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  • PHANTOM THREAD – Der seidene Faden

    PHANTOM THREAD – Der seidene Faden

    Wenn ein Mann eine eigenwillige Bindung zu seiner bereits verstorbenen Mutter hat, sollte man gewarnt sein. Der im London der 1950er Jahre von der High Society verehrte Schneider Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) nähte schon immer gerne Dinge von persönlichem Wert in seine Kleidung ein. Eine Haarlocke seiner Mutter trägt er stetig am Herzen.

    Leinen, Spitze, Samt und Seide sind sein Metier. Schön sind die Kleider nicht. Sperrig und steif wirken sie. Für die Frauen aber bedeuten sie viel. Die Textilien geben ihnen Selbstwertgefühl und Sicherheit. Penibel vermisst Woodcock seine Kundinnen und stülpt ihnen die Roben wie eine zweite Haut über, beseitigt so jeden Makel.

    Die Kellnerin Alma (Vicky Krieps) hat der Couturier gerade auf einem Landausflug kennengelernt. Beim Frühstück, dem in seinem Leben eine besondere Bedeutung zukommt. Später wird man erfahren, dass er bei Tisch, versunken in sein Skizzenbuch, keine Ablenkungen ertragen kann. Schon das geringste Geräusch verursacht Stirnfalten. Wenn Woodcock am Frühstückstisch gestört wird, erholt er sich den ganzen Tag nicht mehr, weiß Cyril (Lesley Manville), seine Schwester und Assistentin.

    Alma nimmt eben gerade an diesem Frühstückstisch Platz, neben Woodcock und der allgegenwärtigen Cyril. Gerade hat dort noch ihre Vorgängerin gesessen, aber nun ist sie seine neue Muse. Woodcocks Stimme ist dünn und sanft aber in ihrer Fragilität umso bestimmend. Er duldet keine Widerrede. Für ihn gibt es nichts als die Arbeit. Für Liebe bleibt da nicht viel übrig.

    Woodcocks Betulichkeit fügt sich zu manch komischen Momenten. Doch genauso wie er die Kontrolle über jede Falte seiner Stoffe haben muss, gilt dies auch für die Mensche in seiner Umgebung. Mit Alma hat er sich aber eine starke Persönlichkeit ins Haus geholt. Sie gibt die Widerspenstige und stellt sich ihm entgegen. Sie will um seine Liebe kämpfen und wird dabei zu drastischen Mitteln greifen.

    Daniel Day-Lewis geht neuerlich in seiner Rolle auf, scheint nicht zu spielen sondern ist. Vielleicht hat er sich durch diesen Kraftakt dermaßen verausgabt, dass er sich am Ende der Dreharbeiten zu der Aussage hinreißen hat lassen, dies sei seine letzte Rolle gewesen. Wir werden sehen. Mit Lesley Manville und dem luxemburger Shootingsstar Vicky Krieps hat Day-Lewis jedenfalls ein starkes Gegenüber. „Phantom Thread“ ist auch eine großartige Ensembleleistung.

    Als Vorbild für seine Hauptfigur diente Paul Thomas Anderson der spanische Modedesigner Cristóbal Balenciaga. Der Drehort, ein Haus im viktorianischen Stil, die Dreieckskonstellation und die Rolle einer toten Frau im Hintergrund erinnern nicht zufällig an „Rebecca“. „Phantom Thread“ ist eine Variation dieses Themas.

    Die Musik stammt von Jonny Greenwood, neben Thom Yorke Mastermind bei Radiohead. Ein lückenloser orchestraler Klangteppich überspannt den Film von Anfang bis Ende. Dabei funktioniert die Musik als eigene dramaturgische Ebene. Sie unterstützt nicht das Gesehene auf emotionale Weise, sondern konterkariert es, verändert die Sichtweise und bringt die Geschichte voran.

    In den Credits fehlt übrigens der Kameramann. Der Favorit Robert Elswit („There Will be blood“) hatte keine Zeit und Anderson verzichtete auf Ersatz. Für sich beanspruchen wollte er den Titel aber dann auch nicht und bezeichnet das Ergebnis als Teamarbeit.

    Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, die romantisch, düster und trotzdem unterhaltsam ist.

    Paul Thomas Anderson USA 2017 131 Min.  [usr 4]

  • DIE WUNDERÜBUNG

    DIE WUNDERÜBUNG

    Joana (Aglaia Szyszkowitz) und Valentin (Devid Striesow) haben sich nichts mehr zu sagen und wenn doch, dann sind es nur Gehässigkeiten. Das Ehepaar ist am Ende. Die romantischen Jahre liegen lange zurück. Wenn man sie jetzt so sieht, ist es kaum zu glauben, dass es einmal so etwas wie Harmonie zwischen den beiden gab.

    Sie sitzen Harald (Erwin Steinhauer) gegenüber. Die Beiden haben ihn aufgesucht, weil noch eine Tochter mit im Spiel ist und in ihren momentan getrennten Welten Scheitern oder Aufgeben nicht in Frage kommt. Harald ist Paartherapeut und sieht einen hoffnungslosen Fall vor sich oder zumindest lässt er das die Beiden deutlich spüren. Was sie noch mehr auf die Palme bringt und die ohnehin schon angespannte Situation immer mehr eskalieren lässt. Dabei wendet Harald alle Tricks an, um Joana und Valentin aus der Reserve zu locken.

    Wie das Ganze ausgegangen ist haben vor zwei Jahren mehr als 30.000 Zuseher in den Wiener Kammerspielen mitverfolgt. Regisseur Michael Kreihsl hat das Stück nach der Theaterinszenierung nun für die Leinwand adaptiert. Die scharfzüngigen Dialoge sind geblieben und werfen Fragen auf, denen man selbst lieber aus dem Weg gegen möchte. Es wird sich kaum jemand finden, der in einer längeren Beziehung lebt und sich nicht in dem ein oder anderen Detail wiederfindet. Das ist die große Stärke von Daniel Glattauers Text.

    Es ist spannend anzusehen, wie sich die Geschichte zwischen drei Menschen in einem Raum entwickelt und wie dies filmisch aufgelöst ist. Trotzdem ist es eine 1:1 Umsetzung eines Theaterstückes. Auch wenn der Stoff so einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden kann, hat der Film dem Theaterstück nichts hinzuzufügen. Gute Unterhaltung und tolle Schauspieler werden trotzdem geboten. Der Film wird auch dank Erfolgsautor Daniel Glattauer sein Publikum finden.

    Michael Kreihsl Ö 2018 92 Min. [usr 2]

  • DARKEST HOUR – Die dunkelste Stunde

    DARKEST HOUR – Die dunkelste Stunde

    Unweit der 10 Downing Street befinden sich am St. James‘s Park die Churchill War Rooms. Sie sind ein Teil des Imperial War Museums und wurden von Margaret Thatcher der Öffentlichkeit zugängig gemacht. Während des Zweiten Weltkriegs diente der Bunker dem Kriegskabinett unter Winston Churchill als Kommandozentrale.

    Eben diese Räume sind nun die Kulisse von „Darkest Hour“. Es ist das Jahr 1940, Adolf Hitlers Expansionsbestrebungen setzen auch Großbritannien immer mehr unter Druck und die Tage von Premier Neville Chamberlain sind angezählt. Die Nachfolgesuche läuft auf den einen Kandidaten hinaus, auf den man sich mit der Opposition verständigen kann. Das sogenannte „War Cabinett“ ist eine Allparteienregierung.

    Auftitt Winston Churchill (Gary Oldman), zu dieser Zeit Lord der Admiralität. Sein Ruf als autoritär zorniger Eigenbrötler eilt ihm voraus. Keine Verhandlungen mit Nazi Deutschland zu führen war seine tiefste Überzeugung. Das erste Aufeinandertreffen mit König Georg V ist mehr Pflicht als auf gegenseitiger Wertschätzung beruhend.

    Schon in den ersten Tagen seiner Amtszeit scheitert die Strategie der Alliierten gegenüber dem Deutschen Reich. Churchills ablehnende Position der Appeasment Politik gegenüber steht nur mehr auf wackeligen Beinen. In den hinteren Reihen wird bereits fleissig an seinem Sessel gesägt. Rückendeckung holt sich der Premierminister in Gesprächen mit der Bevölkerung in einer bereits legendären U-Bahn Szene. Viele stoßen sich an diesem dramaturgischen Kniff. Eine Situation die es so natürlich nie gegeben hat.

    Nun begrenzt sich der Handlungsverlauf von „Darkest Hour“ auf wenige Wochen im Mai und Juni 1940. Den Rahmen bilden drei seiner bedeutsamsten Reden. Eine zeitliche Verdichtung, die bereits bei mehreren Biopics angewandt wurde, um eine Persönlichkeit anhand bestimmter Ereignisse zu porträtieren. In dieser Zeit hat sich Churchill nie in diesem Bunker befunden. Warum hätte er auch sollen. Die Nazis waren noch auf der anderen Seite des Kanals, wo gerade die Operarion Dynamo im Gange war. Genauso wenig war der Transatlantic Telephone Room bereits eingerichtet, in dem Churchill im Film mit US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt telefoniert.

    Historische Ungenauigkeiten stehen dem Schauspiel von Gary Oldman gegenüber. Seine unverwechselbare Mimik und die markante Stimme können sich nicht hinter der Maske verstecken. Oldman eignet sich die Rolle an und stellt seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis. Der Vergleich mit John Lithgows ebenfalls exzellenter Darstellung Churchills in „The Crown“ lohnt sich.

    In jeder Filmminute merkt man, dass die Geschichte hier von Männern geschrieben wird. Frauen sind nicht mehr als Beiwerk, die voll Bewunderung auf Churchill aufschauen. Es ist einer jener Filme, die von einer schauspielerischen Leistung leben aber als Ganzes nicht überzeugen können. Ob das Geld für ein Kinoticket hier gut angelegt ist, sei dahingestellt. Der Eintritt in die Churchill War Rooms zahlt sich aus und ein Besuch sollte bei keinem London Trip fehlen.

    Joe Wright  GB 2017 125 Min.   [usr 2.5]

     

  • THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI

    THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI

    Willkommenspolitik und Umweltschutz, Political Correctness und Genderwahn. Medien wie Politik wird vorgeworfen, den Kontakt zu den Menschen verloren zu haben, indem sie ihnen die Themen vorgeben, die gerade relevant erscheinen und Meinungen in eine bestimmte Richtung beeinflussen wollen. Zwischen den Städten und dem Land haben sich Gräben aufgetan. Ob diese wiederum konstruiert sind oder nicht spielt erstmal keine Rolle. Seien es geschlossene Postämter oder andere fehlende Infrastruktur und Ängste vor Entwicklungen, die man nicht unter Kontrolle hat, ein gewisser Teil der Bevölkerung fühlt sich ausgegrenzt und vernachlässigt.

    Missouri, der Swing State im Mittleren Westen ist für die USA in etwa sowas wie das Waldviertel für Österreich. Weiter weg von „denen da oben“ geht nicht. Ein Mikrokosmos, dem sich Martin McDonagh in seinem erst dritten Spielfilm annimmt, genauer gesagt der fiktiven Kleinstadt Ebbing. Hier gehört Rassismus zum Alltag wie am Sonntag der Gang in die Kirche.

    Mildred Hayes (Frances McDormand), die Frau mit den tiefen Augenfalten, dem verbissenen Blick und dem blauen Overall, ist eine, die von ihrer Umgebung als Unruhestifterin gesehen wird. Eines Tages mietet sie drei Werbetafeln (engl.: Billboards) auf der Einfahrtsstraße nach Ebbing. Darauf ist „Raped While Dying“, „Still No Arrests?“ und zuletzt „How come, Chief Willoughby?“ zu lesen. Vor sieben Monaten hat Mildred ihre Tochter verloren. Sie wurde vergewaltigt, ermordet und verbrannt. Vom Täter fehlt jede Spur, was sie Sheriff Bill Willoughby (Woody Harrelson) nun ganz plakativ vorwirft. Man kann den Schmerz der Mutter nachvollziehen.

    Der Sheriff, in den USA von der lokalen Bevölkerung gewählt, erfreut sich hoher Beliebtheit. Mildreds Provokation stoßt auf wenig Verständnis. Wer in Willoughby den kratzbürstigen und empathielosen Beamten vermutet, wird bald eines besseren belehrt. Überhaupt spielt der Film mit Erwartungshaltungen und stellt das Publikum durch die Ambivalenz seiner Charaktere auf die Probe. Der Willoughby unterstellte Officer Jason Dixon (Sam Rockwell) ist ein widerlicher Rassist. Hayes ist für ihn ein Feindbild von vielen. Gerade dieser Dixon übernimmt in der zweiten Hälfte des Filmes die nicht einmal so unsympathische tragende Rolle. Kann das sein? Darf das sein? Das Drehbuch zeichnet sich durch unerwartete Brüche aus, die das Publikum auf eine emotionale Achterbahnfahrt mitnehmen.

    Der Film wirft allerhand Fragen auf. Kann es in so einem Fall etwas wie Gerechtigkeit geben? Hayes macht deutlich, zu welchen Taten ein tiefer Schmerz verleiten kann. Ein Urteil über einen Menschen ist schnell gefällt aber lassen sie sich, wie im Fall der Polizisten, so einfach charakterisieren? Das Recht auf Läuterung kann wohl niemanden vorenthalten werden, reicht es aber aus, einfach einmal die richtigen Entscheidungen zu treffen?

    THREE BILLBOARDS OUSIDE EBBING, MISSOURI ist ein sehr unterhaltsamer Film voll zynischem und derbem Humor. Die Pointen sitzen und im nächsten Moment bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Durch die heiteren Momente vor dem ernsten Hintergrund dieser brutalen Geschichte erlangt der Film eine emotionale Tiefe, die durch eine exzellente Ensembleleistung noch verstärkt wird. Bei den Golden Globes erhielt der Film Preise für den besten Film, das beste Drehbuch (ebenso in Venedig ausgezeichnet) und Darstellerpreise für Frances McDormand und Sam Rockwell. Nun auch noch neun Oscar Nominierungen, darunter die wichtigsten Kategorien. Einer dieser Filme des Jahres.

     

    Martin McDonagh USA 2017 116 Min.  [usr 4]

  • AUS DEM NICHTS

    AUS DEM NICHTS

    Die auf dem Filmplakat angedeutete Runenschrift zeigt, was die Ermittler 12 Jahre lang ausgeschlossen hatten. Sie vermuteten in den Anschlägen von Nürnberg und Köln Täter im migrantischen Umfeld der Opfer. Nur durch einen Zufall stieß man Jahre später auf den Nazionalsozialistischen Untergrund (NSU). Nicht Banden- und Drogenkriminalität sondern der Hass auf Ausländer war das Motiv der Terroristen.

    Fatih Akin macht dieses ruhmlose Kapitel der jüngeren deutscher Geschichte zum Thema seines neuen Filmes. Ausgehend von dem Nagelbomben-Attentat in Köln rückt er Katja (Diane Kruger) ins Zentrum. Wie aus dem Nichts hat sie bei dem Anschlag Mann und Sohn verloren. Der Schicksalsschlag wird noch dadurch verschärft, als die Polizei ihren Mann ins Zentrum der Ermittlungen rückt. Ein vorbestrafter Deutschtürke und eine offenbar drogensüchtige Ehefrau. Das Vorurteil ist schnell gefällt. Katja muss irgendwann erkennen, dass es in ihrer Welt keine Gerechtigkeit geben kann.

    Es ist Krugers erste deutschsprachige Rolle und sie ist ein Beispiel dafür, zu welcher Leistung ein Regisseur eine Schauspielerin bringen kann. Ihr Schauspiel ist von einer natürlichen Emotionalität, wie man sie bei dem Hollywoodstar bisher nicht sehen konnte. Es ist die Rolle ihres Lebens. Zu Recht wurde sie in Cannes als beste Schauspielerin ausgezeichnet.

    Was Krugers Leistung angeht, sind sich auch alle einig. Bei Akins Film als Ganzes gehen die Meinungen allerdings auseinander. Während der Film in den USA gefeiert wird und den Golden Globe für den besten fremdsprachigen Film erhielt, stieß er in Europa auf weniger Euphorie. An die Mischung von realen Ereignissen und Genrefilm und ist man in den USA gewöhnt. Ist die Gradwanderung zwischen Rachethriller und Drama von gesellschaftlicher Relevanz geglückt? Im Mittelteil kommt es zum Prozess. Da sich Akin in erster Linie für die Geschichte seiner Hauptfigur interessiert, ist die Schilderung der Verhandlung stark verkürzt, trocken und technisch. Die Anklage steht und fällt mit der Aussage des Vaters (Ulrich Tukur) einer der Täter und Katjas Drogenkonsum, auf den sie der Verteidiger (Johannes Krisch, herrlich unsympathisch) festnageln möchte.

    Fatih Akin findet wieder zu der Intensität und Dringlichkeit von „Gegen die Wand“ zurück. Das Unheil kündigt sich nicht an. Umso eindringlicher kommt es. Der Film lässt sich Zeit und ist trotz aller Dramatik unaufgeregt. Die Explosion sieht man nicht. Dafür eine unerträglich explizite Beschreibung des Tatorts vor dem Gericht.

    „Aus dem Nichts“ hat es auf die Shortlist für den Oscar in der Kategorie „Bester Fremdsprachiger Film“ geschafft. Die Konkurrenz ist wie gewohnt stark aber sie scheinen den Film da drüben zu mögen. Alles ist möglich.

     

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    Fatih Akin  D/F 2017 100 Min.  [usr 3.5]

  • DOWNSIZING

    DOWNSIZING

    Nachdem sich Alexander Payne in seinen beiden letzten hoch gelobten Filmdramen „The Descendants“ (2011) und „Nebraska“ (2013) auch auf humorvolle Weise ernsten Themen angenähert hatte, versucht der Regisseur sich nun im Fach der Science-Fiction Komödie. Das kommt etwas überraschend aber zumindest der Trailer zu „Downsizing“ war originell und vielversprechend. Auf die Wirkung und Bedeutung von Trailern an sich lohnt es sich einmal gesondert einzugehen. Dieser Trailer zählt jedenfalls zu jenen, die ein Versprechen abgeben, dass sie nicht einhalten können. Ja, man muss es leider sagen, „Downsizing“ ist bei weitem weniger geglückt als seine Vorgänger.

    Dabei beginnt es tatsächlich vielversprechend. Die Welt stöhnt unter der drohenden Überbevölkerung und just in diesem Moment gelingt es einem norwegischen Wissenschaftler in einem bahnbrechenden Verfahren Menschen auf eine Körpergröße von 5 Zoll zu schrumpfen. Schon allein das Sounddesign des mikrowellenähnlichen Schrumpfungsapparates entbehrt nicht einer gewissen Komik. Die ersten geschrumpften Menschen lösen eine Welle der Euphorie aus und wirken auch auf das Kinopublikum verblüffend. Der Film aber verschießt in dieser Vorgeschichte schon einiges an Munition.

    Paul Safranek (Matt Damon) ist die Hauptfigur oder zumindest folgt die Handlung seinem Leben. Ein Langeweiler. Er und seine Frau (Kristen Wigg) sehnen sich nach einem besseren Leben. Da kommt die zellulare Schrumpfung gerade recht. Wer sich nämlich dafür entscheidet und in das neu entstandene Leisureland umzieht, kann mit einer empfindlichen Vervielfachung seines Vermögens rechnen. Keine große Überraschung, die beiden entscheiden sich dafür. Keine große Überraschung, Wigg entscheidet sich in letzter Sekunde dagegen. Der Trailer verrät es bereits. Sie verschwindet an dieser Stelle aus dem Film.

    Im Miniaturland angekommen macht Paul die Erfahrung, dass hier doch nicht alles so rosig ist und das Publikum die, dass wenn die Bezugspunkte zur großen Welt fehlen, diese Idee nicht ganz so toll funktioniert. Ein paar Gags hat man sich einfallen lassen. Man kann diese aber an einer Hand abzählen.

    Im Leisureland sind längst bekannte soziale Gefüge entstanden. Es putzen die in Ghettos lebenden Menschen aus dem Süden. In der Nachbarwohnung von Dusan (Christoph Waltz) macht Paul die Bekannschaft mit Ngoc Lan Tran (Hong Chau), vietnamesische Dissidentin und jetzt Putzkraft. Es ist sie, die von nun an diktiert, wo die Geschichte langgeht und Paul nur mehr zum Mitläufer macht. Seine therapeutischen Fähigkeiten sind gefragt und so muss er mit in die heruntergekommene Siedlung, in der die Außenseiter der Gesellschaft ihr Dasein fristen. Paul durchläuft aber nicht wirklich eine Entwicklung zum besseren Menschen. Schon als Großer kümmert er sich aufopferungsvoll um seine kranke Mutter. Somit funktioniert die Entdeckung seiner sozialen Ader mitnichten.

    Waltz stellt als serbischer Schmuggler neuerlich seine sprachlichen Talente zur Schau und ist obwohl seine Figur zweidimensional bleibt, ein Lichtblick. Im Grunde ist er aber genauso unterfordert wie sein Kompagnon Udo Kier. Beide sitzen immer wieder nur im Hintergrund herum und haben wenig zu tun. Einzig Chau verleiht dem Film mit ihrer quirligen und bestimmenden Art Leben und treibt die Handlung voran.

    Migration, Bürgerrechte, Umweltschutz. Payne hat sich viel vorgenommen und vergisst dabei auf das Hauptthema. Dass man in einem Film mit lauter kleinen Menschen sitzt, hat man bald vergessen. Schade drum

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    Regie: Alexander Payne | USA 2017 | 135 Min. | [usr 2]

  • WONDER WHEEL

    WONDER WHEEL

    Ende der 1950er Jahre fahren viele New Yorker am Wochenende nach Coney Island um dem Alltag zu entfliehen oder sich flüchtigen Träumen hinzugeben. Vergnügungspark und Sandstrand bieten eine willkommene Abwechslung. Ginny (Kate Winslet), die gescheiterte Schauspielerin, träumt auch, lebt aber mitten im Freizeitpark zusammen mit dem Karussellbesitzer Humpty (James Belushi) und muss sich ihren Unterhalt als Kellnerin verdienen. Was für die ei…nen Abwechslung, ist für die anderen lähmende Normalität. Sie flüchtet sich in eine Affäre mit dem Bademeister Mickey und angehenden Schriftsteller (Justin Timberlake). Als auch noch unerwartet Humptys Tochter Carolina (Juno Temple) auftaucht und sich herausstellt, dass ihr Gangster auf den Fersen sind, gerät alles im Stile Woody Allens aus den Fugen.

    Es entladen sich die vorprogrammierten Spannungen zwischen den Protagonisten. Allen inszeniert sie in einer bühnenähnlichen Kulisse in warmen Rottönen, als ginge ständig die Sonne unter. Die Vorbilder des Regisseurs Tennessee Williams oder auch Arthur Miller schlagen unübersehbar durch. Belushi ist gewaltig und laut. Alles Drama. Am Ende hat man das Gefühl, dass während des ganzen Filmes nur geschrien wurde.

    Die Schönheit der romantisch nostalgischen Bilder von Kameramann Vittorio Storaro stehen im Kontrast zu den überhand nehmenden Konflikten. Die Besetzung ist wie von Allen gewohnt exzellent. Belushi schrammt aber haarscharf am Overacting vorbei. Ein Drama mit Unterhaltungswert, der große Wurf ist es aber wieder einmal nicht. Das hohe Arbeitspensum von jährlich einem Film hinterlässt seine Spuren.

    Woody Allen, immer kreativ bei der Suche nach Geldgebern, hat bei Amazon Studios eine neue Heimat gefunden. Erstmals übernahm das Studio nicht nur die Produktion, sondern auch den Vertrieb eines Filmes.

     

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    Woody Allen | USA 2017 | 101 Min. | [usr 3]

  • DON’T BLINK – ROBERT FRANK

    DON’T BLINK – ROBERT FRANK

    Die Reaktionen waren verheerend. Diese Fotos können nur von jemanden stammen, der Amerika hasst! Es ist das Jahr 1958 und der schweizamerikanische Fotograf Robert Frank hatte gerade seinen Bildband „The Americans“ veröffentlicht. Nach einer mehrjährigen Reise durch die USA wählte der Fotograf und Filmemacher aus 27.000 geschossenen Fotos 83 aus. Es sollte aber mehr als ein Jahrzehnt dauern, bis klar war, dass Frank mit seiner Arbeit die Fotografie revolutioniert hatte. Die erste Edition von „The Americans“ ist heute nur mehr antiquarisch zu Höchstpreisen erhältlich. Aus dem Jahr 2008 gibt es eine Neuauflage.

    Franks Cutterin Laura Israel lässt gemeinsam mit dem damals 90-Jährigen dessen Leben in dokumentarischen schwarzweiss Bildern Revue passieren. Fotos, Filmausschnitte Interviews und dazu ein großartiger Soundtrack, unter anderen mit Lou Reed, Bob Dylan, Charles Mingus und The Kills, geben einen Einblick in ein umfangreiches Lebenswerk.

    Die Dokumentation ist an Ästhetik von Franks Fotos angelehnt. In seiner Arbeit stehen die Menschen im Mittelpunkt. Es sind Schnappschüsse, manche buchstäblich aus der Hüfte geschossen, mit sozialkritischem Hintergrund. Frank vermeidet eine Interaktion mit den Portraitierten und beschönigt nichts. Das beste Foto ist für ihn das Erste, wenn die Menschen die Kamera noch nicht bemerkt haben.

    Roberts Franks filmisches Werk ist nicht weniger umfassend. Filmemacher wie Richard Linklater oder Jim Jarmusch bezeichnen ihn als Vater des Independent Films. Zum legendär gewordenen Auftragswerk „Cocksucker Blues“ (siehe Foto), in dem er die Rolling Stones auf der USA Tour 1972 begleitete, meinte Mick Jagger: „It‘s a fucking good film, Robert – but if it‘s shown here in America we‘ll never allowed in the country again.“ Der Film wurde nie offiziell veröffentlicht. Das Österreichisches Filmmuseum zeigt die Dokumentation einmalig am 17. Jänner.

    Bis zum 21. Jänner zeigt das Albertina Museum eine Werkschau und die Dokumentation läuft aktuell täglich im Top Kino in Wien.

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    Laura Israel | USA 2015 | 82 Min.

  • STAR WARS: THE LAST JEDI

    STAR WARS: THE LAST JEDI

    Die heimlichen Stars eines Disney Animationsfilmes sind zumeist putzige Tiere. Manch einer mag sich denken, den Kinosaal verwechselt zu haben. Diese Woche startete nämlich auch „Ferdinand“ von Blue Sky/Fox. Aber nein, wir sind schon richtig. Star Wars hat jetzt auch seine Tierchen, die Porgs. Auch sonst ist einiges anders, in Rian Johnsons „Star Wars: The Last Jedi“.

    Nicht nur Filmfans werden dieser Tage mit Neuigkeiten zu Star Wars regelrecht überschwemmt. Die Maschinerie läuft auf Hochtouren. Die Euphorie ist groß. Die Presse spielt brav mit. Es scheint sich allerdings eine größere Divergenz zwischen den Meinungen der Kritiker und denen des Publikums anzubahnen. Die Saga ist ein Franchise mit Sonderstellung. Die Fangemeinde ist riesig und umfasst mehrere Generationen. Man braucht nur nächste Woche unter die Christbäume zu schauen. Klar, dass viele eine Meinung dazu haben.

    Wie schon „The Force Awakens“, lebt auch der achte Teil der Serie von vergangenen Tagen. Die Chronologie der Geschichte erlaubt es, die Lieblinge der Fans neuerlich einen Teil des Abenteuers sein zu lassen. Nostalgie als zentrales Geschäftsmodell. Die Zeit ist aber auch im Star Wars Universum nicht stehen geblieben. So nimmt Luke Skywalker (Mark Hamill) die Rolle des Obi Wan Kenobi ein. Prinzessin Lea (Carrie Fisher) tritt ein letztes (?) Mal auf. Nur Meister Yoda (CGI) hat sich gut gehalten. In seinem Alter machen ein paar Jahre mehr oder weniger auch nichts aus. Das alles hat nach dem langersehnten Wiedersehen von vor zwei Jahren diesmal bereits eine geringere Effektwirkung. Also wäre es an der Zeit für Neues.

    Die Geschichte ist eine Variation des immer gleichen Themas. Rebellen kämpfen gegen eine vermeintliche Übermacht, versuchen mit bescheidenen Mitteln irgendetwas Großes kaputt zu machen und die Hauptfiguren hadern damit, den Verführungen der dunklen Seite der Macht zu widerstehen. Am Ende stellt sich aber die die Frage, welche Fortschritte die Geschichte in den 152 Minuten getan hat. Rey (Daisy Ridley) hat sich nicht wirklich weiterentwickelt. Adam Driver als Kylo Ren ist weiterhin die eigenwilligste Besetzung der Filmgeschichte. Supreme Leader Snoke (Andy Serkis, wer sonst) wird für immer ein Mysterium bleiben. Ein Superbösewicht ohne Hintergrundgeschichte. Poe Dameronund (Oscar Isaak), Finn (John Boyega) und die anderen Kämpfer im Widerstand sind blosses Beiwerk neben dem Haupthandlungstrang, der aber nicht so recht vom Fleck kommen möchte.

    Johnson erweitert das Star Wars Universum um zwei wesentliche Aspekte. Soviel Humor gab es noch nie. Manche Szenen erinnern gar an eine Star Wars Persiflage. Marvel scheint hier leider das Vorbild zu sein. Das hat vor allen Einfluss auf die Darstellung der dunklen Seite der Macht und nimmt ihr einiges an Schrecken und Ernsthaftigkeit. Darüber hinaus wird die Saga politisch. Auf dem Planeten Canto Bight lassen es sich die Waffenhändler in einem Casino gut gehen. Es sind die wahren Profiteure der Kriege der Sterne. Mit Star Wars hat das alles nichts zu tun.

    Allerhand skurile neue Wesen hat man sich einfallen lassen, nicht nur die Porgs, sondern auch Füchse, die aus austro–chinesischen Glasscherben zu bestehen scheinen oder riesige Rennpferde mit Köpfen von Wüstenmäusen, elefantenähnliche Kühe und als Nonnen verkleidete Alien-Arbeiterinnen.

    In Star Wars mussten die Menschen von je her wie die Fliegen ihre Leben lassen. Das Verhältnis zu Gewaltdetails war aber ein ambivalentes. Es gibt faktisch keine. Nicht einmal Verletzungen, außer sie dienen der Dramaturgie. Bei explodierenden Todessternen fällt das weniger auf als bei Säuberungsaktionen wie zu Beginn von „The Force Awakens“. Familientauglichkeit steht nicht erst unter Disney im Vordergrund. Ob eine derartige Verharmlosung von exzessiver Gewalt ein gangbarer Weg ist, muss ernsthaft hinterfragt werden.

    Schnitt und Rythmus des Filmes sind gelinde gesagt uninspiriert. Einzig John Williams hat mit seinen 85 Jahren neuerlich einen grandiosen Soundtrack komponiert. Seine Musik ist das Herzstück von Nummer VIII.

    Langweilig ist der Film deswegen noch lange nicht und bietet tolle visuelle Schauwerte. Star Wars ist aber eine Marke, die bestimmten Ansprüchen genüge tun und Erwartungen erfüllen muss. Gegen eine Weiterentwicklung ist nichts einzuwenden. Wenn das Ergebnis ein austauschbares, beliebiges Produkt ist aber schon.

    Im Burg Kino Vienna gibt es die Möglichkeit den Film in der Originalfassung ohne Pause und ohne 3D zu genießen. Manchmal ist weniger mehr. Kann man eine Ermäßigung in Anspruch nehmen, bekommt man hier für den Preis eines 3D Tickets noch Popcorn und ein Getränk dazu. Allerdings wird davor kein Live Laserschwert Kampf geboten.

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    Rian Johnson | USA 2017 | 152 Min.

  • A GHOST STORY

    A GHOST STORY

    M (Casey Affleck) kann einfach nicht loslassen. Der junge Musiker möchte das Haus, in dem er mit seiner Freundin C (Rooney Mara) lebt, nicht verlassen. Sie möchte lieber in die Stadt ziehen. Die angespannte Situation trübt etwas das Liebesglück. Es folgt ein Schicksalsschlag. M stirbt bei einem Autounfall auf der Straße vor dem Haus.

    C nimmt im Spital Abschied und als sie weg ist, ruht die Kamera scheinbar endlos auf dem mit einem Laken zugedeckten Körper. Man ahnt, dass etwas passieren muss und dann passiert doch das Unerwartbare: M erhebt sich und wandelt mit dem Laken und zwei schwarzen Gucklöchern am Kopf durch die Gänge. Als er dem berühmt-berüchtigten gleißend hellen Licht gegenübersteht, dreht er sich weg und geht nach Hause zurück.

    „A Ghost Story“ ist kein Horrorfilm, obwohl er mit den Elementen des Genre spielt, dabei aber auf Schockeffekte gänzlich verzichtet. Vielmehr geht es David Lowery darum zu zeigen wie es ist, wenn man sich von bestimmten Dingen nicht trennen kann und vor allem darum, wie es sich so anfühlt, ein Geist zu sein. Es ist zermürbend. M steht meist in einer Ecke und beobachtet das Geschehen. Eingreifen kann er nicht. Tage und Jahre vergehen aber von dem Haus kann er sich nicht trennen und mit seiner Ex nicht kommunizieren.

    „A Ghost Story“ ist aber auch ein Film über das Trauern. Bewusst wird mit Sehgewohnheiten gebrochen. Lange, statische Einstellungen zwingen das Publikum zum Zusehen und vermitteln den Schmerz und das Gefühl der Ohnmacht von C, mit der Situation fertig zu werden. In einer einzigen langen Szene isst C aus Verzweiflung einen ganzen Kuchen auf und übergibt sich anschliessend. Eine Herausforderung für Rooney Mara, die in ihrem ganzen Leben bisher keinen „Pie“ gegessen hatte.

    In den kunstvollen 4:3 Bildkompositionen von Kameramann Andrew Droz Palermo, untermalt von der Musik von Daniel Hart, setzt Lowery einen Kontrapunkt zum hohen Tempo des starbesetzten Unterhaltungskinos. „A Ghost Story“ scheint auf einer Wolke der Melancholie zu schweben. Regisseur Davis Lowery, der nach Pete’s Dragon einen kleinen spontanen Film machen wollte, wirft in seinem Geisterdrama allerhand Fragen auf. Was ist, wenn wir einmal nicht mehr da sind?

    Gänzlich aufgeklärt entlässt Lowery das Publikum nicht. M scheint sich in einer Zeitschleife zu befinden. Das ist aber nicht unbedingt von Bedeutung. „A Ghost Story“ ist ein kleines Filmjuwel. Keine leichte Kost aber nachdenklich stimmend über das eigene Sein und darüber, dass man sich an Dinge klammert und dabei vergisst was wirklich wichtig ist. Erst nach dem Tod kommt das böse Erwachen.

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    David Lowery USA 2017 93 Min.