Die populäre Serienfigur Shaun das Schaf von Aardman Animations erlebt in Shaun das Schaf – UFO-Alarm seinen zweiten Leinwandauftritt nach dem Debüt im Jahr 2015. Den ersten Auftritt hatte die Figur 1995 im Kurzfilm Wallace & Gromit – Unter Schafen. Ursprünglich eine Nebenfigur, ist Shaun, der vor Langeweile immer auf die verrücktesten Ideen kommt, heute wohl der beliebteste Stop-Motion Charakter überhaupt. Wie schon der erste Teil wurde der Film in der Kategorie Best Animated Feature für einen Oscar nominiert.
Darum geht es
Eines Tages verirrt sich ein extraterrestrisches Wesen auf der Erde und landet just in Mossy Bottom. Seltsames passiert und die Scheune gerät in helle Aufruhr. Einzig der abenteuerlustige Shaun muss den eigenartigen Vorkommnissen natürlich auf den Grund gehen. Gleichzeitig ist eine geheime Spezialeinheit dem Neuankömmling dicht auf den Fersen. Als sich UFO Sichtungen häufen und die Bevölkerung immer mehr in Verzückung gerät, beschließt der Farmer einen UFO-Freizeitpark unter dem Namen Farmageddon zu eröffnen. Shaun versucht in der Zwischenzeit dem kleinen Außerirdischen mit den ungewöhnlichen Fähigkeiten dabei behilflich zu sein, sein UFO zu finden, damit der zurück zu seiner Familie gelangen kann.
Da prallen zwei Welten aufeinander.
Kommentar
Spätestens seit Wallace & Gromit – Alles Käse (1989) ist Aardman Animations einem breiten Publikum bekannt. Seitdem versorgt uns das Team um Peter Lord und Nick Park mit erstklassiger Stop-Motion Unterhaltung. Mit dem Verzicht auf Dialoge, dafür technischer Perfektion, liebevollen Details und allerhand Anspielungen auf die Filmgeschichte eroberte das Studio die Herzen einer großen Fangemeinde.
Das neueste Werk Shaun das Schaf – UFO-Alarm ist da keine Ausnahme. Perfektes Timing und Verweise auf Akte-X, Odyssee im Weltraum und natürlich E.T. – Der Außerirdische sorgen nicht nur bei den Kleinsten für Lacher. Auch ein junges Zielpublikum hat sich clevere Unterhaltung verdient und das hat man bei Aardman Animations schon lange erkannt.
Shaun das Schaf – UFO-Alarm (OT: A Shaun the Sheep Movie: Farmageddon)
Animationsfilm, USA 2019 Regie Richard Phelan, Will Becher Drehbuch Mark Burton, Jon Brown Schnitt Sim Evan-Jones Musik Tom Howe Länge 87 Min. Streamingplattform VOD bei diversen Anbietern
Die Globalisierung rückt thematisch vorzugsweise unter anderem dann in den Vordergrund, wenn das eigene kulturelle Habitat in Bedrängnis gerät. Im Westen sind verschiedene stilistische Einflüsse unter der nordamerikanischen Dominanz längst miteinander verschmolzen. Kooperationen mit asiatischen Produktionsfirmen brechen wiederum schnell mit unseren Sehgewohnheiten. Nun startet Netflix gemeinsam mit der chinesischen Produktionsfirma Pearl Studio einen Frontalangriff auf Disney. Das Musical Die bunte Seite des Monds nimmt ganz ungeniert Anleihen an den Grundformeln der Filme des US-Konzerns. Was passiert wäre, wenn Pink Floyd Anfang der 1970er die falschen Drogen genommen hätten, kann man in diesem für den Oscar Nominierten Animationsabenteuer bestaunen.
Darum geht es
Der Legende nach stieg einst die unsterbliche Chang-e als Göttin zum Mond auf, um dort auf ihren Geliebten zu warten. Es war das Lieblingsmärchen der verstorbenen Mutter des Mädchens Fei Fei. Als Fei Feis Vater eine neue Verlobte nach Hause bringt, beschließt sie, dem Märchen auf den Grund zu gehen und die Existenz Chang-es zu beweisen. Es gelingt ihr, eine Rakete zu konstruieren. Auf dem Flug zum Mond muss sie erkennen, dass sich ihr nervender Stiefbruder Chin mit an Board geschlichen hat. Dessen Gewicht hatte Fei Fei nicht mit einberechnet. Die Rakete droht abzustürzen. In letzter Sekunde werden sie aber von einem Lichtstrahl erfasst und auf den Mond transportiert. Von riesigen löwenartigen Mondgeistern werden sie nach Lunaria auf der Rückseite des Mondes gebracht. Dort treffen sie tatsächlich auf Chang-e und allerhand bunter Wesen.
Animationstechnisch ist Die bunte Seite des Monds schlicht überwältigend. Schrill und knallbunt präsentiert sich uns die Rückseite des Monds. In Kombination mit K-Pop Einlagen mag das zuerst einmal gewöhnungsbedürftig sein. Die Storyline ist jedenfalls klar. Das bei Disney und in Märchen generell beliebte Motiv der toten Mutter und einer trauernden Protagonistin bringt hier einiges ins Rollen und ist die Grundmotivation Fei Feis. Auf ihrer Reise begleiten sie allerhand pointenschleudernde Sidekicks. Das hundeähnliche Wesen Gobi erinnert stark an den Schneemann Olaf aus Die Eiskönigin.
Es geht ganz schön flott zu. Das kosmische Tischtennismatch zwischen Chin und Chang-e ist toll anzuschauen. Genauso sind es die Welten, die Fei Fei durchwandern muss. Die bunte Seite des Monds ist ein Abenteuer, das bei den Kleinen wohl eher Anklang finden wird, als bei Erwachsenen. Dafür hat der Film einfach zu wenig Neues zu bieten und bedient sich zu sehr an seinen Vorbildern. Eines ist aber klar: Netflix Animation hat den Fuß in der Türe. Da kann sich die Konkurrenz schon mal warm anziehen. Fehlen nur mehr die unverwechselbaren Stoffe und Melodien, die ins Ohr gehen. Das hier ist sicher einer der schwächeren Filme, die je für einen Oscar in der Kategorie Best Animation Feature nominiert wurden. Ein Film mehr für die Augen, als fürs Herz.
Die bunte Seite des Monds / OT: Over the Moon
Animationsfilm, USA/PRC 2020 Regie Glen Keane Drehbuch Audrey Wells Schnitt Edie Ichioka Musik Steven Price, Christopher Curtis, Marjorie Duffield, Helen Park Mit Cathy Ang, Phillipa So, Ken Jeong Länge 100 Min. Streamingplattform Netflix
Eine lange Reise hat das französische Drama Die Wütenden – Les Misérables von Ladj Ly hinter sich. Seit September 2020 bei Amazon Prime verfügbar, feierte einer der spannendsten Filme des vergangenen Jahres bereits 2019 bei den Filmfestspielen von Cannes seine Premiere und dort wurde ihm sogleich der Große Preis der Jury zugesprochen. Es folgte eine Nominierung für einen Oscar in der Kategorie Bester Internationaler Film. Der Film ist inspiriert von den Unruhen in den Pariser Vorstädten im Jahr 2005, bei denen auch Montfermeil betroffen war, wo diese Geschichte nun spielt. Victor Hugo siedelte seinen Roman Die Elenden (Les Misérables) in eben diesem Ort 20 km östlich von Paris an.
Darum geht es
Der Polizist Stéphane (Damien Bonnard) hat sich gerade in den Pariser Vorort Montfermeil versetzen lassen. Gemeinsam mit den zwei Kollegen Chris (Alexis Manteni) und Gwada (Djibril Zonga) lernt er auf ihren Fahrten ein multikulturelles Viertel kennen, das sich Salah (Almamy Kanouté) von der Muslimbruderschaft und ein selbsterahnter Bürgermeister (Steve Tientcheu) untereinander aufteilen. Die Lage ist latent angespannt aber weitgehend friedlich.
Als eines Tages ein Junge (Issa Perica) ein Löwenbaby aus einem in der Gegend gastierenden Zirkus stiehlt, droht die Lage zu eskalieren, nachdem einer der Polizisten in einem Tumult die Nerven verliert und den Buben verletzt. Die Folge ist eine Revolte von lokalen Jugendbanden, die die Polizisten in kürzester Zeit in große Bedrängnis bringen.
Issa Perica (Mitte) bringt durch einen kleinen. Diebstahl das ganze Viertel in Aufruhr.
Kommentar
Präsenz zeigen. Darum geht es, wenn die drei Polizisten durch den Stadtteil Les Bosquets patrouillieren. Denn wenn es ernst wird, hätten sie ohnehin keine Chance sich durchzusetzen. So regelt sich das Leben in dem Vorort von Paris von selbst. Die einzelnen Gruppen leben nebeneinander. Man respektiert sich, geht auf Distanz. Das geht gut, solange es zu keinen Zwischenfällen kommt. Das Spielfilmdebüt des französischen Regisseurs Ladj Ly fängt die vorherrschende Atmosphäre gekonnt ein. Überall kann Gefahr lauern, das Fass scheint immer kurz vor dem Überlaufen zu sein.
Den drei Polizisten sieht man die permanente Anspannung an und sie gehen auf die unterschiedlichste Art und weise damit um. Während sich Gwada zurückhält und Stéphane seinen Platz erst finden muss, geht Chris auf Konfrontationskurs und nutzt seine Machtposition aus. Übrigens genauso, wie es die Vorgesetzte in der Polizeistation tut. Ein kleiner Seitenhieb auf die Verteilung der Geschlechterrollen.
In der Eröffnungssequenz wird gefeiert. Ganz Paris ist auf der Straße. Frankreich gewinnt die Fussball-WM 2018. Bevor in großen Buchstaben der Filmtitel erscheint, drängen sich die Massen auf dem Champs Elysees. Dann kommt der harte Schnitt. Was das mit der eigentlichen Geschichte zu tun hat? Die Kinder in Montfermeil laufen mit französischen Fahnen auf die Straße. Sie stammen zum Großteil aus den Ländern Nordafrikas. Genauso wie die Eltern von Kylian Mbappé, der im Finale der Fussball-WM gerade das letzte Tor geschossen hat. Mit dem Ende der Meisterschaft rücken die Kinder wieder an den Rand der Gesellschaft. Hier setzt Regisseur Ly in Die Wütenden – Les Misérables an.
Es ist ein Mikrokosmos mit eigenen Dynamiken und Gesetzen, fernab des repräsentativen Pariser Zentrums. Hier hat sich tatsächlich eine Parallelgesellschaft etabliert, ein Zustand, der durch die Notwendigkeit des Überlebens bestimmt wird. Hier zählt vor dem Gesetz nicht was passiert ist, sondern was bewiesen werden kann. Niemand schaut hier her, solange es keine Aufstände oder Unruhen gibt.
Die Wütenden – Les Misérables
Drama, USA 2019 Regie Ladj Ly Drehbuch Ladj Ly, Giordano Gederlini, Alexis Manteni Kamera Julien Poupard Schnitt Flora Volpelière Musik Marco Casnanova, Kim Chaprion Mit Damien Bonnard, Alexis Manteni, Djibril Zonga, Issa Perica Länge 105 Min. Streamingdienst Amazon Prime
Kaum zu glauben, aber die Songs, die ein Mädchen da auf dem Bett sitzend im Zimmer ihres großen Bruders aufnimmt, werden sich einmal millionenfach verkaufen und sie zu einem der größten Popstars der Gegenwart machen. Die Dokumentation Billie Eilish: The World’s a little blurry gibt einen Einblick hinter die Fassade einer fulminanten Karriere und zeigt, dass es da keineswegs immer rosig zugeht.
Den Traum einer musikalischen Karriere hat Billie Eilish schon früh. Bereits mit 11 Jahren begann sie eigene Songs zu schreiben. Die Dokumentation profitiert davon, dass die Sängerin im Zeitalter von Smartphones und Social Media aufgewachsen ist. Somit ist praktisch alles dokumentiert und das gibt Aufschluss über den Menschen hinter einer Inszenierung, der erfolgreiche KünstlerInnen oft ausgesetzt sind. So erfährt man, dass selbst Millionen von Followern bei Instagram natürlich nicht vor Einsamkeit und Depression schützen. Der Druck, dass jeder Schritt und jede Geste genau beobachtet werden, ist enorm. Stets freundlich muss sie sein. Alles andere führt zu negativen Schlagzeilen.
Der Film umspannt die Monate rund um die Veröffentlichung des Albums When We All Fall Asleep, Where Do We Go? im Jahr 2019 und der Grammy Verleihung 2020. Tourstress, Liebeskummer und gesundheitliche Probleme plagen Billie Eilish. Ihren psychischen Zustand verarbeitet die Sängerin unmittelbar in ihren eigenen Songs. Mit ein Grund für den großen Erfolg.
Billie Eilish und ihr Bruder Finneas O’Connell
Bei all ihren Songs scheint ihr Bruder Finneas O’Connell als Produzent und Co-Songwriter auf. Die Szenen mit den beiden haben sie meist selbst mit dem Smartphone aufgenommen. Es gibt viele dieser intimen Momente, die sich Regisseur R. J. Cutler zu Nutze macht, um ein möglichst authentisches Bild der Künstlerin zu vermitteln. Auch Nick Broomfield hat das in der Dokumentation über Whitney Houston Whitney: Can I Be Me (2017) versucht. Allerdings damals ohne Unterstützung der Familie, für die der Film zu viele Einblicke in das tragische Leben der Sängerin lieferte. Das heile Bild, das ohnehin schon lange keines mehr war, sollte nach außen hin bewahrt werden.
Von außen betrachtet mag man leicht vergessen, dass es sich hier um ein junges Mädchen aus relativ einfachen Verhältnissen handelt, das in diesem Alter unter gewöhnlichen Umständen wohl anderen Interessen nachgehen würde. Nun wird sie von Menschen bedrängt die sie nicht kennt und die ihre Nähe suchen, seien es Fans oder meist deutlich ältere männliche weisse Männer aus der Musik- und Medienbranche. Da können einem schon mal die Sicherungen durchbrennen.
Die Familie ist bei Billie Eilish immer mit dabei. Sie ist bedacht, dass ihre Tochter nicht das gleiche Schicksal wie beispielsweise ihr großes Vorbild Justin Bieber erleidet und die Lösung ihrer Probleme in Alkohol und Drogen sucht. Ihr Kind davor zu beschützen scheint den Eltern bisher so weit geglückt zu sein. Billie Eilish: The World’s a little blurry erzählt auch davon, dass man sich in einer solchen permanenten Ausnahmesituation an den kleinen Dinge im Leben erfreuen kann, wie einem Haustier oder einem Donut. Für Billie Eilish gehört da auch dazu, mit einem breiten Grinsen in ihrem Traumauto durch die Straßen von Los Angeles zu kurven.
Billie Eilish: The World’s a little blurry
Dokumentation, USA 2021 Regie R. J. Cutler Drehbuch R. J. Cutler Schnitt Lindsey Utz Musik Billie Eilish, Finneas O’Connell Mit Billie Eilish, Finneas O’Connell Länge 140 Min.
Drachen erfreuen sich wie Dinosaurier einer ungebrochen Popularität. Mal als zerstörerische Waffe oder auch als treuer Begleiter. Mal monströs und dann wieder niedlich. Nun kommt mit Raya und der letzte Drache die My Little Pony-Version. Willkommen in der bunten, von Südostasien inspirierten Disney-Welt von Kumandra. Der Konzern verläßt sich auf altbekannte Rezepte. Eines kann man den Produzenten aber nicht vorwerfen, dass sie nämlich nicht mit der Zeit gehen. Der 59. Animationsfilm von Disney ist der erste für die Generation Instagram und präsentiert neuerlich eine Heldin in der Hauptrolle.
Darum geht es
Nachdem sich die Völker von Kumandra wegen eines magischen Artefaktes zerstritten haben und es zu Bruch gehen ließen, wird das Land von einem bösen Geist in Angst und Schrecken versetzt. Die Kriegerin Raya (Stimme: Kelly Marie Tan) macht sich auf den Weg, den letzten Drachen zu finden um mit dessen Hilfe das Land wieder zu vereinigen. Sie findet die Drachin Sisu (Awkwafina), doch bis die ihre Kräfte wieder zurückerlangt hat, haben die beiden noch einen langen Weg vor sich.
Sisu, die Wasserdrachin
Kommentar
Vor fünf Jahren war Vaiana das Ergebnis der erfolgreichen Bemühungen, Disneyfilme diverser zu gestalten. Damals war die Geschichte in Ozeanien angesiedelt. Rajas Welt ist stark inspiriert von der Region Südostasiens. Dass man sich für die englische Originalfassung Schauspieler aus Ostasien genommen hatte, führte zu einer Kontroverse. Nun ist das eine geographische Differenzierung, die in unseren Köpfen keineswegs verankert ist. Asien ist Asien. Auch wenn es eine Aufteilung ist, die von Außen zugeschrieben wurde, besteht zwischen der VR China, Japan und Südkorea gegenüber Indonesien und den Philippinen im Süden doch ein gewaltiger Unterschied. So gesehen schafft diese Diskussion vielleicht das Bewusstsein, dass man die 4,4 Milliarden Menschen in Asien nicht über einen Kamm scheren kann. Immerhin glauben wir in Europa bereits innerhalb der Staatsgrenzen unüberwindbare Unterscheidungsmerkmale erkennen zu können. Für etwas Exotik muss man sich mitunter nur eine halbe Stunde ins Auto setzen.
Bei Disney muss man sich nicht erst neu erfinden, um einen soliden Animationsfilm herauszubringen. Technisch ist man immer State-of-the-Art. Die prominentesten Darsteller stehen Schlange, um den HeldInnen ihre Stimme zu leihen und die Merchandiselawine rollt verlässlich bis in die entlegensten Kinderzimmer. Auf Raya und der letzte Drache trifft das ebenso zu.
Das Detailreichtum ist erstaunlich und kommt zu Hause im TV bei weitem nicht zur Geltung. Bereits die grafisch wunderschön umgesetzte Eröffnungssequenz läßt die große Leinwand schmerzlich vermissen. Raya ist definitiv ein Film gemacht fürs Kino. Die Bilder genauso wie die Musik von James Newton Howard.
Die Drehbuchautoren Qui Nguyen und Adele Lim (Crazy Rich Asiens) zitieren wild durch die Filmgeschichte und muten dem jungen Publikum ungewöhnlich viel zu. Neben der Abenteuergeschichte geht es in Raya um die Vereinigung zerstrittener Bevölkerungsteile. Wie kann es soweit kommen, dass eine Bevölkerung gespalten wird und sich vermeintliche Unterschiede etablieren, die Angst produzieren und die wiederum als Katalysator für Aggressionen und Gewalt wirkt.
Raya ist eine mutige Kriegerin. Ihre Gegenspielerin ist ebenso eine Frau. Sisu ein weiblicher Drache. Männer kommen hier nur am Rande vor und spielen für das fortkommen der Geschichte so gut wie keine Rolle. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Geschlechterrollen umgekehrt werden, ist eine Entwicklung die Disney schon länger verfolgt und dem Konzern hoch anzurechnen ist. Inwieweit die sehr erfolgreiche Vermarktung der Disney-Prinzessinnen (die in den letzten Jahren meist gar keine Prinzessinnen mehr waren) eine Rolle spielt, ist ein andere Frage.
Disney macht hier nichts falsch aber riskiert auch nichts, was zur Folge hat, dass man Raya wohl bald wieder vergessen hat. Es bleibt das Gefühl, das alles schon einmal gesehen zu haben. Raya wirkt wie eine weichgespülte Version eines Filmes des japanischen Studio Ghibli. Im Tonfall bedient man sich teilweise ganz offensichtlich einer Jugendsprache. Es wird ein mühsamer Weg werden, das Zielpublikum einmal wieder weg von Laptop und Handy, wo Unterhaltung nur mehr in Clips konsumiert wird, zurück – oder auch gar erstmals – in die Kinos zu locken. Man darf nicht vergessen, wenn das alles vorbei ist, werden ein paar Jahrgänge noch nie einen Kinosaal von innen gesehen haben.
Nachdem der Kinostart im Herbst verschoben werden musste, ist Raya und der letzte Drache, wie schon Mulan im vergangene Jahr, gegen eine extra Gebühr bei Disney+ verfügbar, bevor er in ein paar Wochen regulär im Programm landen wird.
Animationsfilm, USA 2021 Regie Paul Briggs, Dean Wellins Drehbuch Qui Nguyen, Adele Lim Schnitt Fabienne Rawley, Shannon Stein Musik James Newton Howard Mit Kelly Marie Tran, Awkwafina Länge 107 Min. Streamingdienst Disney+
Es hätte der künstlerische Erfolg von Netflix in dieser Saison werden sollen: Malcolm & Marie von Sam Levinson mit Zendaya und John David Washington in den Hauptrollen. Ein Drama gedreht auf 35mm in betörend schönen Schwarzweißbildern. Doch dann kam alles anders. Die Resonanz war sehr durchwachsen. Mal wurde der visuelle Stil gelobt, dann die schauspielerischen Leistungen. Gleichzeitig wurde das Beziehungsdrama regelrecht seziert: Die Dialoge seien zu konstruiert und Levinson mit seiner kritischen Auseinandersetzung von weißer Filmkritik sich selbst in die Falle getappt. Aber kann man unter solchen Bedingungen, mit diesen zwei Schauspielern und diesem Set überhaupt etwas falsch machen?
Darum geht es
Der Regisseur Malcolm (John David Washington) und die Schauspielerin Marie (Zendaya) kommen von einer Filmpremiere nach Hause. Es war sein großer Abend, die Premiere ein voller Erfolg. Er ist noch immer emotional aufgewühlt und steckt voller Euphorie. Doch Marie kann die Freude nicht teilen und wirkt genervt. Etwas ist vorgefallen an diesem Abend, dass sie innerlich aufgewühlt hat und ihre Beziehung auf die Probe stellt. In dieser Nacht entladen sich zwischen den beiden aufgestaute Gefühle und sie lassen ihren Emotionen freien Lauf.
Kommentar
Vorweg: Malcolm & Marie ist ein visuelles Gustostück. Gedreht wurde im Caterpillar House in Carmel, Kalifornien, einem Bungalow aus Glas mitten in unberührter Natur. Das ist natürlich eine Spielwiese für Kameramann Marcell Rév. Gleich zu Beginn, nach einer Eröffnung, die an den Film Noir erinnert, gleitet die Kamera minutenlang außen vor der Fensterfront hin und her und verfolgt Malclom durch das Haus. Es zählt zu den Großen stärken des Filmes, einen Stoff, der offensichtlich auch auf einer Theaterbühne gut aufgehoben wäre, eine kinematische Note zu verpassen, die eine reine Freude ist und gleichzeitig Spannung zu erzeugen vermag.
Der Rhythmus des Filmes ist durch das ständige hin und er der Auseinandersetzung zwischen den Beiden vorgeben. Mal gewinnt Malcolm die Oberhand und dann wieder Marie. Das wirkt an sich schon sehr konstruiert. Die eindringlichen Monologe sind regelrechte Anklagen, die man in der Realität einmal aushalten muss. Dabei wird Zwischenmenschliches auf eine höhere Ebene geholt. Es geht um die künstlerische Arbeit von Malcolm, die stark durch die Beziehung zu Marie beeinflusst ist und um Kritik an Kunstwerken an sich und über stereotype Zuschreibungen. Ein schwarzer Filmemacher wird mit anderen schwarzen Filmemachern verglichen, weil er schwarze Filme macht. Kunstkritik ist ein spannendes Feld. Meist urteilen Menschen über eine kreative Arbeit, die selbst nie einen kreativen Prozess durchgemacht haben (wenn man vom Schreiben selbst als einen solchen absieht). Nun geht es im Film um eine Filmkritikerin der L.A. Times, die Malcolms Film scharf kritisiert hat, was ihn in Rage bringt. Sie ist eine reale Person und hat dies in der Vergangenheit schon einmal mit einem Film von Levinson getan. Davon kann man halten was man will.
Einige haben sich daran gestört, dass dieser Diskurs nun gerade von einem weißen Regisseur thematisiert wird, der schwarze Darsteller inszeniert. Aber bereits da beisst sich die Katze in den Schwanz. Gibt es nun eine Trennung von schwarzer und weißer Kunst? Die eigene Sozialisation wird im Schaffen immer eine gewisse Rolle spielen, genauso wie das eigene Geschlecht. Das ist aber eine Diskussion, mit der man sich bei Malcolm & Marie erst gar nicht lange aufhalten muss.
Viel interessanter ist, wie hier Geschlechterrollen inszeniert werden und ob dieses Kammerspiel überhaupt einen Funken von Authentizität in sich birgt. Zendaya hat, so wie Washington, den Film mitproduziert und inszeniert sich quasi selbst als Verkörperung der puren Sexiness. Die Eleganz, die sie dabei ausstrahlt, sucht ihresgleichen. Nicht nur hier werden Anleihen von den goldenen Zeiten Hollywoods oder dem italienischen Kinos eines Antonioni genommen. Während sie sich immer mehr ihrer Kleider entledigt und sich um ein Uhr in der Nacht in der Badewanne eine Standpauke von Malcom anhören lassen muss, behält er Hemd und Krawatte fast die gesamte Spielzeit über an. Gleichzeitig kommt so etwas wie Intimität nie richtig auf. Liegt es am Glasbau oder an den Dialogen, bei denen immer eine Metaebene im Spiel ist?
Als reines Beziehungsdrama taugt der Film mitnichten. Dafür sind die rund 100 Minuten viel zu sehr beladen mit schwülstigen Dialogen und ständig scheint es um alles zu gehen: um die Rolle der Frau in einer Beziehung, um das Schwarzsein an sich und eben wie andere vermeintlich nicht-weiße darauf reflektieren. Vielleicht ist das aber auch ein ganz normaler Abend unter – schwarzen – Hollywoodstars. Wer weiß.
Selbst wenn die Figur Malcolm diese Interpretation für seinen Film ablehnt, ganz unpolitisch ist diese Auseinandersetzung nicht. Er hat schon recht: ist es überhaupt möglich, einen Film über Identität, Geschlechterrollen und vor allem rassistisch konnotierten Problematiken zu machen, ohne politisch zu werden?
Die völlige Abwesenheit von jeglichem Humor verleiht Malcolm & Marie jedenfalls eine Ernsthaftigkeit, die dem Film nicht gut tut. Man bekommt den Eindruck, der Film möchte mehr sein, als er eigentlich ist. Als rufe er: schaut her, wie schön ich bin und was sich alles in mir verbirgt. Am Ende ist er genauso durchdesignt wie das Haus, in dem er spielt. Trotz wunderbarer schauspielerischer Leistungen fällt es schwer, diese zwischenmenschliche Beziehung nachzuvollziehen. Es fühlt sich einfach nicht echt an.
Malcolm & Marie
Drama, USA 2021 Regie Sam Levinson Drehbuch Sam Levinson Kamera Marcell Rév Schnitt Julio Perez Musik Labrinth Mit Zendaya, John David Washington Länge 106 Min. Streamingdienst Netflix
Zwischenmenschliche Beziehungen sind bei Miranda July nichts weniger als bizarr. Bei ihrem erst dritten Spielfilm Kajillionaire ist das nicht anders. In den Filmen der vielseitigen Künstlerin sind die Einflüsse aus anderen Kunstrichtungen stets spürbar. Wir tauchen ein in die gar seltsam pastellfarbene Welt einer Familie von Kleinkriminellen. Sich auf Julys Filme einzulassen ist zugegeben für viele ein Wagnis und es ist nicht das, was wir gewohnterweise vorgesetzt bekommen. Die Regisseurin kombiniert die Absurdität aber mit Ironie und Witz. Das erleichtert den Zugang nicht nur, sondern unterhält uns bestens.
Darum geht es
Eine Familie, bestehend aus Vater Robert (Richards Jenkins), Mutter Theresa (Debra Winger) und deren Tochter Old Dolio (Evas Rachel Wood) schlägt sich als betrügerisches Trio durchs Leben. Das Verhältnis zueinander ist gelinde gesagt distanziert und nicht nur die Tochter hochgradig verhaltensgestört. Von Kind auf kennt sie nichts anderes, als das Überleben durch Gaunereien. Als sie eine Fluglinie hereinlegen wollen, um ihre Mietrückstände zu begleichen, gesellt sich Melanie (Gina Rodriguez) zur Familie und stell deren Leben auf den Kopf, natürlich ausgehend von einer an sich schon mehr als schrägen Konstellation. Old Dolio erhofft sich von Melanie jene Liebe und Zuneigung, die sie von ihrer Familie nie bekommen hat. Die Eltern versprechen sich zu bessern aber kann sie ihnen überhaupt je vertrauen?
Kommentar
Ein Überfall auf eine Postfiliale gleich zu Beginn trägt starke Züge von Perfomancekunst und gibt einen ironischen Ton vor. Old Dolio wird von ihren Eltern bloß als Mitarbeiterin angesehen. Die schlaksige junge Frau mit den etwas-zu-langen Haaren ist von Traurigkeit gezeichnet. Wer kann es ihr verdenken. Trotz Armut, dem Fehlen von menschlicher Zuneigung und einem trostlosen kalifornischen Industrieviertel ist Kajillionaire aber äußerst unterhaltsam.
Die Familie wohnt in einem an eine Seifenfabrik angrenzenden Büro. Das große Extra dieser ungewöhnlichen Unterkunft ist Seifenschaum, der von Zeit zu Zeit durch die Wand aus der Fabrik herüberdrückt. In Kajillionaire befinden wir uns nicht in einer realen Welt, sondern vielmehr in einer wie sie aussehen könnte oder im Kopf von Regisseurin Miranda July eben aussieht. Robert und Theresa haben jeglichem Besitz abgeschworen, streben nicht nach Wohlstand und wollen sich schon gar nicht mit einem regulären Arbeitsverhältnis belasten. Es ist beinahe eine Art Kult.
Doch im Kern geht es abseits der ganzen Skurrilitäten um die Sehnsucht danach geliebt zu werden. July verpasst der Geschichte schlicht eine schräge Verpackung. Verhalten, das auf den ersten Blick seltsam erscheinen mag, ist die Folge von fehlender Zuneigung. Kajillioniare zeigt, dass es sich lohnt einen Blick hinter die Fassade zu werfen. Sie verstellt meist nur den Blick auf das Wesentliche.
Dieser Text ist nach einer Vorstellung im Rahmen der Viennale 2020 entstanden.
Kajillionaire
Drama, USA 2020 Regie Miranda July Drehbuch Miranda July Kamera Sebastian Winterø Schnitt Jennifer Vecchiarello Musik Emile Mosseri Mit Evan Rachel Wood, Debra Winger, Richard Jenkins, Gina Rodriguez Länge 105 Min. Streamingdienst Amazon
[icon name=“exclamation-triangle“] Kann Spoiler enthalten
Als Wonder Woman 2017 in die Kinos(!) kam, waren große Teile des Publikums und der Presse entzückt. Der Film hob sich von den restlichen DC Comics Verfilmungen ab, bot eine Alternative zu Marvel und gleichzeitig erblickte die erste Superheldin das Licht der Leinwand. Gal Gadot hauchte der Figur Leben ein und alle waren von ihrem Charisma überwältigt. Mit Patty Jenkins führte zum ersten Mal eine Fraubei einem Blockbuster Regie. Hinsichtlich des Geschlechterungleichgewichts in der Filmbranche, kann man den beiden den Erfolg nicht hoch genug anrechnen. Mit der Fortsetzung Wonder Woman 1984 oder wie manche sagen Wonder Woman 2, kann das Team aber leider nicht an den Vorgänger anschließen. Begleitet wurde der Filmstart im Dezember 2020 von der Entscheidung von Warner Bros., deren Filme zeitgleich zur Veröffentlichung in den Kinos auch auf dem eigenen, bisher nur in den USA verfügbaren, Streaming Dienst zu vermarkten.
Darum geht es
Diana Prince (Gal Gadot) arbeitet im Jahr 1984 als Anthropologin in einer Forschungseinrichtung in Washington D.C. In ihrer Freizeit geht sie im Wonder Woman Kostüm auf Verbrecherjagd oder rettet Menschen aus brenzligen Situationen. Ihre unscheinbare Kollegin Barbara Ann Minvera (Kristen Wiig) ist nicht nur sehr angetan von Wonder Woman, sondern ebenso von Dianas selbstbewussten Auftreten.
Eines Tages weckt ein steinernes Artefakt die Aufmerksamkeit von Diana. Kann der Stein etwa Wünsche erfüllen? Gedankenverloren wünscht sie sich wieder mit Steve (Chris Pine) vereint zu sein. Als Barbara von Wonder Woman vor einem Überfall gerettet wird, wünscht sie sich nichts mehr, als so zu sein wie sie, zufällig mit den Händen auf dem Stein.
Als neuer Sponsor wird der Ölmagnat Maxwell Lord (Pedro Pascal) am Institut vorstellig. Er flirtet mit Barbara und zeigt großes Interesse am Artefakt. In einem geeigneten Moment entwendet er es. In der Zwischenzeit lernt Diana auf einer Party einen Mann kennen, der vorgibt Steve zu sein und sie auch davon überzeugen kann.
Lord spricht den folgenschweren Wunsch aus, der Stein selbst sein zu wollen und stürzt die ganze Welt in ein Chaos.
Chris Pine und Gal Gadot
Kommentar
Ohne Überlänge geht es im SuperheldInnen Segment nicht und das obwohl die Geschichten weder tiefgründig noch komplex sind. Wonder Woman 1984 eröffnet noch dazu mit einem Prolog. Wir sind zurück auf der Insel Themyscira im Mittelmeer wo das Kriegervolk der Amazonen zu Hause ist. Diana ist noch ein kleines Mädchen und tritt zu einer Art olympischen Bewerb an. Die Sequenz ist schön anzusehen. Die Musik von Hans Zimmer geht ins Ohr, wie den gesamten Film über. Diana zieht zwar ihre Lehren, die ihr im weitern Verlauf ganz hilfreich sein werden. Leider wird es der beste Teil bleiben.
Kirsten Wings Verwandlung vom Mauerblümchen zur Femme Fatale ist die größte Überraschung des Filmes, wenn auch zu Beginn sämtliche Stereotype bedient werden. Sie hatte jedenfalls sichtlich Spaß an ihrer Rolle. Wie schon in Teil 1 trägt Gal Gadot den ganzen Film mehr oder weniger alleine. Das reicht nur bei einer derart abstrusen Haltung nicht mehr aus.
Die Sache mit dem Artefakt. Die Grundprämisse ist spannend, genauso wie die Moral der Geschichte. Wenn jeder bekommt was er möchte, gibt es kein Miteinander mehr. Die Logik bleibt aber vollkommen auf der Strecke. Noch dazu entgleitet die Handlung , da es auf einmal drei ProtagonistInnen gibt, die sich verstreut auf der Welt aufhalten: Diana, Barbara und Maxwell. Der Film fällt dem Drang zum Opfer, sich gegenüber dem Vorgänger steigern zu müssen, Was das wohl für Teil 3 bedeuten mag?
Wonder Woman 1984 war wenige Stunden nach der Premiere in bester Qualität im Netz zu finden. Die Anzahl der illegalen Downloads hält sich mit jener der Kinobesuche und des Streamings die Waage. Warner Bros. muss damit gerechnet haben. Da in naher Zukunft noch mehr Streamingdienste auf den Markt drängen werden, ist mit einer weiteren Zunahme von Piraterie zu rechnen. Auch wenn ein einzelner Dienst für sich nicht die Welt kostet und monatlich kündbar ist, ist es mehr als unrealistisch, dass jemand mehr als ein halbes Dutzend Dienste abonnieren wird.
Warner Bros. wollte offenbar den eigenen Streamingdienst HBO Max stärken. Genauso hätte man den Film weltweit zum Kauf anbieten können, um den Verlust etwas abzufedern. Wobei allein in den USA 10% der Downloads durchgeführt wurden. Wohin das führt, werden die nächsten Monate zeigen. Die Filmbesprechungen waren sehr durchwachsen und eher kritisch. Das zieht einen Effekt nach sich, den man nicht unterschätzen sollte. Nicht umsonst starteten Blockbuster in den letzten Jahren weltweit mehr oder weniger zur selben Zeit.
Es gibt diese eine Szene zwischen Gadot und Pine, in der sie verzweifelt gesteht, dass sie eine neuerliche Trennung nicht ertragen kann. Es ist ein wunderbarer und erstaunlich intimer Moment, mitten im Chaos, das rund um sie herrscht. Leider kann der Film sonst weder in den lauten, noch in den stillen Momenten überzeugen. In mancher Hinsicht war Wonder Woman vor drei Jahren ein Meilenstein im Blockbustersegment. Die Fortsetzung könnte im Nachhinein auf ganz andere Weise in Erinnerung bleiben. Als Wendepunkt in der Vermarktung von Kinofilmen. Jedoch sicher nicht wegen des Filmes selbst.
WONDER WOMAN 1984 | PATTY JENKINS | USA 2020 | 152 MIN. | [usr 2,5]
Nachdem sich Netflix die weltweiten Rechte für den Western Neues aus der Welt gesichert hat, kommen wir nun zu Hause in den Genuss einer Major-Studio-Produktion von Universal. Nur Disney ist bisher mit dem eigenen Streamingdienst diesen Weg gegangen. Warner Bros. beschränkt sich noch auf den US-Markt. Auch bei No time to Die wartet Universal noch zu. Das liegt vermutlich auch an den hohen Produktionskosten und Werbeverträgen, die beim neuen James Bond mit im Spiel sind.Immerhin handelt es sich beim neuen Starvehikel mit Tom Hanks um den Oscar-Beitrag des Studios. Soviel sei schon verraten: Neues aus der Welt ist ein Film, der die große Leinwand sucht.
Darum geht es
Captain Jefferson Kyle Kidd (Tom Hanks) reitet im Jahr 1870 durchs Texas, um den Menschen gegen eine Spende die Nachrichten, theatralisch untermalt, aus den Tageszeitungen vorzulesen. Auf seiner Reise trifft er auf das junge Mädchen Johanna Leonberger (Helena Zengel), das nach einem Überfall auf ihren Wagen als einzige überlebt hat. Sie trägt die Kleidung amerikanischer Ureinwohner und spricht die Sprache der Kiowa. Von zufällig passierenden Reitern der Union Army wird er Kidd beauftragt, das Mädchen dem nächstgelegenen Bureau of Indian Affairs zu übergeben.
Dort erfahren die Beiden, dass der zuständige Beamte erst in drei Monaten zurückerwartet wird. Widerwillig erkennt Kidd an, nun für das Kind verantwortlich zu sein und entschließt sich, sie zu ihren Überlebenden Verwandten zu bringen. Johanna wurde bei der gewaltsamen Räumung einer Indianersiedlung von der Armee aufgegriffen. Die Kiowa hatten vor Jahren ihre Familie ermordet und sie verschleppt.
So ziehen die beiden gemeinsam durchs Land. Sie treffen auf Menschenhändler und von Banden kontrollierten Dörfern. Wenige Jahre nach dem Bürgerkrieg lauern überall Gefahren. Texas war bestimmt nicht der sicherste Bundesstaat. Das traumatisierte Mädchen öffnet sich nur langsam ihrem Begleiter. Hinzu kommt die sprachliche Barriere. Doch mit der Zeit wird aus den beiden eine Schicksalsgemeinschaft.
Helena Zengel und Tom Hanks
Kommentar
Wer dachte, der Western, dieses uramerikanische Filmgenre, fand mit Erbarmungslos von Clint Eastwood im Jahr 1992 sozusagen frei nach Francis Fukuyama sein Ende der Geschichte, wurde, wenn auch erst fast zwei Jahrzehnte später, eines Besseren belehrt. Allerdings fand das Genre nur mehr vereinzelt, vor allem Dank Quentin Tarantino, den Weg zurück auf die Leinwand.
Bis zu Eastwoods Abrechnung mit dem Thema Gewalt und Westernklischees durchlebte das Genre verschiedene vom jeweiligen Zeitgeist bestimmte Phasen, die mit John Ford und seinem Star John Wayne in den 1950ern ihren Anfang nahmen. Paul Greengrass knüpft nun an den frühen Western an. Neues aus der Welt ist ziemlich klassisch geraten. Die Thematik erinnert gar unweigerlich an Der schwarze Falke (The Searchers, 1956) von John Ford: ein kleines Mädchen, geraubt von Indianern, die Familie ermordet. Beide Filme spielen sogar zur gleichen Zeit, kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Allerdings sinnt es Tom Hanks nicht nach Rache.
Die Rolle des ehemaligen Captain ist Hanks auf den Leib geschrieben: Sympathisch, introvertiert und mit einem großen Herz, wie wir ihn eben kennen. Da öffnen sich keine neuen schauspielerischen Welten aber es ist eine Freude, dem 64-jährigen Schauspieler dabei zuzusehen, wie er mit großer Leichtigkeit spielt, gezeichnet vom Krieg, mit sich selbst hadert und mit seiner eigenen Vergangenheit kämpft. Es könnte seine bereits siebte Oscar-Nominierung als Hauptdarsteller werden.
Ihm zur Seite steht die zwölfjährige Helena Zengel aus Deutschland. Nur ein Jahr nach ihrem großen Erfolg Systemsprenger hat das Mädchen also den Sprung nach Hollywood geschafft. Es ist ganz sicher ein zeitlicher Glücksfall. Die Rolle der deutsch sprechenden Johanna erinnert an die ebenfalls traumatisierte Benni in Nora Fingscheidts Film. Der Erfolg scheint nicht abzureisen. Nach und nach wird Zengel in den USA für sämtliche Preise in diesem Jahr nominiert. Neues aus der Welt ist ein Tom Hanks-Film aber Zengel ist ihm eine ebenbürtige Partnerin und das ist nichts weniger als sensationell.
Greengrass‘ Film hat alle Zutaten die man von einem Western erwartet. Atemberaubend schöne Landschaftsaufnahmen, Banditen, schlafen unter freiem Himmel und natürlich einen einsamen Helden. Es ist ein ruhiger und altmodischer, um nicht zu sagen konservativer Western. Das Spannungsfeld zwischen Indianern (die im Film so gut wie gar nicht vorkommen) und den weißen Eroberern sollte im Jahr 2021 jedoch etwas differenzierter Aufgearbeitet werden. Die Option Johanna dorthin zu bringen, wo sie aufgewachsen ist, wird nicht einmal angedacht.
Immerhin gibt es die Episode in Erath Country, wo eine Bande die Bevölkerung mit einem strengen Regime und Fake News unter Kontrolle hält. Kidd stachelt die Menschen mit seinen Nachrichten, die für ihn immer auch Geschichten sind, zur Revolte auf. Hier wagt sich der Film kurz in andere Gefilde.
Handwerklich ist Peter Greengrass ein feiner Film gelungen. Die Musik von James Newton Howard ist sehr gelungen und nie zu aufdringlich. Es ist den beiden charismatischen Hauptdarstellern zu verdanken, dass wir der Geschichte bis zu ihrem rührenden Ende folgen möchten und die aus dem Film mehr herausholen, als es eine simple Beschreibung vermuten lässt. Es ist ernüchternd, diesen Film in der mehr als bescheidenden Bildqualität ansehen zu müssen, die Netflix zur Verfügung stellt. Das Auge gewöhnt sich leider allzu schnell an eine minderwertige Qualität. Spätestens in der Sandsturmszene packt einen aber dann das Grauen. Da kapituliert der Streamingdienst und Tom Hanks verirrt sich in Pixeln und Artefakten.
Neues aus der Welt [Originaltitel: News of the World]
Drama, USA 2020 Regie Paul Greengrass Kamera Dariusz Wolski Schnitt William Goldenberg Musik James Newton Howard Mit Tom Hanks, Helena Zengel Länge 119 Min.
Provincial Reconstruction Teams wurden erstmals Anfang der 2000er Jahre von der US-Armee in Afghanistan eingesetzt. Zusammensetzt aus Militärs, Diplomaten und technischen Experten sollten sie in enger Zusammenarbeit mit der Bevölkerung vor Ort den Wiederaufbau vorantreiben und lokale Regierungen gegen die Taliban unterstützen. The Outpost erzählt die wahre Geschichte eines solchen Teams in einem Außenposten im Norden Afghanistans, der am 3. Oktober 2009 bei der Schlacht von Kamdeshdurch einen Angriff der Taliban völlig zerstört wurde. Wegen seiner exponierten Lage in einer Talenge des Hindukusch galt der Posten de facto als Himmelfahrtskommando.
Darum geht es
Als die Soldaten der US-Armee in der Nacht aus den Helikoptern steigen, die sie am später Combat Outpost Keating genannten Außenposten absetzen, können sie nur erahnen, in welcher Lage sie sich nun befinden. Der nächste Morgen bringt Gewissheit: das Lager liegt in einem Talkessel und ist von steil ansteigenden Felswänden umgeben und nur durch eine schmale Straße erreichbar. Ein strategischer Alptraum.
Unter anderen Staff Sergeant Romesha (Scott Eastwood) und Specialist Carter (Cale Landry Jones) sollen unter dem Kommando von Captain Keating (Orlando Bloom) Kontakt zur lokalen Bevölkerung aufnehmen und sie von den Taliban separieren. Als Taktik wird darauf gesetzt, das Vertrauen der Dorfältesten zu gewinnen und sich auch durch Angriffe nicht provozieren zu lassen. Die Einwohner werden als friedlich eingeschätzt.
Es kommt immer wieder zu Zwischenfällen und kleineren Angriffen. Die Anspannung unter den Soldaten steigt, als sie merken, wie aussichtslos ihre Lage ist. Trotzdem bleibt man bei der defensiven Strategie. Wegen der Knappheit von Ressourcen im weit entfernten Basislager, liegt die Räumung des Camps aber trotzdem in weiter Ferne. Mehrmalige Warnungen eines lokalen Kontaktmannes über einen bevorstehenden Angriff werden nicht ernst genommen. Im Morgengrauen des 3. Oktober 2009 wird der Posten von mehr als 300 Taliban in der Schlacht von Kamdesh verwüstet.
Die Kameraführung von Lorenzo Senatore macht The Outpost erst richtig sehenswert.
Kommentar
The Outpost zeichnet sich wie Black Hawk Down oder andere Kriegsfilme der letzten 20 Jahre durch eine größtmögliche Authentizität aus. Kameraführung (Lorenzo Senatore) und Soundeffekte sollen beim Publikum den Eindruck erwecken, mitten im Geschehen zu sein. In Rod Luries Version der Kriegshölle verfolgt die Kamera (meist sind es Drohnenflüge) die Soldaten in langen Sequenzen ohne Schnitt, um möglichst hautnah an den Protagonisten dran zu sein. Die technische Finesse des Kriegsdramas ist beeindruckend.
Im Combat Outpost Keating ging es von Anfang an nur ums Überleben. Die Antwort, warum die Militärführung unter David Petraeus einen derart gefährlichen Standort gewählt hat, bleibt im Film unbeantwortet. Allerdings sind die engen mit reissenden Flüssen durchzogenen Täler eine für die Region typische Landschaft.
Langeweile und die permanente Bedrohung bestimmen den Alltag im Camp. Die Soldaten sind allesamt in ihren 20ern und unterscheiden sich in ihrer Geschichte im Wesentlichen kaum voneinander. Trotzdem stechen eine Handvoll Männer aus der Gruppe hervor, vor allem Scott Eastwood (Clints Sohn) und Cale Landry Jones. Natürlich stellt der Film das Heldentum in sein Zentrum. Beide realen Vorbilder bekamen mit der Medal of Honor die höchste militärische Auszeichung überreicht. Noch nie wurde zwei überlebenden Soldaten einer Operation gleichzeitig diese Ehre zu Teil.
Während die erste Hälfe des Filmes zur Orientierung dient, mehr oder weniger das Leben im Camp beschreibt und durch herbe Rückschläge einen mehrmaligen Wechsel der Führung notwenig macht, widmen sich die letzen 45 Minuten ausschließlich der finalen Schlacht. Dass man dabei nicht die Orientierung verliert, zeichnet die Regiearbeit von Lurie aus.
Einmal beklagt ein Dorfältester, dass die Besatzer nun schon seit Jahrzehnten im Lande seien, nur um dann aufgeklärt zu werden, dass es zuerst die Russen waren, die Afghanistan besetzt hielten. The Outpost ist kein Antikriegsfilm, der mit Kritik an der Invasion in Afghanistan aufwartet. Die Soldaten sind überzeugt davon, etwas gutes für ihr Land zu tun und für sie ist klar, wer die Guten sind und wer die Bösen. Auch klar ist, dass die afghanische Bevölkerung von den Taliban terrorisiert wurde. In diesem Spannungsfeld ist der Film mehr ein Bericht, der sich auf ein Ereignis konzentriert, ohne die Situation im Großen zu beurteilen. Das muss er auch nicht.
Als Zuseher bekommt man einen Eindruck davon, wie es sein mag, wenn man mitten im Krieg allein gelassen wird. Diese Frage nimmt The Outpost nämlich sehr wohl auf. Die Evakuierung von Combat Outpost Keating kam viel zu spät. Als die Taliban Wind von den Räumungsplänen bekamen, starteten sie ihren Angriff. Untersuchungen kamen zu dem Entschluss, dass es Mängel in der Kommandokette gegeben hatte. Am Ende starben acht US-Soldaten bei dem Angriff und 27 wurden verwundet. Ebenso verloren zehn afghanische Soldaten und Sicherheitsleute ihr Leben. Etwa 150 Taliban wurden getötet. Es war einer der blutigsten Einsätze in der 13 Jahre dauernden Operation Enduring Freedom.
The Outpost – Überleben ist alles [OT: The Outpost]
Kriegsfilm, USA 2020 Regie Rod Lurie Kamera Lorenzo Senatore Schnitt Michael J. Duthie Musik Larry Groupé Mit Scott Eastwood, Caleb Landry Jones, Orlando Bloom Länge 123 Min. Streamingdienst zum Kauf bei Amazon