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  • NAPOLEON ★★½

    NAPOLEON ★★½

    NAPOLEON USA/UK 2023 Regie Ridley Scott
    Historienfilm Ab 12 Länge 158 Min.

    Ludwig von Beethoven widmete seine 3. Sinfonie „Eroica“ ursprünglich Napoleon Bonaparte. Erst wollte er sie Napoleon persönlich in Paris präsentieren. Dann war er jedoch so verärgert, nachdem sich dieser 1804 selbst zum Kaiser krönte, dass er nachträglich die Widmung auf der Partitur entfernte. Über die Einordnung des Wirkens von Napoleon ist sich die Wissenschaft bis heute uneinig. Ridley Scotts orientiert sich in NAPOLEON leider nicht an den letzten Erkenntnissen von HistorikerInnen. Das ist aber noch nicht das einzige Problem seines neuesten Epos. Abgesehen von bemerkenswerten schauspielerischen Leistungen von Joaquin Phoenix und Vanessa Kirby knüpft Ridley Scott mit NAPOLEON nicht an frühere Erfolge an.

    Vanessa Kirby und Joaquim Phoenix in NAPOLEON von Ridley Scott.
    Vanessa Kirby und Joaquin Phoenix (Ridley Scott, USA/UK 2023)

    Kurzkritik

    Wenn zum Kinostart bekannt ist, dass der Regisseur gerade an seiner Version des Filmes arbeitet, die in naher Zukunft per Streaming verfügbar sein wird, dann ist das schon keine günstige Ausgangssituation. NAPOLEON, jetzt schon mit einer Überlänge von knapp 160 Min, soll noch einmal um eineinhalb Stunden länger werden. Ob man derart Menschen dazu bewegen kann, mehr als 10€ für einen einzigen Film zu bezahlen, ist fraglich. Zumal er in der jetzt vorliegenden Fassung fragmentarisch und zerrissen wirkt, arbeitet sich Scott doch an mehr als einem Duzend Stationen in Napoleons Leben ab.

    Ein Historienfilm läßt sich aus mehreren Perspektiven betrachten. Ridley Scott (HOUSE OF GUCCI, THE LAST DUEL) und Drehbuchautor David Scarpa nähern sich über den Briefverkehr zwischen Napoleon und seiner Frau Joséphine der Geschichte an. Die nahezu kindlich anmutende Art der Konversation war für sie das geeignete Ausgangsmaterial. Eine spannende Herangehensweise und eine interessante Perspektive. Überlagert werden diese aus dem Off kommenden Dialoge nun aber mit verschiedenen zeitlich chronologisch angeordneten Stationen aus Napoleons Leben von der Hinrichtung Marie-Antoinettes bis zu seinem Exil in St. Helena. Dieses hin und her zwischen Schlachtfeld und Schlafzimmer will nicht so recht funktionieren. Es fehlt an Romantik und Poesie. War der Stoff in den falschen Händen? Der Director’s Cut soll sich mehr auf Joséphine fokussieren. Auch wenn das etwas ändern sollte, ist eine Laufzeit von vier Stunden den meisten wohl kaum zumutbar. Und warum soll etwas gelingen, was in zweieinhalb Stunden schon fehlgeschlagen ist?

    Wie sieht es mit der Erwartungshaltung aus, wenn man heute in einen Film geht, der eine historische Grundlage hat. Was mich selbst betrifft, so möchte ich eine korrekte Erzählung und keine Dichtungen, in einer ohnehin schon hochdramatischen Geschichte. Bereits von der ersten Sequenz an, in der Napoleon der Hinrichtung Marie-Antoinettes beiwohnt, was offenkundig nicht der Fall war, hält sich das Drehbuch nicht an historische Tatsachen. Die meisten Verfilmungen über das Leben Napoleons liegen viele Jahre zurück und wahrscheinlich wäre Scotts Version damals auch anders rezipiert worden. Aber heute glaube ich, dass die Erwartungen andere sind. Das hat sich auch in den Gesprächen nach der Vorstellung gezeigt. Das geht bis zum Nachspann, in dem die Millionen unter Napoleons Kriegsführung zu Tode gekommenen aufgeschlüsselt werden. Dabei ist es nicht mehr so sicher, dass er selbst für die Opfer verantwortlich war, sondern sie viel mehr eine Folge der in Europa vorherrschenden Macht- und Spannungsverhältnissen waren.

    Eine Ungenauigkeit sticht besonders hervor: Joséphine war sechs Jahre älter als Napoleon. Bei ihrer Hochzeit versuchten die Beiden den Unterschied mit falschen Geburtsdaten zu kaschieren. Vanessa Kirby ist aber 14 Jahre jünger als Joaquin Phoenix. Das ist auch dahingehend ein problematisches Zeichen, da es mit zunehmendem Alter für Frauen immer schwieriger wird, ihrem Alter entsprechende Rollen zu bekommen.

    Was viele ins Kino ziehen wird, sind neben den beiden Schauspielstars wohl die epochalen Schlachtszenen, die natürlich auf der Leinwand besonders zur Geltung kommen (Nebenbei ist der Film auf eine morbide Art und Weiße recht witzig, was beim Publikum im Saal weniger angekommen zu sein scheint). Optisch gibt NAPOLEON ordentlich was her und ist auch erstaunlich kurzweilig. Trotzdem: die beschriebenen Schwächen und die andere Version des Filmes im Hinterkopf trüben das Filmerlebnis.

    NAPOLEON USA/UK 2023
    Historienfilm Ab 12 Länge 158 Min.
    Regie Ridley Scott Drehbuch David Scarpa Kamera Dariusz Wolski Schnitt Sam Restivo, Claire Simpson
    Musik Martin Phipps Mit Joaquin Phoenix, Vanessa Kirby, Rubert Everett Apple TV+


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  • ROTER HIMMEL ★★★★★

    ROTER HIMMEL ★★★★★

    ROTER HIMMEL, D 2023 Regie Christian Petzold
    Drama Ab 14 Länge 103 Min.

    Mit ROTER HIMMEL hat sich Christian Petzold selbst übertroffen. Seine Geschichte über einen jungen Schriftsteller, der sich mit einem Freund in ein abgelegenes Haus an der Ostsee zum Arbeiten zurückziehen möchten und dort dann aber auf eine Frau trifft und nicht die erhoffte Ruhe vorfindet, ist reich an Verweisen an große Meister des Kinos. Unter der Sommersonne ist die Begierde zueinander groß. Dabei ist es Petzold wichtig den Begehrenden und nicht das Objekt der Begierde zu zeigen. Ein Sommerfilm voller Suspense im hitchcockschen Sinne und einer Portion Wiener Grand.

    Christian Schubert als Leon und Paula Beer stehen sich in ROTER HIMMEL von Christian Petzold an der Ostsee gegenüber. Er hält einen Plastiksack mit Gulasch in der Hand. Sie ist gerade mit ihrem Fahrrad gestürzt.
    Thoma Schubert und Paula Beer in ROTER HIMMEL (Christian Petzold, D 2023)

    Kurzkritik

    Es gibt Filme, die scheinen den gesamten Kosmos des Kinos regelrecht zu absorbieren, um dabei etwas Neues entstehen zu lassen. Christian Petzold ist mit ROTER HIMMEL neuerlich ein Meisterwerk gelungen. Einmal mehr und doch anders als sonst, nicht zuletzt, weil nun leichtfüssiger und für ein größeres Publikum somit leichter zugänglich. Ein Sommerfilm an der Ostsee, es knistert nicht nur zwischenmenschlich, sondern auch im trockenen Gebüsch, wo sich in der Ferne Unheil ankündigt.

    Thomas Schubert, als Schriftsteller Leon, der in der Abgeschiedenheit versucht, an seinen erfolgreichen Erstlingsroman anzuknüpfen, war eine Rollenbesetzung in letzter Sekunde. Natürlich kannte er den Regisseur, aber nicht persönlich. Ein Glücksfall, wie sich jetzt herausstellt. Es dürfte für Schubert der internationale Durchbruch sein. Bei der Berlinale gewann der Film den Preis der Jury und als Darsteller wurde er heuer für den Europäischen Filmpreis nominiert.

    Ruhe findet er im Haus der Eltern seines Freundes Felix (Langston Uibel) allerdings nicht. Eine junge Frau stört die Konzentration. Paula Beer als Nadja erleben wir zuerst nur aus der Distanz, wenn Leon sie aus der Ferne beobachtet. Es ist fast so, als wäre sie nur zufällig am Set. Immer wieder versucht Leon einen Blick zu erhaschen und verpasst sie dann doch. Wenn es dann zum ersten Zusammentreffen kommt, sticht sofort der Wiener Grand zu. Leon blockiert und zeigt ihr die kalte Schulter, obwohl er natürlich sehr neugierig ist (und man spürt regelrecht, wie der volle Kinosaal sagen möchte: Komm, stell dich nicht so an!).

    Nadja, die auf der Promenade Eis verkauft, scheint mit dem Rettungsschwimmer Devid (Enno Treps) eine Affäre zu haben. Das wurmt Leon unheimlich und um all die Gefühle, die in der Junihitze flimmern, gibt es eine Anspannung. Der Himmel wird sich rot färben und es wird Asche regnen. Bis dahin ist ROTER HIMMEL aber auch sehr unterhaltsam. Es ist eine Art von Film, die es im deutschen Film eigentlich nicht gibt, wo in der Hitze des Sommers Menschen aneinander geraten und die Geschichte zwischen humorvollen kleineren Reibereien und anfangenden gröberen Konflikten jongliert.

    Christian Petzold schrieb das Drehbuch während eines Lockdowns, als er auch selbst erkrankte. Auch wenn von der Pandemie nichts zu sehen ist, hat sie die Drehbuchentwicklung doch stark beeinflusst, wie Petzold erzählt. Geblieben ist aber ein Rückzugsort in Form eines Hauses auf einer Waldlichtung, der aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Die Katastrophe nähert sich aber man sieht sie nicht.

    ROTER HIMMEL wurde weder für den Deutschen Filmpreis berücksichtigt, noch war er in der Vorauswahl der für die Deutsche Filmakademie der 26 besten Filme des Jahres. Das sorgte für große Kritik und stellte diese Institutionen grundsätzlich in Frage.

    Verfasst im Rahmen der Viennale 2023.


    In Deutschland ist der Film bereits auf der Streamingplattform Mubi verfügbar (Österreich wird folgen).

    Link zum Stadtkino Filmverleih.


    ROTER HIMMEL, D 2023
    Drama Ab 12 Länge 103 Min.
    Regie
    und Drehbuch Christian Petzold Kamera Hans Fromm Schnitt Bettina Böhler
    Mit Thomas Schubert, Paiula Beer, Langston Uibel, Enno Treps, Matthias Brandt


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  • DER KILLER ★★★★

    DER KILLER ★★★★

    Im Abo

    DER KILLER (OT: THE KILLER), USA 2023 Regie David Fincher
    Krimi, Thriller Ab 16 Länge 119 Min.


    Lasst Martin Scorsese, Alejandro Iñárritu und all die anderen keine 3-Stunden-Filme machen, hatte Terry Gilliam erst vor kurzem auf der Bühne des Gartenbaukino gefordert. Durch die Streamingplattformen war das Zeitmanagement in den letzten Jahren etwas aus dem Ruder gelaufen. Bei Netflix zählen ab 120 Sekunden alle als ZuschauerInnen, ob dann noch 3 Stunden oder mehr folgen, spielt keine Rolle. Aus dem Rahmen fällt da DER KILLER von David Fincher. Knackige 2 Stunden braucht er, um uns von einem namenlosen Profikiller zu erzählen. Die Rolle scheint Michael Fassbender auf dem Leib geschrieben zu sein. Die Meinungen gehen auseinander. Ich konnte dem Film sehr viel abgewinnen.

    Michael Fassbender in DER KILLER (David Fincher, USA 2023)

    Kurzkritik

    Es beginnt damit, dass der namenlos bleibende Protagonist ein leeres Hotelzimmer observiert. Tage- und Nächtelang geht er seiner langweiligen Tätigkeit nach (Es ist fast so, als würde uns James Stewart aus DAS FENSTER ZUM HOF vom Haus gegenüber aus beobachten). In DER KILLER verbringt der Auftragskiller die meiste Zeit mit warten. Kein all zu aufregender Beruf also. Das ändert sich erst, als ihm ein Missgeschick passiert und er seinen Auftrag nicht zur Zufriedenheit des Auftraggebers ausführen kann. Nach einer grandios inszenierten Flucht, muss er erkennen, dass er nach und nach all seine Prinzipen über Board werfen wird müssen. Er wird persönlich getroffen und muss reagieren.

    Was folgt ist ein Rachefeldzug, wie man ihn schon öfters gesehen hat und doch ist etwas anders. Nicht nur die Arbeit des Protagonisten ist langweilig, er ist es selbst auch. Um seine Identität zu waren, verfolgt er eine strenge Routine nahe der Perfektion, wechselt ständig seine Identität und verwischt seine Spuren gründlich. Regisseur David Fincher beobachtet ihn dabei in seiner schon fast analytischen Herangehensweise. Zu hören ist die fast schon zu schöne, monotone Stimme des Killers, die uns an seinen Lebensphilosophien teilhaben lässt. Dialoge gibt es in DER KILLER kaum.

    Basierend auf dem französischen Comic mit gleichem Namen, geschrieben von Alexis Nolent (a.k.a. Matz) und illustriert von Luc Jacamon, ist es nach MANK Finchers zweiter Film, der für ein breiteres Publikum nur schwer zugänglich ist. Waren es im Vorgänger noch eine Reihe an historischer Persönlichkeiten aus der Filmwelt, die allgemein nicht unbedingt einen großen Bekanntheitsgrad hatten, so ist es hier die schiere Konturenlosigkeit des von Michael Fassbender dargestellten Hauptdarstellers. Ich kann gut verstehen, wenn eine Geschichte mit einem emotionslosen und aalglatten Protagonisten und kaum Dialog nicht viele Freunde findet. Noch dazu, wo Fincher dem Genre nicht viel hinzuzufügen weiß. Vielleicht ist es Fassbender in seiner minimalistischen aber fesselnden Art oder die gewohnt beeindruckende Bilderwelt Finchers und das Tempo aber ich bin dran geblieben und würde sogar so weit gehen und mehr aus dem Alltag des Protagonisten erfahren wollen. Und nicht zu vergessen: Tilda Swinton und ihr kleiner aber feiner Auftritt.

    DER KILLER (OT: THE KILLER), USA 2023
    Krimi, Thriller Ab 16 Länge 119 Min.
    Regie David Fincher Drehbuch Andrew Kevin Walker Kamera Erik Messerschmidt Schnitt Kirk Baxter
    Musik Trent Raznor, Atticus Ross, The Smiths Mit Michael Fassbender, Tilda Swinton Netflix


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  • THE LOST KING ★★★★

    THE LOST KING ★★★★

    Philippa Langley (Sally Hawkins) hat so ein Gefühl. Sie ist eine Amateurhistorikerin und in der männerdominierten Wissenschaftswelt der Universität von Leicester kommt das weniger gut an. Philippa möchte Richard III. rehabilitieren, der nicht zuletzt wegen Shakespeares gleichnamigen Drama in Ungnade gefallenen war. Daher hat sie sich in den Kopf gesetzt, das Grab des letzten Königs aus dem Haus Plantagenet, den letzten König, der auf dem Schlachtfeld gefallen war, zu finden. Unmöglich, meint die Wissenschaft aber mit finanzieller Unterstützung der Richard III. Society gelingt es ihr, genug Geld aufzustellen, um mehr als 500 Jahre nach dessen Tod die Ausgrabungen zu beginnen. In THE LOST KING von Stephen Frears.

    Sally Hawkins sitzt auf einer Parkbank mit einem Buch über Richard III in der Hand. Im Hintergrund befindet sich eine Burgruine. 
Filmstill aus THE LOST KING von Stephen Frears.
    Sally Hawkins in THE LOST KING (Stephen Frears, UK 2023)

    Kurzkritik

    Philippa Langleys Leidenschaft gilt schon lange nicht mehr ihrem Ex-Mann, der abends in der Küche wartet und auf die Kinder aufpasst, wenn sie wieder einmal spät nach Hause kommt. Die Hobbyhistorikerin ist ganz auf Richard III. fixiert, der ihr sogar immer wieder erscheint. Das ist zum einen eine Folge ihrer Besessenheit aber dann vor allem auch ein schöner Einfall der Drehbuchautoren Steve Coogan und Jeff Pope.

    Die Szenen mit Sally Hawkins und Harry Lloyd, den sie als König in Shakespeares Stück auf der Bühne gesehen hatte, wurden unterschiedlich aufgenommen, geben dem Film aber eine interessante Ebene abseits der True-Story. Hawkins ist ein Glücksfall für das Publikum. Mit ihrer Ausstrahlung reißt sie uns unweigerlich mit.

    Es ist schon eine großartige Geschichte rund um Philippa Langleys Bemühungen das Grab von Richard III. aufzuspüren, die noch dazu an einer chronischen Erkrankung leidet.. Die Exhumierung ist gut dokumentiert. Was die Rolle der Universität von Leicester angeht, gehen die Meinungen auseinander. Gut kommt die Institution in THE LOST KING nicht weg. Das hat im Zuge der Premiere zu eine Kontroverse geführt. Die Universität relativiert die Rolle Langleys bei der Exhumierung. Langley selbst bestreitet wiederum diese Interpretation.

    In der Filmversion jedenfalls sieht man eine Frau, die über sich hinauswächst und gegen einen von Männern dominierten Apparat ankämpft. THE LOST KING ist ein Feelgood-Movie und hat mit Hawkins und Coogan zwei fabelhafte Darsteller. Beste Unterhaltung also.

    THE LOST KING, UK 2022
    Regie Stephen Frears
    Drehbuch Steve Coogan, Jeff Pope
    Kamera Zac Nicholson
    Schnitt Pia Di Ciaula
    Musik Alexandre Desplat
    Mit Sally Hawkins, Harry Lloyd, Steve Coogan,
    Länge 106 Min
    Im Kino


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  • KILLERS OF THE FLOWER MOON ★★★★★

    KILLERS OF THE FLOWER MOON ★★★★★

    Mit Leonardo DiCaprio, Robert deNiro, Lily Gladstone, Jesse Plemons Regie Martin Scorsese
    Ab 14 Länge 206 Min.

    OSCAR KANDIDAT

    Die Mordserie, die vor etwa 100 Jahren über einen Zeitraum von mehr als 10 Jahren Oklahoma eben nicht erschütterte, sondern von den lokalen Behörden unter den Teppich gekehrt wurde, dürfte außerhalb des Bundesstaates kaum bekannt sein. Martin Scorsese ändert das nun mit KILLERS OF THE FLOWER MOON, seinem 25. Spielfilm. Der Stamm der Osage erlangte Anfang des 20. Jahrhunderts großen Reichtum, als auf dem ihm zugewiesenen scheinbar wertlosen Land Ölvorkommen entdeckt wurden. Das rief skrupellose weiße Männer auf den Plan, die durch Morde und mit einer perfiden Taktik versuchten, das Land in Besitz zu nehmen. Eine Schlüsselfigur verkörpert Robert De Niro als William King Hale, der, obwohl vordergründig als wohlwollender Pate auftretend, eine ganze Riege an Männern zu Verbrechen anstachelte. So auch seinen Neffen Ernest Burkhart, gespielt von Leonardo DiCaprio, der die indigene Frau Mollie, gespielt von Lily Gladstone, heiratet und somit Teil einer äußerst wohlhabende Familie wird. Scorsese verhilft den Osage mit seinem formidablen True-Crime-Western, basierend auf den gleichnamigen Recherchen von David Grann aus dem Jahr 2017, zu so etwas wie verspäteter Gerechtigkeit.

    Robert De Niro und Leonardo DiCaprio in Killing of the Flower Moon.
    King (Robert De Niro) verfolgt einen eiskalten Plan und sein Neffe Ernest (Leonardo DiCaprio) spielt zu lange mit.
    KILLERS OF THE FLOWER MOON (Martin Scorsese, USA 2023)

    Kurzkritik

    Freilich mutet uns Martin Scorsese hier einiges zu. Neben der epischen Länge erzählt KILLERS OF THE FLOWER MOON eine nur schwer verdauliche Geschichte. Es staut sich einiges an Emotionen zusammen, wenn man für dreieinhalb Stunden gespannt im Kinosessel sitzt, um auch ja nichts zu versäumen. Dann setzt der Regisseur zum Finale an, erst verspielt witzig und trifft uns in der letzten Minute Mitten ins Herz.

    Es ist keine Übertreibung von einem Meisterwerk zu sprechen, bei soviel Empathie und Fingerspitzengefühl, das Scorsese für die verzweifelte Lage des Osage aufbringt. Erst nach einem Vorschlag von DiCaprio verschob sich der Fokus des Drehbuches weg von den Ermittlungen hin zu den Osage. Die Geschichte von Mollie rückte mehr in den Mittelpunkt. Lily Gladstone (First Cow) kämpft als Frau eines Mannes, den sie erst nach und nach durchschaut, buchstäblich um ihr Überleben. Der Tod steht bereits bei ihr im Schlafzimmer. DiCaprio spielt wiederum einen einfältigen und faulen Charakter, dem die Aussicht auf leichtes Geld so blind macht, dass ihm gar nicht bewusst zu sein scheint, dass er dafür seine Frau opfern würde. Und eine so geballte Ladung an Falschheit und Hinterlist, wie bei De Niros King Hale, hat man selten gesehen. Es ist eine Freude, den dreien beim Spielen zuzusehen.

    Erst nach zwei Stunden hat Jesse Plemons als einer der frühesten FBI Agenten der Geschichte (Das Bureau wurde ein paar Jahre zuvor von J. Edgar Hoover ins Leben gerufen) seinen ersten Auftritt. Er und seine Männer stellen erstmals die richtigen Fragen. Plemons zeigt einmal mehr seine starke Leinwandpräsenz. Er scheint fast wortlos, wenn auch nur im Hintergrund, jede Szene zu beherrschen und komplettiert somit das starke Ensemble von KILLERS OF THE FLOWER MOON.

    Martin Scorsese hat nicht nur den zahlreichen Opfern der Osage ein filmisches Denkmal gesetzt, sondern uns dazu auch noch eines der grandiosesten Werke seiner Karriere geschenkt. 206 Minuten und das keine zu lange.

    KILLERS OF THE FLOWER MOON
    Drama, USA 2023

    Regie Martin Scorsese
    Drehbuch Eric Roth, Martin Scorsese
    Basierend auf Killers of the Flower Moon von David Grann
    Kamera Rodrigo Prieto
    Schnitt Thelma Schoonmaker
    Musik Robbie Robertson
    Mit Leonardo DiCaprio, Robert deNiro, Lily Gladstone, Jesse Plemons
    Länge 206 Min.
    Streamingplattform
    AppleTV+


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  • WALD ★★★ ½

    WALD ★★★ ½

    Um ein traumatisches Erlebnis zu verarbeiten, kommt die Journalistin Marian (Brigitte Hobmeier) nach Jahrzehnten zurück in das verlassene Haus der Eltern im Waldviertel. Kein Strom, das Wasser tropft von der Decke, die Luft riecht modrig. Der Ort ist regelrecht abgeschnitten von der Außenwelt, kein Bus fährt hier her. Auto hat Marian keines. Sie sucht Zuflucht in der Natur. Menschenansammlungen sind ihr unangenehm. Schon ein Supermarktbesuch löst eine Panikattacke aus. Es ist eine Reise zurück in ihre Kindheit. Die Bewohner reagieren abweisend. Sie trifft auf ihre Jugendfreunde Gerti (Gerti Drassl) und Franz (Johannes Krisch) und dabei kommen alte Konflikte an die Oberfläche, auch weil sie einfach gegangen ist. Wer bleibt schon gern beim gewalttätigen Vater und der dementen Mutter buchstäblich am Ende der Welt zurück, so wie Gerti. Elisabeth Scharang hat sich von Doris Knechts Roman WALD inspirieren lassen und ihn mit ihren eigenen Erlebnissen während des Terroranschlags in Wien im November 2020 verknüpft.

    Brigitte Hobmeier und Gerti Drassl sitzen auf einer Holzbank vor einem alten Bauernhaus. Der Verputz ist abgebröckelt. Hobmeier raucht und schaut in die Landschaft. Drassl blickt zu ihr. Es ist herbstlich kalt.
    Brigitte Hobmeier und Gerti Drassl in WALD von Elisabeth Scharang (A 2023)

    Kurzkritik

    Vor ein paar Jahren hat die World Press Photo Foundation eine Fotostrecke ausgezeichnet, die zwei Kinder aus dem Waldviertel porträtierte. Die Bildbeschreibung mutete regelrecht exotisch an. Für die wenigsten wird vorstellbar sein, dass es so eine abgelegene Region im Herzen Europas überhaupt geben kann. Da kann es schon vorkommen, dass es keinen Handyempfang gibt. Die Infrastruktur ist grundsätzlich nicht die beste. In dieser dünn besiedelten Region im Norden Ostösterreichs dauern die Winter länger und natürlich färbt eine Landschaft immer auf die dort lebenden Menschen ab. Das bekommt auch Marian zu spüren. Was schnell als stereotype Darstellung von aggressiven Bauern abgetan wird, ist also nicht grundsätzlich an den Haaren herbeigezogen.

    Die Frage ist vielmehr, ob dem in aller Tiefe in kompakten 95 Minuten ausreichend Raum gegeben werden kann. Der Konflikt von Marian im Zentrum, die aus einer nicht selbst verschuldeten Situation in diese Lage geraten ist, wird noch einmal mit ihrer Vergangenheit verwoben. In diesem Moment kommen unweigerlich weitere Charaktere ins Spiel. Neben Franz und Gerti auch noch ihr Mann Gheorghe (Bogdan Dumitrache). Weitere Bewohner des Dorfes fallen vor allem durch ihre ablehnende Haltung dem Eindringling gegenüber auf. Diese Konflikte werden bestenfalls angerissen. Das größte Drama von WALD ist dann auf einmal nicht mehr der innere Konflikt Marians, sondern passiert in der Familie von Gerti. Das öffnet nicht nur einen neuen Handlungsstrang, sondern führt vor allem weg von der Protagonistin. Dafür fehlt die Zeit.

    Die raue Wald- und Winterlandschaft wurde von Jörg Widmer (siehe auch Ein verborgenes Leben) in Szene gesetzt. Im Vorfeld erinnerte mich WALD an Debra Graniks LEAVE NO TRACE (Link). Auch hier diente die Natur als Rückzugsort und spielte dabei selbst eine große Rolle. Bei Granik ist das unmittelbare Naturerlebnis allerdings viel intensiver. Nicht zuletzt auch wegen der atmosphärischen Tonspur. Die bemerkenswerte Musik in WALD stammt von der polnischen Musikerin Hania Rani.

    Marian kämpft sich einen Winter durch ihr Trauma, in einer Lebenssituation, in der vor allem Willensstärke zählt. Von großartigen SchauspielerInnen unterstützt, wird vor allem Brigitte Hobmeier in Erinnerung bleiben. Sie geht im kalten Wasser baden, schreit ihre Wut und Verzweiflung in den Wald hinein und ringt darum, dass ihr Leben nicht aus dem Gleichgewicht gerät.

    Wald
    Drama, A 2023

    Regie Elisabeth Scharang
    Drehbuch Elisabeth Scharang
    Kamera Jörg Widmer
    Schnitt Alarich Lenz
    Musik Hania Rani
    Mit Brigitte Hobmeier, Gerti Drassl, Johannes Krisch
    Länge 95 Minuten
    Im Kino


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  • PAST LIVES ★★★★★

    PAST LIVES ★★★★★

    Mit Greta Lee, Teo Yoo, John Magaro Regie Celine Song
    Ab 12 Länge 106 Min.

    OSCAR KANDIDAT

    Das US-amerikanische Filmdrama Past Lives von Celine Song erzählt in mehreren Zeitebenen über zweieinhalb Jahrzehnte hinweg von der Beziehung der Hauptdarstellerin Nora (Great Lee) zu ihrem Freund Hae Sung (Teo Yoo), den sie, inzwischen in die USA ausgewandert, seit ihren Kindheitstagen in Südkorea kennt. Es ist das Debüt der Regisseurin. Der Film hatte während der Berlinale 2023 seine Premiere. Past Lives wird einhellig als einer der Höhepunkte dieses Filmjahres gefeiert.

    Greta Lee und Teo Yoo in PAST LIVES von Celine Song (USA 2023)

    Kurzkritik

    Blicke sagen oft mehr als tausend Worte. Solche Momente gibt es in Past Lives gleich mehrere und doch ist alles viel komplizierter. Regisseurin Celine Sing öffnet gleich eine Fülle an Themenfeldern wie Sprache und Migration und der damit verbundenen Frage nach der eigenen Identität, ebenso, wie uns unsere Vergangenheit prägt und ob es so etwas wie Schicksal gibt.

    In Korea gibt es dazu den bereits vielzitierten Begriff In-Yun. Er beschreibt, wie Menschen für einander bestimmt sind, die sich von früheren Leben her kennen. Song verknappt diese Vorstellung sozusagen auf ein paar Jahrzehnte. Die Wege von Nora und Hae Sung kreuzen sich immer wieder, selbst als tausende Kilometer zwischen ihnen liegen. Nora versucht sich aber zu emanzipieren, findet in den USA einen Mann (John Magaro als Arthur) und lässt ihre koreanische Vergangenheit zurück. Sie versucht es zumindest, den träumen tut sie immer noch koreanisch und Hae Sung scheint auch irgendwie ein Teil ihres Lebens zu sein.

    Celine Song gelingt es all diese Themen mit einer Leichtigkeit zu verweben und Greta Lee schafft es, uns den inneren Konflikt Noras glaubwürdig näher zu bringen. Damit regt sie zum Nachdenken über das eigene Leben an. Wie sehr haben wir es selbst in der Hand und wie weit ist es möglicherweise vorherbestimmt? Ist es nur Zufall, mit welchem Lebenspartner man zusammen lebt?

    Past Lives ist einer der wunderbarsten Filme in dieser Saison und für ein Publikum ab etwa 12 Jahren geeignet. Nicht zuletzt die derzeitige Koreaaffinität unter Teenagern macht den Film auch sicherlich für ein jüngeres Publikum attraktiv. Zudem werden sich jene, die selbst emigriert sind, in Noras innerer Zerrissenheit wiederfinden. Ein Film für die Ewigkeit.

    PAST LIVES
    Drama, USA 2023

    Regie Celine Song
    Drehbuch Celine Song
    Kamera Shabier Kirchner
    Schnitt Keith Fraase
    Musik Christopher Bear, Daniel Rossen
    Mit Greta Lee, Teo Yoo, John Magaro
    Länge 106 Min.


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  • TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES: MUTANT MAYHEM ★★★★

    TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES: MUTANT MAYHEM ★★★★

    Seit 40 Jahren begeistern die Turtles jung und (mittlerweile) alt in Comics, Kinofilmen, TV-Serien und Computerspielen. Vor dem Hintergrund der beiden Spider-Verse Filme (2019, 2023) ist nun Teenage Mutant Ninja Turtles: Mutant Mayhem zu sehen, durch die sich dem Superhelden-Animationsfilm ganz neue Möglichkeiten eröffnet haben. Neben seinem außergewöhnlichen Animationsstil ist die düstere Atmosphäre auffällig, was vor allem für das jüngere Publikum, neben der grundsätzlich aggressiven Art, fordernd sein dürfte. Dabei stellt sich die Frage, wer genau das Zielpublikum für einen Turtles Film im Jahr 2023 sein soll.

    Darum geht es

    Die vier Turtles leben mit ihrem Mentor Splinter in der Kanalisation, abgeschottet von der Außenwelt. Doch die Teenager sehnen sich nach einem normalen Leben unter den anderen Jugendlichen. Als die Stadt von bösartigen Mutanten unter der Führung von Superfly angegriffen wird, sehen sie eine Chance sich zu beweisen und machen sich mit Hilfe der angehenden Journalistin April O’Neil auf ihn den Kampf.

    Supermutant Superfly (TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES: MUTANT MAYHEM. Jeff Rowe, USA 2023)

    Kommentar

    Nachdem man sich bereits bei Barbie mit der Altersfreigabe ab 6 Jahren etwas vertan hatte, hat man sich bei TMNT:MM neuerlich für eine fragwürdige Altersfreigabe entschieden. Eine Freigabe ab 8 Jahren verwundert doch etwas. An der Geschichte liegt es dabei nicht, sondern mehr an der allgemeinen Düsternis und den visuellen Gewalt. Natürlich verlassen sich Eltern auf diese Einstufung und so kann ein Kinobesuch ordentlich daneben gehen. Ich weiß wovon ich rede, da ich von Kindern umgeben bin, die auf den 7. Geburtstag zusteuern.

    Wobei wir gleich bei der Frage sind, für wen der Film eigentlich gemacht wurde. Ich kann mich noch gut erinnern, als Tim Burtons Batman 1989 in die Kinos kam. Damals 10 Jahre alt, kaufte ich mir Hefte über den Film, kannte viele Szenen. Sehe konnte ich ihn allerdings nicht. Vermutlich wird es den Kindern von heute ähnlich gehen, denn was sich Jeff Rowe (Die Mitchells gegen die Maschinen) und Seth Rogen da erdacht haben, ist für die jüngsten Kinobesucher weniger geeignet.

    Dabei ist TMNT:MM witzig und wirkt erfrischend innovativ, so wie wir es von den Spider-Verse Trickfilmen kennen (auch wenn die Turtles nicht mit deren kreativen Output mithalten können). Der Zeichenstil wirkt auch hier wie einem Comicheft entsprungen. Die 90er Playlist ist genial und auch der Soundtrack von Trent Raznor und Atticus Ross bleibt im Ohr. Die Geschichte wird nochmals von Beginn an erzählt. Den Superbösewicht sparte man sich aber für Teil 2 auf. Diesmal bekommen es die Turtles mit Superfly zu tun (sorgt in Österreich möglicherweise für ein extra Schmunzeln).

    Auch wenn es im Titel versteckt schon steht aber die Geschichte gibt dem Umstand, dass es sich hier um Teenager handelt extra viel Raum. Sie wollen nicht länger in der Kanalisation leben und sich unter die Teenager in der richtigen Welt mischen. Splinter, ihr Mentor und Ersatzvater, möchte das aber verhindern, hat er doch selbst am eigenen Leib erfahren müssen, wie Menschen auf etwas reagieren, dass ihnen Fremd ist. Aber zuerst müssen aus den Turtles Helden werden und darum geht es in Teenage Mutant Ninja Turtles: Mutant Mayhem. Der Film fühlt sich roher und erdiger an, als jene der Konkurrenz und das ist eine willkommene Abwechslung.

    To be continued.


    Teenage Mutant Ninja Turtles: Mutant Mayhem
    Animationsfilm, USA 2023
    Regie Jeff Rowe
    Drehbuch Seth Rogen, Evan Goldberg, Jeff Rowe, Dan Hernandez, Benji Samit
    Kamera Kent Seki
    Schnitt Greg Levitan
    Musik Trent Raznor, Atticus Ross
    Mit Rose Byrne, Ice Cube, Jackie Chan, John Cena
    Länge 100 Min.
    Im Kino


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  • INDIANA JONES UND DAS RAD DES SCHICKSALS ★★★½

    INDIANA JONES UND DAS RAD DES SCHICKSALS ★★★½

    Fünfzehn Jahre nach der umstrittenen vierten Fortsetzung von Indiana Jones startete man einen letzten Versuch, den wohl berühmtesten und beliebtesten Archäologen auf die große Leinwand zu bringen. Neu ist James Mangold (Le Mans 66) als Regisseur. Ansonsten gibt es ein Wiedersehen mit alten Bekannten in diesem alten Mustern folgenden rasanten Abenteuer, dass das Herz aber doch am rechten Fleck hat. Gleichzeitig bekommen wir zu sehen, welche Gefahren die für manche Filmemacher verlockenden neuen technischen Möglichkeiten mit sich bringen.

    Darum geht es

    Im Jahr 1944 ist Indiana Jones (Harrison Ford) gemeinsam mit Basil Shaw (Toby Jones) auf der Jagd nach der Lanze von Longinus. Als er sie den Nazis unter der Führung von Jürgen Voller (Mads Mikkelesen) entreissen möchte, wird er auf ein anderes Artefakt aufmerksam: den Mechanismus von Antikyhera. Gebaut von Archimedes, soll er Raum-Zeit-Übergänge aufspüren können. Es ist allerdings nur die Hälfte des Mechanismus forhanden.

    Zeitsprung: 1969 wird gerade die Rückkehr der Astronauten nach der Mondlandung gefeiert. An seinem letzten Arbeitstag sucht seine Patentochter Helena Shaw (Phoebe Waller-Bridge) Jones auf. Sie möchte beide Teile des Artefakts auffinden und teuer verkaufen. Ebenso ist Jürgen Voller, der nun unter neuem Namen als Wissenschaftler für die Amerikaner arbeitet, immer noch hinter dem Mechanismus von Antikyhera her. Eine Jagd um die Wette quer durch Europa.

    Phoebe Waller-Bridge und Harrison Ford in Indiana Jones und das Rad des Schicksals (James Mangold, USA 2023)

    Kommentar

    Man kann Indiana Jones und das Rad des Schicksals durch mehrere Brillen sehen und je nachdem funktioniert er mehr oder weniger gut. Durch die nostalgische Brille betrachtet, erfüllt das Abenteuer wohl nahezu alle Wünsche. Freunde des Archäologen werden ihren Spaß haben und recht gut unterhalten. Es gibt Anspielungen auf die älteren Filme zu entdecken und ein Wiedersehen mit beliebten Charakteren. Das Setdesign ist gelungen und füllt sich voll und ganz nach Indy an.

    Wechsel man jedoch die Brille, dann wird bald klar, welche Chancen hier vergeben wurden. Zum einen haben wir es mit einem alternden Helden zu tun (dem wiederum eine junge Frau zur Seite gestellt wird), der sich (trotz aller Actionszenen), seinen physischen Grenzen bewusst ist. Nun ist das Rad des Schicksals eigentlich (Spoiler!) ein Rad der Zeit. Leider wird dieses Konnex überhaupt nicht in die Story aufgenommen. Es hätte eine wunderbare Abhandlung über das Altern an sich werden können, hätte man vielleicht auf die ein oder andere der zahlreichen Verfolgungsjagden verzichtet.

    Der in der Indiana Jones-Reihe immer mitspielende historische Hintergrund hat jedes Mal auch einen gewissen Reiz ausgemacht. Wenn auch nicht so bekannt wie der Kelch oder die Bundeslade, so ist auch der 1901 entdeckte Mechanismus von Antikythera von großer Bedeutung für die Wissenschaft. Im Film hat der Schurke Jürgen Voller einen großen Anteil am Erfolg des US-Raumfahrtsprogramms. Sein reales Vorbild Wernher von Braun war ebenso für das Deutsche Reich, als eben später auch für die USA erfolgreich als Wissenschaftler tätig.

    Zu guter Letzt zurück zum Thema Alterung. Die Technik der digitalen Verjüngung von SchauspielerInnen eröffnet nie dagewesene Möglichkeiten und ist indirekt auch ein Grund für den großen Streik gleich zweier Gewerkschaften in Hollywood. Bei Indiana Jones und das Rad des Schicksals kommt da jedoch eine gewissen Computerspielästhetik auf, die sich gleich durch mehrere Actionsequenzen zieht, also nicht nur bei der digitalen Verjüngung von Harrison Ford selbst (wobei Mads Mikkelsen da ungleich furchtbarer aussieht). Erwähnt sei nur die Szene in der Jones auf dem Dach des Zuges läuft. Wenn es nicht besser geht, dann lässt man es besser gleich bleiben. Mit all der Nostalgie geht das ohnehin nicht zusammen.

    Dass bekannte Helden aus der Kiste geholt werden, ist nichts Neues und wird uns wohl für immer begleiten, auch wenn in diesem Fall der finanzielle Erfolg ausgeblieben ist. Das kann aber auf Dauer nur gut gehen, wenn man auch inhaltlich etwas zu bieten hat. Für den Gegenwert von mehr als einen Monat Streamingdienst hat sich das Publikum alles verdient. Einfallslose Massenware bekommen wir ohnehin Woche für Woche bei Netflix und Co.

    Alles in allem wird man hier mit Abstrichen gut unterhalten und mit einem rührenden Finale belohnt.


    INDIANA JONES UND DAS RAD DES SCHICKSALS (OT: INDIANA JONES AND THE DIAL OF DESTINY)
    Abenteuer, USA 2023
    Regie James Mangold
    Drehbuch Jez Butterworth, John Henri Butterworth, David Koepp, James Mangold
    Kamera Phedon Papamichael
    Schnitt Michael McCusker, Andrew Buckland, Dirk Westevelt
    Musik John Williams
    Mit Harrison Ford, Phoebe Waller-Bridge, John Rys Davies, Antonio Banderas, Mads Mikkelsen, Boyd Holbrook
    Länge 154 Min.
    Streamingplattform ab Herbst bei Disney+


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  • BARBIE ★★★★ ½

    BARBIE ★★★★ ½

    Mit Margot Robbie, Ryan Gosling Regie Greta Gerwig
    Ab 12 Länge 114 Min.

    OSCAR KANDIDAT

    Als Margot Robbie an Greta Gerwig mit der Idee zu einem Film über Barbie herangetreten ist, konnte sie wohl kaum ahnen, zu welch großem Erfolg das führen wird (Robbie war wiederum die Wunschkandidatin von Mattel). Greta Gerwig hat gemeinsam mit Noah Baumbach alles, was möglich war, aus der Marke Barbie herausgeholt. Dass dies sogar zu Kontroversen geführt hat, verwundert. Der Erfolg gibt ihnen Recht. Barbie ist sowohl eine künstlerische als auch eine kommerzielle Meisterleistung.

    Darum geht es

    Als die stereotypische Barbie (Margot Robbie) eines Morgens mit Todesgedanken aufwacht, kommt ihr der täglich wiederkehrende Rhythmus aus Party mit den anderen Barbies und Beachtime mit den Kens im rosafarbigen Barbieland auf einmal sehr seltsam vor. Irgendetwas stimmt da nicht. Mit Ken (Ryan Gosling) als blinden Passagier begibt sie sich auf eine Reise in dir reale Welt, um ihre Besitzerin (Ariana Greenblatt, America Ferrara) zu finden. Hier scheint alles auf dem Kopf zu stehen. Ken findet sofort Gefallen an seinem neuen Status als Mann und Barbie traut ihren Augen nicht, als sie in der Chefetage von Mattel erkennen muss, wer hier das Sagen hat.

    Ken und Barbie in einem Cabrio. Ken sitzt auf der Rückbank und hält ein Paar gelbe Rollerskates hoch. Im Hintergrund ist ein Regenbogen und der Schriftzug "Barbieland" zu sehen.
    Ryan Gosling und Margot Robbie in BARBIE (Greta Gerwig, USA 2023)

    Kommentar

    Manchmal könnte man meinen, es wurde schon alles gesagt, gerade wenn es um einen Sommerblockbuster geht. Im nächsten Moment sitzt man im Kino mit lauter Mädchen im Volksschulalter. Interessanterweise ist der Film bei uns tatsächlich ab 6 Jahren freigegeben. In den USA hat Barbie ein PG-13 Rating, was schon eher zutreffend ist. Wieso fällt die Beurteilung so sehr unterschiedlich aus? Jedenfalls hat man es in den USA besser getroffen. Bei uns sitzen nun Kinder im Kinosaal, die kaum etwas von der Handlung mitbekommen und sich bald langweilen. Barbie ist nämlich kein Kinderfilm und wie man das anders sehen kann ist mehr als rätselhaft.

    Greta Gerwig und Noah Baumbach ist es gelungen, auf Basis eines Spielzeugs, das seit Jahrzehnten warum auch immer fortlaufend für Kontroversen sorgt, eine Geschichte zu erzählen, die nicht nur außerordentlich unterhaltsam ist, sondern noch dazu tiefgründig. Anhand von Barbie und Ken werden Geschlechterrollen hinterfragt. Sowohl in der Spielzeugwelt, als auch unserer realen Welt. Das gelingt ziemlich gut, vor allem, wenn man bedenkt, dass man es mit einem starbesetzten Sommerfilm aus Hollywood zu tun hat.

    Wenn in ihrem Segment erfolgreiche RegisseurInnen den Sprung vom Arthousekino in den Mainstream gewagt hatten, ist das meist schief gegangen. Zu sehr hat man sich den vorgegebenen Mustern des Marktes unterworfen. Bei Gerwig und Baumbach ist das nun keineswegs der Fall. Sie schaffen die Gratwanderung zwischen Kunst und Kommerz. Ganz klar: Barbie ist eine legendäre und mächtige Marke. So ist es unumgänglich, dass so ein Film von klassischen Marketinginstrumenten begleitet wird. Mattel, die dritte Größe in dieser Produktion, überläßt da sicher nichts dem Zufall. Trotzdem hat der Konzern zugelassen, dass Barbie durchaus kritische Töne anschlägt und beweist, dass man(n) über sich selbst lachen kann. Ein Aspekt, der von manchen offenbar komplett ausgeblendet wird, sieht man sich Kommentare zum Film an.

    Darüber hinaus ist Barbie aber auch ein Genuss für Augen und Ohren. Setdesign, Ausstattung und Kostüme sind großartig. Man kommt aus dem Schauen nicht mehr hinaus. Manche meinen, Ryan Gosling stiehlt Margot Robbie gar die Show. Mag sein, dass sein Charakter spannender erscheint und für mehr Lacher sorgt. Zumindest einmal hat Ken den Film fest in der Hand: Mit „I’m Just Ken“ hat er eine fulminant inszenierte Gesangsnummer im Style der 1980er Jahre, die durchaus Chancen auf Berücksichtigung bei den Oscars haben wird. Kaum vorstellbar, dass man sich diesen Auftritt bei der Verleihung entgehen lässt.

    All jenen, die bei Barbie reflexartig die Flucht ergreifen wollen, sei gesagt: Barbie ist eine bissige Satire, die gut unterhält und auf jeden Fall einen Kinobesuch wert ist. Kinder unter 12 Jahren sollte man aber besser zu Hause lassen.

    Barbie
    Komödie, USA 2023
    Regie Greta Gerwig
    Drehbuch Greta Gerwig, Noah Baumbach
    Kamera Rodrigo Pietro
    Schnitt Nick Houy
    Musik Mark Ronson, Andrew Wyatt
    Mit Margot Robbie, Ryan Gosling, America Ferrara, Michael Cera, Will Ferrell
    Länge 114 Min.
    Im Kino


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