Autor: Michael Holly

  • BABY DRIVER

    BABY DRIVER

    Mit unsinnigen Übersetzungen von Filmtiteln ins Deutsche könnte man Bände füllen. In diesem Fall wurde dem Verleih die Arbeit bereits abgenommen. BABY DRIVER, da gibt es keine Steigerung mehr. Zum Filmstart in Großbritannien wurde darüber diskutiert, ob der Titel dem Erfolg des Filmes im Wege stehen würde. Dazu gleich vorweg: nicht abschrecken lassen, Unterhaltung ist garantiert.

    One more job

    Baby (Ansel Elgort, bekannt aus „The fault in our stars“) steht bei Doc (Kevin Spacey) hoch in der Schuld und fungiert seit Kindheitstagen bei von ihm organisierten Raubüberfällen als Fluchtfahrer. Babys Interesse gilt jedoch in erster Linie der Musik. Für jeden Überfall stellt er sich einen eigenen Soundtrack zusammen und wartet mit Stöpseln in den Ohren im Auto und stiehlt sich so auch aus der Verantwortung.

    Edgar Wright inszeniert den Film aus der Sicht von Baby und seiner Musik. Jeder Schnitt, jede Bewegung und jeder Schuß erfolgt im Takt der Musik. Klingt anstrengend, funktioniert aber erstaunlich gut.

    Achtung Baby!

    BABY DRIVER ist ein solider Gangsterfilm mit Musicaleinschlag und Lovestory obendrauf. Kurz vor seinem letzten Job lernt Baby Deborah (Lily James) kennen. Doch bald heisst es wie so oft: „Behind the wheel or in a wheelchair?“ Mit dem Aussteigen ist es immer so eine Sache. Baby muss sich seiner Verantwortung stellen und die Liebe erstmal warten.

    Alles ist der Musik untergeordnet. Die Sprache tritt in den Hintergrund. Entsprechend wortkarg gibt sich Baby. Selbst mit seinem taubstummen Ziehvater kommuniziert er neben Gebärden über die Musik. Damit hebt sich Wrights Film von der Masse an Gangsterfilmen ab und versteht sich auch ein wenig als Hommage an die Filme der 1960er Jahre.

    Auch wenn zu damaligen Zeiten ganz andere Kaliber vor der Kamera standen. Die Kumpanen bei den Raubzügen wechseln ständig. Jamie Foxx ist mit dabei. Das ist der mit dem clownensken Outfit und es gibt ein Wiedersehen mit Jon „Draper“ Hamm.

    BABY DRIVER, ohne große Vorankūndigungen aus dem Nichts aufgetaucht, bietet mit seinen Verfolgungsjagden und dem fetzigen Soundtrack gute Unterhaltung und ist der Überraschungserfolg dieses Sommers.

    Edgar Wright USA 2017 113 Min

  • WAR FOR THE PLANET OF THE APES

    WAR FOR THE PLANET OF THE APES

    Schon einmal die Gelegenheit gehabt, einem Menschenaffen im Zoo in die Augen zu schauen? Gut möglich, dass dabei ein eigenartiges Gefühl aufgekommen ist. Zu sehr ähnelt der Blick an den eines Menschen und erinnert daran, wie nah wir uns eigentlich sind. Mit dieser Nähe beschäftigt sich die „Planet der Affenhitze“- Filmreihe nach der Romanvorlage von Pierre Boulle seit Ende der 1960er Jahre. Mit WAR FOR THE PLANET OF THE APES kommt die aktuelle Trilogie, in der die Vorgeschichte zur ersten Verfilmung mit Charlton Heston von 1968 erzählt wird, nach 2011 und 2014 zu einem Abschluss.

    Zur Botschaft der Reihe, die Menschen steuerten wegen ihrer immer währenden Aggression und Maßlosigkeit unweigerlich ihrem Untergang entgegen, kam in der Neuauflage die technische Rafinesse des Motion Capture Verfahrens, die es dem Publikum nun erlaubte, den Affen tatsächlich in die Augen zu sehen. Im dritten Teil nun perfektioniert, sodass man neuerlich vergisst, es handle sich hier um reale SchauspielerInnen. Dabei leisten Andy Serkis als Caesar und seine MitstreiterInnen eine großartige Arbeit.

    Woody Harrelson als Colonel brilliert in der Rolle eines Antagonisten, wie er im Kino nur mehr selten zu sehen ist. Böse ohne je lächerlich zu wirken. Regelrecht erfrischend.

    Nach einer zweimaligen Nominierung für die Spezialeffekte wäre es nun entgültig an der Zeit, dass das Team von Apes im nächsten Jahr endlich die goldene Statue mit nach Hause nehmen kann. Für mehr wird es wohl nicht reichen. Die Vorgänger hatten nicht zuletzt durch ihren revolutionären Charakter in der Storyline mehr zu erzählen.

    Es herrscht also von Beginn an der finale Krieg zwischen Tier und Mensch in WAR FOR THE PLANET OF THE APES und auch wenn man auf ein originelleres Finale zu hoffen wagte, gehört dieser vielleicht doch nicht letzte Teil zu den sehenswerten Blockbustern in diesem Sommer, mit dem man nicht viel falsch machen kann.

    Matt Reeves USA 2017 140 Min

     

     

  • WONDER WOMAN

    WONDER WOMAN

    Das Licht geht aus. Der Film beginnt. Mein Sitznachbar schaut auf sein Ticket. Irgendwas mit „Pirates“ steht da drauf. Dies ist aber nicht die Geschichte von Jack, sondern der von Zeus erschaffenen Diana. Von der Kritik wurde Wonder Woman größtenteils abgefeiert und schon nach wenigen Tagen mit einem Einspielergebnis bedacht, das Produzentenherzen höher schlagen läßt. Was ist dran an der Frauenpower vor und hinter der Kamera? Der erst zweite Spielfilm von Patty Jenkins nach Monster (2003, Oscar für Charlize Theron) darf, vor allem gemessen an anderen Superheldenfilmen, durchaus als geglückt bezeichnet werden und mag über weite Strecken gut zu unterhalten, auch wenn er im Verlauf unnötigerweise Anleihen bei der Konkurrenz nimmt.

    Die Begegnung von Amazonen und Weltkriegs-Pilot zu Beginn hätte leicht peinlich werden können. Jenkins gelingt es aber, das auf humorvolle Weise zu verhindern. Die Chemie zwischen Gal Gadot und Chris Pine stimmt. Beide spielen überzeugend, wie auch noch die kleinsten Rollen exzellent besetzt sind. Die Rolle von Gal Gadot ist Gegenstand einer Sexismusdebatte, was ansich schon sexistisch ist. Aber das ist eine andere Geschichte. Gardot trägt den überlangen Film auf eine graziöse und charmante Art. Man muss sie einfach mögen.

    Wonder Woman und die Männerrunde

    Die „überraschende Wendung“ in WONDER WOMAN ist aber leider missglückt, folgt sie doch den Gesetzen des Fernsehkrimis. Der Böse ist immer der … Da muss man erst gar kein Experte auf dem Gebiet sein.

    Die Überlänge. Bei Rapid gibt es bekanntlich die Rapid-Viertelstunde. In SuperheldInnen Filmen gibt es etwas ähnliches, nennen wir sie die Marvel-Viertelstunde. Sie dauert in Wahrheit etwas länger und mündet in diesem Fall in ein langweiliges flammendes Inferno. Nach gut 100 Minuten wird man so auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Bis dahin bietet WONDER WOMAN beste Unterhaltung, ist witzig und spannend zugleich. Leider dauert der Film dann noch 40 Minuten.

    DC Extended Universe (Warner Bros), Marvel Cinematic Universe (Disney) und Dark Universe (Universal): Wenn man sich darauf noch einläßt, muss man entweder ein Filmnerd sein oder/und sich in einer ewigen Pubertät befinden. Es ist ein Wettlauf um Starttermine und Marktanteile. Ähnlich der Supermarktfilialen, die nur aus strategischen Gründen existieren, um die Konkurrenz in Schach zu halten und zu verhindern, das eine andere deren Platz einnimmt.

    WONDER WOMAN wird sich unter die erfolgreichsten Filme aller Zeiten einreihen, als erste Produktion, bei der eine Frau Regie geführt hat. Warner Bros gewinnt damit, nach ein paar unglücklichen Versuchen sein DC Extended Universe zu etablieren, einiges an Aufwind.

    Mein Sitznachbar hat dann schnell den Saal gewechselt. Schlechte Wahl. Er hätte dem Wink des Schicksals folgen sollen, dass ihm im sonst vollen Kinosaal genau den richtigen Platz freigehalten hatte. Gut, daran bin ich nicht ganz unschuldig.

    Gibts ein Fazit? Gal Gadot IST Wonder Woman und Chis Pine „beyond average“. Kann man sich anschauen. Wunder darf man aber keine erwarten.

    WONDER WOMAN | Patty Jenkins | USA 2017 | 149 MIN.


    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST


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  • THEIR FINEST

    THEIR FINEST

    London 1940. Die Kriegsmaschinerie läuft auf Hochtouren. Es werden Waffen produziert, Munition aber auch Kinofilme. Das Ministerium für Information gibt Filme in Auftrag, um die Moral zu stärken und um Kriegsmüdigkeit erst gar nicht aufkommen zu lassen. Drehbuchautor Tom Buckley (Sam Claflin) wird auf Catrin Cole (Gemma Arterton) aufmerksam und das Ministerium bietet ihr einen Job als Drehbuchautorin an. Da ihr Mann, der Maler Ellis Cole (Jack Huston), nicht für sie sorgen kann, nimmt sie das Angebot an.

    Auf der Suche nach einer wahren heldenhaften Geschichte, wird das Ministerium auf Zwillingsschwestern aufmerksam, die mit einem Fischkutter Soldaten vor Dünkirchen gerettet haben sollen. Bei Catrins Recherche stellt sich die Geschichte als unwahr heraus, was sie verschweigt und so beginnt man mit der Filmproduktion.

    Lone Scherfigs romantische Tragikkomödie ist durch und durch nostalgisch und gäbe es gegen Ende nicht noch eine Wende, wäre der Film allzu vorhersehbar. Die Balance zwischen den verschiedene Genres gelingt gut, die permanente Gefahr von Bombenangriffen ist den ganzen Film über allgegenwärtig. Durch die Aufarbeitung von Geschlechterrollen der damaligen Zeit und herausragenden schauspielerischen Leistungen, lohnt ein näherer Blick. Bill Nighy, als alternder, von der Popularität längst vergangener Tage zehrender Schauspielstar Ambrose Hilliard, bleibt durch seine gewohnte Ausdrucksstärke in Erinnerung und verschafft dem Film zahlreiche komische Momente. Arterton brilliert in der Darstellung Catrins im Kampf gegen Bevormundung und Geringschätzung, in der Arbeit, wie in den eigenen vier Wänden. Das Leben macht es ihr nicht leicht. Der Moment des größten Glücks dauert dann nur einen leidenschaftlichen Filmkuss lang. Sam Claflin ist ein wunderbarer Partner für Arterton.

    Die Bedeutung des Mediums Film als Propagandainstrument entgeht auch Winston Churchill nicht. Der beauftragt seinen Minister (Jeremy Irons), eine Rolle für einen US-amerikanischen Schauspieler einzubauen. Nicht nur, um den dortigen Markt zu bedienen, sondern als Aufforderung, die da drüben sollen sich doch endlich Richtung Europa in Bewegung setzten. Wenige Monate vor dem Angriff auf Pearl Harbour gab es hinsichtlich dessen nämlich noch keine Anzeichen.

    Aufgrund verschobener Starttermine läuft nun THEIR FINEST bei uns an, kurz bevor Christopher Nolans „Dunkirk“ in die Kinos kommt. Scherfig thematisiert die Ereignisse um die Schlacht von Dünkirchen als Film im Film Kriegspropaganda, während Nolan die Schlacht als Actionspektakel inszeniert. Bleibt abzuwarten, auf welche Art und Weise in „Dunkirk“ mit Geschichte umgegangen wird und ob die spektakuläre Rettungsaktion heute, in Zeiten verhärteter Fronten, neuerlich als Propaganda herhalten muss.

    THEIR FINEST Ihre beste Stunde – Drehbuch einer Heldin Lone Scherfig 2016

  • Dunkirk und IMAX in Wien

    Dunkirk und IMAX in Wien

    Dunkirk brachte IMAX im Jahr 2017 wieder in aller Munde. Das bietet die Gelegenheit, um einen Blick auf die größten Leinwände und die bewegte Geschichte von IMAX in Österreich zu werfen. Der Name steht für das Kinoerlebnis schlechthin und für technische Superlative. Doch kommt man hierzulande überhaupt in den Genuss einer Projektion, so wie sich Christopher Nolan das vorstellt?

    Die Anfänge

    In Österreich hat das IMAX-Zeitalter in einem riesigen provisorischen Container in Pasching in Oberösterreich begonnen. Am 4. Dezember 1992 übersiedelte es an die Ostseite des Technischen Museums in Wien. 2002 wechselte der Standort in einen Neubau auf die gegenüberliegende Seite des Museums. Auf gigantischen 600m2 wurden hier Dokumentarfilme gezeigt. Nun waren erstmals auch IMAX 3D Projektionen möglich. Laut Betreiberfirma Large Format Cinema (LFC) war es im Eröffnungsjahr der erfolgreichste aller 42 Standorte in Europa. Bereits 2005 ging die Firma aber in Konkurs. Die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) als Eigentümerin war bemüht, eine Weiterführung durch die IMAX Corp. zu ermöglichen. Die Verhandlungen scheiterten. Die letzte Vorstellung fand am 15. November statt. Das Ende des einzigen richtigen IMAX-Kinos in Wien dürfte mehrere Gründe gehabt haben. Eine schlechte Programmierung und der dezentrale Standort führten jedenfalls zu einem starken Besucherrückgang.

    Abriss des IMAX Kinos in Wien

    Der Neubeginn

    Mit  Transformers – Die Rache wurde nach einem Umbau der Saal 1 im Apollo – Das Kino in Wien im Jahr 2009 als IMAX wiedereröffnet. Die Größe der Leinwand von 170m2 wird jedoch von so mancher normalen Leinwand übertroffen. Die Umrüstung herkömmlicher Kinosäle war durch die Einführung digitaler IMAX Projektoren möglich geworden. Diese sind im Vergleich zu analogen 70mm IMAX Projektoren weitaus günstiger.

    Kinos mit digitalen Projektoren, wie auch das Cineplexx Donau Zentrum (in Wien seit 2012, 230m2) haben „IMAX with Laser“-Systeme. Zur Veranschaulichung zeigt die Grafik unten, dass hier nicht zwangsläufig das vollständige Bild angezeigt wird, bzw. es hier wiederum lokale Unterschiede gibt.

    Die größte Leinwand Österreichs befindet sich heute wieder im Hollywood Megaplex Pluscity in Pasching. Seit 2016 kann man hier Filme in IMAX auf beachtlichen 330m2 bestaunen.

    Grundsätzlich sollte man die Frage stellen: Wurde der Film überhaupt im IMAX Format gedreht? Auf komplette Filme trifft das selten zu. In Dunkirk sind es 79 von 107 Minuten. Das ist schon viel. Meist werden nur einzelne Sequenzen – oft Actionszenen – mit IMAX Kameras gedreht (In First Man sind es die 9 Minuten auf dem Mond). Nur dann wird die gesamte Leinwand bespielt. Während des restlichen Films gibt es oben und unten schwarze Balken. Dem Publikum wird es meistens gar nicht auffallen. So wie auch bei Star Wars – Der Aufstieg Skywalker. Die IMAX Säle waren voll. Allerdings hat das Set nie eine IMAX Kamera gesehen.

    Am 23. Juli 2015 fand die Weltpremiere von Mission Impossible 5 in der Wiener Staatsoper statt. Dafür wurde der Zuschauerraum in ein IMAX-Kino umgebaut und eine 17×9,5 Meter große Leinwand installiert.

    Neben der Bildqualität und dem Format steht IMAX auch für das eigene IMAX® Immersive Soundsystem. Ob man den Unterschied hört, sei dahingestellt. Dass die Leinwand vom Boden bis zur Decke reicht, ist das Einzige ursprüngliche Merkmal geblieben. Bei einem Spielfilm macht eine 600m2 Leinwand im Unterschied zu einer Dokumentation auch wenig Sinn. Trotzdem ist es, zumindest in Österreich, nicht möglich einen IMAX Film im Vollformat zu sehen. Dafür müsste man nach Prag reisen. Der einzige analoge Projektor weit und breit.

    Prague IMAX Theatre, Palace Flora: IMAX 1570+D 3D F 379 3/20/2003 23x14m (322m2)
    Bratislava Cinemax Bratislava & IMAX: IMAX D 3D F 476 2015 23×13.5 (310m2)

    Wolfgang Steiger vom Filmpodcast Flip the Truck hat recherchiert.

    Die offiziellen technischen Informationen über IMAX Säle in Österreich waren lange spärlich. IMAX selbst unterschied in der Kennzeichnung nicht zwischen 70mm und Digital Projektion. Mittlerweile werden die IMAX Säle in Wien als „IMAX mit Laser“ deklariert.

    Es ist also die Ironie der Geschichte, dass Wiens einziges echtes IMAX Kino 2005 für immer schließen musste und nur 3 Jahre später mit Christopher Nolans The Dark Knight die Technologie im Unterhaltungsfilm ihren Durchbruch feierte.


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  • DUNKIRK

    DUNKIRK

    Dröhnende Spitfire Jagdflugzeuge, Bombenexplosionen und eine ohrenbetäubende Filmmusik. Kurz bevor es nach kompakten 107 Minuten vorbei ist, ein Augenblick der Stille. Die Kamera ruht groß auf einem der Hauptdarsteller. Stille im Saal aber ein anhaltender Radau im Kopf. DUNKIRK hinterläßt ein Ohrensausen. Ein Film als Ereignis.

    Kriegsfilme kommen mit gewisser Regelmäßigkeit in die Kinos und sind im besten Fall eine sichere Bank für Auszeichnungen. In den letzten Jahren versuchte man sich ständig mit bluttriefendem Hyperrealismus zu überbieten, um die unbegreiflichen Greuel greifbar zu machen und um einen Grusel- und Eckelfaktor zu erweitern. Bei all der Brutalität standen Helden im Zentrum, die allen Gefahren trotzten und in extremsten Situationen über sich hinauswuchsen. Selbst für Humor war da noch Platz.

    Rastlos, chaotisch, unübersichtlich.

    Christopher Nolan hat nun einen völlig anderen Weg eingeschlagen. Aus drei Perspektiven erzählt er einen Moment der großangelegten Evakuierungsaktion von Dunkirk im Jahr 1940, bei der von den Alliierten binnen weniger Tage mehr als 300.000 von der Wehrmacht eingekesselte Soldaten gerettet wurden. Nicht chronologisch und ohne Anfang und Ende. Wenig Dialoge und Kampfhandlungen, dafür Filmmusik oder vielmehr eine die Kinosessel zum vibrieren bringende Klangwolke von Hans Zimmer und Sounddesigner Richard King. Sie gibt auch den Takt vor. In hohem Tempo wird erzählt. Im Hintergrund das Ticken einer Stoppuhr. Dem Publikum wird keine Verschnaufpause gegönnt. 
    Hoyte von Hoytemas Kamera nimmt das Publikum in den drei Kapiteln mit auf die hohe See, an Land und ins Cockpit. Keine Tricks, die Flugszenen sind echt. Die IMAX Kamera wurde eigens umgebaut, damit sie in die kleinen Jagdflugzeuge aus dem Museum passt. Nicht nur Actionszenen sondern zwei Drittel des Filmes drehte Nolan auf dem Großformat. Die drei Kapitel unterscheiden sich aber nicht nur im Projektionsformat, sondern auch in der Erzählweise: konventionell erzählte Rettungsaktion und orientierungsloser Überlebenskampf.

    The Enemy

    Wie schon Terrence Malick in „The Thin Red Line“ setzt Nolan eine größere Zahl an Schaupielern ein (darunter Mark Rylance, Fionn Whitehead, Harry Styles, Cillian Murphy, Tom Hardy und Kenneth Branagh), ohne einen hervorzuheben. Auch wenn sie durchwegs überzeugend agieren, durch die stakkatoartige Aneinanderreihung von Sequenzen geraten sie unter die Räder. Die Technik, vor und hinter der Kamera, ist der wahre Star des Films. DUNKIRK ist keine Charakterstudie. Die Hintergrundgeschichten interessieren hier bewusst nicht. Nur der Moment zählt und der pure Überlebenswille. Die Gegenseite wird nur „The Enemy“ genannt. Zu sehen ist sie nicht. Damit geht Nolan einer schablonenhaften Darstellung und einer plumpen Dämonisierung der Wehrmacht elegant aus dem Weg.

    Ein Augenzeugenbericht

    Die Spannungen zwischen den Alliierten werden ebenso thematisiert, wie die Enttäuschung der Soldaten darüber, dass ihrer Führung keine schnellere und organisiertere Rettung gelingt. 

    Durch das Zusammenspiel von Kamera, Ton und Schnitt (Lee Smith) und den Verzicht auf eine lineare Handlungsebene erlangt Nolan ein Höchstmaß an Realismus. Weniger Kriegsfilm als Augenzeugenbericht ist DUNKIRK und vermittelt keinen Überblick der Geschehnisse, sondern Momente und Perspektiven, die sich nach und nach zu einem Bild zusammensetzen. 

    Wenn in diesem Jahr kein Film über Hollywood selbst oder ein Musical über Ivanka und Jared ins Kino kommt, hören wir von DUNKIRK nochmals, wenn im Winter die Award Saison beginnt. Zumindest in technischer Hinsicht überzeugt der Film auf allen Fronten.

    _____

    Christopher Nolan UK/USA/F/NL 2017 120 Min.

  • DER TOD VON LUDWIG XIV.

    DER TOD VON LUDWIG XIV.

    Jean-Pierre Léaud als sterbender Ludwig XIV. Die französische Schauspiellegende in der Rolle des Sonnenkönigs. Albert Serra ist hier ein besonderer Coup gelungen.

    Léaud erlangte Berühmtheit in der Rolle des Antoine Doinel, dem Alterego François Truffauts. Die erste Zusammenarbeit „Sie küßten und sie schlugen ihn“ stammt aus dem Jahr 1959. Léaud war damals fünfzehn Jahre alt. Ludwig wurde als Vierjähriger inthronisiert und regierte bis zu seinem Tod mit siebenundsiebzig Jahren. Somit ist Léaud im richtigen Alter um diese Rolle zu verkörpern. Auf diese Weise überschneiden sich die Biographien zweier auf ihre Weise für Frankreich bedeutenden Persönlichkeiten. Von Serra so durchaus gewollt.

    Serra inszeniert den Tod Ludwigs als Kammerspiel. Der engste Hofstaat hat sich am Totenbett versammelt und sein Leibarzt ist bemüht, den Leiden des Sonnengottes auf den Grund zu gehen. Vergebens, mit den damaligen medizinischen Kenntnisse stoßt er bald an seine Grenzen.

    Ludwig liegt mit einer grotesk großen Perücke und Festkleidung im Bett, umgeben von düsterem Dekor. Viel gibt Serra nicht Preis und inszeniert in jeglicher Hinsicht minimalistisch. Die Kamera ruht meist auf Léauds Gesicht. Man hört ihn atmen, stöhnen. Anfangs wird noch jede auch noch so banale Tätigkeit mit Applaus bedacht. Für Ludwig ist es ist eine Art Menschwerdung und eine Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit, nachdem er sein Leben lang vergöttert wurde. Seine engsten Vertrauten bewundern selbst nach dem Tod die Ausmaße seines Darms.

    Albert Serra war sehr überrascht, als im letzten Jahr das Publikum in Cannes bis zum Ende des Filmes sitzenblieb. Das war er bis jetzt nicht gewohnt. In Scharen verließen die ZuseherInnen bei seinen vorangegangenen Filmen die Kinosäle. Somit müsste das wohl sein bisher kommerziellster Film sein, meint er selbst. Letztlich ist es ihm egal, er schert sich um das Publikum nicht. „The Three Little Pigs“ (2013) hatte eine Länge von 101 Stunden. Am Set gibt er kaum Anweisungen, Vorbereitungen gibt es keine und die drei Kameras, mit denen er arbeitet, lässt er schon mal ein paar Stunden durchlaufen. Jeder wie er mag. Im Schnitt bedeutet das normalerweise hunderte Stunden Drehmaterial. Der eloquente Serra sieht das allerdings ganz entspannt.

    DER TOD VON LUDWIG XIV ist ein Historienfilm, wie man ihn noch nicht gesehen hat. Es ist Jean-Pierre Léauds erste Hauptrolle nach über zehn Jahren und ein Lichtblick im sonst bisher schwachen Kinojahr.

    _____

    Albert Serra  F/E/PRT 2016 115 Min.

  • SIEBZEHN

    SIEBZEHN

    Es gibt Tage, da ist der Schultag schon vor der ersten Stunde gelaufen. Wenn man gerade siebzehn ist und ein Herz mit eindeutigen Initialen auf der Tafel vorfindet, zum Beispiel.

    Siebzehn handelt von Paula (wunderbar: Elisabeth Wabitsch), die in Charlotte (Anaelle Dézsy) verliebt ist. Die ist jedoch gerade mit Michael zusammen. In einer unaufgeregten Weise behandelt Art dieses Begehren, denn in diesem Mikrokosmos vor den Toren Wiens spielt es keine Rolle ob Bub und Mädchen oder Mädchen und Mädchen eine Beziehung führen (wollen). Es geht ganz allgemein um Liebesnöte in diesem Alter. Die so aufkommende Verzweiflung einer unerwiderten Liebe fängt der Film immer wieder treffend ein.

    Man fühlt sich an La belle Saison (2015), wobei der von Siebzehn bei weitem übertroffen wird, oder vielmehr an La Vie d’Adèle (2013) erinnert. Allerdings wählt Art einen subtileren Umgang mit Erotik und verzichtet auf Nacktheit.

    Die Besetzung besteht aus Laien- und ProfidarstellerInnen und bei den Dreharbeiten wurde gemeinsam improvisiert. Das verleiht dem Film eine Leichtigkeit und Authentizität. Es gibt witzige Momente, auch wenn das Potential nicht voll ausgeschöpft wurde. Aber all die Unzulänglichleiten, die durch so eine Arbeitsweise aufteten, machen den Film nur sympathischer. Der Soundtrack dazu kommt unter anderem von Clara Luzia, Mo, Wanda und Bilderbuch.

    SIEBZEHN spielt im niederösterreichischen Lanzendorf. Endlich bekommt die österreichische Provinz einen würdigen Leinwandaufrtritt abseits von Mord und Totschlag. Die großen Dramen spielen sich hier genauso wie in Paris, New York oder der Toskana ab. Art, sie bekam in diesem Jahr für ihr Debüt den Max Ophüls Preis, setzt die Landschaft gekonnt in Szene, ohne viel Zeit für Totale zu verschwenden, bleibt meist nah an ihren Figuren.

    SIEBZEHN ist ein Film in den Farben des Sommers. Fortsetzung erwünscht. Man möchte mehr über die Zukunft der Charaktere erfahren und über mehr Anmachsprüche wie „Diese grüne Wand schaut voll arg aus.“ lachen können.

    Monja Art AUT 2017 109 Min

  • HELL OR HIGHWATER

    HELL OR HIGHWATER

    Eines der Filmhighlights des letzten Jahres läuft nun endlich auch bei uns an.

    Die Brüder Tanner (Ben Foster) und Toby Howard (Chris Pine) haben einen Plan. Um der schon Generationen übertragenden Armut zu entkommen und wenigstens Tobys Kinder etwas hinterlassen zu können, wollen sie ihr verbliebenes Stück Land von den darauf lastenden Schulden befreien.

    Der Plan sieht einen Raubzug durch Texas vor. Eine Zeit lang geht es gut, gerade jene Banken auszurauben, bei denen das Grundstück mit der Hypothek belastet ist. Zu Unrecht, wie die Howards finden. Auf Dauer kann das natürlich nicht gut gehen und sie beginnen Fehler zu machen. So nehmen die Dinge ihren Lauf.

    Foster und Pine geben ein grandioses Duo ab. Der Film hat aber noch ein weiteres Ass im Ärmel. Jeff Bridges spielt einen, kurz vor der Pensionierung stehenden, Texas Ranger und nimmt bald als letzte Amtshandlung die Verfolgung auf. Voll altersmüder Coolness und Sarkasmus glänzt Bridges in einer Performance, die seines gleichen sucht, liefert im Dialog mit seinem Deputy (Alberto Parker) Pointen, bei denen man sich fragt: Darf man da jetzt lachen?

    HELL OR HIGH WATER thematisiert die archaischen Strukturen in der Welt der letzten Cowboys im konservativ republikanisch geprägten West Texas und die Wirtschaftskrise als Misere der Provinz. In der weiten Welt sollen Werte und die innere Sicherheit verteidigt werden, auf die Menschen zu Hause hat man vergessen. Die Immobilienblase ist geplatzt, die Banken wollen an ihr Geld. Mangels Arbeit, Infrastruktur und Zukunftsperspektiven greifen die Protagonisten zur Waffe und versuchen, sich so Gerechtigkeit zu verschaffen.

    Der Western ist im 21. Jahrhundert angekommen. HELL OR HIGHWATER ist nicht nur spannendes Kino sondern auch sehr komisch. Eine klare Empfehlung.

    David Mackenzie USA 2016 102 Min.

     

  • GET OUT

    GET OUT

    Als 1982 E.T. the Extra-Terrestrial in die Kinos kam, wurde um das Aussehen des kleinen Außerirdischen ein großes Geheimnis gemacht. Nur auf der Leinwand konnte man sehen, wie er aussah. So eine PR-Aktion wäre heute leider undenkbar.

    Nun läuft ein Film in den Kinos und je weniger man über ihn weiß, umso größer ist der Unterhaltungsfaktor. Drehbuchautor und Regisseur Peele erzählt die Geschichte von Chris Washington (Daniel Kaluuya) und davon, dass man es als Afroamerikaner in der amerikanischen Gesellschaft nicht immer leicht hat und selbst die besten auch noch so liberalen Familien nicht vor Rassismus gefeit sind. Ein Wochenende bei der Familie der Freundin kann da schon mal stressig werden.

    Eine Gesellschaftssatire mit – naja, einfach mal ins Kino gehen, GET OUT ist eine absolute Empfehlung. Wer superneugierig ist oder den Film schon gesehen hat, darf natürlich weiterlesen.

    * * * * *

    Die Attribute, die GET OUT zugeschrieben werden, sind vielfältig. Allein die Biographien von Regisseur und Hauptdarsteller zeigen deren unterschiedliche Betätigungsfelder und so lässt sich auch ihr Film nicht so einfach zuordnen. Peele spielt mit dem unterschwelligen Rassismus mit dem Afroamerikaner in den USA tagtäglich konfrontiert sind. Auch Chris musste in der Vergangenheit negative Erfahrungen machen und hat sich daher ein kalmierend defensives Verhalten antrainiert, wenn er wieder einmal mit einer herablassenden Bemerkung konfrontiert wird. Peele hält dem Teil der Gesellschaft den Spiegel vor, die Barack Obama und Tiger Woods eh total super finden und trotzdem beispielsweise mit haarsträubenden genetischen Theorien daherkommen.

    GET OUT ist eine Komödie. Gerade weil diese Stereotype so abgedroschen sind, entstehen komische Situationen. Das kann aber schnell kippen, wenn sich herausstellt, dass diese Ansichten einer tiefsten Überzeugung entstammen und es nicht bei verbalen Ergüssen bleibt. GET OUT ist auch eine Thriller und die unangenehme Spannung, die Peele kontinuierlich aufbaut um an sein Zeil zu gelangen, ist beeindruckend.

    Aber das ist noch nicht alles. Gegen Ende fühlt man sich an Hannibal (2001) erinnert, auch wenn es nicht ganz so unappetitlich wird. Manches hat beim Abendessen bei Tisch einfach nichts verloren. GET OUT streut Horrorelemente ein, die sitzen. Chris muss schon einiges mitmachen an diesem Wochenende. Miss Armimage (großartig: Catherine Keener), die Mutter seiner Freundin, macht ihm das Leben schwer, was im schlimmsten Fall in massiven Kopfschmerzen enden kann.

    Jordan Peele USA 2017 104 Min.