Kategorie: Filmkritik

  • RUSTIN ★★★★

    RUSTIN ★★★★

    Im Abo

    Mit Colman Domingo, Chris Rock, Aml Ameen, Glynn Turman, Gus Halper Regie George C. Wolfe
    Ab 12 Länge 99 Min.

    OSCAR KANDIDAT

    Die Bilder des Marsches auf Washington, bei dessen Kundgebung Martin Luther King im Jahr 1963 seine legendäre I have a dream-Rede hielt, sind wohl jedem bekannt. Nur wie kam es dazu? Der Mastermind hinter der Großveranstaltung mit am Ende über 250.000 TeilnehmerInnen war der charismatische homosexuelle Bürgerrechtler Bayard Rustin. Gegen viel Widerstand machte er mit großer Hartnäckigkeit und Organisationstalent das scheinbar Unmögliche möglich, in dem er die unterschiedlichsten Vereine und Gewerkschaften an einen Tisch zu brachte. In der Hauptrolle ist Colman Domingo zu sehen. Es ist eine der bemerkenswertesten schauspielerischen Leistungen des Jahres.

    Colman Domingo als Bayard Rustin auf dem Weg zu seinem Platz in einem Linienbus der 1960er Jahre.
    Colman Domingo in RUSTIN (George C. Wolfe, USA 2023)

    Kurzkritik

    Die Karten standen schlecht. „I’m not your man.“, sagte Martin Luther King, als er 1960 einen Massenprotest anführen sollte. Noch dazu wurde von Roy Wilkins, Anführer des N.A.A.C.P. * (Chris Rock) und Adam Clayton Powell Jr., Vertreter des Bundesstaates New York im US-Repräsentantenhaus (leider wenig zu sehen: Jeffrey Wright) versucht, einen Keil zwischen King und Bayard zu treiben.

    Und überhaupt: es ist bis heute ein weltweites Phänomen, dass die Linken zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind: „Wir streiten uns über den Inhalt von Liedertexten“, erkennt Bayard Rustin richtigerweise. Von einem breiten Konsens ist man weit entfernt. Trotzdem versucht Rustin im Jahr 1963 seine Vision eines Marsches für Freiheit und Arbeit umzusetzen.

    Don’t kill an impulse, before it’s born.

    Bayard Rustin zu seinen MitstreiterInnen im Organisationskomitee.

    Das war aber nur möglich, wenn die unterschiedlichsten Institutionen zusammenarbeiteten. Noch dazu war die Skepsis groß, dass die Kundgebung erfolgreich sein würde und friedlich über die Bühne gegen konnte. Zu oft eskalierten Proteste in der Vergangenheit in Gewalt. Rustin war aber von seiner Idee überzeugt und setzte alles daran, die Anführer vieler wichtigen Organisationen buchstäblich an einen Tisch zu setzen (Es waren tatsächlich nur Männer, was der Aktion scharfe Kritik von Seiten der Frauenbewegungen einbrachte.).

    Der Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit war als sozialpartnerschaftlicher Schulterschluss eine organisatorische Meisterleistung. Obwohl der Rassismus, erst recht so kurz nach Aufhebung der Rassentrennung, noch nicht überwunden war, wie Regisseur George C. Wolfe (Ma Rainey’s Black Bottom) zu Beginn zeigt, wurde der Protest auch von weiß dominierten Organisationen mitgetragen. Weder davor noch danach war jemals wieder ein so breiter Konsens möglich.

    Zum Film selbst: Bayard Rustin (1912-1987) war eine schillernde Persönlichkeit und Colman Domingo scheint ihr gerecht zu werden. Er zieht uns vom ersten Moment an in seinen Bann. Seine Energie trägt den gesamten Film, der ohne ihm wohl weit weniger Breitenwirkung hätte. Es ist Domingo, weswegen man sich den sonst etwas konservativ geratenen Film unbedingt ansehen sollte.

    Produziert wurde RUSTIN von Higher Ground, der Produktionsfirma von Barack und Michelle Obama.

    *Nationale Vereinigung für die Förderung farbiger Menschen

    RUSTIN, USA 2023
    Drama Ab 12 Länge 99 Min.
    Regie George C. Wolfe Drehbuch Julian Breece, Dustin Lance Black Kamera Tobias A. Schliessler Schnitt
    Musik Branford Marsalis Mit Andrew Mondshein Mit Colman Domingo, Chris Rock, Aml Ameen, Glynn Turman, Gus Halper Netflix


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  • THE HOLDOVERS ★★★★★

    THE HOLDOVERS ★★★★★

    Mit Paul Giamatti, Dominic Sessa, Da’Vine Joy Randolph, Carrie Preston Regie Alexander Payne
    Ab 12 Länge 133 Min.

    OSCAR KANDIDAT

    Nach SIDEWAYS aus dem Jahr 2004 kommt es neuerlich zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen Regisseur Alexander Payne und Paul Giamatti. In der Tragikomödie THE HOLDOVERS muss sich Giamatti als Professor für Alte Geschichte mit einem Teenager herumschlagen, nachdem die Beiden dazu verdonnert wurden, die Weihnachtsferien auf dem Campus zu verbringen. Es gibt Filme, die verschwinden bald wieder von der Bildfläche, ganz unabhängig von deren Qualität. THE HOLDOVERS hat das Zeug dazu, zu bleiben und taugt zudem hervorragend als Weihnachtsfilm. Sowohl Giamatti, als auch seine Co-Stars Dominic Sessa und Da’Vine Joy Randolph konnten in dieser Saison schon zahlreiche Auszeichnungen mit nach Hause nehmen.

    Szenenbild aus THE HOLDOVERS. Paul Giamatti spricht zu Dominic Sessa und Da’Vine Joy Randolph. Es ist Abend und Winter.
    Dominic Sessa, Da’Vine Joy Randolph und Paul Giamatti in THE HOLDOVERS (Alexander Payne, USA 2023)

    Kurzkritik

    Alexander Payne (DOWNSIZING) befördert uns per Zeitmaschine in die Weihnachtsferien des Jahres 1970. Bereits der Trailer zu THE HOLDOVERS erinnert uns an Kinovorschauen aus dem letzten Jahrhundert: Die alten Studiologos, eine vertraute Erzählstimme und der körnige Look stimmen nostalgisch. Der Film selbst versprüht dann auch den Geist der 1970er. Owen Gleibermann (Variety) stellt diesen Ansatz in Frage: Is ‘The Holdovers’ Really ‘a ’70s Movie’? Or Is It the New ‘Green Book’?. Ganz so hart ins Gericht würde ich dann nicht gehen aber es ist ein interessanter Gedanke. Täuscht THE HOLDOVERS nur vor, ein in Film der 70er Jahre zu sein?

    Es ist ein filmtheoretisches Gedankenspiel. Dem Unterhaltungswert und der großartigen schauspielerischen Ensembleleistung tut es jedenfalls keinen Abbruch (das sieht im übrigen auch Gleibermann so). Giamatti ist der grantelnde Paul Hanham, Professor für Alte Geschichte an einer Privatuniversität in Neuengland. Seine innere Leidenschaft für sein Fach kann er nur schwer vermitteln. Für ihn sind seine Studenten ohnehin nur verwöhnte Schnösel. Er straft sie mit schlechten Noten. Das verärgert dann auch den ein oder anderen Sponsor, dessen Sprössling in Hunhams Klasse sitzt.

    Zur Strafe quasi muss sich Hunham um all jene Studenten kümmern, die über Weihnachten nicht nach Hause fahren können. Ein Babysitter für Oberstufenschüler sozusagen. Das hat der ohnehin griesgrämige Pessimist noch gebraucht. Am Ende bleibt nur Angus Tully, gespielt in Dominic Sessa zurück. Dazu gesellt sich die Küchenchefin Mary, die gerade ihren Sohn im Vietnamkrieg verloren hat. Da’Vine Joy Randolph (ONLY MURDERS IN THE BUILDING, THE LOST CITY) ist die Seele des Filmes. Es ist unbeschreiblich, wie sie mit ihrer schauspielerischen Kraft die Leinwand einnimmt.

    Im Hintergrund spielt der historische Kontext der Zeit durchaus eine Rolle, wenn auch nur andeutungsweise (vergleiche hierzu ARMAGEDDON TIME aus 2022). Nicht nur durch den Vietnamkrieg, an dem die USA Ende der 1960er bereits 5 Jahre beteiligt sind. Die Rassentrennung hat so mancher Student noch nicht überwunden. Hunham möchte, dass seine Studenten gerüstet sind für ihr zukünftiges Leben. Im Lernen von der Vergangenheit liegt für ihn der Schlüssel. Einmal sagt er „the world is on fire“. Jede Zeit hat ihre Konflikte. Man kann nur erahnen, dass Menschen aus der damaligen Zeit wohl mit den heutigen Herausforderungen heillos überfordert wären.

    Es ist eine Melange aus DER CLUB DER TOTEN DICHTER und THE BREAKFAST CLUB, die uns Alexander Payne hier serviert. Das Trio begibt sich bald auf Exkursion und wir befinden uns in einem Roadmovie. Natürlich kommt sich die Schicksalsgemeinschaft näher. THE HOLDOVERS ist komisch, tragisch, warmherzig und rührend zugleich. Der Soundtrack spannt sich von Shocking Blue, Cat Stevens und The Temptations bis zur Familie Trapp. Ein Lieblingsfilm.


    TITEL The Holdovers, USA 2023
    Tragikomödie Ab 12 Länge 133 Min.
    Regie Alexander Payne Drehbuch David Hemingston Kamera Eigil Bryld Schnitt Kevin Tent
    Musik Mark Orton Mit Paul Giamatti, Dominic Sessa, Da’Vine Joy Randolph, Carrie Preston


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  • DER JUNGE UND DER REIHER ★★★★½

    DER JUNGE UND DER REIHER ★★★★½

    Mit den Stimmen von Soma Santoki, Masaki Suda, Takuya Kimura, Aimyon Regie Hayao Miyazaki
    Ab 12 Länge 124 Min.

    OSCAR GEWINNER

    Nach siebenjähriger Vorbereitungszeit haben der großartige Hayao Miyazaki und das Animestudio Ghibli überraschend einen neuen Film veröffentlicht. Schön, dass es heute noch Geheimnisse gibt. Geheimnisse und fantastische Ereignisse gibt es in DER JUNGE UND DER REIHER reichlich. Der Faszination der Geschichte um den Jungen Mahito, der während des Pazifikkrieges seine Mutter verliert, aufs Land zieht und dort in eine fantastische Welt eintaucht, kann man sich kaum entziehen. Der Fantasie Miyazakis scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein. Das kann streckenweise durchaus auch überfordern aber am Ende ist man um eine schöne Filmerfahrung reicher. Der Film wurde überraschenderweise bei den Oscars 2024 in der Kategorie Bester Animationsfilm ausgezeichnet.

    Der Junge und der Reiher (Hayao Miyazaki, Japan 2023)

    Kurzkritik

    Der zwölfjährige Mahito ist traurig und wütend zugleich. Die Mutter verunglückt, plagen ihn Schuldgefühle. Dann soll es auf einmal eine Ersatzmutter geben. Der Umzug aufs Land. Eine neue Umgebung. Das ist alles zu viel. Er verletzt sich selbst. Eine Schlüsselstelle. Dann wird er auch noch von einem sprechenden Reiher verfolgt. Wenn DER JUNGE UND DER REIHER ein coming-of-age Film ist, dann gab es wohl noch nie eine derart fantastische Reise mit so vielen Umwegen bis zur Selbsterkenntnis am Schluss. Da muss Mahito eine wichtige Entscheidung treffen und die Wunde auf dem Kopf eine wichtige Rolle spielen.

    Wer Hayao Miyazakis Werk schätzt, wird auch bei seinem neuesten Film gut unterhalten. Surreale Welten, schelmische Gestalten und groteske Fabeltiere tummeln sich. Überall lauern Gefahren. Es geht um Verlust, Tot und Traumata. Etwas überladen wirken die mehr als zwei Stunden schon. Wer sich für Mythologie interessiert, wird aber wie immer bei Miyazaki seine Freude haben.

    Für Kinder ist DER JUNGE UND DER REIHER weniger geeignet, auch wenn sie der emotionalen Storyline wohl folgen können und sich am Ende ohnehin ihre eigene Geschichte im Kopf zusammenbauen können. An anderer Stelle wurde geschrieben, dass der Film die Geschichte eines Jungen und eines alten Mannes zugleich ist. Ein Abschiedswerk Miyazakis? Wer weiß, vielleicht arbeitet er längst an einem neuen Projekt.

    Der Junge und der Reiher | The Boy and the Heron | OT: Kimitachi wa Do Ikiru ka, Japan 2023)
    Anime Ab 12 Länge 124 Min.
    Regie Hayao Miyazaki Drehbuch Hayao Miyazaki, Genzaburô Yoshino Bildgestaltung: Atsushi Okui Art Direction: Yôji Takeshige, Noboru Yoshida Musik: Joe Hisaishi
    Mit den Stimmen von Soma Santoki, Masaki Suda, Takuya Kimura, Aimyon


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  • RICKERL – Musik is höchstens a Hobby ★★★★

    RICKERL – Musik is höchstens a Hobby ★★★★

    Mit Voodoo Jürgens, Ben Winkler, Agnes Hausmann Regie Adrian Goiginger
    Ab 12 Länge 104 Min.

    Vodoo Jürgens und sein Filmsohn Ben Winkler haben bei der Premiere während der Viennale 2023 das Publikum im Sturm erobert. Regisseur Adrian Goiginger ist ein ganz besonderes Porträt über einen sich durchs Leben kämpfenden Wiener Musiker gelungen. Dabei packt er Wien sozusagen an den Wurzeln der Sprache. Bekannte Straßenmotive sucht man vergebens. Die Locationscouts haben eine hervorragende Arbeit geleistet, um Wien so zu zeigen, wie es wahrscheinlich nur WienerInnen kennen. Mit RICKERL taucht man so richtig ein in das Leben des Protagonisten und der Hauptstadt. Und soviel geraucht wurde schon lange nicht mehr!

    RICKERL mit Voodoo Jürgens und Ben Winkler (Adrian Goiginger, A 2023)

    Kurzkritik

    Regisseur Adrian Goiginger knüpft an seinen großen Erfolg DIE BESTE ALLER WELTEN an. Der Spezialist für authentische Geschichten in ganz spezifischen sozialen Milieus verknüpft eine Musikerbiografie, die eng mit dem Austropop verhaftet ist, mit einer Vater-Sohn-Beziehung. Im echten Leben hätte man wohl so seine Schwierigkeiten mit Rickerl, wie im Film eben auch die Mutter von Dominik (großartig: Ben Winkler), gespielt von Agnes Hausmann. Unzuverlässig, etwas tollpatschig und alles dem Musikerleben unterordnend, macht er es seiner Umgebung nicht gerade leicht. Seinem Charme und seiner Liebenswürdigkeit kann aber weder im Film, noch vor der Leinwand kaum jemand widerstehen. Seiner Musik sowieso nicht.

    Allen voran überzeugt Singer-Songwriter David Öllerer alias Voodoo Jürgens in seiner ersten Rolle. Er trägt dazu bei, dass die Balance zwischen Drama und Komödie gelingt. Wiener Milieustudien driften im allzu leicht ins lächerliche-alberne ab oder provozieren Voyeurismus. Seinen Protagonisten begegnet er auf Augenhöhe. Für Goiginger ist Voodoo Jürgens „der Musiker der jüngeren Generation, der am stärksten diesen Spirit, das Melancholische, das Zynische, aber auch Hoffnungsvolle transportiert.“

    In RICKERL erleben wir eine Sprache die, man muss es sagen, vom Aussterben bedroht ist. Sogesehen ist der Film fast ein Zeitdokument. Alles hier wirkt authentisch. Es ist ein Glücksfall für das österreichische Kino, dass Adrian Goiginger und Voodoo Jürgens zusammengefunden haben.

    RICKERL, Österreich 2023
    Drama/Komödie Ab 12 Länge 104 Min.
    Regie/Drehbuch Adrian Goiginger Kamera Paul Sprinz Schnitt Martin Pfeil
    Musik Voodoo Jürgens Mit Vodoo Jürgens, Ben Winkler, Agnes Hausmann


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  • HOW TO HAVE SEX ★★★★

    HOW TO HAVE SEX ★★★★

    Mit Mia McKenna-Bruce, Lara Peake, Samuel Bottomley, Shaun Thomas Regie Molly Manning Walker
    Ab 14 Länge 91 Min.

    Mit sechzehn Jahren legen die meisten britischen SchülerInnen eine Zwischenprüfung ab. Für die drei Freundinnen Tara (Mia McKenna-Bruce), Em (Enva Lewis) und Skye (Lara Peake) ist das ein willkommener Anlass, um in ein Partyressort in Malia auf Kreta zu fahren. Nächte durchfeiern, viel Alkohol und für Tara der erste Sex ist das erklärte Ziel. Wozu das in HOW TO HAVE SEX führt, ist erwartbar. Darum Skepsis im Vorfeld. Aber erwarten ist nicht fühlen und nach dem ersten Akt hat uns Molly Manning Walker mit ihrem Debüt eiskalt erwischt. Nicht nur ihren Namen sollte man sich merken, sondern auch jenen der großartigen Hauptdarstellerin Mia McKenna-Bruce. Two Stars are born sozusagen.

    Drei Mädchen sitzen lachend auf dem Boden. Filmstill aus How to have Sex von Molly Manning Walker.
    Drei Freundinnen auf Partyurlaub (HOW TO HAVE SEX, Molly Manning Walker, GB 2023)

    Kurzkritik

    Es ist der Stoff, aus dem viele Komödien gemacht sind. Jene in denen gekotzt wird und alle lachen. Gelacht wird anfangs noch ab und dann. Aber eher über die drei Mädchen: über ihre Sprache, ihre Outfits und ihre Naivität. Es ist das Alter, in dem einen Eindrücke und Gefühle überrollen und man eigentlich noch für nichts bereit ist. Allerdings beschleunigt der Gruppenzwang – auch unter Freundinnen – so einiges.

    Im ersten Teil sind die drei Mädchen noch mehr oder weniger gleichberechtigte Charaktere. Dann tritt Tara mehr in den Vordergrund. Um sie geht es hier also. Unsicher und orientierungslos ist sie. Hinzu kommt der Druck, doch endlich mit einem Burschen im Bett zu landen – oder im Sand. Unter die Dauerbespaßung von Abfüllen und Auskotzen mischt sich still und heimlich der pure Alptraum. Die ständig wummernde Musik wirkt zunehmend bedrohlicher.

    Dem Mangel, noch nicht artikulieren zu können, was man wirklich möchte und vor allem, was man nicht möchte, stehen jene gegenüber, die die Gunst der Stunde nutzen wollen. In ein paar Stunden ist man ohnehin auf dem Weg zum Flughafen und alles ist vergessen. Für Tara wohl eher nicht. Es ist dieser eine Moment, eine Entscheidung, die man eigentlich noch nicht bereit ist zu treffen, die Molly Manning Walker so gekonnt und eindringlich einfängt und von Mia McKenna-Bruce grandios gespielt ist, dass sie noch lange im Kopf bleibt. Eingerahmt in einen effektiv inszenierten schier endlosen Partywahnsinn. Für beide ist es wohl der Beginn einer vielversprechenden Karriere.

    HOW TO HAVE SEX wurde 2023 bei den Filmfestspielen in Cannes in der Sektion Un Certain Regard ausgezeichnet.


    HOW TO HAVE SEX, GB 2023
    Coming-of-Age-Drama Ab 14 Länge 91 Min.
    Regie/Drehbuch Molly Manning Walker Kamera Nicolas Canniccioni Schnitt Fin Oates
    Musik James Jacob Mit Mia McKenna-Bruce, Lara Peake, Samuel Bottomley, Shaun Thomas


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  • PRISCILLA ★★★ ½

    PRISCILLA ★★★ ½

    Mit Cailee Spaeny, Jacob Elordi Regie Sofia Coppola
    Ab 12 Länge 114 Min.

    Priscilla war 14 Jahre alt, als sie den 10 Jahre älteren Elvis in Deutschland kennenlernte und ihre Mutter und ihr Stiefvater sie kurz darauf nach Tennessee ziehen ließen. Manche werden, nachdem sie den Kinosaal verlassen haben, wohl das Handy zücken und Wikipedia bemühen. Aber das hat schon alles seine Richtigkeit, in Sofia Coppolas PRISCILLA, basierend auf der Biografie „Elvis and Me“ von Priscilla Presley und Sandra Harmon. Alle Augen sind in dieser Biografie, in der kein einziger Song von Elvis vorkommt, weil es die Nachlassverwaltung untersagt hatte, auf Cailee Spaeny in der Titelrolle gerichtet. Selbst gerade in jene Alter, in dem Priscilla war, als sie Elvis verließ, verkörpert sie die mehr als 10 Jahre jüngere Version mit ebensolcher Überzeugung, was ihr große Anerkennung eingebracht hat. Dabei macht es ihr Sofia Coppola mir ihrem eigenen Regiestil nicht gerade leicht.

    Cailee Spaeny und Jacob Elordi in PRISCILLA (Sofia Coppola, USA 2023)

    Kurzkritik

    Baz Luhrmann gestand man für seinen ELIVS (2022) noch zu, Originalsongs zu verwenden. Damals wurde die Geschichte allerdings aus Sicht des ominösen Managers Colonel Tom Parker (Tom Hanks) erzählt und ihm eine Mitschuld an Elvis‘ Untergang gegeben. Nun kommt bei Coppolas und Priscillas Version Elvis selbst nicht immer gut weg. Daran hat man sich womöglich gestoßen. Ein Detail am Rande: Bei Coppola kommt der so wichtige Colonel nun überhaupt nicht vor, sondern zieht nur im Hintergrund die Strippen. Dabei rettet er vermutlich nicht nur einmal die Beziehung zwischen Priscilla und Elvis, sei es auch nur wegen dem Business.

    Jacob Elordi als Elvis gibt eine solide Leistung ab, spielt sich nicht in den Vordergrund. Auf nennenswerte NebendarstellerInnen hat Coppola keinen Wert gelegt, also ist PRISCILLA ganz auf die Hauptdarstellerin ausgerichtet. Spaenys Wandlungsfähigkeit in der 13 Jahre umspannenden Handlung ist beachtlich, vor allem wenn man bedenkt, dass sie anfangs 14 Jahre alt ist. Eine zusätzliche Herausforderung ist der distanziert kühle Stil der Regisseurin. Sie wahrt Distanz zu ihren Charakteren. Das Publikum möchte sie emotional nicht beeinflussen. Darum spart sie emotionale Höhepunkte so gut es geht aus. Es wird damals wohl reichlich davon gegeben haben. Nicht einmal DIE Sexszene, nach Jahren der Enthaltsamkeit, kommt vor. Keine Filmmusik, die auf die Tränendrüse drückt. Menschen in Isolation sind Coppolas Spezialgebiet und so ist es auch hier, wenn Priscilla alleine durch Graceland wandert, weil Elvis die meiste Zeit nicht da ist, sie aber gleichzeitig dort nahezu gefangen hält und ihr untersagt, arbeiten zu gehen. Das muss man als Zuseher mögen.

    Da ist Bradley Coopers MAESTO fast schon ein Gegenpool. Er fährt große emotionale Geschütze auf und lässt auch in der Inszenierung nichts anbrennen. Sofia Coppola setzt auch im Auftreten ihrer Protagonisten einen Kontrapunkt. Elvis und Priscilla sind optisch weit weniger zwanghaft an ihre realen Vorbilder angelehnt, als es Filmbiografien im allgemeinen in den letzten Jahren getan haben.

    Der Soundtrack ist eine Geschichte für sich. Nur eines: Als Priscilla (Achtung Spoiler!) am Ende Graceland verlässt, hört man „I Will Always Love You“ von Dolly Parton (Ja, der ist nicht von Whitney Houston. Wieder was gelernt). Elvis liebte den Song. Er sang ihn sogar für Priscilla nach der Scheidung auf den Stufen zum Gericht. Wegen Rechtsstreitigkeiten (wieder der Colonel … ) kam es aber nie zu einer Zusammenarbeit. Nachzulesen hier. Alles in allem wurde ich das Gefühl nicht los, dass der Name der Regisseurin dem Film einiges an Rückenwind gegeben hat. An ihr Frühwerk kann Sofia Coppola mit PRISCILLA nicht anknüpfen.

    PRISCILLA, USA 2023
    Biografie Ab 12 Länge 115 Min.
    Regie Sofia Coppola Drehbuch Sofia Coppola, basierend auf „Elvis and Me“ von Priscilla Presley, Sandra Harmon Kamera Philippe Le Sourd Schnitt Sarah Flack
    Musik Phoenix, Sons of Raphael Mit Cailee Spaeny, Jacob Elordi


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  • PERFECT DAYS ★★★★★

    PERFECT DAYS ★★★★★

    Mit Kōji Yakusho Regie Wim Wenders
    Ab 12 Länge 123 Min.

    OSCAR KANDIDAT

    [icon name=“exclamation-triangle“] Kann Spoiler enthalten

    Ins Kino gehen, um jemanden beim Kloputzen zuzusehen? Ein bis zum letzten Platz gefüllter Kinosaal, in dem jeder gespannt auf die Leinwand blickt und man zwei Stunden lang eine Stecknadel hätte fallen hören können? Wim Wenders macht es mit PERFECT DAYS möglich. Ihm ist ein kleines Filmjuwel geglückt, das uns beglückt. Hauptdarsteller Kōji Yakusho wurde 2023 bei den Filmfestspielen von Cannes als bester Schauspieler ausgezeichnet. Der Film ist Japans Beitrag für die Oscars 2024.

    Hauptdarsteller Kōji Yakusho liegt in Perfect Days von Regisseur Wim Wender auf seiner auf dem Boden liegenden Matratze und liest ein Buch. Es ist Nacht. Der Raum ist nur durch eine kleine Lampe erläutet.
    Kōji Yakusho in PERFECT DAYS (Wim Wender Japan, 2023)

    Kurzkritik

    Das menschliche Schicksal als Essenz des Geschichtenerzählens und Schicksal meint hier nicht das große Drama sondern die Banalitäten des Lebens. Ohne sie würde kein Actiongewitter funktionieren. Das Kino könnte nicht existieren. Wim Wenders widmet sich den Wiederholungen des Alltags, denen wir alle ausgesetzt sind. Dabei entfaltet sich das Porträt eines Mannes, der mit sich scheinbar im Reinen ist und jeden Tag mit einem Lächeln begrüßt. Dabei ist der wortkarge Hirayama, in der bemerkenswerten Darstellung von Kōji Yakusho, nicht Naiv oder einfach gestrickt. Das drückt sich nicht zuletzt in der Auswahl der Bücher aus, die er Abends in seiner spärlichen Freizeit ließt.

    PERFECT DAYS ist getragen vom Respekt gegenüber Mitmenschen, denen wir tagtäglich flüchtig begegnen. Wir fassen in Sekundenschnelle ein Urteil, das in erster Linie im äußerlichen Erscheinungsbild und eben im Beruf begründet ist. Hirayama putzt (architektonisch interessant, von Stararchitekten entworfene) öffentliche Toiletten in Tokio. Ein Mann also, den man in der Öffentlichkeit kaum Beachtung schenken würden. Wenders zeigt ihn uns nun beim Matratzenzusammenfalten, der Pflege seiner Zähne und seiner Bäumchen im Wohnzimmer und im öffentlichen Bad. Tagtäglich. Er ist ein Perfektionist.

    Zwischendurch sehen wir famose Traum-Collagen mit Fotografien in schwarzweiss. Entworfen von Donata Wenders. Diese Sequenzen sind Kunstwerke für sich, die sich geschmeidig in die Erzählung einfügen und stark zu Rhythmus und Stimmung des Filmes beitragen.

    Die Regale im Wohnzimmer sind voll mit Musikkassetten. Im Auto hört Hirayama Van Morrison, Nina Simone und Lou Reed. Der Song „Perfect Day“ ist dann auch sowas wie das Mantra des Films. Er fotografiert noch auf Film, lebt in einer analogen Welt. Die Routinen von Hirayama werden jäh unterbrochen, als ein junges Mädchen vor der Tür steht. Sie spricht ihn mit Onkel an und in wenigen Augenblicken können wir einen Blick in Hirayamas Vergangenheit und Familienverhältnissen erhaschen.

    Dann wird klar: Wim Wenders spielt mit doppeltem Boden. Denn unter der Zufriedenheit und Genügsamkeit verbirgt sich scheinbar mehr. Müsste er gar keine Toiletten putzen? Was steckt wirklich dahinter? Wir erfahren es nicht. In der allerletzten Einstellung spüren wir jedoch auf einmal einen Schmerz, der sich tief in Hirayama verbirgt. Wir leiden mit ihm.

    Mit PERFECT DAYS ist Wim Wenders ein zutiefst berührendes Kleinod geglückt. Gedreht im Academy Format 1.33:1. Passend zu Hirayamas Minitransporter.

    Titel Perfect Days, Japan 2023
    Ab 12 Länge 123 Min.
    Regie Wim Wenders Drehbuch Wim Wenders, Takuma Takasaki Kamera Franz Lustig Schnitt Toni Froschhammer
    Musik Lou Reed, Van Morrisson, Nina Simone Mit Kōji Yakusho


    „Der Trost der Gewohnheit„: Peter Körte in der FAZ über PERFECT DAYS.


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  • WONKA ★★★★½

    WONKA ★★★★½

    Mit Timothée Chalamet, Calah Lane, Olivia Coleman Regie Paul King
    Ab 8 Länge 117 Min.

    Der erste Trailer von Paul Smiths WONKA hat doch glatt unterschlagen, dass es sich hier um ein Musical handelt. Völlig unbegründet, denn die Gesangsnummern gehen ins Ohr. Timothée Chalamet belebt den bisher nicht gerade durch seinen sympathischen Charakter aufgefallenen Schokoladenconnoisseur Wonka mit seiner charmanten Art zu neuem Leben. Mit Roald Dahls ursprünglichen Geschichte, hat das hier aber weniger zu tun. Es handelt sich vielmehr um eine Vorgeschichte und da hat man gleich einmal die Tonart geändert. Es ist wohl kein Zufall, dass Chalamets Wonka mit seiner naiven Warmherzigkeit an PADDINGTON erinnert. Mit den zwei Ausnahmefilmen über den berühmten Bären hat sich Regisseur Paul King in den vergangenen zehn Jahren einen Namen gemacht. Timothée Chalamet selbst zeigt einmal mehr, warum er für das zeitgenössische Kino so wichtig ist und es in Zukunft noch mehr sein wird.

    Hugh Grant im wohl skurrilsten Auftritt seiner Karriere. Mit Timothée Chalamet in WONKA (Paul King, USA/GB 2023)

    Kurzkritik

    Wonka ist jetzt kein Menschenfeind mehr und sogar ein Kinderfreund. Daran haben sich manche gestossen. Zu weichgespühlt hat Paul King den verträumten Schokoladenkönig. Die Liebe steckt hier aber im Detail und wer WONKA nicht mag, hat ohnehin kein Herz.

    Zugegeben, ich bin kein Freund virtueller Computerwelten, die rein gar nicht in der Realität verankert sind und mit waghalsigen Kamerafahrten aufwarten. In WONKA gewöhnt man sich aber recht schnell daran, weil nicht die großen Setpieces im Vordergrund stehen.

    Interessanterweise ist Paul Kings Inszenierung Tim Burtons Stil nicht unähnlich. Nur mit mehr Zuckerwatte und Popcorn. Jede Figur ist hier auf ihre Art überzeichnet. Alles übertrieben. Trotzdem bekommen die zwischenmenschlichen Beziehungen genügend Raum und ja, Timothée Chalamet.

    Um die Brücke zu Johnny Depp zu schlagen: als er in seinen späten 20ern war, gab es eine Reihe junger junger Schauspieler mit Starpotential, die das Publikum in die Kinos lockten: Brad Pitt oder Tom Cruise, Leonardo di Caprio begann gerade seine Karriere. Um nur die Bekanntesten zu nennen. Das ist längst nicht mehr so. Daher ist Chalamet von so unschätzbarem Wert für das Kino von heute. Er nutzt seine Popularität um zwischen Arthaus- und Blockbustersegment zu wechseln. In WONKA verzaubert er als Prince Charming das Publikum.

    Mit der deutschen Synchronfassung hat man sich viel Mühe gegeben (der Chor der Mönche ist zum Niederknien komisch) und mit Marco Eßler eine sehr passende Synchronstimme gefunden. Trotzdem lege ich wie immer die Originalfassung nahe. Vor allem wenn man in Filmen die Originalsprache gewohnt ist, kann die Übersetzung gewöhnungsbedürftig sein.

    Einzig ein wenig kürzer könnte WONKA hinsichtlich des jüngeren Publikums sein. Der Film läuft ohne Altersfreigabe, was ich wiedereinmal nicht nachvollziehen kann. Mindestens 8, wenn nicht 10 Jahre sollten die Jüngsten schon sein. Andernfalls überfordern zwei Stunden die Kleinsten zu sehr.

    WONKA ist ein warmherziges Märchen mit vielen liebeswerten Charakteren und die beste Gelegenheit für einen Kinobesuch mit der Familie. Eine Fortsetzung verspielt man meiner Meinung nach in den letzten Minuten. Aber wer weiß. Oompa Loompa doompetydo!

    WONKA USA/UK 2023
    Musical Ab 8 Länge 117 Min.
    Regie Paul King Drehbuch Paul King, Simon, Farnaby Kamera Chung Chung-hoon Schnitt Mark Everson
    Musik Joby Talbot Mit Timothée Chalamet, Calah Lane, Olivia Coleman


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


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  • MAESTRO ★★★★ ½

    MAESTRO ★★★★ ½

    Im Abo

    Mit Bradley Cooper, Carey Mulligan Regie Bradley Cooper
    Ab 10 Länge 129 Min.

    OSCAR KANDIDAT

    Die Kamera nähert sich Leonard Bernstein, gespielt von Bradley Cooper, von hinten an. Für ein Fernsehteam spielt er auf dem Klavier. Am Ende sackt er in sich zusammen und erinnert sich an seine große Liebe. Jede Geste stimmt, die Maske sitzt perfekt. Cooper zieht uns in MAESTRO vom ersten Moment an in seinen Bann. Die ersten beiden kaum fünf Minuten dauernden Szenen haben mehr cinematische Kraft und Emotion als so manch anderer Film in diesem Jahr in mehreren Stunden zu entfachen vermag. Was folgt ist kein gewöhnliches Biopic, sondern eine schmerzhafte Liebesgeschichte anhand der sich Cooper an einer der beeindruckendsten Künstlerbiografien des 20. Jahrhunderts abarbeitet.

    Bradley Cooper und Carey Mulligan in MAESTRO (USA 2023)

    Kurzkritik

    A STAR IS BORN war also keine Regieeintagsfliege. Bradley Cooper ist es gelungen, mit seiner zweiten Regiearbeit an den Erfolg von 2018 anzuknüpfen. Und wieder steht eine starke Frauenfigur im Zentrum. Diesmal ist es Bernsteins langjährige Ehefrau Felicia Montealegre gespielt von Carey Mulligan. Wir erleben das Musikgenie aus ihrer Perspektive. Sie selbst ein Broadwaystar, leidet unter seinem enorme Ego. Das kann nicht gut gehen. Zudem Bernstein nicht gerade für seine Treue bekannt war. Trotzdem bleibt sie Jahrzehnte an seiner Seite.

    Besonders auffällig ist die von Cooper penibelst einstudierte Mimik und Gestik, was ihm Kritik eingebracht hat. Er sieht Bernstein dank einer im wahrsten Wortsinn herausragenden Maske zum verwechseln ähnlich. Nahezu jedes Outfit weckt Erinnerungen an Fotos und Filmaufnahmen von Bernstein. Hier drängen sich in einigen Departments Oscar Nominierungen auf. Sogar sein Klavierspiel hat er perfektioniert, für Szenen wie jene, in der Bernstein mit Aaron Copland (Brian Clements) ein Duett spielt. Allerdings bekommen wir eine andere Version zu hören. Ein Höhepunkt von MAESTRO ist jene mehr als fünf Minuten lange Szene, in der Cooper die 2. Symphonie von Mahler dirigiert. In der Kathedrale von Ely, an jenen Ort, an dem Bernstein in den 1970ern einen großen Erfolg feierte.

    Maestro. Bradley Cooper as Leonard Bernstein (Director/Writer/Producer) in Maestro. Cr. Jason McDonald/Netflix © 2023.

    Bereits in A STAR IS BORN umgab sich Bradley Cooper mit bis in die kleinsten Rollen erstklassig besetzen NebendarstellerInnen. Egal ob Hausmeister oder Gesprächspartner in einer Tischgesellschaft: In der jeweiligen Szene sind sie den beiden Hauptdarstellern unmittelbar ebenbürtig. Das gibt dem Film eine unglaubliche Kraft. Genauso wie immer wiederkehrende Traumsequenzen, die sich fließend in die Handlung einfügen und eine ganze Reihe an ausdrucksstarken Bildkompositionen.

    A work of art does not answer questions, it provokes them, and its essential meaning is in the tension between the contradictory answers.

    Das Zitat von Leonard Bernstein steht am Anfang von MAESTRO.

    Voller Widersprüche war Bernstein selbst. Allein schon, da er als homosexueller Mann ein Doppelleben führte, das er selbst vor seinen Kindern verborgen hatte (der Film entstand in Zusammenarbeit mit seinen drei Kindern). Es ist unbestritten, dass er seine Frau über alles liebte, auch wenn Montealegre in einer zentralen und emotionalen Szene behauptet, sein Herz sei voll Haß. Was, so Cooper, der diese Szene schon vor mehreren Jahren geschrieben hatte, aber wiederum in Frage stellt. Sonst wäre sie nicht so lange an seiner Seite geblieben. Gleichzeitig erdrückt Bernstein alle in seiner Umgebung mit seiner Persönlichkeit und läßt kaum Luft zum Atmen. Als Dirigent hatte er zudem ein komplett anderes Auftreten, als wie wenn er gerade komponierte oder sich auf den zahlreichen Parties herumtrieb.

    MAESTRO ist ein sehr ambitioniertes aber auch gelungenes Porträt einer Beziehung und wie so oft, wenn die Beziehung eines Genies beleuchtet wird, muss man unweigerlich erkennen, dass dieses Genie ohne den Rückhalt einer Partnerin an der Seite, bei weitem nicht so erfolgreich sein konnte. Ohne Felicia wäre Leonard verloren gewesen. Das bringt Bradley Cooper auf den Punkt. Nicht zu vergessen ein grandioser, das Schaffen Bernsteins umspannender Soundtrack, der zum immer wieder Nachhören einlädt.

    Nach wenigen Wochen im Kino ist MAESTRO bereits bei Netflix verfügbar. Was ich befürworte. Ins Kino habe ich es nicht geschafft und zudem konnten wir den Film zu Hause gemeinsam schauen. Im Kino wäre das undenkbar. Es ist ein großer Gewinn.

    Maestro, USA 2023
    Biografie Ab 10 Länge 129
    Regie Bradley Cooper Drehbuch Bradley Cooper, Josh Singer Kamera Matthew Libatique Schnitt Michelle Tesoro
    Mit Bradley Cooper, Carey Mulligan
    Netflix


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  • NAPOLEON ★★½

    NAPOLEON ★★½

    NAPOLEON USA/UK 2023 Regie Ridley Scott
    Historienfilm Ab 12 Länge 158 Min.

    Ludwig von Beethoven widmete seine 3. Sinfonie „Eroica“ ursprünglich Napoleon Bonaparte. Erst wollte er sie Napoleon persönlich in Paris präsentieren. Dann war er jedoch so verärgert, nachdem sich dieser 1804 selbst zum Kaiser krönte, dass er nachträglich die Widmung auf der Partitur entfernte. Über die Einordnung des Wirkens von Napoleon ist sich die Wissenschaft bis heute uneinig. Ridley Scotts orientiert sich in NAPOLEON leider nicht an den letzten Erkenntnissen von HistorikerInnen. Das ist aber noch nicht das einzige Problem seines neuesten Epos. Abgesehen von bemerkenswerten schauspielerischen Leistungen von Joaquin Phoenix und Vanessa Kirby knüpft Ridley Scott mit NAPOLEON nicht an frühere Erfolge an.

    Vanessa Kirby und Joaquim Phoenix in NAPOLEON von Ridley Scott.
    Vanessa Kirby und Joaquin Phoenix (Ridley Scott, USA/UK 2023)

    Kurzkritik

    Wenn zum Kinostart bekannt ist, dass der Regisseur gerade an seiner Version des Filmes arbeitet, die in naher Zukunft per Streaming verfügbar sein wird, dann ist das schon keine günstige Ausgangssituation. NAPOLEON, jetzt schon mit einer Überlänge von knapp 160 Min, soll noch einmal um eineinhalb Stunden länger werden. Ob man derart Menschen dazu bewegen kann, mehr als 10€ für einen einzigen Film zu bezahlen, ist fraglich. Zumal er in der jetzt vorliegenden Fassung fragmentarisch und zerrissen wirkt, arbeitet sich Scott doch an mehr als einem Duzend Stationen in Napoleons Leben ab.

    Ein Historienfilm läßt sich aus mehreren Perspektiven betrachten. Ridley Scott (HOUSE OF GUCCI, THE LAST DUEL) und Drehbuchautor David Scarpa nähern sich über den Briefverkehr zwischen Napoleon und seiner Frau Joséphine der Geschichte an. Die nahezu kindlich anmutende Art der Konversation war für sie das geeignete Ausgangsmaterial. Eine spannende Herangehensweise und eine interessante Perspektive. Überlagert werden diese aus dem Off kommenden Dialoge nun aber mit verschiedenen zeitlich chronologisch angeordneten Stationen aus Napoleons Leben von der Hinrichtung Marie-Antoinettes bis zu seinem Exil in St. Helena. Dieses hin und her zwischen Schlachtfeld und Schlafzimmer will nicht so recht funktionieren. Es fehlt an Romantik und Poesie. War der Stoff in den falschen Händen? Der Director’s Cut soll sich mehr auf Joséphine fokussieren. Auch wenn das etwas ändern sollte, ist eine Laufzeit von vier Stunden den meisten wohl kaum zumutbar. Und warum soll etwas gelingen, was in zweieinhalb Stunden schon fehlgeschlagen ist?

    Wie sieht es mit der Erwartungshaltung aus, wenn man heute in einen Film geht, der eine historische Grundlage hat. Was mich selbst betrifft, so möchte ich eine korrekte Erzählung und keine Dichtungen, in einer ohnehin schon hochdramatischen Geschichte. Bereits von der ersten Sequenz an, in der Napoleon der Hinrichtung Marie-Antoinettes beiwohnt, was offenkundig nicht der Fall war, hält sich das Drehbuch nicht an historische Tatsachen. Die meisten Verfilmungen über das Leben Napoleons liegen viele Jahre zurück und wahrscheinlich wäre Scotts Version damals auch anders rezipiert worden. Aber heute glaube ich, dass die Erwartungen andere sind. Das hat sich auch in den Gesprächen nach der Vorstellung gezeigt. Das geht bis zum Nachspann, in dem die Millionen unter Napoleons Kriegsführung zu Tode gekommenen aufgeschlüsselt werden. Dabei ist es nicht mehr so sicher, dass er selbst für die Opfer verantwortlich war, sondern sie viel mehr eine Folge der in Europa vorherrschenden Macht- und Spannungsverhältnissen waren.

    Eine Ungenauigkeit sticht besonders hervor: Joséphine war sechs Jahre älter als Napoleon. Bei ihrer Hochzeit versuchten die Beiden den Unterschied mit falschen Geburtsdaten zu kaschieren. Vanessa Kirby ist aber 14 Jahre jünger als Joaquin Phoenix. Das ist auch dahingehend ein problematisches Zeichen, da es mit zunehmendem Alter für Frauen immer schwieriger wird, ihrem Alter entsprechende Rollen zu bekommen.

    Was viele ins Kino ziehen wird, sind neben den beiden Schauspielstars wohl die epochalen Schlachtszenen, die natürlich auf der Leinwand besonders zur Geltung kommen (Nebenbei ist der Film auf eine morbide Art und Weiße recht witzig, was beim Publikum im Saal weniger angekommen zu sein scheint). Optisch gibt NAPOLEON ordentlich was her und ist auch erstaunlich kurzweilig. Trotzdem: die beschriebenen Schwächen und die andere Version des Filmes im Hinterkopf trüben das Filmerlebnis.

    NAPOLEON USA/UK 2023
    Historienfilm Ab 12 Länge 158 Min.
    Regie Ridley Scott Drehbuch David Scarpa Kamera Dariusz Wolski Schnitt Sam Restivo, Claire Simpson
    Musik Martin Phipps Mit Joaquin Phoenix, Vanessa Kirby, Rubert Everett Apple TV+


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