Kategorie: Streaming

  • AMERICAN FACTORY ★★★★½

    AMERICAN FACTORY ★★★★½

    Dieser Netflix Dokumentarfilm, produziert von Michelle und Barack Obama, zeigt, wie die Arbeiterschaft in Zeiten von Automatisierungsprozessen und Globalisierung unter die Räder gerät. Erst schließt General Motors ein Werk in Ohio und tausende Menschen verlieren ihren Job. Dann übernimmt ein chinesischer Konzern die Fabrik und gründet eine Niederlassung in den USA. Was sich erst als Rettung in der Not darstellt, entpuppt sich in American Factory bald als Sackgasse. Der neue Investor hat so ganz andere Vorstellung vom Umgang mit den Rechten der ArbeiterInnen..

    Der Druck ist vom ersten Tag groß. Maßstab für die Produktionsleistung und Qualität der Windschutzscheiben, die hier bei Fuyao Glas America produziert werden, ist der Mutterkonzern in China. Das Leben wird dort durch die Arbeit bestimmt. Das eigene Ich tritt in den Hintergrund. Urlaub gibt es so gut wie keinen. Genauso wenig wie irgendwelche Sicherheitsvorkehrungen und sonstige Arbeiterrechte.

    American Factory handelt von einem Clash of Cultures, der manchmal witzig sein kann und gleichzeitig schockierend ist. Arbeiter aus China werden extra dafür abgestellt, die amerikanischen Kollegen einzuweisen und zu beaufsichtigen. Es entstehen Freundschaften die oft mit einer gewissen Skepsis einhergehen. Zumindest entsteht der Eindruck, die Chinesen hielten die Amis alle für Vollhoschis.

    So amüsant manche Begegnung auch sein mag, so ernst ist der Hintergrund. Eines macht der Investor von Anfang an klar: Kommt die Gewerkschaft, sperrt er zu. Ein interner Kampf beginnt und am Ende wird nicht jeder seinen Job behalten können. Da ist die Konzernführung skrupellos.

    Hinzu kommt eine ständige Steigerung der Produktivität, die nur durch Automatisierung erreicht werden kann. Roboter ersetzen Arbeiter. Ein Problem das in nächster Zeit weltweit hunderte Millionen ArbeiterInnen betreffen wird. American Factory zeigt das auf. Ein Film, über ein Problem, für das es bis jetzt keine Lösung gibt. Eine Tragikomödie, die man gesehen haben sollte.

    AMERICAN FACTORY | STEVEN BOGNAR, JULIA REICHERT | USA 2019 | 110 MIN. | [usr 4.5]

    Netflix hat ein 10 minütiges Gespräch zwischen Barack und Michelle Obama und dem Regieduo auf die Plattform gestellt. LINK [$]


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  • THE REPORT ★★★½

    THE REPORT ★★★½

    „Papier macht nur Ärger.“ Als der Senatsmitarbeiter Daniel Jones (Adam Driver) seinen neuen Arbeitsplatz in einer geheimen CIA Aussenstelle betritt, fällt ihm sofort auf, dass es hier weder Drucker noch Papier gibt. Es ist ein neonbeleuchteter fensterloser Raum mit schwerer Eisentür, in dem sich nur Schreibtische mit Lampen und Computern befinden. Nichts soll diesen Raum verlassen, so ein CIA Mitarbeiter. Im Auftrag der Senatorin Dianne Feinstein (Annette Bening) soll Jones hier den, von der Bush Administration im Rahmen des Krieges gegen den Terror bewilligten und durchgeführten, „enhanced interrogation techniques“ auf den Grund gehen. Gemeint sind die in den geheimen CIA Foltergefängnissen vollzogenen Verhöre von Terrorverdächtigen. The Report ist eine wahre Geschichte über einen Beamten, der am Ende einen 7.000-seitigen Bericht erstellte und damit eine Diskussion über die humanitären Werte der US-amerikanischen Gesellschaft in Gang brachte und die Frage aufwarf, wodurch sie sich von ihrem eigentlichen Feind unterscheidet.

    Aber der Reihe nach. 2007 berichtet die New York Times davon, dass die CIA Verhörprotokolle von mutmaßlichen Al-Quaida Mitgliedern vernichtet haben soll. Die kalifornische Senatorin Feinstein beauftragt ihren Mitarbeiter Jones eine Untersuchung durchzuführen und dabei Millionen Seiten an Verhörprotokollen zu studieren. Um ihr Anliegen durchzusetzen, soll sein Team je zur Hälfte aus Demokraten und Republikanern bestehen. In jahrelanger zermürbender Arbeit, die immer wieder von Außen zu boykottieren versucht wird, arbeiten sie sich durch die Dokumente. Nach und nach verliert Jones seine Mitarbeiter und steht am Ende alleine da. 2014 wird eine 500-seitige Zusammenfassung des Berichts veröffentlicht. Der gesamte Bericht ist bis heute unter Verschluss.

    Im Kern befasst sich der Bericht damit, ob diese Methoden, die unter anderem durch das Waterboarding und die Fotos aus Abu Ghuraib zu unrühmlicher Bekanntheit gelangten, tatsächlich zu neuen Erkenntnissen zur Verhinderung von weiteren Terrorattacken führten. Die CIA beruft sich auf pseudowissenschaftliche Untersuchungen von zwei Air Force Psychologen, die dies bestätigen sollen. Denn nur dann sind derartige Methoden verfassungskonform. Dabei ist schon seit den 1970er Jahren bekannt, dass Geständnisse unter solch unmenschlichen Bedingungen anzuzweifeln sind.

    In einer Szene läuft Kathrin Bigelows Zero Dark Thirty im Fernsehen. The Report ist auch als mahnende Weiterführung des Themas zu verstehen. Bigelow erlaubte sich in ihrem Film gewisse Freiheiten und hielt sich nicht ganz an die Realität. Vor allem wenn es darum ging, ob es nun relevante Erkenntnisse durch Folter gab oder eben nicht. Ein entscheidendes – wenn auch nur juristisch relevantes – Detail. Bigelow wurde für die explizite Darstellung der Folterszenen kritisiert. Was 2012 schon fragwürdig war, ist es 2019 erst recht. The Report spart seinerseits ebenso nicht mit ausführlichen Folterszenen (vor allem denen des ersten Folteropfers Abu Zubaydah (Zuhdi Boueri)) und da stellt sich die Frage, ob dies notwenig ist. Es gibt sehr wohl andere und effizientere Gestaltungsmöglichkeiten, um die Brutalität von Folter anzuprangern, als sie in vollem Grauen zu zeigen. Hier ist Kritik am Drehbuch von Regisseur Scott Z. Burns angebracht.

    Darüber hinaus ist The Report ein solider und spannender Politthriller, der das Beamtentum hochhält. Menschen wie Daniel Jones und Dianne Feinstein stehen exemplarisch dafür, was eine Demokratie ausmacht. Selbst wenn ganz oben oder an Schlüsselstellen eines Staates grobe Fehler passieren, gibt es eine Kontrollinstanz. Auch wenn Missstände nur rückwirkend und sehr schleppend aufgedeckt werde, so entfachen sie doch eine Diskussion darüber, was geht und wo die Grenzen sind.

    Adam Driver spielt sich gerade im Charakterfach ganz nach oben. Es ist auch hier gerade seine ungelenke Art und sein alles andere als filmstarmäßiges Auftreten, das seiner Rolle die notwendige Ernsthaftigkeit und Authentizität verleiht. Ein einfacher Beamter. Im ersten Moment blass aber dann trotzdem bestimmt und energisch.

    Die immerwährende Frage, ob man aus der Geschichte etwas gelernt hat, darf auch in diesem Fall bezweifelt werden. Neben den beiden Air Force Psychologen war auch die CIA Mitarbeiterin Gina Haspel bei den Folterungen anwesend. Haspel ist seit 2018 als erste Frau Direktorin des zentralen Nachrichtendienstes CIA.

    Verfügbar bei Amazon Prime.

    THE REPORT | SCOTT Z. BURNS | USA 2019 | 120 Min. | [usr 3,5]


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  • ATLANTIQUE ★★★★

    ATLANTIQUE ★★★★

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    [icon name=“exclamation-triangle“] Kann Spoiler enthalten

    In Dakar, der Hauptstadt des Senegal, fordert eine Gruppe von Bauarbeitern ihren Lohn ein. Oft ist es das einzige Familieneinkommen und somit die Existenzgrundlage. Der Baustellenleiter kann ihnen jedoch kein Geld aushändigen. Die Männer treffen eine folgenschwere Entscheidung. Atlantique ist das Spielfilmdebüt der Regisseurin Mati Diop. Ein Name, den man sich merken sollte.

    Zu Beginn treffen sich Ada (Name Binet Sane) und Suleiman (Traore) in einem Rohbau am Meer. Das Liebespaar befinden sich in einer verzweifelten Lage. Die Familie von Ada hat sie einem Mann versprochen. So möchte es die Tradition. Einen Fremden zu heiraten ist für Ada ein Alptraum. Suleiman schaut immer wieder aufs Meer hinaus und scheint abwesend. Der Blick in den Horizont hat für jeden eine andere Bedeutung, wie sich bald herausstellen wird.

    Geschichten über Migration werden meist aus Sicht der Menschen auf der Flucht erzählt und spielen jedenfalls fast immer auf europäischem Boden. Hier findet Diop jedoch einen völlig neuen Zugang. Was ist mit den Frauen die zurückbleiben, wenn sich die Männer in ein kleines Boot setzen und in den Atlantik hinaus steuern?

    Suleiman und die anderen verschwinden in der folgenden Nacht. Kurz darauf wird Ada verheiratet und da beginnen auch die merkwürdigen Ereignisse. Das Ehebett geht in Flammen auf. Angeblich hat jemand Suleiman gesehen. Regisseurin Diop schlägt einen Weg ein, der das breite Publikum im ersten Moment durchaus verschrecken könnte. Seltsames passiert mit den Frauen. In die harte Realität mischen sich in Atlantique übernatürliche Elemente von lokaler Spiritualität. Am Ende macht dieser Kunstgriff durchaus Sinn.

    Das Debüt der französischen Regisseurin Mati Diop, gedreht in der Sprache Wolof, wurde in Cannes 2019 mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet. Darüber hinaus steht der Film auf der Short List für den Auslandsoscar 2020. Netflix hat sich die weltweiten Rechte gesichert, bewirbt den Film aber leider nicht. So verkommt er irgendwo in den Weiten des Streamingdienstes. Völlig zu unrecht. Neben überzeugenden Darstellern, die teils zum ersten Mal vor der Kamera stehen, ist der Soundtrack von Fatima Al Qadiri erwähnenswert. Atlantique findet einen mythisch-poetischen Weg, um sich mit dem Thema transkontinentaler Migration auseinanderzusetzen und ist dabei höchst erfolgreich.

    MATI DIOP | ATLANTIQUE (engl. Atlantics) | F/SEN/BEL 2019 | 104 Min. | [usr 4]



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  • DIE ZWEI PÄPSTE ★★★★½

    DIE ZWEI PÄPSTE ★★★★½

    Im Vatikan gibt es immer genügend Fanta auf Vorrat. Es ist das Lieblingsgetränk des emeritierten Papstes Benedikt XVI. Mit seinem Rücktritt hat der Papst im Jahr 2013 die ganze Welt überrascht. Der letzte Papst davor trat vor rund 500 Jahren zurück. Meist passierte das auf Druck von außen und nicht alters- oder gesundheitsbedingt. Benedikt XVI ist der zweite Papst, der freiwillig zurückgetreten ist, in der immerhin 2000 Jahre andauernden Geschichte des Pontifikats. So begibt es sich nun, dass im Vatikan zwei Päpste miteinander Fanta trinken können. Wieviel Leidenschaft bei seinem Nachfolger Franziskus dahinter steckt, ist nicht überliefert. So der so bietet diese außergewöhnliche Situation die Grundlage für Fernando Meirelles neuen Film Die zwei Päpste.

    Die Handlung fokussiert sich auf das Jahr 2012, als Kardinal Jorge Bergoglio von Argentinien nach Rom reist, um dem Papst seinen Rücktritt anzubieten. Gesundheitlich angeschlagen, ist dies nicht unüblich, um einer möglichen Wahl zum Papst zuvorzukommen. Beim der letzten Konklave im Jahr 2005 erhielt Bergoglio laut Insiderinformationen (das Wahlergebnis ist geheim) 40 der 115 Stimmen. An sich galt seine Wahl als eher unwahrscheinlich, auch wegen des hohen Alters (Zur Zeit seiner Wahl war Bergoglio 76 Jahre alt und somit nur 10 Jahre jünger als Benedikt XVI). Außerdem wusste auch Bergoglio noch nichts von Papst Benedikts großen Plänen.

    Benedikt hält seinen Besucher hin und möchte das Ansuchen partout nicht unterschreiben. Aus dem kurzen Besuch wird eine längere Begegnung, bei der sich die Beiden über Tage austauschen und ihre Positionen in Glaubensfragen diskutieren. In Die zwei Päpste vermischen sich dabei Realität und Fiktion. Allerdings wird der Film nur selten unglaubwürdig und stützt sich auf bekannte Positionen, Aussagen und Insiderwissen. Grundlage ist der Roman Die zwei Päpste: Franziskus und Benedikt und die Entscheidung, die alles veränderte von Antony McCarten, der auch das Drehbuch zum Film verfasst hat.

    Der Film thematisiert, wenn auch teilweise nur kurz, die großen Probleme der katholischen Kirche der letzen Jahre, wie den Kindesmissbrauch oder den Skandal um die Vatikanbank. Der Jesuit Bergoglio ist ein großer Zweifler seiner selbst und in Rückblenden sieht man woher diese kommen. Nicht restlos geklärte Verstrickungen mit der Junta während der Militärdiktatur in Argentinien lasten auf seinen Schultern.

    Getragen wird der Film aber von seinen formidablen Hauptdarstellern. Anthony Hopkins als Benedikt und Jonathan Pryce als Bergoglio geben ein traumhaftes Duo ab. Beide gehen ganz in ihren Rollen auf. Pryce hat nie die Anerkennung erfahren, die ihm zusteht und ist hier in der Rolle seines Lebens zu sehen. Hopkins knüpft an seine großen Erfolge an, die bereits lange zurück liegen. Es ist eine Freude, den beiden bei ihrem pointierten Schlagabtausch zuzuhören.

    In der Originalversion sprechen die beiden Englisch miteinander. Auch sonst legte Regisseur Meirelles Wert darauf, das Sprachengemisch, in dem wir leben, möglichst realistisch darzustellen. So gibt es Passagen auf Deutsch, Latein, Spanisch und Latein. Selbst in der deutschen Fassung ist der Film daher nicht vollständig synchronisiert. Das und eingeschobenes Archivmaterial verleihen dem Film eine große Authentizität.

    Die zwei Päpste ist unterhaltsam und auf eine gewisse Weise spannend zugleich. Auch wenn die Ereignisse und Positionen rund um dem Rücktritt selbst weniger Interessierten bekannt sein dürften, gibt der Film einen Einblick in ein Amt, das keiner inne haben möchte und versucht den Menschen hinter den dicken Mauern des Vatikans näher zu kommen. Netflix ist in diesem Jahr zum wiederholten Mal ein Glücksgriff gelungen, wobei man schon davon sprechen muss, dass System dahinter steckt, hochqualitative Unterhaltung zu produzieren.

    Die zwei Päpste (OT: The two Popes) | Fernando Meirelles | UK/USA/IT/ARG | 126 Min. | [usr 4.5]


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  • ICH HABE MEINEN KÖRPER VERLOREN ★★★★

    ICH HABE MEINEN KÖRPER VERLOREN ★★★★

    Ein amputierte Hand auf der Suche nach einem Körper. Obwohl der Aufwand zum Netflixen ungemein kleiner ist als ein Kinobesuch, schnappt man sich bei so einem Intro wohl trotzdem nicht gleich die Fernbedienung. Aber aufgepasst! Es könnte sich hierbei um den kommenden Oscar-Preisträger handeln. Wiedereinmal versteckts sich ein Filmjuwel auf einer Streaming Platform. Der wunderbare Animationsfilm I Lost My Body von Jérémy Clapin zeigt, welche visuelle Kraft eine gute Geschichte entwicklen kann – egal wie absurd sie im ersten Moment erscheinen mag.

    Naoufel, ein schusseliger Pariser Pizzabote, verliebt sich über eine Gegensprechanlage in die Stimme von Gabrielle. Er versucht schließlich ihr über Umwege näher zu kommen. Erinnerungen an einen Unfall in seiner Kindheit sind dabei allgegenwärtig. Und dann wäre da noch diese Hand, die sich auf eine abenteuerliche Reise begibt. Die Geschichte überschreitet die Grenzen von Romanze und fantastischem Film und irgendwie ergibt das am Ende alles einen Sinn.

    Ausgezeichnet mit dem Critics‘ Week Grand Prize in Cannes 2019.

    JÉRÉMY CLAPIN | OT: J’AI PERDU MON CORPS, engl.: I LOST MY BODY | F 2019 | 81 Min. | [usr 4]


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  • THE KOMINSKY METHOD – S2

    THE KOMINSKY METHOD – S2

    Sandy (Michael Douglas), der Schauspiellehrer und sein ehemaliger Agent und bester Freund Norman (Alan Armin) sind ein Glücksfall für die Serienwelt. Die beiden haben eigentlich nichts gemeinsam. Sandy ist ein Lebemann, ehemaliger Hollywoodschauspieler, drei Mal geschieden und genießt das Leben immer noch in vollen Zügen. Norman ist da konservativer. Ein Zyniker, für den das Leben durch den Tod seiner Frau nicht mehr viel zu bieten hat. Was sie verbindet sind die Widrigkeiten des hohen Alters. Bei jeder Gelegenheit kommen Themen zur Sprache, die in der Gesellschaft sonst eher keinen Platz haben, früher oder später aber doch jeden betreffen. Alles dreht sich um das körperliche Un-wohlbefinden und die Frage, ob man im hohen Alter noch eine Beziehung eingehen kann.

    In The Kominsky Method hat man schon im letzten Jahr von Beginn an gemerkt, dass die Darsteller einen großen Spaß bei der Arbeit haben und das schlägt sich natürlich auf die Stimmung der ganzen Serie nieder. Wer den Auftritt von Michael Douglas in den sozialen Medien kennt, der weiß, dass ihm der Schalk aus den Augen schaut.

    Wenn es einen nicht stört, zwei alten Männern dabei zuzuhören, wie sie sich immer wieder über ihren Harndrang auf dem laufenden halten, wird mit The Kominsky Method auch im zweiten Jahr eine Freude haben. Neben den pointierten Dialogen schlägt die Serie gegen Ende der zweiten Staffel aber auch ernste Töne an, allerdings ohne dabei den Pfad einer Comedyserie zu verlassen.

    Die Serie hat einige Stargäste zu bieten. Wer errät, wer der junge Mann ist, der am Ende der Staffel als Enkel von Norman seinen Auftritt hat?

    Ob es eine dritte Staffel geben wird, erfahren wir im Jänner 2020. Die Zeichen dafür stehen aber gut, vorausgesetzt die Darsteller erfreuen sich auch im echten Leben bester Gesundheit.


    THE KOMINSKY METHOD Staffel 1 + 2 – nach einer Idee von Chuck Lorre (Two and a Half Men, The Big Bang Theory) – jetzt bei Netflix.

  • STIGMA MONATSBLUTUNG ★★★

    STIGMA MONATSBLUTUNG ★★★

    Manchmal haben die Oscars einen spannenden Nebeneffekt. Dann nämlich, wenn sie für einen kleinen Moment die Aufmerksamkeit des Publikums auf jene Filme lenken, die sonst, wie in diesem Fall, in den unendlichen Weiten des Internets verloren gingen. Period. End of Sentence von Rayka Zehtabchi, wie der nicht wörtlich übersetzbare Titel im Original lautet, wurde soeben als bester Dokumentar-Kurzfilm ausgezeichnet. Ein Film mit einer starken Botschaft.

    Der Titel spielt auf die im Englischen doppelte Bedeutung von Period an. Neben der Monatsblutung ist damit auch der Punkt am Ende des Satzes gemeint. Die Periode soll nicht das Ende gesellschaftlicher Partizipation junger Mädchen bedeuten. In manchen Ländern der Welt ist der Beginn der Monatsblutung jedoch genau damit gleichzusetzen. Am Beispiel Indiens wird ein großes Tabuthema aufgezeigt. Durch die Periode werden Mädchen regelrecht stigmatisiert. Es mangelt an Aufklärung. Sie gilt als schmutzig und die Mädchen somit als unrein.

    Der Gebrauch von Binden ist verschwindend gering. Die Folgen mag man sich gar nicht ausmahlen. Hier setzt die Dokumentation an. Eine Gruppe von Frauen aus einem Dorf beginnt mit der eigenen Bindenproduktion. Vertrieben werden die kostengünstigen und offenbar qualitativ hochwertigen Binden an der Haustüre. Vor den Augen von Männern in einem Laden einzukaufen ist undenkbar.

    Bette Midler empfiehlt.

    Stigma Monatsblutung porträtiert diese Initiative, die für die Frauen in mehrerer Hinsicht eine Verbesserung der Lebensqualität mit sich bringt. Die Eigenproduktion der Binden ist auch ein Akt der Selbstermächtigung und lässt die Frauen am beruflichen Leben teilhaben. So weit so gut und wichtig.

    Der Filmemacherin geht es in erster Linie darum Inhalte zu transportieren und eine Botschaft unter die Leute zu bringen. Eine durchdachte Gestaltung bleibt da außen vor. Wer sich hier aber an der optischen Umsetzung stößt, sollte sich einmal eine Dokumentation aus Österreich anschauen. Allerdings schaffen es die auch nicht bis auf die Shortlist der Oscars. Über die Protagonistinnen erfährt man nicht viel. Die Dokumentation wirkt wie gerade einmal so nebenbei gedreht und erinnert von der Aussage her an Produktwerbungen, ohne Werbefilmästhetik.

    Die Euphorie darüber, dass ein Film mit diesem Thema eine derartige Anerkennung erfahren hat, ist groß. Stigma Monatsblutung rückt ein großes Tabuthema in den Fokus. Das wurde bei den Oscars honoriert. Um mehr in die notwendige Tiefe gehen zu können, ist das Ganze jedoch zu kurz geraten. Wie schwer es ist, trotz Oscar abseits des Mainstreams auf sich aufmerksam zu machen, zeigt das geringe Interesse der Medien. Auf der Webseite Rotten Tomatoes reichen die Kommentare nicht einmal für eine Bewertung.

    RAYKA ZEHTABCHI | USA 2019 | OT: Period. End of Sentence |26 Min. | [usr 3]

    Foto © Netflix

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  • DIE AUSLÖSCHUNG ★★★½

    DIE AUSLÖSCHUNG ★★★½

    Der Science-Fiction-Film Die Auslöschung, Originaltitel Annihilation, ist bereits seit fast einem Jahr bei Netflix abrufbar. Obwohl an den Kinokassen in den USA ein Misserfolg, erfreut sich der Film einer großen Fangemeinde und gilt für viele als Highlight des vergangenen Filmjahres. Ein guter Grund also, sich den starbesetzten Film näher anzuschauen. 

    Die Auslöschung ist ein Beispiel dafür, unter welche extremen Bedingungen heute das Filmbusiness betrieben wird. Bereits 17 Tage nach dem US-Kinostart veröffentlichte Netflix den Film auf seiner Plattform.  Was war geschehen? Schon die Testscreenings verliefen nicht nach Wunsch. Zu anspruchsvoll und zu kompliziert sei der neue Film mit Natalie Portman und Oscar Isaac. Paramount Pictures verkaufte die Vertriebsrechte noch vor dem Kinostart an Netflix. Der Film sollte ausserhalb Nordamerikas nicht mehr in die Kinos kommen. 

    Zum Inhalt. Ein Feuerball stürzt auf die Erde. Fortan breitet sich der sogenannte Shimmer aus. Eine Art Glocke hat sich über die Landschaft gestülpt, an deren Oberfläche es seifenblasenähnlich in Regenbogenfarben schimmert.  Expeditionsteams werden hineingeschickt und kehren nicht zurück, bis eines Tages der auch verschollen geglaubte Kane (Oscar Isaac) vor seiner Frau, der Molekularbiologin Lena (Natalie Portman), steht. Die Freude währt nur kurz, irgendetwas stimmt nicht mit ihm. Er muss in Quarantäne und Lena entschließt sich, an einer weiteren Expedition in das mysteriöse Area X teilzunehmen. Nicht unbedingt die logischste Entscheidung aber vermutlich erhofft sie sich dadurch Rettung. Im weiteren Verlauf wird das durchaus Sinn machen.

    Gemeinsam mit drei anderen Wissenschaftlerinnen, darunter Jennifer Jason Leigh als Dr. Ventress, begibt sich Lena in das unbekannte Gebiet. Bereits kurz nach Eintritt, versagt jegliche Kommunikation nach außen und das Zeitgefühl geht auch noch verloren. Was dort aber neben mittelmäßig animierten Kreaturen noch so abgeht, kann sich sehen lassen. Es sei nicht zu viel verraten aber vor allem zum Ende hin, wenn der Plot immer abstrakter und verrückter wird, trumpft Die Auslöschung so richtig auf. Biologische Gesetzmäßigkeiten scheinen sich aufzulösen. Das eigene Ich wird in Frage gestellt. Banale Erklärungen werden dem Publikum erspart und so lässt einen das Finale auch nach dem Ende des Filmes so schnell nicht mehr los.

    Trotz der interessanten Ideen, die Die Auslöschung aufgreift, kommt der Film nicht an große Science-Fiction-Momente der letzten Jahre heran und kann auf der emotionalen Ebene nicht mit Arrival mit halten. Jene Wagnis, den Film nicht schon vor Veröffentlichung zu adaptieren und leichter zugänglich zu machen, ist der Produktion aber hoch anzurechnen. Solch ein Mut fehlt in der durchkalkulierten Filmlandschaft von heute. 

    Manche Stimmen meinen, Die Auslöschung wurde bei den diesjährigen Oscar Nominierungen übergangen. Zumindest auf eine Kategorie trifft das zu: Die Qualität des Sounds lässt sich zu Hause nur erahnen aber selbst hier vermag er zu beeindrucken. Wie muss das erst in einem Kinosaal sein!

    Es ist nach Ex Machina (2015) die zweite Regiearbeit von Alex Garland, der sich auch für die Romanvorlage von The Beach (2000) verantwortlich zeichnet. Ungewöhnlicherweise hat er nun die Trilogie der Vorlage zu einem Film vereint. Eine Geschichte, die uns von der Protagonistin im Nachhinein erzählt wird, was noch mehr Raum für Interpretationen offen lässt. Erfrischend gut.

    ALEX GARLAND | OT: Annihilation |USA 2018 | 115 Min. | [usr 3.5]

    Foto (C) Netflix

  • BIRD BOX ★★★

    BIRD BOX ★★★

    Während die hochschwangere Malorie (Sandra Bullock) noch unbedarft in ihrem Atelier den Pinsel schwingt, erreichen sie über den Fernseher fast beiläufig erste unheilvolle Nachrichten. Aus unerklärlichen Gründen begehen Menschen in mehreren Regionen auf der Welt plötzlich in Massen Selbstmord. Vorerst erschüttert sie und ihre Schwester Jessica (Sarah Paulson) das eher weniger. Schon kurz darauf bricht aber auch in ihrer Stadt das Chaos aus. Menschen laufen, stürzen und fahren in den Tod.

    Soweit die Ausgangslage. Bald stellt sich heraus, dass eine unsichtbare Macht die Menschen bloß durch Augenkontakt in den Selbstmord treibt. Malorie flüchtet in ein Haus, in dem eine Gruppe von Menschen Zuflucht gefunden hat und die bald erkennen muss, dass sie in der Falle sitzt. Die Fenster verklebt und von der Außenwelt abgeschnitten.

    Es ist das Haus von Douglas (John Malkovich), einem misanthropischen Bastard, der darauf bedacht ist, niemanden mehr herein zu lassen. Zu der illustren Runde gehören unter anderen Tom (Trevor Rhodes) und Sheryl (Jacki Weaver). Bald gesellt sich Gary (Tom Hollander) dazu. Ein kurzer Auftritt, der es in sich hat. 

    Unterschnitten wird die Geschichte mit Szenen von Malorie und zwei Kindern, die fünf Jahre in der Zukunft liegen. Irgendwo in der Wildnis irren sie mit verbunden Augen umher und begeben sich bald in einem kleinen Boot flussabwärts. Ziel unbekannt. 

    Bird Box beginnt stark, löst sein Versprechen aber nicht ein. Wie so oft in diesem Genre liegen auch diesem Mysterythriller gute Ideen zu Grunde, die sich aber offenbar nur schwer schlüssig umsetzen lassen. Nicht das alles bis ins letzte Detail erklärt werden muss aber ein paar Informationen bleibt der Film trotzdem schuldigt.

    Der Film wartet mit einem tollen Ensemble auf. Malkovich ist in seinem Element und Rhodes, noch von Moonlight in guter Erinnerung, füllt die Lein.. nein, den Bildschirm mit seiner Präsenz. Bullocks Charakter bekommt durch ihre Schwangerschaft im Endzeitszenario eine Tiefe. Sie akzeptiert ihre Mutterschaft von Anfang an nicht, ist aber doch eine Kämpferin. Später auch für die Kinder. Bird Box ist auch ein Melodram.

    Die Regisseurin Susanne Bier gewann 2010 mit A Better World den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Sicher ein gute Wahl, allerdings kann die Geschichte ihr volles Potential nicht ausschöpfen. Das Ende wird wie so oft eher wenige zufrieden stellen und der Weg dahin ist um gut eine viertel Stunde zu lang. „We make the end of the world great again!“ ruft Douglas einmal aus. Stimmt nicht ganz aber trotzdem ein markiger Spruch.

    Netflix hält sich gewöhnlich mit der Preisgabe von Zuseherzahlen zurück. Bei Bird Box ist das nun anders. Kein Wunder, wurde der Film doch allein in der ersten Woche 45 Millionen Mal gestreamt. Umgelegt auf Kartenkäufe entspricht das bei einem Budget von kaum 20 Millionen US-Dollar einem außerordentlich großen Erfolg. Laut Angaben von Netflix wird erst gezählt nachdem mindesten 70% des Filmes konsumiert wurden. Der Film bekommt nun eine Aufmerksamkeit, die er bei einem regulären Kinostart wohl nie bekommen hätte. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes, ob es in diesem Fall gerechtfertigt ist, sei dahingestellt.

    Gab es gerade noch die Diskussion, welche Filme bei Festivals zugelassen werden sollten und Unmutsäußerungen darüber, das Produktionen ein regulärer Kinostart verwehrt wird, so geht es jetzt mit Jahresende bereits einen Schritt weiter. Der Erfolg einzelner Produktionen ist natürlich ausschlaggebend dafür, was wir in Zukunft überhaupt zu sehen bekommen und Sehgewohnheiten sind auf dem Sofa andere als im Kino. Zumal Streamingproduktionen bestimmten rechtlichen und moralischen Anforderungen des jeweiligen Konzerns entsprechen müssen.

    Die Filmwelt wird gerade auf den Kopf gestellt. Bird Box erfüllt seinen Zweck für einen Filmabend zu Hause. Nicht mehr und nicht weniger. Die Auswirkungen des Erfolges werden uns aber weiterhin beschäftigen.

    Susanne Bier | USA 2018 | 124 Min. | [usr 3]

    Foto (c) Netflix

  • MOGLI : LEGENDE DES DSCHUNGELS ★★

    MOGLI : LEGENDE DES DSCHUNGELS ★★

    Mogli liegt verwundet in einem Käfig. Kinder bewerfen ihn mit Steinen und das Essen wird ihm wie einem Tier zugeschoben. Das was Regisseur Andy Serkis, der Meister der Motion-Capture-Technik (Sensoren erfassen menschliche Bewegungen, zum Beispiel der Gesichtsmuskulatur und diese dienen als Grundlage für digitale Effekte) hier serviert, hat so gar nichts mit der bekannten Disney Version zu tun sondern orientiert sich an der Buchvorlage von Rudyard Kipling. Zwei Jahre nach dem großen Erfolg von Jon Favreaus The Jungle Book  scheitert er damit kläglich. 

    Die Sterne über dem Dschungel standen schon lange schlecht. Warner Bros. sagte den für Herbst geplanten Kinostart ab und verscherbelte das 3D-Abenteuer kurzerhand an den Streaming-Dienst Netflix. Ein Schicksal, dass in Zukunft so manchem Film widerfahren könnte, wenn eine entsprechende Vermarktung nicht möglich ist oder zu befürchten ist, dass die ersten Rezensionen nicht nach Wunsch ausfallen.

    Nach so kurzer Zeit hätten sich wohl nicht neuerlich die Massen in die Kinos begeben. Damit konnte ein vorprogrammierter Flop abgewendet werden. Zumal Mogli mit dem gleichen Problem kämpft, wie schon sein Vorgänger: Zu düster für Kinder und nicht erwachsen genug für ein älteres Publikum. Die Disney-Neuverfilmung konnte nicht nur auf die beliebten Hits zurückgreifen sondern setzte technische Maßstäbe und war somit auch ein künstlerischer Erfolg. 

    Bei Mogli wird aber schon nach wenigen Minuten klar, dass hier nicht der große Wurf gelungen ist. Die Effekte bleiben hinter den Erwartungen zurück. Die Tiere wirken wie aus einem Computerspiel und dadurch noch befremdlicher. Emotionale Bindung kann sich so keine Aufbauen. Trotz eines Allstar-Cast mit Christian Bale, Benedict Cumberbatch, Cate Blanchett, Frida Pinto und Andy Serkis als Balu.

    Der Charakter des Balu ist eine der größten Änderungen zu Disney Version. Er trainiert die jungen Wölfe und bereitet sie auf das Leben in der Wildnis vor. Von Gemütlichkeit nicht die Spur. Es weht ein rauer Ton. Balu ist kein großer Sympathieträger. Die Handlung ist aber interessanter. Visuell spannend umgesetzte Momente, wie das erste Zusammentreffen von Mogli und Shir Khan, können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Film von der Technik förmlich überrollt wird und die Menschlichkeit dabei auf der Strecke bleibt.

    Dass dieser Film überhaupt existiert, ist alleine den Ambitionen von Andy Serkis zu verdanken und zumindest der Umstand die Geschichte so zu erzählen wie sie Kipling einst erzählt hatte, ist ihm hoch anzurechnen. Es zeigt sich aber auch wie schwer es ist gegen eine Version der Erzählung anzukommen, die sich seit über 50 Jahren in den Köpfen festgesetzt hat. Netflix muss aufpassen, nicht zum Resteverwerter zu werden. Vor allem, weil das Programm der Studios der Plattform nach und nach abhanden kommt.

    Andy Serkis | USA 2018 | OT: Mowgli: Legend of the Jungle | 104 Min. | [usr 2]

    Foto (c) Netflix