, der dem Genre durchaus Neues hinzufügen kann.

    Es ist müßig, wegen jedes neuen Filmes die Vertriebsstrategie von Streaming Diensten zu diskutieren. Netflix wird „Mudbound“ den nötigen Kinostart verschaffen, um den Anforderungen der Oscar Academy gerecht zu werden. „Mudbound“ ist ein großartiger Film und man munkelt, dass durchaus Chancen auf eine Berücksichtigung bestehen. Gut möglich, dass dies ein Oscar-Crasher wird.

    Dee Rees USA 2017 134 Min.

     

  • UNSERE SEELEN BEI NACHT

    UNSERE SEELEN BEI NACHT

    Addie Moore (Jane Fonda) und Louis Waters (Robert Redford) sind verwitwet und seit vielen Jahren Nachbarn am Rande einer US-Kleinstadt. Kontakt hatten sie in all den Jahren keinen, umso sprachloser ist Louis, als seine Nachbarin eines Abends mit einer ungewöhnlichen Bitte an seine Türe klopft.

    Beide sind im realen Leben um die 80 Jahre alt und versuchen das im Film erst gar nicht zu verbergen. „Unsere Seelen bei Nacht“ thematisiert Einsamkeit im Alter und den sozialen Druck, dem alte Menschen ausgesetzt sind, weil ihnen die Gesellschaft bestimmte Rollen zugeschrieben hat und sie schon ins Abseits gestellt hat. Darüber wird im Allgemeinen nicht viel gesprochen aber der Film schildert auf eine präzise wie unterhaltsame Weise die zaghafte Annäherung von Addie und Louis. Sie kümmerte sich nie darum, was andere denken und er wiederum braucht etwas, um sich schließlich von gesellschaftlichen Zwängen lösen zu können.

    Es ist auch eine Geschichte vom Überleben. Dem Überleben derjenigen, die einem am nächsten sind und dem Umgang mit der eigenen Vergangenheit, die einen immer wieder aufs Neue einholt.

    Ganz großes Kino könnte man meinen. „Unsere Seelen bei Nacht“ ist aber eine Netflix Produktion und somit absofort bequem zu Hause zu sehen.

    Genau 50 Jahre nach ihrem ersten gemeinsamen Leinwandauftritt „Barfuß im Park“, der ist übrigens auch gerade auf Netflix verfügbar, hatte „Unsere Seelen bei Nacht“ bei den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig ohne großes Aufsehen Premiere. In der jüngsten Zeit hatte sich die Diskussion darüber zugespitzt, was auf einem Festival gezeigt werden darf. Wenn es für die großen Filmstudios nicht mehr rentabel genug ist, zwei alternden Hollywoodstars einen Auftritt auf der großen Leinwand zu ermöglichen, sollte man Netflix für diese rührende romantic comedy dankbar sein.

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    Ritesh Batra USA 2017 103 Min.