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  • THE BATMAN ★★★½

    THE BATMAN ★★★½

    Im Kino

    Mit seiner Batman-Trilogie hat Christopher Nolan das Superheldengenre revolutioniert. Die Filme gingen dem Trauma des Milliardärs im Fledermauskostüm aus Gotham City auf den Grund. Sie hatten nichts mehr von einer verspielten Comicverfilmung, sondern präsentierten sich erwachsener. Nun kommt vermutlich der nächste Dreiteiler auf uns zu. Diesmal von Matt Reeves. Den Anfang macht The Batman, in dem der Regisseur sich auf die Ursprünge der Figur in den Detective Comics besinnt und den Antihelden in einem Krimidrama auftreten lässt. From Dusk till dawn – satte drei Stunden Finsternis, in denen durchaus aktuelle Themen angerissen werden. Trotz aller Ambitionen gerät aber leider wieder einmal das Zeitmanagement aus den Fugen, in einem ewigen Kreislauf der Wiederverwertung.

    Darum geht es

    Ein politischer Mord mit Botschaft. No more lies. Adressiert an den Batman (Robert Pattinson). Der Riddler (Paul Dano) versetzt Gotham City in Angst und Schrecken, als hätte die Stadt nicht schon genügend Probleme. Mit dem Batman liefert er sich ein Katz und Maus Spiel, gibt Hinweise und ist doch immer einen Schritt voraus. James Gordon (Jeffery Wright), hier noch Lieutenant, ist die einzige Vertrauensperson bei der Polizei, die sonst wie die Ganze Stadt in Korruption versinkt. Das Moloch ist in festen Händen von Carmine Falcone (John Turturro) und seinem Handlanger Oswald Cobblepot alias Pinguin (Colin Farrell). Auf welcher Seite Selina Kyle als Catwoman (Zoë Kravitz) steht, ist zu Beginn nicht ganz klar. Der Riddler konfrontiert den Batman jedenfalls bald mit seiner eigenen Vergangenheit.

    Zoë Kravitz und Robert Pattinson in The Batman.

    Kommentar

    Wer das Computerspiel Batman: Arkham Asylum kennt, dem wird das alles hier bekannt vor kommen. Das Spiel ist die Vorlage für Gotham City, wie es sich uns in The Batman präsentiert und von Kameramann Greig Fraiser spektakulär in Szene gesetzt wird. Unübersichtlich und düster wie die finsterste Nacht. In jeder Ecke lautet das Böse. Das Los Angeles in Blade Runner scheint dagegen einem Reiseprospekt entsprungen. Nur in ein, zwei Szenen kann man die Morgendämmerung am Horizont erahnen, sonst spielt sich alles ausschließlich nächtens ab. Der Look des Films ist bemerkenswert. Es ist Matt Reeves hoch anzurechnen, dass er seinen Blockbuster so gegen den Strich gebürstet hat. Einerseits was die Stimmung generell angeht und auch hinsichtlich der Fokussierung auf das Krimigenre. The Batman erweckt Streckenwiese den Eindruck, als könnte der Film auch in einem Arthouse Kino seinen Platz finden.

    Zu Beginn tauchen wir in die Gedankenwelt von Bruce Wayne ein. Er ist hier nicht der Playboy, der sich auf Empfängen mit schönen Frauen umgibt. Frauen kommen in diesem Männerfilm mit einer Ausnahme überhaupt nicht vor. Robert Pattinson wirkt in seiner Rolle um einige Jahre jünger als seine Vorgänger, obwohl er tatsächlich nicht der Jüngste von ihnen ist. Das war Christian Bale in Batman Begins. Es ist aber ein gänzlich anderer Bruce Wayne, mit gesenkten Kopf, Haarsträhnen im Gesicht und stets finsterer Miene, den wir hier kennenlernen. Die Rolle des desillusionierten Rächers ist Pattinson auf den Leib geschnitten. Im Kostüm macht Pattinson eine erstaunlich gute Figur (Der Anzug ist hier weniger Hightech Apparat als selbstgebaute Verkleidung).

    Selina Kyle ist die einzige Frau in The Batman und obwohl sie als Catwoman sehr wohl eine eigene Agenda verfolgt, ist sie am Ende doch nicht mehr als ein Anhängsel – zumindest in ihrem ersten Auftritt. Enttäuschend, obwohl die beiden ein interessantes Duo abgeben (sowie die Chemie zwischen allen Charakteren durchwegs stimmig ist). Andy Serkis, der sich unter anderem in Matt Reeves` zwei Planet der Affen Filmen als Bewegungsmodell einen Namen gemacht hat, zeigt als Alfred all jenen, die es noch immer nicht mitbekommen haben, was für toller Schauspieler er ist. Colin Farrell steckt als Pinguin in einer Fatsuit. Selbst wenn man es weiß, erkennt man ihn nicht. Paul Dano glänzt neuerlich in der Rolle eines Psychopathen.

    Bemerkenswert ist der Soundtrack von Michael Giacchino. Die Musik ist allgegenwärtig und verstärkt die Atmosphäre Gotham Citys. Sie ist mysteriös und unheimlich und lohnt sich auch zum Nachhören. Den musikalischen Rahmen erhält The Batman aber schon wie im Trailer durch Nirvanas Something In The Way, das erfreulicherweise Eingang in den Film gefunden hat.

    Bei allen visuellen Vorzügen ist The Batman eine zähe Angelegenheit. Die Spiellänge ist in erster Linie wohl drauf zurückzuführen, dass Matt Reeves es sich einfach leisten darf. Die Story braucht die Zeit jedenfalls nicht. Für einen richtigen Krimi fehlt es an Substanz. Vielleicht muss man gar froh sein, dass nicht gleich zwei Filme daraus wurden. Gerade im finalen Akt holt der Film aber noch einmal kräftig aus, wenn eine Trollarmee Gotham City ins Chaos stürzt. Was wäre, wenn die kommentareschreibenden Wutbürger ernst machen würden und zu den Waffen greifen? Der Sturm auf das Kapitol in Washington 2021 hat es angedeutet. Gotham City erlebt es.

    Batman ist in einem ewigen Kreislauf gefangen, in dem das Böse immer wiederkehrt, wie eine der letzten Szenen bereits andeutet. Für Freunde des dunklen Rächers ist The Batman in jeden Fall sehenswert. Für einen Neustart ist das aber dann doch zu wenig. Warner Bros. quetscht das geistige Eigentum aus. Es ist wie bei einer angetrockneten Zitrone. Der Saft mag aromatisch sein aber viel bekommt man aus ihr nicht mehr heraus.


    THE BATMAN
    Comicverfilmung, USA 2021

    Regie Matt Reeves
    Drehbuch Matt Reeves, Peter Craig
    Kamera Greig Fraiser
    Schnitt William Hey, Tyler Nelson
    Musik Michael Giacchino
    Mit Robert Pattinson, Zoë Kravitz, John Turturro, Paul Dano, Jeffery Wright, Colin Farrell, Andy Serkis, Peter Saarsgard
    Länge 176 Min.
    Im Kino


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  • GET BACK – Die großen Musikdokus 2021

    GET BACK – Die großen Musikdokus 2021

    Wenn die Oscars irgendwie die Spitze des Eisbergs sind, dann kann man anhand der heurigen Nominierten erahnen, dass es nicht das stärkste Filmjahr gewesen ist. Da ist diesmal deutlich mehr als ein lucky-to-be-there Kandidat dabei. Dafür ist das Jahr 2021 an einer ganz anderen Front aufgefallen. Das zweite Jahr der Pandemie hat uns eine Fülle an großartigen Musikdokus beschert. Es finden sich große Namen vor und hinter der Kamera. Nahezu sämtliche Filme sind über Streamingdienste verfügbar.

    Bereits vor einen Jahr wurde Billie Eilish: The World’s a little blurry (AppleTV+) veröffentlicht. Die Dokumentation gibt spannende Einblicke in das Leben des jungen Popstars. Mehr dazu hier. Billie Eilish ist in dieser Auflistung insofern die Ausnahme, weil alle anderen Filme gleich mehrere Jahrzehnte zurückblicken.

    The Beatles in den Abbey Road Studios (The Beatles: Get Back)

    Auf wenige Tage im Jänner 1969 konzentriert sich The Beatles: Get Back (Disney+) von Peter Jackson. In drei Teilen und sage und schreibe 468 Minuten sehen wir die vier Musiker bei der Arbeit. Wie schon bei Jacksons They Shall not grow old (2018, AppleTV+, gegen Gebühr) verbirgt sich hinter der Dokumentation eine technische Meisterleistung. Neuerlich wurde das Filmmaterial digitalisiert, verfeinert, koloriert und in 4K-Qualität umgewandelt. Noch nie waren die Beatles scheinbar so zum Greifen nahe. Es ist ein intimes Zeitdokument, dass die Gruppe der Nachwelt hinterlassen hat. Die Beatles befanden sich bereits in einer Krise, die sie nicht mehr überwinden konnten. Paul McCartney versuchte die Band noch einmal zu einem Liveauftritt, dem ersten seit August 1966, zu bewegen, was die anderen Mitglieder anfangs ablehnten. Der Film zeigt die Probenarbeit zu ihrem letzten Album Let it Be, die mit ihrem letzten Liveauftritt, dem Rooftop-Konzert auf dem Dach des Abbey Road Studios, ihr Ende fanden.

    Dazwischen liegen drei Wochen, in denen ständig die Kameras und Mikrofone auf die Band gerichtet waren. Albernheiten, Spannungen und geniale Improvisationen machen diese Stunden zu einem wahren Genuss für Musikliebhaber. Die Bild- und Tonqualität ist so überwältigend, dass man fast ein Eindruck erhält, mit ihnen im Studio zu sitzen. In einer Sequenz improvisiert McCartney auf der Gitarre und man ist hautnah dabei, wie er sich in wenigen Minuten an die Melodie von Get Back herantastet. Klar zu spüren ist die Dominanz von Lennon und McCartney gegenüber den anderen beiden Bandmitgliedern. George Harrisons Versuche, sich mehr einzubringen, werden schnell im Keim erstickt. Das führt zu dem dramatischen Höhepunkt der Dokumentation, als Harrison nämlich beschließt, die Band zu verlassen. Erst realisieren es die anderen nicht so recht, doch spätestens am nächsten Morgen kommt die Ernüchterung. Es ist der Moment, als eine der größten Bands des 20. Jahrhunderts kurz vor dem Aus steht. Die knapp acht Stunden von The Beatles: Get Back sollte man sich nicht nur als Beatles Fan nicht entgehen lassen. Sie verraten auch, mit welchen gruppendynamischen Prozessen Bands zu kämpfen haben.

    Paul McCartney und Rick Rubin in McCartney 3,2,1

    Mehr als ein halbes Jahrhundert später steht Paul McCartney mit Rick Rubin im Tonstudio und hört sich die Bänder der Originalaufnahmen der Beatles an. In McCartney 3,2,1 (Disney+) erfahren wir, wie einzelnen Passagen entstanden sind und woher so mancher Titel stammt. Die Melodie von Hey Jude beispielsweise kam ihm im Schlaf. Es ist fast ein Wunder, dass sie überhaupt erhalten blieb. Aufnahmegerät war damals natürlich so schnellt keines zur Stelle. Zumal sich McCartney nicht sicher war, ob er da überhaupt nur eine fremde Melodie aus seiner Erinnerung abgerufen hatte. Es ist jedenfalls erstaunlich, mit welch Begeisterung er sich seine alten Kompositionen auch heute noch anhören kann und Anekdoten darüber erzählt. Rick Rubin, der bloßfüßige Rübezahl, hört nicht weniger gespannt zu als wir selbst.

    The Sparks Brothers, Edgar Wright 2021

    Zwei namhafte Regisseure haben sich zwei weiteren legendären Bands angenommen. Edgar White gibt in The Sparks Brothers („When do i get to sing „My Way““) einen pointierten Überblick über die Karriere der Sparks. Die Brüder Ron und Russell Mael sind seit Anfang der 1970er bekannt für ihre exzentrischen Auftritte und ihren experimentellen Sound. Trotzdem sie sich immer gegen alle Konventionen stellten, ist die Band seit Jahrzehnten erfolgreich und gerade deswegen auch Inspiration für zahlreiche Musiker ab den 1980er Jahren. Von den Sparks ist zudem der Soundtrack von Leo Carax‘ Annette. Die Dokumentation gibt es zur Zeit auf diversen Plattformen zum Ausleihen.

    The Velvet Underground von Todd Haynes

    Todd Haynes‘ The Velvet Underground (AppleTV+) behandelt die Phase von der Gründung bis zu dem Moment, als Lou Reed die Band verlässt. Die Bandmitglieder John Cale und Maureen Tucker kommen zu Wort. Der Film erfasst die Band als Phänomen ihrer Zeit und weniger als klassische Rockband. The Velvet Underground war nicht zuletzt wegen des Produzenten Andy Warhol stark im Umfeld der Factory verankert. Ihr Einfluss auf kommende Musiker war enorm. Haynes verwendet über weite Strecken Splitscreens und so erhält man den Eindruck einer Collage. Durch den eigenwilligen Stil gelingt es den experimentellen Charakter der Band einzufangen. Ein Film nicht nur über Musik, sondern über Kunst an sich. Man bekommt sofort Lust wieder The Velvet Underground zu hören.

    NINA SIMONE auf dem Harlem Cultural Festival im Jahr 1969.

    Eines der großen Ereignisse des vergangenen Jahres ist Summer of Soul (…Or, When the Revolution Could Not Be Televised) (Disney+). Der Dokumentarfilm von Questlove (The Roots) zeigt bisher unveröffentlichtes Filmmaterial des Harlem Cultural Festival. Es fand im Sommer 1969 an sechs Sonntagen im Mount Morris Park in New York City statt. Während das zur gleichen Zeit nicht weit entfernt stattfindende Woodstock Festival einen hohen Bekanntheitsgrad errang, war bis jetzt über diese Konzertserie, der rund 300.000 Menschen beiwohnten, kaum etwas bekannt. Das lag daran, dass damals kein Interesse an einer Veröffentlichung der vielen Stunden Filmmaterial bestand und ist damit, dass sich die Veranstaltung explizit an schwarze AmerikanerInnen richtete. Wir der Titel verrät, wurde das Konzert, bis auf einige wenige Ausschnitte nie ausgestrahlt. Dabei traten KünstlerInnen wie Nina Simone, Stevie Wonder, B. B. King, The Fifth Dimension und viele mehr auf. Das Festival war ein starkes Lebenszeichen der schwarzen Bevölkerung, die noch unter dem Schock der Ermordung von Martin Luther King und deren Folgen standen. Summer of Soul ist sowohl ein musikalisches als auch gesellschaftspolitisches Zeitdokument.



    Billie Eilish: The World’s a little blurry
    Dokumentation, USA 2021

    Regie
     R. J. Cutler
    Drehbuch R. J. Cutler
    Schnitt Lindsey Utz
    Musik Billie Eilish, Finneas O’Connell
    Mit Billie Eilish, Finneas O’Connell 
    Länge 140 Min.
    Streamingplattform Apple TV+

    The Beatles: Get Back
    Dokumentation, UK/NZ/USA 2021

    Regie Peter Jackson
    Kamera Ben Davis
    Schnitt Jabez Ollsen
    Länge 468 Min.
    Streamingplattform Apple TV+

    Paul McCartney 3,2,1
    Dokumentation USA 2021

    Regie Zachary Heinzerling
    Kamera Stuart Winecoff
    Länge 6 Episoden, je ca. 30 Min.
    Streamingplattform Disney+

    The Sparks Brothers
    Dokumentation, USA UK/USA 2021

    Regie Edgar Wright
    Kamera Jake Polonsky
    Schnitt Paul Trewartha
    Länge 140 Min.
    Auf diversen Plattformen zum Leihen verfügbar

    The Velvet Underground
    Dokumentation, USA 2021

    Regie Todd Haynes
    Kamera Edward Lachman
    Schnitt Affonso Goncalves, Adam Kurnitz
    Länge 110 Min.
    Streamingplattform Apple TV+

    Summer of Soul (…Or, When the Revolution Could Not Be Televised)
    Dokumentation, USA 2021

    Regie Ahmir „Questlove“ Thompson
    Kamera Shawn Peters
    Schnitt Joshua L. Pearson
    Mit Nina Simone, BB King, Mahalia Jackson, Stevie Wonder, The 5th Dimension, uvm.
    Länge 117 Min.
    Streamingplattform
    Disney+


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  • LICORICE PIZZA ★★★½

    LICORICE PIZZA ★★★½

    Im Kino

    Für viele ist es ein langersehnter Höhepunkt nach einem Jahr, in dem die Pandemie mit voller Wucht im Filmgeschäft zugeschlagen hat. Der Autodidakt Paul Thomas Anderson (Der Seidene Faden) gilt als einer der großen Regisseure des zeitgenössischen Hollywood. Seine Detailverliebtheit und sein Perfektionismus kommen ihm gerade in seinen Historienfilmen zugute. Im 1973 im San Fernando Valley spielenden Licorice Pizza verläßt er sich voll und ganz auf zwei Newcomer: Alana Haim und Cooper Hoffman.

    Darum geht es

    Im kalifornischen San Fernando Valley des Jahres 1973 entwickelt sich zwischen Mittzwanzigerin Alana Kane (Alana Haim) und Teenager Gary Valentine (Cooper Hoffman) eine ungewöhnliche Freundschaft. Doch inmitten des alltäglichen Trubels aus Gelegenheitsjobs und Schauspielkarriere, Freunden und Politik entstehen mit der Zeit auch intensivere Gefühle. (UIP)

    Cooper Hoffman und Alana Haim

    Kommentar

    Es verhält sich ähnlich wie bei Quentin Tarantinos Once upon a time in … Hollywood. Seine Hommage an Hollywood spielt nur wenige Jahre früher und ist ebenso als Liebeserklärung an jene Zeit zu verstehen, wie nun Paul Thomas Andersons Licorice Pizza. Bei Tarantino war es hilfreich, etwas über die historischen Zusammenhänge und seine Figuren zu wissen. Zumindest hatte man dann mehr Spaß am Film. Während es bei Tarantino allerdings recht schnell nachzulesen war, ist das bei Anderson eigentlich unmöglich. Außer man liest sich durch die zahlreichen Filmbesprechungen.

    Im ersten Moment macht das aber nichts, denn hier geht es vor allem um die wie wunderbaren Hauptdarsteller, die beide ihr Debüt geben. Alana Haim, eine von drei Schwestern, bekannt durch die gleichnamige Band und Cooper Hoffman, der 19-jährige Sohn von Philip Seymour Hoffman. Die Natürlichkeit mit der die Beiden spielen ist überwältigend, fast wie zufällig von der Kamera eingefangen. Die scheinbare Unmöglichkeit der Beziehung mit dem großen Altersunterschied wird durch die Leichtigkeit des Filmes aufgefangen. Und außerdem: im Kino ist alles möglich. Es ist Haim und Hoffman zu verdanken, dass wir es ihnen abnehmen.

    Natürlich muss man nicht wissen, was es mit dem Titel auf sich hat. Auch nicht, welchen verrückten Typen Bradley Copper verkörpert oder wem Sean Penns Rolle nachempfunden ist. Selbst die Hauptfigur ist an ein reales Vorbild angelehnt. Wasserbetten, wie? John C. Reilly nicht entdeckt? Geschenkt. Die Aufzählung ließe sich nahezu endlos fortsetzen. Anderson verläßt sich in seiner Geschichte voll auf die Hauptdarsteller, die tolle Ausstattung und die Kostüme. Licorice Pizza ist ein optischer Genuss.

    Einerseits hält sich Anderson nicht mit Details auf (wie bei der Figur von Bradley Cooper, der immerhin für einen sehr komischen Auftritt sorgt), dann räumt er aber einer Figur wir dem zukünftigen Stadtrat Joel Wachs (Bennie Safdie) viel Raum ein, sodass man auch ohne tieferes Wissen weiß, worum es geht. Das hat freilich damit zu tun, dass Alana bei ihm im Wahlkampf anheuert. Sonst mäandert der Film leichtfüßig von Episode zu Episode. Der Regisseur schwelgt in Nostalgie. Es ist richtiggehende eine Zeitreise, die gut unterhält. Vor allem, wenn John Michael Higgins als Betreiber eines japanischen Restaurants, der Fremdsprache nicht mächtig, sie seiner japanischen Geliebten gegenüber nur mit einem Akzent imitiert. Zum Schreien komisch.

    Es ist nur schade, dass die zahlreichen Verweise an diese Zeit untergehen. Das mag für den ein oder anderen Filmnerd spannend sein aber für einen Großteil des Publikums bleiben sie verborgen. Am Ende bleiben vor allem die zwei Neuentdeckungen Alana Haim und Cooper Hoffman, die den Film so sehenswert machen. Ansonsten plätschert der Film über zwei Stunden so vor sich hin.

    Licorice Pizza
    Drama, USA 2021

    Regie Paul Thomas Anderson
    Drehbuch Paul Thomas Anderson
    Kamera Michael Bauman, Paul Thomas Anderson
    Schnitt Andy Jurgensen
    Musik Jonny Greenwood
    Mit Alana Haim, Cooper Hoffman, Bennie Safdie, Sean Penn, Bradley Cooper
    Länge 133 Min.


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  • NIGHTMARE ALLEY ★★★½

    NIGHTMARE ALLEY ★★★½

    Verfügbar bei

    Im Abo

    Vier Jahre nach Guillermo del Toros größtem Triumph The Shape of Water kehrt der Regisseur mit dem Thriller Nightmare Alley in die Kinos zurück. Ein großartiges Ensemble, allen voran Bradley Cooper und Cate Blanchett, führt uns in die Welt der schaurigen Jahrmärkte der ausgehende 1930 Jahre. Zumindest in der ersten Stunde. Dann geht der Film andere Wege. Del Toro bedient sich vor allem mit seinen Charakteren beim Film noir. Wer die zweieinhalb Stunden durchhält (im Kino stellt sich diese Frage wohl weniger, ab März läuft der Film bei Disney+), wird in der letzten Minute mit einem Ende überrascht, das unter die Haut geht.

    Darum geht es

    Stanton „Stan“ Carlisle (Bradley Cooper) möchte seine Vergangenheit hinter sich lassen und schließt sich einem fahrenden Jahrmarkt an. Clem (Willem Defoe), der Besitzer eines Geeks, gibt ihm vorerst als Helfer Arbeit. Stans Interesse gilt aber bald Zeena (Toni Collette) und Peter (David Strathaim), die auf dem Jahrmarkt mit Wahrsagerei ihr Geld verdienen. Er eignet sich ihre Tricks an und entpuppt sich bald als Unterhaltungstalent. Molly (Rooney Mara), die sich in ihrem Auftritt immer wieder unter Strom setzen läßt, macht er schöne Augen. Stan überzeugt Molly, ihr Glück zu zweit abseits des Jahrmarkts zu versuchen.

    Nach einem Zeitsprung von zwei Jahren sieht man die beiden in vornehmerer Umgebung New Yorks als Wahrsager-Duo. Bei einem Auftritt lernen sie die Psychologin Dr. Ritter (Cate Blanchett) kennen. Sie ist sich bewusst, dass die beiden Betrüger sind. Da Dr. Ritter aber intime Tonbandaufnahmen der New Yorker High Society hat, wittert sie eine Geschäftsidee. Molly wendet sich wenig begeistert ab aber Stan lässt sich auf ein gefährliches Spiel ein.

    Die Sets von Nightmare Alley sind richtige Kunstwerke (Hier Cate Blanchett und Bradley Cooper in der Praxis von Dr. Ritter).

    Kommentar

    Es ist die zweite Verfilmung des gleichnamigen Romans von William Lindsay Gresham aus dem Jahr 1946. Die Erstverfilmung ist bei uns unter dem Namen Der Scharlatan (Edmund Goulding, 1947. Mit Tyrone Power) bekannt und zur Zeit leider auf keiner Streamingplattform verfügbar. Der deutsche Titel verrät weit mehr darüber, womit wir es hier zu tun haben. Guillermo del Toro hat ein paar entscheidende inhaltliche Veränderungen vorgenommen und hält sich mehr an die Romanvorlage. Damalige Veränderungen waren wohl der Selbstzensur geschuldet. Es ist vor allem die letzte Szene, die noch lange in Erinnerung bleiben wird und ein regelrechtes Kopfkino in uns zum Laufen bringt.

    Nightmare Alley spielt genau zum Beginn der Hochblüte des Film noir. In der visuellen Umsetzung orientiert sich del Toro allerdings weniger an den legendären Vorbildern. Es sind vielmehr die Thematik und die Figuren, die typisch für dieses Genre sind. Wir tauchen ein in eine Welt von Betrug und Mord. Die Protagonisten sind prototypische Antihelden, moralisch fragwürdige, gescheiterte Charaktere. Cate Blanchett gibt in ihrer grandiosen Darstellung die Femme fatale. Die typische Kameraführung und auch die harten schwarzweiß Kontraste gibt es hier nicht (Wobei unter dem Titel Nightmare Alley: Vision in Darkness and Light eine schwarzweiß Version veröffentlicht wurde.)

    Besonders im Gedächtnis bleibt die erste Stunde auf dem Jahrmarkt. Man spürt den Moder und die Feuchtigkeit, glaubt die Alkoholfahnen riechen zu können. Del Toro und seine Setdesigner schaffen ein sehr immersives Erlebnis. Der Jahrmarkt ist nicht superartifiziell und nicht (vielleicht nur auf den ersten Blick) perfekt designt wie der Look von The Shape of Water, sondern erdiger und schmutziger. Die Aussenseiter und gescheiterten Figuren schaffen eine Unbehaglichkeit, die einem Kuriositätenkabinett gerecht werden, das vor dem Schlimmsten nicht zurückschreckt. Leider werden fast alle Charaktere in der Mitte des Filmes fallengelassen. Der Jahrmarkt weicht einer Art Deco Kulisse.

    Im Zentrum des Jahrmarktes steht ein Geek. Geistig beeinträchtigte und gebrochene Menschen in Käfigen bissen vor Publikum Tieren den Kopf ab und wurden als Wilde vermarktet. Meist waren es Landstreicher, die gegen Kost und Logis ein elendes Dasein fristeten. Durch Opium wurden sie gehörig gemacht und am Ende wie Müll entsorgt. Es zählte allein die Sensationsgier der Menschen, die für ein paar Cent einen Blick auf ein Stück Elend werfen konnten.

    Del Toros Detailverliebtheit spürt man an allen Ecken und Enden. Bradley Coopers Charisma hat auf uns die selbe Wirkung wie auf jene, die im Film seinen Täuschungen unterliegen. Willem Dafoe ist in seinem Element und hat sichtlich Freude daran, mit seinem Charakter in menschliche Abgründe abzutauchen. David Strathaim bleibt uns nach Nomadland neuerlich mit einer kleinen feinen Rolle im Gedächtnis. Rooney Maras Molly ist zwar die einzige Figur, die wir neben Stan fast den gesamten Film hindurch begleiten. Im zweiten Teil ist sie aber kaum mehr als Beiwerk.

    Nightmare Alley lässt sich sehr viel Zeit für die Entwicklung der Charaktere. Nach einer starken Einführung in den Jahrmarkt gelingt es aber kaum, die Spannung für eine so lange Zeit zu halten. Da fällt vor allem der Antiheld als Protagonist ins Gewicht, genauso wie die artifizielle Ästhetik in der zweiten Hälfte. Keine Frage aber, der Film ist eine technisch starke Arbeit mit großartigen Darstellern und einer unvorhersehbaren Handlung, die es verdient gesehen zu werden.

    Jetzt im Kino und ab März bei Disney+


    Nightmare Alley
    Drama, USA 2021

    Regie Guillermo del Toro
    Drehbuch Guillermo del Toro, Kim Morgan
    Kamera Dan Laustsen
    Schnitt Cam McLauchlin
    Musik Nathan Johnson
    Mit Bradley Cooper, Rooney Mara, Willem Dafoe, Cate Blanchett, Toni Collette, David Strathaim, Richard Jenkins, Ron Perlman
    Länge
    150 Min.


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  • SPENCER ★★★★½

    SPENCER ★★★★½

    Im Kino

    Die Prinzessin zusammengekauert, ihr Gesicht vergraben im opulenten Hochzeitskleid. Das Plakat zu Pablo Larraíns Film Spencer gehört zu den schönsten der jüngsten Vergangenheit. Man kann vom britischen Königshaus halten was man möchte. Es zahlt sich diesmal wirklich aus, sich nicht genervt abzuwenden. Larraín ist hier Großes gelungen. Nicht nur seine Hauptdarstellerin Kristen Stewart lockt uns ins Kino. Das tragische Leben von Prinzessin Diana wird auf geniale Art und Weise auf wenige Stunden verdichtet. Erschütternd gut.

    Darum geht es

    Es ist der Weihnachtsabend 1991 und Prinzessin Diana (Kristen Stewart) ist auf dem Weg zum Schloss Sandringham in Norfolk im Osten Englands. Dort sollen die Weihnachtsfeierlichkeiten mit der Familie stattfinden. Diana kommt spät. Zieht sich gleich zurück. Sie meidet den Kontakt zu den anderen. Einzig ihre Zofe Maggie (Sally Hawkins) ist für sie eine Vertrauensperson. Das Verhältnis zu Charles ist mehr als angespannt. Seine Affäre ist Diana längst bekannt. Es sind die letzten Tage eines Märchens, das nie eines war.

    Kristen Stewart als Prinzessin Diana

    Kommentar

    Pablo Larraín siedelt seine Geschichte wenige Monate vor dem Ende der Ehe von Charles und Diana an. Er spekuliert darüber, wie es wohl beim letzten gemeinsamen Weihnachten zugegangen sein mag. Dabei bedient er sich eines dramaturgischen Kniffes und konzentriert sich auf die intimen Momente mit Diana und 2-3 ihrer Bezugspersonen. Die Zusammentreffen mit dem Rest der Familie werden weitestgehend ausgespart.

    Die erdrückende Atmosphäre im nicht nur zwischenmenschlich kalten Schloss ist unverkennbar Spiegel Dianas eigener Empfindungen. Gefangen in einem Luxuskäfig, wird sich das Mitleid in Grenzen halten. Allerdings gelingt es Larraín und Stewart die menschliche Ebene derart glaubwürdig zu vermitteln, dass man sehr wohl Mitgefühl empfinden kann.

    Immer wieder, nicht nur in der famosen Eröffnungssequenz, verweist der Film auf Absurditäten, die den königlichen Alltag begleiten. Es sind Details, deren Ziel es aber nicht ist, die Lebensweise lächerlich zu machen. Es zeigt vielmehr, dass man so einfach nicht leben kann und das dieses Umfeld nichts anderes als Psychoterror ist. Privatsphäre gibt es nicht. Über jede Kleinigkeit bestimmt das Protokoll.

    Der Soundtrack von Jonny Greenwood gehört zu den besten des Jahres: jazzig, klassisch, experimentell und bedrohlich. Neben der großartig spielenden Kristen Stewart sind Sally Hawkins als Zofe, Sean Harris, als einfühlsamer Küchenchef und Timothy Spall als inoffizieller Aufpasser zu sehen.

    Spencer ist ein atmosphärisch dichtes Biopic geworden, dass sich auf wenige Tage fokussiert und dabei doch soviel über seine Protagonistin preis gibt. Einer der sehenswerteren Filme des vergangenen Jahres.

    Gesehen während der Viennale 2021.

    Spencer
    Drama, D/GB/USA/CHIL/2021

    Regie Pablo Larraín
    Drehbuch Stephen Knight
    Kamera Claire Mathon
    Schnitt Sebastián Sepúlveda
    Musik Jonny Greenwood
    Mit Kristen Stewart, Jack Farthing, Sally Hawkins, Sean Harris, Timothy Spall
    Länge
    117 Min.


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  • HOUSE OF GUCCI ★★★½

    HOUSE OF GUCCI ★★★½

    Im Kino

    Wer kennt sie nicht: die Gucci Handtasche. Auch in einer Ganzkörpervariante erhältlich, darf sie in keinem modebewussten Haushalt fehlen. Dazu am besten ein Sweater mit dem Gucci Schriftzug auf der Brust und die dazu passenden Schuhe mit dem Firmenlogo, auch dort so groß, dass man sich erst gar nicht Richtung Asphalt beugen muss, um es lesen zu können. Original muss nicht sein, es reichen Replika. Etwas in Vergessenheit geraten ist die spektakuläre Familiengesichte der Guccis und warum eigentlich schon lange keines der Familienmitglieder mehr im Unternehmen tätig ist. Ridley Scotts House of Gucci erzählt davon. Lady Gaga glänzt in ihrer zweiten Hauptrolle.

    Darum geht es

    Auf einer Party lernt Patrizia Reggiani (Lady Gaga) zufällig Maurizio Gucci (Adam Driver) kennen. Sie macht sich sogleich zielstrehbig daran, mit ihm ein Verhältnis zu beginnen. Sehr zum Missfallen von Rodolfo Gucci (Jeremy Irons), für den Patrizia nicht standesgemäß ist und der mit Aldo Gucci (Al Pacino) das Firmenimperium leitet. Während Maurizio angehender Rechtsanwalt ist, wird Paolo (Jared Leto), der exzentrische Sohn Aldos, von niemandem ernst genommen.

    Maurizio setzt sich über den Willen seines Vater hinweg und heiratet Patrizia. Rodolfo bricht alle Beziehungen ab. Aldo sieht in Maurizio den einzigen legitimen Erben und bemüht ich darum, den Familienfrieden wieder herzustellen.

    Nachdem Maurizio eine alte Beziehung zu einer Jugendfreundin (Camille Cottin) wieder aufnimmt, trennt er sich von Patrizia. Während in der Firma kein Stein auf dem anderen bleibt, plant Patrizia aus Rache ein Mordkomplott gegen ihren ehemaligen Ehemann.

    Patrizia (Lady Gaga) ist der Umgang ihres Mannes Maurizio (Adam Driver) mit dem Firmenimperium gar nicht recht.

    Kommentar

    Viel musste Sara Gay Forden in ihrem 2001 erschienen und dem Film zugrundeliegenden Roman The House of Gucci: A Sensational Story of Murder, Madness, Glamour, and Greed nicht dazuerfinden. Die Familie Gucci lieferte eine Vorlage, die einer Seifenoper entsprungen sein könnte. Dem dramatischen Ende im Jahr 1995 ging mehr als ein Jahrzehnt ein Spiel aus Macht, Gier, Eitelkeiten und allerhand Verrücktheiten voran. Ganz so genau nimmt es Ridley Scott in House of Gucci mit historischen Details aber nicht. Das verstellt aber nicht den Blick auf eine unglaubliche Geschichte und interessante Persönlichkeiten.

    „Father, Son and House of Gucci„

    Patrizia Reggiani bekundet Verschwiegenheit

    Rein optisch gibt der Film ordentlich was her (Kostüme von Oscar-Preisträgerin Janti Yates). Scotts visueller Stil ist schon sehr Gucci. Stilsicher in den 1980er Jahren verankert (auch musikalisch). Aus heutiger Sicht also immer an der Kippe zur Geschmacklosigkeit. Aber hat sich Scott zu sehr auf das reale Vorbild verlassen? Auf der Leinwand kommt das Ganze zwar sehr wohl kurzweilig daher aber ist doch frei von emotionalen Höhepunkten. House of Gucci ist etwas verloren im Schwebezustand zwischen Kriminalfilm und Familiensaga. Wäre da nicht Lady Gaga, die nach A Star Is Born ein zweites Mal ausserordentlich überzeugend spielt und den Film fest im Griff hat. Ihre Leinwandpräsenz ist unglaublich.

    Für einen Kriminalfilm fehlt es aber an Spannung und eine Familiensaga verlangt nach mehr Dramatik. Da nutzt es nichts, dass die Geschichte auf wahren Begebenheiten beruht. Unterhaltung folgt dann doch anderen Gesetzmäßigkeiten als die Realität es tut. Zu den restlichen schauspielerischen Leistungen gibt es geteilte Meinungen. Al Pacino und Jeremy Irons werden richtiggehend verbraten. Jared Leto ist bis zur Unkenntlichkeit geschminkt und spricht mit hoher dünner Stimme. Das wirkt unfreiwillig komisch. Adam Driver steht im Schatten von Lady Gaga. Da nützt der perfekt sitzende Anzug nichts. Wegen ihr allein wird man sich an House of Gucci zurückerinnern.

    House of Gucci
    Drama, USA 2021

    Regie Ridley Scott
    Drehbuch Robert Bentivegna, Becky Johnson
    Kamera Dariusz Wolski
    Schnitt Claire Simpson
    Musik Harry Gregson-Williams
    Mit Lady Gaga, Adam Driver, Jared Leto, Al Pacino, Jeremy Irons, Salma Hayek
    Länge 158 Min.


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  • DIE HAND GOTTES ★★★½

    DIE HAND GOTTES ★★★½

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    Italien ist für uns alle ein Sehnsuchtsort. Die Italiener mögen wir. Mit Einschränkungen. Die meisten anderen Menschen aus dem Süden bekanntlich eher nicht. Die Sprache. Das Meer. Das Essen. Das Temperament. Den Fußball. Und die Filme. Paolo Sorrentino blickt in der autobiographische Tragikomödie Die Hand Gottes auf seine eigene Jugend in Neapel zurück. Dabei nimmt er Bezug auf das italienische Kino der damaligen Zeit, ganz ohne nostalgische Verklärung. Für den Regisseur ist es laut eigenen Aussagen sein bisher persönlichster und intimster Film. Daher gilt er für viele als sein bisher persönlichster Film. Ein außerordentlich Unterhaltsamer ist er in jedem Fall. Bei den Filmfestspielen von Venedig gewann Sorrentino den Silbernen Löwen (Großer Preis der Jury). 

    Darum geht es

    Neapel in den 1980er Jahren. Fabietto (Filippo Scotti) steht als jüngstes von drei Geschwistern inmitten seiner exzentrischen Großfamilie etwas auf verlorenem Posten. Der Vater (Toni Servillo) ist Bankdirektor, die Mutter (Teresa Saponangelo) Hausfrau. Die Schwester verbringt die meiste Zeit im Bad. Man bekommt sie kaum zu Gesicht. Mit dem Bruder (Marlon Joubert) teilt er sich ein Zimmer und geht einmal mit ihm zu einem Casting für Fellinis nächsten Film. Zu Tante Patrizia (Luisa Ranieri) fühlen sich alle Männer hingezogen. Auch jene in der Familie.

    Bekanntschaften mit einem Filmregisseur und einem Schmuggler eröffnen Fabietto, der kurz vor dem Studium steht, neue Horizonte. Als Diego Maradona vom SSC Neapel verpflichtet wird, bekommt er als großer Fan des Vereins von seinem Vater eine Dauerkarte geschenkt. Es sollte sich als schicksalhaftes Geschenk herausstellen, das sein Leben verändern wird.

    Ulrich Seidl läßt grüßen (Filippo Scotti, Teresa Saponangelo, Marlon Joubert und Toni Servillo. Foto von Gianni Fiorito).

    Kommentar

    Auch wenn uns Paolo Sorrentino seine eigene Vergangenheit auf eine witzige und äußerst skurrile Art und Weise näher bringt, ist es für sein Alter Ego Fabietto doch eine traumatische Jugendzeit. Pubertären Verwirrungen und der Leidenschaft zum Fußball, die ihren Höhepunkt in der Verpflichtung von Diego Maradona in der Saison 1984/85 erreichte, sind das eine. Für die Menschen in Neapel war damit die Hoffnung verbunden im Fußball mit dem reichen Norden mithalten zu können. Zwei Jahre später konnte der SSC Neapel dann tatsächlich seinen ersten Meistertitel feiern.

    Auf der anderen Seite ist da die Orientierungslosigkeit. Theater und Film üben bereits eine gewisse Faszination auf ihn aus. Fabietto stellt sich der Frage, ob dafür Neapel nicht der falsch Platz ist. Die Hauptstadt lockt. Trotzdem dreht Federico Fellini gerade in Neapel und der Regisseur Antonio Capuano imponiert Fabietto mit seiner fast schon aggressiven Art und Weise, Kunst und Künstler herauszufordern. Er meint, die Geschichten liegen vor uns. Dafür muss man nicht nach Rom reisen.

    In der ersten Hälfte bekommt die Familie den größten Raum. Hinter all den Übertreibungen kann man den wahren Kern der Figuren erahnen: die Späße der Mutter und ihr liebevolles aber auch angespanntes Verhältnis zum Vater, die exzentrische Großmutter oder die attraktive kinderlose Tante Patrizia. Dann aber kommt der Schicksalsschlag und der Film schlägt eine andere Richtung ein. Fabietto muss auf einemmal schneller erwachsen werden. Große Lebensentscheidungen stehen unmittelbar bevor. Der Humor tritt in den Hintergrund.

    Sorrentino Hang zu Skurrilitäten, wie in der grandiosen Eröffnungssequenz (Wer kann da schon erahnen, mit was für einem Film man es zu tun hat. Bei der Viennale herrschte Stille im vollen Saal. Interessant zu sehen, wenn das Publikum einen Film nicht gleich einordnen kann), bereitet großen Spaß. Er verdichtet eine coming-of-age Geschichte auf einen sehr kurzen Zeitraum, genau rund um ein einschneidendes Ereignis, dass für ihn sein ganzes Leben verändert hat. Allerdings findet er zu keinem Schluss. Ein oder zwei Mal glaubt man ihn zu erahnen aber der Film breitet sich auf einer Länge von 130 Minuten aus. Zumal der Film da schon einiges vom anfänglichen Esprit eingebüßt hat.

    Die Hand Gottes (OT: È stata la mano di Dio)
    Tragikomödie, IT 2021

    Regie Paolo Sorrentino
    Drehbuch Paolo Sorrentino
    Kamera Daria D’Antonio
    Schnitt Cristiano Travaglioli
    Musik Lele Marchitelli
    Mit Filippo Scotti, Toni Servillo, Teresa Soponangelo, Marlon Jaubert, uvva.
    Länge 130 Min.
    Streamingplattform
    Netflix


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  • FRAU IM DUNKELN ★★★★★

    FRAU IM DUNKELN ★★★★★

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    Man könnte meinen, in unserer aufgeklärten Gesellschaft gäbe es keine Tabus mehr. Maggie Gyllenhaal belehrt uns in ihrem Regiedebüt eines besseren. Worum es in der Romanverfilmung Frau im Dunkeln – im Original The Lost Daughter – eigentlich geht, bleibt tatsächlich lange im Dunkeln. Gyllenhaal fesselt uns aber von der ersten Minute an. Dank zweier grandioser Hauptdarstellerinnen und einem wunderbaren Team hinter der Kamera.

    Darum geht es

    Die Literaturwissenschaftlerin Leda (Olivia Coleman) verbringt alleine einen Arbeitsurlaub in Griechenland. Sie genießt es, dass sie von ihrem älteren Vermieter Lyle (Ed Harris) und auch vom jüngeren Will (Paul Mescal), der in der Strandbar arbeitet, begehrt wird. Die Ruhe am Strand wird bald von einer griechisch-amerikanischen Großfamilie gestört. Nina (Dakota Johnson), eine junge Mutter, scheint Leda an ihre eigene Vergangenheit zu erinnern. Die ersten Begegnungen verlaufen nicht spannungsfrei. Leda fühlt sich gestört. Dann wird am Strand plötzlich Ninas kleine Tochter Elena vermisst.

    In Rückblenden erfahren wir nach und nach, was sich hinter der immer wieder seltsam agierenden Leda verbirgt. In jungen Jahren (in den Rückblenden gespielt von Jessie Buckley) traf sie eine schockierende Entscheidung, für die man als Außenstehender im ersten Moment nur wenig Verständnis aufbringen kann.

    Jessie Buckley spielt die junge Leda Caruso

    Kommentar

    Die allererste Szene deutet an, dass uns in den kommenden zwei Stunden einiges erwarten wird. Die darauffolgende Sequenz bricht sofort mit der gerade provozierten Erwartungshaltung. Leda fährt voller Urlaubsstimmung zur wunderbaren Musik von Dickon Hinchliffe die Küste entlang. Sie bezieht ein schönes Appartement und genießt die Ruhe am Strand. Maggie Gyllenhaal lässt uns sehr lange zappeln. Manche Handlungen Ledas machen uns misstrauisch. Was hat sie zu verheimlichen?

    Frau im Dunkeln baut eine Spannung auf, obwohl lange vordergründig nicht viel passieren mag. Obwohl der Rahmen der Handlung vertraut zu sein scheint, wird über Ledas Beobachtungen aus der Entfernung und ihre Blicke ein beklemmendes Gefühl in uns hervorgerufen. Es ist klar, dass uns hier etwas verborgen bleibt. Bis Rückblenden einsetzen. Wir sehen Leda, die sehr jung zweifacher Mutter geworden ist. Erfüllung geben ihr aber nicht ihre zwei Töchter, sondern ihre Arbeit. Mehr sei hier zum Inhalt nicht verraten. Außerdem: Es ist Leda, die sich erinnert. Können wir ihr überhaupt trauen?

    Was uns Gyllenhaal nach der Kurzgeschichte von Elena Ferrante auftischt, ist reich an Metaphern und feinen Zwischentönen aber auch Irritationen. Leda ist ein komplexer Charakter, wie ihn wohl nur wenige Schauspielerinnen so nuanciert spielen können wie derzeit Olivia Coleman, deren Stärke in kleinen Gesten liegt. Dabei muss man ihr jüngeres Ich Jessie Buckley in einem Atemzug nennen. Buckley ist so gesehen die große Überraschung des Films.

    Die Geschichte kann eine erschütternde und schmerzhafte Erfahrung sein. Gyllenhaal erklärt nicht, was Leda antreibt. Vieles bleibt ungewiss. Genau das regt uns aber zum Nachdenken an. Frau im Dunkeln ist ein psychologischer Thriller. Mysteriös und aufreibend. Ein Film des Jahres und ein Triumph für Maggie Gyllenhaal..

    Frau im Dunkeln (OT: The Lost Daughter)
    Drama, USA 2021

    Regie Maggie Gyllenhaal
    Drehbuch Maggie Gyllenhaal
    Kamera Hélène Louvart
    Schnitt Alfonso Gonçalves
    Musik Dickon Hinchliffe
    Mit Olivia Coleman, Jessie Buckley, Dakota Johnson, Ed Harris
    Länge 121 Min.
    Streamingplattform
    Netflix


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  • tick, tick … BOOM! ★★★★

    tick, tick … BOOM! ★★★★

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    Es ist ein Drama für sich, dass Musicals zur Zeit nicht zum populärsten Genre gehören, obwohl gerade großartige Arbeiten zu sehen sind. Neben Spielbergs West Side Story hat im vergangenen Jahr vor allem einer aufhorchen lassen: Lin-Manuel Miranda (Hamilton, Vaiana). In the Heights ist ein fulminantes Musical, zu dem er die Musik komponiert hat. Bei Tick, tick … BOOM! führt Miranda nun erstmals Regie. Es ist die Verfilmung eines autobiografischen Musicals des Komponisten Jonathan Larson, das Miranda gekonnt zu einem herzzerreißenden Biopic verknüpft hat.

    Darum geht es

    1992 präsentiert Jonathan Larson (Andrew Garfield) sein Musical tick, tick … BOOM! im New York Theatre Workshop (das Off-Broadway Theater ist bekannt dafür, dass hier dem Publikum neue Stücke vorgeführt werden). Darin erzählt er von seiner eigenen Schaffenskrise kurz vor seinem 30. Geburtstag zwei Jahre zuvor. Damals war Superbia, ein in der Zukunft spielendes Rockmusical, Larsons Lebensprojekt aber es gelang ihm lange nicht es zu finalisieren.

    Sein Freund Michael (Robin de Jesùs) bietet ihm einen Job bei einer Werbeagentur an, die Larson für seine Talente entsprechend entlohnen würde. Dazu kann sich der Vollblutkünstler nur schwer durchringen. Die Beziehung zu Susan (Alexandra Shipp) leidet unter seiner Obsession, das Musical fertigzustellen. Obwohl sie selbst Sängerin ist, hat sie wenig Verständnis dafür, dass er nichts anderes im Kopf hat als zu komponieren.

    Erst in der Nacht vor der Präsentation von Superbia kommt Larson die Idee für den letzten fehlenden Song. Der Workshop, in dem das Musical vorgestellt wird und bei dem unter anderen Stephen Sondheim (Bradley Whitford) anwesend ist, wird ein Erfolg. Allerdings möchte das ambitionierte Stück niemand produzieren und auf die Bühne bringen. Sondheim gratuliert ihm aber persönlich zum gelungenen Werk. Larsons Agentin Rosa Stevens (Judith Light) rät ihm, ein Stück zu schreiben, das mehr mit ihm selbst zu tun hat.

    Als nächstes arbeitet Larson an tick, tick, BOOM!, das die Rahmenhandlung des Filmes bildet. Am Ende des Filmes erzählt Susan von seinem letzten Musical Rent, das ein bahnbrechender Erfolg werden sollte. Jonathan Larson hat es aber nicht mehr erlebt. Er stirbt 1996 am Morgen der Premiere an einem Riss in der Aorta.

    Ein Leben für die Kunst (Andrew Garfield als Jonathan Larson)

    Kommentar

    Gerade wenn man mit der Geschichte von Jonathan Larson nicht vertraut ist, trifft einem das Ende mit voller Wucht. Lin-Manuel Miranda hat es für seinen Film extra hinzugefügt, eben genau deshalb, damit auch jene, die Larson nicht kannten, von seinen späteren Erfolgen und dem tragischen Ende erfahren. Das hat dem Regisseur Kritik eingebracht. Zu sehr lastet das dramatische Ende über dem gesamten Film.

    Dabei geht es in tick, tick … BOOM! um etwa ganz anderes. Was in den letzten Minuten in den Hintergrund gedrängt wird, ist das eigentliche kreative Schaffen Larsons. Der Film erzählt von der kompromisslosen Leidenschaft für die Kunst und den damit verbundenen Entbehrungen, was es bedeutet, für eine Sache alles aufzugeben. Das ist neben der überraschenden schauspielerischen Leistung von Andrew Garfield, der eine ganz neue Seite von sich zeigt und musikalisches Talent beweist, die große Stärke des Filmes.

    Miranda, der einst selbst die Hauptrolle im titelgebenden Musical spielte und das nach eigenen Angaben eine große Inspiration für ihn war, interviewte ihm Zuge der Vorbereitungen zahlreiche WeggefährtInnen Larson. In Archiven durchstöberte er Unterlagen des Komponisten und fügte Details an passenden Stellen ein. Zahlreiche Mitwirkende sind tatsächlich Broadway-Künstler. Sowohl das Moondance-Diner, in dem Larson arbeitete, als auch sein Appartment wurden penibelst genau rekonstruiert. Man spürt die Liebe, die in tick, tick … BOOM! steckt. Der Film ist eine Huldigung an den kreativen Schaffensprozess an sich und setzt Jonathan Larson ein würdiges Denkmal.

    tick, tick … BOOM!
    Musical, USA 2021

    Regie Lin-Manuel Miranda
    Drehbuch Steven Levenson
    Kamera Alice Brooks
    Schnitt Myron Kerstein, Andrew Weisblum
    Musik Jonathan Larson
    Mit Andrew Garfield, Vanessa Hudgens, Alexandra Shipp
    Streamingplattform
    Netflix


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  • DON’T LOOK UP ★★★

    DON’T LOOK UP ★★★

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    Eine Satire, die von der Wirklichkeit überholt wird. Gibt es das? Was von Regisseur Adam McKay (Vice – Der zweite Mann) als Persiflage auf Klimawandel- und Wissenschaftsleugner gedacht war, steht durch die COVID-19-Pandemie in einem völlig anderen Licht. Don’t Look Up tut das leider alles andere als gut. Was man vor kurzem nicht für möglich gehalten hätte, dass nämlich eine unmittelbare Gefahr um Leib und Leben trotz eindringlicher Warnungen der Wissenschaft schlicht ignoriert wird, ist Teil unseres täglichen Lebens geworden. Der Film hat dem leider, trotz aller Ambitionen, nicht mehr all zu viel hinzuzufügen.

    Darum geht es

    Kate Dibiasky (Jennifer Lawrence), eine Doktorandin in Astronomie an der Michigan State University, entdeckt einen ungewöhnlichen Kometen. Ihr Professor, Dr. Randall Mindy (Leonardo DiCaprio), berechnet, dass er die Erde und die Weltbevölkerung in sechs Monaten und vierzehn Tagen zerstören wird.

    Kurz nach der Entdeckung sitzen die Beiden in einer Militärmaschine Richtung Washington. Doch im Weißen Haus findet die Präsidentin (Meryl Streep) zum Erstaunen beider nicht sofort Zeit, um die Wissenschaftler zu empfangen. Sie sorgt sich um die anstehenden Midterm Wahlen und möchte mit der Information vorerst nicht an die Öffentlichkeit gehen. Mindy und Dibiasky beschließen, sich selbst in einer Talkshow an die Öffentlichkeit zu wenden.

    Die beiden Wissenschaftler werden prompt zum Gespött im Internet. Kaum jemand nimmt sie ernst. Erst als die Präsidentin eine Ablenkung von einem Skandal benötigt, der sich negativ auf die Wahlen auswirken würde, wendet sie sich in einer Rede an die Nation. Der Unternehmer Peter Isherwell (Mark Rylance) wiederum möchte die wertvollen Rohstoffe im inneren des Kometen nutzen. Ein Wettlauf gegen die Zeit und gegen unterschiedliche Interessen beginnt.

    Jason Orlean (Jonah Hill) und seine Mom Präsidentin Orlean bringt der nahende Weltuntergang nicht aus der Ruhe.

    Kommentar

    Adam McKay hat sich einen Namen damit gemacht, komplexe Sachverhalte (The Big Short, 2015) auf witzige und kreativ Weise aufzuarbeiten und für ein breites Publikum zugänglich zu machen. Einblendungen von Texten und Erzählstimmen aus dem Off kombiniert mit einem rasanten Schnitt sind mitunter anstrengend und fordern die Konzentration. Der Genremix aus Drama und Komödie und ein Fülle an kreativen Einfällen geben den Themenfelder aber eine gewisse Leichtigkeit. Mit Don’t Look up schaltet McKay nun ein paar Gänge zurück.

    Der Film macht vieles richtig. Er ist über weite Strecken komisch. Allen voran stehen zwei verschrobene Wissenschaftler (DiCaprio und Lawrence), denen es mit ihrer Art und Weise nicht gelingen kann, die Öffentlichkeit von ihrem Anliegen zu überzeugen. Sie sind überhaupt nicht in der Lage, den heutigen Kommunikationsformen zu entsprechen oder gar Glaubwürdigkeit zu vermitteln. Dabei könnte man meinen, dass die Botschaft „Wir werden alle Sterben“ klar und unmissverständlich ist. Es hört nur niemand zu. Die Beiden stehen einer All-Star Besetzung vor, die sich sehen lassen kann. Cate Blanchett beweist einmal mehr ihre unglaubliche Wandlungsfähigkeit. Meryl Streep ist gewohnt souverän. Der rasante, fast schon wilde Filmschnitt von Hank Korwin ist ein Vergnügen für sich. Die Musik von Nicholas Britell (Beale Street, Moonlight) ist wunderbar wie immer. Das großartige Ende dürfte für McKay nur schwer durchzusetzen gewesen sein, obwohl er selbst produziert hat.

    Natürlich hat sich Adam McKay die Story vor der Pandemie ausgedacht (nach einer Idee von David Sirota, unter anderem Redenschreiber für Bernie Sanders). Im Fokus stand dabei die Leugnung des Klimawandels und die große Skepsis vor wissenschaftlichen Erkenntnissen. 2020 musste der Drehstart verschoben werden. Die Dreharbeiten fanden dann während der Pandemie statt, zu einer Zeit, als sich die Welt grundlegend veränderte und das zentrale Thema des Filmes auf einmal unseren Alltag bestimmte. Don’t Look up beschreibt nun eine Wirklichkeit (sei es die offensichtliche Anlehnung des Charakters der Präsidentin an Donald Trump oder den Umgang mit Information und die Macht des Internets bei der Bestimmung der Diskurshoheit) und hat ihr nichts hinzuzufügen.

    Es ist das Dilemma von satirischen oder kabarettistischen Beiträgen, dass sie in der Regel nicht das Publikum erreichen, das damit zum Nachdenken angeregt werden könnte, sondern jenes, das im selben Mindsest verankert ist. Das war auch ein Kritikpunkt von Vice – Der Zweite Mann. In diesem Fall könnte das sogar anders sein. Sowohl die Besetzung als auch Netflix als Verbreitungsmedium werden das ermöglichen. Natürlich liegt hier das Schicksal der Welt und die Definition davon, was Wahrheit ist in den Händen der USA. Da nützt es nichts, stakkatoartig Bilder aus aller Welt zusammenzumontieren, um die globale Problematik ins Bewusstsein zu rücken. Geschenkt.

    Aber wo genau liegt nun der Mehrwert dieser Science-Fiction-Satire? Eine Satire, die einzig ein Abbild der Wirklichkeit ist und genau von dieser bereits in unglaublicher Weise überholt wurde, hat dieser Realität nichts mehr hinzuzufügen. In der kleinen Twitter-Gemeinschaft hört man: ja, das ist doch unser tägliches Leben! Ja schon, aber ist nicht die stilistische Überhöhung eine Aufgabe von Satire? Sie ist hier allein durch die akute vernichtende Gefahr gegeben. Darüber hinaus bleibt McKay, so absurd es klingen mag, zu nah an der Realität. Was für ein Sittenbild unserer Gesellschaft! Er nimmt jene überhaupt nicht in die Verantwortung, die möglicherweise massgeblich Mitschuld sind an unserer verworrenen und fast ausweglosen Situation. Jene nämlich, die den Diskurs mit harten Fakten bestimmen wollten und die Hoheit über ihn aus der Hand gegeben haben. Sei es aus geistiger Präpotenz oder schlichtem Unvermögen. Ist es nicht auch eine Aufgabe von Satire Kritik zu üben und eine neue Bewusstseinsebene zu schaffen? Genau das passiert in Don’t Look Up nicht.

    Unterhalten wird man trotzdem, auch wenn der Film das Problem von zur Zeit vielen anderen teilt. Er ist zu lang geraten. Das macht sich vor allem in der zur Wiederholung neigenden zweiten Hälfte bemerkbar. Trotz des ungewöhnlichen Endes. An die Genialität seiner früheren Arbeiten kommt Adam McKay diesmal leider nicht heran.

    Don’t look up
    Sci-Fi-Satire, USA 2021

    Regie Adam McKay
    Drehbuch Adam McKay
    Kamera Linus Sandgren
    Schnitt Hank Korwin
    Musik Nicholas Britell
    Mit Leonardo DiCaprio, Jennifer Lawrence, Meryl Streep, Cate Blanchett, Jonah Hill, Mark Rylance
    Länge 138 Min.
    Streamingplattform
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