Kategorie: Filmkritik

  • REBECCA ★★★

    REBECCA ★★★

    Den titelgebenden Klassiker hat die britische Schriftstellerin Daphne du Maurier im Jahr 1938 mit nur 21 Jahren verfasst. Bereits zwei Jahre später gelang Alfred Hitchcock eine sehr erfolgreiche Verfilmung des Romans. Es folgte eine Opernfassung in den 1980er Jahren und ein Musical von Silvester Levay und Michael Kunze in Wien im Jahr 2006. Spät aber doch gibt es nun eine Neuverfilmung von Rebecca. Regisseur Ben Wheatley hat den romantischen Thriller für die Generation Netflix auf Hochglanz poliert und für die Streamingplattform inszeniert.

    Darum geht es

    Monte Carlo in den 1930er Jahren. Eine namentlich nicht genannte junge Frau (Lily James) reist als Begleiterin einer schrulligen alten Dame durch Europa. Im gleichen Hotel abstiegen ist Maxim de Winter (Armee Hammer), ein in der besseren Gesellschaft bekannter wohlhabender junger Mann aus England. Maxim leidet offenbar unter dem Tod seiner jüngst verstorbenen Frau Rebecca. Trotzdem kommen sich die Beiden unter den neugierigen Blicken der anderen Gäste näher. Einladungen zu Ausflügen, auf kleine Zettelchen geschrieben, verkünden das Interesse des Witwers. Ein Heiratsantrag folgt prompt und das Paar reist auf das feudale Anwesen Manderlay in England. Dort erwartet sie die Haushälterin Mrs. Danvers (großartig finster: Kirstin Scott Thomas). Bald stellt sich heraus, dass der Tod Rebeccas wie ein dunkler Schatten über dem Anwesen liegt. Die neue Mrs. de Winter ist mit Wutausbrüchen ihres Mannes konfrontiert, immer dann wenn er sich an seine verstorbene Frau erinnert fühlt. Mrs. Danvers‘ Verehrung für Rebecca zeigt manische Züge. Rebeccas Zimmer scheinen einem Museum gleich unberührt geblieben zu sein. Die junge Frau gerät immer mehr in Bedrängnis. Die Verzweiflung wächst und eines Nachts steht Mrs. de Winter am offenen Fenster, Mrs. Danvers im Rücken, ihr ins Gewissen redend, dass sie keine Chance gegen die immer noch bestehende Liebe zwischen Maxim und Rebecca haben kann. Doch der Landsitz Manderlay verbirgt ein düsteres Geheimnis.

    Lily James als Mrs. de Winter und Armie Hammer als Maxim de Winter. (C) KERRY BROWN/NETFLIX

    Kommentar

    Der Stoff ist großartig, dass muss man sagen und die Verfilmung glamourös. Sie vereint den klassischen Roman mit zeitgemäßem Chic à la Der große Gatsby (2013) von Buz Luhrmann. Die aktuelle Version hält sich näher an der Vorlage als Hitchcock das konnte, was auch den damaligen gesellschaftlichen Konventionen geschuldet ist. Nach 80 Jahren muss man einen Film aber nicht zwangsläufig mit seinem Vorgänger vergleichen. Die Wenigsten, die die neue Verfilmung erreichen wird, würden sich wohl an den Oscar prämierten Klassiker in schwarzweiss mit Joan Fontaine und Laurence Olivier in den Hauptrollen heranwagen.

    Hier haben wir es mit einer Interpretation zu tun, die für das Zielpublikum geradezu maßgeschneidert ist. Opulente Sets und Garderoben und zwei junge Leinwandstars, die es verstehen, mit der Kamera zu flirten. Dass die Geschichte dabei kaum Identifikationsmöglichkeiten bietet, liegt am Ausgangsmaterial. Regisseur Wheatley (High Rise) gelingt es in diesem Mystery-Thriller mittels Traumsequenzen nur zeitweise eine bedrohliche Atmosphäre zu schaffen (hervorzuheben ist eine schöne Ballsequenz). Dafür sind die Farben von Rebecca dann doch zu kräftig und die Darsteller abseits von Kirstin Scott Thomas doch zu leichtgewichtig. Spätestens, wenn die Geschichte von Manderlay in einen dörflichen Gerichtssaal wechselt, kann die Grundstimmung nicht gehalten werden. Rebecca wird seinen Zweck erfüllen und ein junges Publikum ansprechen. Ein großer Wurf ist aber nicht gelungen.

    Streamingplattform

    Netflix


    REBECCA | BEN WHEATLEY | GB 2020 | 122 MIN. | [usr 3]


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • VERGIFTETE WAHRHEIT ★★★★ ½

    VERGIFTETE WAHRHEIT ★★★★ ½

    Perfluoroctansäure ist eine Industriechemikalie, die zur Herstellung von Polytetrafluorethylen (PTFE) benötigt wird. Noch nie gehört? Diese Chemikalien sind aber aus unserem Leben kaum wegzudenken. PTFE ist besser unter dem Namen Teflon bekannt. Diese künstlich hergestellten und so gut wie nicht abbaubaren Stoffe können heute in nahezu jedem Lebewesen auf der Welt nachgewiesen werden. Auch bei Eisbären in der Antarktis. Der US-Chemiekonzern DuPont hat mit dieser Chemikalie jahrelang Parkersburg in West Virginia verseucht und die Gesundheit von tausenden Menschen aufs Spiel gesetzt. DuPont gilt als führender Verschmutzer von Trinkwasser in den USA. Regisseur Todd Haynes erzählt in Vergiftete Wahrheit von der Aufdeckung dieses Umweltskandals.

    Darum geht es

    Der Farmer Wilbur Tennant (Bill Camp) ist wütend. Er hat fast alle seiner Kühe verloren. 160 hat er bereits begraben. Eines Tages knallt er Robert Bilott (Mark Ruffalo), Verteidiger von Chemiekonzernen in einer Anwaltskanzlei, Kisten mit Videokassetten auf den Tisch. Aufnahmen, die für Tennant beweisen sollen, dass mit seinem Land irgendetwas nicht stimmt. Bilott steht normalerweise auf der anderen Seite und vertritt Chemiekonzerne. Die Vorfälle in Parkersburg beschäftigen ihn aber und er beginnt nachzuforschen. Bald stapeln sich Kisten mit Dokumenten der Firma DuPont in seinem Büro.

    Der Chemiekonzern ist Hauptarbeitgeber in der kleinen Stadt und offenbar nicht nur unternehmerisch äußert erfolgreich, sondern auch wenn es um Vertuschung und das Verbreiten von Falschinformation geht. Die Spur führt zu einer Deponie von DuPont flussaufwärts. Für Bilott beginnt ein Kampf, der mehrere Jahrzehnte andauern sollte. Sein Boss Tom Terp (Tim Robbins) hält ihm jahrelang den Rücken frei, obwohl der Fall so gar nicht in das Profil der Kanzlei passt. Seine Frau Sarah (Anne Hathaway) merkt, dass sich die Arbeit und die damit einhergehende psychische Belastung, nicht zuletzt in der Angst um Leib und Leben begründet, immer mehr auf die Gesundheit ihres Mannes schlägt. 1999 erhebt Bilott zum ersten Mal Anklage gegen DuPont. Folgeprozesse dauern bis heute an.

    Wilbur Tennant (Bill Kamp) kämpft ums Überleben.

    Kommentar

    Vorweg: Vergiftete Wahrheit hatte im Dezember 2019 Premiere, am Höhepunkt der vergangenen Award Season und wurde sträflich übergangen. Die umweltpolitische Brisanz dieses Ökodramas zieht sich über mehrere Jahrzehnte bis zum heutigen Tag, bis in jeden Haushalt. Hinter einer großen Errungenschaft versteckt sich hier die Gier nach Profit, koste es was es wollte.

    Die Entstehung des Films ist zu einem großen Teil seinem Hauptdarsteller zu verdanken. Mark Ruffalo ist dem breiten Publikum durch seine Rolle als Hulk bekannt, spielte aber auch in zahlreichen kleineren Produktionen wie The Kids Are All Right (2011). Hier ist er in einer seiner seltenen Hauptrollen zu sehen. Was weniger bekannt ist: Ruffalo ist auch ein Umweltaktivist und die Verfilmung des Skandals rund um den Konzern DuPont war ihm schon lange ein Anliegen. Vergiftete Wahrheit ist eine seiner stärksten Arbeiten und deren Verwirklichung zum großen Teil im zu verdanken.

    Hier wird das Grundproblem klar: ein Schadstoff muss als solcher deklariert werden und die Konzentration, ab der dieser tatsächlich schädlich ist, festgelegt werden. Das passiert nicht nach objektiven Kriterien, sondern jeweils durch eine Kommission, auf die die Industrie großen Einfluss hat. Es ist haarsträubend, wenn man mitbekommt, was hinter den Kulissen zwischen Gesundheitsbehörden und den Stakeholdern abläuft. Das Verdienst von Vergiftete Wahrheit ist, die Missstände aufzuzeigen und einem Pragmatiker die Bühne zu bieten, der sein ganzes Leben in den Dienst dieser Sache stellt: Robert Bilott.

    Doch das hier ist kein Heldenepos. Bilott führt einen Kampf, bei dem es keine Gewinner geben kann. Über 600 Millionen Dollar musste DuPont an die Opfer auszahlen aber die Schäden sind nicht wieder gut zu machen. Krebserkrankungen und Kinder, die mit Behinderungen auf die Welt kommen: Vergiftete Wahrheit zeichnet eine düstere Welt. In den braun-grün-stichigen Bildern von Kameramann Ed Lachman gelingt es Todd Haynes eine fast schon dystopische Atmosphäre in mitten der Gesellschaft zu schaffen. Die Kleinstadt Parkersburg mag für uns weit weg sein, wasserabweisende Materialien wie Teflon oder das aus Delaware stammende Gore-tex sind aber Teil unseres Alltags und auf einmal ist die Welt wieder klein.


    VERGIFTETE WAHRHEIT (OT: DARK WATERS) | TODD HAYNES | USA 2019 | 216 MIN. | [usr 4,5]


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • THE TRIAL OF THE CHICAGO 7 ★★★★ ½

    THE TRIAL OF THE CHICAGO 7 ★★★★ ½

    Das Jahr 1968 wurde in den USA von Gewalt und Unruhen überschattet. Laufende Proteste gegen den Vietnamkrieg und die Ermordung von Robert F. Kennedy und Martin Luther King heizten die Stimmung an. Ende August fand in Chicago der Parteitag der Demokraten statt, bei dem ein Nachfolger von Präsident Lyndon B Johnson für die anstehenden Wahlen gefunden werden sollte. Proteste von Kriegsgegnern führten zu Zusammenstößen mit der Polizei und die Lage eskalierte. Die Suche nach Schuldigen mündete in einen der größten Justizskandale in der Geschichte der USA. Regisseur und Drehbuchauto Aaron Sorkin hat sich in The Trial of the Chicago 7 dem Prozess angenommen und ihn für Netflix mit einem All-Star Cast verfilmt.

    Darum geht es

    Die Protagonisten verschiedener linker pazifistischer Gruppierungen versuchten im Vorfeld des Parteitages Genehmigungen für Kundgebungen und ein Musikfestival zu erhalten: Abbie Hoffman (Sacha Baron Cohen) und Jerry Rubin (Jeremy Strong) von der Youth International Party (Yippies), Tom Hayden (Eddie Redmayne) vom National Mobilization Committee to End the War in Vietnam, Bobby Seale (Yahya Abdul-Mateen II), Mitbegründer der Black Panther Party, Rennie Davis (Alex Sharp) von der American anti-Vietnam War Bewegung und die Aktivisten David Dellinger (John Carroll Lynch), Lee Weiner (Noah Robbins) und John Froines (Daniel Flaherty). Die Genehmigungen wurde ihnen verwehrt.

    Die Nixon Administration bezichtigte sie, geplanterweise Staatsgrenzen überschritten zu haben, um in Chicago Unruhen auszulösen. Die Angeklagten wurden von William Kunstler (Mark Rylance) vertreten und der Staat Illinois von Richard Schultz (Joseph Gordon-Levitt). Die Verhandlung unter dem Vorsitz von Richter Julius Hoffman (Frank Langella) wurde nicht zuletzt wegen seiner unqualifizierten Äußerungen und der skandalöser Führung zur Farce.

    Kommentar

    Die historischen, nun 50 Jahre zurückliegenden, Begebenheiten sind hierzulande kaum bekannt. Das wird sich nun ändern. Obwohl es mehr als 10 Jahren dauerte, bis das Drehbuch von Aaron Sorkin (The Social Network, Molly’s Game), das er ursprünglich für Stephen Spielberg geschrieben hatte, unter seiner Regie nun doch noch verfilmt werden sollte, kommt The Trial of the Chicago 7 gerade zur rechten Zeit. Das Klima in den USA ist dem von Ende der 1960er nicht unähnlich. Wieder stehen sich linke und rechte Lager gegenüber, befeuert durch den US-Präsidenten selbst und liefern sich Straßenschlachten. Das Land scheint wieder an der Kippe zu stehen. Die Gräben sind tief und die Zukunft ungewiss.

    Der humorvolle Unterton dieses Gerichtssaaldramas täuscht nicht über die Atmosphäre des Hasses hinweg, die hier in der Luft liegt. Das Ziel ist klar: Man möchte den bunten und unliebsamen Haufen von der Straße weg und hinter Gitter bringen. Außerhalb des Gerichtssaales wurden die Angeklagten von ihren Gefolgsleuten bald als Helden hochstilisiert. Sorkin, bekannt für seine rasanten und geschliffenen Dialoge, verkürzt den Monate dauernden Prozess auf knappe zwei Stunden Länge. Das gelingt im grandios. Die Zeitsprünge in der Handlung stören den Fluss dabei nicht. Man behält den Überblick obwohl die Verhandlung aus juristischer Sicht hoch komplex ist.

    Solide in Szene gesetzt von Kameramann Phedon Papamichael liegen die Stärken von Chicago 7 in der bis in die Nebenrollen exzellenten Besetzung und dem Drehbuch von Sorkin. Glaubt man den Branchenblättern, kann sich Sorkin große Chancen auf einen Oscar ausrechnen. Aber was weiß man in diesem Jahr schon. The Trial of the Chicago 7 ist jedenfalls der Beweis, dass sich dieses Kinojahr, auch was den US-Film betrifft, keineswegs verstecken muss.

    Streamingdienst

    Netflix


    THE TRIAL OF THE CHICAGO 7 | AARON SORKIN | USA 2020 | 130 MIN. | [usr 4.5]



    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • ON THE ROCKS ★★★★

    ON THE ROCKS ★★★★

    Siebzehn Jahre nach ihrer ersten Zusammenarbeit in Lost in Translation bringt die Regisseurin Sofia Coppola erneut Bill Murray in einer seiner raren Hauptrollen ganz groß auf die Leinwand. Groß in jeglicher Hinsicht: die Vater-Tochter-Beziehungskomödie On the Rocks ist eine One-Man-Show in der Murray das Geschehen mit seiner unglaublichen Leinwandpräsenz jeden Augenblick unter Kontrolle hat. Die Lacher hat er dabei auf seiner Seite. Die feministische Brille sollte man auf dieser Fahrt durch die New Yorker Nächte aber zu Hause lassen.

    Darum geht es

    Laura (Rashida Jones) ist Schriftstellerin aber gerade mehr mit ihrer Rolle als Mutter beschäftigt. Ihr Mann Dean (Marlon Wayans) befindet sich mit seiner Firma gerade auf einem Höhenflug und ist ausgelastet. Tag und Nacht wie es scheint. Gewisse Indizien machen Laura stutzig. Kann sie ihrem Mann noch trauen? Sie bittet ihren Vater Dean (Bill Murray) um Hilfe. Hauptberuflich betuchter Lebemann, Kunsthändler im Nebenjob, fühlt sich gleich in seinem Element und beginnt mit einer umfassenden Investigation. Dabei hält er sich nicht mit allerhand Ratschlägen und Lebensweisheiten zurück.

    Laura und Felix undercover unterwegs durch New York.

    Kommentar

    Ich war noch niemals in New York, zumindest bin ich bei jedem Besuch in einem Kinosessel gesessen. New York ist also ein cinephiler Sehnsuchtsort. Vermutlich würde ich mich sogar auskennen, würde man mich an einer Straßenecke aussetzen. Wenn ein Filmemacher mit dieser Stadt in Verbindung steht, dann ist es Woody Allen. Jetzt wäre es unfair, jederzeit einen Vergleich mit seinen Filmen anzustellen, wenn die Stadt und ein Frauenschwarm eine Hauptrolle spielen. Das hat On the Rocks auch gar nicht nötig. So gut unterhalten wie hier hat man sich in einem Allen Film leider schon länger nicht.

    Es ist ganz und gar Bill Murrays Film. Die Rolle des Gigolo ist ihm auf den Leib geschrieben. Jede auch noch so kleine Geste sitzt. Die hierzulande weniger bekannte Rashida Jones steht ihm zur Seite. Die Verzweiflung ist ihr ins Gesicht geschrieben. So richtig über sich hinauswachsen kann sie aber nicht. Ein großer Gefühlsausbruch findet nicht statt. Sie bleibt passiv und überlässt ihrem Vater das Ruder. Jetzt doch noch ein Vergleich mit Woody Allen, wobei seine Frauenfiguren zuletzt von einer kindlichen Naivität geprägt waren. Ganz so ist es bei Coppola nicht. Mehr Drive hätte dem Film hier aber gut getan. Dadurch bekommt der Film eine Schlagseite, die zwar nicht auf Kosten des Humors geht, die Richtung ist aber vorgegeben. Laura kann ihrem Vater wenig Konter geben.

    New York hat sich nie so unecht angefühlt wie hier: Ohne Ende Parkplätze am Straßenrand. Ein Kindergarten, der im echten Leben sicher keiner ist, ebenso wie ein Ballettstudio, dass es so nur im Film geben kann oder in Öl auf Leinwand. Eine Stadt eben wie gemacht für das Kino. Wir haben es hier aber ohnehin mit der Upperclass zu tun. Ein Sozialdrama will das auch nicht sein. Eher schon eine Liebeserklärung an die Väter der Generation Francis Ford Coppola. Auch das darf einmal sein.

    On The Rocks ist Coppolas bisher unterhaltsamster Film. Ein Film wie ein Glas Wodka Martini, bei den vielleicht dort und da the rocks fehlen. In kurzweiligen eineinhalb Stunden folgt aber eine Pointe der nächsten und man kann sich gemütlich zurücklehnen und ist dabei bestens unterhalten.

    Dank einer längerfristigen Kooperation der Produktionsfirma A24 mit Apple, wird On The Rocks später im Oktober auf der Streamingplattform Apple+ zu sehen sein. Das ist jener Dienst, zu dem jeder gratis Zugang bekommen hat, der in diesem Jahr ein Apple Produkt gekauft hat oder jemanden kennt, der ein Apple Produkt gekauft hat. Nichts desto trotz: On the Rocks ist jetzt die beste Gelegenheit einen schönen Kinoabend in einem Programmkino in eurer Nähe zu verbringen!


    ON THE ROCKS | SOFIA COPPOLA | USA 2020 | 96 MIN | [usr 4]


    NEUESTE BEITRAGE VON THE REAL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • ÜBER DIE UNENDLICHKEIT ★★★★

    ÜBER DIE UNENDLICHKEIT ★★★★

    Spät aber doch. Das trifft wohl in den nächsten Monaten auf jeden Kinostart zu. So auch auf Über die Unendlichkeit, für den der schwedische Regisseur Roy Andersson bereits im vergangenen Jahr den Silbernen Löwen in Venedig gewonnen hat. Andersson ist für seine statischen gemäldeartigen Tableaus bekannt. Handlung gibt es keine. Dialoge sind ebenso rar. Das klingt gewöhnungsbedürftig. Dabei sind die einzelnen Szenen von einer wunderbaren Traurigkeit und Schönheit. Ein magischer Kinomoment.

    Darum geht es

    „Ich habe einen Mann gesehen … “ Eine weibliche Erzählstimme leitet fast jede der eigenständigen Szenen ein. Begleitet von elegischer Musik sind die Sequenzen in Grautönen gehalten. Ein schlecht gelaunter Zahnarzt, ein Pfarrer, der seinen Glauben verloren hat oder einer Frau mit Kinderwagen, der in einer Bahnhofshalle der Stöckel ihres Schuhs abbricht: Andersson zeigt uns Banalitäten, die im Kino zu großen Tragödien werden, mal traurig, mal komisch aber immer mit einer gewissen Melancholie behaftet.

    Entschuldige, heißt du Lisa Larsson?

    Kommentar

    Totale Einstellungen, gestochen scharf bis zum Horizont. Alles liegt hier im Fokus. Darin Menschen, die offensichtlich platziert zu sein scheinen. Die Dialoge fallen eher knapp aus. Roy Anderssons lässt sich von bildender Kunst inspirieren, zum Beispiel von Edward Hopper. Die Bilder sind bis ins kleinste Detail durchkomponiert. Die Sets werden in mühsamer Kleinarbeit im Studio konstruiert und mittels Greenbox zusammengefügt.

    Anderson entwickelte seinen unverkennbaren Stil in Anlehnung an den schwedische Funktionalismus der 1950er Jahre über Jahrzehnte in kurzen Werbefilmen. Erst Anfang des letzten Jahrzehnts widmete er sich wieder dem Spielfilm und ist seitdem gern gesehener Festivalgast. Die Themen kreisen um Religion, Krieg und die Entfremdung zwischenmenschlicher Beziehungen. Die Menschen wirken in dieser grauen Welt oft deplatziert und sind mit ihren Gedanken ganz woanders. Spannenderweise ist diese arg artifizielle Welt zutiefst menschlich. Wirklich Neues hat Über die Unendlichkeit in dieser Hinsicht nicht zu bieten. Trotzdem vermag uns Andersson immer noch zu verzaubern. Knappe 76 Minuten über die Unendlichkeit der Dinge, die eine Freude sind.

    The Living Paintings of Roy Andersson – Ein Blick hinter die Kulissen


    ÜBER DIE UNENDLICHKEIT (Om det oändliga) | ROY ANDERSON | SWE 2019 | 76 MIN. | [usr 4]


    AKTUELLE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • LOVECUT ★★★ ½

    LOVECUT ★★★ ½

    Wo warst du? Es ist 10 Uhr Vormittag!“ Die Sorgen der Eltern stoßen auf völliges Unverständnis. Der Handyakku war leer. Was soll man da machen. Die sechs Teenager dieser Schweizer Produktion sind zu sehr mit ihrem Liebesleben beschäftigt, als dass Zeit für Nebensächlichkeiten bleiben würde. Gecastet wurden sie in einem langwierigen Prozess vom Regieduo Iliana Estañol und Johanna Lietha. Für ihr Spielfilmdebüt haben sie Laien engagiert und sich viele Geschichten angehört, die sie nun in Lovecut verarbeitet haben. Ein Horrorfilm für Eltern.

    Darum geht es

    Sex-Tapes und Skype-Dates, Clubnächte und Abendessen mit den Eltern. Der Episodenfilm Lovecut folgt sechs jungen Menschen bei ihrer Suche nach Liebe, Beziehung und Körperlichkeit. Die Anonymität und die Schnelllebigkeit des Internets prägen jene Lebensrealitäten, in denen die Jugendlichen Beziehungen (aus-)probieren und die eigene Identität erforschen. Ein flirrender Drift durch eine Lebensphase, die wahnsinnige Energien freisetzt – produktive wie zerstörerische. (Diagonale’20 Katalog)

    Revoltieren ist anstrengend.

    Kommentar

    Was tun, wenn man auf dem Computer der Tochter Sexclips findet? „Stell dir vor, das stellt jemand ins Internet!“ Das Publikum weiß längst: zu spät. Die rasante Entwicklung des Internets, mit allem was dazugehört, hat eine ganze Generation überrollt und für deren Kinder ist die digitale Vernetzung schon selbstverständlich. Nur umgehen damit ist eine andere Sache. Das scheint die Sorgen der Eltern zu multiplizieren. Aber die kommen hier nur am Rande vor und füllen nur ihre altbekannten Rollen.

    Lovecut konzentriert sich auf das Liebesleben von Jugendlichen in Wien. Die Episoden sind geschickt ineinander verwoben. Im Zuge ihrer Recherche, sind die beiden Regisseurinnen Estañol und Lietha auf diese Geschichten gestoßen. Das verlieht dem Film eine große Intimität und Authentizität. Dass es sich um LaiendarstellerInnen handelt, trägt das Übrige dazu bei.

    Wir sehen ein Wien aus der Perspektive der Jugendlichen, abseits von architektonischem und touristischem Glanz. Das erinnert an Adrian Goigingers Bild von Salzburg, das er uns in seinem Film Die Beste aller Welten gezeigt hat. Die Alte Donau, Nachtclubs und Wohnsiedlungen sind die Kulisse für die ersten Liebesdramen. Von Zukunftsängsten ist nichts zu spüren. Was zählt ist der Moment und der emotionale Kick. Der einzige Berührungspunkt zur Außenwelt sind sie mahnenden Eltern, denen es aber schier unmöglich ist, zu ihren Kindern durchzudringen.

    Lovecut endet abrupt. Das ist nur Konsequent, um die Schnelllebigkeit zu vermitteln, von der sich die Jugendlichen treiben lassen. Am Ausgang der Geschichten hat sich nichts verändert. Auch wenn sich der Beginn durch die digitale Kommunikation verändert hat, endet es doch immer gleich, nämlich im Bett.

    Verleih

    Stadtkino Filmverleih


    LOVECUT | Produktion, Buch, Regie: ILIANA ESTAÑOL und JOHANNA LIETHA | CH 2020 | 94 MIN | [usr 3,5]


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • I’M THINKING OF ENDING THINGS ★★★½

    I’M THINKING OF ENDING THINGS ★★★½

    Das wird jetzt kompliziert. Dabei unterhalten sich hier doch nur zwei Endzwanziger in einem Auto! Es wäre nicht Charlie Kaufman, der vielleicht gefragteste Drehbuchautor unserer Tage (Being John Malkovich, Eternal sunshine of the spotless mind), wenn er in seiner neuen Regiearbeit reinen Tisch machen würde. Denn irgendwas ist hier höchst mysteriös. Die Zeitabläufe geraten hier gehörig durcheinander. Was ist Traum und was Wirklichkeit? Was wie ein Ende einer Romanze beginnt, artet bald in eine lyncheske Fantasie aus. Aber nur fast. Das wird jetzt anstrengend.

    Darum geht es

    Eine junge Frau (Jessie Buckley) sinniert darüber, ihren Freund Jake (Jesse Plemons), der gerade neben ihr im Auto sitzt, zu verlassen. Sie befinden sich auf einer Autofahrt zu Jakes Eltern. Es ist für sie einer dieser großen Schritte im Laufe einer Beziehung. Ihre Gespräche sind von einer Trostlosigkeit durchzogen, genauso wie die verlassene winterliche Landschaft, durch die sie fahren. Die Eltern (Toni Collette und David Thewlis) verhalten sich während des Abendessens höchst seltsam. Die Situation ist genauso komisch wie unheimlich. Unterbrochen wird die Handlung immer wieder durch Szenen mit einem älteren Schulwart. Der Rückweg führt die beiden Mitten in der Nacht durch ein Schneegestöber zuerst zu einem Fast-Food-Restaurant und dann zu Jakes ehemaliger Highschool. Über den finalen Akt sei nicht zuviel verraten. Es passiert allerhand Seltsames und Unerwartetes.

    Was für eine Nacht!

    Kommentar

    Das erste, was hier ins Auge sticht, ist die Ausstattung. Die Blumenmuster der Tapeten suchen ihres Gleichen. Kameramann Łukasz Żal (Ida, Cold War) setzt die sich über weite Strecken des Films ziehende Autofahrt bravurös im 4:3 Format um. Die verlassene Landschaft, oftmals nur im Hintergrund zu spüren, trägt ihres zur Grundstimmung bei. Die Kamera verläßt das Auto aber nie. Es gibt keine Einstellungen, in denen man das Auto von außen durch die Landschaft fahren sieht. Die rythmische Bewegung der Scheibenwischer durchzieht wie ein Metronom den ganzen Film. I’m thinking of ending things ist bis ins kleinste Detail durchkomponiert, ohne dass dies je störend wirken würde. Der visuellen Umsetzung steht eine Erzählung gegenüber, die das Publikum wohl zum Großteil ratlos zurücklassen wird. Der Film verlangt dechiffriert zu werden, lässt das aber nur bedingt zu.

    Die Romanvorlage stammt vom kanadischen Schriftsteller Iain Reid. Der Film bleibt aber im Gegensatz zum Roman in seinen Andeutungen, die dem leichteren Verständnis dienen, vage. Als gleich zu Beginn der titelgebende Satz in den Gedanken der jungen Frau fällt, scheint es fast so, als hätte ihn Jake gehört. Bald passiere Dinge, die sich nicht leicht erklären lassen. Wenn man genau hinhört, läßt sich vielleicht das größte Rätsel entschlüsseln, das dem Film zugrunde liegt. Es sind Hinweise, wie ein kleines Foto, die wechselnden Namen und Fähigkeiten der jungen Frau, die eine Fährte legen. I’m thinking of ending things muss aus einer literarischen Erzählweise heraus betrachtet werden. Nicht erst im letzten Drittel brechen dann alle erzählerischen Mauern ein. Man kann sich nur zurücklehnen und die wunderbar choreographierten Szenen genießen (Tanzeinlagen!). Folgen kann man der Erzählung hier schon längst nicht mehr. Wenn man bis hierhin durchgehalten hat, die endlosen Dialoge gehen nämlich auf die Substanz, bleibt uns Charlie Kaufman bei einer Laufzeit von über 2 Stunden einiges an Erklärungen schuldig. Oder wer erinnert sich noch genau an Dialogzeilen aus A beautiful mind aus dem Jahr 2001? Schade, denn etwas weniger Rätselhaftigkeit hätte dem Film gut getan. Es ist nicht zuletzt den wunderbaren Darstellern zu verdanken, das man den Figuren bis zuletzt folgen möchte.

    Streamingdienst

    Netflix


    I’AM THINKING OF ENDING THINGS | CHARLIE KAUFMAN | USA 2020 | 134 MIN. | [usr 3,5]


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • MULAN ★★★

    MULAN ★★★

    Während sich zwischen den USA und China ein brisanter Wirtschaftskrieg anbahnt, schickt Disney die legendäre chinesische Kriegerin aus dem 5. Jahrhundert los, um weltweit die Bildschirme zu erobern. Mulan ist den Kinderschuhen entwachsen. Zusätzlich zum Disney+ Abo möchte das Filmstudio 22€ (bzw. 30$), bevor das Leinwandabenteuer im Dezember für alle NutzerInnen verfügbar sein wird. Ein 200-Millionen-Dollar Spektakel für die Couch. Kommende Woche dann im Kino, allerdings nur China.

    Darum geht es

    Der Kaiser von China erlässt eine Verordnung und das schon vor eineinhalbtausend Jahren recht unmissverständlich: Um den Feind an der Seidenstraße zu besiegen, muss jede Familie einen Krieger für die kaiserliche Armee stellen. Hua Zhou (Tzi Ma), Kriegsheld, hat zwei Töchter und sieht es als eine Pflicht an, darum neuerlich selbst in den Kampf zu ziehen. Seine Tochter Hua Mulan (Liu Yifei) kommt ihm zuvor und macht sich mit der Uniform und dem Schwert des Vaters aus dem Staub. Höflichkeit, Etikette und Eleganz gehören nicht zu deren stärken. Schon als kleines Mädchen fällt sie durch ihren Wagemut und ihrer Geschicklichkeit auf. Vor allem die Mutter und später die Heiratsvermittlerin sind entsetzt. Der Vater ist sich der Problematik bewusst, kann seinen Stolz aber doch nicht ganz verbergen.

    Als Mann verkleidet ordnet sich Mulan den männlichen Soldaten unter. Die merken bald, das sie ihnen überlegen ist. Wie lange wird sie ihr Geheimnis bewahren können?

    Hua Mulan ist den Kriegern in der kaiserlichen Armee überlegen.

    Kommentar

    Unaufhaltsam – also fast unaufhaltsam – kommen nach und nach reale Neuverfilmungen der Disney Animationsfilme (alles Klassiker!) in die Kinos. Auch bei Mulan gilt, wie bei den Vorgängern, dass hier eigentlich nicht viel real ist. Das tut dem Film nicht unbedingt gut und man fragt sich, was der Film gekostet hätte, wäre er ohne die deutlich kostengünstigeren computergenerierten Bilder ausgekommen. Der Film ist bildgewaltig (Kamerafrau: Mandy Walker) und zeigt sich in einer intensiven Farbenpracht. Der Mythos wurde auf Hochglanz poliert. Soll so ein, immerhin sind wir hier bei Disney. Seine volle Wirkung kann der Film aber wohl nur auf der Leinwand entfalten.

    Diesmal ist es keine 1:1 Neuauflage des Originals. Die Altersfreigabe ab 12 Jahren lässt es erahnen. Hier wird scharf geschossen. Ob das so mit dem Familienfernsehabend was wird? Jedenfalls wurde der Stoff weiterentwickelt. Am Anfang steht der Vater von Mulan im Mittelpunkt und ganz allgemein ist Mulan erwachsener geworden. Die dümmlichen Sidekicks fehlen zur Gänze. Wir haben es mehr mit einem Heldenepos zu tun. Ständig ist von Ehre die Rede. Manchmal etwas zu viel. Eine eingebettete Lovestory bleibt uns erspart, obwohl Disney Mulan wie seine Prinzessinnen vermarktet. Sie ist mehr eine Seelenverwandte von Viana.

    Die Hauptdarstellerin Liu Yifei füllt die Rolle mit ihrem Charisma aus. Emanzipation steht im Vordergrund und ihr Counterpart Xian Lang (Gong Li) ist ebenfalls eine Frau. Die Geschichte in diese Richtung zu trimmen ist sicherlich ein kluger Schachzug und durchaus gelungen. Alle Charaktere werden von asiatischen SchauspielerInnen verkörpert. Nur bei der Regie hat das nicht geklappt. Regisseurin Niki Caro (Whale Rider) setzt jedoch die richtigen Akzente und ist für den Film auf jeden Fall ein Gewinn.

    Weil sich jetzt Unmut über die Kosten von Disneys Vermarktungsstrategie breit macht: Es war nie der Deal, dass auf Disney+ aktuelle Kinofilme laufen werden. Ausserdem erlaubt der Abodienst sechs Profile, wovon vier gleichzeitig schauen können. Also. Viel spannender ist die Frage, was es für Folgen hat, wenn dies nun ein Erfolg werden sollte. Auch wenn es erstmal ein Einzelfall bleiben soll, so ist es doch nicht ganz auszuschließen, dass es dann ganz anders kommen wird. Nicht auszudenken, wenn die Zugpferde aus den Kinos verschwinden.


    MULAN | NIKI CARO | USA 2020 | 115 MIN | [usr 3]


    NEUESTE BEITRAGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • THE CLIMB ★★★★

    THE CLIMB ★★★★

    Jetzt verfügbar bei

    VOD

    Eine ungewöhnliche Männerfreundschaft. Ungewöhnlich ist in The Climb aber nicht nur die Beziehung zwischen Kyle (Kyle Marvin) und Mike (Michael Angelo Covino, Regie), sondern die Entstehungsgeschichte ebenso wie die Umsetzung. Ausgehend von einer Idee für einen Kurzfilm, die nun der Beginn des Filmes ist, haben die beiden Freunde in zwei Monaten das Drehbuch zu The Climb geschrieben.

    Darum geht es

    Unterteilt in 8 Kapitel erstreckt sich die Handlung über mehrere Jahre, in denen wir Höhen und sehr viele Tiefen dieser Beziehung zu sehen bekommen. Wobei Mike hier die Rolle des impulsiven und unberechenbaren Parts über hat und man sich immer wieder fragt, warum Kyle überhaupt mit ihm befreundet ist. Etwa, nach dem Mike gleich zu Beginn während einer Radtour gesteht, dass er mit Kyles zukünftigen Frau geschlafen hat. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass Mike sich zwischen Kyle und eine Frau stellt aber deren Beziehung scheint das auszuhalten.

    The Climb (USA, 2019)

    Kommentar

    Der Film hat etwa 15 Szenen, die jeweils ohne Schnitt aufgenommen wurden. Die Kameraarbeit ist dabei sowohl präzise wie originell. Mal beobachtend und dann wieder mitten im Geschehen. Auch der Ton ist, besonders hinsichtlich des Entstehungsprozesses, sehr gelungen.

    The Climb feierte eine erfolgreiche Premiere in Cannes und lief weiters auch in Sundance, Toronto und München. Marvin und Covino standen nach der Vorstellung während der Viennale im vergangenen Jahr für ein Q&A zur Verfügung und es war einer jener Momente, wo diese halbe Stunde nicht nur aufschlussreich war, sondern den Film als solchen noch bereichert hat.

    Die beiden Filmemacher nennen Altman, Rohmer oder Sautet als Vorbilder. Sie lieben den französischen Film und Chansons. All diese Einflüsse sind zu spüren und doch haben sie mit The Climb etwas neues geschaffen, nämlich ein erfrischendes Buddymovie, das Charme und technische Finesse vereint, uns nicht nur zum Lachen bringt sondern auch ein authentisches Leinwandduo präsentiert, bei dem die Chemie einfach stimmt. Eine Empfehlung.


    THE CLIMB | USA 2019 | MICHAEL ANGELO COVINO | 98 MIN. | [usr 4]


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • TENET ★★★

    TENET ★★★

    Der Lauf der Dinge hat Christopher Nolens Tenet zur buchstäblichen Karotte werden lassen, der alle Filmfans seit Wochen hinterherlaufen. Lange Zeit schien der neue Science-Fiction-Film von einem der wichtigsten Regisseure unserer Zeit unerreichbar zu bleiben. Über den Inhalt konnte nur spekuliert werden und der Trailer war konfus und wirkte wenig überzeugend. Es ist dem ständigen Bestreben Nolans zu verdanken, den Kinobesuch selbst zum einzigartigen und unersetzbaren Erlebnis werden zu lassen, dass Tenet dort und da doch noch in den Kinos gestartet ist. Ohne allzu viel Werbung und begleitet von hygienischen Unsicherheiten, die ein Kinobesuch heute mit sich bringt, läuft der erste Blockbuster in diesem Jahr vor beinahe leeren Sitzreihen (Auch wenn aus den USA vermeldet wird, das Einspielergebnis übertreffe die Erwartungen). Vieles diesseits der Leinwand ist heute anders aber auch auf der Leinwand gibt es Neues zu sehen. Hat sich das Warten gelohnt?

    Darum geht es

    Ja? Bitte werfen sie 2€ in den Automaten und es folgt eine Erklärung der vergangenen einhundertfünfzig Minuten. Im Gegensatz zur Kinokassa würden sich hier wohl Schlangen bilden. Der namenlose Protagonist, gespielt von John David Washington, trägt jedenfalls wenig zur Aufklärung bei. Das bringt auch jedes veröffentlichte Filmstill zum Ausdruck. Ein wo-bin-ich-hier und was-geht-hier-vor ist dem Geheimagenten in jeder Einstellung in die Stirnfalten geschrieben. Er solle Schlimmeres als einen Nuklearkrieg verhindern. Von einer Wissenschaftlerin erfährt er, dass es in der Zukunft möglich sein wird, Objekte invertieren zu lassen, das heißt, dass sie in der Zeit zurückgehen können. Beispielsweise kann so ein Gegenstand, der in der Zukunft fallengelassen wurde, in der Gegenwart den genau umgekehrten Weg gehen. Das klingt etwas unverständlich und das ist es auch.

    Es gilt zu verhindern, dass die Fähigkeit, solche Prozesse ablaufen zu lassen, in die falschen Hände gerät. Hier kommt der russische Oligarch Andrei Sator (großartig verkörpert von Kenneth Branagh) ins Spiel. Gemeinsam mit seinem Partner Neil (Robert Pattinson) versucht unser Held über Sators Frau Kat (Elizabeth Debick) an ebendiesen heranzukommen. Er soll der Schlüssel zur Inversion sein, die dem Duo nach und nach zu schaffen machen wird. Sator möchte mangels Lebensglück der Welt ein Ende setzen. Dabei entfaltet sich ein Puzzle, dessen Bestandteile sich immer erst im Nachhinein als solche entpuppen.

    John David Washington und Robert Pattinson in Tenet

    Kommentar

    Bereits in Memento (2000) zeigt Christopher Nolan sein Faible für das Spiel mit der Zeit und achronologischen Handlungsabläufen. Zuletzt sahen wir in Dunkirk (2017) ein und die selbe Sequenz aus drei Perspektiven. In Tenet geht er einen Schritt weiter, in dem er Ereignisse zeitgleich vorwärts und rückwärts ablaufen läßt. Um das zu begreifen, muss man sich schon sehr anstrengen und es stellt sich die Frage, ob Nolan hier nicht über das Ziel hinausgeschossen ist. Zum leichteren Verständnis trägt nicht bei, dass die Audiospur der Dialoge selbst im Dolby Cinema oftmals schwer verständlich ist. Mal kommt sie durch ein Funkgerät und dann wird sie wieder von einem Soundteppich überlagert. Man kann dem Film zugute halten, dass er trotz Überlänge nicht langweilig wird und einige tolle Schauwerte zu bieten hat. Dabei werden neben dem Bild auch gleich die Soundeffekte rückwärts abgespielt. „And the winner is … “ Es drängt sich fast auf.

    Diese Inschrift, gefunden in den Ruinen von Pompeji, inspirierte Nolan zu seinem neuen Film.

    Jene aber, die sich nicht bloß zurücklehnen möchten, sondern genau wissen möchten, was da gerade vor sich geht, wird Tenet frustiert zurücklassen. Der Protagonist und sein Kompagnon sind Männer ohne Hintergrundgeschichte. Mit der Ausnahme von Branaghs Charakter bleiben die Figuren sehr flach und entsprechend fehlt es ihnen gegenüber an Empathie. Es ist Nolans erster Film, dem ein gewisser Humor nicht abzusprechen ist. Ob die Konstellation Washington/Debick auch in dieser Hinsicht zu betrachten ist, sei dahingestellt.

    Mag sein, dass sich so manches erst nach mehrmaligem Ansehen erschließt. Das gilt hier aber nicht als Qualitätsmerkmal. Eines ist Tenet nämlich sicher nicht: ein Meisterwerk wie 2001: Odysee im Weltraum, das Spielraum für Interpretationen lässt und zum Philosophieren anregt oder ein Film wie Inception, mit seiner komplexen Geschichte. Die Protagonisten werden in Tenet von einer Station zur nächsten weitergereicht. Lässt man die Zeitreisen, bzw. Umkehrungen der Zeitlinie, weg, bleibt ein durchschnittlicher Agententhriller mit spektakulären Actionszenen übrig.

    Wegen Michael Caine braucht man sich den Film übrigens nicht anzusehen. Sein Leinwandauftritt dauert kaum drei Minuten.

    CHRISTOPHER NOLAN | USA 2020 | 150 MIN. | [usr 3 ]


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau