Autor: Michael Holly

  • „EMILIA PÉREZ“ Filmkritik: Jacques Audiard gelingt mit seinem Gender-Gangster-Musical ein wahres Kunststück.

    „EMILIA PÉREZ“ Filmkritik: Jacques Audiard gelingt mit seinem Gender-Gangster-Musical ein wahres Kunststück.

    ★★★★★

    Mit Karla Sofia Gascón, Zoë Saldaña, Selena Gomez, Édgar Ramírez Regie Jacques Audiard
    Ab 14 Länge 130 Min.

    Der französische Regisseur Jacques Audiard ging gemeinsam mit seinen drei großartigen Hauptdarstellerinnen Karla Sofia Gascón, Zoë Saldaña und Selena Gomez ein großes Risiko ein: In EMILIA PÉREZ verhandeln sie die Themen Transgender und Geschlechtsumwandlung genauso, wie die Kartellkriminalität und dem damit verbundenen Verschwinden zehntausender Menschen in Mexiko und verpacken es in ein Thriller-Musical. Das war so nicht zu erwarten. Nun treten sie einen Siegeszug um die Welt an und könnten sogar Filmgeschichte schreiben.

    Kurzkritik

    Im mexikanischen Kartellboss Manitas del Monte schlummern seit seiner Kindheit Gefühle, die der brutale Gangster tief in seinem Innersten verborgen hält. Nicht auszudenken, käme heraus, dass er lieber eine Frau wäre. Mit Hilfe der smarten Anwältin Rita Moro gelingt es ihm als Emilia ein neues Leben zu beginnen. Beide Male gespielt von Karla Safia Garscón, die in ihrer unglaublichen Wandlungsfähigkeit immer wieder den Kartellboss durchscheinen lässt und ihn im nächste Moment wieder vergessen macht.

    Zoë Saldaña ist als Anwältin Rita Teil des Kartellsystems und von Gewissensbissen geplagt. Manitas Entscheidung verändert nicht nur ihr Leben, sondern auch das dessen Frau Jessi, gespielt von Selena Gomez, der Dritten im Bunde. Sie und die Kinder sind nicht in die Pläne Manitas eingeweiht.

    Changing the body, changes society

    changing society, changes the soul

    changing the soul, changes society

    changing society, changes it all.

    Rita Moro in EMILIA PÉREZ.

    Es sind eine Vielzahl an Themen, die hier verhandelt werden: die Frage nach der eigenen Identität, die Gewalt und Korruption in Mexiko und die damit verbundene enorm hohe Zahl an Vermissten im Land. Damit das alles in 130 Minuten passt, ist das Erzähltempo hoch. Ermöglicht wird das aber erst durch die zahlreichen Musiknummern, von denen nicht wenige ins Ohr gehen und die die Handlung vorantreiben. Manchmal schrammt Audiard haarscharf am Kitsch vorbei aber alles in allem ist das nichts, was man dem Film vorwerfen könnte (Man könnte anmerken, dass der Film in einer Soundstage in Frankreich gedreht wurde und ohne mexikanische Darstellerinnen auskommt und es wäre natürlich interessant, wie der Film in Mexiko aufgenommen wurde.).

    Die grandiose Choreografie (nur ein Höhepunkt ist eine Szene, in der Schnellfeuerwaffen im Rhythmus zusammengebaut werden) stammt von Damien Jalet, der sich mit Musikvideos von Madonna einen Namen gemacht hat und auch für die Choreografie von Luca Guardagninos SUSPIRIA verantwortlich zeichnet.

    EMILIA PÉREZ wurde in Cannes ausgezeichnet, räumte beim Europäischen Filmpreis ab und ist für 10 Golden Globes nominiert. Es könnte der nicht englischsprachige Film mit den meisten Oscar Nominierungen aller Zeiten werden. Was wäre, wenn wenige Wochen, nachdem Donald Trump seine zweite Amtszeit angetreten hat, mit Karla Safia Garscón erstmalig eine Transgender Frau als Beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet werden würde? Ist Hollywood soweit? Was hätte das für Folgen? Nicht nur deshalb ist EMILIA PÉREZ der Film der Stunde.


    EMILIA PÉREZ, Frankreich 2024
    Musical, Thriller Ab 14 Länge 130 Min.
    Regie und Drehbuch Jacques Audiard Kamera Paul Guilhaume Schnitt Juliette Welfling
    Musik Camille, Clément Ducol Mit Karla Sofia Gascón, Zoë Saldaña, Selena Gomez, Édgar Ramírez


    EMILIA PÉREZ ist ab 12 Jahren freigegeben. Da bei THE REEL THERAPIST ein besonderes Augenmerk darauf gelegt wird, welche Filme für ein jüngeres Publikum geeignet sind, werden offizielle Freigaben immer wieder noch oben oder unten korrigiert. Dieser Film ist selbst für Kinder, die schon einiges gesehen haben und ihre Erfahrungen im Kino sammeln konnten, aufgrund der Komplexität der angesprochenen Themen und der Brutalität nicht ab 12 Jahren geeignet. Daher die Empfehlung ab 14 Jahren.


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • „DER WILDE ROBOTER“ Filmkritik: Tiefschwarzer Humor zwischen Natur und Technik

    „DER WILDE ROBOTER“ Filmkritik: Tiefschwarzer Humor zwischen Natur und Technik

    ★★★★★
    Mit Lupita Nyong’o, Pedro Pascal Regie Chris Sanders
    Ab 6 Länge 102 Min.

    Der Serviceroboter Rozzum 7134 strandet auf einer unbewohnten Insel. Unbewohnt? Nicht ganz. Fernab jeglicher Technologie ist der Ort ein Tier- und Naturparadies, indem sich der Roboter erst zurecht finden muss. Roz erlernt Tiersprachen und wird unverhofft zur Adoptivmutter für eine Ente. DER WILDE ROBOTER ist einer der schönsten und unterhaltsamsten Animationsfilme der jüngsten Zeit.

    The Wild Robot. Chris Sanders, USA 2024

    Kurzkritik

    Es ist ein leidiges Thema: das Filmangebot für die Jüngsten ist frustrierend. Nicht, dass die Kleinen schlecht unterhalten werden aber als Erwachsener hat man nunmal höhere Ansprüche. Und wenn der x-te 60-minütige Serienableger in die Kinos kommt und als Kinofilm verkauft wird, kommt man sich veräppelt vor. Dann gibt es aber wieder Lichtblicke und DER WILDE ROBOTER ist so einer. Einmal mehr zeigt sich, dass der Animationsfilm das kann, was dem Realfilm nur selten gelingt, nämlich Jung und Alt gleichermaßen gut zu unterhalten. Im Grunde auch das Geheimnis der Erfolgsgeschichte, wie ich meine.

    „Wird man Zeuge eines Todes, ist das eigene Leben gleich viel schöner.“

    Dann können schon mal solche Zeilen vorkommen wie in DER WILDE ROBOTER. Der strotz nämlich nur so vor schwarzhumorigen Pointen. die tun den Kindern nicht weh, so sie überhaupt ankommen und für uns sind sie einfach ur komisch. Zudem ist es eine sehr berührende Geschichte. Es ist immer wieder erstaunlich, wie es einer Maschine gelingen kann, derartige Emotionen bei uns hervorzurufen.

    Daneben werden wir mit einem wunderschönen Animationsstil belohnt, der hier nicht versucht, hyperrealistische Bilder zu erzeugen, sondern teils eher an die Ursprünge des Zeichentrickfilms erinnert und das in Kombination mit heutiger Technologie. Regisseur und Drehbuchautor Chis Sanders hatte dabei sowohl Hayao Miyazaki im Sinn, wie auch die Malerei von Claude Monet. Die Mischung ist auf allen Ebenen gelungen.

    DER WILDE ROBOTER (OT: THE WILD ROBOT ), USA 2024
    Animationsabenteuer Ab 6 Länge 102 Min.
    Regie und Drehbuch Chis Sanders Schnitt Mary Blee
    Musik Chris Bowers Mit Lupita Nyong’o, Pedro Pascal


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • VIENNALE 2024 –  Rückblick

    VIENNALE 2024 – Rückblick

    Einer der beiden Mörder aus Michael Hanekes Funny Games U.S. hat womöglich den Film des Jahres gedreht. The Brutalist war auf der diesjährigen Viennale zu sehen und kommt im Jänner in die Kinos.

    In 13 Festivaltagen besuchten 75.800 Menschen Filmvorführungen der Viennale 2024, was einer Auslastung von 76,3% entspricht. Das ist erfreulicherweise eine kleine Steigerung zum Vorjahr. Immerhin, obwohl – wie soll man es anders formulieren – das Festival mit einen Essayfilm von Leos Carax namens C’est pas moi eröffnet wurde. Die Wiener Medien, wie wir alle wohlwollend der Viennale gegenüber eingestellt, goutierte das als „Eröffnung mit Staraufgebot“, obwohl in kaum einem Bericht herauszulesen war, was es mit dem Kurzfilm auf sich hat. Geschenkt, ab dann ging’s bergauf.

    Hier folgt der zweite Teil einer Auswahl an Filmen aus dem Programm mit den Startterminen für die nächsten Monate. Zu Teil eins gehts hier entlang.

    The Brutalist, Brady Corbet, Vereinigtes Königreich 2024, V’24 Features Adrien Brody & Isaach De Bankolé & Guy Pearce

    The Brutalist, R: Brady Corbet

    Die Freiheitsstatue steht Kopf. Brady Corbets The Brutalist ist ein bild- und tongewaltiges monumentales Werk von 215 Minuten Länge (inklusive Pause) mit herausragenden schauspielerischen Leistungen von Adrian Brody, Guy Pearce und Felicity Jones. Brody spielt den ungarisch-jüdischen Architekten László Tóth, der durch die Flucht vor dem Holocaust in die USA von seiner Frau getrennt wird. Dort wird Tóth zwar bald gefeiert aber eigentlich von der Highsociety, allen voran von Harrison Lee Van Buren (Guy Pearce), nur geduldet. Brutal nicht nicht nur wegen der titelgebenden Architekturrichtung.

    In der 70mm Projektion im Gartenbaukino eine besondere Erfahrung. Bestimmt auch ab Kinostart Ende Jänner 2025 ebenda erlebbar..

    In Cannes gewann Brady Corbet den Regiepreis. Neben Agora von Sean Baker bisher der Film des Jahres.

    The Reel Therapist Bewertung: ★★★★★

    Kinostart: 30. Jänner 2025

    Mond, Moon, Kurdwin Ayub, Österreich 2024, V’24 Features

    Mond, R: Kurdwin Ayub

    Nach ihrem bemerkenswerten Regieerstling Sonne feierte die Regisseurin Kurdwin Ayub mit Mond bereits beim Filmfest in Locarno einen großen Erfolg und gewann den Spezialpreis der Jury.

    Die ehemalige Martial Arts Kämpferin Sarah (Florentina Holzinger) bekommt das Angebot drei Schwestern einer wohlhabenden jordanischen Familie zu trainieren. Soweit so gut. Sarah kommt das gerade recht. Die Atmosphäre vor Ort ist dann aber eher ungemütlich. Die drei Teenager scheinen eingesperrt zu sein und hegen Fluchtpläne. Allerdings lässt uns die Regisseurin genauso wie ihre Protagonistin über die tatsächlichen Vorkommnisse im Unklaren. Der ältere Bruder beschwichtigt. Kann man ihm Glauben schenken? Sarah ist so passiv, das es fast schon nervenaufreibend ist. Aber was würden wir in so einer Situation machen? Uns einmischen? Wohl eher nicht. Kinohelden überlegen da oft nicht all zu lange und Kurdwin Ayub bricht so gesehen in Mond mit Sehgewohnheiten und Erwartungshaltungen. Mit Florentina Holzinger in ihrer ersten Filmrolle.

    The Reel Therapist Bewertung: ★★★★

    Kinostart: 31. Oktober 2024

    L’Empire, The Empire, Bruno Dumont, Frankreich/Italien/Deutschland/Belgien/Portugal 2023, V’24 Features

    L’Empire, R: Bruno Dumont

    Für Bruno Dumont eine Melange aus Hollywood Blockbuster und europäischen Arthaus. Silberner Bär bei der Berlinale. WTF. Ein Gnadenstern.

    The Reel Therapist Bewertung: ★

    Kinostart: möchtet ihr nicht wissen

    Between The Temples, Nathan Silver, USA 2024, V’24 Features

    Between The Temples, R: Nathan Silver

    Die Drama-Komödie Between The Temples von Nathan Silver und mit Jason Schwartzman und Carol Kane hat den Schalk hinter den Ohren. Schwartzman spielt einen trauernden Kantor, der sich auf eine ungewöhnliche Liebschaft einlässt. Davon, wie das Judentum die eigenen Traditionen auf die Schippe nimmt, können sich andere Religionen noch einiges abschauen. Eine schrullige und liebenswerte Komödie. Sehr unterhaltsam.

    The Reel Therapist Bewertung: ★★★★

    Kinostart: Unbekannt

    Queer, Luca Guadagnino, IT/USA 2024, V’24 Überraschungsfilm

    Queer, R: Luca Guadagnino

    Als der Name Daniel Craig auf der Leinwand erschien, großes Aufatmen. Queer von Luca Guadagnino war der diesjährige Überraschungsfilm. Eine andere Längenangabe im Programm hatte viele auf die falsche Fährte gelockt aber vielleicht war es auch nur eine kurzfristige Entscheidung. War es die Richtige? Ja. Hat es sich ausgezahlt? Eher nein.
    Man merkt dem Film an, dass es sich um eine Literaturverfilmung handelt. Queer kommt sehr sperrig daher. Craig und Drew Starkey streunen durch Mexiko-Stadt. Das ist schön anzusehen. Guadagnino unterlegt es unter anderem mit Nirvana. Aber es dauert, bis die Handlung in Gang kommt und dann ist der Film auch schon wieder fast zu Ende. Man muss bis zum letzten Kapitel warten, bis sich die Drogeneskapaden im Dschungel a la Guadagnino und William S. Burroughs, von dem die gleichnamige Romanvorlage stammt, entfalten. Auf emotionaler Ebene herrscht aber ziemliche Flaute. Bis auf die letzte Einstellung vielleicht. Die bleibt im Gedächtnis. Bis dahin muss man aber erstmal durchhalten.

    The Reel Therapist Bewertung: ★★★

    Kinostart: 2. Jänner 2025

    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • VIENNALE 2024 – Halbzeit

    VIENNALE 2024 – Halbzeit

    Eigentlich beginnt im deutschsprachigen Raum alljährlich im September/Oktober die Kinosaison. Die Award-Season rückt näher. Nachzügler trudeln regulär oft sogar erst im darauffolgenden Frühjahr bei uns ein . Aber so richtig durchstarten möchte das Filmjahr bisher nicht. Nachwirkungen des Streiks der Autoren in Hollywood 2023? Die Viennale holt uns da raus! Sie bringt uns verlässlich die aktuellen Festivalhighlights nach Österreich. So finden sich auch in diesem Jahr die Gewinner von Cannes und Venedig im Programm.

    Bereits die erste Hälfte der Viennale 2024 hatte schon mehrere Höhepunkte zu bieten. Eröffnet wurde mit C’est pas moi, einem Kurzfilm von Leos Carax (das war für mich keiner). Hier ein Überblick der letzten Tage. Wie immer glaubt man bei Searchlight Pictures (das sind jene, die die 20th Century Fox Fanfare geklaut haben), dass gerade deren Filme mit Mobiltelefonen aufgenommen werden und darum gibt es einen extra Sicherheitsdienst im Saal. Wenigsten haben sie sich in diesem Jahr zurück gehalten. Soviel sei schon verraten: die Angst ist zumindest bei Nightbitch völlig unbegründet. Unwahrscheinlich, dass der Film als Handyaufnahme besser wird.

    Titelbild: Szene aus Anora von Sean Baker.

    The Room Next Door, Pedro Almodóvar, Spanien 2024, V’24 Features

    The Room Next Door, R: Pedro Almodóvar

    Tilda Swinton und Julianne Moore: die Besetzung von Pedro Almodóvars erstem englischsprachigem Film lässt Filmfanherzen höher schlagen. Diesmal widmet sich der Regisseur dem Thema Sterbehilfe. Aber keine Angst. Das Thema ist ernst aber er wählt eine weniger beschwerliche Herangehensweise. Wir danken es ihm. Die schauspielerischen Leistungen sind formidabel (Swinton spielt Mutter und Tochter, als wäre das ganz selbstverständlich und das Publikum ist mehr als verblüfft und irritiert), Sets und Farbgebung wie immer ein Gedicht. Eine wie immer souveräne Regiearbeit, die aber gleichzeitig kontrovers aufgenommen wurde. Noch nie wurde schöner gestorben. The Room Next Door wurde in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

    The Reel Therapist Bewertung: ★★★★

    Kinostart: 24. Oktober 2024

    Hors du temps, Suspended Time, Jenseits der Zeit – gespannt entspannt, Olivier Assayas, Frankreich 2024, V’24 Features

    Hors du Temps (Jenseits der Zeit – Gespannt Entspannt), R: Olivier Assayas

    Zwei Paare verbringen die Zeit des ersten Lockdowns zurückgezogen in einem Landhaus. Allen voran Vincent Macaigne als Regisseur Etienne pflegt diverse Neurosen. Teilweise witzig aber am Ende nicht radikal genug für eine derartig absurde Ausnahmesituation und daher belanglos.

    The Reel Therapist Bewertung: ★★ ½

    Kinostart: unbekannt

    Anora, Sean Baker, USA 2024, V’24 Features

    Anora, R: Sean Baker

    Es war eine große Freude, als im Mai aus Cannes die Nachricht die Runde machte, dass Sean Baker mit seinem neuen Film mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde (Das Studio Neon hat somit zum vierten Mal in Folge den Hauptpreis erhalten!). Anora handelt von der gleichnamigen Sexarbeiterin in Brooklyn, die spontan einen Kunden heiratet, der, wie sich herausstellt, der Sohn eines russischen Oligarchen ist. Die Mutter ist nicht erfreut und setzt ihre Handlanger auf die beiden an. Schon lange ein Liebling des Independent Kinos, erfährt Baker nun die Aufmerksamkeit, die im gebührt. Mit Anora beweist er Fingerspitzengefühl und leitet ein exzellentes Ensemble durch eine turbulente Geschichte, die Anleihen an Screwball-Komödien nimmt und jede Sekunde am Rande der Eskalation vorbeischrammt. Mikey Madison kämpft in der Titelrolle um Liebe und Anerkennung und zeigt vollen Körpereinsatz. Perfekt getimt. Ein riesen Spaß. Große Empfehlung und ein Höhepunkt der Viennale 2024.

    The Reel Therapist Bewertung: ★★★★★

    Kinostart: 31. Oktober 2024

    Nightbitch, Marielle Heller, USA 2024, V’24 Features

    Nightbitch, R: Marielle Heller

    Amy Adams spielt eine Frau, die ihre Karriere als Künstlerin aufgegeben hat, um zu Hause bei ihrem Kind zu sein. Sie ist alles andere als glücklich. Einmal durchschlafen ist ihr nicht gegönnt. Eigentlich hasst sei sich in der Mutterrolle. Da bemerkt sie eine seltsame Transformation an ihrem Körper. Ihr Geruchs- und Geschmacksinn intensiviert sich rapide. Sie zieht die Aufmerksamkeit der Hunde in der Nachbarschaft auf sich. Es folgt ein bisschen Bodyhorror. Der Konflikt mit ihrem Ehemann, der meist auf Reisen ist und denkt, sie hat zu Hause ein tolles Leben, hat das Potential sich auf den Kinosaal zu übertragen. Aber alles in allem inkonsequent und zum Schluss viel zu nett.

    The Reel Therapist Bewertung: ★★★ ½

    Kinostart: 6 Dezember 2024

    Daneh anjeer moghadas, The Seed of the Sacred Fig, Mohammad Rasoulof, Deutschland/Frankreich/Iran 2024, V’24 Features

    Daneh anjeer moghadas (Die Saat des heiligen Feigenbaus), R: Mohammad Rasoulof

    Man kann auf viel vorbereitet sein, aber nicht auf Handyvideos aus dem Iran, die als Folge des Mordes an Zhina Mahsa Amini während der Proteste im Jahr 2022 entstanden sind. In den Sozialen Medien gemieden und jetzt auf der großen Leinwand des Gartenbaukinos.
    Regisseur Mohammad Rasoulof vergleicht das Terrorregime des Iran mit einer Sorte des Feigenbaums, die sich parasitär fortpflanzt, indem sie einen Baum tötet, um selbst überleben zu können. Die Saat des heiligen Feigenbaums ist eine Geschichte aus dem Innersten, einer Familie, die am iranischen System der totalen Überwachung und Bespitzelung zerbricht. Ein System, aus dem es kein entkommen zu geben scheint. Eine bedrückend wie starke Story, die gegen Ende hin etwas langatmig wird.

    The Reel Therapist Bewertung: ★★★★

    Kinostart: 26. Dezember 2024

    Le deuxième acte, The Second Act, Quentin Dupieux, Frankreich 2024, V’24 Features

    Le deuxième acte, R: Quentin Dupieux

    Wer absurde Geschichten liebt, wird bei Quentin Dupieux bestens unterhalten. So auch mit Le duexième acte, diesmal starbesetzt mit Vincent Lindon, Louis Garrel, Léa Seydoux und Raphaël Quenard (aus Dupieux‘ letzten Film Yannick). Immer wieder wird das Publikum abrupt aus der Handlung herausgerissen, weil sich wieder eine neue Erzählebene auftut. Streckenweise irrsinnig komisch aber als Ganzes weniger zufriedenstellend.

    The Reel Therapist Bewertung: ★★★ ½

    Kinostart: 6. Dezember 2024

    A Real Pain, Jesse Eisenberg, USA/Polen 2024, V’24 Features Kieran Culkin and Jesse Eisenberg in A REAL PAIN. Photo Courtesy of Searchlight Pictures, © 2024 Searchlight Pictures All Rights Reserved.

    A Real Pain, R: Jesse Eisenberg

    Zwei Cousins begeben sich auf eine Reise nach Polen, um den Wohnort ihrer kürzlich verstorbene Tante aufzusuchen. Innerhalb der Reisegruppe, der sie sich anschließen, tun sich einige Spannungen auf, die vor allem von Benji (Culkin) ausgehen, der die anderen durch seine direkte offene Art irritiert. Es ist ein Reise in die Vergangenheit und eine Suche nach der eigenen Identität, der sie auch in das ehemalige Konzentrationslager Lublin führt.
    Mit A Real Pain ist Jesse Eisenberg eine unglaublich stimmige Tragikomödie gelungen. Sehr überzeugend: Kieran Culkin. Da kommen Woody Allen Vibes auf. Einzig der permanente Chopin Klangteppich ist etwas nervend. Für mich die große Überraschung der Viennale 2024.

    The Reel Therapist Bewertung: ★★★★ ½

    Kinostart: 16. Jänner 2025



    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • „THE SUBSTANCE“ Filmkritik: feministischer Body-Horror mit Demi Moore in der Rolle ihres Lebens.

    „THE SUBSTANCE“ Filmkritik: feministischer Body-Horror mit Demi Moore in der Rolle ihres Lebens.

    ★★★★
    Mit Demi Moore, Margaret Qualley, Dennis Quaid Regie Coralie Fargeat
    Ab 16 Länge 141

    Von ihrem Luxusappartement aus blickt der TV-Star Elisabeth Sparke (Demi Moore) auf eine riesige Reklametafel mit ihrem Konterfei als Fitnesstrainerin. Als das Plakat unsanft entfernt wird, ist klar, dass ihre Zeit abgelaufen ist. Mit 50 Jahren ist sie dem Senderchef Harvey (Denis Quaid) zu alt. Eine Nachfolgerin wird gesucht. Da bekommt Elisabeth ein mysteriöses Angebot: sie kann mittels einer Substanz die beste (jüngere) Version ihrer selbst erschaffen. In THE SUBSTANCE thematisiert Regisseurin Coralie Fargeat mit wenig Dialogen und dabei umso drastischeren Bildern, die so manche wohl an die Grenzen des Erträglichen führen könnten, den Jugendwahn unserer Gesellschaft.

    Margareth Qualley in THE SUBSTANCE von Coralie Fargeat

    Kurzkritik

    Demi Moore geriet in den letzten Jahren mehr wegen ihres Aussehens in die Schlagzeilen, als aufgrund von schauspielerischen Erfolgen. Immerhin spielt die 61-Jährige nun die Rolle eines 50-jährigen TV Stars. Abgesehen davon kann sie ihre Rolle in THE SUBSTANCE als künstlerischen Erfolg verbuchen (es gibt Oscar-Gemauschel aber Vorsicht, es ist erst Oktober). Es ist ein Manager, gespielt von Dennis Quaid (im realen Leben 70 Jahre alt und seine Rolle ist kaum jünger anzusetzen), der der Meinung ist, sie sei zu alt für ihren Job.

    Dennis Quaid gibt einen lüsternen, alten weißen Mann ohne jegliche Tischmanieren und ist dabei, so wie alle männlichen Rollen in dieser Geschichte ein wahr gewordener Blondinenwitz. Sie haben in THE SUBSTANCE zwar eindeutig mehr Text aber es ist eigentlich nur Mist, den sie von sich geben und das gefilmt mit Weitwinkelobjektiv á la Lanthimos, sodass deren Nasen fast in den Popcorntüten im Kinosaal stecken.

    Das Experiment mit dem besseren Ich geht schief, soviel sie verraten. Der Deal ist an Bedingungen geknüpft. Das ermöglicht es dem Film, sich im Horrorfach auszutoben. Es kommt zu einem Interessenkonflikt zwischen Elisabeth und ihren zweiten Ich Sue, gespielt von Margaret Qualley. Es beginnt ein Horrortrip, bei der Umsetzung dessen Finales das Special Effect Department eine Menge Spass gehabt haben dürfte.

    Qualleys Rolle ist allerdings auch nicht zu unterschätzen, muss sie doch sehr hohe Erwartungen an ihr Äußeres erfüllen und damit mit allein ist es der Glaubwürdigkeit Willen natürlich nicht getan.

    Es ist aber gerade die letzte halbe Stunde, in der die Situation eskaliert, die THE SUBSTANCE eine unnötige Überlänge beschert. Was bleibt ist Demi Moore in einer ihre Karriere überragende Rolle in einem Fantasyfilm, der zu keinem Zeitpunkt in einer realen Welt spielt und sich vielleicht gerade deswegen in paar Auslassungen erlaubt, an denen sich womöglich ein Teil des Publikums stören könnte. Alles in allem ist diese Horrorsatire aber spannend mit einer tollen Besetzung und anschaulichen Sets umgesetzt und daher auf jeden Fall sehenswert!

    Coralie Fargeat gewann bei den Filmfestspielen in Cannes den Preis für das Beste Drehbuch.

    THE SUBSTANCE, UK/USA/F 2024
    Horror Ab 16 Länge 142 Min.
    Regie und Drehbuch Coralie Fargeat Kamera Benjamin Kračun Schnitt Jérôme Eltabet
    Musik Raffertie Mit Demi Moore, Margaret Qualley, Dennis Quaid


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • „FAVORITEN“ Filmkritik: Ruth Beckermanns Bestandsaufnahme des österreichischen Schulsystems

    „FAVORITEN“ Filmkritik: Ruth Beckermanns Bestandsaufnahme des österreichischen Schulsystems

    ★★★★ ½
    Mit Ilkay Idiskut Regie Ruth Beckermann
    Ab 7 Länge 118 Min.

    Eine Klasse mit 21 Kindern. Alle sprechen fließend Deutsch. Bei jeder Aktivität sind gleich 10 Eltern vor Ort. Bei Problemen bekommen die Kinder extra Betreuung von einer Sozialpädagogin. Fällt eine Lehrkraft aus, findet man Ersatz. So ist das bei uns in der Wiener Leopoldstadt. Und dann gibt es Schulen wie in Ruth Beckermanns sehenswerter Langzeitbeobachtung FAVORITEN. 

    Kurzkritik

    Gut eine Reihe mehr steht hier an Tischen in der Klasse. Es ist die größte Volksschule in Wien im Flächenbezirk Favoriten. Vorne steht Ilkay Idiskut. Einfühlsam, engagiert und ambitioniert steuert sie die Klasse durch die vier Jahre der Volksschule. Die ersten vier Jahre der Schulpflicht in Österreich (die eigentlich eine Unterrichtspicht ist). Für alle Kinder gleich und doch nicht.

    Das marode Schulsystem hier aufzuarbeiten würde den Rahmen sprengen. Ruth Beckermann gelingt es in ihrer Dokumentation zahlreiche Themen anzusprechen. Ohne Kommentar, ohne sie zu werten. Sie sind ohnehin offensichtlich. 

    Es ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, die Kindern mit Migrationshintergrund in Österreich widerfährt. Wobei man sagen muss, dass die Sprachkompetenz eine wesentliche Rolle spielt. Hier geboren, ist Deutsch eine große Herausforderung, weil es weder zu Hause, noch im sozialen Umfeld gesprochen wird.

    FAVORITEN zeigt das auf. Nichts davon ist neu. Zeitgemäße pädagogische Konzepte liegen seit Jahrzehnten vor. Man muss sich unweigerlich die Frage stellen, ob das so gewollt ist. Gäbe es diese Probleme nicht, fehle dann nicht auch eine Projektionsfläche, an der sich die Politik tagtäglich so gerne abarbeitet?

    Ilkay Idiskut und ihre Schülerinnen in FAVORITEN von Ruth Beckermann

    Neben den schulischen Angelegenheiten hängt es auch an Idiskut kulturelle und soziale Aufklärung zu betreiben. Zum Beispiel hinsichtlich des Bildes, das die Jungen von Frauen haben oder sie muss sich zusätzlich um ein neu hinzugekommenes Kind kümmern, das dem Unterricht überhaupt nicht folgen kann. Eine Mammutaufgabe.

    Beckermann stellt die Kinder in den Vordergrund. Sie sind die Stars, die von Wien über Berlin bis Hong Kong von der Leinwand herunterlächeln. Teilweise sind es Kinder von Akademikern, die ratlos sind ob unseres Schulsystems, das die Kinder mit 10 Jahren beinhart selektiert und ihren Werdegang zwar nicht einzementiert aber sie doch in recht schwere Schuhe steckt. Davor werden die Kleinen noch mit Noten zur Verzweiflung gebracht. Ein konservativer Bildungstraum. Auf Seiten der Politik ein klares nicht genügend. Von den Kindern werden Leistungen erwartet aber im Gegenzug erfüllt der Staat seine eigenen Aufgaben nicht. Das System leidet an der Bürokratie und an Personalmangel.

    In einem Interview sagte Ruth Beckermann, dass sie und ihr Team am Ende eines Drehtages oft wütend die Schule verlassen haben. Viel Hoffnung steckt in FAVORITEN leider nicht. Nach vier Jahren werden die Kinder in eine ungewisse Zukunft entlassen. Die primären Aufgaben, die eine Volksschule erfüllen soll, können kaum bewältigt werden.

    FAVORITEN, Österreich 2024
    Dokumentation Ab 7 Länge 118 Min.
    Regie Ruth Beckermann Drehbuch Ruth Beckermann, Elisabeth Menasse Kamera Johannes Hammel Schnitt Dieter Pichler
    Mit Ilkay Idiskut, Alper, Amina, Arian, Beid, Dani, Danilo, David, Davut, Eda, Egemen, Elif, Enes, Fatima, Furkan, Hafsa, Ibrahim, Liemar, Majeda, Manessa, Melissa, Mohammed, Natalia, Nerjiss, Rebeca, Selen, Selin, Teodora und Valentin.


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • „LOVE LIES BLEEDING“ Filmkritik: Famoses Drama von Liebe und Gewalt aus queerer Sicht im New Mexico des Jahres 1989.

    „LOVE LIES BLEEDING“ Filmkritik: Famoses Drama von Liebe und Gewalt aus queerer Sicht im New Mexico des Jahres 1989.

    ★★★★ ½
    Mit Kristen Stewart, Katy O`Brian, Ed Harris Regie Rose Glass
    Ab 16 Länge 104 Min.

    Eine Familie mit dunkler Vergangenheit, die sich bis in die Gegenart zieht und eine nahezu bedingungslose Liebe zwischen zwei Frauen im New Mexico des Jahres 1989. In diesem Kontext spielt LOVE LIES BLEEDING von Regisseurin und Drehbuchautorin Rose Glass, die mit Kirsten Stewart und Katy O`Brian in den Hauptrollen ihre eigene pulp fiction geschaffen hat.

    Darum geht es

    Lou (Kisten Stewart) arbeitet im Fitnessstudio ihres Vaters Lou Sr. (Ed Harris) und ist eigentlich nur noch in der Stadt, weil sie sich um ihre Schwester Sorgen macht, die von ihrem Ehemann misshandelt wird. Eines Tages taucht Jackie (Katy O`Brian) auf, die sich gerade auf einen Bodybuilding Contest in Las Vegas vorbereitet. Lou fühlt sich sofort zu ihr hingezogen. Es entwickelt sich eine hingebungsvolle Liebe zwischen den beiden und so wird Jackie in Lous Familiengeschichte mit hineingezogen. Jackie ist zu drastischen Maßnahmen bereit, um Lou für sich zu gewinnen. Es stellt sich heraus, dass Lou Sr. ein lokaler Gangster ist, der seinerseits auch nicht davor zurückschreckt, alles zu unternehmen, damit seine Machenschaften nicht auffliegen. Eine Spirale der Gewalt beginnt sich zu drehen, bei der sich alle Beteiligten nichts schenken und die in ein surreales Finale mündet.

    Katy O`Brian und Kirsten Stewart in LOVE LIES BLEEDING von Rose Glass.

    Kurzkritik

    Rose Glass lässt ihren Star Kirsten Stewart gleich zu Beginn tief in die Scheiße greifen und gibt damit gleich den Ton an. New Mexico. Neon. Bodybuilding. Die 1980er. Rohe Gewalt. LOVE LIES BLEEDING fühlt sich nicht nur deshalb vom ersten Moment an wie aus der Zeit gefallen. Anders als zahlreiche andere Filme und Serien, die mit der 1980er Nostalgie spielen, gelingt es Glass authentisch zu sein und es wirkt beinahe so, als hätte uns der Film tatsächlich durch eine Zeitkapsel aus einen Kinosaal der 1990er erreicht. Die Rohheit und die Grundstimmung von LOVE LIES BLEEDING erinnert an das Kino jener Zeit, in der noch nicht alles auf Markttauglichkeit geprüft werden musste und man sich noch FKS 16 leiten konnte. Es musste nicht allen Gefallen und war trotzdem erfolgreich.

    Love Lies Bleeding ist kein Abklatsch einer vergangenen Ära, sondern Glass zitiert ihre Vorbilder wohlbelacht, fügt neue Perspektiven ein und schafft, mit ihrem nach SAINT MAUD zweiten Spielfilm, ein eindringliches Stück gegenwärtiges Kino, das bereits Vorfreude drauf entfacht, was da noch so alles von ihr kommen mag.

    LOVE LIES BLEEDING, UK/USA 2024
    Thriller Ab 16 Länge 104 Min.
    Regie Rose Glass Drehbuch Rose Glass, Weronika Tofilska Kamera Ben Fordesman 
    Schnitt Mark Towns Musik Clint Mansell Mit Kristen Stewart, Katy O`Brian, Ed Harris


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • „A KILLER ROMANCE“ Filmkritik: Spaßige Sommerkomödie mit Nostalgiefaktor und einem neuen Star

    „A KILLER ROMANCE“ Filmkritik: Spaßige Sommerkomödie mit Nostalgiefaktor und einem neuen Star

    ★★★★
    Mit Glen Powell, Adria Arjona, Austin Amelio Regie Richard Linklater
    Ab 14 Länge 116 Min.

    Es ist eine reichlich verrückte Geschichte, die uns Regisseur Richard Linklater und sein Hauptdarsteller Glen Powell hier vorlegen. Ein Philosophieprofessor, der mit der Polizei zusammenarbeitet und sich dabei als falscher Profikiller ausgibt und so als Lockvogel fungiert. Kaum zu glauben aber wahr: den Mann gab es wirklich. A KILLER ROMANCE ist der erste Film des Regisseurs seit 2016, der bei uns regulär im Kino angelaufen ist.

    Glen Powell A Killer Romance Richard Linklater
    Glen Powell in A KILLER ROMANCE

    Kurzkritik

    Profikiller (im englischen Hit Man, so wie der originale Filmtitel) sind aus dem Kino nicht wegzudenken. Quer durch alle Genres sind sie zu finden, ein mal knallhart und brutal und dann wieder tollpatschig und urkomisch. Doch gibt es sie wirklich? Der Protagonist aus A KILLER ROMANCE stellt das gleich zu Beginn in Frage. Würde jemand für ein paar tausend Dollar ein Geschäft mit einer wildfremden Person eingehen, das ihn am Ende für immer ins Gefängnis bringen könnte? Eigentlich ein absurder Gedanke. In der Welt von Richard Linklater gibt es ihn auch nicht, denn Gary (Glen Powell) ist fake. Jedoch sehr erfolgreich indem was er tut, bis er alle Prinzipien über Board wirft und sich in eine Frau, die ihren Mann umbringen lassen möchte, verliebt. Dadurch ergeben sich zahlreiche witzige Situationen, die A KILLER ROMANCE zu einem sehr unterhaltsamen Sommerfilm machen.

    Glen Powell, Richard Linklater and Adria Arjona @ the set of HIT MAN.
    Glen Powell, Richard Linklater und Adria Arjona am Set von HIT MAN.

    Es ist die erste große Rolle für Glen Powell, der gemeinsam mit Linklater das Drehbuch verfasst hat. Und eigentlich muss es heißen: a star is born. Powell hat Potential und gerade im vor sich hindümpelnden Komödienfach ist jedes neue Talent eine Wohltat. Die Chemie stimmt zwischen Adria Arjona und Glen Powell, was sie in einem fulminanten Höhepunkt Beweisen können. Linklater blickt mit einer Collage zurück in eine längst vergangene Zeit Hollywoods, in der Killer cool und sexy waren.

    Nicht zuletzt dank der zwei großartigen Hauptdarsteller bietet A KILLER ROMANCE beste Unterhaltung und Richard Linklater stellt einmal mehr sein Gespür für das Komödienfach unter Beweis.

    TITEL A Killer Romance (OT: Hit Man ), USA 2023
    Krimikomödie Ab 14 Länge 116 Min.
    Regie Richard Linklater Drehbuch Richard Linklater, Glen Powell, Austin Amelio Kamera Shane F. Kelly Schnitt Sandra Adair
    Musik Graham Reynolds Mit Glen Powell, Adria Arjona


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • „CHALLENGERS“ Filmkritik: Matchpoint für Zendaya & Co

    „CHALLENGERS“ Filmkritik: Matchpoint für Zendaya & Co


    ★★★★
    Mit Zendaya, Josh O’Connor, Mike Faist Regie Luca Guadagnino
    Ab 14 Länge 131 Min.

    Jeder Schlag knallt wie ein Schuss durch den Kinosaal. In Luca Guadagninos CHALLENGERS (in der deutschen Fassung mit dem unnötigen Zusatz Rivalen) ist der Centercourt aber nur vordergründig die Kampfzone. Welche Spannungen zwischen dem Dreiergespann Patrick (Josh O’Connor), Art (Mike Faist) und Tashi (Zendaya) tatsächlich herrschen, erfahren wir nach und nach durch Rückblenden. Vor uns setzt sich ein Puzzle zusammen und man wartet geradezu darauf, dass Blut fließt aber Guadagnino hat diesmal anderes mit uns vor. So gesehen ist sein neuerster Film CALL ME BY YOUR NAME näher als man zumindest dem Trailer nach vermuten möchte.

    Josh O’Connor und Zendaya in CHALLENGERS, USA 2024

    Kurzkritik

    Der Tennissport hat schon viele Höhen und Tiefen erlebt. Gibt es eine nationale Identifikationsfigur, verhilft das dem Sport sofort zu einem Popularitätshoch. Oder aber es kommt ein Hollywoodstar, wie die 27-jährige Zendaya und auf einmal ist sogar Tennismode wieder im Gespräch.

    Allerdings weniger bei den Erstklässlern, weil CHALLENGERS nicht Bibi & Tina auf dem Centercourt ist, sondern ein Drama von Regisseur Luca Guadagnino (SUSPIRIA). Da reden wir mal vorsichtig von 14 plus. Es ist eine vielversprechende Kombination und soviel sei verraten: die Rechnung geht auf.

    Damit das Trio komplett wird und sich ein wunderbares Dreiecksdrama entfalten kann, gesellen sich noch Josh O‘Connor (Charles in THE CROWN) und Mike Faißt (in bleibender Erinnerung als Riff in Steven Spielbergs WEST SIDE STORY) dazu. Die beiden Männer buhlen um ihre Aufmerksamkeit – nicht nur, sondern auch um jene zueinander. Der Spannung ist das nur zuträglich. CHALLENGERS gipfelt in einem überraschenden, wie gelungenen Finale. Die Geschichte ist in drei Sätzen um ein zentrales Match gebaut, dass wir mit Unterbrechungen von der ersten Szene an verfolgen. Nach und nach breitet sich vor uns in Rückblicken die gemeinsame Vergangenheit aus und dekonstruiert die drei Charaktere. Dadurch ändert sich ständig das Bild, das wir uns von ihnen und ihren Beziehungen zueinander gemacht haben.

    Der Soundtrack stammt von Trent Reznor und Atticus Ross und die beiden setzen ihrem bemerkenswerten Erfolgskurs fort. Auch die Musik zu CHALLENGERS bleibt in Erinnerung und trägt mit ihrem lauten von Techno inspirierten Soundtrack entscheidend zum Stil des Filmes bei.

    Einmal zeigt uns Guadagnino einen Ballwechsel aus der Sicht des Balles. Das ist ganz schon überdreht, zeigt aber, dass CHALLENGERS wenig Rücksicht auf ein bestimmtes Publikum nimmt. Ein offener Umgang mit Sexualität ist im Mainstream kaum mehr zu finden. Aus Rücksicht vor Kindern und Familien, weil jeder Film für alle gemacht sein muss. Hier ist das erfrischend anders. Guadagnino hat ein um ein paar Jahre älteres Publikum im Sinn. Das tut dem Film gut und ist leider eine Seltenheit geworden.

    CHALLENGERS hat einen kleinen Hype ausgelöst. Eine überbordende Rezeption muss nicht immer nachteilig sein. Der Film hat es sich verdient. Luca Guadagnino ist mit drei großartigen Darstellern ein spannendes, wie unterhaltsames Drama aus der Welt des Tennissports geglückt.

    TITEL CHALLENGERS, USA 2024
    Drama Ab 14 Länge 131 Min.
    Regie Luca Guadagnino Drehbuch Justin Kuritzkes Kamera Sayombhu Mukdeeprom Schnitt Marco Costa
    Musik Trent Reznor, Atticus Ross Mit Zendaya, Josh O’Connor, Mike Faist


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • „CIVIL WAR“ Filmkritik: Ein Blick in eine dystopische Zukunft der USA

    „CIVIL WAR“ Filmkritik: Ein Blick in eine dystopische Zukunft der USA

    ★★★★ ½

    CIVIL WAR. Mit Kirsten Dunst, Wagner Moura, Cailee Spaeny, Stephen Henderson, Jesse Plemons Regie Alex Garland Ab 16 Länge 109 Min.

    Lee Smith hat schon viel gesehen und das ist der von Kirsten Dunst verkörperten Fotojournalistin ins Gesicht geschrieben. In Alex Garlands (Die Auslöschung) CIVIL WAR begibt sie sich mit eine Gruppe von Journalisten Richtung Washington DC. Doch die Reise durch das Land ist eine gefährliche. Der Präsident befindet sich in seiner nicht verfassungskonformen dritten Amtszeit und es tobt ein Bürgerkrieg zwischen Kalifornien und Texas auf der einen und einer Konföderation auf der anderen Seite. Die Western Forces sind dabei den Präsidenten auszuschalten und Lee und ihre Begleiter möchten dabei sein. Das Roadmovie wirft einen fiktiven und düsteren Blick in eine nahe Zukunft der USA.

    Jessie (Cailee Spaeny) als froschgebackene Fotojournalistin in CIVIL WAR von Alex Garland (UK/USA 2024)

    Kurzkritik

    Wie kam es dazu, dass von den Vereinigten Staaten nichts mehr übrig geblieben ist? Wer ist das genau, der da im Weissen Haus sitzt? Warum hat er den Platz nicht für eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger frei gemacht? Den politischen Hintergrund blendet Regisseur und Drehbuchautor Alex Garland völlig aus. Die Allianz zwischen Kalifornien und Texas ist abstrakt genug, um nicht in die Verlegenheit zu kommen, hier Parallelen zu aktuellen politischen Lagern zu ziehen. Das kann dort und da vielleicht für Irritationen sorgen, im Grunde ist es aber ein kluger Schachzug, diese nicht unwesentlichen Details komplett bei Seite zu schieben.

    CIVIL WAR erzählt von einer Schicksalsgemeinschaft, die quer durchs Land reist und dabei von einer haarigen Situation in die nächste schlittert. Wenn der Nachbar zum Feind wird, weil man seine politische Einstellung nicht teilt oder seine Herkunft nicht amerikanisch genug ist, kann in einem Land, in dem die Zivilbevölkerung derart hochgerüstet ist, jede Begegnung zu einer tödlichen Falle werden. Das ist die angespannte Atmosphäre, die uns in den Kinosessel fesselt.

    Lee Smith ist unterwegs mit ihrem Kollegen Joel (Wagner Moura) einem Journalist von Reuters. Hinzu kommt der New York Times Veteran Sammy (Stephen Henderson) und die unerfahrene Jessie (Cailee Spaeny). Sie verbindet der Ehrgeiz nach dem perfekten Foto und der exklusivsten Story. Als embedded journalists sind sie vorne an der Front. Auch davon erzählt CIVIL WAR. Wie nämlich die Bilder entstehen, die uns tagtäglich aus Krisenregionen erreichen. Dafür riskieren sie ihr Leben.

    Für jenen Moment, in dem wohl alle den Atem anhalten, sorgt Jesse Plemons. In seinem Aufritt sieht man den ganzen Zerfall einer Nation. Dafür lässt es sich quälend viel Zeit. Eine Glanzleistung.

    Es ist ein brutales und erschreckendes Bild, das uns Garland hier vorsetzt und es zeigt einmal mehr, wie dünn die Fäden der sogenannten Zivilisation sind. Das Thema ist brisant. Bleibt zu hoffen, dass diese Dystopie auch in Zukunft nur eine Fiction für die Leinwand ist.

    Titel CIVIL WAR, UK/USA 2024
    Thriller Ab 16 Länge 109 Min
    Regie/Drehbuch Alex Garland Kamera Rob Hardy Schnitt Jake Roberts
    Musik Geoff Barrow, Ben Salisburi Mit Kirsten Dunst, Wagner Moura, Cailee Spaeny, Stephen Henderson, Jesse Plemons


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau