Mit Vahid Mobasseri, Mariam Afshari, Ebrahim Azizi, Hadis Pakbaten, Majid Panah, Mohamad Ali Elyasmehr Regie Jafar Panahi Ab 14 Länge 104 Minuten
Jafar Panahi ist ein Überlebenskünstler. Der iranische Regisseur trotzt dem zur Zeit vermutlich brutalsten Regime der Welt. Schreckt vor einer Verhaftung und anderen Konsequenzen nicht zurück, die ihm durch seine Arbeit drohen. Seine Filme geben einen pointiert kritischen Einblick in ein Land, von dem alle sprechen aber über dessen Menschen wir eigentlich kaum etwas genaueres Wissen. Auch in seinem aktuellen Film geht es um die tiefen Narben, die das Regime über Jahrzehnte in der Bevölkerung hinterlassen hat.
2025 erhielt Panahi für EIN EINFACHER UNFALL die Goldene Palme bei den Filmfestspielen in Cannes, nachdem er in den vergangenen Jahren mit seinen Filmen bereits in Berlin und Venedig mit den Hauptpreisen ausgezeichnet wurde.
Kurzkritik
Es ist immer wieder erstaunlich, wie es Jafar Panahi gelingt, in seiner Heimat der Arbeit nachzugehen. Spielte TEHERAN TAXI (2015) noch ausschließlich in einem Taxi, in dem der Regisseur Fahrgäste und sich selbst mit kleinen Kamera filmte, so ist in EIN EINFACHER UNFALL kaum etwas von Restriktionen zu bemerken.
Fast ausschließlich mit Laiendarstellern erzählt Panahi davon, wie ein ehemaliger politischer Gefangener seinen Peiniger aus dem Gefängnis glaubt entdeckt zu haben. Allerdings einzig aufgrund des Klanges von dessen Beinprothese, da ihm im Gefängnis die Augen verbunden waren. Als dann doch Zweifel in ihm aufkommen, sucht er Hilfe bei anderen damaligen Inhaftierten. Sobald wird man sich über das weitere Vorgehen aber nicht einig.
Ungewissheit und moralische Bedenken plagen die illustre Gruppe. Sollen sie sich mit dem Regime auf eine Stufe stellen und mit deren gewaltsamen Methoden zurückschlagen? Kann es jemals Gerechtigkeit und Genugtuung geben? Oder dreht sich so die Spirale der Gewalt immer weiter?
Jafar Panahi ist ein Dokumentarist des alltäglichen Wahnsinns. Sehr treffsicher prangert er offen wie noch nie Missstände in seinem Land an und zeigt die Zerrissenheit und Verzweiflung, die die Menschen im Iran plagt. EIN EINFACHER UNFALL handelt von Menschlichkeit innerhalb eines zutiefst unmenschlichen Regimes.
Titel EIN EINFSCHER UNFALL (YEK TASADOF-E SADEH, eOT: It was just an accident, IRN/F/LUX 2025) Drama Ab 14 Länge 104 Minuten Regie Jafar Panahi Drehbuch Jafar Panahi Kamera Amin Jafari Schnitt Amir Etminan Mit Vahid Mobasseri, Mariam Afshari, Ebrahim Azizi, Hadis Pakbaten, Majid Panah, Mohamad Ali Elyasmehr
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Mit Jessie Buckley, Paul Mescal Regie Chloé Zhao Ab 14 Länge 125 Min
Chloé Zhao verfilmt einen Roman von Maggie O’Farrell aus dem Jahr 2020, indem der Pesttod eines Kindes von William Shakespeare und seiner Ehefrau Anne in den fiktiven Kontext der Entstehungsgeschichte von Hamlet gesetzt wird. Sehr berührend und großartig gespielt von Jessie Buckley und Paul Mescal.
Kurzkritik
Über William Shakespeares Leben sind relativ wenige Fakten überliefert. Viel Wissen beruht auf Vermutungen, was nicht ungewöhnlich ist für einen Mann des 16. Jahrhunderts, der zu Lebzeiten natürlich nicht die Berühmtheit hatte so wie heute. Mal abgesehen davon, dass es Debatten darüber gibt, ob sein Werk nicht überhaupt einem Künstlerkollektiv zuzuschreiben ist.
Nicht eindeutig überliefet ist naturgemäß auch die Ehe mit Anne Hathaway, mit der er vermutlich drei Kinder hatte, wovon eines mit 11 Jahren an der Pest starb. Nichts desto trotz hat Maggie O’Farrell um den Sohn Hamnet diese berührende Geschichte konstruiert.
Shakespeare hat sich in dieser Zeit bereits in London befunden. Seine Familie blieb im Geburtsort Stratford-upon-Avon zurück. Als der Sohn stirbt ist der Vater nicht da. Ein erschütternder Moment (noch verstärkt durch einen dramaturgischen Kniff). Die Mutter ist natürlich verzweifelt. Das hält sie ihm dann auch vor und versteht nicht, wie er in London leben kann. Selbst in ihrer Gegenwart kann er seine Trauer nicht ausleben.
Als Anne erfährt, dass William das Stück „Hamlet“ aufführen wird, begibt sie sich doch nach London, um ihren Mann im Globe Theatre auf der Bühne zu sehen. In diesem Moment versteht sie, wie er die Trauer um den Sohn in jeder Zeile Text verarbeitet hat.
HAMNET beschäftigt sich nicht nur mit den Themen Trauer und Verlust, sondern auch damit, wie sie in der Kunst verarbeitet werden. Der Film zeigt Anne als naturverbundenen Menschen – sie bringt das erste Kind im Wald zur Welt – der in einer anderen Welt lebt als ihr Mann, den es in die Stadt zieht. Am Land haben sie ein großes Haus. In London wohnt Shakespeare in einer Dachkammer. Am Ende kommen sie über das Theater zusammenkommen. Das ist ein schöner Gedanke.
Dank der beiden großartigen Hauptdarsteller Buckley und Mescal driftet die Geschichte trotz aller Spekulationen nicht all zu sehr in Kitsch ab. Wir fühlen mit ihnen, auch wenn die beiden das spielen was wir schon kennen, sie aber einfach am Besten können. HAMNET zielt messerscharf auf unsere innersten Gefühle und gerade gegen Ende wird wohl kaum ein Auge trocken bleiben.
Hamnet (UK 2025) Ab 14 Länge 125 Min. Regie Chloé Chaos Drehbuch Chloé Zhao, Maggie O’Farrell Kamera Łukasz Żal SchnittAffonso Gonçalve, Chloé Zhao Musik Max Richter Mit Jessie Buckley, Paul Mescal, Emily Watson
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Mit Wagner Moura Regie Kleber Mendonça Filho Ab 16 Länge 158 Min.
Es beginnt mit einer Leiche an einer Tankstelle. Die Polizei scheint sich nicht sonderlich für sie zu interessieren. Dafür vielmehr für einen sehr verunsicherten Armando (Wagner Moura) und seinen gelben VW Käfer, der gerade einen Tankstop eingelegt hat. Bereits nach wenigen Minuten wird klar, dass die Polizei im Brasilien von 1977 nicht dein Freund und Helfer ist. In Kleber Mendonça Filho in Cannes ausgezeichneten O AGENTE SECRETO ist Armando auf dem Weg nach Recife zu seinem Sohn. Die Situation ist angespannt.
O Agente Secreto, Kleber Mendonça Filho, 2025
Kurzkritik
Angst vor Verfolgung, Korruption und Gewalt bestimmen das Leben von Menschen wie Armando, die dem Regime nicht genehm sind. Auch wenn man auf seine Forschungen als Wissenschafter nicht verzichten möchte.
Armando begibt sich auf den langen Weg von Sao Paolo nach Recife um zu seinem Sohn zu gelangen und dann das Land zu verlassen. Noch wenige Tage trennen sie von gefälschten Pässen, die ihnen die Ausreise ermöglichen sollen. Doch der ehemalige Präsident eines des staatlichen Energiekonzerns hat zwei Auftragskiller auf Armando angesetzt, die ihm dicht auf den Fersen sind.
Wagner Moura, den wir viel zu selten zu sehen bekommen, ist ein Glücksfall für das Kino. Er erweckt stellvertretend für viele Verfolgte eine (fiktives) Einzelschicksal zum Leben und hält uns für mehr als zweieinhalb Stunden im Bann. Einen kurzen Auftritt hat der wunderbare Udo Kier in einer seiner letzten Rollen.
Kamerafrau Evgina Alexandrova erzeugt mit anamorphen Kameralinsen einen speziellen farbintensiven Grindhouse-Look, der O AGENTE SECRETO einen besonderen Charakter verleiht. In Kombination mit bemerkenswerten Kostümen entstand ein schön anzusehendes Period Piece in erdigen sommerlichen Farbtönen. Sie stehen im Kontrast zur Brutalität der dramatischen Handlung. Trotzdem schlägt O AGENTE SECRETO auch satirische Untertöne an.
Mit Walter Salles‘ I’M STILL HERE aus dem vergangenen Jahr verbindet ihn nicht nur das historische Setting, sondern auch der zutiefst humanistische Zugang eines Polit-Thrillers und die Bezugnahme beider Regisseure zur aktuellen politischen Situation in Brasilien.
O Agente Secreto (A Secret Agent), BRA/FR/NL/D 2025 Ab 16 Länge 158 Min. Regie Kleber Mendonça Filho Drehbuch Kleber Mendonça Filho Kamera Evgenia Alexandrova Schnitt Matheus Farias, Eduardo Serrano Musik Mateus Alves, Tomaz Alves SouzaMit Wagner Moura, Maria Fernanda Cândido, Gabriel Leone, Carlos Francisco, Alice Carvalho, Udo Kier
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Mit Emma Stone, Jesse Plemons, Aidan Delbis, Alicia Silverstone Regie Yorgos Lanthimos Ab 14 Länge 118 Minuten
Teddy (Jesse Plemons) ist überzeugt davon, dass die Menschheit durch eine außerirdische Spezies kontrolliert und unterdrückt wird. In Yorgos Lanthimos‘ tiefschwarzer Satire BUGONIA macht sich der Hobbyimker daran, mutmassliche Vertreter der Andromedans gefangen zu nehmen und dazu zu zwingen, einen Kontakt mit deren Anführern herzustellen. Michelle (Emma Stone) ist Managerin einer Pharmaunternehmens und sein jüngstes Opfer. Gemeinsam mit seinem Cousin Don (Aidan Delbis) sperrt er sie in den Keller und vermutet bald, dass es sich bei ihr um eine Vertreterin der Königlichen Familie der Andromedans handeln muss. Teddy wittert seine große Chance, endlich an sein Ziel zu kommen.
Emma Stone, Aidan Delbris und Jesse Plemons in BUGONIA.
Kurzkritik
Nicht weniger verstörend als die Geschichten von Yorgos Lanthimos ist, dass es im Jahr 2025 immer noch Menschen gibt, die glauben, die Erde sei flach oder reptiloide Politiker würden die Welt beherrschen. Es hat den Anschein, als würde sich Lanthimos über Verschwörungstheoretiker lustig machen. Doch hat Teddy berechtigte Gründe, Michelle zu hassen? Sympathieträgerin ist sie freilich keine. Als CEO hat sie sehr wohl unmenschliche Züge. Dazu muss man aber noch lange kein Alien sein.
BUGONIA ist ein Remake des südkoreanische Films SAVE THE GREEN PLANET (2003) von Jang Joon Hwan und der Stoff ist aktueller den je. Lanthimos ist ein Meister des absurden Kinos und sein neuester Film ist wieder etwas zugänglicher als der Vorgänger KINDS OF KINDNESS. Trotzdem sei das Publikum gewarnt. Kenner seiner Filme überrascht es nicht aber man muss sich hier wieder mit einer ungeheuren Brutalität auseinandersetzen. Zum Erfolgskonzept gehören aber auch außergewöhnliche schauspielerische Leistungen. Es ist die vierte Zusammenarbeit mit Emma Stone und mit Jesse Plemons hat Lanthimos offenbar einen neuen partner in crime gefunden. Als Teddys Cousin wurde der Laiendarsteller Aidan Delbis gecastet, der wie seine Rolle eine Autismus-Spektrum-Störung hat und den Film durch seine spezielle Art besonders bereichert.
So exzellent die Filme von Yorgoss Lanthimos sind, ist es immer schwer ob und wem man seine Filme empfehlen kann. Im Fall von BUGONIA (der Ausdruck kommt von einem antiken Ritual, in dem größere Lebewesen zum Wohle der Bienen geopfert werden) bekommt man aber beste Unterhaltung geboten und das bis zum großen Finale. Wobei einem die letzten Bilder doch auch auf den Magen gehen können. Es zahlt sich aber durchaus aus, sich auf den Film einzulassen. Sicherlich einer der Höhepunkte des heurigen Kinojahres. Weiterführende Informationen hier.
BUGONIA, IRL/KOR/USA 2025 Thriller-Komödie Ab 14 Länge 118 Minuten Regie Yorgos Lanthimos Drehbuch Will Tracy Kamera Robbie Ryan Schnitt Yorgos Mavropsaridis Musik Jerskin Hendrix Mit Emma Stone, Jesse Plemons, Aidan Delbis, Alicia Silverstone
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Mit Rebecca Ferguson, Idris Elba, Tracy Letts Regie Kathryn Bigelow Ab 14 Länge 112 Minuten
In den Jahren seit dem 2. Weltkrieg stand die Welt mehrmals kurz vor dem Abgrund und eine globale Katastrophe konnte gerade noch abgewendet werden. Ein paar Männer mit zu großen Ego waren dann doch einsichtig und pfiffen ihre Militärs wieder zurück. In A HOUSE OF DYNAMITE spielt Regisseurin Bigelow das Worst Case Szenario gleich drei Mal durch: Eine Rakete steuert auf die USA zu. Herkunft unbekannt. Bis zum Einschlag verbleiben wenige Minuten.
Idris Elba steht als US-Präsident vor einer schwerwiegenden Entscheidung,
Kurzkritik
Aus drei Perspektiven schildert Regisseurin Kathryn Bigelow die letzten 19 Minuten vor dem Einschlag einer Interkontinentalrakete auf Chicago. Zuerst aus der Sicht einer Beamtin (Rebecca Ferguson) im White House Situation Room, folglich jener eines Generals (Tracy Letts) auf einer Militärbasis in Nebraska und schließlich aus der Sicht des US- Präsidenten (Idris Elba). Als Zuseher*innen werden wir mit zwei Stunden permanenter Hektik konfrontiert. Unterschiedliche Interessen prallen aufeinander, in einer Stresssituation, auf die der Verteidigungsapparat bedingt aber jeder Einzelne überhaupt nicht vorbereitet ist. Für strategische Überlegungen bleibt keine Zeit mehr. Die Rakete wurde zu spät entdeckt.
Mit A HOUSE OF DYNAMITE ist Kathryn Bigelow und Drehbuchautor Noah Oppenheim ein exzellent konstruierter Thriller gelungen. Zum Durchatmen bleibt kaum Zeit, als befänden wir uns in einem Uhrwerk, in dem eine unübersichtliche Anzahl an Zahnrädchen ineinandergreifen. Gehen wir einmal davon aus, dass das was wir sehen authentisch ist. Dann bekommen wir einen spannenden Einblick in das Krisenmanagement im Weißen Haus.
Einzig sind die drei Teile etwas repetitiv, da die Positionen bereits in Teil 1 klar definiert sind und der Ausgang natürlich immer gleich ist. In diesem Fall bieten die drei Perspektiven für das Publikum kaum einen Mehrwert. Trotzdem packt uns die Verzweiflung und Ausweglosigkeit, der das Land in diesen Minuten trotz eines enormen Verteidigungsapparates ausgesetzt ist.
A HOUSE OF DYNAMITE, USA 2025 Thriller Ab 14 Länge 112 Minuten Regie Kathryn Bigelow Drehbuch Noah Oppenheim Kamera Barry Akkroyd Schnitt Kirk Baxter Musik Volker Bertelmann MitRebecca Ferguson, Idris Elba, Tracy Letts
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★★★★ Mit Josh O’Connor, Alana Haim Regie Kelly Reichardt Ab 14 Länge 110 Minuten
Ein Familienvater organisiert im Massachussets des Jahres 1970 einen Museumsraub. Die Filmgeschichte hat uns gelehrt, dass man dabei mitunter nicht alles unter Kontrolle halten kann und so ist es auch in Kelly Reichardts THE MASTERMIND. So leicht die Tat von der Hand gehen mag, danach ist nichts mehr so wie es war. Josh O‘Connor spielt an der Seite von Alana Haim in diesem in Brauntönen gehaltenen, von Freejazz untermalten und Vintage-Liebhaber*innen verzückenden Heist-Movie.
Josh O’Connor in THE MASTERMIND
Kurzkritik
Im Live Gespräch nach einem Screening im Stadtkino Wien erzählt Regisseurin Kelly Reichardt davon, wie sie mit dem Umstand zu kämpfen hatte, dass jedes noch so lächerliche Outfit, dass sie für die Hauptrolle mit der Kostümdesignerin ausgesucht hatte, an Josh O‘Connor einfach super stylish aussah. Davon kann man sich jetzt im Kino und in Zukunft auf der Streamingplattform Mubi überzeugen.
In tristen Brauntönen erzählt THE MASTERMIND davon, wie ein Mann das gemeinsame Leben seiner Mittelklassefamilie aufs Spiel setzt, indem er mit Komplizen Bilder von Arthur Dove, dem ersten abstrakten Maler der USA, entwendet. Der Filmtitel ist hier ironisch gemeint, denn so gut überlegt hat sich J.B. Mooney sein Vorhaben nicht. Reichardt spricht vom „personal freedom“ den Mooney anstrebt, der aber immer auf Kosten von anderen geht – in diesem Fall seiner Familie. Die 1970er wählte sie für ihre Geschichte, da es damals noch ziemlich einfach war, aus einem Museum Kunstgegenstände zu rauben und auch, weil sich die USA Ende der 1960er im Umbruch befand. Das wiederum passte gut, um den Charakter von J.B. Mooney eine Form zu geben.
Die Industriestädte Massechussetts‘ schaffen eine stimmige Kulisse. Das gemächliche Tempo unterstreicht die missliche Lage, in der sich Mooney befindet, ebenso wie der für die Regisseurin ungewöhnliche Einsatz von Filmmusik, hier in Gestalt der leidenden Freejazz Trompete von Rob Mazurek.
Kelly Reichardt, die nicht probt und ihren Darstellerinnen großes Vertrauen schenkt, kam der spektakuläre Raub im Louvre just zum Kinostart sicherlich nicht ungelegen. THE MASTERMIND hat sich zusätzliche Publicity verdient.
THE MASTERMIND,, USA 2025 Krimi Ab 14 Länge 110 Minuten Regie/Drehbuch/Schnitt Kelly Reichardt Kamera Christopher Blauvelt Musik Rob Mazurek MitJosh O’Connor, Alana Haim
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Ein Kinojahr, in dem uns Jim Jarmusch nach jahrelanger Abstinenz mit seinem neuen Episodenfilm einen Festivalliebling präsentiert, Richard Linklater gleich mit zwei Filmen vertreten ist, Willem Dafoe als Stargast mit zwei Filmen im Gepäck anreiste (einer davon, The Souffleur, spielt im vom Abriss bedrohten Festivalhotel Intercontinental), genauso wie die nicht weniger sympathische Juliette Binoche mit ihrer ersten Regiearbeit im Gartenbaukino zu Gast war, konnte die Viennale neuerlich ein leichtes Besucherplus verbuchen. Das ist in Anbetracht der Gesamtsituation, als der Konkurrenz vor dem heimischen Sofa, absolut bemerkenswert. Wie immer, bei einer derartig vielfältigen Fülle an Filmen, hätte dort und da wohl ein Stamperl Zimtschnaps – (c) Ethan Coen und Tricia Cooke – geholfen.
Miroirs No. 3, Stadtkino Filmverleih
Dass der deutsche Regisseur Christian Petzold in seinem ersten Jahr als Festivalpräsident mit seinem eigenen Film eröffnen durfte, sorgte dort und da doch für etwas Verwunderung. Sechs Jahre hatte das Wiener Filmfestival nach dem Tod von Eric Pleskow keinen Präsidenten oder Präsidentin. In Miroirs No.3 greift Petzold ein altbekanntes Thema auf, und es dauert nicht lange, bis wir ahnen, was hier gespielt wird. Und trotzdem: der Regisseur verleiht dem Stoff seine eigene Handschrift und hält den Spannungsbogen bis zum Ende. Über dem Familiendrama schwebt eine latente Gefahr und wenn man Paula Beer in der gefühlt immer gleichen Rolle aushält, wird man im gewohnt abgelegenen Setting der deutschen Provinz gut unterhalten. Petzolds großes Vorbild Alfred Hitchcock ist hier nicht zu übersehen. er bezeichnet sich selbst als Hitchcockianer.
Nouvelle Vague, Polyfilm Verleih
In diesem Jahr überrascht uns Richard Linklater mit gleich zwei neuen Produktionen. Eine davon ist aus der Leidenschaft des Filmemachens geboren. In Nouvelle Vague erzählt er von der Entstehungsgeschichte von Jean-Luc Godards Außer Atem (À bout de souffle) mit Jean Paul Belmondo und Jean Seberg in den Hauptrollen. Der Film brachte nicht nur den Durchbruch für alle Beteiligten, sondern markiert durch seine für damalige Zeiten revolutionäre Machart eine Zäsur in der Filmgeschichte. Als Vertreter der Bewegung der titelgebenden Nouvelle Vague hatte der Film Einfluss drauf, wie Geschichten erzählt wurden und vor allem auch, wie sie technisch umgesetzt werden konnten.
Richard Linklater stellt dazu zahlreiche Weggefährten der damaligen Kunst- und Kulturszene mit Insert vor. Gedreht in schwarzweiß und im 4:3 Format nimmt er zwar Anleihen an die damalige Stilistik (es gibt sogar jene Markierungen am Bildrand, die eigentlich für den Filmvorführer den Wechsel der Filmrollen signalisieren sollen), verzichtet aber darauf den Stil der Nouvelle Vague zu kopieren.
Die Schrulligkeit von Jean-Luc Godard bietet unzählige Möglichkeiten für unterhaltsame Momente. Nouvelle Vague ist eine liebevolle Hommage an einen entscheidenden Moment der Filmgeschichte.
Father Mother Sister Brother, Filmladen
Jim Jarmusch ist zurück und bekommt für seinen ersten Film nach sechs Jahren gleich erstmalig die Goldene Palme in Cannes. In Father Mother Sister Brother erzählt er drei voneinander unabhängige Familiengeschichten, die aber durch viele Feinheiten im Drehbuch und in der Inszenierung doch mit einander in Verbindung stehen. Eine Meisterklasse, bei der man aus dem Staunen nicht herauskommt. Ein Höhepunkt des Filmjahres mit Starbesetzung.
Werner Herzog kann uns alles erzählen. Egal ob ein Exkurs über Albino Alligatoren oder Geisterelefanten. Wir hören gespannt zu. Mit seinem seiner markanten Stimme und dem gewohnt lakonischen Kommentar begibt sich Herzog in Ghost Elephants nach Angola und begleitet Wissenschaftler auf der Suche nach den größten lebenden Elefanten der Welt. Es wäre nicht Werner Herzog, wenn er nicht mitten im Dschungel stehend, einen humorvollen Kommentar auf den Lippen hätte und die Sinnhaftigkeit der ganzen Expedition in Frage stellt. Der auf ewig neugierige und abenteuerlustige Herzog begibt sich mit Vorliebe in entlegene Regionen und unbekannte Ökosysteme. So ist es auch hier, wenn er Menschen begleitet, die mit voller Leidenschaft wahrscheinlich nur einem Phantom auf der Spur sind. Ein Plädoyer für die Artenvielfalt und ein seltener Einblick in eine uns völlig fremde Lebensweise.
Man soll sich auf sein Bauchgefühl verlassen. Schon die ersten sechzig Sekunden von Kunag ye she dai (Resurrection) von Bi Gan stimmen misstrauisch. Die ersten 20 Minuten sind wie ein Stummfilm aufgebaut, mit Texttafeln, die teils wegen der kurzen Einblendungen kaum lesbar sind. Die Protagonistin stolpert dabei von einer Kulisse in die nächste. Dann doch ein Tonfilm. Nach einer starken Stunde ist die Geduld überstrapaziert. Eineinhalb Stunden sollten noch folgen, das ist dann doch zuviel. In Cannes der Sonderpreis der Jury. Spektakuläre Sets. Ja klar. Unverkennbare Verweise an den expressionistischen Film. Es ist interessant, wie Kritiker aus aller Welt RESURRECTION krampfhaft etwas Positives abgewinnen möchten.
Nach 2021 hat Festivaldirektorin Eva Sangiorgi den Dokumentarfilmer Avi Mograbi aus aktuellem Anlass nochmals mit seinem Film The First 54 Years – A Abbreviated Manual for Military Occupation über die Geschichte der Okkupation von Westjordanland und Gazastreifen eingeladen. Eine der guten Entscheidungen des diesjährigen Festivals. Hier kommen ehemalige Besatzungssoldaten zu Wort, die offen über ihre Gräueltaten sprechen. Vor allem die jahrzehntelange Gewalt gegen Kinder ist erschütternd. So ist bereits mehr als eine Generation unter diesen Umständen aufgewachsen. Aufgestauter Hass, der sich irgendwann entladen muss, wie uns die Geschichte gelehrt hat. Avi Mograbi gibt sich im Gespräch mit Ruth Beckermann pessimistisch. Seine Filme sind auf YouTube verfügbar (Link).
Die, My Love, Polyfilm Verleih
Grace und Jackson, gespielt von Jennifer Lawrence und Robert Pattinson ziehen sich auf ein Haus am Land zurück. Nach der Geburt ihres Kindes fällt Grace in ein emotionales Tief und Jackson ist viel unterwegs. Postpartale Depression als Thema in Lyne Ramsays neuestem Film Die, My Love wird zwar nie angesprochen aber ist doch nicht zu übersehen. Dass sich Jackson zurückzieht und Grace augenscheinlich in ihrer Verzweiflung allein lässt oder das sein Verhalten gar der Auslöser sein könnte sind Andeutungen, die der Film macht aber die Problematik doch sehr verkürzt darstellen. Grace‘ Eskapaden werden so gedeutet, als sei sie verrückt geworden. Hier fehlt es dem Drehbuch an Tiefe.
Die Kamera von Seamus McGarvey ist jedoch die reinste Freude. Gedreht im wieder in Mode zu kommen scheinenden Academy Format, also 4:3, wie wir es von alten TV Geräten kennen. Weniger Raum. Keine weiten Landschaften und dafür harmonische und aufgeräumte Bildkompositionen..
Vor mehr als 25 Jahren ging Juliette Binoche gemeinsam mit Akram Khan mit einer Performance auf Tournee. Binoches‘ Schwester dokumentierte damals den Probenablauf und die Performance mit ihrer Kamera. Nun hat sich die französische Schauspielerin an ihre erste Regiearbeit gewagt und das Material für In-I In Motion auf zwei Stunden zusammengeschnitten. Die erste Stunde sehen wir die Proben und anschließend die Aufführung.
In-I In Motion beobachten wir vom ersten Moment weg eine intensive körperliche Erfahrung. Binoche, die zuvor noch nicht mit Tanz in Berührung gekommen ist und Khan , der sich erstmalig als Schauspieler probieren wollte. Der gegenseitige Austausch war von Anfang an Teil der Zusammenarbeit. Es ist spannend, dem kreativen Schaffensprozess beiwohnen zu können. Der Film richtet sich aber eher an ein tanz affines Publikum.
The History of Sound, UPI Austria
In The History of Sound von Oliver Hermanus lernen sich Lionel (Paul Mescal) und David (Josh O’Connor) 1917 am New England Conservatory kennen. Sie teilen nicht nur ihre Leidenschaft für Folk-Musik sondern auch für einander. Nach dem 1. Weltkrieg machen die beiden eine Forschungsreise, bei der sie Folk-Lieder aufzeichnen, um sie für die Nachwelt zu erhalten. Im Laufe der Jahre trennen sich ihre Wege immer wieder. Irgendwann bricht der Kontakt ab.
Das gemächliche Erzähltempo von The History of Sound wird ihm irgendwann zum Verhängnis. Da nützen auch zwei der derzeit gefragtesten Hauptdarsteller nichts. Mann muss doch viel Geduld aufbringen bis zum schmerzlichen Finale. Man wird das Gefühl nicht los, dass hier einiges an Potential vergeben würde. Sowohl Thema und zwei Stars wären vorhanden gewesen,
Einen Film, der im Russland unter Stalins Terror spielt und bei dem man das Gefühl nicht los wird, sich in der Gegenwart zu befinden, kann man getrost als Film der Stunde bezeichnen. Two Prosecutors (Kommt zu uns unter dem Titel Zwei Staatsanwälte) von Sergei Loznitsa erzählt von einem Staatsanwalt, der einen aus dem Gefängnis geschmuggelten Hilferuf erhält und daraufhin versucht, zu dem Gefangenen vorzudringen. Seinen Weg kann man kaum anders als kafkaesk bezeichnen. Es ist frustrierend, schockierend und ebenso humorvoll, wie sich Alexander Kornev (Alexander Kusnezow) schrittweise von einer verschlossenen Tür zur nächsten durchkämpft. In der zweiten Hälfte des Films versucht er auf die Missstände in seiner Provinz aufmerksam zu machen und Gerechtigkeit für die Gefangenen zu erlangen.
Two Prosecutors, PROGRESS Filmverleih
Man könnte Kornev auf den ersten Blick als Naiv bezeichnen aber, wie es Regisseur Sergei Loznitsa im anschließenden Gespräch sagt, er wusste es nicht besser. Naiv mag er vielleicht mit dem heutigen Wissensstand erscheinen aber damals hatte kaum jemand Kenntnis darüber, was das Regime tatsächlich an seinem eigenen Volk alles verbrochen hatte. Verbrechen, die sich heute leider in immer mehr Ländern wiederholen. Two Prosecutors ist einer der Filme des Jahres, den man gesehen haben sollte.
Zum Überraschungsfilm der diesjährigen Viennale eignete sich Anemone insofern perfekt, da er zu Beginn gänzlich auf Titel verzichtet. Noch dazu nähert er sich seinen Hauptdarstellern nur zögerlich an. Daniel Day-Lewis sieht man anfangs nur von hinten oder im Dunklen. Inszeniert wird Day-Lewis so von seinem eigenen Sohn Ronan Day-Lewis, mit dem er auch das Drehbuch verfasst hat. Anemone beginnt bildgewaltig und im Grunde zieht sich das durch den gesamten Film, allerdings kann die Story über zwei Brüder (Sean Bean ist der zweite, der hier aber fast schon zum wortlosen Statisten verkommt), die sowohl von ihrer familiären Vergangenheit, als auch der Zeit im Nordirlandkonflikt geplagt sind, nicht überzeugen. Ganz auf Daniel Day-Lewis zugeschnitten gehen alle anderen Charaktere unter (in er Rolle seiner Frau: Samantha Morton). Im Grunde geht es die ganze Zeit darum, dass der eine Bruder den anderen dazu überreden möchte, wieder zu seiner Familie zurückzukehren, die der traumatisierte Soldat bereits vor der Geburt seines Sohnes verlassen hatte und der nun im Teenageralter in einer Krise steckt, mit der seine Mutter nicht fertig wird. Da braucht es schon einen Vater. Alles klar soweit?
Honey. Don’t, UPI Austria
Die Privatdetektivin Honey O’Donahue (Margaret Qualley) gerät in Honey, don’t durch einen ihrer Fälle an eine dubiöse Kirche und deren Anführer Drew Devlin (Chris Evans). Es st der zweite Teil einer „lesbian b-movie trilogy“ von Ethan Coen und seiner Frau Tricia Cooke. Mit dem klassischen Stoff einer Neo-Noir-Krimikomödie wollten sie ganz offensichtlich der MAGA-Bewegung trotzen. Auch wenn der Film zeitweise unterhaltsam ist, so ist die Suppe einfach zu dünn. Die Charaktere wirken wir Karikaturen. Vielleicht doch eher ein c-movie.
Der Investigativjournalist Seymour Hersh beleuchtet seit Jahrzehnten die Abgründe der US-Außenpolitik. Angefangen von Vietnam, über Chile bis Irak ist die Liste der Skandale und Verbrechen lange. Richard Nixon und Henry Kissinger waren sich der Gefahr bewusst, die von Hersh ausgeht, wenn es darum ging ihr Vorgehen zu vertuschen.. Das belegen heute Tonbandmitschnitte. Kissinger zögerte auch nicht, gleich direkt anzurufen. Selbst etablierte Tageszeitungen und Magazine ließen Hersh nur mit Bauchweh walten. Niemand wollte Ärger mit der US-Administration und Teile der Bevölkerung sahen Hershs Arbeit mehr als Verrat, denn als notwendige Aufklärungsarbeit.
Trotzdem ist Seymour Hersh bis heute unermüdlich darin, aufzudecken, was eigentlich im Verborgenen bleiben sollte. Es ist eine mahnende Geschichtsstunde über institutionalisierte Gewalt, die uns Laura Poitras und Mark Oberhaus in der Dokumentation Cover-Up hier servieren, nachdem Poitras 20 Jahre lang versucht hat, einen Film über Hersh zu drehen, bis dieser nun doch einwilligte. Das nächste Projekt liegt auf dem Tisch des heute 88-jährigen Hersh. Es sind Fotografien von Angriffsplänen israelischer Soldaten an den Wänden von Häusern im Gazastreifen.
After the Hunt, Amazon Prime
Luca Guadagnino Beitrag zur #metoo Bewegung entfachte hitzige Debatten. Nach der Premiere von After the Hunt musste sich sogar Hauptdarstellerin Julia Roberts vor der Presse rechtfertigen. Die von ihr gespielte Uni-Professorin erfährt von einer ihrer Schülerinnen, dass einer ihrer Professoren-Kollegen übergriffig wurde. Nur reagiert diese nicht so, wie man es erwarten, bzw. allgemein für richtig halten würde. In weiterer Folge lässt uns Guadagnino aber im Unklaren darüber, was nun wirklich passiert ist und das weit mehr als 2 Stunden. After the Hunt kommt nicht auf den Punkt und wirkt unausgegoren. Hinzu kommt die hier leider nervende Musik von Trent Reznor und Attiucs Ross. Für Gesprächsstoff ist jedenfalls gesorgt und Julia Roberts zeigt uns einmal mehr ihre unglaubliche Leinwandpräsenz. Ein Star eines Formats, von denen es nur mehr wenige gibt.
Ed Saxberger (Willem Dafoe) verdient sich seinen Lebensunterhalt als Postbeamter. Vor Jahren schrieb er einen Gedichtband, der in Fachkreisen gefeiert wurde, ihm aber nicht zum Durchbruch verhalf. Als ihn eine Gruppe von jungen Schriftstellern wiederentdeckt, genießt er nach einiger Überzeugungsarbeit seinen späten Ruhm. Regisseur Kent Jones inszenierte Late Fame nach der gleichnamigen Novelle von Arthur Schnitzler und verlegt sie ins New York der Gegenwart. Zwei Welten prallen hier aufeinander, wenn ein Schriftsteller auf eine Gruppe junger Künstler trifft, deren Geltungsbewusstsein größer ist, als die Liebe zur Kunst selbst. Der Film hat ihn Österreich noch keinen Verleih und wurde von der „Standard“-Viennale-Publikumsjury ausgezeichnet.
Weiter Filme auf dem Programm, wie The Mastermind von Kelly Reichardt, Ein einfacher Unfall von Jafar Panahi und Sentimental Value von Joachim Trier, werden bei THE REEL THERAPIST gesondert Platz bekommen.
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Mit Dwayne Johnson, Emily Blunt Regie Benny Safdie Ab 12 Länge 123 Minuten
Emily Blunt
In den 1990ern steckt der Ringsport noch in den Kinderschuhen. Einzig in Asien sind die Sportler Superstars. Einer von ihnen ist der US-Amerikaner Mark Kerr, heute 56 Jahre alt. In THE SMASHING MACHINE porträtiert Dwayne Johnson an der Seite von Emily Blunt einen der Pioniere des Ringens. Johnson, dessen Leben sich durch die Filmrolle nach eigenen Aussagen verändert hat, präsentiert sich uns auf der Leinwand, wie wir ihn noch nie gesehen haben.
Emily Blunt und Dwayne Johnson in Benny Safdies THE SMASHING MASCHINE
Kurzkritik
Das Make-Up aufzutragen dauerte Stunden und noch dazu waren mehr als 20 Prothesen notwendig, damit sich Dwayne Johnson in Mark Kerr verwandeln konnte. Damit nicht genug: der Actionstar, früher selbst Wrestler im Ring und einer der größten Stars des WWE, versuchte Gang und Stimme von Kerr zu imitieren. Das scheint im offenbar außerordentlich gut gelungen zu sein. Das bestätigt selbst Kerrs Familie.
Zu verdanken haben wir diesen Imagewechsel Emily Blunt, die Dwayne Johnson mit Regisseur Benny Safdie zusammengebracht hat. Safdie, einer der angesehensten Regisseure seine Generation, bekam für THE SMASHING MACHINE den diesjährigen Filmfestspielen von Venedig den Preis der Jury zugesprochen. Bei den zahlreichen Kampfszenen, die der damaligen Zeit entsprechend äußerst brutal inszeniert sind, bleibt er auf Distanz. Wie sonst auch was den Sport betrifft und für Neulinge hält der Film daher wenig an Hintergrundwissen parat. Alles ist auf Johnson zugeschnitten. Zudem spielt der Regisseur mit Erwartungshaltungen. Es kommt immer anders als man es aus Sportfilmen kennt. Bis hin zum Finale und der letzten Szene, in der er den realen Kerr zeigt. Im Ring sehen wir reale Ringer. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Das hebt den Film von klassischen Biopics ab und verleiht ihm eine spezielle Note. Die großen emotionalen und heroischen Momente gibt es nicht. Das mag für das Publikum zu wenig sein. Es ist der größte Flop in Johnsons Karriere (das dürfte aber auch dem falschen Marketing geschuldet sein). Der Film ist aber allemal sehenswert. Nicht zuletzt ist er ein schönes Period Piece.
Einen der größten Stars der Gegenwart fast unkenntlich zu zeigen, noch dazu in einer ungewohnten Rolle, ist jedenfalls ein geniale Coup. Dwayne Johnson hat großes Potential, nicht nur auf der Leinwand. Einen Sportler kann er mehr als glaubwürdig verkörpern. Schon vor vielen Jahren wurden im realistische Chancen eingeräumt, würde er für das Amt des US-Präsidenten kandidieren. Ausgeschlossen hat er es jüngst nicht. Er scheint jemand zu sein, der alles erreichen kann. Wir dürfen gespannt sein, womit er uns als nächstes überraschen wird.
THE SMASHING MACHINE, USA 2025 Sport-Drama Ab 12 Länge 123 Minuten Regie Benny Safdie Drehbuch Benny Safdie Kamera Maceo Bishop Schnitt Benny Safdie Musik Nala Sinephro Mit Dwayne Johnson, Emily Blunt
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★★★★ Mit Leonardo DiCaprio, Teyana Taylor, Benicio del Toro, Chase Infiniti, Sean Penn Regie Paul Thomas Anderson AbLänge 162 Min.
OSCAR KANDIDAT
Es ist eine nur immer ersten Moment schräg anmutende Geschichte, die Paul Thomas Anderson nach einem Roman von Thomas Pynchon in das Drehbuch zu ONE BATTLE AFTER ANOTHER gepackt hat. Etwa 16 Jahre zurück befreit eine Widerstandsgruppe in den USA Migranten aus einem Internierungslager nahe der mexikanischen Grenze aus der Polizeigewalt von US-Marshals unter dem Kommando von Colonel Steven J. Lockjaw (Sean Penn). Der Colonel trifft dabei auf die Aktivistin Perfidia Beverly Hills (Teyana Taylor) und fühlt sich von ihr sexuell angezogen. Eigentlich lebt Perfidia mit dem Sprengstoffexperten Bob Ferguson (Leonards DiCaprio) zusammen, doch sie macht sich die Hörigkeit des Colonels zu nutze, um mit ihrer Gruppe weiterhin Aktionen durchführen zu können.
In der Gegenwart lebt der versoffene und verwahrloste und nun ehemalige Revoluzzer Bob Ferguson mit seiner Tochter Willa zurückgezogen im Wald. Perfidia ist in der Zwischenzeit untergetaucht und Bob lebt unter der ständigen Angst, doch noch von Colonel Lockjaw ausgeforscht zu werden. Als Lockjaw dem „Christmas Adventurers Club“, eine Gruppe weißer rassistischer Katholiken, beitreten möchte, muss er davor sicher stellen, nicht der Vater eines Mischlingskindes zu sein und macht sich auf die Suche nach Willa.Bobs Alptraum wird war und er muss seine alten Kontakte aus dem Widerstand wieder aufnehmen, um seine Tochter zu retten, was ihm einiges an Schwierigkeiten bereitet, da er sich zu lange seiner Leidenschaft nach Alkohol und Drogen hingegeben hat und sich an die Codewörter zur Kontaktaufnahme nicht mehr erinnern kann …
Colonel Steven J. Lockjaw (Sean Penn) als Paradeexemplar der Alt-Right Bewegung in den USA.
Kurzkritik
Eines war bereits vor dem Kinostart klar: Paul Thomas Anderson konnte sich der Vorschusslorbeeren nicht entziehen. Sowohl Kritiker*innen als auch Regiekollegen waren sich einig, dass sein neuester Film nicht nur an seine großen Erfolge anschließt, sondern gar ein moderner Klassiker werden würde. Ein Film der tief in die Seele eines ideologisch geteilten Landes blicken lässt. Ein Land, in dem Polizeigewalt vorherrscht und klerikale Extremisten ihre rassistischen Pläne umzusetzen versuchen. In diesem Jahr wurde ONE BATTLE AFTER ANOTHER noch dazu von der Realität eingeholt. Die USA bewegen sich in großen Schritten Richtung Autokratie, die im Hintergrund von fundamentalen faschistischen und religiösen Ideen geprägt ist.
Die politische Aktualität ist es jedoch nicht alleine. Leonardo DiCaprio spielt wieder einmal die beste Rolle seines Lebens (vielleicht kann man endlich einmal akzeptieren, dass DiCaprio einfach ein guter Schauspieler ist). Sean Penn ist als stocksteifer, stolzer, weißer Colonel mit dem Haarschnitt eines Paradiesvogels eine Witzfigur aber brandgefährlich zugleich (die Chancen auf einen dritter Oscar stehen nicht all zu schlecht) und Chase Infiniti kann sich in ihrer ersten Filmrolle gegenüber der starken Leinwandpräsenz ihrer Kollegen überzeugend behaupten. Interessant sind zudem die Identitätsfragen, die Fragen ihr Charakter im Kontext des Films aufwirft. Was macht eine typische US-Amerikanerin heute aus?
ONE BATTLE AFTER ANOTHER macht eine Genrezuschreibung schwierig. Sie reicht von Action-Komödie und Thriller bis Screwball-Comedy. Es dauert etwas, bis die Geschichte in die Gänge kommt. Ab dem Zeitsprung wird es aber sehr unterhaltsam. Das macht die lange Laufzeit vergessen. Die Geschichte gipfelt in einer spektakulär inszenierten und viel gelobten Verfolgungsjagd auf einem hügeligen Highway, bei der die Autos immer wieder aus dem Blickfeld verschwinden und durch die Langsamkeit der Sequenz Spannung erzeugt wird.
Paul Thomas Anderson ist eine absurde Komödie mit einem starken Ensemble gelungen. Es ist nur fraglich, ob sein bisher teuerster Film sein Publikum in einem Ausmaß finden wird, dass er auch ein kommerzieller Erfolg werden wird. Zumindest in den USA wird sich die Spaltung des Landes auch am Boxoffice bemerkbar machen. Man merkt es bereits an den Kommentare, wenn es heißt, wie Hollywood gerade jetzt eine linksradikale Gruppierung auf die Leinwand bringen kann. Freilich von Leuten, die den Film nie gesehen haben. Aber Nichtwissen und Urteilen ist längst auch abseits der Sozialen Medien salonfähig geworden. Was die Einnahmen betrifft, wird es wohl PTAs erfolgreichster Film bisher werden.
Vom Blockbuster Mainstream ist die Satire weit entfernt. Stephen Spielberg fühlt sich an DR.. STRANGELOVE OR: HOW I LEARNED TO STOP WORRYING AND LOVE THE BOMB erinnert. Dieser Vergleicht trifft auch ziemlich gut zu. Ähnlich wie Alex Garland‘s CIVIL WAR zeigt ONE BATTLE AFTER ANOTHER ein Land, das zwischen die Fronten geraten ist. Wenn auch auf humorvolle Weise aber trotzdem mit dem Bewusstsein, das die kruden Ideen extrem rechter Ideologen längst Realität geworden sind. Bei CIVIL WAR war es noch eine Zukunftsvision und das ist erst wenige Monate her.
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TITEL: ONE BATTLE AFTER ANOTHER, USA 2025 Action,, Komödie, Thriller AbLänge 162 Min. Regie Paul Thomas Anderson Drehbuch Paul Thomas Anderson Kamera Michael Bauman Schnitt Andy Jurgensen Musik Jonny Greenwood Mit Leonardo DiCaprio, Teyana Taylor, Benicio del Toro, Chase Infiniti, Sean Penn
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★★★★ Mit Austin Butler, Matt Smith, Regina King, Zoë Kravitz, Liev Schreiber, Vincent D’Onofrio Regie Darren Aronofsky Ab 16 Länge 107 Minuten
Im New York der späten 90er lebt Hank Thompson (Austin Butler), ein ehemaliger Baseball-Liebling mit gebrochenen Träumen. Jetzt arbeitet er als Barkeeper, trinkt zu viel und hofft auf ein wenig Normalität – bis ihn sein Punk-Nachbar Russ (Matt Smith) um Hilfe bittet: Hank soll nur wenige Tage auf dessen Katze aufpassen.Was als Gefallen beginnt, entwickelt sich rasch zu einem Albtraum: Russische Gangster, korrupte Polizist:innen, orthodoxe Gangster – alle wollen eine bestimmte Sache, die Russ versteckt hat. Hank gerät in einen Strudel aus Gewalt, Druck und gefährlichen Geheimnissen.
Matt Smith und Austin Butler in CAUGHT STEALING von Darren Aronofsky.
Kurzkritik
Der Trailer zu CAUGHT STEALING lässt nicht ganz eindeutig erkennen, was uns im jüngsten Film von Darren Aronofksy erwartet. Neugierig macht er aber dann doch und unsere Neugier wird belohnt werden. Die größten kunstlerischen Erfolge von Darren Aronofsky liegen schon etwas zurück. Und wer eine innovative Inszenierung und Metaebenen wie bei BLACK SWAN oder THE WRESTLER erwartet, wird womöglich enttäuscht werden. CAUGHT STEALING wartet allerdings mit einer gelungenen Kombination aus schwarzem Humor, Thrills und Plottwists auf, verpackt in eine spannende Geschichte, die uns kaum Zeit zum Durchatmen lässt.
Das New York der ausgehenden 1990er unter dem Regime von Bürgermeister Rudolph Giuliani scheint von Banden und der Mafia regiert zu werden, zumindest jenes Milieu, in dem sich der Protagonist bewegt.
Wir sehen eine heruntergekommene grindige Stadt, in der hinter jeder Ecke Gefahr lauern kann und schon mal eine Hochzeitsfeier mit automatischen Waffen gestürmt werden kann. Dieses dystopisch anmutende Moloch ermöglicht aber wunderbare Setpieces, seien es die Wohnungen der Charaktere oder die Straßenszenen in einer anonymen Großstadt, in der man niemandem über den Weg trauen kann. Zeigt uns CAUGHT STEALING am Ende gar einen Blick in die Zukunft? Manche Szenerien erinnern an Science-Fiction-Filme der 1990er, die die damals eine dunkle urbane Zukunft zeigten. Aronofsky lässt in all dem Schmerz dieser Gewaltspirale, die Hank durchlebt, jedoch einen Funken der Hoffnung durchblitzen.
Die Mischung aus Gangstertum und schwarzer Komödie (Liev Schreiber und Vincent D‘Onofrio sind super gefährlich, zu allem entschlossen und dabei ur komisch) ist auf allen Ebenen gelungen. Als Running Gag dient eine Katze, der zu Dialogzeilen wie „Get the cat into the car!“ inmitten eines Schusswechsels führt.
Austin Butler muss, als mit seiner Vergangenheit hadernder Ex-Baseball-Spieler, einiges an Qualen durchleben. Matt Smith als Nachbar und Auslöser der Geschichte, konnte man nicht gegensätzlicher als zu seiner Rolle als Prinz Philipp in der TV-Serie THE CROWN besetzen. Dem Musikgeschmack seines Charakter haben wir jedenfalls den großartige Soundtrack der Idles zu verdanken.
CAUGHT STEALING ist ein rasantes und witziges Kinoerlebnis, dass über die volle Länge gut unterhält. Eine Empfehlung, bevor in den kommenden Wochen die Kinohochsaison startet.
TITEL Caught Stealing, USA 2025 Thriller Ab 16 Länge 107 Minuten Regie Darren Aronofsky Drehbuch Charlie Huston Kamera Matthew Libatique Schnitt Andrew Weisblum Musik Idles Mit Austin Butler, Matt Smith, Regina King, Zoë Kravitz, Liev Schreiber, Vincent D’Onofrio