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  • I, TONYA

    I, TONYA

    1994 wurde die Eiskunstläuferin Tonya Harding mit einem Schlag so berühmt wie Bill Clinton. Wobei selbst ausgeführt hat sie ihn nicht, den Schlag auf das Knie ihrer Konkurrentin Nancy Kerrigan. Dafür sorgten ein paar zwielichtige Typen, die ihr Mann Jeff Gillooly beauftragt hatte. Oder wussten doch beide nichts davon? Bei der Recherche stieß Drehbuchautor Steven Rogers auf widersprüchliche Aussagen über die Ereignisse im Vorfeld der Olympischen Spiele, die damals um die Welt gingen.

    Das ist mit ein Grund warum „I, Tonya“ zwar auf wahren Begebenheiten beruht, sich selbst wegen der haarsträubenden Geschehnisse jedoch nicht all zu ernst nimmt und eine Mockumentary geworden ist. Die Geschichte beginnt in früher Kindheit, als Harding (Margot Robbie) von ihrer exzentrischen und kettenrauchenden Mutter LaVona Golden (Alison Janney) aufs Eis geschoben wird. Die echte Golden bestreitet Gewalttätigkeiten gegenüber ihrer Tochter. Ebenso wie ihr Mann Jeff (Sebastian Stan), von dem sie ebenso behauptet, geschlagen geworden zu sein. Immerhin hat er später einmal auf sie geschossen. Zumindest das scheint verbrieft zu sein. Die Protagonisten wenden sich in Interviews direkt in die Kamera und bald wird klar, dass hier irgendetwas nicht stimmen kann. Tonya und Jeff erzählen ziemlich unterschiedliche Versionen der Geschichte, die an skurrilen Typen nicht arm ist.

    So unbeholfen und dümmlich wie sich Jeff und die Schläger geben, zweifelt man stark am Wahrheitsgehalt der Erzählung. Es sind aber gerade die absurdesten Details, die den Tatsachen entsprechen. So lief einer der Täter tatsächlich auf der Flucht gegen eine Glastüre. Beste Grundlagen also für eine groteske schwarze Komödie.

    Gebracht hatte das alles nichts. Kerrigan gewann Silber und Harding belegte nur den siebten Platz. Der Aufstieg und Fall der Tonya Harding erregte eine enorme mediale Aufmerksamkeit. Harding war die erste Frau, die einen dreifachen Axel stand, das ist ein Sprung mit einer 1260° Drehung. Eine vielversprechende Zukunft schien ihr bevor zu stehen. Bis 2017 bestritt Harding, von den Plänen ihres Mannes etwas gewusst zu haben. Von allen Eiskunstlaufmeisterschaften wurde sie aber schon unmittelbar nach dem Attentat gesperrt. Immerhin hatte sie mehr als die von Andy Warhols propagierten 15 Minuten Ruhm.

    „I, Tonya“ ist auch ein Portrait der abwertend „white trash“ genannten Unterschicht. Sie wird allen voran grandios verkörpert von der Oscar-prämierten Alison Janney. Der Film ist durchwegs unterhaltsam und die ironische Herangehensweise verhindert, dass die Protagonisten bloß gestellt werden. Die Gewalttätigkeiten gegen die Hauptfigur, so sie derart stattgefunden haben, werden andererseits verharmlost, was gerade in Zeiten von #metoo doch überrascht.

    Craig Gillespie | USA 2017 | 120. Min | [usr 3.0]

    Foto: © ThimFilm

     

  • MURER – ANATOMIE EINES PROZESSES ★★★★ ½

    MURER – ANATOMIE EINES PROZESSES ★★★★ ½

    Bilder werden dem Grauen nicht gerecht, machen das Unfassbare nicht begreifbar. Der Abgrund, an dem sich Europa vor 80 Jahren befunden hat, wird allein schon durch Akten und Erzählungen von Zeitzeugen deutlich. Regisseur Christian Frosch nimmt originale Gerichtsakten als Grundlage für sein Gerichtsdrama, das eigentlich ein hochaktueller Politthriller ist. Ein Prozess, dessen Ausgang in Österreich kaum registriert wurde, international jedoch sehr wohl Beachtung fand.

    Als Franz Murer 1963 nach nur 10 Tagen Hauptverhandlung als freier Mann das Landesgericht in Graz verlässt, wird er gefeiert und mit Blumen überhäuft. Der brave Großbauer in seiner abgewetzten Trachtenjacke kehrt auf seinen Hof zurück, wo er bis zu seinem Tod 1994 leben wird. Zuletzt als Bezirksbauernvertreter der ÖVP. Damit hat er seine Opfer gut 50 Jahre überlebt. Murer, der „Schlächter von Wilna“ genannt wurde, war im dortigen Ghetto für „jüdische Angelegenheiten“ zuständig. Von 80.000 Bewohnern überlebten unter seinem Kommando innerhalb von zwei Jahren nur ein paar Hundert. Den österreichischen Staat und die Bevölkerung interessierte das aber herzlich wenig.

    In Russland wurde Murer zwar verurteilt, kam aber im Zuge des Staatsvertrages frei und wurde nach Österreich überstellt, mit der Bedingung, ihm dort den Prozess zu machen. Eilig hatte man es aber damit nicht. Es ist Simon Wiesenthals verbissenem Einsatz zu verdanken, dass es letztlich zu diesem Prozess gekommen ist. Auf der Suche nach Adolf Eichmann war Wiesenthal auf ihn aufmerksam geworden. Murers Rolle in Wilna wurde durch die Nürnberger Prozesse bekannt.

    Murer, Name unbekannt

    Dass der Name Murer bis zum Erscheinen des Films kaum jemanden mehr ein Begriff war, zeugt vom Umgang Österreichs mit der eigenen Vergangenheit. Der Prozess war einer der größten Justizskandale der Zweiten Republik. Der Skandal fand nicht nur im Gerichtssaal statt, wo die Beweislast erdrückend war und Opfer diffamiert wurden. Auch im Hintergrund kann man von politischen Verstrickungen ausgehen, die letzten Endes zu einem Freispruch führten. Weder ÖVP, noch SPÖ wollten es riskieren, durch eine Verurteilung Wähler zu verlieren. Österreich war zwar frei aber es waren dieselben Menschen wie vor 1945.

    Frosch, der auf Murer während eines Besuches des jüdischen Museums in Vilnius aufmerksam wurde, durchforstete die fragmentarischen Gerichtsdokumente akribisch um eine möglichst präzise und zugleich nüchterne Rekonstruktion des Prozesses zu erreichen. Mehrere parallele Handlungsstränge außerhalb des Gerichtssaales vermitteln dem Publikum eine Vielzahl an Perspektiven von Tätern, Opfern, Geschworenen und der Presse.

    Täter/Opfer Umkehr

    Die Verteidigung machte aus Opfern Täter und aus Tätern Opfer. Unsicherheiten von ehemaligen Häftlingen in belanglosen Details werden gegen sie verwendet. Murer hat gröbere Gedächtnislücken und spricht von aufständischen Juden. Die Atmosphäre ist von einer antisemitistischen Grundstimmung geprägt. Noch dazu sind alle Zeugen, unter ihnen sowohl Täter als auch Opfer, während der Verhandlung unter einem Dach untergebracht. Ein unvorstellbarer Alptraum für die ehemaligen Häftlinge.

    Vergessen

    „Murer – Anatomie eines Prozesses“ ist eine grandiose Ensembleleistung. Die über 30 Sprechrollen sind exzellent gecastet. Viel Wert legte Frosch auf sprachliche Authentizität. Den lokalen Dialekt scheute er nicht. Die zahlreichen jiddischen Passagen sind untertitelt. Jede auch noch so kleine Rolle trägt einen bedeutenden Teil zum Ganzen bei. Allen voran steht Karl Fischers stoische Darstellung des biederen Murer. Aber auch die Geschworenen seien erwähnt. Bei der Durchmischung der Typen erwies man eine gute Hand.

    Gerade weil der Film versucht sachlich zu bleiben und keinerlei Effekthascherei betreibt, entlässt er ein bedrücktes und nachdenkliches Publikum. Als wäre der Sadismus des Naziverbrechers nicht genug, ist die Stimmung im Nachkriegsösterreich nicht weniger erschütternd. „Murer“ ist ein filmisches Dokument, das gegen das Vergessen ankämpft, gerade dann, wenn keine Zeitzeugen mehr berichten können.

    55 Jahre später hält des der Produzent und Schauspieler Mathias Forberg bei der Premiere in Wien für notwendig, einen Appell wider des Vergessens zu verlesen. Liederbücher, die eine Fortsetzung der Shoah fordern und eine scheinbare Unterwanderung des Staatsschutzes wirken alarmierend. Leugnen, Verdrängen, vergessen: Willkommen in Österreich.

    Christian Frosch | Österreich 2018 | 137 Min. | [usr 4,5 ]

    © Foto: Filmladen

  • THE FLORIDA PROJECT

    THE FLORIDA PROJECT

    Wenn die sechsjährige Moonee (Brooklynn Prince) mit ihren Freunden nahe dem Abwasserkanal spielt und ein paar Meter weiter Helikopter im Minutentakt zu Rundflügen abheben, prallen zwei Welten auf einander. Der Lärm der Rotoren ist nicht zu überhören, doch Regisseur Sean Baker inszeniert das Schauspiel geradezu beiläufig. Das Publikum ist sich der Umstände bewusst, die Kinder nehmen es aber nicht weiter wahr. Der einzige Weg, den sie zurücklegen, ist der zum nächsten Eis Kiosk. Dass sie um Geld betteln müssen, um sich eine Kugel leisten zu können, ist ein Spiel für sie. Moonee und ihre Freunde gehen nicht zur Schule. Sie wissen nicht, dass sie arm sind.

    Mit ihrer Mutter Halley (Bria Vinaite) lebt Moonee im Magic Castle Inn & Suites in Orlando, Florida. Wie viele andere können sie es sich nicht leisten, in einer eigenen Wohnung zu leben und dass obwohl ein Zimmer gut 1.000 $ im Monat kostet. Es ist aber einfacher für sie, das nötige Geld Woche für Woche zusammen zu sammeln. Außerdem drückt der Manager Bobby (Willem Dafoe) schon mal eine Auge zu, wenn es sich nicht rechtzeitig ausgeht.

    Sean Baker nimmt sich neuerlich einer Bevölkerungsgruppe an, der sonst nicht viel Beachtung geschenkt wird, weder auf der Leinwand, noch in der Realität. Es sind Familien, die versuchen ein möglichst alltägliches Leben zu führen. Nur viel zu tun haben sie nicht. Ohne festen Wohnsitz ist es noch schwieriger eine Arbeit zu finden. Ein Job im Fastfood Restaurant, Parfums auf den Parkplätzen der naheliegenden Golfresorts zu verkaufen oder sich zu prostituieren gehören zu den wenigen Einnahmemöglichkeiten. Eine triste Situation. „The Florida Project“ wird aber aus der Perspektive der Kinder erzählt und für sie ist die Welt in Ordnung und die Nachbarschaft ein Abenteuerspielplatz. Eine Weile geht das auch gut.

    Bobby, der Manager des Motels, hetzt von einem Ende zum anderen, um die Gäste zufrieden zu stellen. Er ist die gute Seele der Anlage und ein Schutzengel für die vielen Kinder. Er weiß genau um die Lebensumstände der Menschen hier und schützt sie vor den Augen des Motelbesitzers. Willem Dafoe spielt ihn mit viel Herz. Eine seiner größten Rollen.

    Der ständige Kampf ums Überleben steht im krassen Gegensatz zu den Pastellfarben, in die der Film getaucht ist und der geradezu märchenhaften Fürsorglichkeit der Eltern. Von oben scheint die Sonne erbarmungslos vom immer blauen Himmel. Nichts entgeht ihr. Nicht die Drogensucht, nicht die Prostitution und nicht die Behörde, die an die Tür klopft. Der Staat vernachlässigt die Menschen, fordert aber gleichzeitig ihre Pflichten ein.

    Das vier Freizeitparks umfassende Walt Disney World Resort ist nur wenige Kilometer entfernt. Der Filmtitel bezieht sich auf dessen Arbeitstitel aus den 1960er Jahren. Das Magic Kingdom ist Sehnsuchtsort der Kinder. In ihrer naiven Sichtweise ist es das Paradies auf Erden und das Schloss von Cinderella Rettung in der Not.

    „The Florida Project“ ist ein Hybirdfilm. Laien und reale Gäste des Motels spielen neben Schauspielern. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Das funktioniert erstaunlich gut. Die Unterscheidung fällt da nicht immer leicht. Die Kinder sind allesamt großartig. Bakers Film rettet Menschen vor dem Vergessenwerden, die in der Öffentlichkeit keine Stimme haben, von denen viele nicht einmal wissen, dass sie existieren. Ein beeindruckendes Portrait von Menschen am Rande der Gesellschaft.

    Sean Baker | USA 2017 | 111 Min. | [usr 4]

    © Foto: Thimfilm

  • MOLLY’S GAME

    MOLLY’S GAME

    „I‚m the anti-wife.“, sagt der ehemalige US-Skistar Molly Bloom (Jessica Chastain) einmal. Schon auf der Piste ist der Körper ihr Kapital aber auch nachdem sie ihre Karriere wegen eines Unfalls beenden musste, weiß sie ihn geschickt einzusetzen. Neben Ehrgeiz, den sie von ihrem Vater und Trainer (Kevin Costner) geerbt hat, ist es ihr Scharfsinn, den sie unter ihrem Äußeren versteckt, das wie ein Schutzmantel funktioniert. Die Männer glauben, sie für ihre Interessen ausnutzen zu können aber in Wahrheit ist es umgekehrt. Bloom hat alles unter Kontrolle. Sie nutzt die Schwächen der anderen, ohne dass sie es bemerken. Eine clevere Art der Machtausübung. Doch letztlich geht es Bloom nur ums Überleben.

    Ein Zweig ändert das Leben von Molly Bloom. Um die Sicht bei der Freestyle-Abfahrt zu verbessern, werden Zweige auf der Piste verstreut. Ein vereistes Stück Holz öffnet ihre Bindung. Der Sturz ist schwer, die Karriere beendet. Das alles erklärt Regisseur und Drehbuchautor Aaron Sorkin, auch mittels etwas überfordernden grafischen Einblendungen, mit einer Rasanz, dass man sich im Kinosessel förmlich festhalten möchte. Per Zufall steigt Bloom in das Pokergeschäft ein. Erst als Buchhalterin und schon bald organisiert sie eigene Pokerrunden in den besten Hotels. „Molly’s Game“ hält das hohe Tempo. Bloom selbst erzählt ihre Geschichte mittels Voiceover. Eine Herausforderung an das Publikum, dem keine Verschnaufpause gegönnt wird. Es ist eine unglaubliche Geschichte und sie ist wahr. Bloom hat ein Buch darüber geschrieben: „Molly’s Game: The True Story of the 26-Year-Old Woman Behind the Most Exclusive, High-Stakes Underground Poker Game in the World“. Der Titel ist keine Übertreibung.

    Molly Bloom und die Russen.

    Die Pokerspieler legen immer höhere Summen auf den Tisch. Blooms Einsatz bleibt aber ihr charmantes Auftreten. Sie passt ihr Aussehen ihrer Klientel an. Den ganzen Film über sieht man sie stets elegant aber mit tiefem Ausschnitt. Selbst Kritikerinnen mokieren, Sorkin sei zu sehr in Chastains Dekolleté verliebt. Doch genau darum geht es. Blooms Auftreten ist strategisches Kalkül. Was im Film ganz offensichtlich ist, ruft beim Publikum jedoch ein zweites Mal die selbe Reaktion hervor. Man reduziert sie auf ihr Aussehen. Sorkin und seine Kamerafrau Charlotte Christensen halten nicht nur dem männlichen Publikum den Spiegel vor.

     

    Idris Elba als Charley Jaffey.

     

    Doch dann wird Bloom einmal selbst zum Einsatz. Sie führt Buch und achtet darauf, dass sie sich nichts zu Schulden kommen lässt. Als die Einsätze immer höher werden und längst Hollywoodstars am Tisch sitzen wird die Russenmafia auf sie aufmerksam. Was wiederum das FBI auf den Plan ruft. Bloom wird zum Spielball der Justiz. Nach anfänglicher Skepsis nimmt sich Anwalt Charlie Jaffey (Idris Elba) ihrem Fall an. Auch er lässt sich von Blooms Erscheinung täuschen, deren gesamtes Vermögen vom FBI beschlagnahmt wurde.

     

    Jessica Chastain hat lange gezögert, die Rolle anzunehmen. Das Frauenbild im Kino ist ihr ein großes Anliegen. Sorkins Zugang hat sie letztlich überzeugt. Bloom ist eine harte Geschäftsfrau, die sich den Respekt in der männerdominerten Pokerszene erst erkämpfen muss. Im Kontext der aktuellen Missbrauchsvorwürfe gewann der Film zusätzlich an Aktualität. „Molly’s Game“ ist ein hochspannender Thriller über Geschlechterverhältnisse geworden, erzählt aus der Sicht einer Frau.

    Eine einsame Oscar Nominierung hat Aaron Sorkin für das Drehbuch seines Regieerstlings bekommen.

    Aaron Sorkin | USA 2017 | 140 Min. | [usr 4]

    © Fotos: Constantin Film

  • CALL ME BY YOUR NAME ★★★½

    CALL ME BY YOUR NAME ★★★½

    „Lovin’ you is easy ’cause you’re beautiful“ – keine Angst, das ist nicht zu hören aber die zwei Burschen, die hier eines schwülen Sommers Anfang der Achtzigerjahre in der norditalienischen Provinz aufeinandertreffen, sind zum dahinschmelzen.

    Der 17-jährige Elio (Timothèe Chalamet) verbringt die Ferien mit den Eltern in deren Landhaus. Der Vater (Michael Stuhlbarg) ist Archäologe und die Mutter (Amira Casar) Übersetzerin. In der Vorzeigefamilie wird Englisch, Französisch und Italienisch gesprochen und Elio hat nicht viel mehr zu tun als Bücher zu lesen und sich auf Liebschaften mit italienischen Mädchen einzulassen. Als eines Tages ein amerikanischer Student bei ihnen einzieht, um den Vater bei der Arbeit zu unterstützen, wird Elios Welt auf den Kopf gestellt.

    Anfangs ist Elio von Oliver (Armie Hammer) genervt. Er muss ihm sein Zimmer überlassend und findet ihn einfach nur überheblich. Doch bald kommen sich die beiden näher und beginnen ein heimliches Liebesabenteuer. Es ist für Elio der Sommer der ersten großen Liebe.

    Das Drehbuch von Regisseur Luca Guadagnino und James Ivory lässt sich viel Zeit für diese zuerst zaghafte und dann umso leidenschaftlichere und herzzereißende Liebe. Die Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit mit der Homosexualität heute im Kino gezeigt werden kann und inmitten von Kriegsfilmen und anderen Dramen ihren Platz gefunden hat, ist eine große gesellschaftliche Errungenschaft. „Call me by your Name“ ist eine Liebeserklärung an die Jugend und das Leben, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Lediglich Automodelle oder hin und wieder modische Eskapaden verweisen auf die frühen Achtziger.

    Atmosphäre, Lebensgefühl und zwischenmenschliche Beziehungen aus einer humanistischen Betrachtungsweise heraus sind die zentralen Themen. Die träge machende Hitze ist aber zeitweise auch im Kinosaal zu spüren. Bei einer Laufzeit von über zwei Stunden mäandert die Handlung vor sich hin.

    Das Herzstück dieser coming-of-age Geschichte, oder besser gleich zwei, hat man sich aber für den Schluss aufgehoben. Wenn der Vater Elio gesteht, von seiner Liebschaft gewusst zu haben und ihm einen Vortrag über das Leben hält, zeugt das von einer von Respekt geprägten Beziehung, die das Publikum tief berührt. In der letzten Einstellung, während der Abspann bereits läuft, blickt Elio nachdenklich minutenlang in die Kamera bis ihm die Tränen über das Gesicht fließen. Der gesamte Schmerz einer Liebe in einem Moment.

    Einzig etwas verwunderlich ist der Umstand, dass HIV kein Thema ist und dass gerade in einer so aufgeklärten und weltoffenen Familie. Die Zahl der Neuinfektionen stand gegen Mitte der Achtzigerjahre kurz vor ihrem Höhepunkt. Therapien wie heute lagen noch in weiter Ferne. Ob ein Film, der das vollständig ausklammert, vor zehn oder zwanzig Jahren möglich gewesen wäre?

    Bei den Oscars hat „Call me by your name“ als europäischster Film seit langem seinen Platz unter den Nominierten für den Besten Film gefunden. Timothèe Chalamet ist jetzt schon zumindest der Sieger der Herzen und für einen Drehbuch Oscar stehen die Chancen sogar ganz gut.

    An der Fortsetzung wird gerade gearbeitet und geht es nach Guadagnino, könnte Elio in die Fußstapfen von Francois Truffauts Alterego Antoine Doinel treten. Wie die literarische Vorlage von André Aciman soll die Fortsetzung etwa 15 Jahre nach der ersten Begegnung spielen.

    Luca Guadagnino | IT/FR/USA/BRA 2017 | 133 Min. | [usr 3.5]

    © Foto: Sony Pictures Filmverleih

  • THE POST / Die Verlegerin

    THE POST / Die Verlegerin

    Als 1971 ein Hippiemädchen mit einem Schuhkarton in der Hand zwischen den Schreibtischen der Redaktion von „The Washington Post“ herumirrt, schenkt ihr kaum jemand Beachtung. Heute, in Zeiten eines „USA PATRIOT Act“ eine undenkbare Situation. Es war auch ein Anschlag der ganz anderen Art, den diese Schachtel auf die Regierung der USA verübt hat.

    Im Karton war ein Teil der „Pentagon Papiere“, eine geheime Studie, die der damalige US-Verteidigungsminister Robert McNamara fünf Jahre zuvor in Auftrag gegeben hatte. Darin werden auf über 7.000 Seiten die Beziehungen der USA gegenüber Vietnam ausgeführt. Brisant war nicht zuletzt das Detail, den Krieg nicht mehr gewinnen zu können. Durch den Whistleblower Daniel Ellsberg gelangten die Papiere an die Öffentlichkeit. Zuerst konnte die US-Regierung eine Veröffentlichung in „The New York Times“ per Gerichtsbeschluss verhindern. In Folge gelangten die Dokumente an die „Post“ und deren Herausgeberin Katharine Graham entschied sich in letzter Sekunde für den Druck.

    Die „Post“ stand kurz vor dem Börsegang und war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als eine Regionalzeitung. Katharine Graham (Meryl Streep) musste die Zeitung nach dem Tod ihres Mannes übernehmen und stand unter dem ständigen Druck des Vorstandes. Eine reine Männerrunde, die an ihren Fähigkeiten zweifelte. Sowohl Graham als auch ihr Chefredakteur Ben Bradlee (Tom Hanks) pflegten enge Kontakte zur politischen Elite. McNamara (Bruce Greenwood) war ein persönlicher Freund Grahams. Sie riskierten mit der Veröffentlichung den finanziellen Bankrott und eine Gefängnisstrafe. Der Oberste Gerichtshof entschied im Nachhinein jedoch im Sinne des 1. Zusatzartikels zur Verfassung der Vereinigten Staaten:

    1. Amendment

    Freedom of Religion, Speech, and the Press

    Congress shall make no law respecting an establishment of religion or prohibiting the free exercisethereof, or abridging the freedom of speech or of the press, or the right of the people peaceably to assemble and to petition the government for a redress of grievances.

    Der türkische Journalist und ehemalige Herausgeber der „Cumhuriyet“ Can Dündar, sieht in den „Pentagon Papieren“ eindeutige Parallelen zu seinem Bericht über illegale Waffenlieferungen der Türkei nach Syrien. Allerdings kann man in der Türkei nicht mehr von einer unabhängigen Justiz sprechen. Dündar kam ins Gefängnis. Ob in den USA oder in Österreich, vielerorts wird versucht, die Presse zu diskreditieren. Whistleblower Daniel Ellsberg ist sich nicht mehr so sicher, ob der Supreme Court heute gleich entscheiden würde. Donald Trump setzt immer wieder gezielte Attacken gegen die Presse. „The Post“ ist der Film der Stunde. Steven Spielberg erhielt das Drehbuch gerade erst vor einem Jahr im Februar 2017 und unterbrach sofort die Arbeiten an seinem nächsten Film. Ein paar Tage später waren Streep und Hanks mit an Bord und Ende Mai begannen die Dreharbeiten. Für Spielberg war klar, dass dieser Film, an dessen Beginn eine Lüge der US-Regierung steht, so schnell wie möglich auf die Leinwand musste.

    Im Kino bekommt man nun von der Druckerschwärze fast schwarze Finger. „The Post“ ist atmosphärisch dicht, stimmig und schön anzusehen. Streep und Hanks geben ein geniales Duo ab. Spielberg erzählt gewohnt routiniert und spannend von der Bedeutung der Wahrheit und Entscheidungen mit weitreichenden Folgen. Schon im Kinosaal hat man das Gefühl einen Klassiker zu sehen. Es ist ein Film der sich nostalgisch gibt, jedoch eine ganz klare und hochaktuelle Botschaft vermitteln möchte. Eine starke Zivilgesellschaft kann der Willkür von Regierungen Einhalt gebieten. Grundvoraussetzungen dafür sind Pressefreiheit und ein unabhängiges Justizwesen.

    Bleibt zu hoffen, dass es noch viele Grahams und Bradlees gibt, die nichts über ihre Ideale stellen und sich nicht selbst zensurieren. Der Weg zu Wahrheit und Gerechtigkeit ist ein langer. Richard Nixon wurde 1972 wiedergewählt und trat erst 1974 im Zuge der Watergate-Affäre zurück.

    „The Post“ erhielt Oscar Nominierungen in den Kategorien Bester Film und Beste Hauptdarstellerin. Der größte Konkurrent dürfte sich nicht einmal unter den diesjährigen Nominierten finden, sondern ist vielmehr „Spotlight“, der sich ebenso mit der Pressefreiheit auseinandersetzt und 2015 ausgezeichnet wurde.

    Steven Spielberg | USA 2017 | 117 Min. | [usr 4]

    © Fotos: Universal Pictures

     

  • BLACK PANTHER

    BLACK PANTHER

    Am Anfang ist der afrikanische Kontinent so schwarz, wie wir es von diesen Nachtansichten der Erde aus dem Weltall gewohnt sind. Auf denen ist klar zu erkennen, wo auf der Welt Geld und technologischer Fortschritt zu Hause sind. Zwei starke Marvel Stunden später erklärt T’Challa, König von Wakanda, vor der UN-Versammlung in Wien, warum sein Land in Zentralafrika in Wahrheit das Zentrum der modernen Welt ist. „Black Panther“ macht sich daran, unser Weltbild auf den Kopf zu stellen.

     

    Chadwick Boseman alias T’Challa alias Black Panther auf dem Cover der Time. Der Feuilleton überschlägt sich mit euphorischen Kommentaren. Von einem popkulturellen Ereignis ist die Rede. Ryan Coogler schrieb und inszenierte den ersten Blockbuster der Filmgeschichte, der nicht nur zum Großteil in Afrika spielt, sondern dessen Produktion vor und hinter der Kamera in den Händen von AfroamerikanerInnen lag. Dabei ist hier das Binnen-I mehr angebracht als bei jedem anderen Film dieser Größenordnung aber dazu später mehr.

    Eine Comicverfilmung vom Disney Konzern als soziokulturelles Ereignis? Eines ist sicher, das Publikum wird dieser Tage Zeuge einer in der Popkultur nie dagewesenen Demonstration afroamerikanischer Selbstermächtigung.

     

    Uneinigkeit im Königshaus

    Der Erklärung von König T’Challa geht ein innerfamiliärer Streit voraus. Wakanda ist von einem Schutzschild umgeben. Von Außen sieht es wie ein Dritte Welt Land aus aber dahinter verbirgt sich eine hochtechnologisierte Gesellschaft. Dank dem Rohstoff Vibranium ist es der reichste Staat der Welt, ein schwarzes und friedliches Utopia. Eine Linie der königlichen Familie möchte das Vibranium verteilen, um die schwarze Weltbevölkerung ganz im Sinne von Malcom X zu stärken. Dem besonnenen agierenden und eben inthronisierten T’Challa stellt sich sein von Wut und Hass getriebener Cousin N’Jabaka/Erik „Killmonger Stevens (Michael B. Jordan) entgegen. Gerade hat der eine Axt aus dem Wunderstoff Ulysses Klaue (Andy Serkis) überlassen. Das Königreich Wakanda möchte einen Weiterverkauf an den CIA Agenten Everett K. Ross (Martin Freemann) unbedingt verhindern. Das Kräftemessen kann beginnen.

    T’Challa ist zwar die Hauptfigur aber getragen wird die Handlung ebenso von seinen weiblichen Partnerinnen: Schwester Shuri (Letitia Wright) stattet ihn mit den neuesten Waffen aus und ihr Labor erinnert an das von Q aus James Bond,  Lupita Nyong’o ist die Agentin Nakia, Angela Bassett die Königinmutter Ramonda und Danai Gurira steht T’Challa als Kämpferin zur Seite. Black Panther ist nicht nur ein Akt afroamerikanischer Emanzipation, sondern ein starkes Statement bezüglich Frauenrollen im Mainstreamkino. Darüber hinaus steht mit Rachel Morrison eine Frau hinter der Kamera, die soeben als erste Frau in der Geschichte für einen Oscar in der Kategorie Beste Kamera nominiert wurde.

    Hintergrund

    Erdacht wurde Black Panther von Stan Lee und Jack Kirby und hatte sein Debut 1966 in Marvel’s Fantastic Four No. 52. (Lee hat in der Casino Sequenz einen Cameoauftritt am Roulettetisch.) Im selben Jahr wurde die Black Panther Party gegründet und hatte es sich zur Aufgabe gemacht im Interesse der afroamerikanischen Gerechtigkeit bewaffneten Widerstand zu leisten. Im Gegensatz zu Martin Luther Kings Überzeugung mit Worten anstelle von Gewalt zu handeln. Ein Konflikt, der sich in der Geschichte von „Black Panther“ widerspiegelt.

    Das Setdesign von Wakanda ist geprägt vom Afrofuturismus: Organische Architektur und Wolkenkratzer mit Elementen aus Strohhütten. Die fantastischen Kostüme zitieren traditionelle afrikanische Kleidungen. Sie sind wahrlich eine Pracht. Auch zur Weltpremiere erschienen die Darsteller in traditioneller Kleidung, die auf ihre ursprüngliche Herkunft verweisen sollte.

    „Black Panther“ fügt sich zeitlich nach „Captain America: Civil War“ und dem Attentat an T’Chaka, dem Vater von T’Challa, in Wien in das Marvel Cinematic Universum ein. Trotzdem steht der Film für sich und hält sich sonst mit Querverweisen zurück. Es wird ein ernsterer Ton eingeschlagen und auf den mittlerweile nervenden Marvel Humor hat man zum Glück fast vollständig verzichtet. Auch mit ein Grund, warum selbst die Nebencharaktere weniger schablonenhaft und nie lächerlich wirken. Missglückt sind lediglich die Spezialeffekte, die zeitweilig amateurhaft anmuten.

    Um für den Score zu recherchieren, hat Ludwig Göransson einen Monat im Senegal verbracht. Geschickt hat er Elemente lokaler Musik in die Filmmusik eingearbeitet. Kendrick Lamar hat das Album zum Film kuratiert und gibt sich kämpferisch mit Musik von The Weeknd, SZA, Khalid, ihm selbst und anderen. Warum das alles wichtig ist?

    Superheld als Rolemodel

    Für das afroamerikanische Publikum ist es ein längst überfälliger Moment. Die kulturelle Dominanz der weißen Bevölkerung entspricht so gar nicht der ethnographischen Zusammensetzung des Einwanderungslandes USA. Darum ist „Black Panther“ von solcher Bedeutung für die Community. Bürgergruppen kaufen ganze Vorstellungen auf, um Kindern den Kinobesuch zu ermöglichen, die es sich sonst nicht leisten könnten, ihre Helden zu sehen. Schon vor dem Filmstart wurden durch den Vorverkauf Box-Office Rekorde aufgestellt. Steht der Film aber für eine große Veränderung, wie vielerorts geschrieben wird, in einem Jahr, in dem der amerikanische Präsident den gesamten afrikanischen Kontinent als Ansammlung von Shitholes herabgewürdigt hat? Wenn dem so wäre, würde das die Bürgerrechtsbewegungen ad absurdum führen. Gesellschaftliche Veränderungen kommen nicht von oben, sondern müssen hart erkämpft werden. Im Moment entwickelt sich die Welt in die entgegengesetzte Richtung.

    Es ist aber ein schöner Gedanke, dass in vielleicht 20 Jahren der ein oder andere aus dem jüngeren Publikum behaupten würde, „Black Panther“ hätte auf sein Leben einen prägenden Einfluss gehabt. Dass der Film eine Wirkung entfaltet, die über zwei Stunden hinausgeht, ist ihm durchaus zuzutrauen. Positiv besetzte Vorbilder sind ohne hin rar.

    Ryan Coogler | USA 2018 | 135 Min. | [usr 4]

    Fotos © Marvel Studios 2018

  • THE KILLING OF A SACRED DEER

    THE KILLING OF A SACRED DEER


    Nachdem der Kriegsherr Agamemnon im heiligen Wald der Artemis einen Hirschen erlegte, zog er deren Zorn auf sich und sollte ihr zur Strafe seine Tochter Iphigenie als Opfer darbieten. So besagt es die griechische Mythologie. Der Regisseur Giorgos Lanthimos ist spätestens seit Dogtooth (2009) Liebling des Arthauskinos und hat eine Vorliebe für solche Parabeln. In seinem neuen Film nimmt er sich diesem Stoff an und wer seine Filme kennt weiss, dass sie dem Publikum einiges abverlangen.

    Bei „The Killing of a Sacred Deer“ ist dass nicht anders. Zu Beginn scheint alles bestens zu sein, in der wohlhabenden Familie von Chirurg Steven Murphy (Colin Farell), seiner Frau Anna (Nicole Kidman), einer Augenärztin und den zwei Kindern Bob (Sunny Suljic) und Kim (Raffey Cassidy). Es wäre nicht Lanthimos, wenn sich aber selbst in dieser Idylle keine Abgründe auftun würden. Im Ehebett macht Anna ihrem Mann die Patientin unter Vollnarkose.

    Steven hat einen Fehler gemacht. Auf seinem OP-Tisch verstarb ein Patient. Steven war alkoholisiert. Schon von Beginn an zieht sich eine unheilverkündende Musik durch den Film. Man ahnt, dass da etwas kommen wird, aber Lanthimos lässt das Publikum lange zappeln. Martin ist ein Junge (Barry Keoghan) aus ärmlicheren Verhältnissen und Steven kümmert sich um ihn und macht ihm Geschenke. Es ist Anfangs nicht ganz klar, was es mit dieser Beziehung auf sich hat. Dann stellt sich heraus, dass es Martins Vater ist, dessen Tod Steven zu verantworten hat.

    Martin dringt immer mehr in die Familie der Murphys ein und freundet sich mit Kim näher an. Dann bekommt Bob wie aus heiterem Himmel vorübergehende Lähmungserscheinungen. Nachdem Kim ebenso zusammenbricht, erklärt Martin Steven im Spital, dass er als Wiedergutmachung für seinen Verlust, ein Familienmitglied opfern soll. Andernfalls folgen den Lähmungserscheinungen zuerst Nahrungsverweigerung, Augenbluten und schließlich der Tod. Bald muss Steven erkennen, dass es tatsächlich ernst ist und sich Martins Prophezeihungen nach und nach bewahrheiten. Er muss handeln.

    Lanthimos seziert in seinen Filmen gesellschaftliche Strukturen mit chirurgischer Genauigkeit. Dabei wahrt er größtmögliche Distanz zu seinen Charakteren. Die Dialoge werden mit einer mechanischen Emotionslosigkeit vorgetragen, wie wenn die Darsteller vom Blatt lesen würden. Die Kamera fängt die Räume in weitwinkeligen Einstellungen ein, in denen die Personen verloren wirken. Das Thema ist düster, doch die Sets sind weiß und hell, so dass man die Kälte förmlich spüren kann.

    „The Killing of a Sacred Deer“ ist eine Groteske über Lügen, Schuld und Vergeltung. Der visuelle Stil und die Grundstimmung erinnern an Stanley Kubrick. Es wäre eine Geschichte gewesen, die ihm gefallen hätte. Lanthimos‘ Filme sind intensiv und verstörend, aber gleichzeitig von einer Wahrhaftigkeit und Präzision. An ihm führt im Kino zur Zeit kein Weg vorbei.

    Giorgos Lanthimos | UK/IL 2017 | 121 Min. | [usr 4]

    © Fotos: Thimfilm

  • SHAPE OF WATER

    SHAPE OF WATER

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    In den 1960er Jahren stöckeln sogar die Frauen vom Reinigungstrupp in High Heels durch die grauen Gänge des Aerospace Research Center. Eines Morgens schiebt Elisa ihren Putzwagen mit einem breiten Lächeln und knallroten Schuhen voran. „Habt ihr?“ fragt ihre Kollegin Zelda neugierig. Ein breites, verlegenes Grinsen ist die Antwort. Eines der vielen Details in Guillermo del Toros neuesten Werk und wer den Regisseur kennt, der weiß, dass er sich so seine Gedanken macht. Dementsprechend reich an Andeutungen und Verweisen sind seine Fantasiewelten. Sex macht glücklich ist eine der Botschaften in dieser Geschichte, die ein Märchen ist, weil Elisas Zuneigung keinem Menschen gilt.

    Elisa, gespielt von Sally Hawkins, ist stumm. Sie lebt in einer Wohnung, die einem der Filme entsprungen sein könnte, die eine Etage tiefer in einem Filmpalast auf der großen Leinwand gezeigt werden. Alles schwelgt hier in Nostalgie. Mit ihrem schwulen Nachbarn Giles (Richard Jenkins) verbringt sie gemeinsame Fernsehabende. Es ist das goldene Zeitalter der TV-Shows aber auch die Hochblüte von Rassismus und Frauen verachtender patriarchaler Gewalt inmitten des Kalten Krieges. Die energische Zelda (Octavia Spencer) nimmt die verträumte und stetig unpünktliche Elisa unter ihre Fittiche. Sie ist als Afroamerikanerin eine weitere Außenseiterin in der düsteren und streng geheimen Forschungsstation und verleiht dem Film einen gewissen Drive.

    Eines Tages wird ein Wassertank aus dem Amazonasgebiet angeliefert, in dem sich der Schlüssel zum Sieg über Russland befinden soll. Ein menschenähnliches Amphibienwesen, mit Hilfe des Motion Capture Verfahrens verkörpert von Doug Jones, soll für Forschungszwecke herhalten, was einem Todesurteil gleich kommt. Schnell wird es als Monster mit besonderen Fähigkeiten abgestempelt – der große Wert der Entdeckung wird nicht erkannt.

    Elisa ist fasziniert von diesem Wesen, dem genauso mit Ablehnung begegnet wird, wie ihr selbst und nähert sich ihm an. Als sie beobachtet, wie Laborleiter Richard Strickland (Michael Shannon) den Amphibienmann misshandelt, schmiedet Elisa gemeinsam mit ihren Freunden einen Plan.

    Strickland entpuppt sich als das wahre Monster in dieser Geschichte. Er geht nicht nur gegen den Amphibienmann mit äußerster Brutalität vor, sondern ist geradezu ein Paradebeispiel für Machtmissbrauch. In einer zentralen, wie komischen Szene auf der Toilette, erklärt er gegenüber den verdutzten Putzfrauen, dass Händewaschen nur etwas für Weicheier ist.

    Del Toro taucht Elisas Welt in sattes Grün. Aus visueller Sicht ist „The Shape of Water“ ein Meisterwerk. Die düstere Farbdramaturgie und Setdesign lassen keine Wünsche offen und erinnern an Jean-Pierre Jeunets „Delicatessen“. Dabei wollte del Toro erst gar nicht viel zitieren, außer den Verweis auf den Kiemenmenschen aus „Der Schrecken vom Amazonas“ (Jack Arnold, 1954). Allerdings vermag die Liebesgeschichte nicht so zu berühren, wie man sich das vorstellen würde. Es stellt sich die Frage nach der Glaubwürdigkeit inmitten des pointierten Schnittes zwischen Stech- und Eieruhr und der träumerischen Musikuntermahlung von Alexandre Desplat. Zuviel hat del Toro in sein Werk versucht hineinzustopfen. Eine Hommage an das Kino von Technicolor, Horror- und Tanzfilme, zu einer Zeit als sich russische Agenten im Nebel mit Informanten trafen.

    Aber trotzdem: Seit der Premiere bei den Filmfestspielen in Venedig letzten Herbst ist del Toro mit seiner Produktion auf einem unaufhaltsamen Siegeszug. Aus Italien fuhr er mit einem Goldenen Löwen nach Hause und in den folgenden Monaten erhielt er fast sämtliche bedeutende Regiepreise, wie den Golden Globe, den Critics’ Choice Movie Award oder die Auszeichnung der Directors Guild. Zu Oscar Verleihung tritt er mit stolzen 13 Nominierungen an. „The Shape of Water“ scheint den Geschmack des europäischen Festivals ebenso zu treffen, wie den der Verbände in den USA. Der Regie Oscar gilt als ausgemachte Sache.

    „The Shape of Water“ läuft im Gartenbaukino im Original mit Untertiteln. Darüber hinaus gibt es vom 9. bis 22. März eine Werkschau aller Filme von Guillermo del Toro und als Bonus „Creature from the Black Lagoon“ in 3D.

    Guillermo del Toro | USA 2017 | 123 Min. | [usr 3.5]

  • THE DISASTER ARTIST

    THE DISASTER ARTIST

    Los Angeles zieht Jahr für Jahr eine große Zahl von Menschen an, die in der Filmbranche ihr Glück versuchen wollen. Nur den wenigsten ist es vergönnt, Fuß zu fassen und eine Karriere zu starten. Talent alleine reicht nicht aus. Ein eiserner Wille und Durchhaltevermögen sind notwendig, um sich hier durchsetzen zu können. Der Film erzählt die wahre Geschichte von einem, der diesen Weg zielstrebig verfolgt hat.

    Im Jahr 1998 sind die Schauspieler Tommy Wiseau (James Franco) und Greg Sestero (Dave Franco) unter den Neuankömmlingen. Zu diesem Zeitpunkt ist für das Publikum bereits klar, dass die beiden weitgehend talentbefreit sind. Wiseaus osteuropäischer Akzent ist gelinde gesagt unverständlich. Kurzerhand entschließt er sich, ein Drehbuch zu verfassen. Sein Kumpel Sestero soll die Hauptrolle spielen. Durch seinen unerschütterlichen Optimismus und der nötigen finanziellen Grundlage, gelingt es Wiseau trotz seiner Inkompetenz tatsächlich, eine Filmproduktion auf die Beine zu stellen.

    Franco widmet den Hauptteil seines Filmes den Dreharbeiten zu „The Room“. Penibel genau rekonstruiert er Szene für Szene und imitiert das Auftreten Wiseaus bis hin zu seinem eigenwilligen Lachen. Absurde Dialoge, vorgetragen in aller Ernsthaftigkeit von Amateurdarstellern und eigenwillige Sexszenen in Pappkulissen lösen beim Publikum Fassungslosigkeit aus. Immerhin soll die Crew aus gut 400 Personen bestanden haben.

    Als „The Room“ 2003 in die Kinos kam, sahen ihn kaum 200 Zuseher, bei Produktionskosten von 6 Millionen Dollar. Wiseau wollte den Film parallel Analog und Digital drehen. Dies, ein unnötiges Indoor-Set und die hohe Anzahl an Drehtagen ließen die Kosten explodieren. In Folge entwickelte sich um den Film eine Art Kult, nach dem er das Prädikat erhalten hatte, einer der schlechtesten Filme aller Zeiten zu sein. In Sonderaufführungen ist er regelmäßig ausverkauft. Das Interesse wurde auch dadurch gesteigert, weil über Tommy Wiseau keine biographischen Details bekannt sind. Es ist unklar, wie alt er ist, woher er ursprünglich stammt und woher das Geld für die Produktion kam.

    Als Grundlage für „The Disaster Artist“ diente das Buch „The Disaster Artist: My Life Inside The Room“ des Schauspielers Greg Sestero und Tom Bissell. Der Wahrheitsgehalt der Vorlage liegt für Wiseau etwa bei 40%. Der Film jedoch entspreche für ihn erstaunlicherweise zu 99,9% den Tatsachen. Für das Drehbuch von Scott Neustadter und Michael H. Weber erhielt der Film im Jänner 2018 seine einzige Oscar Nominierung. James Franco gewann einen Golden Globe, Vorwürfe der sexuellen Belästigung scheinen jedoch eine Oscar Nominierung verhindert zu haben.

    „The Disaster Artist“ ist unterhaltsames Kino, ohne dass man „The Room“ gesehen haben muss. James Franco nutzt seine narzisstische Veranlagung um dem Original Wiseau sehr nahe zu kommen. Auch wenn sich Franco für eine Imitation entschieden hat, gibt der Film mit einem Allstar-Cast in den Nebenrollen einen witzigen Einblick in ein anderes Hollywood, das an Skurriliät kaum zu überbieten ist.

    James Franco USA 2017 104 Min. [usr 3]