Autor: Michael Holly

  • BLACK PANTHER

    BLACK PANTHER

    Am Anfang ist der afrikanische Kontinent so schwarz, wie wir es von diesen Nachtansichten der Erde aus dem Weltall gewohnt sind. Auf denen ist klar zu erkennen, wo auf der Welt Geld und technologischer Fortschritt zu Hause sind. Zwei starke Marvel Stunden später erklärt T’Challa, König von Wakanda, vor der UN-Versammlung in Wien, warum sein Land in Zentralafrika in Wahrheit das Zentrum der modernen Welt ist. „Black Panther“ macht sich daran, unser Weltbild auf den Kopf zu stellen.

     

    Chadwick Boseman alias T’Challa alias Black Panther auf dem Cover der Time. Der Feuilleton überschlägt sich mit euphorischen Kommentaren. Von einem popkulturellen Ereignis ist die Rede. Ryan Coogler schrieb und inszenierte den ersten Blockbuster der Filmgeschichte, der nicht nur zum Großteil in Afrika spielt, sondern dessen Produktion vor und hinter der Kamera in den Händen von AfroamerikanerInnen lag. Dabei ist hier das Binnen-I mehr angebracht als bei jedem anderen Film dieser Größenordnung aber dazu später mehr.

    Eine Comicverfilmung vom Disney Konzern als soziokulturelles Ereignis? Eines ist sicher, das Publikum wird dieser Tage Zeuge einer in der Popkultur nie dagewesenen Demonstration afroamerikanischer Selbstermächtigung.

     

    Uneinigkeit im Königshaus

    Der Erklärung von König T’Challa geht ein innerfamiliärer Streit voraus. Wakanda ist von einem Schutzschild umgeben. Von Außen sieht es wie ein Dritte Welt Land aus aber dahinter verbirgt sich eine hochtechnologisierte Gesellschaft. Dank dem Rohstoff Vibranium ist es der reichste Staat der Welt, ein schwarzes und friedliches Utopia. Eine Linie der königlichen Familie möchte das Vibranium verteilen, um die schwarze Weltbevölkerung ganz im Sinne von Malcom X zu stärken. Dem besonnenen agierenden und eben inthronisierten T’Challa stellt sich sein von Wut und Hass getriebener Cousin N’Jabaka/Erik „Killmonger Stevens (Michael B. Jordan) entgegen. Gerade hat der eine Axt aus dem Wunderstoff Ulysses Klaue (Andy Serkis) überlassen. Das Königreich Wakanda möchte einen Weiterverkauf an den CIA Agenten Everett K. Ross (Martin Freemann) unbedingt verhindern. Das Kräftemessen kann beginnen.

    T’Challa ist zwar die Hauptfigur aber getragen wird die Handlung ebenso von seinen weiblichen Partnerinnen: Schwester Shuri (Letitia Wright) stattet ihn mit den neuesten Waffen aus und ihr Labor erinnert an das von Q aus James Bond,  Lupita Nyong’o ist die Agentin Nakia, Angela Bassett die Königinmutter Ramonda und Danai Gurira steht T’Challa als Kämpferin zur Seite. Black Panther ist nicht nur ein Akt afroamerikanischer Emanzipation, sondern ein starkes Statement bezüglich Frauenrollen im Mainstreamkino. Darüber hinaus steht mit Rachel Morrison eine Frau hinter der Kamera, die soeben als erste Frau in der Geschichte für einen Oscar in der Kategorie Beste Kamera nominiert wurde.

    Hintergrund

    Erdacht wurde Black Panther von Stan Lee und Jack Kirby und hatte sein Debut 1966 in Marvel’s Fantastic Four No. 52. (Lee hat in der Casino Sequenz einen Cameoauftritt am Roulettetisch.) Im selben Jahr wurde die Black Panther Party gegründet und hatte es sich zur Aufgabe gemacht im Interesse der afroamerikanischen Gerechtigkeit bewaffneten Widerstand zu leisten. Im Gegensatz zu Martin Luther Kings Überzeugung mit Worten anstelle von Gewalt zu handeln. Ein Konflikt, der sich in der Geschichte von „Black Panther“ widerspiegelt.

    Das Setdesign von Wakanda ist geprägt vom Afrofuturismus: Organische Architektur und Wolkenkratzer mit Elementen aus Strohhütten. Die fantastischen Kostüme zitieren traditionelle afrikanische Kleidungen. Sie sind wahrlich eine Pracht. Auch zur Weltpremiere erschienen die Darsteller in traditioneller Kleidung, die auf ihre ursprüngliche Herkunft verweisen sollte.

    „Black Panther“ fügt sich zeitlich nach „Captain America: Civil War“ und dem Attentat an T’Chaka, dem Vater von T’Challa, in Wien in das Marvel Cinematic Universum ein. Trotzdem steht der Film für sich und hält sich sonst mit Querverweisen zurück. Es wird ein ernsterer Ton eingeschlagen und auf den mittlerweile nervenden Marvel Humor hat man zum Glück fast vollständig verzichtet. Auch mit ein Grund, warum selbst die Nebencharaktere weniger schablonenhaft und nie lächerlich wirken. Missglückt sind lediglich die Spezialeffekte, die zeitweilig amateurhaft anmuten.

    Um für den Score zu recherchieren, hat Ludwig Göransson einen Monat im Senegal verbracht. Geschickt hat er Elemente lokaler Musik in die Filmmusik eingearbeitet. Kendrick Lamar hat das Album zum Film kuratiert und gibt sich kämpferisch mit Musik von The Weeknd, SZA, Khalid, ihm selbst und anderen. Warum das alles wichtig ist?

    Superheld als Rolemodel

    Für das afroamerikanische Publikum ist es ein längst überfälliger Moment. Die kulturelle Dominanz der weißen Bevölkerung entspricht so gar nicht der ethnographischen Zusammensetzung des Einwanderungslandes USA. Darum ist „Black Panther“ von solcher Bedeutung für die Community. Bürgergruppen kaufen ganze Vorstellungen auf, um Kindern den Kinobesuch zu ermöglichen, die es sich sonst nicht leisten könnten, ihre Helden zu sehen. Schon vor dem Filmstart wurden durch den Vorverkauf Box-Office Rekorde aufgestellt. Steht der Film aber für eine große Veränderung, wie vielerorts geschrieben wird, in einem Jahr, in dem der amerikanische Präsident den gesamten afrikanischen Kontinent als Ansammlung von Shitholes herabgewürdigt hat? Wenn dem so wäre, würde das die Bürgerrechtsbewegungen ad absurdum führen. Gesellschaftliche Veränderungen kommen nicht von oben, sondern müssen hart erkämpft werden. Im Moment entwickelt sich die Welt in die entgegengesetzte Richtung.

    Es ist aber ein schöner Gedanke, dass in vielleicht 20 Jahren der ein oder andere aus dem jüngeren Publikum behaupten würde, „Black Panther“ hätte auf sein Leben einen prägenden Einfluss gehabt. Dass der Film eine Wirkung entfaltet, die über zwei Stunden hinausgeht, ist ihm durchaus zuzutrauen. Positiv besetzte Vorbilder sind ohne hin rar.

    Ryan Coogler | USA 2018 | 135 Min. | [usr 4]

    Fotos © Marvel Studios 2018

  • THE KILLING OF A SACRED DEER

    THE KILLING OF A SACRED DEER


    Nachdem der Kriegsherr Agamemnon im heiligen Wald der Artemis einen Hirschen erlegte, zog er deren Zorn auf sich und sollte ihr zur Strafe seine Tochter Iphigenie als Opfer darbieten. So besagt es die griechische Mythologie. Der Regisseur Giorgos Lanthimos ist spätestens seit Dogtooth (2009) Liebling des Arthauskinos und hat eine Vorliebe für solche Parabeln. In seinem neuen Film nimmt er sich diesem Stoff an und wer seine Filme kennt weiss, dass sie dem Publikum einiges abverlangen.

    Bei „The Killing of a Sacred Deer“ ist dass nicht anders. Zu Beginn scheint alles bestens zu sein, in der wohlhabenden Familie von Chirurg Steven Murphy (Colin Farell), seiner Frau Anna (Nicole Kidman), einer Augenärztin und den zwei Kindern Bob (Sunny Suljic) und Kim (Raffey Cassidy). Es wäre nicht Lanthimos, wenn sich aber selbst in dieser Idylle keine Abgründe auftun würden. Im Ehebett macht Anna ihrem Mann die Patientin unter Vollnarkose.

    Steven hat einen Fehler gemacht. Auf seinem OP-Tisch verstarb ein Patient. Steven war alkoholisiert. Schon von Beginn an zieht sich eine unheilverkündende Musik durch den Film. Man ahnt, dass da etwas kommen wird, aber Lanthimos lässt das Publikum lange zappeln. Martin ist ein Junge (Barry Keoghan) aus ärmlicheren Verhältnissen und Steven kümmert sich um ihn und macht ihm Geschenke. Es ist Anfangs nicht ganz klar, was es mit dieser Beziehung auf sich hat. Dann stellt sich heraus, dass es Martins Vater ist, dessen Tod Steven zu verantworten hat.

    Martin dringt immer mehr in die Familie der Murphys ein und freundet sich mit Kim näher an. Dann bekommt Bob wie aus heiterem Himmel vorübergehende Lähmungserscheinungen. Nachdem Kim ebenso zusammenbricht, erklärt Martin Steven im Spital, dass er als Wiedergutmachung für seinen Verlust, ein Familienmitglied opfern soll. Andernfalls folgen den Lähmungserscheinungen zuerst Nahrungsverweigerung, Augenbluten und schließlich der Tod. Bald muss Steven erkennen, dass es tatsächlich ernst ist und sich Martins Prophezeihungen nach und nach bewahrheiten. Er muss handeln.

    Lanthimos seziert in seinen Filmen gesellschaftliche Strukturen mit chirurgischer Genauigkeit. Dabei wahrt er größtmögliche Distanz zu seinen Charakteren. Die Dialoge werden mit einer mechanischen Emotionslosigkeit vorgetragen, wie wenn die Darsteller vom Blatt lesen würden. Die Kamera fängt die Räume in weitwinkeligen Einstellungen ein, in denen die Personen verloren wirken. Das Thema ist düster, doch die Sets sind weiß und hell, so dass man die Kälte förmlich spüren kann.

    „The Killing of a Sacred Deer“ ist eine Groteske über Lügen, Schuld und Vergeltung. Der visuelle Stil und die Grundstimmung erinnern an Stanley Kubrick. Es wäre eine Geschichte gewesen, die ihm gefallen hätte. Lanthimos‘ Filme sind intensiv und verstörend, aber gleichzeitig von einer Wahrhaftigkeit und Präzision. An ihm führt im Kino zur Zeit kein Weg vorbei.

    Giorgos Lanthimos | UK/IL 2017 | 121 Min. | [usr 4]

    © Fotos: Thimfilm

  • SHAPE OF WATER

    SHAPE OF WATER

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    In den 1960er Jahren stöckeln sogar die Frauen vom Reinigungstrupp in High Heels durch die grauen Gänge des Aerospace Research Center. Eines Morgens schiebt Elisa ihren Putzwagen mit einem breiten Lächeln und knallroten Schuhen voran. „Habt ihr?“ fragt ihre Kollegin Zelda neugierig. Ein breites, verlegenes Grinsen ist die Antwort. Eines der vielen Details in Guillermo del Toros neuesten Werk und wer den Regisseur kennt, der weiß, dass er sich so seine Gedanken macht. Dementsprechend reich an Andeutungen und Verweisen sind seine Fantasiewelten. Sex macht glücklich ist eine der Botschaften in dieser Geschichte, die ein Märchen ist, weil Elisas Zuneigung keinem Menschen gilt.

    Elisa, gespielt von Sally Hawkins, ist stumm. Sie lebt in einer Wohnung, die einem der Filme entsprungen sein könnte, die eine Etage tiefer in einem Filmpalast auf der großen Leinwand gezeigt werden. Alles schwelgt hier in Nostalgie. Mit ihrem schwulen Nachbarn Giles (Richard Jenkins) verbringt sie gemeinsame Fernsehabende. Es ist das goldene Zeitalter der TV-Shows aber auch die Hochblüte von Rassismus und Frauen verachtender patriarchaler Gewalt inmitten des Kalten Krieges. Die energische Zelda (Octavia Spencer) nimmt die verträumte und stetig unpünktliche Elisa unter ihre Fittiche. Sie ist als Afroamerikanerin eine weitere Außenseiterin in der düsteren und streng geheimen Forschungsstation und verleiht dem Film einen gewissen Drive.

    Eines Tages wird ein Wassertank aus dem Amazonasgebiet angeliefert, in dem sich der Schlüssel zum Sieg über Russland befinden soll. Ein menschenähnliches Amphibienwesen, mit Hilfe des Motion Capture Verfahrens verkörpert von Doug Jones, soll für Forschungszwecke herhalten, was einem Todesurteil gleich kommt. Schnell wird es als Monster mit besonderen Fähigkeiten abgestempelt – der große Wert der Entdeckung wird nicht erkannt.

    Elisa ist fasziniert von diesem Wesen, dem genauso mit Ablehnung begegnet wird, wie ihr selbst und nähert sich ihm an. Als sie beobachtet, wie Laborleiter Richard Strickland (Michael Shannon) den Amphibienmann misshandelt, schmiedet Elisa gemeinsam mit ihren Freunden einen Plan.

    Strickland entpuppt sich als das wahre Monster in dieser Geschichte. Er geht nicht nur gegen den Amphibienmann mit äußerster Brutalität vor, sondern ist geradezu ein Paradebeispiel für Machtmissbrauch. In einer zentralen, wie komischen Szene auf der Toilette, erklärt er gegenüber den verdutzten Putzfrauen, dass Händewaschen nur etwas für Weicheier ist.

    Del Toro taucht Elisas Welt in sattes Grün. Aus visueller Sicht ist „The Shape of Water“ ein Meisterwerk. Die düstere Farbdramaturgie und Setdesign lassen keine Wünsche offen und erinnern an Jean-Pierre Jeunets „Delicatessen“. Dabei wollte del Toro erst gar nicht viel zitieren, außer den Verweis auf den Kiemenmenschen aus „Der Schrecken vom Amazonas“ (Jack Arnold, 1954). Allerdings vermag die Liebesgeschichte nicht so zu berühren, wie man sich das vorstellen würde. Es stellt sich die Frage nach der Glaubwürdigkeit inmitten des pointierten Schnittes zwischen Stech- und Eieruhr und der träumerischen Musikuntermahlung von Alexandre Desplat. Zuviel hat del Toro in sein Werk versucht hineinzustopfen. Eine Hommage an das Kino von Technicolor, Horror- und Tanzfilme, zu einer Zeit als sich russische Agenten im Nebel mit Informanten trafen.

    Aber trotzdem: Seit der Premiere bei den Filmfestspielen in Venedig letzten Herbst ist del Toro mit seiner Produktion auf einem unaufhaltsamen Siegeszug. Aus Italien fuhr er mit einem Goldenen Löwen nach Hause und in den folgenden Monaten erhielt er fast sämtliche bedeutende Regiepreise, wie den Golden Globe, den Critics’ Choice Movie Award oder die Auszeichnung der Directors Guild. Zu Oscar Verleihung tritt er mit stolzen 13 Nominierungen an. „The Shape of Water“ scheint den Geschmack des europäischen Festivals ebenso zu treffen, wie den der Verbände in den USA. Der Regie Oscar gilt als ausgemachte Sache.

    „The Shape of Water“ läuft im Gartenbaukino im Original mit Untertiteln. Darüber hinaus gibt es vom 9. bis 22. März eine Werkschau aller Filme von Guillermo del Toro und als Bonus „Creature from the Black Lagoon“ in 3D.

    Guillermo del Toro | USA 2017 | 123 Min. | [usr 3.5]

  • Komponist Jóhann Jóhannsson tot aufgefunden.

    Komponist Jóhann Jóhannsson tot aufgefunden.

    Jóhann Jóhannsson, vielfach ausgezeichneter Filmkomponist, wurde gestern in seiner Berliner Wohnung tot aufgefunden. Die näheren Umstände sind bisher unbekannt.

    In den letzten Jahren war er unter anderem für seine Zusammenarbeit mit den Regisseur Denis Villeneuve bekannt. „Arrival“ hat einen der einprägendsten Soundtracks der jüngsten Vergangenheit.

    Link: ARRIVAL – First Encounter

    Einen ausführlichen Bericht gibt es hier nachzulesen:

    Link: VARIETY: Jóhann Jóhannsson, ‘Theory of Everything’ Composer, Dies at 48

  • THE DISASTER ARTIST

    THE DISASTER ARTIST

    Los Angeles zieht Jahr für Jahr eine große Zahl von Menschen an, die in der Filmbranche ihr Glück versuchen wollen. Nur den wenigsten ist es vergönnt, Fuß zu fassen und eine Karriere zu starten. Talent alleine reicht nicht aus. Ein eiserner Wille und Durchhaltevermögen sind notwendig, um sich hier durchsetzen zu können. Der Film erzählt die wahre Geschichte von einem, der diesen Weg zielstrebig verfolgt hat.

    Im Jahr 1998 sind die Schauspieler Tommy Wiseau (James Franco) und Greg Sestero (Dave Franco) unter den Neuankömmlingen. Zu diesem Zeitpunkt ist für das Publikum bereits klar, dass die beiden weitgehend talentbefreit sind. Wiseaus osteuropäischer Akzent ist gelinde gesagt unverständlich. Kurzerhand entschließt er sich, ein Drehbuch zu verfassen. Sein Kumpel Sestero soll die Hauptrolle spielen. Durch seinen unerschütterlichen Optimismus und der nötigen finanziellen Grundlage, gelingt es Wiseau trotz seiner Inkompetenz tatsächlich, eine Filmproduktion auf die Beine zu stellen.

    Franco widmet den Hauptteil seines Filmes den Dreharbeiten zu „The Room“. Penibel genau rekonstruiert er Szene für Szene und imitiert das Auftreten Wiseaus bis hin zu seinem eigenwilligen Lachen. Absurde Dialoge, vorgetragen in aller Ernsthaftigkeit von Amateurdarstellern und eigenwillige Sexszenen in Pappkulissen lösen beim Publikum Fassungslosigkeit aus. Immerhin soll die Crew aus gut 400 Personen bestanden haben.

    Als „The Room“ 2003 in die Kinos kam, sahen ihn kaum 200 Zuseher, bei Produktionskosten von 6 Millionen Dollar. Wiseau wollte den Film parallel Analog und Digital drehen. Dies, ein unnötiges Indoor-Set und die hohe Anzahl an Drehtagen ließen die Kosten explodieren. In Folge entwickelte sich um den Film eine Art Kult, nach dem er das Prädikat erhalten hatte, einer der schlechtesten Filme aller Zeiten zu sein. In Sonderaufführungen ist er regelmäßig ausverkauft. Das Interesse wurde auch dadurch gesteigert, weil über Tommy Wiseau keine biographischen Details bekannt sind. Es ist unklar, wie alt er ist, woher er ursprünglich stammt und woher das Geld für die Produktion kam.

    Als Grundlage für „The Disaster Artist“ diente das Buch „The Disaster Artist: My Life Inside The Room“ des Schauspielers Greg Sestero und Tom Bissell. Der Wahrheitsgehalt der Vorlage liegt für Wiseau etwa bei 40%. Der Film jedoch entspreche für ihn erstaunlicherweise zu 99,9% den Tatsachen. Für das Drehbuch von Scott Neustadter und Michael H. Weber erhielt der Film im Jänner 2018 seine einzige Oscar Nominierung. James Franco gewann einen Golden Globe, Vorwürfe der sexuellen Belästigung scheinen jedoch eine Oscar Nominierung verhindert zu haben.

    „The Disaster Artist“ ist unterhaltsames Kino, ohne dass man „The Room“ gesehen haben muss. James Franco nutzt seine narzisstische Veranlagung um dem Original Wiseau sehr nahe zu kommen. Auch wenn sich Franco für eine Imitation entschieden hat, gibt der Film mit einem Allstar-Cast in den Nebenrollen einen witzigen Einblick in ein anderes Hollywood, das an Skurriliät kaum zu überbieten ist.

    James Franco USA 2017 104 Min. [usr 3]

  • PHANTOM THREAD – Der seidene Faden

    PHANTOM THREAD – Der seidene Faden

    Wenn ein Mann eine eigenwillige Bindung zu seiner bereits verstorbenen Mutter hat, sollte man gewarnt sein. Der im London der 1950er Jahre von der High Society verehrte Schneider Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) nähte schon immer gerne Dinge von persönlichem Wert in seine Kleidung ein. Eine Haarlocke seiner Mutter trägt er stetig am Herzen.

    Leinen, Spitze, Samt und Seide sind sein Metier. Schön sind die Kleider nicht. Sperrig und steif wirken sie. Für die Frauen aber bedeuten sie viel. Die Textilien geben ihnen Selbstwertgefühl und Sicherheit. Penibel vermisst Woodcock seine Kundinnen und stülpt ihnen die Roben wie eine zweite Haut über, beseitigt so jeden Makel.

    Die Kellnerin Alma (Vicky Krieps) hat der Couturier gerade auf einem Landausflug kennengelernt. Beim Frühstück, dem in seinem Leben eine besondere Bedeutung zukommt. Später wird man erfahren, dass er bei Tisch, versunken in sein Skizzenbuch, keine Ablenkungen ertragen kann. Schon das geringste Geräusch verursacht Stirnfalten. Wenn Woodcock am Frühstückstisch gestört wird, erholt er sich den ganzen Tag nicht mehr, weiß Cyril (Lesley Manville), seine Schwester und Assistentin.

    Alma nimmt eben gerade an diesem Frühstückstisch Platz, neben Woodcock und der allgegenwärtigen Cyril. Gerade hat dort noch ihre Vorgängerin gesessen, aber nun ist sie seine neue Muse. Woodcocks Stimme ist dünn und sanft aber in ihrer Fragilität umso bestimmend. Er duldet keine Widerrede. Für ihn gibt es nichts als die Arbeit. Für Liebe bleibt da nicht viel übrig.

    Woodcocks Betulichkeit fügt sich zu manch komischen Momenten. Doch genauso wie er die Kontrolle über jede Falte seiner Stoffe haben muss, gilt dies auch für die Mensche in seiner Umgebung. Mit Alma hat er sich aber eine starke Persönlichkeit ins Haus geholt. Sie gibt die Widerspenstige und stellt sich ihm entgegen. Sie will um seine Liebe kämpfen und wird dabei zu drastischen Mitteln greifen.

    Daniel Day-Lewis geht neuerlich in seiner Rolle auf, scheint nicht zu spielen sondern ist. Vielleicht hat er sich durch diesen Kraftakt dermaßen verausgabt, dass er sich am Ende der Dreharbeiten zu der Aussage hinreißen hat lassen, dies sei seine letzte Rolle gewesen. Wir werden sehen. Mit Lesley Manville und dem luxemburger Shootingsstar Vicky Krieps hat Day-Lewis jedenfalls ein starkes Gegenüber. „Phantom Thread“ ist auch eine großartige Ensembleleistung.

    Als Vorbild für seine Hauptfigur diente Paul Thomas Anderson der spanische Modedesigner Cristóbal Balenciaga. Der Drehort, ein Haus im viktorianischen Stil, die Dreieckskonstellation und die Rolle einer toten Frau im Hintergrund erinnern nicht zufällig an „Rebecca“. „Phantom Thread“ ist eine Variation dieses Themas.

    Die Musik stammt von Jonny Greenwood, neben Thom Yorke Mastermind bei Radiohead. Ein lückenloser orchestraler Klangteppich überspannt den Film von Anfang bis Ende. Dabei funktioniert die Musik als eigene dramaturgische Ebene. Sie unterstützt nicht das Gesehene auf emotionale Weise, sondern konterkariert es, verändert die Sichtweise und bringt die Geschichte voran.

    In den Credits fehlt übrigens der Kameramann. Der Favorit Robert Elswit („There Will be blood“) hatte keine Zeit und Anderson verzichtete auf Ersatz. Für sich beanspruchen wollte er den Titel aber dann auch nicht und bezeichnet das Ergebnis als Teamarbeit.

    Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, die romantisch, düster und trotzdem unterhaltsam ist.

    Paul Thomas Anderson USA 2017 131 Min.  [usr 4]

  • 78/52

    78/52

    Es ist die berühmteste Szene der Filmgeschichte. Als Alfred Hitchcock im Jahr 1960 seine Hauptdarstellerin Janet Leigh in „Psycho“ nach nur 40 Filmminuten regelrecht abschlachten ließ, war es für das Publikum ein Schock. Noch dazu in der Badewanne, just in dem Moment, wo sie zum ersten Mal glücklich ist! Niemand war zu Hause in der Dusche mehr sicher. Der Regisseur Alexandre O. Philippe widmet dieser Szene gleich einen ganzen Film.

    Der „Master of Suspense“ brach mit allen Sehgewohnheiten und setzte auf den Überraschungseffekt: Surprise statt Suspense. Die Szene setzt sich aus 78 Einstellungen und 52 Schnitten zusammen und dauert kaum 2 Minuten. Trotzdem markiert sie eine Wende. Nach den großen Technicolor Produktionen der 1950er Jahre begann ein dunkles Zeitalter. Zum ersten Mal war eine Frau einem derartigen Angriff ausgesetzt. Obwohl es kaum Blut und keine Messerstiche zu sehen gibt, wurde die Szene als äußerst brutal empfunden. Nur das Geräusch der Einstiche ist zu hören. Ein brutaler Mord konnte von nun an ein Teil von Unterhaltung sein und ein Mörder die Hauptfigur. Der Slasher-film war geboren.

    Die Dokumentation folgt im Aufbau dem Film. Ebenfalls in schwarz-weiß Bildern schildern Theoretiker, Zeitzeugen und Schauspieler ihre Eindrücke dieses Kinomoments. Es kommt unter anderen Jamie Lee Curtis, die Tochter von Janet Leigh, ebenso zu Wort, wie Guillermo del Toro, Bret Easton Ellis, Eli Roth, Peter Bogdanovich und Marli Renfro, das damalige Bodydouble von Janet Leigh. Regisseur Philippe, der schon einen Film über George Lucas ohne George Lucas gemacht hat, musste diesmal auf Gus Van Sant verzichten. Der hatte 1998 Szene für Szene penibel genau nachgedreht. Daran ist er gescheitert, wie er sich selbst eingestehen musste. Weder Schnitte, noch Atmosphäre des Filmes waren reproduzierbar. Ein Moment von „movie magic“ sozusagen. Der Filmkritiker Leonard Maltin ging so weit, den Film nicht als Remake, sondern als Beleidigung am Original zu bezeichnen. Eine Kooperation bei dieser Dokumentation hat Van Sant verweigert.

    Eine detektivische Aufarbeitung der Szene mit dem ebenso legendären stakkatohaften Streichern von Komponist Bernhard Herrmann, die für immer ihren Platz in der Filmgeschichte haben wird. Ein Muss für Filmenthusiasten.

    Alexandre O. Philippe USA 2017 91 Min.

     

  • DIE WUNDERÜBUNG

    DIE WUNDERÜBUNG

    Joana (Aglaia Szyszkowitz) und Valentin (Devid Striesow) haben sich nichts mehr zu sagen und wenn doch, dann sind es nur Gehässigkeiten. Das Ehepaar ist am Ende. Die romantischen Jahre liegen lange zurück. Wenn man sie jetzt so sieht, ist es kaum zu glauben, dass es einmal so etwas wie Harmonie zwischen den beiden gab.

    Sie sitzen Harald (Erwin Steinhauer) gegenüber. Die Beiden haben ihn aufgesucht, weil noch eine Tochter mit im Spiel ist und in ihren momentan getrennten Welten Scheitern oder Aufgeben nicht in Frage kommt. Harald ist Paartherapeut und sieht einen hoffnungslosen Fall vor sich oder zumindest lässt er das die Beiden deutlich spüren. Was sie noch mehr auf die Palme bringt und die ohnehin schon angespannte Situation immer mehr eskalieren lässt. Dabei wendet Harald alle Tricks an, um Joana und Valentin aus der Reserve zu locken.

    Wie das Ganze ausgegangen ist haben vor zwei Jahren mehr als 30.000 Zuseher in den Wiener Kammerspielen mitverfolgt. Regisseur Michael Kreihsl hat das Stück nach der Theaterinszenierung nun für die Leinwand adaptiert. Die scharfzüngigen Dialoge sind geblieben und werfen Fragen auf, denen man selbst lieber aus dem Weg gegen möchte. Es wird sich kaum jemand finden, der in einer längeren Beziehung lebt und sich nicht in dem ein oder anderen Detail wiederfindet. Das ist die große Stärke von Daniel Glattauers Text.

    Es ist spannend anzusehen, wie sich die Geschichte zwischen drei Menschen in einem Raum entwickelt und wie dies filmisch aufgelöst ist. Trotzdem ist es eine 1:1 Umsetzung eines Theaterstückes. Auch wenn der Stoff so einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden kann, hat der Film dem Theaterstück nichts hinzuzufügen. Gute Unterhaltung und tolle Schauspieler werden trotzdem geboten. Der Film wird auch dank Erfolgsautor Daniel Glattauer sein Publikum finden.

    Michael Kreihsl Ö 2018 92 Min. [usr 2]

  • Österreichischer Filmpreis 2018

    Österreichischer Filmpreis 2018

    Am Abend wurden in Grafenegg die Österreichischen Filmpreise vergeben. Adrian Goigingers „Die beste aller Welten“ wurde in den Kategorien Bester Film, Bestes Drehbuch, Beste Hauptdarstellerin und bester Nebendarsteller ausgezeichnet.

    Die Verleihung war geprägt durch die Metoo-Debatte und die politische Situation in Österreich. Lukas Miko verlas einen Appell der heimische Filmschaffenden, in dem sie die ÖVP dazu aufrufen, „die Zusammenarbeit mit allen Mitgliedern deutschnationaler Burschenschaften und anderer rechtsextremer Organisationen sofort zu beenden“.

    PREISTRÄGER/INNEN ÖSTERREICHISCHER FILMPREIS 2018

    BESTER SPIELFILM

    Die beste aller Welten

    BESTER DOKUMENTARFILM

     

    Untitled

    BESTER KURZFILM

    Mathias

    BESTE REGIE

    Adrian Goiginger / Die beste aller Welten

    BESTE WEIBLICHE HAUPTROLLE

    Verena Altenberger / Die beste aller Welten

    BESTE MÄNNLICHE HAUPTROLLE

    Lars Eidinger / Die Blumen von gestern

    BESTE WEIBLICHE NEBENROLLE

    Maresi Riegner / Licht

    BESTE MÄNNLICHE NEBENROLLE

    Lukas Miko / Die beste aller Welten

    BESTES DREHBUCH

    Adrian Goiginger

    BESTE KAMERA

    Christine A. Maier / Licht

    BESTES KOSTÜMBILD

    Veronika Albert / Licht

    BESTE MASKE

    Helene Lang / Licht

    BESTE MUSIK

    Wolfgang Mitterer / Untitled

    BESTER SCHNITT

    Monika Willi / Untitled

    BESTES SZENENBILD

    Katharina Wöppermann / Licht

    BESTE TONGESTALTUNG

    OT: Manuel Siebert, SD: Matz Müller, Erik Mischijew, MI: Tobias Fleig / Untitled

    (OT – Originalton, SD – Sounddesign, MI – Mischung)

  • DARKEST HOUR – Die dunkelste Stunde

    DARKEST HOUR – Die dunkelste Stunde

    Unweit der 10 Downing Street befinden sich am St. James‘s Park die Churchill War Rooms. Sie sind ein Teil des Imperial War Museums und wurden von Margaret Thatcher der Öffentlichkeit zugängig gemacht. Während des Zweiten Weltkriegs diente der Bunker dem Kriegskabinett unter Winston Churchill als Kommandozentrale.

    Eben diese Räume sind nun die Kulisse von „Darkest Hour“. Es ist das Jahr 1940, Adolf Hitlers Expansionsbestrebungen setzen auch Großbritannien immer mehr unter Druck und die Tage von Premier Neville Chamberlain sind angezählt. Die Nachfolgesuche läuft auf den einen Kandidaten hinaus, auf den man sich mit der Opposition verständigen kann. Das sogenannte „War Cabinett“ ist eine Allparteienregierung.

    Auftitt Winston Churchill (Gary Oldman), zu dieser Zeit Lord der Admiralität. Sein Ruf als autoritär zorniger Eigenbrötler eilt ihm voraus. Keine Verhandlungen mit Nazi Deutschland zu führen war seine tiefste Überzeugung. Das erste Aufeinandertreffen mit König Georg V ist mehr Pflicht als auf gegenseitiger Wertschätzung beruhend.

    Schon in den ersten Tagen seiner Amtszeit scheitert die Strategie der Alliierten gegenüber dem Deutschen Reich. Churchills ablehnende Position der Appeasment Politik gegenüber steht nur mehr auf wackeligen Beinen. In den hinteren Reihen wird bereits fleissig an seinem Sessel gesägt. Rückendeckung holt sich der Premierminister in Gesprächen mit der Bevölkerung in einer bereits legendären U-Bahn Szene. Viele stoßen sich an diesem dramaturgischen Kniff. Eine Situation die es so natürlich nie gegeben hat.

    Nun begrenzt sich der Handlungsverlauf von „Darkest Hour“ auf wenige Wochen im Mai und Juni 1940. Den Rahmen bilden drei seiner bedeutsamsten Reden. Eine zeitliche Verdichtung, die bereits bei mehreren Biopics angewandt wurde, um eine Persönlichkeit anhand bestimmter Ereignisse zu porträtieren. In dieser Zeit hat sich Churchill nie in diesem Bunker befunden. Warum hätte er auch sollen. Die Nazis waren noch auf der anderen Seite des Kanals, wo gerade die Operarion Dynamo im Gange war. Genauso wenig war der Transatlantic Telephone Room bereits eingerichtet, in dem Churchill im Film mit US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt telefoniert.

    Historische Ungenauigkeiten stehen dem Schauspiel von Gary Oldman gegenüber. Seine unverwechselbare Mimik und die markante Stimme können sich nicht hinter der Maske verstecken. Oldman eignet sich die Rolle an und stellt seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis. Der Vergleich mit John Lithgows ebenfalls exzellenter Darstellung Churchills in „The Crown“ lohnt sich.

    In jeder Filmminute merkt man, dass die Geschichte hier von Männern geschrieben wird. Frauen sind nicht mehr als Beiwerk, die voll Bewunderung auf Churchill aufschauen. Es ist einer jener Filme, die von einer schauspielerischen Leistung leben aber als Ganzes nicht überzeugen können. Ob das Geld für ein Kinoticket hier gut angelegt ist, sei dahingestellt. Der Eintritt in die Churchill War Rooms zahlt sich aus und ein Besuch sollte bei keinem London Trip fehlen.

    Joe Wright  GB 2017 125 Min.   [usr 2.5]