Kategorie: Filmkritik

  • „DER WILDE ROBOTER“ Filmkritik: Tiefschwarzer Humor zwischen Natur und Technik

    „DER WILDE ROBOTER“ Filmkritik: Tiefschwarzer Humor zwischen Natur und Technik

    ★★★★★
    Mit Lupita Nyong’o, Pedro Pascal Regie Chris Sanders
    Ab 6 Länge 102 Min.

    Der Serviceroboter Rozzum 7134 strandet auf einer unbewohnten Insel. Unbewohnt? Nicht ganz. Fernab jeglicher Technologie ist der Ort ein Tier- und Naturparadies, indem sich der Roboter erst zurecht finden muss. Roz erlernt Tiersprachen und wird unverhofft zur Adoptivmutter für eine Ente. DER WILDE ROBOTER ist einer der schönsten und unterhaltsamsten Animationsfilme der jüngsten Zeit.

    The Wild Robot. Chris Sanders, USA 2024

    Kurzkritik

    Es ist ein leidiges Thema: das Filmangebot für die Jüngsten ist frustrierend. Nicht, dass die Kleinen schlecht unterhalten werden aber als Erwachsener hat man nunmal höhere Ansprüche. Und wenn der x-te 60-minütige Serienableger in die Kinos kommt und als Kinofilm verkauft wird, kommt man sich veräppelt vor. Dann gibt es aber wieder Lichtblicke und DER WILDE ROBOTER ist so einer. Einmal mehr zeigt sich, dass der Animationsfilm das kann, was dem Realfilm nur selten gelingt, nämlich Jung und Alt gleichermaßen gut zu unterhalten. Im Grunde auch das Geheimnis der Erfolgsgeschichte, wie ich meine.

    „Wird man Zeuge eines Todes, ist das eigene Leben gleich viel schöner.“

    Dann können schon mal solche Zeilen vorkommen wie in DER WILDE ROBOTER. Der strotz nämlich nur so vor schwarzhumorigen Pointen. die tun den Kindern nicht weh, so sie überhaupt ankommen und für uns sind sie einfach ur komisch. Zudem ist es eine sehr berührende Geschichte. Es ist immer wieder erstaunlich, wie es einer Maschine gelingen kann, derartige Emotionen bei uns hervorzurufen.

    Daneben werden wir mit einem wunderschönen Animationsstil belohnt, der hier nicht versucht, hyperrealistische Bilder zu erzeugen, sondern teils eher an die Ursprünge des Zeichentrickfilms erinnert und das in Kombination mit heutiger Technologie. Regisseur und Drehbuchautor Chis Sanders hatte dabei sowohl Hayao Miyazaki im Sinn, wie auch die Malerei von Claude Monet. Die Mischung ist auf allen Ebenen gelungen.

    DER WILDE ROBOTER (OT: THE WILD ROBOT ), USA 2024
    Animationsabenteuer Ab 6 Länge 102 Min.
    Regie und Drehbuch Chis Sanders Schnitt Mary Blee
    Musik Chris Bowers Mit Lupita Nyong’o, Pedro Pascal


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  • „THE SUBSTANCE“ Filmkritik: feministischer Body-Horror mit Demi Moore in der Rolle ihres Lebens.

    „THE SUBSTANCE“ Filmkritik: feministischer Body-Horror mit Demi Moore in der Rolle ihres Lebens.

    ★★★★
    Mit Demi Moore, Margaret Qualley, Dennis Quaid Regie Coralie Fargeat
    Ab 16 Länge 141

    Von ihrem Luxusappartement aus blickt der TV-Star Elisabeth Sparke (Demi Moore) auf eine riesige Reklametafel mit ihrem Konterfei als Fitnesstrainerin. Als das Plakat unsanft entfernt wird, ist klar, dass ihre Zeit abgelaufen ist. Mit 50 Jahren ist sie dem Senderchef Harvey (Denis Quaid) zu alt. Eine Nachfolgerin wird gesucht. Da bekommt Elisabeth ein mysteriöses Angebot: sie kann mittels einer Substanz die beste (jüngere) Version ihrer selbst erschaffen. In THE SUBSTANCE thematisiert Regisseurin Coralie Fargeat mit wenig Dialogen und dabei umso drastischeren Bildern, die so manche wohl an die Grenzen des Erträglichen führen könnten, den Jugendwahn unserer Gesellschaft.

    Margareth Qualley in THE SUBSTANCE von Coralie Fargeat

    Kurzkritik

    Demi Moore geriet in den letzten Jahren mehr wegen ihres Aussehens in die Schlagzeilen, als aufgrund von schauspielerischen Erfolgen. Immerhin spielt die 61-Jährige nun die Rolle eines 50-jährigen TV Stars. Abgesehen davon kann sie ihre Rolle in THE SUBSTANCE als künstlerischen Erfolg verbuchen (es gibt Oscar-Gemauschel aber Vorsicht, es ist erst Oktober). Es ist ein Manager, gespielt von Dennis Quaid (im realen Leben 70 Jahre alt und seine Rolle ist kaum jünger anzusetzen), der der Meinung ist, sie sei zu alt für ihren Job.

    Dennis Quaid gibt einen lüsternen, alten weißen Mann ohne jegliche Tischmanieren und ist dabei, so wie alle männlichen Rollen in dieser Geschichte ein wahr gewordener Blondinenwitz. Sie haben in THE SUBSTANCE zwar eindeutig mehr Text aber es ist eigentlich nur Mist, den sie von sich geben und das gefilmt mit Weitwinkelobjektiv á la Lanthimos, sodass deren Nasen fast in den Popcorntüten im Kinosaal stecken.

    Das Experiment mit dem besseren Ich geht schief, soviel sie verraten. Der Deal ist an Bedingungen geknüpft. Das ermöglicht es dem Film, sich im Horrorfach auszutoben. Es kommt zu einem Interessenkonflikt zwischen Elisabeth und ihren zweiten Ich Sue, gespielt von Margaret Qualley. Es beginnt ein Horrortrip, bei der Umsetzung dessen Finales das Special Effect Department eine Menge Spass gehabt haben dürfte.

    Qualleys Rolle ist allerdings auch nicht zu unterschätzen, muss sie doch sehr hohe Erwartungen an ihr Äußeres erfüllen und damit mit allein ist es der Glaubwürdigkeit Willen natürlich nicht getan.

    Es ist aber gerade die letzte halbe Stunde, in der die Situation eskaliert, die THE SUBSTANCE eine unnötige Überlänge beschert. Was bleibt ist Demi Moore in einer ihre Karriere überragende Rolle in einem Fantasyfilm, der zu keinem Zeitpunkt in einer realen Welt spielt und sich vielleicht gerade deswegen in paar Auslassungen erlaubt, an denen sich womöglich ein Teil des Publikums stören könnte. Alles in allem ist diese Horrorsatire aber spannend mit einer tollen Besetzung und anschaulichen Sets umgesetzt und daher auf jeden Fall sehenswert!

    Coralie Fargeat gewann bei den Filmfestspielen in Cannes den Preis für das Beste Drehbuch.

    THE SUBSTANCE, UK/USA/F 2024
    Horror Ab 16 Länge 142 Min.
    Regie und Drehbuch Coralie Fargeat Kamera Benjamin Kračun Schnitt Jérôme Eltabet
    Musik Raffertie Mit Demi Moore, Margaret Qualley, Dennis Quaid


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  • „FAVORITEN“ Filmkritik: Ruth Beckermanns Bestandsaufnahme des österreichischen Schulsystems

    „FAVORITEN“ Filmkritik: Ruth Beckermanns Bestandsaufnahme des österreichischen Schulsystems

    ★★★★ ½
    Mit Ilkay Idiskut Regie Ruth Beckermann
    Ab 7 Länge 118 Min.

    Eine Klasse mit 21 Kindern. Alle sprechen fließend Deutsch. Bei jeder Aktivität sind gleich 10 Eltern vor Ort. Bei Problemen bekommen die Kinder extra Betreuung von einer Sozialpädagogin. Fällt eine Lehrkraft aus, findet man Ersatz. So ist das bei uns in der Wiener Leopoldstadt. Und dann gibt es Schulen wie in Ruth Beckermanns sehenswerter Langzeitbeobachtung FAVORITEN. 

    Kurzkritik

    Gut eine Reihe mehr steht hier an Tischen in der Klasse. Es ist die größte Volksschule in Wien im Flächenbezirk Favoriten. Vorne steht Ilkay Idiskut. Einfühlsam, engagiert und ambitioniert steuert sie die Klasse durch die vier Jahre der Volksschule. Die ersten vier Jahre der Schulpflicht in Österreich (die eigentlich eine Unterrichtspicht ist). Für alle Kinder gleich und doch nicht.

    Das marode Schulsystem hier aufzuarbeiten würde den Rahmen sprengen. Ruth Beckermann gelingt es in ihrer Dokumentation zahlreiche Themen anzusprechen. Ohne Kommentar, ohne sie zu werten. Sie sind ohnehin offensichtlich. 

    Es ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, die Kindern mit Migrationshintergrund in Österreich widerfährt. Wobei man sagen muss, dass die Sprachkompetenz eine wesentliche Rolle spielt. Hier geboren, ist Deutsch eine große Herausforderung, weil es weder zu Hause, noch im sozialen Umfeld gesprochen wird.

    FAVORITEN zeigt das auf. Nichts davon ist neu. Zeitgemäße pädagogische Konzepte liegen seit Jahrzehnten vor. Man muss sich unweigerlich die Frage stellen, ob das so gewollt ist. Gäbe es diese Probleme nicht, fehle dann nicht auch eine Projektionsfläche, an der sich die Politik tagtäglich so gerne abarbeitet?

    Ilkay Idiskut und ihre Schülerinnen in FAVORITEN von Ruth Beckermann

    Neben den schulischen Angelegenheiten hängt es auch an Idiskut kulturelle und soziale Aufklärung zu betreiben. Zum Beispiel hinsichtlich des Bildes, das die Jungen von Frauen haben oder sie muss sich zusätzlich um ein neu hinzugekommenes Kind kümmern, das dem Unterricht überhaupt nicht folgen kann. Eine Mammutaufgabe.

    Beckermann stellt die Kinder in den Vordergrund. Sie sind die Stars, die von Wien über Berlin bis Hong Kong von der Leinwand herunterlächeln. Teilweise sind es Kinder von Akademikern, die ratlos sind ob unseres Schulsystems, das die Kinder mit 10 Jahren beinhart selektiert und ihren Werdegang zwar nicht einzementiert aber sie doch in recht schwere Schuhe steckt. Davor werden die Kleinen noch mit Noten zur Verzweiflung gebracht. Ein konservativer Bildungstraum. Auf Seiten der Politik ein klares nicht genügend. Von den Kindern werden Leistungen erwartet aber im Gegenzug erfüllt der Staat seine eigenen Aufgaben nicht. Das System leidet an der Bürokratie und an Personalmangel.

    In einem Interview sagte Ruth Beckermann, dass sie und ihr Team am Ende eines Drehtages oft wütend die Schule verlassen haben. Viel Hoffnung steckt in FAVORITEN leider nicht. Nach vier Jahren werden die Kinder in eine ungewisse Zukunft entlassen. Die primären Aufgaben, die eine Volksschule erfüllen soll, können kaum bewältigt werden.

    FAVORITEN, Österreich 2024
    Dokumentation Ab 7 Länge 118 Min.
    Regie Ruth Beckermann Drehbuch Ruth Beckermann, Elisabeth Menasse Kamera Johannes Hammel Schnitt Dieter Pichler
    Mit Ilkay Idiskut, Alper, Amina, Arian, Beid, Dani, Danilo, David, Davut, Eda, Egemen, Elif, Enes, Fatima, Furkan, Hafsa, Ibrahim, Liemar, Majeda, Manessa, Melissa, Mohammed, Natalia, Nerjiss, Rebeca, Selen, Selin, Teodora und Valentin.


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  • „LOVE LIES BLEEDING“ Filmkritik: Famoses Drama von Liebe und Gewalt aus queerer Sicht im New Mexico des Jahres 1989.

    „LOVE LIES BLEEDING“ Filmkritik: Famoses Drama von Liebe und Gewalt aus queerer Sicht im New Mexico des Jahres 1989.

    ★★★★ ½
    Mit Kristen Stewart, Katy O`Brian, Ed Harris Regie Rose Glass
    Ab 16 Länge 104 Min.

    Eine Familie mit dunkler Vergangenheit, die sich bis in die Gegenart zieht und eine nahezu bedingungslose Liebe zwischen zwei Frauen im New Mexico des Jahres 1989. In diesem Kontext spielt LOVE LIES BLEEDING von Regisseurin und Drehbuchautorin Rose Glass, die mit Kirsten Stewart und Katy O`Brian in den Hauptrollen ihre eigene pulp fiction geschaffen hat.

    Darum geht es

    Lou (Kisten Stewart) arbeitet im Fitnessstudio ihres Vaters Lou Sr. (Ed Harris) und ist eigentlich nur noch in der Stadt, weil sie sich um ihre Schwester Sorgen macht, die von ihrem Ehemann misshandelt wird. Eines Tages taucht Jackie (Katy O`Brian) auf, die sich gerade auf einen Bodybuilding Contest in Las Vegas vorbereitet. Lou fühlt sich sofort zu ihr hingezogen. Es entwickelt sich eine hingebungsvolle Liebe zwischen den beiden und so wird Jackie in Lous Familiengeschichte mit hineingezogen. Jackie ist zu drastischen Maßnahmen bereit, um Lou für sich zu gewinnen. Es stellt sich heraus, dass Lou Sr. ein lokaler Gangster ist, der seinerseits auch nicht davor zurückschreckt, alles zu unternehmen, damit seine Machenschaften nicht auffliegen. Eine Spirale der Gewalt beginnt sich zu drehen, bei der sich alle Beteiligten nichts schenken und die in ein surreales Finale mündet.

    Katy O`Brian und Kirsten Stewart in LOVE LIES BLEEDING von Rose Glass.

    Kurzkritik

    Rose Glass lässt ihren Star Kirsten Stewart gleich zu Beginn tief in die Scheiße greifen und gibt damit gleich den Ton an. New Mexico. Neon. Bodybuilding. Die 1980er. Rohe Gewalt. LOVE LIES BLEEDING fühlt sich nicht nur deshalb vom ersten Moment an wie aus der Zeit gefallen. Anders als zahlreiche andere Filme und Serien, die mit der 1980er Nostalgie spielen, gelingt es Glass authentisch zu sein und es wirkt beinahe so, als hätte uns der Film tatsächlich durch eine Zeitkapsel aus einen Kinosaal der 1990er erreicht. Die Rohheit und die Grundstimmung von LOVE LIES BLEEDING erinnert an das Kino jener Zeit, in der noch nicht alles auf Markttauglichkeit geprüft werden musste und man sich noch FKS 16 leiten konnte. Es musste nicht allen Gefallen und war trotzdem erfolgreich.

    Love Lies Bleeding ist kein Abklatsch einer vergangenen Ära, sondern Glass zitiert ihre Vorbilder wohlbelacht, fügt neue Perspektiven ein und schafft, mit ihrem nach SAINT MAUD zweiten Spielfilm, ein eindringliches Stück gegenwärtiges Kino, das bereits Vorfreude drauf entfacht, was da noch so alles von ihr kommen mag.

    LOVE LIES BLEEDING, UK/USA 2024
    Thriller Ab 16 Länge 104 Min.
    Regie Rose Glass Drehbuch Rose Glass, Weronika Tofilska Kamera Ben Fordesman 
    Schnitt Mark Towns Musik Clint Mansell Mit Kristen Stewart, Katy O`Brian, Ed Harris


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  • „A KILLER ROMANCE“ Filmkritik: Spaßige Sommerkomödie mit Nostalgiefaktor und einem neuen Star

    „A KILLER ROMANCE“ Filmkritik: Spaßige Sommerkomödie mit Nostalgiefaktor und einem neuen Star

    ★★★★
    Mit Glen Powell, Adria Arjona, Austin Amelio Regie Richard Linklater
    Ab 14 Länge 116 Min.

    Es ist eine reichlich verrückte Geschichte, die uns Regisseur Richard Linklater und sein Hauptdarsteller Glen Powell hier vorlegen. Ein Philosophieprofessor, der mit der Polizei zusammenarbeitet und sich dabei als falscher Profikiller ausgibt und so als Lockvogel fungiert. Kaum zu glauben aber wahr: den Mann gab es wirklich. A KILLER ROMANCE ist der erste Film des Regisseurs seit 2016, der bei uns regulär im Kino angelaufen ist.

    Glen Powell A Killer Romance Richard Linklater
    Glen Powell in A KILLER ROMANCE

    Kurzkritik

    Profikiller (im englischen Hit Man, so wie der originale Filmtitel) sind aus dem Kino nicht wegzudenken. Quer durch alle Genres sind sie zu finden, ein mal knallhart und brutal und dann wieder tollpatschig und urkomisch. Doch gibt es sie wirklich? Der Protagonist aus A KILLER ROMANCE stellt das gleich zu Beginn in Frage. Würde jemand für ein paar tausend Dollar ein Geschäft mit einer wildfremden Person eingehen, das ihn am Ende für immer ins Gefängnis bringen könnte? Eigentlich ein absurder Gedanke. In der Welt von Richard Linklater gibt es ihn auch nicht, denn Gary (Glen Powell) ist fake. Jedoch sehr erfolgreich indem was er tut, bis er alle Prinzipien über Board wirft und sich in eine Frau, die ihren Mann umbringen lassen möchte, verliebt. Dadurch ergeben sich zahlreiche witzige Situationen, die A KILLER ROMANCE zu einem sehr unterhaltsamen Sommerfilm machen.

    Glen Powell, Richard Linklater and Adria Arjona @ the set of HIT MAN.
    Glen Powell, Richard Linklater und Adria Arjona am Set von HIT MAN.

    Es ist die erste große Rolle für Glen Powell, der gemeinsam mit Linklater das Drehbuch verfasst hat. Und eigentlich muss es heißen: a star is born. Powell hat Potential und gerade im vor sich hindümpelnden Komödienfach ist jedes neue Talent eine Wohltat. Die Chemie stimmt zwischen Adria Arjona und Glen Powell, was sie in einem fulminanten Höhepunkt Beweisen können. Linklater blickt mit einer Collage zurück in eine längst vergangene Zeit Hollywoods, in der Killer cool und sexy waren.

    Nicht zuletzt dank der zwei großartigen Hauptdarsteller bietet A KILLER ROMANCE beste Unterhaltung und Richard Linklater stellt einmal mehr sein Gespür für das Komödienfach unter Beweis.

    TITEL A Killer Romance (OT: Hit Man ), USA 2023
    Krimikomödie Ab 14 Länge 116 Min.
    Regie Richard Linklater Drehbuch Richard Linklater, Glen Powell, Austin Amelio Kamera Shane F. Kelly Schnitt Sandra Adair
    Musik Graham Reynolds Mit Glen Powell, Adria Arjona


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  • „CHALLENGERS“ Filmkritik: Matchpoint für Zendaya & Co

    „CHALLENGERS“ Filmkritik: Matchpoint für Zendaya & Co


    ★★★★
    Mit Zendaya, Josh O’Connor, Mike Faist Regie Luca Guadagnino
    Ab 14 Länge 131 Min.

    Jeder Schlag knallt wie ein Schuss durch den Kinosaal. In Luca Guadagninos CHALLENGERS (in der deutschen Fassung mit dem unnötigen Zusatz Rivalen) ist der Centercourt aber nur vordergründig die Kampfzone. Welche Spannungen zwischen dem Dreiergespann Patrick (Josh O’Connor), Art (Mike Faist) und Tashi (Zendaya) tatsächlich herrschen, erfahren wir nach und nach durch Rückblenden. Vor uns setzt sich ein Puzzle zusammen und man wartet geradezu darauf, dass Blut fließt aber Guadagnino hat diesmal anderes mit uns vor. So gesehen ist sein neuerster Film CALL ME BY YOUR NAME näher als man zumindest dem Trailer nach vermuten möchte.

    Josh O’Connor und Zendaya in CHALLENGERS, USA 2024

    Kurzkritik

    Der Tennissport hat schon viele Höhen und Tiefen erlebt. Gibt es eine nationale Identifikationsfigur, verhilft das dem Sport sofort zu einem Popularitätshoch. Oder aber es kommt ein Hollywoodstar, wie die 27-jährige Zendaya und auf einmal ist sogar Tennismode wieder im Gespräch.

    Allerdings weniger bei den Erstklässlern, weil CHALLENGERS nicht Bibi & Tina auf dem Centercourt ist, sondern ein Drama von Regisseur Luca Guadagnino (SUSPIRIA). Da reden wir mal vorsichtig von 14 plus. Es ist eine vielversprechende Kombination und soviel sei verraten: die Rechnung geht auf.

    Damit das Trio komplett wird und sich ein wunderbares Dreiecksdrama entfalten kann, gesellen sich noch Josh O‘Connor (Charles in THE CROWN) und Mike Faißt (in bleibender Erinnerung als Riff in Steven Spielbergs WEST SIDE STORY) dazu. Die beiden Männer buhlen um ihre Aufmerksamkeit – nicht nur, sondern auch um jene zueinander. Der Spannung ist das nur zuträglich. CHALLENGERS gipfelt in einem überraschenden, wie gelungenen Finale. Die Geschichte ist in drei Sätzen um ein zentrales Match gebaut, dass wir mit Unterbrechungen von der ersten Szene an verfolgen. Nach und nach breitet sich vor uns in Rückblicken die gemeinsame Vergangenheit aus und dekonstruiert die drei Charaktere. Dadurch ändert sich ständig das Bild, das wir uns von ihnen und ihren Beziehungen zueinander gemacht haben.

    Der Soundtrack stammt von Trent Reznor und Atticus Ross und die beiden setzen ihrem bemerkenswerten Erfolgskurs fort. Auch die Musik zu CHALLENGERS bleibt in Erinnerung und trägt mit ihrem lauten von Techno inspirierten Soundtrack entscheidend zum Stil des Filmes bei.

    Einmal zeigt uns Guadagnino einen Ballwechsel aus der Sicht des Balles. Das ist ganz schon überdreht, zeigt aber, dass CHALLENGERS wenig Rücksicht auf ein bestimmtes Publikum nimmt. Ein offener Umgang mit Sexualität ist im Mainstream kaum mehr zu finden. Aus Rücksicht vor Kindern und Familien, weil jeder Film für alle gemacht sein muss. Hier ist das erfrischend anders. Guadagnino hat ein um ein paar Jahre älteres Publikum im Sinn. Das tut dem Film gut und ist leider eine Seltenheit geworden.

    CHALLENGERS hat einen kleinen Hype ausgelöst. Eine überbordende Rezeption muss nicht immer nachteilig sein. Der Film hat es sich verdient. Luca Guadagnino ist mit drei großartigen Darstellern ein spannendes, wie unterhaltsames Drama aus der Welt des Tennissports geglückt.

    TITEL CHALLENGERS, USA 2024
    Drama Ab 14 Länge 131 Min.
    Regie Luca Guadagnino Drehbuch Justin Kuritzkes Kamera Sayombhu Mukdeeprom Schnitt Marco Costa
    Musik Trent Reznor, Atticus Ross Mit Zendaya, Josh O’Connor, Mike Faist


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  • „CIVIL WAR“ Filmkritik: Ein Blick in eine dystopische Zukunft der USA

    „CIVIL WAR“ Filmkritik: Ein Blick in eine dystopische Zukunft der USA

    ★★★★ ½

    CIVIL WAR. Mit Kirsten Dunst, Wagner Moura, Cailee Spaeny, Stephen Henderson, Jesse Plemons Regie Alex Garland Ab 16 Länge 109 Min.

    Lee Smith hat schon viel gesehen und das ist der von Kirsten Dunst verkörperten Fotojournalistin ins Gesicht geschrieben. In Alex Garlands (Die Auslöschung) CIVIL WAR begibt sie sich mit eine Gruppe von Journalisten Richtung Washington DC. Doch die Reise durch das Land ist eine gefährliche. Der Präsident befindet sich in seiner nicht verfassungskonformen dritten Amtszeit und es tobt ein Bürgerkrieg zwischen Kalifornien und Texas auf der einen und einer Konföderation auf der anderen Seite. Die Western Forces sind dabei den Präsidenten auszuschalten und Lee und ihre Begleiter möchten dabei sein. Das Roadmovie wirft einen fiktiven und düsteren Blick in eine nahe Zukunft der USA.

    Jessie (Cailee Spaeny) als froschgebackene Fotojournalistin in CIVIL WAR von Alex Garland (UK/USA 2024)

    Kurzkritik

    Wie kam es dazu, dass von den Vereinigten Staaten nichts mehr übrig geblieben ist? Wer ist das genau, der da im Weissen Haus sitzt? Warum hat er den Platz nicht für eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger frei gemacht? Den politischen Hintergrund blendet Regisseur und Drehbuchautor Alex Garland völlig aus. Die Allianz zwischen Kalifornien und Texas ist abstrakt genug, um nicht in die Verlegenheit zu kommen, hier Parallelen zu aktuellen politischen Lagern zu ziehen. Das kann dort und da vielleicht für Irritationen sorgen, im Grunde ist es aber ein kluger Schachzug, diese nicht unwesentlichen Details komplett bei Seite zu schieben.

    CIVIL WAR erzählt von einer Schicksalsgemeinschaft, die quer durchs Land reist und dabei von einer haarigen Situation in die nächste schlittert. Wenn der Nachbar zum Feind wird, weil man seine politische Einstellung nicht teilt oder seine Herkunft nicht amerikanisch genug ist, kann in einem Land, in dem die Zivilbevölkerung derart hochgerüstet ist, jede Begegnung zu einer tödlichen Falle werden. Das ist die angespannte Atmosphäre, die uns in den Kinosessel fesselt.

    Lee Smith ist unterwegs mit ihrem Kollegen Joel (Wagner Moura) einem Journalist von Reuters. Hinzu kommt der New York Times Veteran Sammy (Stephen Henderson) und die unerfahrene Jessie (Cailee Spaeny). Sie verbindet der Ehrgeiz nach dem perfekten Foto und der exklusivsten Story. Als embedded journalists sind sie vorne an der Front. Auch davon erzählt CIVIL WAR. Wie nämlich die Bilder entstehen, die uns tagtäglich aus Krisenregionen erreichen. Dafür riskieren sie ihr Leben.

    Für jenen Moment, in dem wohl alle den Atem anhalten, sorgt Jesse Plemons. In seinem Aufritt sieht man den ganzen Zerfall einer Nation. Dafür lässt es sich quälend viel Zeit. Eine Glanzleistung.

    Es ist ein brutales und erschreckendes Bild, das uns Garland hier vorsetzt und es zeigt einmal mehr, wie dünn die Fäden der sogenannten Zivilisation sind. Das Thema ist brisant. Bleibt zu hoffen, dass diese Dystopie auch in Zukunft nur eine Fiction für die Leinwand ist.

    Titel CIVIL WAR, UK/USA 2024
    Thriller Ab 16 Länge 109 Min
    Regie/Drehbuch Alex Garland Kamera Rob Hardy Schnitt Jake Roberts
    Musik Geoff Barrow, Ben Salisburi Mit Kirsten Dunst, Wagner Moura, Cailee Spaeny, Stephen Henderson, Jesse Plemons


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  • THE ZONE OF INTEREST ★★★★★

    THE ZONE OF INTEREST ★★★★★

    Mit Christian Friedel, Sandra Hüller Regie Jonathan Glazer
    Ab 14 Länge 106 Minuten

    OSCAR GEWINNER

    Das Interessengebiet des KZ Auschwitz bezeichnete die Sperrzone rund um das Vernichtungslager in Polen. Direkt an dessen Außenmauern befand sich das Einfamilienhaus des Lagerkommandanten Rudolf Höß und seiner Frau Hedwig. Von Mai 1940 bis Juli 1944 lebten sie dort mit ihren vier Kindern in einer Parallelwelt, völlig unbehelligt davon, welch buchstäblicher Alptraum sich auf der anderen Seite der Mauer zutrug. Regisseur Jonathan Glazer (UNDER THE SKIN, 2013. Verfügbar bei Amazon Prime) hat einen sehr speziellen Weg gefunden, das Grauen spürbar zu machen, in dem er es nicht zeigt. Mit Sandra Hüller und Christian Friedel hat er zwei formidable Schauspieler gefunden und wurde dafür in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet. THE ZONE OF INTEREST war bei den Oscars 2024 5-fach nominiert und wurde als Bester Internationaler Film und für den Besten Ton ausgezeichnet.

    Sandra Hüller als Hedwig Höß spaziert mit Kind im Arm durch ihren Blumengarten.
    Sandra Hüller in THE ZONE OF INTEREST (Jonathan Glazer, 2023)

    Kurzkritik

    Hanna Arendt prägte 1963, während sie den Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem beobachtete, die nicht unumstrittene Beschreibung von der „Banalität des Bösen“. Der britische Regisseur Jonathan Glazer hat sich in seinem fünften Spielfilm nun aus einer bürokratisch technokratischen Perspektive an die Todesmaschinerie der Nationalsozialisten angenähert. Banal ist hier der Alltag, dem das Ehepaar nachgeht. Ganz im Gegensatz zu der Katastrophe, die sich gleichzeitig wenige Meter weiter ereignet.

    Regisseur Jonathan Glazer ließ das Haus, in dem das Ehepaar Höß mit seinen fünf Kindern lebte, originalgetreu von Szenenbildner Chris Oddy in Auschwitz nachbauen (das Originalhaus befindet sich in Privatbesitz). Dafür wurde bereits Monate vor den Dreharbeiten damit begonnen, den Garten, um den sich Hedwig Höß so führsorglich kümmerte, anzulegen. In der Bildästhetik lies sich Glazer von zeitgenössischen Filmaufnahmen inspirieren: Die Kamera bewegt sich kaum und die matten Farbtöne erinnern an Agfacolor. Im Haus wurden zehn automatisierte Kameras verbaut, damit sich die Schauspieler ungestört und scheinbar unbeobachtet bewegen konnten. Für einige Szenen kamen Nachtsichtkameras zum Einsatz.

    Der Rudi nennt mich „Die Königin von Auschwitz“.

    Hedwig Höss in THE ZONE OF INTEREST

    In Uniform oder komplett weiß gekleidet sehen wir Höß in seiner Villa, im Garten und mit seinem Sohn ausreiten. Nur vom Lager selbst sehen wir nur, was über die Mauern hinausragt. Dazu ziehen Tag und Nacht dunkle Rauschwaden über den Himmel. Es sind Gespräche und zahlreiche Details, die eine Atmosphäre des Unbehagens schaffen. Einmal freut sich Hedwig Höß über einen in einer gestohlenen Zahnpastatube versteckten Diamanten.

    Vor allem aber ist es die Arbeit von Sound Designer Johnnie Burns (siehe Video unten), die die einzige permanente Verbindung zum Lager darstellt (gemeinsam mit Tarn Willers ist er für einen Oscar nominiert). Über Monate sammelte er verschiedenste Geräusche, um am Ende den ungewöhnlichen Soundtrack für THE ZONE OF INTEREST zu schaffen: ein ständiges Brummen, Schüsse und Geschrei. All das wird von der Familie Höß ignoriert. Dabei stützt sich diese Darstellung auf historische Aufzeichnungen, die den völlig von Empathie befreiten Charakter von Rudolf Höß beschreiben, der sich bis zuletzt keiner Schuld bewusst war.

    Es ist eine vollkommen anderen Herangehensweise als etwa jene von Steven Spielberg in SCHINDLERS LISTE. Dort plastische Darstellungen von Gewalt, ein Stil, der ihm trotz des Erfolges immer noch nachgetragen werden und bei Glazer die vollkommene Abstinenz von eindringlichen Bildern. Man könnte anmerken, dass es auch bei Glazer ein spezieller Effekt ist, der eine Emotion hervorruft (ist es bei Claude Lanzmanns SHOAH aus dem Jahr 1985 nicht anders?). Allerdings wurde schon alles gezeigt und es reichen die Bilder unserer Phantasie aus, um das Geschehene einordnen zu können. Da im Film generell den Darstellungsweisen längst keine Grenzen mehr gesetzt sind und sie gleichzeitig der Realität nie gerecht werden können (und das auch nicht zielführend wäre), ist es die logische filmtechnische Fortführung. Das gipfelt in jenem Moment, als wir uns doch einmal im Lager befinden. Die Kamera blickt jedoch von unten auf den vermutlich auf seinem Pferd sitzenden Höß hinauf. Was wir da über die Tonspur hören, wollen wir gar nicht sehen. Spielberg war der Meinung, man müsse dem Publikum das Grauen vor Augen führen. Jonathan Glazer stellt die Darstellung des Naziterrors 31 Jahre später nun eindringlich und effektiv auf eine völlig neue Stufe.

    THE ZONE OF INTEREST, USA/UK/POL 2023
    Drama Ab 14 Länge 106 Minuten
    Regie und Drehbuch Jonathan Glazer Kamera Łukasz Żal Schnitt Paul Watts
    Musik Mica Levi Mit Christian Friedel, Sandra Hüller


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  • GELIEBTE KÖCHIN ★★★★★

    GELIEBTE KÖCHIN ★★★★★

    Mit Juliette Binoche, Benoît Magimel Regie Tran Anh Hung
    Ab 12 Länge 135 Min.


    „If you can eat it, it’s no art.“ hat Fran Lebowitz einmal geschrieben. Auch wenn der Satz von dem ihr typischen sarkastischen Unterton begleitet wird, so zeigt Trần Anh Hùngs (DER DUFT DER GRÜNEN PAPAYA) neuester Film GELIEBTE KÖCHIN, wie die Grenzen doch verschwimmen können. Juliette Binoche und Benoît Magimel erstmals seit 26 Jahren wieder gemeinsam vor der Kamera und es knistert gewaltig. Nicht nur in den großen Töpfen, in denen kulinarische Köstlichkeiten schmoren. Es ist eine Ode an die französische Küche und an zwei französische Schauspielstars, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

    Ein Großteil von GELIEBTE KÖCHIN spielt in einer Küche, bei der wohl jeder Kochenthusiast vor Neid erblasst.

    Kurzkritik

    Mehrmals ging ein Seufzen durch die Reihen des während der Viennale 2023 gut besuchten Gartenbaukinos. Es war fast Mittag und es machte sich bemerkbar, dass in den meisten Mägen gähnende Leere herrschte. GELIEBTE KÖCHIN ist nämlich Foodporn vom Feinsten. Was da an Speisen übergroß auf der Leinwand aufgewartet wird, sucht seines Gleichen. Kein Wunder: als Berater war der französische Starkoch Pierre Gagnaire tätig. Wunderschön von Kameramann Jonathan Ricquebourg in Szene gesetzt und ohne Filmmusik, allein das Knistern des Feuers und das Brutzeln in der Pfanne erfüllt den Raum.

    Dodin (Benoít Magimel) ist Gastronom. Es ist das ausgehende 19. Jahrhundert und er lebt mit seiner Köchin Eugénie (Juliette Binoche) in einem großen Landhaus. Über die Jahrzehnte hat sich zwischen Dodin und Eugénie eine innige Beziehung entwickelt und Dodin wird nicht müde, sie zu umwerben. Jahrelang lehnt sie jedoch jeden Gedanken an Heirat ab. Während Dodin mit seinen (männlichen) Freunden diniert, bleibt Eugénie in der Küche und sitzt nie mit ihnen am Tisch. Als die Runde von einem Prinzen zum Essen eingeladen wird und vom Menü alles andere als überzeugt ist, beschließt Dodin, eine Gegeneinladung auszusprechen. Doch das Schicksal macht ihm einen Strich durch die Rechnung.

    Man kommt nicht umhin, daran zu denken, dass Binoche und Magímel vor 20 Jahren für ein paar Jahre ein Paar gewesen sind. Bei den Dreharbeiten zu DAS LIEBESDRAMA VON VENEDIG hatten sie sich 1997 kennengelernt. GELIEBTE KÖCHIN, im Original mit dem klingenden Namen LA PASSION DE DODIN BOUFFANT, ist erst ihr zweiter gemeinsamer Film. Nun sehen wir sie als Paar, dass bereits gut 20 Jahre zusammen ist. Das fügt dem Film eine spannende Ebene hinzu. 

    In Frankreich hat man dem Film überraschenderweise gegenüber dem Gewinner der Goldenen Palme ANATOMIE EINES FALLS den Vorzug bei der Einreichung für die Oscars 2024 gegeben. Meiner Meinung nach zurecht. Vor allem auch, weil hier jene Speise gehuldigt wird, die den gesamten Schlemmereien um nichts nachsteht: die Eierspeise. Am besten gegessen mit Löffel. Für eine Nominierung hat es leider am Ende nicht gereicht.

    Tran Anh Hùng wurde bei den Filmfestspielen von Cannes als bester Regisseur ausgezeichnet. Ein Film über die Liebe und die Kulinarik. Eine ganz große Empfehlung.

    GELIEBTE KÖCHIN (OT: La passion de Dodin Bouffant), Frankreich 2023
    Drama Ab 12 Länge 135 Min.
    Regie und Drehbuch Tran Anh Hung Kamera Jonathan Ricquebourg Schnitt Mario Battistel
    Gastronomische Leitung Pierre Gagnaire Mit Juliette Binoche, Benoît Magimel


    Dieser Text wurde im Rahmen der Viennale 2023 verfasst.


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  • STELLA. EIN LEBEN. ★★★ ½

    STELLA. EIN LEBEN. ★★★ ½

    Mit Paula Beer, Jannis Niewöhner, Katja Riemann, Lukas Miko Regie Kilian Riedhof
    Ab 14 (falls historischer Kontext bereits bekannt) Länge 115 Min

    In STELLA. EIN LEBEN. nimmt sich Regisseur Kilian Riedhof der Geschichte von Stella Goldschlag an, die Anfang der 1940er zuerst von einer Karriere als Swing-Sängerin träumt und dann mit der Gestapo kooperiert, um ihr eigenes Leben zu retten. Es verleiht der Geschichte zusätzliche Brisanz, dass Goldschlag Jüdin war und duzende jüdische Mitmenschen verriet. Oder spielt ihre eigene Biografie am Ende gar keine Rolle? Riedhof stellt jedenfalls die Frage in den Raum, was wir getan hätten, wenn wir an Goldschlags Stelle gewesen wären.

    Paula Beer als Stella in STELLA. EIN LEBEN. (Kilian Riedhof, D 2024)

    Kurzkritik

    Der Film beginnt im Jahr 1940. Im häuslichen jüdischen Umfeld sind noch Konzerte möglich und Stella Goldschlag lebt für den Swing und für ihre Karriere. Dass Verwandte von Mitgliedern der Band bereits spurlos verschwinden, ist ihr nur eine abfällige Bemerkung wert. Vielleicht ist es nur die Fixierung auf die Karriere oder es blitzt hier schon durch, was noch bevor steht. Es ist jedenfalls ein sehr dynamischer, lebensfroher Einstieg in eine Geschichte, die vielen von uns neu ist und die uns zum Nachdenken bringen wird.

    Zeitsprung ins Jahr 1943. Goldschlag wird Zeugin einer Deportationsaktion in der Fabrik, in der sie arbeiten muss und entkommt nur knapp. Die Familie taucht unter und sie lernt den Passfälscher Rolf (Jannis Niewöhner) kennen. Sie zocken die jüdische Gemeinde regelrecht ab. Es ist wieder so ein Moment, der die ganze Ambivalenz der Figur deutlich macht.

    Ganz schlau wird man aus aber Stella Goldschlag nicht werden und selbst Regisseur Kilian Riedhof hat kein endgültiges Urteil über sie. Eine künstlerische Arbeit ist immer subjektiv und selektiv und das macht es für uns nicht einfacher. Natürlich hinterlässt die zentrale Szene, in der Goldschlag verhört und gefoltert wird, auch bei uns Spuren in der Meinungsbildung. Gleichzeitig dürften ihre Methoden, mit denen sie versteckt lebende Juden denunzierte, in der Realität noch drastischer gewesen sein, als es im Film zu sehen ist.

    Nach dem Krieg wurde Goldschlag zuerst 1946 durch ein Sowjetisches Militärtribunal zu zehn Jahren Haft verurteilt. 1957 kam es zu einer weiteren Verurteilung, wobei ihr die erste Haftstrafe angerechnet wurde. Sie war eine persona non grata. Ein erster Selbstmordversuch misslang, 1994 ertrank sie mit 72 Jahren. Die Verhörprotokolle der beiden Prozesse bilden unter anderem die faktische Grundlage für STELLA. EIN LEBEN. Historische Genauigkeit war Riedhof und seinem Team sehr wichtig.

    „Wir wollten, dass die ZuseherInnen die Welt dieses Filmes als eine sehr gegenwärtige empfinden, weil wir glauben, dass diese Geschichte sehr gegenwärtig ist.“, so Kilian Riedhof. Das drückt sich vor allem in der Bildsprache aus. Keine großen Kamerafahrten, sondern dichte Einstellungen, in denen immer Gefahr lauern kann. Menschen, die ständig auf dem Sprung sind. Schnelle Zooms zeugen vom ständigen Beobachten und Beobachtetwerden. Gleichzeitig wird der Ku’damm als Sehnsuchtsort Goldschlags mit Pariser Flair inszeniert. Auf braune Naziuniformen wurde bewusst verzichtet.

    Kilian Riedhof konnte die Produzenten davon überzeugen, möglichst viel in Wien zu drehen: „Wir haben in Wien gedreht, was für uns ein großer Gewinn war. In Wien existieren noch diese großen, nicht enden wollenden Wohnungen. Diese entsprechen sehr den Wohnungen am Ku‘damm, so wie sie in Berlin waren, zur Zeit der 20er bis 40er Jahre. Das war für uns ein großes Geschenk, weil wir gerade zu Beginn die Lebenswelt der Berliner Juden mit all der Lebensfreude zeigen konnten, mit dem Charme, der in den Wiener Wohnungen vorhanden ist.“ In Berlin ist dahingegen entweder viel zerstört oder aber auch später modernisiert worden. Selbst die Inneneinrichtungen sind in Wien teils gut erhalten.

    Was macht nun STELLA. EIN LEBEN. mit dem Publikum? Als persönliche Erfahrung kann ich sagen, dass zu Beginn der Gedanke im Vordergrund stand, wie gerade eine Jüdin so etwas machen kann. Um ihr Leben zu retten (und anfangs auch das ihrer Eltern) verriet sie hunderte BürgerInnen (genaue Zahlen sind nicht bekannt). Am Ende geht es aber um einen Menschen und die Biografie spielt eine untergeordnete Rolle. Wenn man bedenkt, dass sie tatsächlich unmittelbar um ihr Leben fürchten musste, befand sie sich immerhin in einer anderen Situation, als jene Mehrheit, die aktiv an den Nazigräueln beteiligt war. Steht uns ein Urteil zu?

    Kilian Riedhof stellt im Interview die Frage, was ein Leben Wert ist, dass auf Schuld aufbaut. Uns wohnt der urmenschliche Impuls des Überlebens inne. Vielleicht ist die Geschichte von Stella Goldschlag weniger Anlass über sie zu urteilen, als darüber nachzudenken, was wir tun würden. Und das bevor es soweit ist, denn viel Zeit hatte sie 1943 nicht, sich das zu überlegen, so Riedhof.

    In der Hauptrolle ist Paula Beer (ROTER HIMMEL) zu sehen, die zweifelsohne zu den gefragtesten deutschen Schauspielerinnen der Gegenwart zählt. Kein Wunder, dass ihre Persönlichkeit den Film ausfüllt. STELLA. EIN LEBEN. wirft eine spannende Frage auf. Zur Entscheidungsfindung trägt der Film nicht bei. Als moralischer Kompass eignet sich ein Unterhaltungsfilm wohl auch kaum. So lässt uns die Geschichte um Stella Goldschlag im ersten Moment ratlos zurück und man hofft insgeheim, niemals in ihre Lage zu geraten. Das ist gleichzeitig in Anbetracht der Weltpolitischen Lage nicht gerade die beste Strategie.

    STELLA. EIN LEBEN., D 2024
    Drama Ab 13 Länge 115 Min.
    Regie Kilian Riedhof Drehbuch Marc Blöbaum, Jan Braren & Killian Riedhof Kamera Benedict Neuenfels Schnitt Andrea Mertens
    Musik Peter Hinderthür Mit Paula Beer, Jannis Niewöhner, Katja Riemann, Lukas Miko, Joel Basman, Damian Hertung, Bekim Latifi, Gerdy Zint

    Dem Text liegt ein am 24. Jänner 2024 mit Kilian Riedhof geführtes Interview zu Grunde.


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