Kategorie: Viennale

  • Ein Rückblick auf die VIENNALE 2025

    Ein Rückblick auf die VIENNALE 2025

    Titelbild: Ghost Elephants von Werner Herzog

    Ein Kinojahr, in dem uns Jim Jarmusch nach jahrelanger Abstinenz mit seinem neuen Episodenfilm einen Festivalliebling präsentiert, Richard Linklater gleich mit zwei Filmen vertreten ist, Willem Dafoe als Stargast mit zwei Filmen im Gepäck anreiste (einer davon, The Souffleur, spielt im vom Abriss bedrohten Festivalhotel Intercontinental), genauso wie die nicht weniger sympathische Juliette Binoche mit ihrer ersten Regiearbeit im Gartenbaukino zu Gast war, konnte die Viennale neuerlich ein leichtes Besucherplus verbuchen. Das ist in Anbetracht der Gesamtsituation, als der Konkurrenz vor dem heimischen Sofa, absolut bemerkenswert. Wie immer, bei einer derartig vielfältigen Fülle an Filmen, hätte dort und da wohl ein Stamperl Zimtschnaps – (c) Ethan Coen und Tricia Cooke – geholfen.

    Miroirs No. 3, Stadtkino Filmverleih

    Dass der deutsche Regisseur Christian Petzold in seinem ersten Jahr als Festivalpräsident mit seinem eigenen Film eröffnen durfte, sorgte dort und da doch für etwas Verwunderung. Sechs Jahre hatte das Wiener Filmfestival nach dem Tod von Eric Pleskow keinen Präsidenten oder Präsidentin. In Miroirs No.3 greift Petzold ein altbekanntes Thema auf, und es dauert nicht lange, bis wir ahnen, was hier gespielt wird. Und trotzdem: der Regisseur verleiht dem Stoff seine eigene Handschrift und hält den Spannungsbogen bis zum Ende. Über dem Familiendrama schwebt eine latente Gefahr und wenn man Paula Beer in der gefühlt immer gleichen Rolle aushält, wird man im gewohnt abgelegenen Setting der deutschen Provinz gut unterhalten. Petzolds großes Vorbild Alfred Hitchcock ist hier nicht zu übersehen. er bezeichnet sich selbst als Hitchcockianer.

    Nouvelle Vague, Polyfilm Verleih

    In diesem Jahr überrascht uns Richard Linklater mit gleich zwei neuen Produktionen. Eine davon ist aus der Leidenschaft des Filmemachens geboren. In Nouvelle Vague erzählt er von der Entstehungsgeschichte von Jean-Luc Godards Außer Atem (À bout de souffle) mit Jean Paul Belmondo und Jean Seberg in den Hauptrollen. Der Film brachte nicht nur den Durchbruch für alle Beteiligten, sondern markiert durch seine für damalige Zeiten revolutionäre Machart eine Zäsur in der Filmgeschichte. Als Vertreter der Bewegung der titelgebenden Nouvelle Vague hatte der Film Einfluss drauf, wie Geschichten erzählt wurden und vor allem auch, wie sie technisch umgesetzt werden konnten.

    Richard Linklater stellt dazu zahlreiche Weggefährten der damaligen Kunst- und Kulturszene mit Insert vor. Gedreht in schwarzweiß und im 4:3 Format nimmt er zwar Anleihen an die damalige Stilistik (es gibt sogar jene Markierungen am Bildrand, die eigentlich für den Filmvorführer den Wechsel der Filmrollen signalisieren sollen), verzichtet aber darauf den Stil der Nouvelle Vague zu kopieren.

    Die Schrulligkeit von Jean-Luc Godard bietet unzählige Möglichkeiten für unterhaltsame Momente. Nouvelle Vague ist eine liebevolle Hommage an einen entscheidenden Moment der Filmgeschichte.

    Father Mother Sister Brother, Filmladen

    Jim Jarmusch ist zurück und bekommt für seinen ersten Film nach sechs Jahren gleich erstmalig die Goldene Palme in Cannes. In Father Mother Sister Brother erzählt er drei voneinander unabhängige Familiengeschichten, die aber durch viele Feinheiten im Drehbuch und in der Inszenierung doch mit einander in Verbindung stehen. Eine Meisterklasse, bei der man aus dem Staunen nicht herauskommt. Ein Höhepunkt des Filmjahres mit Starbesetzung.

    Werner Herzog kann uns alles erzählen. Egal ob ein Exkurs über Albino Alligatoren oder Geisterelefanten. Wir hören gespannt zu. Mit seinem seiner markanten Stimme und dem gewohnt lakonischen Kommentar begibt sich Herzog in Ghost Elephants nach Angola und begleitet Wissenschaftler auf der Suche nach den größten lebenden Elefanten der Welt. Es wäre nicht Werner Herzog, wenn er nicht mitten im Dschungel stehend, einen humorvollen Kommentar auf den Lippen hätte und die Sinnhaftigkeit der ganzen Expedition in Frage stellt. Der auf ewig neugierige und abenteuerlustige Herzog begibt sich mit Vorliebe in entlegene Regionen und unbekannte Ökosysteme. So ist es auch hier, wenn er Menschen begleitet, die mit voller Leidenschaft wahrscheinlich nur einem Phantom auf der Spur sind. Ein Plädoyer für die Artenvielfalt und ein seltener Einblick in eine uns völlig fremde Lebensweise.

    Man soll sich auf sein Bauchgefühl verlassen. Schon die ersten sechzig Sekunden von Kunag ye she dai (Resurrection) von Bi Gan stimmen misstrauisch. Die ersten 20 Minuten sind wie ein Stummfilm aufgebaut, mit Texttafeln, die teils wegen der kurzen Einblendungen kaum lesbar sind. Die Protagonistin stolpert dabei von einer Kulisse in die nächste. Dann doch ein Tonfilm. Nach einer starken Stunde ist die Geduld überstrapaziert. Eineinhalb Stunden sollten noch folgen, das ist dann doch zuviel. In Cannes der Sonderpreis der Jury. Spektakuläre Sets. Ja klar. Unverkennbare Verweise an den expressionistischen Film. Es ist interessant, wie Kritiker aus aller Welt RESURRECTION krampfhaft etwas Positives abgewinnen möchten.

    Nach 2021 hat Festivaldirektorin Eva Sangiorgi den Dokumentarfilmer Avi Mograbi aus aktuellem Anlass nochmals mit seinem Film The First 54 Years – A Abbreviated Manual for Military Occupation über die Geschichte der Okkupation von Westjordanland und Gazastreifen eingeladen. Eine der guten Entscheidungen des diesjährigen Festivals. Hier kommen ehemalige Besatzungssoldaten zu Wort, die offen über ihre Gräueltaten sprechen. Vor allem die jahrzehntelange Gewalt gegen Kinder ist erschütternd. So ist bereits mehr als eine Generation unter diesen Umständen aufgewachsen. Aufgestauter Hass, der sich irgendwann entladen muss, wie uns die Geschichte gelehrt hat. Avi Mograbi gibt sich im Gespräch mit Ruth Beckermann pessimistisch. Seine Filme sind auf YouTube verfügbar (Link).

    Die, My Love, Polyfilm Verleih

    Grace und Jackson, gespielt von Jennifer Lawrence und Robert Pattinson ziehen sich auf ein Haus am Land zurück. Nach der Geburt ihres Kindes fällt Grace in ein emotionales Tief und Jackson ist viel unterwegs. Postpartale Depression als Thema in Lyne Ramsays neuestem Film Die, My Love wird zwar nie angesprochen aber ist doch nicht zu übersehen. Dass sich Jackson zurückzieht und Grace augenscheinlich in ihrer Verzweiflung allein lässt oder das sein Verhalten gar der Auslöser sein könnte sind Andeutungen, die der Film macht aber die Problematik doch sehr verkürzt darstellen. Grace‘ Eskapaden werden so gedeutet, als sei sie verrückt geworden. Hier fehlt es dem Drehbuch an Tiefe.

    Die Kamera von Seamus McGarvey ist jedoch die reinste Freude. Gedreht im wieder in Mode zu kommen scheinenden Academy Format, also 4:3, wie wir es von alten TV Geräten kennen. Weniger Raum. Keine weiten Landschaften und dafür harmonische und aufgeräumte Bildkompositionen..

    Vor mehr als 25 Jahren ging Juliette Binoche gemeinsam mit Akram Khan mit einer Performance auf Tournee. Binoches‘ Schwester dokumentierte damals den Probenablauf und die Performance mit ihrer Kamera. Nun hat sich die französische Schauspielerin an ihre erste Regiearbeit gewagt und das Material für In-I In Motion auf zwei Stunden zusammengeschnitten. Die erste Stunde sehen wir die Proben und anschließend die Aufführung.

    In-I In Motion beobachten wir vom ersten Moment weg eine intensive körperliche Erfahrung. Binoche, die zuvor noch nicht mit Tanz in Berührung gekommen ist und Khan , der sich erstmalig als Schauspieler probieren wollte. Der gegenseitige Austausch war von Anfang an Teil der Zusammenarbeit. Es ist spannend, dem kreativen Schaffensprozess beiwohnen zu können. Der Film richtet sich aber eher an ein tanz affines Publikum.

    The History of Sound, UPI Austria

    In The History of Sound von Oliver Hermanus lernen sich Lionel (Paul Mescal) und David (Josh O’Connor) 1917 am New England Conservatory kennen. Sie teilen nicht nur ihre Leidenschaft für Folk-Musik sondern auch für einander. Nach dem 1. Weltkrieg machen die beiden eine Forschungsreise, bei der sie Folk-Lieder aufzeichnen, um sie für die Nachwelt zu erhalten. Im Laufe der Jahre trennen sich ihre Wege immer wieder. Irgendwann bricht der Kontakt ab.

    Das gemächliche Erzähltempo von The History of Sound wird ihm irgendwann zum Verhängnis. Da nützen auch zwei der derzeit gefragtesten Hauptdarsteller nichts. Mann muss doch viel Geduld aufbringen bis zum schmerzlichen Finale. Man wird das Gefühl nicht los, dass hier einiges an Potential vergeben würde. Sowohl Thema und zwei Stars wären vorhanden gewesen,

    Einen Film, der im Russland unter Stalins Terror spielt und bei dem man das Gefühl nicht los wird, sich in der Gegenwart zu befinden, kann man getrost als Film der Stunde bezeichnen. Two Prosecutors (Kommt zu uns unter dem Titel Zwei Staatsanwälte) von Sergei Loznitsa erzählt von einem Staatsanwalt, der einen aus dem Gefängnis geschmuggelten Hilferuf erhält und daraufhin versucht, zu dem Gefangenen vorzudringen. Seinen Weg kann man kaum anders als kafkaesk bezeichnen. Es ist frustrierend, schockierend und ebenso humorvoll, wie sich Alexander Kornev (Alexander Kusnezow) schrittweise von einer verschlossenen Tür zur nächsten durchkämpft. In der zweiten Hälfte des Films versucht er auf die Missstände in seiner Provinz aufmerksam zu machen und Gerechtigkeit für die Gefangenen zu erlangen.

    Two Prosecutors, PROGRESS Filmverleih

    Man könnte Kornev auf den ersten Blick als Naiv bezeichnen aber, wie es Regisseur Sergei Loznitsa im anschließenden Gespräch sagt, er wusste es nicht besser. Naiv mag er vielleicht mit dem heutigen Wissensstand erscheinen aber damals hatte kaum jemand Kenntnis darüber, was das Regime tatsächlich an seinem eigenen Volk alles verbrochen hatte. Verbrechen, die sich heute leider in immer mehr Ländern wiederholen. Two Prosecutors ist einer der Filme des Jahres, den man gesehen haben sollte.

    Zum Überraschungsfilm der diesjährigen Viennale eignete sich Anemone insofern perfekt, da er zu Beginn gänzlich auf Titel verzichtet. Noch dazu nähert er sich seinen Hauptdarstellern nur zögerlich an. Daniel Day-Lewis sieht man anfangs nur von hinten oder im Dunklen. Inszeniert wird Day-Lewis so von seinem eigenen Sohn Ronan Day-Lewis, mit dem er auch das Drehbuch verfasst hat. Anemone beginnt bildgewaltig und im Grunde zieht sich das durch den gesamten Film, allerdings kann die Story über zwei Brüder (Sean Bean ist der zweite, der hier aber fast schon zum wortlosen Statisten verkommt), die sowohl von ihrer familiären Vergangenheit, als auch der Zeit im Nordirlandkonflikt geplagt sind, nicht überzeugen. Ganz auf Daniel Day-Lewis zugeschnitten gehen alle anderen Charaktere unter (in er Rolle seiner Frau: Samantha Morton). Im Grunde geht es die ganze Zeit darum, dass der eine Bruder den anderen dazu überreden möchte, wieder zu seiner Familie zurückzukehren, die der traumatisierte Soldat bereits vor der Geburt seines Sohnes verlassen hatte und der nun im Teenageralter in einer Krise steckt, mit der seine Mutter nicht fertig wird. Da braucht es schon einen Vater. Alles klar soweit?

    Honey. Don’t, UPI Austria

    Die Privatdetektivin Honey O’Donahue (Margaret Qualley) gerät in Honey, don’t durch einen ihrer Fälle an eine dubiöse Kirche und deren Anführer Drew Devlin (Chris Evans). Es st der zweite Teil einer „lesbian b-movie trilogy“ von Ethan Coen und seiner Frau Tricia Cooke. Mit dem klassischen Stoff einer Neo-Noir-Krimikomödie wollten sie ganz offensichtlich der MAGA-Bewegung trotzen. Auch wenn der Film zeitweise unterhaltsam ist, so ist die Suppe einfach zu dünn. Die Charaktere wirken wir Karikaturen. Vielleicht doch eher ein c-movie.

    Der Investigativjournalist Seymour Hersh beleuchtet seit Jahrzehnten die Abgründe der US-Außenpolitik. Angefangen von Vietnam, über Chile bis Irak ist die Liste der Skandale und Verbrechen lange. Richard Nixon und Henry Kissinger waren sich der Gefahr bewusst, die von Hersh ausgeht, wenn es darum ging ihr Vorgehen zu vertuschen.. Das belegen heute Tonbandmitschnitte. Kissinger zögerte auch nicht, gleich direkt anzurufen. Selbst etablierte Tageszeitungen und Magazine ließen Hersh nur mit Bauchweh walten. Niemand wollte Ärger mit der US-Administration und Teile der Bevölkerung sahen Hershs Arbeit mehr als Verrat, denn als notwendige Aufklärungsarbeit.

    Trotzdem ist Seymour Hersh bis heute unermüdlich darin, aufzudecken, was eigentlich im Verborgenen bleiben sollte. Es ist eine mahnende Geschichtsstunde über institutionalisierte Gewalt, die uns Laura Poitras und Mark Oberhaus in der Dokumentation Cover-Up hier servieren, nachdem Poitras 20 Jahre lang versucht hat, einen Film über Hersh zu drehen, bis dieser nun doch einwilligte. Das nächste Projekt liegt auf dem Tisch des heute 88-jährigen Hersh. Es sind Fotografien von Angriffsplänen israelischer Soldaten an den Wänden von Häusern im Gazastreifen.

    After the Hunt, Amazon Prime

    Luca Guadagnino Beitrag zur #metoo Bewegung entfachte hitzige Debatten. Nach der Premiere von After the Hunt musste sich sogar Hauptdarstellerin Julia Roberts vor der Presse rechtfertigen. Die von ihr gespielte Uni-Professorin erfährt von einer ihrer Schülerinnen, dass einer ihrer Professoren-Kollegen übergriffig wurde. Nur reagiert diese nicht so, wie man es erwarten, bzw. allgemein für richtig halten würde. In weiterer Folge lässt uns Guadagnino aber im Unklaren darüber, was nun wirklich passiert ist und das weit mehr als 2 Stunden. After the Hunt kommt nicht auf den Punkt und wirkt unausgegoren. Hinzu kommt die hier leider nervende Musik von Trent Reznor und Attiucs Ross. Für Gesprächsstoff ist jedenfalls gesorgt und Julia Roberts zeigt uns einmal mehr ihre unglaubliche Leinwandpräsenz. Ein Star eines Formats, von denen es nur mehr wenige gibt.

    Ed Saxberger (Willem Dafoe) verdient sich seinen Lebensunterhalt als Postbeamter. Vor Jahren schrieb er einen Gedichtband, der in Fachkreisen gefeiert wurde, ihm aber nicht zum Durchbruch verhalf. Als ihn eine Gruppe von jungen Schriftstellern wiederentdeckt, genießt er nach einiger Überzeugungsarbeit seinen späten Ruhm. Regisseur Kent Jones inszenierte Late Fame nach der gleichnamigen Novelle von Arthur Schnitzler und verlegt sie ins New York der Gegenwart. Zwei Welten prallen hier aufeinander, wenn ein Schriftsteller auf eine Gruppe junger Künstler trifft, deren Geltungsbewusstsein größer ist, als die Liebe zur Kunst selbst. Der Film hat ihn Österreich noch keinen Verleih und wurde von der „Standard“-Viennale-Publikumsjury ausgezeichnet.

    Weiter Filme auf dem Programm, wie The Mastermind von Kelly Reichardt, Ein einfacher Unfall von Jafar Panahi und Sentimental Value von Joachim Trier, werden bei THE REEL THERAPIST gesondert Platz bekommen.

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  • VIENNALE 2024 –  Rückblick

    VIENNALE 2024 – Rückblick

    Einer der beiden Mörder aus Michael Hanekes Funny Games U.S. hat womöglich den Film des Jahres gedreht. The Brutalist war auf der diesjährigen Viennale zu sehen und kommt im Jänner in die Kinos.

    In 13 Festivaltagen besuchten 75.800 Menschen Filmvorführungen der Viennale 2024, was einer Auslastung von 76,3% entspricht. Das ist erfreulicherweise eine kleine Steigerung zum Vorjahr. Immerhin, obwohl – wie soll man es anders formulieren – das Festival mit einen Essayfilm von Leos Carax namens C’est pas moi eröffnet wurde. Die Wiener Medien, wie wir alle wohlwollend der Viennale gegenüber eingestellt, goutierte das als „Eröffnung mit Staraufgebot“, obwohl in kaum einem Bericht herauszulesen war, was es mit dem Kurzfilm auf sich hat. Geschenkt, ab dann ging’s bergauf.

    Hier folgt der zweite Teil einer Auswahl an Filmen aus dem Programm mit den Startterminen für die nächsten Monate. Zu Teil eins gehts hier entlang.

    The Brutalist, Brady Corbet, Vereinigtes Königreich 2024, V’24 Features Adrien Brody & Isaach De Bankolé & Guy Pearce

    The Brutalist, R: Brady Corbet

    Die Freiheitsstatue steht Kopf. Brady Corbets The Brutalist ist ein bild- und tongewaltiges monumentales Werk von 215 Minuten Länge (inklusive Pause) mit herausragenden schauspielerischen Leistungen von Adrian Brody, Guy Pearce und Felicity Jones. Brody spielt den ungarisch-jüdischen Architekten László Tóth, der durch die Flucht vor dem Holocaust in die USA von seiner Frau getrennt wird. Dort wird Tóth zwar bald gefeiert aber eigentlich von der Highsociety, allen voran von Harrison Lee Van Buren (Guy Pearce), nur geduldet. Brutal nicht nicht nur wegen der titelgebenden Architekturrichtung.

    In der 70mm Projektion im Gartenbaukino eine besondere Erfahrung. Bestimmt auch ab Kinostart Ende Jänner 2025 ebenda erlebbar..

    In Cannes gewann Brady Corbet den Regiepreis. Neben Agora von Sean Baker bisher der Film des Jahres.

    The Reel Therapist Bewertung: ★★★★★

    Kinostart: 30. Jänner 2025

    Mond, Moon, Kurdwin Ayub, Österreich 2024, V’24 Features

    Mond, R: Kurdwin Ayub

    Nach ihrem bemerkenswerten Regieerstling Sonne feierte die Regisseurin Kurdwin Ayub mit Mond bereits beim Filmfest in Locarno einen großen Erfolg und gewann den Spezialpreis der Jury.

    Die ehemalige Martial Arts Kämpferin Sarah (Florentina Holzinger) bekommt das Angebot drei Schwestern einer wohlhabenden jordanischen Familie zu trainieren. Soweit so gut. Sarah kommt das gerade recht. Die Atmosphäre vor Ort ist dann aber eher ungemütlich. Die drei Teenager scheinen eingesperrt zu sein und hegen Fluchtpläne. Allerdings lässt uns die Regisseurin genauso wie ihre Protagonistin über die tatsächlichen Vorkommnisse im Unklaren. Der ältere Bruder beschwichtigt. Kann man ihm Glauben schenken? Sarah ist so passiv, das es fast schon nervenaufreibend ist. Aber was würden wir in so einer Situation machen? Uns einmischen? Wohl eher nicht. Kinohelden überlegen da oft nicht all zu lange und Kurdwin Ayub bricht so gesehen in Mond mit Sehgewohnheiten und Erwartungshaltungen. Mit Florentina Holzinger in ihrer ersten Filmrolle.

    The Reel Therapist Bewertung: ★★★★

    Kinostart: 31. Oktober 2024

    L’Empire, The Empire, Bruno Dumont, Frankreich/Italien/Deutschland/Belgien/Portugal 2023, V’24 Features

    L’Empire, R: Bruno Dumont

    Für Bruno Dumont eine Melange aus Hollywood Blockbuster und europäischen Arthaus. Silberner Bär bei der Berlinale. WTF. Ein Gnadenstern.

    The Reel Therapist Bewertung: ★

    Kinostart: möchtet ihr nicht wissen

    Between The Temples, Nathan Silver, USA 2024, V’24 Features

    Between The Temples, R: Nathan Silver

    Die Drama-Komödie Between The Temples von Nathan Silver und mit Jason Schwartzman und Carol Kane hat den Schalk hinter den Ohren. Schwartzman spielt einen trauernden Kantor, der sich auf eine ungewöhnliche Liebschaft einlässt. Davon, wie das Judentum die eigenen Traditionen auf die Schippe nimmt, können sich andere Religionen noch einiges abschauen. Eine schrullige und liebenswerte Komödie. Sehr unterhaltsam.

    The Reel Therapist Bewertung: ★★★★

    Kinostart: Unbekannt

    Queer, Luca Guadagnino, IT/USA 2024, V’24 Überraschungsfilm

    Queer, R: Luca Guadagnino

    Als der Name Daniel Craig auf der Leinwand erschien, großes Aufatmen. Queer von Luca Guadagnino war der diesjährige Überraschungsfilm. Eine andere Längenangabe im Programm hatte viele auf die falsche Fährte gelockt aber vielleicht war es auch nur eine kurzfristige Entscheidung. War es die Richtige? Ja. Hat es sich ausgezahlt? Eher nein.
    Man merkt dem Film an, dass es sich um eine Literaturverfilmung handelt. Queer kommt sehr sperrig daher. Craig und Drew Starkey streunen durch Mexiko-Stadt. Das ist schön anzusehen. Guadagnino unterlegt es unter anderem mit Nirvana. Aber es dauert, bis die Handlung in Gang kommt und dann ist der Film auch schon wieder fast zu Ende. Man muss bis zum letzten Kapitel warten, bis sich die Drogeneskapaden im Dschungel a la Guadagnino und William S. Burroughs, von dem die gleichnamige Romanvorlage stammt, entfalten. Auf emotionaler Ebene herrscht aber ziemliche Flaute. Bis auf die letzte Einstellung vielleicht. Die bleibt im Gedächtnis. Bis dahin muss man aber erstmal durchhalten.

    The Reel Therapist Bewertung: ★★★

    Kinostart: 2. Jänner 2025

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  • VIENNALE 2024 – Halbzeit

    VIENNALE 2024 – Halbzeit

    Eigentlich beginnt im deutschsprachigen Raum alljährlich im September/Oktober die Kinosaison. Die Award-Season rückt näher. Nachzügler trudeln regulär oft sogar erst im darauffolgenden Frühjahr bei uns ein . Aber so richtig durchstarten möchte das Filmjahr bisher nicht. Nachwirkungen des Streiks der Autoren in Hollywood 2023? Die Viennale holt uns da raus! Sie bringt uns verlässlich die aktuellen Festivalhighlights nach Österreich. So finden sich auch in diesem Jahr die Gewinner von Cannes und Venedig im Programm.

    Bereits die erste Hälfte der Viennale 2024 hatte schon mehrere Höhepunkte zu bieten. Eröffnet wurde mit C’est pas moi, einem Kurzfilm von Leos Carax (das war für mich keiner). Hier ein Überblick der letzten Tage. Wie immer glaubt man bei Searchlight Pictures (das sind jene, die die 20th Century Fox Fanfare geklaut haben), dass gerade deren Filme mit Mobiltelefonen aufgenommen werden und darum gibt es einen extra Sicherheitsdienst im Saal. Wenigsten haben sie sich in diesem Jahr zurück gehalten. Soviel sei schon verraten: die Angst ist zumindest bei Nightbitch völlig unbegründet. Unwahrscheinlich, dass der Film als Handyaufnahme besser wird.

    Titelbild: Szene aus Anora von Sean Baker.

    The Room Next Door, Pedro Almodóvar, Spanien 2024, V’24 Features

    The Room Next Door, R: Pedro Almodóvar

    Tilda Swinton und Julianne Moore: die Besetzung von Pedro Almodóvars erstem englischsprachigem Film lässt Filmfanherzen höher schlagen. Diesmal widmet sich der Regisseur dem Thema Sterbehilfe. Aber keine Angst. Das Thema ist ernst aber er wählt eine weniger beschwerliche Herangehensweise. Wir danken es ihm. Die schauspielerischen Leistungen sind formidabel (Swinton spielt Mutter und Tochter, als wäre das ganz selbstverständlich und das Publikum ist mehr als verblüfft und irritiert), Sets und Farbgebung wie immer ein Gedicht. Eine wie immer souveräne Regiearbeit, die aber gleichzeitig kontrovers aufgenommen wurde. Noch nie wurde schöner gestorben. The Room Next Door wurde in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

    The Reel Therapist Bewertung: ★★★★

    Kinostart: 24. Oktober 2024

    Hors du temps, Suspended Time, Jenseits der Zeit – gespannt entspannt, Olivier Assayas, Frankreich 2024, V’24 Features

    Hors du Temps (Jenseits der Zeit – Gespannt Entspannt), R: Olivier Assayas

    Zwei Paare verbringen die Zeit des ersten Lockdowns zurückgezogen in einem Landhaus. Allen voran Vincent Macaigne als Regisseur Etienne pflegt diverse Neurosen. Teilweise witzig aber am Ende nicht radikal genug für eine derartig absurde Ausnahmesituation und daher belanglos.

    The Reel Therapist Bewertung: ★★ ½

    Kinostart: unbekannt

    Anora, Sean Baker, USA 2024, V’24 Features

    Anora, R: Sean Baker

    Es war eine große Freude, als im Mai aus Cannes die Nachricht die Runde machte, dass Sean Baker mit seinem neuen Film mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde (Das Studio Neon hat somit zum vierten Mal in Folge den Hauptpreis erhalten!). Anora handelt von der gleichnamigen Sexarbeiterin in Brooklyn, die spontan einen Kunden heiratet, der, wie sich herausstellt, der Sohn eines russischen Oligarchen ist. Die Mutter ist nicht erfreut und setzt ihre Handlanger auf die beiden an. Schon lange ein Liebling des Independent Kinos, erfährt Baker nun die Aufmerksamkeit, die im gebührt. Mit Anora beweist er Fingerspitzengefühl und leitet ein exzellentes Ensemble durch eine turbulente Geschichte, die Anleihen an Screwball-Komödien nimmt und jede Sekunde am Rande der Eskalation vorbeischrammt. Mikey Madison kämpft in der Titelrolle um Liebe und Anerkennung und zeigt vollen Körpereinsatz. Perfekt getimt. Ein riesen Spaß. Große Empfehlung und ein Höhepunkt der Viennale 2024.

    The Reel Therapist Bewertung: ★★★★★

    Kinostart: 31. Oktober 2024

    Nightbitch, Marielle Heller, USA 2024, V’24 Features

    Nightbitch, R: Marielle Heller

    Amy Adams spielt eine Frau, die ihre Karriere als Künstlerin aufgegeben hat, um zu Hause bei ihrem Kind zu sein. Sie ist alles andere als glücklich. Einmal durchschlafen ist ihr nicht gegönnt. Eigentlich hasst sei sich in der Mutterrolle. Da bemerkt sie eine seltsame Transformation an ihrem Körper. Ihr Geruchs- und Geschmacksinn intensiviert sich rapide. Sie zieht die Aufmerksamkeit der Hunde in der Nachbarschaft auf sich. Es folgt ein bisschen Bodyhorror. Der Konflikt mit ihrem Ehemann, der meist auf Reisen ist und denkt, sie hat zu Hause ein tolles Leben, hat das Potential sich auf den Kinosaal zu übertragen. Aber alles in allem inkonsequent und zum Schluss viel zu nett.

    The Reel Therapist Bewertung: ★★★ ½

    Kinostart: 6 Dezember 2024

    Daneh anjeer moghadas, The Seed of the Sacred Fig, Mohammad Rasoulof, Deutschland/Frankreich/Iran 2024, V’24 Features

    Daneh anjeer moghadas (Die Saat des heiligen Feigenbaus), R: Mohammad Rasoulof

    Man kann auf viel vorbereitet sein, aber nicht auf Handyvideos aus dem Iran, die als Folge des Mordes an Zhina Mahsa Amini während der Proteste im Jahr 2022 entstanden sind. In den Sozialen Medien gemieden und jetzt auf der großen Leinwand des Gartenbaukinos.
    Regisseur Mohammad Rasoulof vergleicht das Terrorregime des Iran mit einer Sorte des Feigenbaums, die sich parasitär fortpflanzt, indem sie einen Baum tötet, um selbst überleben zu können. Die Saat des heiligen Feigenbaums ist eine Geschichte aus dem Innersten, einer Familie, die am iranischen System der totalen Überwachung und Bespitzelung zerbricht. Ein System, aus dem es kein entkommen zu geben scheint. Eine bedrückend wie starke Story, die gegen Ende hin etwas langatmig wird.

    The Reel Therapist Bewertung: ★★★★

    Kinostart: 26. Dezember 2024

    Le deuxième acte, The Second Act, Quentin Dupieux, Frankreich 2024, V’24 Features

    Le deuxième acte, R: Quentin Dupieux

    Wer absurde Geschichten liebt, wird bei Quentin Dupieux bestens unterhalten. So auch mit Le duexième acte, diesmal starbesetzt mit Vincent Lindon, Louis Garrel, Léa Seydoux und Raphaël Quenard (aus Dupieux‘ letzten Film Yannick). Immer wieder wird das Publikum abrupt aus der Handlung herausgerissen, weil sich wieder eine neue Erzählebene auftut. Streckenweise irrsinnig komisch aber als Ganzes weniger zufriedenstellend.

    The Reel Therapist Bewertung: ★★★ ½

    Kinostart: 6. Dezember 2024

    A Real Pain, Jesse Eisenberg, USA/Polen 2024, V’24 Features Kieran Culkin and Jesse Eisenberg in A REAL PAIN. Photo Courtesy of Searchlight Pictures, © 2024 Searchlight Pictures All Rights Reserved.

    A Real Pain, R: Jesse Eisenberg

    Zwei Cousins begeben sich auf eine Reise nach Polen, um den Wohnort ihrer kürzlich verstorbene Tante aufzusuchen. Innerhalb der Reisegruppe, der sie sich anschließen, tun sich einige Spannungen auf, die vor allem von Benji (Culkin) ausgehen, der die anderen durch seine direkte offene Art irritiert. Es ist ein Reise in die Vergangenheit und eine Suche nach der eigenen Identität, der sie auch in das ehemalige Konzentrationslager Lublin führt.
    Mit A Real Pain ist Jesse Eisenberg eine unglaublich stimmige Tragikomödie gelungen. Sehr überzeugend: Kieran Culkin. Da kommen Woody Allen Vibes auf. Einzig der permanente Chopin Klangteppich ist etwas nervend. Für mich die große Überraschung der Viennale 2024.

    The Reel Therapist Bewertung: ★★★★ ½

    Kinostart: 16. Jänner 2025



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  • DIE VIENNALE 2020 – DAS WAR’S VORERST

    DIE VIENNALE 2020 – DAS WAR’S VORERST

    Die zehn Tage der 58. Viennale sind vorüber. Vieles war diesmal anders, auf der Leinwand und abseits davon. Großer Respekt gebührt dem Team des Filmfestivals von der künstlerischen Leitung unter Eva Sangiorgi bis hin zu jenen zahlreichen HelferInnen, die einen reibungslosen Ablauf der Vorstellungen ermöglichten. War es genug der Prävention? Das werden wir erst in 2-3 Wochen wissen. Jedenfalls glänzte Bundesminister für Kunst und Kultur Werner Kogler durch Abwesenheit, als Bundespräsident Alexander van der Bellen bei der Eröffnung wertschätzende Worte für die Filmbranche fand. Auch zum Ende der wohl einzigen Großveranstaltung in Wien in diesem Herbst herrschte Stille. So sieht offenbar die Kulturpolitik im Jahr 2020 aus. Was soll man machen. Die Festivalleitung schreibt: „Trotz der um drei Tage verkürzten Dauer und der massiven Verringerung der Sitzplatz-Kapazitäten konnte die Viennale 42.000 Besucher*innen in den Kinosälen begrüßen. Das entspricht einer Auslastung von 74%.“

    Das Festival war kürzer, dafür waren fünf neue Kinos mit dabei: der Viennale Circuit. Leider wieder kein Multiplex Kino. Schon vor ein paar Jahren wurde das angedacht, um das Festival einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Gerade in diesem Jahr ist auch der Marktführer in Österreich bemüht, die Versorgung mit neuen Filmen zu gewährleisten. Platz wäre jedenfalls genügend gewesen.

    Produktionen aus den USA haben zum Teil gefehlt, ebenso wie Produktionen diverser Streamingdienste, allen voran der Marktführer Netflix, die sich in den letzten Jahren einen fixen Platz im Festivalzirkus errungen haben. Trotzdem: die Viennale bleibt der Ort, an dem man sensationelle Entdeckungen machen kann. Aus meiner Sicht war sie heuer weniger vorhersehbar und hat sich mir erst von Tag zu Tag erschlossen, was die ein oder andere Überraschung ermöglichte.

    14 Filme waren es in diesem Jahr. Davon zwei Kurzfilme, ein ungewöhnlich hoher Anteil an Dokumentationen und erfreulicherweise auch österreichischen Produktionen. Hier folgt Teil 2 des Überblicks (-> Teil 1 hier zum Nachzulesen):

    Kajillioniare (Miranda July, USA 2020)

    Kajillionaire ist erst der dritte Spielfilm der Autorin, Filmemacherin, Multimedia- und Perfomancekünstlerin Miranda July. Zwischenmenschliche Beziehungen sind bei July nichts weniger als bizarr. Eine Familie, bestehend aus Vater Robert (Richards Jenkins), Mutter Theresa (Debra Winger) und deren Tochter Old Dolio (Evas Rachel Wood) schlägt sich als betrügerisches Trio durchs Leben. Das Verhältnis zueinander ist gelinde gesagt distanziert, die Tochter hochgradig verhaltensgestört. Ein Überfall auf eine Postfiliale gleich zu Beginn trägt starke Züge von Perfromancekunst und gibt einen ironischen Ton vor. Trotz Armut und trostloser kalifornischer Industrieviertel ist Kajillionaire nämlich äußerst unterhaltsam. Bei einer Betrügerei gesellt sich Melanie (Gina Rodriguez) zur Familie und stell deren Leben auf den Kopf, natürlich ausgehend von einer an sich schon mehr als schrägen Konstellation.

    Nicht schrecklich nett, sondern schräg ist diese Familie (Kajillionaire .

    3.30PM (Ludwig Wüst, A 2020)

    Ein ebenso vielseitiger Künstler ist Ludwig Wüst. Seine Filme kommen mit minimalsten Mitteln aus und brechen mit unseren Sehgewohnheiten. Da kann ein Film schon mal aus einer fixen Kameraeinstellung bestehen. So geschehen in Tape End aus dem Jahr 2011. In seiner neuesten Arbeit 3.30PM verzichtet er gleich auf eine konventionelle Kamera und steckt einem seiner zwei Hauptdarsteller eine Spycam ins Knopfloch. Zwei Männer treffen sich nach vielen Jahren wieder in Wien und verbringen ein gemeinsames Wochenende. Beginnend auf einer der letzten Gstättn mitten in der Stadt, verfolgen wir die beiden bei einer lockeren Plauderei in den Prater und dann aufs Land.. Wüst vermag es mit seinen Geschichten trotz dieser stilistischen Reduktion zu fesseln. Neben den beiden Darstellern war nur noch der Tontechniker bei den Dreharbeiten mit dabei. Der Regisseur musste seinem Team – nach einem halben Tag Vorbereitung – komplett freie Hand lassen. Eine spannende Kinoerfahrung.

    Kamera abgelegt in 3:30PM von Ludwig Wüst.

    Effacer l’historique (Benoît Delépine/Gustave Kervern, F/BEL 2020)

    Eine Gruppe der Generation 40plus ist in dieser Komödie der zunehmenden Digitalisierung unseres Alltags nicht gewachsen. Die Digital Naiven, wie der deutsche Titel heißt, sagen Google & Co darauf den Kampf an. Eine Satire, bei der der Saal zweigeteilt war. In der linken Hälfte vielen manche vor lachen fast vom Sessel, recht herrschte Schweigen. Ich saß rechts.

    Effacer l’historique, Die digital Naiven, Delete History.

    Nomadland (Chloé Zhao, USA 2020)

    Fern (Frances McDormand) hat alles verloren. Ihren Mann, ihre Arbeit, ihren Wohnort. Nach der Schliessung einer Fabrik, wird die Postleitzahl der Kleinstadt Empire einfach ausgelöscht. Die Frau lebt nun in einem Van und verdingt sich als Tagelöhnerin. Das Jahr wird durch den Kreislauf diverser Jobs beistimmt. Vor Weihnachten arbeitet sie bei Amazon. Sie ist nicht allein: es gibt eine ganze Gruppe von Menschen, die wie Nomaden leben, ohne soziale Kontakte und ohne festen Wohnsitz. Im Laufe des Jahres kommt man dort und da zusammen, auch um der tristen Einsamkeit zu entgehen. Sie alle sind Opfer der in den USA vorherrschenden Rezession. Es ist ein eng mit der Natur verbundenes Leben. Die kalten, rauen und weiten Landschaften Nordamerikas spielen neben der großartigen McDormand ebenso eine Hauptrolle. Nach ihrem bereits beeindruckenden letzten Film The Rider (USA 2017), wird Zhao in dieser Award Saison hoffentlich endlich für ihre Arbeit gewürdigt. Den Goldenen Löwen in Venedig hat sie diesen Herbst schon erhalten.

    Eine Grußbotschaft von Chloé Zhao und Frances McDormand

    Epicentro (Hubert Sauper, A 2020)

    1898 explodiert der US-Zerstörer USS Maine im Hafen von Havanna. Für Hubert Sauper ist das der Ausgangspunkt seiner ungewöhnlichen Dokumentation über Kuba. Der Vorfall blieb lange ungeklärt, lieferte jedoch den Vorwand für den Krieg zwischen Spanien und den USA und prägt bis heute das Verhältnis der Karibikinsel und den USA. Sauper verknüpft die Geschichte Kubas mit jener der Kinematographie und im speziellen der des Propagandafilmes. Nicht nur die Beziehung zwischen den beiden Ländern, sondern das Leben auf der Insel selbst war und ist durch Propaganda bestimmt. Im Zentrum der Dokumentation stehen Kinder im Volksschulalter, die über die Geschichte ihres Landes reflektieren und darüber hinaus auch über die aktuellen politischen Verhältnisse in den USA erstaunlich gut Bescheid wissen. Der Film beschäftigt sich einerseits mit der realen Lebenssituation der Menschen, öffnet darüber hinaus mehrere Erzählebenen, die beispielsweise den Tourismus thematisieren und uns zahlreiche kleine Geschichten offenbaren. Es ist ein berührender Film über Träume und bittere Lebensrealitäten und es wäre keine Überraschung, wenn es Sauper ein weiteres Mal im Rennen um den Oscar auf die Shortlist für den besten Dokumentarfilm schaffen würde.

    Epicentro von Hubert Sauper.

    The Truffle Hunters (Michael Dweck/Gregory Kershaw, I/USA/GR 2020)

    In The Truffle Hunters prallen zwei Welten aufeinander: die alten Trüffelsammler, die um nichts in der Welt ihre geheimen Sammelplätze preisgeben möchten und die Händler, die um ihr Geschäft bangen. Ein melancholisch witziger Film über das Altwerden, über die Beziehung alter Männer zu ihren Hunden und dem drohenden Verschwinden einer alten Tradition in den Wäldern Norditaliens. Für Eva Sangiorgi ein Film, der exemplarisch zeigt, was die Viennale ausmacht.

    The Truffle Hunters bei der Arbeit


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  • VIENNALE 2020 – HALBZEIT

    VIENNALE 2020 – HALBZEIT

    Kino findet statt! Die Viennale 2020 ist nichts weniger als ein organisatorischer Kraftakt aus Liebe zum Kino. Bis jetzt ist er absolut geglückt. Liebe Filmfreunde, nutzt die verbleibenden fünf Tage. Es könnte für ein gewisse Zeit die letzte Möglichkeit für ein Kinoerlebnis sein. 8 Filme in den ersten 5 Tagen (davon 2 Kurzfilme und 1 Dokumentation). Der Start war auch gleich sehr vielversprechend. Hier ein kurzer Überblick.

    Mads Mikkelsen in DRUK von Thomas Vinterberg

    Druk (Thomas Vinterberg, DK 2020)

    Bei Druk von Thomas Vinterberg und mit Mads Mikkelson in der Hauptrolle wurde viel gelacht. Vier Lehrer testen aus, ob ein durchgängig minimal erhöhter Alkoholspiegel ihr Leben bereichert. Eine tragische Ebene fehlt natürlich nicht. Der Filmladen bringt die Tragikomödie demnächst ins Kino.

    Kurt Girk in AUFZEICHNUGNEN AUS DER UNTERWELT

    Aufzeichnungen aus der Unterwelt (Tizza Covi/Rainer Frimmel, A 2020)

    Aufzeichnungen aus der Unterwelt ist eine Dokumentation über Alois Schmutzer und Kurt Girk. Zwei echte Wiener, deren Schicksal sie in den späten 1960er Jahren unverschuldet ins Gefängnis brachte. Unterhaltsam und ein aufschlussreicher Einblick in die damalige Justiz. Demnächst im Stadtkino.

    The Human Voice (Pedro Almodóvar, E 2020)

    Einen Kurzfilm hat Pedro Almodóvar diesmal gemacht. Nicht nur, weil Tilda Swinton die Hauptrolle im 30 minütigen The Human Voice spielt, möchten wir mehr davon. Swinton wie immer göttlich, optisch das Ganze ein Augenschmaus. (Constantin Film)

    Intimate Distances (Philip Warnell, GB/USA 2020)

    Ich habe bisher nicht oft den Kinosaal während eines Films verlassen. Der Kurzfilm Intimate Distances ist so ein Fall.

    Sidney Flanagan in NEVER RARELY SOMETIMES ALWAYS

    Never Rarely Sometimes Always (Eliza Hittman, USA 2020)

    In Never Rarely Sometimes Always ist die 17-jährige Autumn ungewollt schwanger. Gemeinsam mit einer Freundin macht sie sich von Pennsylvania auf den Weg nach New York, wo einer Minderjährigen der Abbruch auch ohne Zustimmung der Erziehungsberechtigten erlaubt ist. Die jungen Mädchen sind mit einem tief in der Gesellschaft verankerten Sexismus und sexuellem Missbrauch konfrontiert und werden auf ihrer schwierigen Reise völlig alleine gelassen. Inszeniert ohne große Dramatik. Das Thema alleine ist bestürzend genug. (Verleih: UIP Austria)

    Falling (Viggo Mortensen, USA 2020)

    Viggo Mortensen als Regisseur, Drehbuchautor und Komponist: In Falling übernimmt er sich leider. In dem Drama müssen er und seine Familie sich an deren homophoben rassistischen Vater abarbeiten. Ein Menschenfeind, wie er im Buche steht. Leider weiß Mortensen nicht, wohin er eigentlich möchte. Ein an sich vielversprechendes Thema tritt bald auf der Stelle. Irgendwann nerven die Eskapaden des Alten nur noch. (Filmladen Filmverleih)

    Willem Dafoe in SIBERIA

    Siberia (Abel Ferrara, I/D/MEX 2020)

    Siberia ist ein schwer zu entschlüsselndes Vexierspiel zwischen  Erinnerungen, Halluzination, Gewalt und Natur. Angelehnt an C. G. Jungs Notizsammlung „Das Rote Buch“ zeigt Abel Ferrara seinen derzeitigen Lieblingsschauspieler Willem Dafoe als Mann in der Isolation, der in der Wildnis von Visionen heimgesucht wird. Eine Herausforderung für das Publikum. Nicht wenige verlassen den Saal. (Filmladen Filmverleih)

    Katherine Waterston in THE WORLD TO COME

    The World to come (Mona Fastvold, USA 2020)

    Im Nordosten der USA Mitte des 19. Jahrhunderts ist The World to come angesiedelt. Das Leben wird durch die Jahreszeiten und die raue Natur bestimmt. Hier ist sie besonders gewaltig und beschwört die Aufbruchstimmung der Protagonistin heraus, die sich dem Publikum leider durch ein aufdringliches Voice-Over offenbart: Abigail (Katherine Waterston) fühlt sich der neuen Nachbarin Taille (Vanessa Kirby)  hingezogen. Ihre Gefühle werden erwidert. Doch es ist ein Zeitalter, in dem die Männer der beiden das letzte Wort haben. Sehr stimmiges Historiendrama mit einer intensiven Liebesgeschichte und vier tollen schauspielerischen Leistungen. (Polyfilm)


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  • VIENNALE 2019 | Rückblick | Als das Foyer im Gartenbaukino ganz Wien aufgeheizt hat.

    VIENNALE 2019 | Rückblick | Als das Foyer im Gartenbaukino ganz Wien aufgeheizt hat.

    Die 57. Viennale ist vorüber. Es war die Zweite unter der Direktorin Eva Sangiorgi. Als einprägsamste Veränderung ist die, schon im Vorjahr vollzogene, Programmzusammenlegung von Dokumentar- und Spielfilmen geblieben. Schriftzug, Programmheft und Logo sind noch immer so, wie man es seit vielen Jahren gewohnt ist. Sogar die Abneigung gegenüber den, für die mediale Berichterstattung nicht unwichtigen, Stargästen ist noch da. Die Festivalzentrale im Museumsquartier liegt immer noch weit abseits von jeglicher Spielstätte. Das Publikum ist der Viennale treu geblieben: 92.100 BesucherInnen kann das Festival in diesem Jahr verbuchen. Somit hält man das Niveau der letzten Jahre.

    Dabei ist die persönliche Auswahl der Filme schwierig geworden. Neben der oben erwähnten Vereinigung von Dokumentar- und Spielfilmen, fehlen im Programmheft jegliche Hinweise darüber, auf welchen Festivals die Filme bisher gelaufen sind und ob sie dort Auszeichnungen erhalten haben. Die Viennale ist kein Premierenfestival, sondern gibt einen Überblick über das aktuelle Filmjahr. Das ist gut so. Somit können die Vorstellungen von allen besucht werden. Möchte man sich aber nun jene Filme herauspicken, die andernorts erfolgreich waren, ist eine aufwendige Recherche gefragt. So lief beispielsweise der Gewinner des Locarno Film Festival Vitalina Varela von Pedro Costa einmal im Filmmuseum und dann noch zu Mittag im Gartenbaukino. Kann man übersehen.

    Für viele sind somit die Vorstellungen um 18:00 und 20:30 im Gartenbaukino die erste Wahl. Auch in diesem Jahr konnte man so zahlreiche Highlights genießen. Oft heiß ersehnte Filme, die jedoch ohnehin in den nächsten Wochen und Monaten regulär im Kino anlaufen, wie zum Beispiel Booksmart, The Lighthouse oder Jo-Jo Rabbit und ein paar andere mehr. Die meisten übrigens in der ersten Festivalwoche. Überwiegend Produktionen aus den USA. Es sind auch jene, die am ehesten überzeugen konnten. Abseits davon Filme für sich zu entdecken, die einen begeistern, ist bei einer Auswahl von rund 300 Vorstellungen schwierig geworden.

    Beilagen von Zeitungen, wie Falter oder Standard, schaffen zumindest einen Überblick. Manche Regisseure, wie Woody Allen oder Olivier Assayas bekommen Screenings zur Primetime, unabhängig von der Qualität der jeweiligen Arbeiten. Aber gerade Woody Allen ist immer noch ein Garant für einen vollen Saal und darauf möchte man nicht verzichten. Selbst wenn er dabei sämtliche Bemühungen, das Festival weiblicher zu machen, mit seinem Frauenbild konterkariert.

    Zum Schluss sei noch die größte Überraschung des diesjährigen Festivals erwähnt. Ein Regisseur, der schon seit Jahren mit seinem eigenwilligen visuellen Bildstil und transzendendalen Themen das Publikum immer wieder auf die Probe gestellt hat, ist ins Salzburger Land gekommen, um mit einer österreichisch-deutschen Allstar-Besetzung die letzten Monate des Franz Jagerstätter mit August Diehl in der Hauptrolle zu verfilmen. A Hidden Life von Terence Malick ist nicht weniger als ein Meisterwerk geworden. Nicht nur, dass Schauspieler wie Tobias Moretti oder Karl Markovics zur Höchstform auflaufen, nutzt Malick seinen unverkennbaren Stil diesmal um eine starke Geschichte mit Relevanz zu erzählen und zwar so, dass man sich am Ende denkt: so und nicht anders. Wie die Menschen selbst im entlegensten Bauerndorf die Gunst der Stunde nutzen, um gegeneinander zu hetzen ist und die Familie eines Mannes diffamieren, der den Eid auf Adolf Hitler verweigerte, ist erschreckend. Die Qualen der Ungewissheit, die seine zurückgelassene Frau Franziska (Valerie Pachner) aushalten muss, fängt die Kamera von – erstmals – Jörg Widmer beeindruckend ein. Die Szenen rund um die Hinrichtung des mutigen Franz Jagerstätters sind ganz großes Kino und werden für immer unvergessen bleiben.

    Die Viennale bleibt also der Ort, an dem man so manchen Höhepunkt des Filmjahres zu aller erst zu sehen bekommt. Man muss vielleicht länger danach suchen als früher.


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  • V’19 |VII|THE CLIMB

    V’19 |VII|THE CLIMB

    Kurzbericht von der Viennale 2019

    Zum Abschluss ein Film über eine ungewöhnliche Männerfreundschaft. Ungewöhnlich ist in The Climb aber nicht nur die Beziehung zwischen Kyle (Kyle Marvin) und Mike (Michael Angelo Convino), sondern die Entstehungsgeschichte ebenso wie die Umsetzung. Ausgehend von einer Idee für einen Kurzfilm, die nun der Beginn des Filmes ist, haben die beiden Freunde in zwei Monaten das Drehbuch zu The Climb geschrieben.

    Unterteilt in 8 Kapitel erstreckt sich die Handlung über mehrere Jahre, in denen wir Höhen und sehr viele Tiefen dieser Beziehung zu sehen bekommen. Wobei Mike hier die Rolle des impulsiven und unberechenbaren Parts über hat und man sich immer wieder fragt, warum Kyle überhaupt mit ihm befreundet ist. Etwa, nach dem Mike gleich zu Beginn gesteht, dass er mit seiner zukünftigen Frau geschlafen hat. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass Mike sich zwischen Kyle und eine Frau stellt aber deren Beziehung scheint das auszuhalten.

    Der Film hat etwa 15 Szenen, die jeweils ohne Schnitt aufgenommen wurden. Die Kameraarbeit ist dabei sowohl präzise wie originell. Mal beobachtend und dann wieder mitten im Geschehen. Auch der Ton ist besonders hinsichtlich des Entstehungsprozesses sehr gelungen.

    Marvin und Convino standen nach der Vorstellung für ein Q&A zur Verfügung und es war einer jener Momente, wo diese halbe Stunde nicht nur aufschlussreich war, sondern den Film als solchen noch bereichert hat.

    Die beiden Filmemacher nennen Altman, Rohmer oder Sautet als Vorbilder. Sie lieben den französischen Film und Chansons. All diese Einflüsse sind zu spüren und doch haben sie mit The Climb etwas neues geschaffen, nämlich ein erfrischendes Buddymovie, der uns nicht nur zum Lachen bringt sondern auch ein autentisches Leinwandduo präsentiert, bei dem die Chemie einfach stimmt.

    [Ö-Start: 08.05.2020]


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  • V’19 |VI| A RAINY DAY IN NEW YORK | LA GOMERA

    V’19 |VI| A RAINY DAY IN NEW YORK | LA GOMERA

    Als Woody Allen Liebhaber hat man es nicht immer leicht. Eine Top-Besetzung und ein New York in warmen Herbstfarben täuschen hier nicht über teils haarsträubende Dialoge hinweg. Timothée Chalamet als Gatsby ist natürlich Allens Alter Ego und manche Gags wären tatsächlich witziger, kämen sie dem Regisseur selbst über die Lippen.

    A Rainy day in New York schwelgt in Nostalgie, die soweit führt, dass man fast glauben könnte, der Film spiele tatsächlich vor 50 Jahren. Das antiquierte Frauenbild passt jedenfalls in diese Zeit. Entweder sind es Prostituierte oder sie haben nicht immer die Kontrolle über sich. Die letzte Szene setzt dem ganzen die Krone auf.

    [Ö-Start: 5.12.2019]


    Nach und nach offenbart sich in diesem Neo-Noir-Polizeikrimi, warum der Polizist Cristi rund um die Uhr überwacht wird. Der Drogenfahnder kooperiert mit der Mafia und soll bei der Befreiung eines inhaftierten Geschäftsmannes helfen, der alleine über den Verbleib von 30 Millionen Euro Bescheid weiß. Dafür soll Cristi auf der Insel La Gomera die geheime Pfeifsprache der Inselbewohner lernen um so trotz Überwachung mit den Gangstern kommunizieren zu können. Dabei setzt sich die Geschichte mit der Zeit für das Publikum wie ein Puzzle zusammen. Am Ende führt die Reise nach Singapur in den Gardens by the Bay, wo man allabendlich ein schräges Klassikmedley über sich ergehen lassen kann.

    La Gomera ist der rumänische Beitrag für den Auslandsoscar 2020.

    [Ö-Start: 14.2.2020]


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  • V’19|V| JOJO RABBIT | MARRIAGE STORY

    V’19|V| JOJO RABBIT | MARRIAGE STORY

    Das war so nicht zu erwarten. Taika Waititis JoJo Rabbit ist eine Nazi-Persiflage, die nicht nur außerordentlich komisch ist, sondern noch dazu auf inhaltlicher Ebene überzeugt. Ob man über die Nazigräuel lachen darf, wurde schon oft diskutiert. Wer es nicht kann, sollte von dem Film die Finger lassen. Die es können, werden vor lachen fast vom Kinosessel fallen.

    Johannes „JoJo“ Betzler (Griffin Davis) ist ein Hasenfuß, gerade einmal zehn Jahre alt und ein überzeugter Nazi. Seine Mutter Rosie (Scarlett Johansson) verfolgt eine andere Agenda, die aber lange im Dunkeln bleibt. Jojo hat zwei beste Freunde. Einer davon ist Adolf Hitler (Taika Waititi), den er sich stets an seine Seite imaginiert. Jojo tut alles, um ein perfekter Nazi zu sein. Sam Rockwell als Nazi Captain und Tomasin McKenzie (bekannt aus Leave no Trace) als jüdisches Mädchen komplettieren das wunderbare Ensemble.

    Waititi wirft mit Vorurteilen jener Zeit nur so um sich, dass es eine Freude ist. Am Schluss setzt David Bowies Song „Helden“ dem ganzen die Krone auf.

    [Ö-Start: 23.1.2020 ]


    Mit Marriage Story kommt für kurze Zeit einer jener Filme des Jahres in die Kinos, bevor er im Dezember beim Streamingdienst Netflix abrufbar sein wird. Regisseur Noah Baumbach inszeniert, wie sich Scarlett Johansson und Adam Driver als Ehepaar durch ihre Scheidung verändern. Man sieht, wie die Situation sie dazu bringt, Dinge zu tun, die sie eigentlich gar nicht tun möchten. Mal ist es komisch und dann wieder niederschmetternd. Zu Beginn beschreiben sich die Beiden für den Therapeuten gegenseitig. Diese Beschreibungen am Anfang bringen den Kinosaal zum Lachen und genau diese werden das Publikum am Ende zu Tränen rühren.

    Hier passt einfach alles. Die Darsteller übertreffen sich gegenseitig, die Musik von Randy Newman bleibt in Erinnerung. Noah Baumbachs Drehbuch ist eine Chronologie dessen, wozu Menschen in einer Beziehung fähig sind, wenn die Liebe verschwunden ist. Als Beobachter ist man gleichzeitig in und her gerissen, wenn es darum geht, seine Sympathien für die beiden Hauptdarsteller zu verteilen.

    Marriage Story hat das Zeug zu einem Klassiker.

    [Ö-Start: 22.11.2019/Netflix: 6.12.2019]


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  • V’19|IV| THE LIGHTHOUSE | ZOMBI CHILD

    V’19|IV| THE LIGHTHOUSE | ZOMBI CHILD

    Kurzbericht von der Viennale 2019

    Mit betörend schönen Bildern und den finsteren Blicken seiner Hauptdarsteller lockt Regisseur Robert Eggers in sein zwei Personenstück. The Lighthouse wurde auf 35mm und in tiefstem Schwarzweiß gedreht. Das fast quadratische Filmformat 1.19:1 erlaubt kompakte Bildkompositionen, die jene in Cinemascope an Eleganz bei weitem übertreffen.
    In einem Leuchtturm auf einem Felsen arbeiten sich Willem Dafoe und Robert Pattinson bei Wind und Wetter an einander ab. Mangelnde Ernährung, Alkohol und Seefahrermythen tun das Übrige, um die Situation eskalieren zu lassen. Warum hat mich dieses intensive Kammerspiel trotzdem nicht berührt?

    [Ö-Start: 28.11.2019]



    Auf zwei Zeitebenen kombiniert Zombi Child die Kolonialgeschichte von Haiti und Frankreich mit der Offenheit der Bevölkerung des karibischen Inselstaats gegenüber dem Okulten. Im Haiti der 1960er Jahre werden Menschen mittels Vodoo in Zombies verwandelt und für die Arbeit auf den Zuckerrohrplantagen versklavt.

    In der Gegenwart versucht ein Mädchen aus Haiti in einem Pariser Eliteinternat für Angehörige von Legionären in der Klasse Anschluss zu finden. Es scheint eine Verbindung zum zweiten Erzählstrang zu geben. Alleine wollen sich diese zwei Ebenen leider nie zu einem Ganzen zusammenfügen.

    [Ö-Start: unbekannt/Stadtkino Filmverleih ]