Kategorie: Filmkritik

  • MÄRZENGRUND ★★★½

    MÄRZENGRUND ★★★½

    Im Kino

    Auf dem gleichnamigen Theaterstück von Felix Mitterer basiert der zweite Spielfilm des Salzburger Regisseurs Adrian Goiginger. Märzengrund muss sich zwangsläufig mit dem sensationellen Debüt des Regisseurs Die Beste aller Welten aus dem Jahr 2017 messen. Auch wenn das keine einfache Ausgangslage ist, so zieht uns der Film zu allererst mit seinem hervorragenden Ensemble in seinen Bann. Allen voran spielt hier Johannes Krisch buchstäblich um sein Überleben.

    Darum geht es

    Im Tirol Ende der 1960er Jahre steht der Sohn eines wohlhabenden Bauern im Zillertal kurz davor, den Hof zu übernehmen. Er versucht seine Aufgaben zu erfüllen, doch als belesener Schüler erwartet er sich mehr vom Leben, als eine Zukunft als Bergbauer. Als er sich in eine geschiedenen Frau verliebt und erkennen muss, dass ihre Beziehung ein Ding der Unmöglichkeit ist, verfällt er in eine Depression.

    Der Arzt empfiehlt ihn in eine Heilanstalt nach Innsbruck zu schicken, wo man mit der Elektroschocktherapie gerade gute Erfahrungen macht. Für den Vater kommt das nicht in Frage. Er schickt seinen Sohn im Winter auf die einsame Alm Märzengrund, um alles für den Almauftrieb im Frühjahr vorzubereiten. Als es dann aber im Frühjahr zurück in Tal gehen soll, trifft der Bub eine folgenschwere Entscheidung, die die Zukunft des Betriebes bedroht und schon lange unter der Oberfläche schwellende Konflikte an den Tag befördert.

    Vater (Harald Windisch) und Sohn (Jakob Mader) sitzen vor dem Gipfelkreuz in der Sonne und schauen in die Ferne. Der Vater hat eine Bierflasche in der Hand. 
Im Hintergrund das Gipfelkreuz und dahinter von Wolken umgebene Berggipfel .
    Vater (Harald Windisch) und Sohn (Jakob Mader) haben sehr unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft. (Märzengrund, Adrian Goiginger 2022)

    Kommentar

    Der Bauernsohn Elias – als junger gespielt von Jakob Mader und später von Johannes Krisch – versucht sich in einer Zeit von seinem Elternhaus zu emanzipieren, als in den Städten schon längst ein sozialer Umbruch im Gange war. Doch im Zillertal ist sein Weg noch vorherbestimmt. Den Hof der Familie weiterzuführen (die Schwester ist nicht im entferntesten eine Option), das erwartet man von ihm. Gefragt wird da nicht.

    Das lastet auf Elias, genauso wie eine Liebe, die aus sozialen Gründen unerfüllt bleiben muss. Also bricht er aus. Die Familie und das Tal beengt ihn. Er flüchtet sich vor gesellschaftlichen Zwängen in die Natur. Adrian Goiginger vermeidet aber eine Romantisierung der Wildnis. Durch die Prachtvollen Bergwelten könnte man leicht dazu verleitet werden. Panoramen werden nur sehr dosiert eingesetzt. Dieser Weite setzt Goiginger mittels dichter Aufnahmen seines Protagonisten dessen seelische Enge gegenüber. In der zweiten Hälfte leiden wir mit Johannes Krisch an seinen unheimlichen körperlichen Schmerzen. Die Schauspielriege (ebenso Harald Windisch und Gerti Drassl als Eltern, Verena Altenberger als Jugendliebe) ist die große Stärke von Märzengrund. Es sind auch Elias‘ Eltern, die mit einer schwierigen Situation umgehen müssen. Da ist keine Gewalt im Spiel, wie das sooft der Fall ist. Es ist vielmehr das Unvermögen mit einer undenkbaren Lage und Veränderungen umzugehen. Diese Konflikte machen Vater und Mutter zu sehr spannenden Figuren.

    In den stärksten Momenten erinnert Märzengrund an Filme von Terence Malick. Das will was heißen. Das langsame Erzähltempo bei einer Handlung, die schnell erzählt ist, fordert das Publikum, gerade bis es zu dem Zeitsprung in die Gegenwart kommt. Die Zeitsprünge gleich zu Beginn haben mich etwas irritiert und wenn man erst zu überlegen beginnt, warum diese oder jene Regieentscheidung getroffen wurde, leidet der Film darunter.

    Elisas macht eine Wandlung durch und wir durchleben sie mit ihm. Die Natur formt ihn, macht ihn zu einem anderen Menschen. Zum Schluss muss er doch zurück hinunter ins Tal. Da verliert sich der Film in einer bildlichen Metapher. Was bleibt ist Krischs unglaubliche schauspielerische Leistung.

    MÄRZENGRUND
    Drama, AUT/D 2022

    Regie Adrian Goiginger
    Drehbuch Adrian Goiginger, Felix Mitterer
    Kamera Klemens Hufnagel, Paul Sprinz
    Schnitt Birgit Foerster
    Musik Manuel Schönegger, Dominik Wallner
    Mit Johannes Krisch, Jakob Mader, Gerti Drassl, Harald Windisch, Verena Altenberger


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  • LIGHTYEAR  ★★★

    LIGHTYEAR  ★★★

    Im Abo

    Mitte der 1990er Jahre begann alles mit einer technischen Revolution. Pixars Toy Story Franchise war geboren (und zierte das Titelblatt meiner Abschlussarbeit zur Matura). Jahrzehntelang ging die Erfolgsstory immer wieder in die Verlängerung. Auch wenn sich manch einer fragte, ob das nun wirklich notwenig sei, so gab der Erfolg dem Studio recht. Die Charaktere entwickelten sich ständig weiter, die Qualität war anhaltend hoch. Aber war es nur eine Frage der Zeit, bis die Erfolgswelle verebben würde? Lightyear, der erste Ableger der Serie, hat nun ein gewaltiges Problem. Pixar sind offenbar die Ideen ausgegangen. Den entscheidenden dramaturgischen Fehler macht man bereits bei der die Geschichte einleitenden Texttafel.

    Darum geht es

    Durch einen Crash wird das Raumschiff von Buzz Lightyear und seiner Spaceranger Crew, darunter seine Kollegin Alicia Hawthorne, so stark beschädigt, dass sie und eine ganze Kolonie an Menschen im Tiefschlaf den Planeten nicht mehr verlassen können. Man beginnt sich anzusiedeln. Lightyear, den Schuldgefühle plagen, sieht sich in der Verantwortung. Er stellt sich für Testflüge zur Entwicklung eines Hyperantriebs zur Verfügung. Nach dem Lightyear nach vier Minuten vom ersten missglückten Versuch zurückkehrt, muss er feststellen, dass auf dem Planeten in dieser Zeit vier Jahre vergangen sind. Von Alicia, die in der Zwischenzeit geheiratet hat, bekommt Lightyear die Therapieroboterkatze Sox geschenkt.

    Trotzdem gibt Lightyear nicht auf. Nach und nach überlebt er all seine Freunde und Kollegen. In der Zwischenzeit entwickelt Sox den geeigneten Treibstoff. Als im nach Jahrzehnten der Hyperflug gelingt, wird Lightyear bei seiner Rückkehr von feindlichen Robotern angegriffen. Deren Anführer Zurg birgt ein für Lightyear erschreckendes Geheimnis.

    Lightyear (USA 2022)

    Kommentar

    Ein Film wie ein Déjà vu. Sehr bemüht scheint man sich beim Drehbuch für Lightyear nicht zu haben. Irgendwie kommt einem das alles bekannt vor. Ob die allgemeine Relativitätstheorie für Kinder ab 6 Jahren verständlich ist, sei dahingestellt. Immerhin wird die Zeitdifferenz gut veranschaulicht. Spätestens beim Zeitreisen steigen die jüngsten Zuseher aber wohl aus (Ironischerweise ist der Film wegen eines Kusses zwischen zwei Frauen in Malaysia ab 18 und in Indonesien gar erst ab 21 Jahren freigegeben). Gleichzeitig hat der Film für das ältere Publikum kaum etwas zu bieten, außer einem gewissen Nostalgiefaktor. Bereits der erste Trailer untermalt von David Bowies Starman hat bei vielen bestimmt die richtigen Knöpfe gedrückt.

    „In 1995, a boy named Andy got a Buzz Lightyear toy for his birthday. It was from his favorite movie. This is that movie.“

    Erklärender Text zu Beginn von Lightyear.

    Die größten Steine legt sich Pixar aber mit diesem einleitenden Satz selbst in den Weg. Was im ersten Moment schlüssig klingt, verbaut alle Möglichkeiten Lightyear, auf welche Art und Weise auch immer, mit dem Anfang von Toy Story zu verknüpfen. Wir erinnern uns: Buzz Lightyear ist zwar eine Spielfigur, allerdings weiß er das Anfangs selbst nicht. Er glaubt, tatsächlich ein Astronaut zu sein.

    Dabei startet der Film vielversprechend. Man muss es immer wieder erwähnen, auch wenn wir nichts anderes erwarten: die Animation ist sensationell. Gerade hier bietet sich ein Vergleich zu Toy Story von 1995 an. Doch dann will die Story nicht mehr so recht vorankommen und der Twist will nicht so recht zünden. Der Teaser Trailer wurde gut 10 Monate vor dem Kinostart veröffentlicht und trotzdem wirkt der Film wie eine halbe Sache. Lightyear verläßt sich zu sehr auf seinen Hauptcharakter. Das ist zu wenig.

    LIGHTYEAR
    Science-Fiction, USA 2022

    Regie Angus MacLane
    Drehbuch Jason Headley, Angus MacLane
    Kamera Jeremy Lasky, Ian Megibben
    Schnitt Anthony J. Greenberg
    Musik Michael Giacchino
    Mit Chris Evans, Keke Palmer, Peter Sohn, John Brolin (Stimmen)
    Streamingplattform
    Disney+


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  • NOPE ★★★½

    NOPE ★★★½

    Im Kino

     [icon name=“exclamation-triangle“] Kann Spoiler enthalten

    Kaum zu glauben, aber Nope ist nach Get Out und Wir erst der dritte Spielfilm von Regisseur Jordan Peele. Innerhalb weniger Jahre hat sich Peele den Status eines innovativen Filmemachers mit eigener Handschrift erarbeitet. Seine Filme zählen zu den sehnlichst erwarteten der Saison und vermögen uns immer wieder aufs Neue zu überraschen. Nun richtet Peele sein Augenmerk auf uns, sein Publikum und unsere Sehgewohnheiten.

    Darum geht es

    Nachdem ihr Vater auf mysteriöse Weise ums Leben kommt, übernehmen Otis Jr. (Daniel Kaluuya) und seine Schwester Emerald (Kekse Palmer) die Ranch der Familie, auf der Pferde für Dreharbeiten in Hollywood trainiert werden. Als sie bei einen Auftrag die Kontrolle über ein Pferd verlieren und gefeuert werden, ist die finanzielle Lage der Ranch angespannt. Ricky Park (Steven Yeun), Kinderstar und Besitzer eines nahegelegenen Westernparks, bietet an, die Ranch zu übernehmen. Emerald, die davon träumt berühmt zu werden, ist ganz im Gegensatz zu Otis Jr., offen für das Angebot. Wären da nicht diese seltsamen Vorkommnisse. Kurze Stromausfälle und aufgeschreckte Tiere machen die Beiden stutzig. Irgendetwas stimmt nicht mit dem Himmel über ihrem Grundstück. Die Geschwister wittern eine Geschäftsidee und versuchen mit Hilfe des Technikers Angel (Brandon Perea) die Vorkommnisse mit Überwachungskameras aufzuzeichnen. Den exzentrischen Starkameramann Anglers Holst (Michael Wincott) können sie mit dem Angebot anlocken, den perfekten Shot aufzunehmen. Gemeinsam legen sie sich auf die Lauer und richten ihre Blicke Richtung Himmel. Auch der Nachbar Park sieht seine Chance auf Ruhm.

    Daniel Kaluuya in Nope (Jordan Peele 2022)

    Kommentar

    Auch wenn es immer schwieriger geworden ist, ohne großes Vorwissen in einen Film zu gehen, gibt es solche, deren ganze Kraft in der Überraschung liegt. Es sind Filme, die ihr Publikum auf dem falschen Fuß erwischen, sie in die Irre führen und gnadenlos zuschlagen. Jordan Peeles Werk zählt hier dazu und auch der Trailer zu Nope läßt uns im Unklaren darüber, worum es hier eigentlich geht.

    Zählt man 1 +1 zusammen, können wir uns denken, auch diesmal eine Portion Gesellschaftskritik serviert zu bekommen aber auch, dass hier neuerlich mit Genres gespielt wird, deren Mix zu einem unerwarteten Ergebnis führt. Das Setting ist vordergründig das eines Westerns. Wobei uns gleich zu Beginn eine Rückblende – wir sich später herausstellt – irritiert, weil wir sie lange nicht einordnen werden können. Jordan Peeles Zugang ist diesmal sehr ambitioniert und öffnet einiges an Interpretationsspielraum, der auch nach dem Ende noch auf uns nachwirken wird. Die Rückblende ist auf einen lange zurückliegenden Alptraum des Regisseur zurückzuführen. Seine Produktionsfirma Monkeypaw Productions ist danach benannt.

    Die Geschichte spielt am äußersten Rand Hollywoods – geografisch und auch menschlich. Eine Familie von Schwarzen in einer Welt von Weißen. Hier wird es besonders deutlich. Peele nimmt dabei Bezug auf eine von Fotopionier Eadweard Muybridges berühmten Reiteranimationen aus dem Jahr 1887. So bekannt die zu einer scheinbar bewegten Sequenz aneinander montierten Fotos sind, der Reiter selbst ist ein Unbekannter. Es ist ein Schwarzer. Die Familie von OJ und Em beansprucht die Animation als Teil des Familienerbes. Der Reiter ist ein direkter Vorfahre. Peele wird zu diesem Motiv immer wieder zurückkehren.

    Die Gefahr entsteht in Nope durch Blickkontakt. Das kennen wir beispielsweise aus Bird Box mit Sandra Bullock. Peele eröffnet hier gleich mehrere Themenfelder, die sich aber nicht alle so harmonisch aneinanderfügen wollen: Da ist Ricky mit seinem Trauma aus Kindheitstagen, der auf ganz eigene Art mit der Situation umgeht und sie für seinen Freizeitpark nutzen möchte. OJ und Em wollen das Phänomen aufnehmen, und es so vermarkten. Der Kameramann Holst ist wiederum besessen von der perfekten Einstellung.

    In der Erzählstruktur nimmt Peele Anleihen an Stephen Spielberg. Sowohl Der weiße Hai als auch Die unheimliche Begegnung der dritte Art wurde bereits mehrmal genannt. Es herrscht eine latente nicht einzuschätzende Gefahr, gleichzeitig schenkt uns das Drehbuch einige perfekt getimte Pointen. Die Auflösung gerät dann leider all zu konventionell. Dem Regisseur ist ein atmosphärisch dichter Film gelungen, der am Ende an den eigenen Ambitionen scheitert. Grundlage für Diskussionen gibt es genügend. Zudem können wir uns an einem von Hoyte von Hoytema atemberaubend schön in Szene gesetzten Nachthimmel erfreuen.

    NOPE
    Sci-Fi, USA 2022

    Regie Jordan Peele
    Drehbuch Jordan Peele
    Kamera Hoyte van Hoytema
    Schnitt Nicolas Monsour
    Musik Michael Abels
    Mit Daniel Kaluuya, Keke Palmer, Steven Yeun, Michael Wincott
    Länge 130 Min.


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  • DER BESTE FILM ALLER ZEITEN ★★★★½

    DER BESTE FILM ALLER ZEITEN ★★★★½

    Mitten im Sommer erreicht uns ein Nachzügler aus dem Jahr 2021. Der beste Film aller Zeiten der beiden argentinischen Regisseure Gastón Duprat und Mariano Cohn (mit dem deutschen Titel tut man dem Film allerdings keinen Gefallen, Competencia Oficial im Original) vereint drei grandiose Schauspieler, allen voran Penélope Cruz, zu einer Tour de Force, in der sie sich selbst und das Filmbiz ordentlich auf die Schaufel nehmen und bei der wohl kaum ein Auge trocken bleibt.

    Darum geht es

    Vielleicht eine Brücke, die seinen Namen trägt? Zu seinem 80. Geburtstag steht der Geschäftsmann (José Luis Gómez) Humberto Suárez vor einer existenziellen Krise. Was bleibt von ihm, wenn er einmal nicht mehr ist? Er beschließt kurzerhand, die Rechte an einem Roman zu kaufen und die Autorenfilmerin Lola Cuevas (Penélope Cruz) damit zu beauftragen, einen Film daraus zu machen, gleich den besten Film aller Zeiten. Die exzentrische Regisseurin willigt ein und engagiert Félix Rivero (Antonio Banderas) und Iván Torres (Oscar Martínez) als ungleiches Brüderpaar. Grundverschieden sind die beiden Männer auch im reale Leben und Cuevas versucht sie bei den Proben ständig aus der Reserve zu locken und zu provozieren. Wobei die beiden einen Großteil davon selbst erledigen. Sie können sich nämlich überhaupt nicht ausstehen.

    Auch wenn man es hier nicht ganz glauben kann, die Lage ist eher angespannt. (Der beste Film aller Zeiten, ARG/E 2021)

    Kommentar

    Im Zentrum steht Penélope Cruz. Im vergangenen Jahr war sie neben Der beste Film aller Zeiten mit Parallele Mütter gleich mit zwei Filmen bei den Filmfestspielen von Venedig vertreten. Cruz‘ Rolle nimmt dabei genau auf Regisseure wie Pedro Almodovar Bezug, mit denen sie in den vergangenen Jahren gearbeitet hat. Antonio Banderas spielt hingegen auf sein Image als spanischer Schauspieler an, der es bis nach Hollywood gebracht hat und mit Trophäen überhäuft wurde. Ein eitler Pfau. Für Oscar Martínez‘ Charakter ist das alles nur Fassade und das Schauspielfach eine todernste Angelegenheit. Aus diesem Spannungsfeld heraus bezieht der Film seine komischen Momente.

    Es sind die Tage und Wochen vor dem ersten Drehtag. Die Schauspieler lernen sich kennen und machen sich mit dem Drehbuch vertraut. Der Regisseurin Lola Cuevas geht es dabei aber um viel mehr als um eine erste Lesung. Sie bereitet für ihre Darsteller wahnwitzige Prüfungen vor. Sie möchte, dass die Beiden bereits in dieser Phase alles geben. Wir sehen jenen Teil des Arbeitsprozesses, der uns normalerweise verborgen bleibt und der hier ins Absurde getrieben wird.

    Das Szenario spielt sich vor einer spannenden Architektur ab. Es ist das moderne Anwesen des Unternehmers, der hier als Filmproduzent fungiert. Orientierung haben wir hier keine und auch die Ausmaße bleiben im unklaren. Sichtbeton, viel Glas und weite leere Räume. Die Kulisse wird von Kameramann Arnau Valls Colomer wunderbar in Szene gesetzt. Das Gebäude ist schon fast ein Darsteller für sich.

    Der beste Film aller Zeiten handelt vom kreativen Schaffensprozess an sich und davon etwas der Nachwelt zu hinterlassen. Die Illusion der Unsterblichkeit durch einen Film oder eine Brücke. Was auch immer, an einer Stelle meint Cuevas, dass Kunst für sich spricht und keinerlei Erklärung bedarf. Ich denke, nicht nur Filmfans werden an der Geschichte gefallen finden. Auch der Film spricht für sich und verlangt nach keiner näheren Erklärung. Nicht zuletzt Antonio Banderas ist die Freude an seiner Arbeit anzumerken. Schon lange nicht mehr war ein Kinosaal von solch anhaltendem Lachen erfüllt. Bisher einer der schönsten Filme des Jahres.


    Der beste Film aller Zeiten (OT: Competencia Oficial)
    Komödie, E/ARG 2021

    Regie Gastón Duprat, Mariano Cohn
    Drehbuch Gastón Duprat, Mariano Cohn, Andrés Duprat
    Kamera Arnau Valls Colomer
    Schnitt Alberto del Campo
    Musik Eduardo Cruz
    Mit Penélope Cruz, Antonio Banderas, Oscar Martínez
    Länge
    114 Min


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  • MASSIVE TALENT ★★★½

    MASSIVE TALENT ★★★½

    Im Kino

    Nicolas Cage als Nicolas Cage. In der Persiflage Massive Talent von Regisseur Tom Gormican spielt sich der Hollywoodstar selbst. Schon einmal hat sich ein Actionheld darin versucht, sich selbst auf die Schaufel zu nehmen. In JCVD (Mabrouk El Mechri, BEL 2008) ist das Jean-Claude Van Damme äußert erfolgreich gelungen. Sowohl Cage als auch Van Damme stehen in den Filmen vor dem finanziellen Ruin. Ein Umstand, der sie in eine äußerst brenzlige Lage bringt. Die große Stärke von Massive Talent liegt allerdings darin, das Cage gemeinsam mit seinem ebenso charismatischen Partner Pedro Pascal eines der wunderbarsten Leinwandduos seit langen abgibt.

    Darum geht es

    Mit der Karriere von Nicolas Cage läuft es nicht mehr rund. Finanzielle Schwierigkeiten und familiäre Probleme zwingen ihn dazu, das Angebot des reichen Spaniers Javi (Pedro Pascal) anzunehmen und gegen Bezahlung auf dessen Geburtstagsfeier auf Mallorca zu erscheinen. Bald entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den beiden, doch gleichzeitig enthüllen sich nach und nach die wahren Absichten seines Gastgebers. Cage findet sich bald in einem seiner eigenen Filme wieder.

    Dabei wollte Nicolas Cage nur ausschlafen. (Massive Talent, USA 2022)

    Kommentar

    Digitale Verjüngung ist das reinste Grauen. Das muss an erster Stelle gesagt sein. Nicolas Cages eigenes Ich aus Wild At Heart-Zeiten spricht in The Unbearable Weight of Massive Talent, wie der Film im Original heißt, mehrmals zu ihm und diese Sequenzen sorgen doch für einige Irritation. Oder sind wir schon dabei, uns langsam daran zu gewöhnen? Auch Martin Scorsese hat in The Irishman auf diese Technik gesetzt. Allerdings wirkt Cages Gegenüber doch sehr fratzenhaft.

    Nicolas Cage (seinen vorletzten Film Pig sollte man sich bei Prime Video nicht entgehen lassen), der in den vergangenen fünf Jahren in fast 20 Filmen mitgewirkt hat, ist mittlerweile ein Garant für Überraschungen. Das er sich nun selbst persifliert ist nur die logische Konsequenz, nach dem er in den letzen Jahren sein Image als Actionheld dekonstruiert hat. Die Verquickung von Gangsterkomödie und Showbusiness erinnert an Schnappt Shorty (Barry Sonnenfeld, USA 1995) und bietet Raum für allerhand Anspielungen auf Cages Karriere. Das ist durchwegs spassig und gelungen.

    Das Duo Cage/Pascal ist nichts weniger als ein Glücksfall. Man sieht ihnen die Spielfreude regelrecht an. Allerdings wirkt das Ganze trotz witzigen Einfälle etwas schaumgebremst. Wirklich Spannung mag nicht aufkommen und für eine Actionkomödie gibt es einfach zu wenig Action. Der Plot ist vor allem im Umfeld der CIA-Agenten einfach blöd.

    Was nicht bedeutet, dass man bei Massive Talent, der erfrischend kurz geraten ist, nicht trotzdem Spaß haben kann. Man wird nur das Gefühl nicht los, dass hier das Potential nicht voll ausgeschöpft wurde. An den Kinokassen blieb der Film hinter den Erwartungen zurück. Ein Grund mag sein, dass es sich bei so einer stargespickten Komödie um jenen Stoff handelt, mit dem uns Netflix in den vergangenen Jahren beglückt hat.


    Massive Talent (OT: The Unbearable Weight of Massive Talent)
    Actionkomödie, USA 2022

    Regie Tom Gormican
    Drehbuch Tom Gormican, Kevin Etten
    Kamera Nigel Bluck
    Schnitt Melissa Bretherton
    Musik Mark Isham
    Mit Nicolas Cage, Pedro Pascal
    Länge 107 Min.
    Im Kino


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  • TOP GUN: MAVERICK ★★★★

    TOP GUN: MAVERICK ★★★★

    Im Kino

    Als wäre er nicht ohnehin schon der größter Filmstar des gegenwärtigen Kinos, hat es Tom Cruise trotzdem noch einmal geschafft, es allen zu zeigen. Mit Top Gun: Maverick löst er nicht nur Begeisterungsstürme beim Publikum aus, sondern sorgt an den Kinokassen für eine Wiederbelebung der Branche. Das sagt viel über Blockbuster von heute aus, zeigt aber auch, was es bedeutet, wenn man Filme entgegen allen Verlockungen gezielt fürs Kino produziert. 

    Darum geht es

    Nach sechsunddreißig Jahren wird der Pilot Pete „Maverick“ Mitchell (Tom Cruise) von Tom „Iceman“ Kazansky (Val Kilmer), inzwischen Kommandant der US-Pazifik Flotte, neuerlich ins Top Gun Programm beordert. Diesmal als Ausbildner.

    Es gilt die Piloten auf eine geheime Operation vorzubereiten. Durch ein waghalsiges Flugmanöver soll eine unterirdische Urananreicherungsanlage zerstört werden. Dabei wird Maverick bei der Arbeit und auch privat von seiner Vergangenheit eingeholt. Zudem gerät er durch seine eigenwilligen Trainingsmethoden und taktischen Vorstellungen immer wieder in Konflikt mit dem Vizeadmiral Beau „Cyclone“ Simpson (Jon Hamm).

    Auch im realen Leben hat Tom Cruise immer alles unter Kontrolle.

    Kommentar

    Wenn der Name eines Filmproduzenten zu Beginn eines Filmes aufscheint, obwohl der bereits ein Viertel Jahrhundert tot ist, darf er wohl als legendär gelten. Don Simpson, der einen Hälfte des Produzentenduos Simpson/Bruckheimer, ist dies gelungen. Als legendär kann man auch Top Gun (1986) bezeichnen, der Tom Cruise zum Durchbruch verhalf. Ein Kultfilm und das heisst bekanntlich nicht automatisch, dass es ein cineastischer Meilenstein sein muss. Aber gefühlt jeder kennt den Film, kennt die Musik und teilt fast wehmütig eine Erinnerung an diese Zeit.

    Genau daran knüpft Top Gun: Maverick an. Der Film gibt erst gar nicht vor, mehr sein zu wollen. Lediglich in der Ausarbeitung der Charaktere ist man etwas in die Tiefe gegangen. Der kurze Auftritt von Val Kilmer, der auch im realen Leben von seiner schweren Krankheit gezeichnet ist, ist herzzerreißend. Immerhin bekommt mit Jennifer Connelly sogar eine weibliche Rolle mehr Raum als in einem Bubenfilm zu erwarten war. Das tut der Handlung gut. Die Erwartungen werden erfüllt. Hinzu kommt die technische Perfektion, die uns hier mit neuesten Kameras in den Cockpits erstmals präsentiert wird. Wie man es von Filmen mit Tom Cruise gewöhnt ist, wird mit digitalen Tricks gespart. Das verleiht den Actionssequenzen eine eigene Qualität. Die Echtheit der Flugaufnahmen lässt sich nicht nur gut vermarkten, sondern vermittelt ein Gefühl der Unmittelbarkeit, ein immersives Erleben, wie man jetzt so schön sagt. Während auf der anderen Seite über den exzessiven und nicht immer geglückten Einsatz der Greenbox nur mehr gelacht wird. Auch das ist ein Grund für den Erfolg.

    Bekanntlich entstand der erste Teil in enger Zusammenarbeit mit dem Verteidigungsministerium, denn nur so war es möglich, dessen Ressourcen zu nutzen. Dieses Erfolgsrezept hat man nun wieder aufgenommen. Also haben wir es auch neuerlich mit keiner kritischen Aufarbeitung von Landesverteidigung zu tun, selbst wenn es sich wie in diesem Fall um eine offensive Art handelt. Das nun just ein Film, der als Werbung für das Militär daherkommt, gerade jetzt an den Kinokassen einschlägt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Selbst das österreichische Bundesheer versucht sich das zu nutze zu machen, wenn auch nur mit etwas zaghaften Versuchen.

    Interessant ist, dass der Feind hier nicht genauer genannt wird. Selbst auf Fantasieflaggen hat man verzichtet. Die Jets sind einfach nur schwarz. Die Piloten verstecken sich hinter dem Visier. Sprechrollen gibt es keine. Das hatte man wohl den globalen Markt im Kopf. Es gibt nichts, was auf eine bestimmte Nationalität schließen ließe. Vielleicht ist auch das ein Modell für die Zukunft. Selbst auf all zu großes Pathos auf Seiten der Amerikaner hat man, sofern das in diesem Kontext überhaupt möglich ist, verzichtet.

    Top Gun: Maverick macht das, was man von so einem Film erwartet, sehr gut. Über die Story braucht man sich da gar nicht erst große Gedanken machen, die zum größten Teil vom Vorgänger „geborgt“ wurde. Sie ist teilweise schon grotesk unglaubwürdig aber nie ohne ein Augenzwinkern.

    Das jahrelange Aufschieben der Premiere – erst aus technischen Gründen, dann wegen der Pandemie – hat sich für die Produzenten und das Publikum ausgezahlt. Die Resonanz geht bei weitem über jene anderer Blockbuster hinaus, nicht zuletzt wegen der guten Kritiken und dem Nostalgiefaktor. Was für das Kino an sich durchaus einen Push-Effekt haben könnte. Während andere Actionfilme mit Starbesetzung bereits ausschließlich über Streamingdienste vermarktet werden, wollte Tom Cruise, der neuerlich größten physischen Einssatz zeigt, auf einen Kinostart keinesfalls verzichten. Trotzdem wird der Film bereits im Juli voraussichtlich auch bei uns digital veröffentlicht werden. Das ist der Preis der Schnelllebigkeit, der uns erhalten bleiben wird.

    Top Gun: Maverick
    Actionfilm, 2022

    Regie Joseph Kosinski
    Drehbuch Christopher McQuarrie, Ehren Kruger, Eric Warren Singer
    Kamera Claudio Maranda
    Schnitt Eddie Hamilton
    Musik Harold Faltermeyer, Lady Gaga, Hans Zimmer
    Mit Tom Cruise, Val Kilmer, Jennifer Connelly, Jon Hamm, Miles Teller,
    Im Kino


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  • EVERYTHING EVERYWHERE ALL AT ONCE ★★★★

    EVERYTHING EVERYWHERE ALL AT ONCE ★★★★

    Im Kino

    Zweifelsohne: das Kino hat in den letzten Jahren schwer gelitten. Zum wiederholten Mal wurden bereits die Stimmen zum Requiem angehoben. Ganz so schnell geht das dann aber doch nicht. Natürlich hängt es mit dem Angebot – und dem Zeitpunkt – zusammen, wenn die Branche sich in diesen Frühjahr neuerlich aufbäumt. Was im vergangenen Jahr missglückt ist, scheint nun gut zu werden. Wie lässt sich das Kino besser feiern, als mit einem Film, der alles in sich vereint, wofür das Medium steht. Dem Regieduo Dan Kwan und Daniel Scheinert ist mit ihrem Ideenfeuerwerk Everything Everywhere All At Once genau das gelungen.

    Darum geht es

    Evelyn Quan Wang (Michelle Yeoh) betreibt mit ihrem Ehemann Waymond (Ke Huy Quan) einen Waschsalon. Gerade macht ihr eine anstehende Steuerprüfung zu schaffen. Große Geschäftsleute sind die beiden aus China zugewanderten nicht. Das Chinesische Neujahr steht an, ihr Vater Gong Gong (James Hong) ist gerade aus China zu Besuch und mit der Tochter Joy läuft es alles andere als Rund. Evelyn kritisiert sie ständig und hat so ihre Probleme damit, dass Joy (Stephanie Hsu) eine Freundin hat.

    Auf dem Weg zur Behörde, übernimmt plötzlich Alpha Waymond für kurze Zeit die Kontrolle über Waymond. Er ist eine Version seiner selbst aus dem Paralleluniversum Alphaverse. Die Universen seien in Gefahr und Evelyn, also diese Version von ihr, scheint die letzte Rettung zu sein. Das Gespräch mit der Beamtin Deirdre Beaubeirdre (Jamie Lee Curtis) gerät zum Fiasko. Immer mehr geraten die Paralleluniversen durcheinander.

    Im Alphaverse hat nämlich Jobu Tupaki die Kontrolle übernommen. Sie kann sich frei in allen Universen bewegen und möchte sie zerstören. Und das hat auch etwas mit Evelyn zu tun.

    Evelyn (Michelle Yeoh) gerinnt ihr Leben durch die Finger.

    Kommentar

    Jede auch scheinbar noch so unbedeutende Entscheidung in unserem Leben hat Einfluß auf unser zukünftiges Leben. Auf dieser Idee beruht Everything Everywhere All At Once. Parallel zu unserer Welt existieren nun Universen, in denen wir dort und da andere Entscheidungen getroffen haben. Im Alpha Universum hat man einen Weg gefunden, zwischen den Universen zu reisen und vorübergehend die Kontrolle über die Körper der anderen Ichs zu übernehmen.

    Im Falle von Evelyn sind die alternativen Leben Träume, die sie nie verwirklicht und Chancen, die sie nie genutzt hat. Genau darin schlummert aber wiederum ihr größtes Potential. Denn solange man träumt, ist alles möglich.

    Was da in über zwei Stunden auf uns hereinbricht, ist eine rasante Achterbahnfahrt. Schnell, nicht immer ganz übersichtlich aber vor allem auch witzig. Da werden Genres im Sekundentakt gewechselt. Filmzitat folgt Filmzitat. Dan Kwan und Daniel Scheinert (Swiss Army Man) haben ihr Drehbuch sehr vollgepackt. Das kann zeitweise recht anstrengend sein. Es zahlt sich aber aus, durchzuhalten. Man wird mit zahlreichen skurrilen Ideen belohnt.

    In all dem Chaos hält Michelle Yeohs Evelyn alles zusammen. An ihr können wir uns festhalten. Sie glänzt sowohl in den Martial Arts Sequenzen als auch in den Komödiantischen. Es ist bisher die herausragendste schauspielerische Leistung in diesem Jahr. Genauso viel Spielfreude zeigt Jamie Lee Curtis neben ihr in ihrer schrägen Rolle als Beamtin.

    Im Grunde verbirgt sich im Hintergrund eine banale, fast kitschige Familiengeschichte. Das wird vor allem gegen Ende deutlich. Das tut dem hohen Unterhaltungswert aber keinen Abbruch. Wenn Everything Everywhere All At Once nicht das Schicksal eines früh im Jahr gestarteten Filmes blüht, ist es gut möglich, dass er bei den Oscars 2023 Berücksichtigung findet. Keine große Überraschung wären zumindest Nominierungen für die DarstellerInnen und das Drehbuch. Es wäre aber nicht zum ersten Mal, dass die Academy einen außergewöhnlichen Film völlig ignoriert.

    Everything Everywhere All At Once
    Science Fiction , USA 2021

    Regie Dan Kwan, Daniel Scheinert
    Drehbuch Dan Kwan, Daniel Scheinert
    Kamera Larkin Seiple
    Schnitt Paul Rogers
    Musik Son Lux
    Mit Michelle Yeoh, Ke Hui Quan, James Hong, Jamie Lee Curtis, Stephanie Hsu
    Länge 140 Min.
    Im Kino


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


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  • PARALLELE MÜTTER ★★★★½

    PARALLELE MÜTTER ★★★★½

    In seinem neuesten Film Parallele Mütter zeigt Pedro Almodóvar einmal mehr, dass er zu den ganz Großen des zeitgenössischen Kinos gehört. Mit der für einen Oscar nominierten Penélope Cruz in der Hauptrolle erzählt der Regisseur über ein schicksalhaftes Ereignis, das zwei Frauen einander näher bringt. In der Rahmenhandlung verknüpft Almodóvar die Geschichte mit der grausamen Vergangenheit des spanischen Bürgerkriegs. Erschütternd und schön zugleich.

    Darum geht es

    Janis (Penélope Cruz) ist Werbefotografin in Madrid und hat eine Affäre mit dem forensischen Anthropologen Arturo (Israel Elejalde). Sie bittet ihn, die Exhumierung ihres Urgroßvater zu veranlassen, der unter dem Franco Regime in ihrem Heimatdorf ermordet und in einen Massengrab beigesetzt wurde und die Leichen dort zu identifizieren.

    Als Janis schwanger wird und sie der verheiratete Arturo zu einer Abtreibung zu überreden versucht, beschließt sie, das Kind alleine groß zu ziehen. Auf der Entbindungsstation lernt sie Ana (Milena Smit) kennen, mit der sie das Zimmer teilt und die Beiden freunden sich an. Als Arturo einige Monate später überraschend auftaucht und das Kind sehen möchte, reagiert er verhalten und fragt ob das wirklich sein Kind sei. Die Aussage beunruhigt Janis und sie stellt mittels DNA Test Nachforschungen an. Dabei macht sie eine Entdeckung, mit der sie nie und nimmer gerechnet hätte. Dann steht plötzlich Ana buchstäblich vor der Tür. Janis bietet ihr an, bei ihr einzuziehen.

    Penélope Cruz und Milena Smit in Parallele Mütter (E 2021)

    Kommentar

    Pedro Almodóvar gehört zu jenen Regisseuren, die eine unverwechselbare Handschrift entwickelt haben. Jeder Kader ist wohl seinem Werk zuzuordnen. Die kräftigen Farben sind bis ins kleinste Detail aufeinander abgestimmt. Die Interieurs geschmackvoll. Dabei stellte der Regisseur aber nie die Form vor den Inhalt. Starke Frauenrollen zeichnen die Arbeiten von Almodovar seit jeher aus. So auch seinen neuesten Film Parallele Mütter.

    Penélope Cruz‘ Darstellung von Janis ist einglaublich nuancenreich, die neben ihrem nach außen starken Auftreten auch in das tiefste Innere von Janis blicken lässt. Sie weiß ganz genau wohin sie will und was sie tut, bis sie in ihrer Verzweiflung von ihren Gefühlen überwältig wird und ihr das Leben für einen kurzen Moment entgleitet. Es ist eine der beeindruckendsten Charakterdarstellungen der jüngsten Zeit, die manchmal an die große Sophia Loren erinnert. Dabei lässt sie der um einige Jahre jüngeren Milena Smit als Ana genügend Raum.

    Darüber hinaus urteilt Almodóvar nie über seine Figuren. Selbst als er den Bogen in die dunkle Vergangenheit Spaniens und den Verbrechen den Bürgerkriegs spannt, bedient er sich einer fast nüchternen Herangehensweise. Die Gegenwart wie die Vergangenheit wird mittels DNA Proben aufgearbeitet. Ein Kontrapunkt zum opulenten Stil und der stark emotionalen Handlung, in der es nicht zuletzt darum geht, inwieweit es außerhalb unserer Macht steht, dass die eigenen Kinder von Fremden beeinflußt werden.

    Spätestens wenn Janis eine Tortilla de patata zubereitet, möchte man sich zu ihr an den Tisch setzen. Das Kino des Pedro Almodóvar geht auch durch den Magen. Almodóvar muss uns nichts mehr beweisen. Er macht es trotzdem. Große Empfehlung für Parallele Mütter.

    Parallele Mütter (OT: Madres paralelas)
    Drama, E 2021

    Regie Pedro Almodóvar
    Drehbuch Pedro Almodóvar
    Kamera José Luis Alcaine
    Schnitt Teresa Font
    Musik Alberto Iglesias
    Mit Penélope Cruz, Milena Smit, Rossy de Palma, Israel Elejalde
    Länge
    123 Min.


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  • PIG ★★★★★

    PIG ★★★★★

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    Kaum einer kann auf eine vielseitigere und ungewöhnlichere Filmografie zurückblicken als Nicolas Cage. Sowohl im Blockbustergenre hat er sich einen Namen gemacht, als auch im Drama und in einem Kino der Extreme. Nun ist sein Schaffen um einen Höhepunkt reicher. Im Debüt von Regisseur und Drehbuchautor Michael Samoski begibt er sich auf einen Rachefeldzug, der so gar nicht unseren Erwartungen entspricht. Dafür ist Pig nämlich viel zu klug konstruiert. Es hätte nach 27 Jahren die zweite große Chance für Nicolas Cage sein können, einen Oscar als Bester Schauspieler zu erhalten. Leider hat die Academy den gesamten Film ignoriert.

    Darum geht es

    Robin „Rob“ Feld (Nicolas Cage) lebt in einer einsamen Hütte mitten im Wald. Einzig sein Trüffelschwein leistet ihm Gesellschaft. Die Besuche des Zwischenhändlers Amir (Alex Wolff), an den er die Trüffel verkauft, sind alles andere als eine willkommenen Abwechslung. Rob sucht die Einsamkeit und braucht keinen Ansprechpartner. Als eines Nachts sein Trüffelschwein gestohlen wird, begibt er sich mit Hilfe von Amir gezwungenermaßen auf die Suche in die Stadt. Es ist lange her, dass er unter Menschen war. Ein Schicksalsschlag hat ihm zu dem gemacht, was er heute ist. Manche erinnern sich sogar nach vielen Jahren an ihn. Genauso wie er sich an sie erinnert. Wer war Robin Feld und wer hat es auf sein kostbares Schwein abgesehen?

    Nicolas Cage on fire (Pig, 2021)

    Kommentar

    Es ist wohl dem Mut und der Experimentierfreudigkeit von Menschen wie Nicolas Cage zu verdanken, dass Filme wie Pig – den er auch co-produziert hat – überhaupt existieren. Klar, ein Film, in dem es um ein gestohlenes Trüffelschein geht und der sich von einem augenscheinlichen Rachethriller in eine völlig andere Richtung entwickelt, ist nicht für die Massen gemacht. Leider war es kaum möglich, den Film in Österreich auf der Leinwand zu sehen, bevor er nun bei Amazon Prime Video gelandet ist.

    Dabei handelt es sich um einen Film, der ein dunkles Kino dringend benötigt. Es sind gerade die kleinen Dramen, die in einem Raum frei von Ablenkungen ihre größte Sogwirkung entfalten können. Pig ist ein intensives Seherlebnis ohne dabei ständig am Limit der Erträglichkeit sein zu müssen. Der Film ist zwar erst ab 16 Jahren freigegeben, was aber nicht bedeutet, dass die 91 Minuten von destruktiver Gewalt bestimmt sind. Ganz im Gegenteil.

    Pig erinnert vor allem zu Beginn an Leave No Trace von Debra Granik. Ebenfalls in den Wäldern rund um Portland, Oregon angesiedelt handeln beide Filme von Aussteigern und zu Beginn ist nicht ganz klar, wovor sie weggelaufen sind. Es ist ein düsterer Film, keine Frage. Wegen der Thematik genauso, wie aufgrund der visuellen Umsetzung. Robs Vergangenheit lastet zu sehr auf ihm, um hier auch nur einen Keim an Optimismus aufkommen zu lassen. Er läßt es seinen verwahrlosten und leidgeplagten Körper spüren. Weil sich uns aber der Charakter nach und nach offenbart und wir uns längst unbemerkt auf seine Seite gestellt haben, versprüht der Film keine Trostlosigkeit. Das gipfelt in einem Finale, mit dem wohl niemand gerechnet hat.

    Davor tauchen wir in eine Zwischenwelt ein, die die meisten von ins wohl nicht gekannt haben. Es ist ein Netzwerk aus Lieferanten von Delikatessen und Küchenchefs, das einem Gangsterfilm entsprungen sein könnte. Die Stadt und die Interieurs ähneln in ihrer Unübersichtlichkeit jener des Waldes zu Beginn. Ein Stadtdschungel im wahrsten Sinne des Wortes. Mitten drin der anfangs wortkarge Rob (mit Alex Wolff hat Cage übrigens einen kongenialen Partner an seiner Seite), der von einem inneren Schmerz angetrieben wird, der dem Charakter eine unglaubliche Tiefe gibt und dessen Motivation nicht die Vergeltung ist. Nicolas Cage, der sich in den letzten Jahren dem Horrorgenre zugewendet hat, ist die Rolle auf den Leib geschrieben..

    Regisseur und Drehbuchautor Michael Samoski schafft es in drei Kapiteln und knapp eineinhalb Stunden eine tiefgründige und komplexe Story glaubwürdig und in einem langsamen Tempo zu erzählen. Pig ist nicht jedermanns Sache. Dafür ist er viel zu kompromisslos. Allerdings öffnet uns Samoski gegen Ende eine neue Perspektive, die von einer tiefen Menschlichkeit geprägt ist. Dann ist Pig auf einmal ein Film über Verlust und eine verlorengegangene Liebe. Doch am Anfang steht ein in der Dunkelheit um sein Leben quiekendes Trüffelschwein. Diesen Bogen zu spannen ist ganz große Erzählkunst.

    Pig
    Drama, USA 2021

    Regie Michael Samoski
    Drehbuch Michael Samoski
    Kamera Patrick Scola
    Schnitt Brett W. Bachman
    Musik Alexis Grapsas, Philip Klein
    Mit Nicolas Cage, Alex Wolff, Adam Arkin
    Länge 91 Min.
    Streamingplattform
    Amazon Prime Video


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  • THE BATMAN ★★★½

    THE BATMAN ★★★½

    Im Kino

    Mit seiner Batman-Trilogie hat Christopher Nolan das Superheldengenre revolutioniert. Die Filme gingen dem Trauma des Milliardärs im Fledermauskostüm aus Gotham City auf den Grund. Sie hatten nichts mehr von einer verspielten Comicverfilmung, sondern präsentierten sich erwachsener. Nun kommt vermutlich der nächste Dreiteiler auf uns zu. Diesmal von Matt Reeves. Den Anfang macht The Batman, in dem der Regisseur sich auf die Ursprünge der Figur in den Detective Comics besinnt und den Antihelden in einem Krimidrama auftreten lässt. From Dusk till dawn – satte drei Stunden Finsternis, in denen durchaus aktuelle Themen angerissen werden. Trotz aller Ambitionen gerät aber leider wieder einmal das Zeitmanagement aus den Fugen, in einem ewigen Kreislauf der Wiederverwertung.

    Darum geht es

    Ein politischer Mord mit Botschaft. No more lies. Adressiert an den Batman (Robert Pattinson). Der Riddler (Paul Dano) versetzt Gotham City in Angst und Schrecken, als hätte die Stadt nicht schon genügend Probleme. Mit dem Batman liefert er sich ein Katz und Maus Spiel, gibt Hinweise und ist doch immer einen Schritt voraus. James Gordon (Jeffery Wright), hier noch Lieutenant, ist die einzige Vertrauensperson bei der Polizei, die sonst wie die Ganze Stadt in Korruption versinkt. Das Moloch ist in festen Händen von Carmine Falcone (John Turturro) und seinem Handlanger Oswald Cobblepot alias Pinguin (Colin Farrell). Auf welcher Seite Selina Kyle als Catwoman (Zoë Kravitz) steht, ist zu Beginn nicht ganz klar. Der Riddler konfrontiert den Batman jedenfalls bald mit seiner eigenen Vergangenheit.

    Zoë Kravitz und Robert Pattinson in The Batman.

    Kommentar

    Wer das Computerspiel Batman: Arkham Asylum kennt, dem wird das alles hier bekannt vor kommen. Das Spiel ist die Vorlage für Gotham City, wie es sich uns in The Batman präsentiert und von Kameramann Greig Fraiser spektakulär in Szene gesetzt wird. Unübersichtlich und düster wie die finsterste Nacht. In jeder Ecke lautet das Böse. Das Los Angeles in Blade Runner scheint dagegen einem Reiseprospekt entsprungen. Nur in ein, zwei Szenen kann man die Morgendämmerung am Horizont erahnen, sonst spielt sich alles ausschließlich nächtens ab. Der Look des Films ist bemerkenswert. Es ist Matt Reeves hoch anzurechnen, dass er seinen Blockbuster so gegen den Strich gebürstet hat. Einerseits was die Stimmung generell angeht und auch hinsichtlich der Fokussierung auf das Krimigenre. The Batman erweckt Streckenwiese den Eindruck, als könnte der Film auch in einem Arthouse Kino seinen Platz finden.

    Zu Beginn tauchen wir in die Gedankenwelt von Bruce Wayne ein. Er ist hier nicht der Playboy, der sich auf Empfängen mit schönen Frauen umgibt. Frauen kommen in diesem Männerfilm mit einer Ausnahme überhaupt nicht vor. Robert Pattinson wirkt in seiner Rolle um einige Jahre jünger als seine Vorgänger, obwohl er tatsächlich nicht der Jüngste von ihnen ist. Das war Christian Bale in Batman Begins. Es ist aber ein gänzlich anderer Bruce Wayne, mit gesenkten Kopf, Haarsträhnen im Gesicht und stets finsterer Miene, den wir hier kennenlernen. Die Rolle des desillusionierten Rächers ist Pattinson auf den Leib geschnitten. Im Kostüm macht Pattinson eine erstaunlich gute Figur (Der Anzug ist hier weniger Hightech Apparat als selbstgebaute Verkleidung).

    Selina Kyle ist die einzige Frau in The Batman und obwohl sie als Catwoman sehr wohl eine eigene Agenda verfolgt, ist sie am Ende doch nicht mehr als ein Anhängsel – zumindest in ihrem ersten Auftritt. Enttäuschend, obwohl die beiden ein interessantes Duo abgeben (sowie die Chemie zwischen allen Charakteren durchwegs stimmig ist). Andy Serkis, der sich unter anderem in Matt Reeves` zwei Planet der Affen Filmen als Bewegungsmodell einen Namen gemacht hat, zeigt als Alfred all jenen, die es noch immer nicht mitbekommen haben, was für toller Schauspieler er ist. Colin Farrell steckt als Pinguin in einer Fatsuit. Selbst wenn man es weiß, erkennt man ihn nicht. Paul Dano glänzt neuerlich in der Rolle eines Psychopathen.

    Bemerkenswert ist der Soundtrack von Michael Giacchino. Die Musik ist allgegenwärtig und verstärkt die Atmosphäre Gotham Citys. Sie ist mysteriös und unheimlich und lohnt sich auch zum Nachhören. Den musikalischen Rahmen erhält The Batman aber schon wie im Trailer durch Nirvanas Something In The Way, das erfreulicherweise Eingang in den Film gefunden hat.

    Bei allen visuellen Vorzügen ist The Batman eine zähe Angelegenheit. Die Spiellänge ist in erster Linie wohl drauf zurückzuführen, dass Matt Reeves es sich einfach leisten darf. Die Story braucht die Zeit jedenfalls nicht. Für einen richtigen Krimi fehlt es an Substanz. Vielleicht muss man gar froh sein, dass nicht gleich zwei Filme daraus wurden. Gerade im finalen Akt holt der Film aber noch einmal kräftig aus, wenn eine Trollarmee Gotham City ins Chaos stürzt. Was wäre, wenn die kommentareschreibenden Wutbürger ernst machen würden und zu den Waffen greifen? Der Sturm auf das Kapitol in Washington 2021 hat es angedeutet. Gotham City erlebt es.

    Batman ist in einem ewigen Kreislauf gefangen, in dem das Böse immer wiederkehrt, wie eine der letzten Szenen bereits andeutet. Für Freunde des dunklen Rächers ist The Batman in jeden Fall sehenswert. Für einen Neustart ist das aber dann doch zu wenig. Warner Bros. quetscht das geistige Eigentum aus. Es ist wie bei einer angetrockneten Zitrone. Der Saft mag aromatisch sein aber viel bekommt man aus ihr nicht mehr heraus.


    THE BATMAN
    Comicverfilmung, USA 2021

    Regie Matt Reeves
    Drehbuch Matt Reeves, Peter Craig
    Kamera Greig Fraiser
    Schnitt William Hey, Tyler Nelson
    Musik Michael Giacchino
    Mit Robert Pattinson, Zoë Kravitz, John Turturro, Paul Dano, Jeffery Wright, Colin Farrell, Andy Serkis, Peter Saarsgard
    Länge 176 Min.
    Im Kino


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