Kategorie: Filmfestival

  • VIENNALE 2023 – Teil 2. Ein paar Wünsche.

    VIENNALE 2023 – Teil 2. Ein paar Wünsche.

    Es begann mit einer sehr unglücklichen Terminkollision: Der Kinostart von Martin Scorseses KILLERS OF THE FLOWER MOON viel genau auf den Tag der Viennale Eröffnung. Genau jener Film nämlich, der diese Tage die Seiten der Zeitungen füllte und in aller Munde war. Das ist marketingtechnisch nicht ideal. Selbst filmaffine Menschen in meiner Umgebung haben die Viennale nicht wirklich wahrgenommen, von anderen gar nicht zu reden. Woran liegt das?

    Die erfreuliche Nachricht: In diesem Jahr konnte das Festival noch einmal sowohl die Besucherzahlen als auch die Auslastung auf 75.300 beziehungsweise 76% erhöhen (Zum Vergleich: vor dem Jahr 2000 lagen die Zahlen bei über 90.000 und über 80%). Es ist jedes Jahr aufs Neue schön zu sehen, wenn so viele Menschen in die Wiener Innenstadtkinos strömen. Aber ist das schon alles? Wie sieht es mit der Außenwirkung über das Stammpublikum hinaus aus? Dass dem Festival der eine Stargast abhanden gekommen war, war einfach Pech und außerdem ohnehin nur für Schlagzeilen am Folgetag gut. Dazu ein paar Überlegungen:

    1. Bereits vor Jahren, als Hans Hurch noch die Festivalleitung über hatte, wurde ihm nahegelegt, das Festival mit einem publikumswirksamen Film und entsprechenden Gästen zu eröffnen. Verbindungen und konkrete Vorschläge hätte es gegeben. Leider hatte er kein Interesse. Warum ist das wichtig? Die Medienpräsenz wäre eine ganz andere und hätte Auswirkungen auf die Wahrnehmung der gesamten Dauer des Festivals, selbst bei einem Film mit für die Viennale traditioneller politischer Aussage. Andere Festivals machen es vor. Idealerweise mit einer internationalen Premiere, muss aber nicht sein. Dazu ein Beispiel aus der Sportwelt und warum das Eröffnungsevent wichtig ist: Die Fußball-Europameisterschaft 2008 wurde in Österreich und der Schweiz ausgetragen. Das Finale fand in Wien statt, das Eröffnungsspiel allerdings in der Schweiz. Somit gingen die Bilder von der Eröffnung aus der Schweiz um die Welt. Dass Österreich ebenso Austragungsland gewesen ist, konnte später nicht mehr in dieser Breitenwirksamkeit kommuniziert werden.
    2. Der Viennale täte ein Wettbewerb gut. Auszeichungen sind wichtig, egal was man davon hält. Schließlich zeigt die Viennale auch die Höhepunkte des Filmjahres, darunter alle Preisträger von der Berlinale bis zu den Filmfestspielen von Venedig. Also warum nicht eigene Preise ins Leben rufen? Vergeben von einer Kombination aus Jury und Publikum (nämlich jene, die eine Mindestanzahl an Filmen gesehen haben). Das wertet das Festival auf und wird zudem dem Ruf des Publikumsfestivals gerecht.
    3. Ein übersichtliches Programm. Ohne weitere Recherchen geht man im Programm der Viennale schnell verloren. Die Zusammenlegung von Spielfilmen und dem Dokumentarfilm in die Schiene Features wertet den Dokumentarfilm nicht auf. Es bedeutet nur mehr Zeitaufwand bei der Programmauswahl. Dass sich jemand unbeabsichtigt in einen Dokumentarfilm verirrt, ist eher unwahrscheinlich. Darüber klagen auch jene, die sicher einen besseren Überblick über das Filmjahr haben.
      Darüber hinaus wäre es sinnvoll, wieder die bereits gewonnenen Auszeichnungen anzuführen. Es spricht sich ohnehin herum, welche Filme der großen drei Festivals man gesehen haben muss. Es gibt aber noch viel mehr. Sundance zum Beispiel. Sie sind eine Orientierungshilfe und deswegen werden andere Filme nicht mehr oder weniger gesehen.
      Um die Aufmerksamkeit auf sehenswerte Filme zu lenken, die nicht so im Fokus stehen (aus der Sicht des Festivals sind sie wahrscheinlich alle sehenswert, sonst würden sie nicht gezeigt werden), könnte man doch Filmreihen als Empfehlung zusammenstellen, die sich ergänzen und eine Mischung aus den prominenten Titeln und Neuentdeckungen bilden.
    4. Zu guter Letzt könnte sich die Viennale in Richtung Multiplex-Kinos öffnen, was in Wien gleichbedeutend mit einer Kooperation mit den Cineplexx Kinobetrieben ist. Dafür reicht eine Handvoll publikumswirksamer Filme und im Nu säßen Menschen in der Viennale, die es wohl nie in ein Innenstadtkino verschlagen hätte. Eine eigene Werbelinie und ein eigener Kartenvorverkauf vorausgesetzt.

    Der älteste Viennale-Katalog bei uns im Regal ist aus dem Jahr 1997. Die Viennale liegt mir seit jeher am Herzen, darum sei soviel Kritik erlaubt. Wir sehen uns auf der Viennale 2024!

    Hier ist ein Überblick über eine Filmauswahl der letzten Tage der Viennale 2023 (Zu Teil 1 geht es hier entlang).

    LA PASSION DE DODIN BOUFFANT (TRAN ANH HÙNG, F 2023)

    LA PASSION DE DODIN BOUFFANT (TRAN ANH HÙNG, F 2023)

    Mehrmals ging ein Seufzen durch die Reihen des gut besuchten Gartenbaukinos. Es war fast Mittag und es machte sich bemerkbar, dass in den meisten Mägen gähnende Leere herrschte. LA PASSION DE DODIN BOUFFANT ist nämlich Foodporn vom Feinsten. Was da an Speisen übergroß auf der Leinwand aufgewartet wird, sucht seines Gleichen. Kein Wunder: als Berater war der französische Starkoch Pierre Gagnaire tätig. Wunderschön von Kameramann Jonathan Ricquebourg in Szene gesetzt. Ohne Filmmusik, allein das Knistern des Feuers oder das Bruzeln in der Pfanne erfüllt den Raum.

    Dodin (Benoít Magimel) ist Gastronom. Es ist das ausgehende 19. Jahrhundert und er lebt mit seiner Köchin Eugénie (Juliette Binoche) in einem großen Landhaus. Das Patriarchat ist stark ausgeprägt. Obwohl den männlichen Gästen Dodins bewusst ist, wer hinter den Gerichten steckt, bleibt Eugénie in der Küche und sitzt nie mit ihnen am Tisch. Über die Jahrzehnte hat sich zwischen Dodin und Eugénie eine innige Beziehung entwickelt und Dodin wird nicht müde, sie zu umwerben. Jahrelang lehnt sie jedoch jeden Gedanken an Heirat ab.

    Man kommt nicht umhin, daran zu denken, dass Binoche und Magímel vor 20 Jahren für ein paar Jahre ein Paar gewesen sind. Bei den Dreharbeiten zu DAS LIEBESDRAMA VON VENEDIG hatten sie sich 1997 kennengelernt. LA PASSION DE DODIN BOUFFANT ist erst ihr zweiter gemeinsamer Film. Nun sehen wir sie als Paar, dass bereits gut 20 Jahre zusammen ist. Das fügt dem Film eine spannende Ebene hinzu.

    In Frankreich hat man dem Film überraschenderweise gegenüber dem Gewinner der Goldenen Palme ANATOMIE D’UNE CHUTE den Vorzug für die Oscars 2024 gegeben. Meiner Meinung nach zurecht. Vor allem auch, weil hier jene Speise gehuldigt wird, die den gesamten Schlemmereien um nichts nachsteht: die Eierspeise. Am besten gegessen mit Löffel.

    Tran Anh Hùng wurde bei den Filmfestspielen von Cannes als bester Regisseur ausgezeichnet.

    THE REEL THERAPIST Wertung: ★★★★ ½

    Kinostart: 29. Februar 2024 unter dem Titel GELIEBTE KÖCHIN.

    THE OLD OAK (KEN LOACH, GB 2023)

    THE OLD OAK (KEN LOACH, GB 2023)

    Ken Loach ist das soziale Gewissen des Kinos. In THE OLD OAK stellt er ein ehemalig florierendes Bergarbeiterdorf und den Problemen und Sorgen dessen BewohnerInnen den Nöten syrischer Flüchtlinge gegenüber. Ein interessanter Blickwinkel aber alles in allem nicht ausgereift genug und vor allem gegen Ende hin unfertig.

    Bei der Viennale war es der diesjährige Überraschungsfilm. Also keine leichte Kost wie sonst. Die Euphorie zu Beginn war enden wollend.

    Der 87-jährige Ken Loach hat angekündigt, dass THE OLD OAK sein letzter Film sein wird.

    THE REEL THERAPIST Wertung: ★★★

    Kinostart: 24. November 2023

    RICKERL von Adrian Goiginger (A 2023)

    RICKERL (Adrian Goiginger, A 2023)

    Vodoo Jürgens und sein Filmsohn Ben Winkler haben das Viennale Publikum im Sturm erobert. Adrian Goiginger ist ein ganz besonderes Porträt über einen sich durchs Leben kämpfenden Wiener Musiker gelungen. Dabei packt er Wien sozusagen an den Wurzeln der Sprache. Bekannte Straßenmotive sucht man vergebens. Die Locationscouts haben eine hervorragende Arbeit geleistet, um Wien so zu zeigen, wie es wahrscheinlich nur WienerInnen kennen. Mit RICKERL taucht man so richtig ein in das Leben des Protagonisten und die Hauptstadt. Und soviel geraucht wurde schon lange nicht mehr!

    THE REEL THERAPIST Wertung: ★★★★

    Kinostart: 18. Jänner 2024

    POOR THINGS (Yorgos Lanthimos, 2023) – VIENNALE 2023

    POOR THINGS (YORGOS LANTHIMOS, UK 2023)

    Yorgos Lanthimos (THE KILLING OF A SACRED DEER, THE FAVOURITE) setzt mit seinem achten Spielfilm seinen kreativen Siegeszug fort. In POOR THINGS kombiniert er das Motiv von Frankenstein mit den utopischen Welten Jules Vernes und verknüpft es sie zu einer Emanzipationsgeschichte. Emma Stone als Bella ist ein Experiment ihres Schöpfers Dr. Goodwin „God“ Baxter, gespielt von Willem Dafoe. Drehbuchautor Tony McNamara hat für Stone so etwas wie die Rolle ihres Lebens geschaffen. Ihr körperlicher Einsatz ist beachtlich.

    Nach einem Suizid verpflanzt Baxter Bella das Hirn eines Babys. Ihres ungeborenen Babys um genau zu sein. Es beginnt ein langer und beschwerlicher Weg Richtung Emanzipation, der Bella rund und die Welt durch futuristische Settings führen wird (als anfänglicher Begleiter ebenfalls großartig: Mark Ruffalo).

    Alles an POOR THINGS ist extravagant. Hatte sich Lanthimos bisher mehr auf geschlossene Räume fokussiert, in denen Weitwinkel und Fischaugeobjektive zum Einsatz kamen (sowie auch hier), so öffnet sich uns hier eine vollkommen neue Welt mit utopischen Sets von Alexandria bis Paris.

    Diesmal gibt sich Lanthimos humorvoller und weniger bedrückend als in so manchen früheren Arbeiten. Ein Film, der noch länger in unseren Köpfen bleiben wird, auch wenn die Erzählperspektive trotzdem eine sehr männliche ist.

    Yorgos Lanthimos hat für POOR THINGS bei den Filmfestspielen von Venedig den Goldenen Löwen erhalten. Anzunehmen, dass der Preisregen anhalten wird.

    THE REEL THERAPIST Wertung: ★★★★

    Kinostart: 18. Jänner 2024

    DIE THEORIE VON ALLEM (Timm Kröger, 2023) – VIENNALE 2023

    DIE THEORIE VON ALLEM (TIMM KRÖGER, D, A, CH 2023)

    Johannes reist mit seinem Doktorvater Julius Strathen zu einem Physikerkongress in die Schweiz. Doch der mit Spannung erwartete Vortrag über Quantenmechanik eines iranischen Wissenschaftlers kann vorerst aufgrund von Visaproblemen nicht stattfinden. Johannes, der eine für seinen Professor viel zu gewagte Theorie aufzustellen versucht, beobachtet nicht nur auffällige Wolkenfelder, sondern auch allerhand seltsame Vorkommnisse. Er macht die Bekanntschaft mit der geheimnisvollen Pianistin Karin, die bald darauf verschwindet. Dann wird ein getöteter Wissenschaftler aufgefunden. Johannes glaubt, die Lösung im Inneren des Berges zu finden.

    Die Schweizer Landschaft in sattem schwarzweiß gibt visuell ordentlich was her. Überhaupt hat sich Kröger stilistisch an den Filmen der Zeit orientiert, was sehr gelungen ist. Die Musik kommt allerdings mit dem Holzhammer daher. Zumindest in der Vorstellung bei der Viennale war sie viel zu laut und aufdringlich. Hier wird zwanghaft versucht Spannung zu erzeugen, wo keine ist. Am Ende entsteht der Eindruck, dass man sich hier inhaltlich übernommen hat. Schlüssig ist das alles nicht, bzw. läuft die Geschichte auf ein Geheimnis hinaus, dass man schon bald erahnen kann.

    THE REEL THERAPIST Wertung: ★★★

    Kinostart: 10. November 2023

    SIMPLE COMME SYLVAIN (Monia Chokri, CA/F 2023)

    SIMPLE COMME SYLVAIN (MONIA CHOKRI, CA/F 2023)

    Ist es eine Frage des Alters oder spielt es doch auch ein Rolle, dass via Streaming auch zu Hause ein großes (wenn auch Qualitativ sehr durchwachsenes) Angebot zur Verfügung steht aber ich ertappe mich immer wieder bei dem Gedanken, ob ein Kinobesuch den Aufwand Wert war. Gegen Ende der Viennale war SIMPLE COMME SYLVAIN so ein Film, in dem sich eine rund 40-Jährige Akademikerin einem Handwerker hingezogen fühlt und folglich zwei Welten aufeinander prallen.

    Im französischen Original mit englischen Untertiteln, die leider mangels freier Sicht auf die Leinwand kaum zur Gänze lesbar waren, hatte die Komödie kaum etwas zu bieten, das man nicht schon kannte und somit auch nicht mehr war als zwei Stunden Unterhaltung.

    THE REEL THERAPIST Wertung: ★★★

    Kinostart: unbekannt

    YANNICK (QUENTIN DUPIEUX, F 2023)

    YANNICK (QUENTIN DUPIEUX, F 2023)

    Wer ist schon einmal in einem Theaterstück oder Film gesessen und hat sich gedacht, den Weg hätte ich mir sparen können. Vielleicht noch extra einen Babysitter organisiert und dann sowas. Im diesjährigen Abschlussfilm ist es Yannick, gespielt von Raphaël Quenard, der so gar nicht zufrieden ist mit dem, was er da in einem alten Pariser Theater geboten bekommt. Sein Leben sei schon trist genug. Eine Aufheiterung hatte er sich gewünscht. Stattdessen fühlt er sich noch schlechter als davor. Nun, er lässt es die Schauspieler und das Publikum auch sogleich wissen. Er steht auf und fängt eine Diskussion über die Qualität des Stücks an.

    Yannicks naive Unbekümmertheit ist herzzerreißend. Nach und nach lädt sich die Stimmung immer mehr auf und als sich herausstellt, dass er bewaffnet ist, droht die Situation zu eskalieren. Yannick lässt sich aber nicht aus dem Konzept bringen und fängt an, ein Stück nach seinem Geschmack niederzuschreiben. Unglaublich skurril und komisch. Ein Dupieux vom Feinsten.

    THE REEL THERAPIST Wertung: ★★★★

    Kinostart: unbekannt


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • VIENNALE 2023 – HALBZEIT

    VIENNALE 2023 – HALBZEIT

    Die 61. Ausgabe der Viennale geht in die zweite Hälfte. Das Programm scheint auf den ersten Blick bis zur Halbzeit etwas dichter zu sein. Mit allzu viel Höhepunkten ist die diesjährige Viennale aber bisher nicht gesegnet. Heraus sticht vor allem Christian Petzolds ROTER HIMMEL.

    Wohlgemerkt bei nur acht gesichteten Filmen. Allerdings bleiben einige RegisseurInnen hinter den Erwartungen zurück. Warum in Frankreich LE PASSION DE DODIN BOUFFANT mit Juliette Binoche und Benoit Magimel bei den Oscars gegenüber ANATOMIE D’UNE CHUTE der Vorzug gegeben wurde, was manche überrascht hat? Dazu mehr in ein paar Tagen im Viennale Resümee. Ebenso was ich der Viennale (oder mir von der Viennale wünsche), nachdem das in diesem Jahr mit den Spätvorstellungen im Gartenbaukino so gut geklappt hat und man jetzt mit der letzten U-Bahn nach Hause kommt.

    Vorerst eine Auswahl an Filmen der ersten Hälfte der Viennale 2023:

    She Came to me, Rebecca Miller, USA 2023

    SHE CAME TO ME (Rebecca Milller, USA 2023)

    Der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale war der erste Spielfilm im Programm. Ein unbeschwerter Einstieg mit einer tollen Besetzung: Peter Dinklage, Anne Hathaway, Joana Kulig und Marisa Tomei. Komische Elemente, ja die gabs. Auch allerhand Skurrilitäten und es ist bemerkenswert, wie Rebecca Miller Figuren und Handlungsstränge zusammenhält. Allerdings ist die Geschichte rund um einen Komponisten in der Schaffenskrise und allerhand Menschen mit Neurosen alles andere als originell. Erinnert mehr an eine Netflixproduktion und hat im Kino eigentlich nichts verloren.

    THE REEL THERAPIST Wertung: ★★ ½

    Kinostart: unbekannt

    BlackBerry, Matt Johnson, Kanada 2023, V’23 Features

    BLACKBERRY (Matt Johnson, CA 2023)

    Wer erinnert sich an BlackBerry? RIM (Research in Motion) revolutionierte 1999 die Kommunikation mit Mobiltelefonen, in dem sie das versenden von E-Mails möglich machten und folglich einen Messenger entwickelten. Keine zehn Jahre später war es allerdings schon wieder vorbei, als die Firma von Steve Jobs nahezu mit Lichtgeschwindigkeit überholt wurde. „An iPod, a phone and an internet communicator“, wir erinnern uns.

    Im Nachhinein betrachtet kann das alles natürlich sehr unterhaltsam sein und so ist es dann auch in BLACKBERRY. Wie sich ein Haufen Nerds versucht zu beweisen (wobei es den meisten offenbar ohnehin völlig egal war – work life balance anno 1999) und kläglich scheitert, ist schon sehr komisch. So wie jüngst in Ben Afflecks AIR, geht es auch hier um ein Produkt der Popkultur, dessen Vermarktung und Arbeitsmoral im generellen. Im direkten Vergleich punktet AIR natürlich mit der Starpower. BLACKBERRY kommt mehr als erdige Mockumentary mit Wackelkamera daher und erinnert ein wenig an THE OFFICE. Der Zusammenstellung des Soundtracks ist jedenfalls sehr gelungen und eignet sich perfekt als Playlist für die Nullerjahre.

    THE REEL THERAPIST Wertung: ★★★½

    Kinostart: unbekannt

    Kaibutsu, Kore-eda Hirokazu, Japan 2023

    KAIBUTSU (KORE-EDA HIROKAZU, JP 2023)

    Ein Geschichte aus drei Perspektiven. Kore-Eda nimmt uns an der Nase und spielt mit Erwartungshaltungen und Vorurteilen. Nach und nach öffnet sich uns ein neuer Blick auf die Geschehnisse rund um einen Lehrer und zwei Schüler. Und jedes Mal müssen wir unsere Sichtweise über die Charaktere neu überdenken und merken, wie man Beobachtungen im Alltag fehlinterpretieren kann, wenn man die Zusammenhänge oder einfach nur das Davor und Danach nicht kennt. Dabei kommt es in KAIBUTSU zu einem regelrechten Culture-Clash, denn wie hier kommuniziert wird und wie Probleme gelöst werden, ist uns doch sehr fremd. Hierarchien stehen über allem. Auch über der Wahrheit.

    THE REEL THERAPIST Wertung: ★★★★

    Kinostart: 26. Jänner 2024

    Roter Himmel, Christian Petzold, Deutschland 2023

    ROTER HIMMEL (CHRISTIAN PETZOLD, D 2023)

    Mit ROTER HIMMEL hat sich Christian Petzold nocheinmal selbst übertroffen. Seine Geschichte über zwei junge Männer, die sich in ein abgelegenes Haus an der Ostsee zum Arbeiten zurückziehen möchten und dort dann aber auf eine Frau treffen und nicht die erhoffte Ruhe vorfinden, ist reich an Verweisen an große Meister des Kinos. Unter der glühenden Sommersonne ist die Begierde zueinander groß. Dabei ist es Petzold wichtig den Begehrenden und nicht das Objekt der Begierde zu zeigen. Ein Sommerfilm voller Suspense im hitchcockschen Sinne. Für mich der Höhepunkt der Viennale bisher.

    THE REEL THERAPIST Wertung: ★★★★★

    Kinostart: 24. November 2023

    Kuru Otlar Üstüne, Nuri Bilge Ceylan, Türkei 2023

    KURU OTLAR ÜSTÜNE (NURI BILGE CEYLAN, TR 2023)

    Schon wieder ein Dreieinhalbstunden Werk. Von Ceylan sind wir es gewohnt. Sicherlich, da es an einem dramatischen Aufbau oder so etwas wie einem Plot mangelt, könnte man aus diesem überraschende unterhaltsamen Drama sicherlich das ein oder andere kürzen. Allerdings könnte man dann auch nicht mit dieser Intensität eintauchen. So sitzt man gemeinsam mit am Tisch, hört zu oder lässt die Gedanken abschweifen.
    Spannend ist, dass die Geschichte grundsätzlich wenig realistisch ist und sich dadurch eine Metaebene auftut, die den meisten wohl entgehen wird. Es gibt Hinweise aber letzten Endes hat Ceylan sogar seinen Hauptdarsteller im Ungewissen darüber gelassen, was die Motivation des Protagonisten ist. Wie immer wird man reichlich belohnt, wenn man sich auf Ceylan einlässt.

    THE REEL THERAPIST Wertung: ★★★★

    Kinostart: 16. Februar 2024

    IL SOL DELL’AVVENIRE (NANNI MORETTI, IT 2023)

    Sie macht ihn bis heute glücklich, die Kommunistische Partei Italiens. Das ist der Schlusssatz. Nanni Moretti ist in seinem Element. Als Regisseur eines Film im Film zur Zeit des Ungarnaufstandes, versucht er sich an einer Geschichte um die Kommunistische Partei, wird dabei aber von seinen Hauptdarstellern immer wieder missverstanden. Moretti stellt die Frage, was es für das eigene Gewissen bedeutet, wenn anderswo im Namen der Partei Gräueltaten verübt werden. Nicht immer ganz so witzig, wie es sich in der Nacherzählung anhört.

    THE REEL THERAPIST Wertung: ★★★

    Kinostart: unbekannt

    Europa von Sudabeth Mortezai

    EUROPA (SUDABETH MORTEZAI, A/UK 2023)

    Sudabeh Mortezai setzt in ihrem dritten Spielfilm ihren Weg konsequent fort und zeigt uns neuerlich eine Welt, die sonst kaum Beachtung findet. In EUROPA kommt hinzu, dass wir lange nicht wissen, worum es der Protagonistin geht, die im Auftrag der Firma Europa in Albanien Einheimische davon überzeugen soll, ihr Land zu verkaufen. Ganz klar ist es bis zum Schluss nicht aber nach einer Stunde sickert nach und nach durch, dass hier keine guten Absichten dahinterstecken. Mortezai zeigt ungleiche Machtverhältnisse am Rande Europas auf. Es kann unangenehm sein, wenn man sich selbst auf der privilegierten Seite wiederfinden muss. Am Ende bleibt aber zu viel im Unklaren.

    THE REEL THERAPIST Wertung: ★★★½

    Kinostart: 2. November 2023

    Anatomie d’une chute, Justine Triet, Frankreich 2023, V’23 Features

    ANATOMIE D’UNE CHUTE (JUSTINE TRIET, F 2023)

    ANATOMIE EINES FALLS, so der deutsche Titel, erinnert an die großen Gerichtssaaldramen der Filmgeschichte. Sandra Hüller spielt eine undurchsichtige Schriftstellerin, die verdächtigt wird, ihren Mann getötet zu haben, der tot im Schnee vor dem Chalet der Familie aufgefunden wurde. Im Gerichtssaal sitzt auch ihr kleiner, durch einen Unfall erblindeter Sohn, für den nur schwer zu ertragen ist, was er über seine Mutter und die Beziehung seiner Eltern erfahren muss. Sandra Hüller und ihr Filmsohn Mila Machado Graner liefern eine außerordentlich bemerkenswerte schauspielerische Leistung ab. Der Schlagabtausch mit dem Staatsanwalt (Antoine Reinartz) ist hochspannend. Es ist vor allem die Perspektive des Sohnes, die ANATOMIE EINES FALLS besonders macht.

    THE REEL THERAPIST Wertung: ★★★★

    Kinostart: 3. November 2023


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • VIENNALE 2022 – DAS WAR’S

    VIENNALE 2022 – DAS WAR’S

    Es ist schon auffällig. War bisher Bad Luck Banging or Looney Porn von Radu Jude einer der wenigen Filme, in der die Pandemie nicht nur spürbar war, sondern sie eine tatsächliche Rolle spielte, so ist es nun immer öfters nicht zu übersehen. Von Claire Denis bis Hong Sang-soo: die Pandemie ist im Film angekommen. Teilweise sind die Geschichten davon stark beeinflusst und dann wiederum erinnern uns die Masken daran. Das war im Vorjahr noch ganz anders.

    73.700 Menschen besuchten dieses Jahr Veranstaltungen der Viennale. Dass ist doch eine beachtliche Steigerung zum Vorjahr (2021: 58.200). Die Auslastung ging allerdings um 3% zurück auf 71%. Der Viennale ergeht es hier nicht anders als dem restlichen Kulturbetrieb, der damit zu kämpfen hat, das Publikum zurückzugewinnen. Allerdings verbuchten die in einer künstlerischen Krise steckenden Wiener Festwochen mit einer Auslastung von 83% gleich 12% mehr. Vorstellungen, die eigentlich ausverkauft sein müssten, waren es bei weitem nicht immer. Auch gab es oft noch kurzfristig Karten (wie so oft waren gerade (US-)Filme gefragt, deren regulärer Kinostart ohnehin mehr oder weniger bald bevor steht).

    Wenn ich das richtig sehe, waren Netflix Produktionen in diesem Jahr nicht vertreten. Kino und Streaming bleibt also weiterhin ein Spannungsfeld. Allerdings war das Programm in diesem Jahr wieder gefühlt breiter aufgestellt als im vergangenen Jahr.

    Was ich mir von der Viennale wünschen würde? Dass ein Termin in den Ferien eher ungünstig ist, damit müssen alle mit Kindern leben. Der Großteil des Publikums scheint nach wie vor jünger zu sein. Aber die letzten Vorstellungen so anzulegen, dass man gegen 0:30 noch in die letzte U-Bahn kommt, müsste doch machbar sein, indem man die Vorstellungen etwas vorverlegt und für diese Termine Filme mit tendentiell kürzerer Laufzeit auswählt.

    Jedenfalls hätte das Filmfestival in diesem Jahr gern noch länger weiter laufen können. Einige Filme sind sich nicht ausgegangen. In den nächsten Monaten werde ich sie nachholen.

    Nach der Viennale – Halbzeit hier nun einige weitere Filme des Festivals im kurzen Überblick:

    The Whale, Darren Aronofsky, USA 2022, V’22 Features

    THE WHALE (Darren Aronofsky, USA 2022)

    Da sollte man schon ganz groß Aronofsky auf die Filmplakate schreiben. Allein vom Anschauen her kommt da wohl keiner drauf. Sehr konventionell geraten aber umso eindringlicher. Brandon Fraser in einer Fatsuit. An ihm kommt in diesem Jahr buchstäblich niemand vorbei. Was für eine Karriere für George aus dem Dschungel.

    Klopf! Klopf! Ja man merkt, dass es sich hierbei ursprünglich um ein Theaterstück handelt. Jeder Auftritt passiert durch die Wohnungstür und kündigt sich durch ein Klopfen an. Aber es dreht sich ohnehin alles um Fraser, der sich um Leib und Leben spielt. Wobei ihm Sadie Sink als Tochter durchaus Paroli bietet. Zu ihr versucht der Literaturprofessor eine Beziehung aufzubauen, nachdem er für einen Mann Frau und Familie verlassen hatte.

    The Whale schrammt nur haarscharf an einer unerträglichen Stereotypisierung vorbei. Frasers Charakter ist adipös, weil er – man muss es sagen – frisst wie ein Schwein. Dabei sind nicht wenige Menschen, die stark übergewichtig sind, eben nicht wegen der Ernährung viel dick, sondern trauen sich nicht mal richtig zu essen. Sie werden als verfressen abgestempelt. Um dem entgegenzuwirken, tut der Film nicht gerade viel.


    Brendan Gleeson and Colin Farrell in the film THE BANSHEES OF INISHERIN. Photo by Jonathan Hession. Courtesy of Searchlight Pictures. © 2022 20th Century Studios All Rights Reserved. The Banshees of Inisherin, Martin McDonagh, Großbritannien/Irland/USA 2022, V’22 Features

    THE BANSHEES OF INISHERIN (Martin McDonagh GB,/IRL/USA 2022)

    Mit seinem Nachfolger von Three Billboards Outside Ebbing, Missouri aus dem Jahr 2017 hat Regisseur und Drehbuchautor Martin McDonagh neuerlich einen Volltreffer erziehlt. Die skurrile Geschichte einer jäh zu Ende gegangenen Männerfreundschaft auf einer einsamen irischen Insel ist nicht nur exzellent geschrieben, sondern noch dazu wunderschön in Szene gesetzt. Wie schon bei Billboards lebt auch The Banshees of Inisherin von einer formidablen Ensembleleistung, allen voran Colin Farrell, der Brandon Fraser bei den Oscars gefährlich werden könnte. Ihm zur Seite steht wie schon in Brügge sehen … und sterben? Brendan Gleeson. Kerry Condon spielt Farrells Schwester und Barry Keoghan zeigt als Sohn des Dorfpolizisten, dass er zu den Großen seiner Generation zählt.

    Die Vorstellungen bei der Viennale gingen unter Aufsicht der Disney-Polizei von statten, die das Mitfilmen verhindern soll (Wen interessiert das heute überhaupt noch?). Wenn man da einen Randsitz hat, kommt man sich wie ein Ladendieb vor. Vielleicht sollte man eher den späten regulären Starttermin überdenken (Jänner 2023), wenn man nicht möchte, dass den Film bis dahin schon alle gesehen haben, die es nicht erwarten können oder denen das Kinoerlebnis nicht so wichtig ist.

    Hier haben wir es mit einem Highlight des Jahres zu tun. Ist es der beste Film des Jahres? Wir werden sehen.


    Broker (Hirokazu Kore-eda, Korea 2022), V’22 Überraschungsfilm

    Broker (Hirokazu Kore-eda, KOR 2022)

    Eine Frau in Busan legt in einer verregneten Nacht ein Baby vor eine Babyklappe. Dabei wird sie von zwei Kriminalpolizistinnen beobachtet. Die beiden vermuten, dass hinter der Klappe in der kirchlichen Vereinigung Menschenhandel betrieben wird. Aus dieser Situation entspinnt sich ein Roadmovie, in dem die äußerst fürsorglichen Menschenhändler ihr Baby anbringen möchten, dabei von der echten Mutter unterstützt werden und von der Polizei verfolgt werden.

    Es ist eine sehr illustre Runde, die hier im Laufe der Geschichte zusammenwächst und durchaus für Unterhaltung sorgt. Es gelingt Kore-eda allerdings nicht, einen Spannungsbogen wie bei Shoplifters aufzubauen. Dafür ist Boker zu geradlinig erzählt. An Wendungen fehlt es und irgendwann stellt man sich, genauso wie die Polizistinnen, die Frage, wann sie das Baby endlich verkaufen.


    Saint Omer, Alice Diop, Frankreich 2022, V’22 Features

    Saint Omer (Alice Diop, F 2022)

    Die Literaturprofessorin und Autorin Rama (Kayije Kagame) beobachtet einen Prozess um eine junge Frau (Guslagie Malanda), die ihr Kind getötet haben soll. Die Regisseurin selbst wohnte 2016 einem Prozess bei, der dieser Geschichte zu Grunde liegt. Da sie selbst gerade schwanger ist, ist der Prozess für Rama emotional sehr aufwühlend. Sie fühlt sich durch ihre gemeinsame senegalesische Herkunft mit der Angeklagten verbunden. Gleichzeitig versucht sie in ihrem Buch, dass sie über den Fall schreiben möchte, einen Zusammenhang zum Medea-Mythos herzustellen.

    Diop inszeniert den Prozess aus einer Beobachterperspektive, so als wären wir mit im Saal. Die Kamera wandert durch den Raum. Nicht immer sind jene im Bild, die gerade sprechen. Mal tritt die Sprache in den Hintergrund und wird von Musik überlagert, ganz so, als würden wir in Gedanken abschweifen. In ihrem Abschlussplädoyer richtet sich die Verteidigerin Richtung Kamera, als wären wir die Geschworenen. Niemand vermag zu verstehen, was die Motivation zu der Tat gewesen sein mag. Die Angeklagte selbst spricht von Hexerei. Die Regisseurin nimmt sich dem Thema Kindsmord fast schon analytisch an.

    Frankreichs Beitrag für den Besten Ausländischen Film bei den Oscars 2023.


    So-seol-ga-ui yeong-hwa, The Novelist’s Film, Hong Sangsoo, Südkorea 2021, V’22 Features

    The Novelist’s Film (Hong Sang-soo, KOR 2022)

    Man spürt sich noch, die Ausläufer der Pandemie aber die Menschen können wieder spazieren gehen und sich wieder treffen. So auch eine bekannte Schriftstellerin (Lee Hye-young), die auf ihren Weg Menschen trifft, die sie spontan dazu inspirieren, Pläne für einen ersten eigenen Film zu schmieden.

    The Novelist’s Film erweckt mehr den Eindruck einer Fingerübung für natürliche Konversation, auf die der Regisseur großen Wer legt. Sehr minimalistisch gehalten überblickt die Kamera meist die ganze Szenerie. Schnitte gibt es innerhalb der Sequenzen keine. Das schafft wiederum einen interessanten Rhythmus. Taugt also mehr zur Analyse des Gesamtwerkes von Hong Sang-soo als zur bloßen Unterhaltung.


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • VIENNALE 2022 – HALBZEIT

    VIENNALE 2022 – HALBZEIT

    Werner Herzog ist in der Stadt. Darum gibt es ein der ersten Hälfte der Viennale 2022 regelrechte Herzog-Festspiele. In jeder Vorstellung seiner Filme (oder jenem über ihn) war er anwesend und stand dem Publikum für Fragen zur Verfügung. Sogar bis nach Mitternacht. Das Programm ist im Jahr 2022 erfreulicherweise wieder dichter geworden. 80 Jahre Werner Herzog. 60 Jahre Viennale. Genug Gründe das Kino zu feiern.

    Die Viennale entschloss sich dazu Sparta, den neuen Film von Ulrich Seidl, zu zeigen, der wegen einer Reportage des Spiegel über die Produktionsbedingungen in Rumänien für Aufsehen sorgte (im speziellen in der Arbeit mit Kinderlaiendarstellern). Das Festival wolle ihn zur Diskussion stellen und dem Publikum ermöglichen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Dabei geht es eben nicht um den Film selbst, der die Geschichte einer der Brüder aus Rimini weiterführt. Zu einer Diskussion kam es dann auch nicht. Nach der Premiere im Gartenbaukino wurde eine Videobotschaft von Michael Köhlmeier zugespielt, in der er der Presse Scheinheiligkeit vorwarf und damit für Unmut sorgte. Seidl stellte sich anschließend nicht dem Publikum. Warum auch, er hätte sich nur in einem Saal voller Arbeitskollegen und Wegbegleiter bejubeln lassen können. Für eine Auseinandersetzung war es ohnehin nicht der richtige Rahmen.

    Aber wo war die Podiumsdiskussion über die Arbeitsmethoden von Ulrich Seidl, die seine spannenden Arbeiten erst möglich machen? Oder jene über Machtverhältnisse am Set? Nichts dergleichen gab es. Letzteres wird wohl am Ende ein Kernpunkt in der Aufklärung sein. Das Österreichische Filminstitut führt laut dem ORF Kulturmontag gerade eine Untersuchung durch, die so gut wie abgeschlossen ist. Dem Magazin gab Ulrich Seidl sein einziges Interview. Zu sehen gibt es auch einen Ausschnitt aus Köhlmeiers Rede (bis zum 31.10.2022 hier abrufbar).

    Meiner Meinung nach ging die Diskussion von Anfang an in die falsche Richtung. Die Vorwürfe gehören aufgeklärt. Letzten Endes wurden für die Film Steuermittel aufgewendet. Nicht klar kommuniziert wurde, dass die Vorwürfe erst drei Jahre nach den Dreharbeiten in einer lokalen Zeitung aufgetaucht sind. Inoffiziell gelten die Vorwürfe heute bereits als widerlegt. Selbst aus Deutschland kommt aus Journalistenkreisen Kritik an der Spiegel Reportage.

    Aber nach Bekanntwerden zu sagen, in der Kunst werden eben Grenzen überschritten, wie das vielfach passiert ist, ist nur beschämend und keine Auszeichung für die österreichische Kultur und Medienszene.

    Kontrovers wurde – zumindest abseits der Viennale – David Wagners Eismayer aufgenommen. Der Film über den berühmt berüchtigten Vizeleutnant bei der Garde rief Erinnerungen bei jenen wach, die vor gut 25 Jahren von ihm im Hof der Maria-Theresien-Kaserne drangsaliert wurden. Dass Eismayer nun im Gartenbaukino bejubelt wurde, stieß auf Unverständnis. Im Film kommt er tatsächlich gut weg, scheint aber der Realität zu entsprechen. Immerhin erschien er in der Galauniform und sorgte für einen der großen emotionalen Momente bei der Viennale. Mehr weiter unten.

    Hier ist eine Auswahl an Filmen der ersten Hälfte der Viennale 2022.

    Vera Gemma und Daniel De Palma in Vera (Tizza Covi, Rainer Frimmel, Österreich 2022, V’22 Features)

    VERA (Tizza Covi, Rainer Frimmel, A 2022) – Eröffnungsfilm

    Man soll Menschen nicht nach ihrem Äußeren beurteilen, sagt Tizza Covi. Sie selbst machte bei Vera Gemma, der Tochter des italienischen Schauspielstars Guliano Gemma, diese Erfahrung. Von Kindheit an durch ihren Vater mit der Filmwelt in Kontakt, gelang es Gemma nie, in der Branche Fuß zu fassen. Zu stark lastet Ruhm des Vaters auf ihren Schultern. Dies ist nun Veras erste Filmrolle, mit der wir sie im semidokumentarischen Stil näher kennen lernen. Es ist eine jener Geschichten, bei denen es sehr schade wäre, wenn sie nicht erzählt würden. Das ist das große Verdienst von Tizza Covi und Rainer Frimmel. Berührend. Eine Entdeckung.


    Crimes of the Future, David Cronenberg, Großbritannien/Kanada/Griechenland 2022, V’22 Features

    CRIMES OF THE FUTURE (David Cronenberg, Kanada, Großbritannien, Griechenland 2022)

    Soll man sich das antun, dachte ich, nachdem ich vergangene Woche den Trailer im Kino gesehen hatte. Bodyhorror à la Cronenberg. Es stellt sich jedoch heraus, dass sämtliche, ja fast alle, expliziten Szenen bereits im Trailer ihren Platz gefunden haben. So schlimm kommt es dann also doch nicht. Die reduzierten atmosphärischen Sets sind sehenswert. Inhaltlich gelingt nicht immer die Balance, um dran zu bleiben oder nicht doch von der Schwere der Thematik regelrecht erschlagen zu werden. Es geht darum, wie sich der Mensch in der Evolution weiterentwickeln wird. Plastik wird dabei eine Rolle spielen. Hinzukommt die obsessive Herangehensweise an Operationen, welche die ProtagonistInnen teilen. Zeitweise nicht uninteressant aber alles in allem diesseits und jenseits der Leinwand schwer verdaulich.


    Mutzenbacher, Ruth Beckermann, Österreich 2022, V’22 Features

    MUTZENBACHER (Ruth Beckermann, A 2022)

    Ruth Beckermann nimmt den Roman Josefine Mutzenbacher als Ausgangspunkt um mit Männern über Sexualität und Geschlechterrollen zu sprechen. Auf dem Sofa Platz nehmen Männer, die einem Castingaufruf gefolgt waren, in dem es augenscheinlich um eine Mutzenbacher Verfilmung ging. Die Kandidaten werden mit Textstellen konfrontiert und sprechen folglich über ihre eigenen sexuellen Erfahrungen und Ansichten. Mit oftmals überraschenden Ergebnissen und Erkenntnissen. Unterhaltsam (wenn auch zu beobachten war, dass das Lachen all zu oft abrupt endete, als das Publikum bemerkte, dass die Protagonisten doch etwas zu sagen hatten) und eine Gratwanderung die Männer nicht bloßzustellen. Was der rezitierende Männerchor zu dieses Analyse beiträgt, sie dahingestellt. Der Roman selbst scheint über weite Strecken recht grauslich zu sein.


    Gerhard Liebmann und Luka Dimic in Eismayer, David Wagner, Österreich 2022, V’22 Features

    EISMAYER (David Wagner, A 2022)

    Für mich der erste Höhepunkt der diesjährigen Viennale. Das Coming-out des gefürchteten Garde Vizeleutnant Eismayer erzählt von Regiedebütant David Wagner. Eismayer war für seine drastischen Ausbildungsmethoden berüchtigt. Was für die damaligen Rekruten eine Tortur war, ist nun auf der Leinwand äußerst unterhaltsam. Der Tonfall ist absurd grotesk. Es muss die Hölle gewesen sein.

    Dann fordert ihn Rekrut Falak heraus. Bekennend homosexuell und mit Ambitionen zu einer Karriere beim Heer. Die beiden Hauptdarsteller Gerhard Liebmann und Luka Dimic machen Eismayer zu einem Triumph des österreichischen Films. Für damalige Rekruten mag sich der Film als nachträglicher Freispruch für den Eismayer darstellen. Im Kino ist das eben möglich.

    Als sich die realen Vorbilder Eismayer und Falak nach der Premiere in der weißen Galauniform im vollen Gartenbaukino erheben und unter Applaus küssen, ist das ein Moment, der wohl in die Geschichte der Viennale eingehen wird. Als kurz darauf ein damaliger Rekrut ein Frage stellt und Eismayer mit kräftiger Stimme sagt „Ich weiß noch wie du heißt.“ vermutlich ebenso.


    Pacification, Albert Serra, Deutschland/Frankreich/Portugal/Spanien 2022, V’22 Features

    PACIFICTION (Albert Serra, D/E/F/PRT 2022)

    Nachdem Albert Serras Der Tod von Ludwig XVI für mich einer der außergewöhnlichsten Filme der letzten Jahre gewesen ist, waren die Erwartungen an Pacifiction entsprechend hoch. Der Hochkommissar der französischen Republik De Roller, gespielt von Benoît Magimel, läßt sich in einer weißen Limousine und im weißen Anzug durch Tahiti fahren. Im Nachtleben und in Gesprächen mit offiziellen Vertretern versucht er die allgemeine Lage im Land zu analysieren. Scheinbar stehen Unruhen bevor und es geht das Gerücht um, dass Frankreich neuerlich Atomtests plane. Was er davon wirklich weiß, wird nie richtig klar.

    In einem fast meditativ langsamen Tempo beobachten wir De Roller, wie er beobachtet und beobachtet wird. Pacifiction hat Elemente des Spionagefilmes, nur das die Observationen nie in auch nur irgendeine dramatische Handlung münden. Es gibt eine latente Spannung. Irgendetwas liegt in der Luft. Die Geduld der Publikums wird, wie so oft bei Serra, gefordert. Die Atmosphäre auf dem Inselstaat erinnert an Apocalypse Now, nur ohne Krieg. Man spürt die drückende Hitze. Im Dschungel ums Haus lauern Gefahren. Sehen tut man sie nicht.


    Juliette Binoche und Vincent Lindon in Avec amour et acharnement, Both Sides of the Blade, Claire Denis, Frankreich 2021, V’22 Features

    AVEC AMOUR ET ACHARNEMENT/BOTH SIDES OF THE BLADE/FIRE (Claire Denis, F 2021)

    Der Film mit den drei Titeln ist eine neuerliche Zusammenarbeit von Claire Denis und Juliette Binoche. Vieles über die Vergangenheit der drei Hauptcharaktere bleibt im Dunkeln. Für manche vielleicht zu viel. Was bleibt sind drei großartige Darsteller, allen voran Juliette Binoche, die in ihren eigene Gefühlswelten gefangen zu sein scheint. Mit der Liebe ist das eben nicht so einfach und Gefühle können schon einmal die Kontrolle über uns erlangen. Diese Ambivalenz greift Denis sehr schön auf, in dieser Dreiecksbeziehung mit Thriller Elementen.


    Joely Mbundu und Pablo Schils in Tori et Lokita, Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne, Belgien/Frankreich 2022, V’22 Features

    TORI ET LOKITA (Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne, BEL/F 2022)

    Die Ungerechtigkeiten, die den Protagonisten in den Filmen von Jean-Pierre und Luc Dardenne widerfahren, sind streckenweise schwer erträglich. Aber es ist wichtig hinzusehen, wenn das Regieduo wieder einmal die unmenschlichen Bedingungen aufzeigt, denen, wie hier zum Beispiel ein Bub und eine jungen Frau, ausgesetzt sind. Auf der Flucht haben sie sich kennengelernt und schlagen sich als Schicksalsgemeinschaft durch, in dem sie sich als Geschwister ausgeben. Schnell kommt es zum Kontakt mit der Drogenszene. Geld musst herangeschafft werden. Nicht nur um zu überleben, sondern auch um die Schlepper zu bezahlen und Geld in die Heimat zu schicken. Selbst von dort kommt ein gehöriger Druck. Voller Empathie zwar, wie wir es von den Dardenne kennen, aber mit kaum einem Funken Hoffnung.


    The Fire Within: A Requiem for Katia and Maurice Krafft, Werner Herzog, Frankreich/Großbritannien/Schweiz/USA 2022, V’22 Features

    THE FIRE WITHIN: A REQUIEM FOR KATIA AND MAURICE KRAFFT (Werner Herzog, CH/F/GB/USA 2022)

    Neuerlich hat Werner Herzog ein Archiv durchstöbert und daraus einen der für ihn typischen Filme erschaffen, in dem die Grenzen zwischen ihm und dem Drehmaterial teilweise zu verschwimmen scheinen. Mit dem unverkennbaren Audiokommentar zeigt er uns die atemberaubenden Aufnahmen der beiden Vulkanologen Katia und Maurice Krafft. Zuerst Wissenschaftler, dann Amateurfilmer, entwickelten sich die beiden zu professionellen Filmemachern. Ihr Vermächtnis möchte uns Herzog präsentieren und keine gewöhnliche Biografie, so wie es ursprünglich der Auftrag gewesen war. Ganz im Sinne des 1991 in Japan in einem pyroklastischen Strom umgekommenen Ehepaars. Mittels spektakulären Aufnahmen von Naturgewalten, die man kaum in Worte fassen kann, auf die Gefahren von Vulkanen zu verweisen. Herzog ist schon davon überzeugt, dass das was er macht ziemlich gut ist. Recht hat er.


    Werner Herzog – Radical Dreamer, Thomas von Steinaecker, Deutschland/Großbritannien/Spanien/USA 2022, V’22 Features

    WERNER HERZOG – RADICAL DREAMER (Thomas von Steinaecker D/E/GB/USA 2022)

    Werner Herzog ist ja nicht gerade ein zurückhaltender Mensch, also jemand, der in seinem Umfeld schnell die Kontrolle übernimmt. Das merkt man bei jeden seiner Auftritte. Umso mutiger ist es, sich einen Film über ihn vorzunehmen. Herzog hat Thomas von Steinaecker volle die Gestaltungsfreiheit überlassen, auch wenn er immer wieder zittern musste, dass der Herzog ihm doch etwas dreinredet. Das war am Ende unbegründet. Zum Q&A ist er dann auch nicht gekommen, da er Steinaecker die Bühne überlassen wollte. Radical Dreamer ist sehr gelungen. Viel ist schon bekannt über Herzog, so hört man altbekannte Anekdoten aber erfährt in knapp zwei Stunden auch Neues über sein immens großes Schaffen. Nicht nur für Fans sehenswert. In den letzten Tagen hat sich mir wieder gezeigt, dass Werner Herzog in den USA zwar ein richtiger Kultregisseur ist, ihn hierzulande aber viele gar nicht kennen. Eine gute Gelegenheit für eine erste Kontaktaufnahme.


    Theater Of Thought, Werner Herzog, USA 2022, V’22 Features

    THEATER OF THOUGHT (Werner Herzog, USA 2022)

    Im Grunde ist Theater of Thought über weite Strecken eine Reportage, wie man sie aus TV-Magazinen kennt. Werner Herzog interviewt – nein, er führt Gespräche, wie er betont – namhafte WissenschafterInnen der Neuronenforschung. Was spielt sich in unserem Gehirn ab? Träumen Fische? Mit manchen Fragen überrumpelt der Regisseur sein Gegenüber. Seine Neugierde macht seine Dokumentationen aber erst zu etwas besonderem. Es geht um die Gegenwart aber auch um die Zukunft der Forschung. Bereits jetzt ist es möglich, Microchips in das Gehirn zu pflanzen, um beispielsweise Parkinsonpatienten das Leben zu erleichtern. Der Blick in die Zukunft der technologischen Entwicklungen ist faszinierend wie erschreckend zu gleich. Für den Nachspann hat Herzog Namen erfunden. Der Film entstand im Team zu viert. Das zu zeigen, war ihm einfach unangenehm.


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


    2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 2026 Aktuelles Amazon Disney Feature Filme Filmfestival Filmkitik Filmkritik Kino aus Österreich Kommentar Netflix Oscar Radar Oscars Review Streaming Viennale Vorschau

  • VIENNALE 2021 – Das war’s

    VIENNALE 2021 – Das war’s

    Nach in diesem Jahr nur 13 gesichteten Filmen ist das mit dem Resümee vielleicht etwas schwierig. Trotzdem wage ich zu sagen: hier ist sie, die Coronaflaute, zumindest was die Breite des Angebots angeht. Die Filme sind nicht selten im vergangenen Jahr unter strengen Auflagen entstanden. Es ist aber nicht so, als herrsche Stillstand. Ganz im Gegenteil. Sean Baker (The Florida Project) konnte unter diesen Bedingungen ein geplantes (größeres) Projekt nicht umsetzen und besinnte sich seiner Wurzeln. Red Rocket entstand mit einem sehr kleinen Team und unter anderen Umständen würde dieser wunderbare Film schlicht nicht existieren. So gesehen beflügelte die Pandemie die Fantasie so mancher FilmemacherInnen (siehe auch Homemade, die Lockdown-Serien-Anthologie auf Netflix).

    Was bedeutet das aber nun für ein Filmfestival wie die Viennale, das einen Überblick der laufenden Saison ermöglicht? Die 59. Ausgabe des Festivals endete vor einem Feiertag und war neuerlich um drei Tage kürzer. Dafür war im Filmmuseum nicht die Retrospektive sondern unter anderem das Kurzfilmprogramm zu sehen. Die BesucherInnenzahl steigerte sich auf 58.200. Die Auslastung bliebt im Vergleich zum Vorjahr exakt gleich bei 74%, obwohl in diesem Jahr die Säle bis auf den letzten Platz gefüllt werden durften. Spiegelt sich hier der Ärger über den missglückten Vorverkaufsstart wieder?

    Manch vorprogrammierter Publikumsmagnet war bei weitem nicht voll besetzt. Lag natürlich auch daran, dass Spencer von Pablo Larraìn an einem Arbeitstag um 11:30 gezeigt wurde. Mit L’évènement von Audrey Diwan, dem diesjährigen Gewinner des Goldenen Löwen, wurde das Festival eröffnet. Ein starker und wichtiger Film, der das Publikum ganz schön forderte. Ob er sich aber als Eröffnungsfilm eignet, sei dahingestellt. In jeden Fall ein wichtiges Statement.

    Als jemand der beim Fernsehen tätig ist, kann ich die mäßig witzige Satire France von Bruno Dumont nicht unkommentiert lassen. Sein Generalangriff gegen die Glaubwürdigkeit der Medien mutet in der heutigen Zeit seltsam an, wo gerade Qualitätsmedien unter Druck stehen. Mit seiner Abneigung gegen das Fernsehen hielt der Regisseur auch im anschließenden Publikumsgespräch nicht hinter dem Berg. Im Gegensatz zu Fernsehnachrichten hätte der Film nicht den Anspruch auf Wahrheit oder würde diesen auch nicht versuchen vorzutäuschen. Was Dumont den Fernsehnachrichten jedoch vorwirft. France lief zur besten Zeit im Gartenbaukino. Genau so wie Benedetta von Paul Verhoeven, der Teile des Publikum eher ratlos zurückließ.

    Einen der stärksten Filmmomente lieferte wohl Große Freiheit von Sebastian Meise, als der Protagonist im Gefängnishof erfahren muss, dass sich ein enger Freund gerade das Leben genommen hatte und ihn alle Mitinsassen teilnahmslos anstarren, er über den Hof taumelt und endlich ein anderer auf ihn zugeht, nur um ihn zu umarmen. Man bekommt für einen Moment das Gefühl, wie es ist, wenn eine Welt zusammenbricht und niemand für einen da ist.

    Gegen Ende kam dann einer der Höhepunkte dieses Filmjahres. Mit The Card Counter beweist Paul Schrader aufs Neue, das er in einer eigenen Liga spielt (mehr siehe unten).

    Toby Bull versucht in seiner sechsminütigen Dokumentation Some Kind Of Intimacy über eine Schafherde mit seinen verstorbenen Eltern zu kommunizieren. Durch die Bilder entsteht gemeinsam mit dem Kommentar aus dem Off auf einer ganz neuen Ebene auf eine faszinierende Art und Weise ein eigener Film im Kopf. Die Viennale ist immer schon ein Ort für Entdeckungen gewesen. Die Fülle des Programms erlaubt es jedem/r, das Festival anders zu erleben und persönliche Höhepunkte zu erkunden. Nur die angesagten Höhepunkte waren in diesem Jahr zu einem erklecklichen Teil keine. 

    Nach der Viennale – Halbzeit hier nun einige weitere Filme des Festivals im kurzen Überblick:

    The Land of Dreams (Shirin Neshat, USA 2021)

    Wenn sie da so auf der Bühne stehen und sich nach dem Film vom Publikum beklatschen lassen, merkt man, da prallen Welten aufeinander: die Regisseurin und Multimediakünstlerin Shirin Neshat und Matt Dillon, das um zwei Köpfe größere Teenidol der 1980er Jahre. In Land of Dreams wirkt Dillon tatsächlich wie ein Fremdkörper und das obwohl es der erste Film von Neshat ist, den sie in ihrem Exil in den USA gedreht hat.
    Der Film basiert auf einem Kunstprojekt von 2019, in dem Neshat von Tür zu Tür ging, um sich von Menschen ihre letzten Träume erzählen zu lassen und sie anschließend mit dem Fotoapparat portraitierte. Jean-Claude Carrière hat daraus sein letztes Drehbuch gemacht. In einer nahen Zukunft arbeitet Simin (Sheila Vand) für die Census Behörde. Auch nach ihren letzten Träume soll sie die Menschen befragen. Begleitet wird sie von Alan, gespielt von Matt Dillon, der ihr Personenschutz geben soll.
    Der Film ist stark geprägt von performativer Konzeptkunst. Die Grenzen zwischen Traum und Realität verschwimmen, ebenso wie zwischen den USA und dem Iran. Nicht zufällig wählte Neshat New Mexico als Drehort, dessen Landschaft jener des Iran sehr ähnlich ist. Für viele Exiliraner ist das eigene Land nur mehr eine schmerzliche Erinnerung. Die Regisseurin stellt die Frage, was bleibt und was für immer aus der Erinnerung verschwindet.

    Benedict Cumberbatch in The Power of the Dog

    The Power of the Dog (Jane Campion, USA 2021)

    28 Jahre nach ihrem großen Erfolg Das Piano wurde Jane Campion in diesem Jahr bei den Filmfestspielen mit dem Silbernen Löwen für die Regie von The Power of the Dog ausgezeichnet. Das Leben des ungleiches Brüderpaars, gespielt von Benedict Cumberbatch und Jesse Plemons, nimmt in den USA der 1920er Jahre eine entscheidende Wendung, als einer von beiden heiratet und auf einmal eine Frau (Kirsten Dunst) und ein Junge (Kodi Smit-McPhee) ins Haus kommen. Es ist eine Geschichte der zwischenmenschlichen Spannungen und kleinen Andeutungen. Die Musik von Jonny Greenwood erzeugt eine permanente latente Anspannung. Alles scheint kurz vor der Explosion zu stehen. Lange bleibt ungewiss, wohin die Reise geht. Schafft die letzte Szene Aufklärung? Manche grübeln noch nach dem Ende. Wird bereits in einigen Hauptkategorien als heißer Oscar Kandidat gehandelt.

    Benedetta (Paul Verhoeven, F 2021)

    Basiert auf der 1986 erschienenen Biografie Schändliche Leidenschaften: das Leben einer lesbischen Nonne in Italien zur Zeit der Renaissance von Judith Cora Brown. Damit ist eigentlich schon viel gesagt.
    Eine Nonne (Virginie Efira) in der Toscana des 17. Jahrhunderts wird von klein auf immer wieder mit wundersamen Ereignisse in Verbindung gebracht. Nutzt sie dies letzten Endes zu ihrem Vorteil aus? Darüber muss sich jeder selber ein Bild machen. Interessant sind die Dynamiken unter den katholischen Würdenträgern, die trotz Zweifel aus den Ereignissen Kapital schlagen wollen und mit der Zeit jedenfalls selbst an die Wunder glauben. Viel nackte Haut. Wirkt streckenweise wie eine Altmännerfantasie und zieht sich ewig lang. Letzteres das Problem vieler Filme bei der heurigen Viennale.

    Große Freiheit (Sebastian Meise, AUT/D 2021)

    Hans Hoffmann (Franz Rogowski) wird 1945 aus dem Konzentrationslager befreit und gleich in ein Gefängnis überstellt. Die Grundlage dafür:  § 175. Der setzt gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen zwischen Männern seit 1872 unter Strafe. Von den Nazis verschärft, wurde der Paragraf erst 1994 ersatzlos gestrichen. Bis Ende der 1960er Jahre muss Hans einige Male ins Gefängnis. Dort trifft er immer wieder auf Viktor (Georg Friedrich), der seine Abneigung gegenüber Hans nicht zurückhält. Über die Jahrzehnte verändert sich die Beziehung zwischen den zwei Männern.
    Große Freiheit wurde ausgewählt, um Österreich am 27. März 2022 bei den Oscars in der Kategorie Bester Internationaler Film zu vertreten.

    Oscar Isaac in The Card Counter

    The Card Counter (Paul Schrader, USA/GB/CHN 2021)

    William Tell (Oscar Isaac – hat wer verstanden, warum er hier so heißt?) schlägt sich als Pokerprofi durch. Er war als Soldat im Irak und auf einem der Videos aus Abu Ghraib zu sehen und kam dafür ins Gefängnis. Jene auf den Aufnahmen wurden belangt. Die Befehlshaber kamen ungeschoren davon. Die posttraumatische Belastungsstörung bekam er als Geschenk vom Vaterland. Eines Tages trifft er auf Cirk (Tye Sheridan), der seinen Vater, ebenfalls in Abu Ghraib stationiert, an Major Gordon (Willem Dafoe) rächen möchte, der damals beide Männer in Foltermethoden trainierte. William ist von dem Plan weniger begeistert. Gleichzeitig bekommt William von La Linda (Tiffany Haddish) das Angebot, bei der World Series of Poker gemanaged zu werden. Das fasst er einen Plan.
    Die Kadrierung ist ein Genuss. Die Musik von Jesse Mark Russel (Score) und Robert Levon Been (Original Musik) tut ihr übriges. Schlicht brillant vom ersten bis zum letzten Kader. Ab März 2022 regulär im Kino. Vormerken!


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST

  • VIENNALE 2021 – HALBZEIT

    VIENNALE 2021 – HALBZEIT

    Tag fünf von zehn ist um. Die Viennale 2021 stellt mich vor eine harte Probe. Ist es die Filmauswahl? Aber warum sprechen attraktive Gäste vor leeren Reihen und sind vorprogrammierte Publikumslieblinge bei weitem nicht ausverkauft? Der Überraschungsfilm stimmte versöhnlich. Bisher acht Spielfilme und eine Dokumentation. Für ein abschliessendes Resümee warte ich noch die letzten Tage ab. Ein kurzer Überblick.

    L‘ EvŽnement, Das Ereignis, Audrey Diwan, Frankreich 2021, V’21 Features

    L‘ Evénement (OT: Das Ereignis, Audrey Diwan, F 2021)

    Ich habe die Krankheit, die nur Frauen bekommen können und sie zu Hausfrauen macht, sagt die Protagonistin einmal zu ihrem Uniprofessor. Da Abtreibung im Frankreich der 1960er Jahre illegal ist, muss sich die junge Frau in Lebensgefahr begeben und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Ein Film als Tortur – und am Puls der Zeit, mit einer grandiosen Anamaria Vartolomei in der Hauptrolle. Audrey Diwan wurde in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet..

    The Storms of Jeremy Thomas, Mark Cousins, USA 2021, V’21 Features

    The Storms of Jeremy Thomas (Mark Cousins, GB 2021)

    1988 bedankte sich Jeremy Thomas bei 30.000 Mitwirkenden mit dem Oscar für Der Letzte Kaiser in den Händen. Für diese Dokumentation begleitete Mark Cousins den britischen Produzenten auf seiner alljährlichen Autofahrt von Großbritannien zu den Filmfestspielen in Cannes. „Only 2 good Smartphones and a brain“ waren notwendig, so Thomas beim Q&A im Anschluss an das Viennale Screening. Thomas zeichnet unter anderem für zahlreiche Filme von Bertolucci, Cronenberg und Roeg verantwortlich. Cousins hat nicht bloß einen Film über jemanden gemacht, sondern dabei ein eigenes Kunstwerk erschaffen. In mehreren Kapiteln, wie Autos, Sex und Tod, montiert er pointiert Bilder des Roadtrips mit zahlreichen Filmausschnitten. Inspirierend.

    A Chiara, Jonas Carpignano, Italien/Frankreich 2021, V’21 Features

    A Chiara (Jonas Caprignano, I/F 2021)

    Im kaum 20.000 Einwohner zählenden kalabrischen Kaff findet eine Familienfeier statt. Chiaras ältere Schwester feiert ihren 18. Geburtstag. Der ganze Clan ist versammelt. Jonas Caprignano lässt sich anfangs viel Zeit und lässt uns die Dynamiken innerhalb der Familie spüren. Doch in der gleichen Nacht sieht Chiara ihren geliebten Vater über das Dach des Nachbarhauses flüchten. Dann fliegt ihr Auto in die Luft. Hier, im Süden Italiens ist die ‚Ndrangheta zu Hause. Von einem Moment auf den anderen ist Chiaras Leben nicht mehr das Selbe. Bevor sie eine schwerwiegende Entscheidung treffen wird, muss Chiara dem Familiengeheimnis auf die Spur gehen.

    Vicky Krieps, Tim Roth, Bergman Island, Mia Hansen-Løve, 2021, V’21 Features

    Bergman Island (Mia Hansen-Løve, F/D/BEL/SWE 2021)

    Ein Paar (Vicky Krieps und Tim Roth) begibt sich auf Fårö um an seinen Drehbüchern zu schreiben. Der 2007 verstorbene Regisseur Ingmar Bergman ist auf der Insel allgegenwärtig. Zwangsläufig drehen sich die Gespräche um ihn und um Geschlechterrollen. Der legendäre Regisseur drehte über 50 Filme und hatte 9 Kinder. Für eine Frau eine wohl unmögliche Karriere. In der Mitte ihres Filmes springt Mia Hansen-Løve in das gerade im Entstehen begriffene Drehbuch der Frau. Ein Film im Film. Am Ende verknüpfen sich drei Handlungsebenen miteinander. Sehr meta.

    Spencer, Pablo Larraín, Deutschland/Großbritannien 2021, V’21 Features

    Spencer (Pablo Larraín, UK/USA/D/CHIL 2021)

    Eine spannende Herangehensweise an den Mythos Prinzessin Diana hat Pablo Larraín gefunden. Er ist ganz nach dran an seiner Protagonistin und spart ihre Umgebung bis auf 2-3 Bezugspersonen weitestgehend aus. Die Abgründe der Königsfamilie faszinieren immer wieder. Großartige Musik von Jonny Greenwood. Kristen Stewart bewirbt sich hier eindringlich für eine Oscar-Nominierung. In weiteren Rollen glänzen Timothy Spall, Sean Harris und Sally Hawkins.

    Ha’berech, Ahed’s Knee, Nadav Lapid, Frankreich/Deutschland/Israel 2021, V’21 Features

    Ha’Berech (Nada Lapid, F/D/IL 2021)

    In diesem Autobiographischen Werk prangert der Regisseur die Zensur in seinem Heimatland Israel an. Sein Hauptdarsteller, ebenfalls Regisseur, wird vom Ministerium in ein Dorf eingeladen, um seinen neuen Film vorzustellen. Vor seinem Auftritt, soll er in einem Formular ankreuzen, welche Themen er dabei ansprechen möchte. Ein wichtiges Thema, das von der Jury in Cannes honoriert wurde. Leider ist die Form allzu experimentell geraten. Viele Menschen wird der Film so nicht erreichen.

    France, Bruno Dumont, Frankreich/Deutschland/Italien/Bahamas 2021, V’21 Features

    France (Bruno Dumont, F/D/I/BHS 2021)

    Bruno Dumont findet die Fernsehlandschaft verlogen. Das zeigt er in sehr langen 140 Minuten mit einer leidenden Léa Seydoux in der Hauptrolle. Sie betreibt eine Art von Journalismus, den es in Österreich nicht gibt: Boulevard gemischt mit internationaler Berichterstattung. Seydoux spielt eine Starjournalistin, die sich mit inszenierter Kriegsberichterstattung einen Namen gemacht hat. Durch einen Skandal fällt sie tief. Nebenbei plagen sie private Tragödien. Zu viel von allem und ein paar peinliche Ungenauigkeiten. Ich bin mir wie in einer Endlosschleife vorgekommen.

    È stata la mano di Dio, Paolo Sorrentino, I 2021

    Überraschungsfilm: È stata la mano di Dio (Die Hand Gottes, Paolo Sorrentino, I 2021)

    Paolo Sorrentinos autobiographische Tragikomödie ist von der ersten Szene an unglaublich witzig. Im ausverkauften Gartenbaukino herrschte allerdings lange Stille. Bis zur ersten Pointe. Ab dann wurde gelacht. Es war interessant zu beobachten, wie ein Publikum mit einem Film umgeht, denn es Anfangs nicht einordnen kann. Darf man lachen oder ist es ernst gemeint?
    È stata la mano di Dio erzählt von der Jugend des Regisseurs in Neapel, die von einem Ereignis geprägt war: einem Schicksalsschlag, bei dem Diego Maradona eine gewisse Rolle gespielt hat. So will es die Legende.
    Was bekommen wir? Allerhand Skurrilitäten um eine neapolitanische Großfamilie. Eine Komödie, die sich zu einer coming-of-age Erzählung ausweitet und schließlich dramatische Züge annimmt. Aber auch hier findet der Regisseur nicht so recht zu einem Ende. Ein oder zwei Mal glaubt man den Schluss zu erahnen aber der Film breitet sich auf einer Länge von 130 Minuten aus.
    Bei den Filmfestspielen von Venedig gewann Sorrentino den Silbernen Löwen (Großer Preis der Jury). 

    Red Rocket, Sean Baker, USA 2021, V’21 Features

    Red Rocket (Sean Baker, USA 2021)

    Sean Baker schafft es, uns eine Geschichte über Menschen zu erzählen, die kaum weiter von unser aller Lebensrealität entfernt sein könnten, ohne über sie zu urteilen oder sie gar vorzuführen. Voll Empathie und einer geschickten Hand für Laiendarsteller läßt uns Baker ins tiefste Texas eintauchen, wo am Vorabend der Präsidentschaftswahlen 2016 die Protagonisten versuchen sich über die Runden zu schlagen. Der charismatische Hauptdarsteller Simon Rex spielt einen abgehalfterten Pornostar, der aus Los Angeles in seinen Heimatort zurückkehrt. Völlig mittellos gelingt es ihm, bei seiner Noch-Ehefrau und deren Mutter unterzukommen. Als er in einem Donut Laden die kurz vor ihrem 18. Geburtstag stehende Strawberry kennenlernt, glaubt er in ihr ungeahnte Talente zu erkennen und ein großes Geschäft. Eine sehr gelungene unterhaltsame Millieustudie.


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


  • VIENNALE 2021 – EINE VORSCHAU

    VIENNALE 2021 – EINE VORSCHAU

    Die Prognose zur Halbzeit der letztjährigen Viennale hatte sich leider bewahrheitet. Bereits einen Tag nach dem Ende des Festivals schlossen die Kinos für viele Monate ihre Türen. Der Filmmarkt wurde gehörig durcheinandergebracht. Starttermine wurden verschoben oder Filme direkt über Streamingdienste veröffentlicht. Immerhin: die großen internationalen Filmfestivals fanden heuer wieder statt. Zahlreiche Filme aus Berlin, Cannes und Venedig sind nun bei einer neuerlich verkürzten Viennale vom 21.-31 Oktober 2021 in Wien zu sehen.

    Eröffnet wird mit dem diesjährigen Preisträger der Filmfestspiele von Venedig. L’Evénement von Audrey Diwan läuft parallel zur offiziellen Eröffnung in mehreren Kinos (Karten ab morgen im freien Verkauf). Die Regisseurin wird extra nach Wien anreisen (Der Gewinner des Goldenen Bären, Bad Luck Banging or Loony Porn ist bereits vor ein paar Monaten regulär im Kino angelaufen und Titane – Goldene Palme für Julia Ducournau – steht gleich anschließend an das Festival auf dem Programm.).

    L‘ EvŽnement, Das Ereignis, Audrey Diwan, Frankreich 2021

    Gleich am ersten Tag stehen must-sees wie Paul Schraders The Card Player, Azazel Jacobs‘ French Exit und Benedetta von Paul Verhoeven auf dem Spielplan (es gibt im Lauf der Woche jeweils Alternativtermine). Die Doku The Storms of Jeremy Thomas erzählt von einem der bedeutendsten Filmproduzenten unserer Zeit. Thomas ist zu Gast in Wien.

    Mit einem regelrechten Staraufgebot (Benedict Cumberbatch, Kirsten Dunst, Jesse Plemons, Thomasin McKenzie) wartet in den folgenden Tagen Jane Campions gefeierter Film The Power of the Dog auf. Mia Hansen-Løve wird am Sonntag ihren neuen Film Bergman Island persönlich präsentieren.

    Die Woche startet mit Pablo Larrains Spencer. Kirsten Stewart spielt Prinzessin Diana. Die Tragikomödie France von Bruno Dumont feierte in Cannes Premiere. Zu sehen ebenfalls am Montag. Der Regisseur wird anwesend sein. Treue Viennale-Besucher:innen lassen natürlich am Dienstag den Überraschungsfilm im Gartenbaukino nicht aus.

    Einer der großen Regisseure der jüngsten Vergangenheit beehrt am Dienstag das Festival. Sean Baker (The Florida Project) kommt mit seinem neuen Film Red Rocket im Gepäck nach Wien. Die Liste der sehenswerte Filme ist lang. Weiters erwähnen möchte ich die Dokumentation The Sparks Brothers von Edgar Wright, Die große Freiheit von Sebastian Meise, die Höhlenforscherdoku Il Buco von Michelangelo Frammartino, Petite Maman, Céline Sciammas Nachfolger von Portait einer jungen Frau in Flammen und Annette von Leos Carax.

    Für die Harten unter uns: Au bord du Monde von Gaspar Noé. In der Monografie für Terence Davis wird sein Film The House of Mirth aus dem Jahr 2000 mit Gillian Anderson gezeigt. Große Empfehlung dafür.

    Wer noch nicht genug hat: ebenfalls Neues von Francois Ozon (Tout s’est bien passé), Shirin Neshat (Land of Dreams) und Mathieu Amalric (Serre moi fort).

    Darüber hinaus gibt es zahlreiche Film zu entdecken. Das macht die Viennale auch aus. Man kann sich überraschen lassen. Das Programm ist relativ kompakt. Gerade für Filme abseits der Starparade gibt es meist auch Karten für Kurzentschlossene.


    Die Viennale findet vom 21. – 31- Oktober 2021 im Gartenbaukino, Stadtkino im Künstlerhaus, Urania, Metro – Historischer Saal und Filmmuseum statt.

    Alles Infos: www.viennale.at
    Der VVK beginnt am 16. Oktober um 10:00


    Foto oben: Il buco, Michelangelo Frammartino, Italien/Deutschland/Frankreich 2021, V’21 Features

  • GOLDENE PALME FÜR SHOPLIFTERS

    GOLDENE PALME FÜR SHOPLIFTERS

    *** Die Goldene Palme 2018 geht an Kore-Eda Hirokazu für sein Familiendrama Shoplifters. Den Großen Preis der Jury unter dem Vorsitz von Cate Blanchett erhielt Spike Lee und BlacKkKLansman. Als beste Schauspielerin wurde Samal Yeslyamova (Ayla von Sergey Dvortsevoy) ausgezeichnet und als bester Schauspieler Marcello Fonte (Dogman von Matteo Garrone).***

    Der Preis für die Beste Regie ging an Pawel Pawlikowski (Zimna Wojna). In der Kategorie Bestes Drehbuch wurden Alice Rohrwacher (Lazaro Felice) und Radar Saeivar (3 Faces) ex aequo ausgezeichnet. Der Spezial Preis ging an Jean-Luc Godard für Le Live D’Image.

    LINK:

    Die Liste aller weiteren Preisträger: www.festival-cannes.com

  • LET‘S CEE Film Festival

    LET‘S CEE Film Festival

    Ab heute findet in Wien das sechste LET’S CEE Film Festival statt. In den nächsten zehn Tagen sind über 160 Filme zu sehen. Aus, der Titel des Festivals verrät es, Zentral- und Osteuropa. Was für so gut wie alle Festivals gilt, trifft hier ganz besonders zu. Viele Filme wird man nur in diesem Rahmen sehen können. Sie kommen nicht ins Kino, werden nicht im Fernsehen ausgestrahlt und auf DVD erscheinen sie wenn überhaupt vermutlich nur in der Originalsprache.

    Eröffnet wird heute mit „November“, Estlands Beitrag für den Auslands-Oscar. In Schwarzweißbildern wird eine Geschichte von bösen Geistern und einem Pakt mit dem Teufel vor einer dörflichen Kulisse des 19. Jahrhunderts erzählt. Klingt vielversprechend.

    Sonst ist das Programm mit einem Spielfilm-, Dokumentarfilm- und Kurzfilm-Wettbewerb und einem Wettbewerb für Promising Debuts derartig umfangreich, dass sich ein Blick in den kompakten Pocket Guide auf jeden Fall lohnt.

    Für alle, denen der Zugang zum europäischen Film nicht so leicht fällt, gibt es erstmals die Programmschiene „Hollywood Goes CEE“ mit Produktionen, die in Europa gedreht wurden: „Bullet Head“ mit Adrien Brody, Antonio Banderas und John Malkovich und „Chuck“ mit Liev Schreiber und Elisabeth Moss.

    Die „Austrian Days“ ermöglichen ein Wiedersehen mit den österreichischen Höhepunkten des letzten Jahres. Gezeigt wird zum Beispiel „Die Geträumten“ von Ruth Beckermann, überhaupt eine der wunderbarsten Produktionen des Kinojahres.

    Was bei der Viennale längst überfällig ist, ist beim LET’S CEE bereits Realität. In einer Kooperation mit Cineplexx International wird eine kleine Auswahl an Filmen auch in den Bundesländern zu sehen sein (Cineplexx Salzburg City, Gleisdorf Kunstkino und Stadtkino Villach).

    Link:

    Let’s CEE Film Festival Website

  • JÜDISCHES FILMFESTIVAL WIEN

    JÜDISCHES FILMFESTIVAL WIEN

    Das Jüdische Filmfestival Wien steht ab morgen im Zeichen des 70. Geburtstags des Staates Israel. Eine Woche lang kann man sich im Metro Kinokulturhaus und im Top Kino einen Überblick über historische und aktuelle Kinoproduktionen aus Israel verschaffen.

    Eröffnet wird mit einer Dokumentation, die auf einem Interview mit David Ben-Gurion basiert, der am 14. Mai 1948 die Unabhängigkeitserklärung verlas („Ben-Gurion, Epilogue, 2016). Eine eigene Reihe ist dem Regisseur Amos Gitai gewidmet. Von einer ungewöhnlichen Beziehung zwischen einem schwulen berliner Bäcker und der in Jerusalem lebenden Witwe des Mannes, den sie beide liebten, erzählt „The Cakemaker“ (2017).

    Das Dokudrama „The Illegals“ beschreibt die Flucht einer Gruppe jüdischer Holocaust-Überlebender nach Palästina. Kurz vor dem Ziel wurden sie von der britischen Armee aufgegriffen und in Zypern interniert. Der Film wird gemeinsam mit einem Vortrag von Dr. Hannes Leidinger gezeigt, der über die Zeit der Jahrhundertwende und das israelisch-österreichische Verhältnis referieren wird.

    Mit 100 Jahren jüdischer Geschichte in Österreich beschäftigt sich unter dem Motto „Shalom Austria!“ ein zweiter Teil des Festivals von 11. – 18. Oktober 2018.

    Link: www.jfw.at

    Foto: © Pandora Films, Juliette Binoche in „Disengagement“