Autor: Michael Holly

  • LUCKY ★★★★

    LUCKY ★★★★


    Lange vor Harry Dean Stantons letzter Hauptrolle, formulierte der US-Filmkritiker Roger Ebert die „Stanton-Walsh Regel“, nach der ein Film, in dem Harry Dean Stanton oder M. Emmet Walsh eine Nebenrolle spielen, nicht völlig schlecht sei kann. Diese Weisheit lässt sich bedenkenlos auf „Lucky“ übertragen. John Carrol Lynch ist ein grandioses Regiedebüt geglückt.

    Irgendwo in einer Kleinstadt im Südwesten der USA lebt der 90-jährige Lucky den stehts gleichen Tagesablauf bestehend aus Yoga, Spieleshows im Fernsehen, Barbesuch zu Fuß und Zigaretten. Als er eines Morgens zusammenbricht, ist das zwar kein Grund um seine Routinen zu ändern, nachdenklich stimmt ihn das aber dann doch. Sentimentaler Mensch ist er aber keiner. Genauso wenig wie Harry Dean Stanton selbst. Der Film wurde ihm auf den Leib geschrieben oder vielmehr wurde um die reale Person eine Geschichte konstruiert.

    Realismus als Konzept

    Als Lynch anfragte, ob Stanton interessiert sei, meinte der nur, wenn sie das zusammen bekommen, macht er es. Vielleicht fühlte er sich doch geschmeichelt. „Lucky“ überblendet Stanton mit einem fiktiven Charakter. Es gibt sehr wohl Unterschiede. Die Vorliebe für Gameshows, ein tägliches Workout und der leere Kühlschrank entsprechen aber dem realen Stanton. Ebenso seine philosophischen Auseinandersetzungen mit dem eigenen Ich. Er konfrontierte die Menschen mit Lügen und Heuchelei. Tatsächlich betrat Stanton oft den Raum und rief: „You are nothing!“:

    „The old eastern concept, one guy phrased it, ‘To realise you’re notfhing is wisdom. To realise you’re everything is love. Or pure intelligence or pure awareness. Ultimately that can’t be defined in words, it’s beyond words, beyond consciousness. And that’s a hard sell, but it’s true.”,

    meint Stanton dazu. Eine Erkenntnis, die es ihm ermöglichte, bis zuletzt seiner großen Leidenschaft zu fröhnen. „Ich esse nur, damit ich rauchen kann“ – für den Arzt ist Lucky ein Naturwunder, das es zu bestaunen und erforschen gilt. „Lucky“ ist auch ein Film über Körperlichkeit und eine Humorvolle Auseinandersetzung mit dem Altern.

    Die Besetzung ist durch die Bank exzellent. David Lynch übernahm dank der engen Verbindung zu Stanton eine wunderbare Rolle in besagter Bar und trauert dort seiner entlaufenen Schildkröte Roosevelt nach. Eine schöne Metapher zum Tempo des Films und den Gemütern seiner Charaktere. Auch um Tom Skerritt und Ed Begley jr. zu gewinnen, brauchte es nicht mehr als einen Telefonanruf. John Carrol Lynch betrieb ein one phone call casting. Für mehr war einfach kein Geld vorhanden.

    „From Paris to Texas. The Man in the Moonshine.“

    Es ist ein Glücksfall, dass Stanton, der zuletzt viele Angebote abgelehnt hatte, die Rolle angenommen hat. „Lucky“ ist nicht nur ein Tribute an einen großartigen Charakterdarsteller, sondern auch ein Abschied. Harry Dean Stanton verstarb letzten September mit 91 Jahren.

    Für das Filmhaus am Spittelberg ist „Lucky“ ein Neubeginn. Das Filmcasino eröffnet dort mit dem Film diese Woche eine zweite Spielstätte.

    John Carrol Lynch | USA 2017 | 88 Min | [usr 4]

    Foto © Polyfilm

    Quelle Zitat: https://flashbak.com/the-zen-of-harry-dean-stanton-surrender-to-the-void-to-nothingness-386512/

  • FILMMUSEUM und FILMARCHIV im April

    FILMMUSEUM und FILMARCHIV im April

    Der März im Österreichischen Filmmuseum und METRO Kinokulturhaus.

    „Das Leben ist hart, aber lustig.“ Im April widmet sich das Österreichische Filmmuseum einem der bedeutendesten Filmemachern unserer Zeit. Das Kino des Finnen Aki Kaurismäki erweckt in seinem unverkennbaren minimalistischen Stil zwar einen artifiziellen Eindruck, ist jedoch durch einen humanistischen Zugang geprägt, der gegenwärtige sozialpolitische Themen aufgreift. Seine Helden sind soziale Außenseiter, die sich gegen Bürokratie und unmenschliche Bedingungen behaupten müssen. Dass der Humor trotz der tristen Ausgangslage nicht zu kurz kommt, ist nur ein Merkmal der skurrilen Welt des Aki Kaurismäki. Das Programm wird von einer Carte blanche für Kaurismäki begleitet.

    Die zweite Programmreihe zeigt Werke der Amerikanerin Barbara Hammer, einer führenden Vertreterin des New American Cinema.

    Am 8. April hält der Regisseur Gustav Deutsch anlässlich seines neuen Filmes „So leben wir – Botschaft an die Familie“ eine Masterclass im Filmmuseum ab. Sie ergänzt die aktuelle Retrospektive im Metrokino Kulturhaus.

    Das Programm „>>Suche Arbeit, mache alles<<“ im Metro Kinokulturhaus befasst sich mit Armut, sozialem Abstieg und Arbeitslosigkeit im Film. Zu sehen sind unter anderem das großartige Lehrstück über Solidarität „Zwei Tage, eine Nacht“ der Brüder Dardenne mit Marion Cotillard in der Hauptrolle. Auf den Spuren der bahnbrechenden soziologischen Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ (ein empfehlenswertes kleines Büchlein) von 1933 begibt sich die Dokumentation „Marienthal 1930-1980“. Marienthal ist heute der Name eines Ortsteils von Gramatneusiedl in Niederösterreich.

    Weiterhin zu sehen: „Die Stadt ohne Juden“ mit begleitender Austellung im Metrokino Kulturhaus.

    Links mit weiterführenden Informationen:

    www.filmmuseum.at

    www.filmarchiv.at

    Foto „Le Havre“ (2011) © Stadtkino Filmverleih

  • LOVELESS / NELYUBOV ★★★★

    LOVELESS / NELYUBOV ★★★★

    Aljoscha (Matwei Nowikow) versteckt sich hinter der Wohnzimmertür und stößt einen stummen Schrei aus. Tränen rinnen ihm über das Gesicht. Der Bub musste gerade einen Streit zwischen seinen kurz vor der Scheidung stehenden Eltern mitanhören. Als wäre das nicht schon schlimm genug, muss er erfahren, dass sie ihn beide nicht wollen. Vielmehr erfährt man über Aljoscha nicht. Bald darauf ist er verschwunden.

    Un-Liebe

    Zhenya (Mrjana Spiwak) hat bereits einen neuen Freund. Ihr Mann Boris (Alexei Rosin) hat ebenso eine neue, hochschwangere Freundin. „Loveless“ beginnt da, wo eigentlich alles zu Ende ist. Das kann auch ein Neuanfang sein. Zumindest aus Sicht des Publikums scheint das nicht möglich zu sein, so sehr wie die beiden von Kälte und Hass zerfressen sind. Aljoscha war kein Wunschkind und ein Kompromis wie die ganze Beziehung. Beide Eltern haben mit ihrem gemeinsamen Leben abgeschlossen. Nichts zeugt von einer vergangenen Zweisamkeit. Der Originaltitel „Njeljubow“ bedeutet eigentlich Un-Liebe.

    Dann ist der Sohn auf einmal Weg und keiner bemerkt es. Erst die Lehrerin, nachdem Aljoscha den zweiten Tag hintereinander nicht in der Schule erscheint. Nicht einmal dann sind Zhenya und Boris dazu in der Lage, für einen Moment zusammen zu finden. Es ist eine Atmosphäre der Trostlosigkeit und Hoffnungslosigkeit, die Regisseur Andrei Swjaginzew in kühlen blaustichigen Bildern erzeugt. Die Polizei interessiert sich nicht weiter für den Fall. So engangieren die Eltern einen professionellen Suchtrupp aus freiwilligen Helfern. Der Film schildert die folgende Suchaktion am Rande Moskaus mit pathologischer Genauigkeit.

    Entfremdung von Staat und Gesellschaft

    Die Mutter gibt sich ganz der materiellen Welt hin. Mit dem Handy in der Hand ist ihre reale Umgebung schlicht nicht existent. Zhenyas Empathielosigkeit erklärt sich, als sie mit den Helfern ihrer Mutter einen Besuch abstatten. Auch sie ist ein ungewolltes Kind und ihre tief gläubige Mutter hat nichts als Grausamkeiten für sie übrig. Liebe hat sie von ihr nie erfahren. Boris‘ Chef ist ein Ultrakonservativer, der von seinen Mitarbeitern das russische Ideal einer aufrechten Ehe mit Kindern verlangt. Die Scheidung muss er verheimlichen und für eine neues Kind mit seiner Freundin bleibt nicht viel Zeit.

    „Loveless“ ist nicht nur eine verstörende Charakterstudie. Das Russland, das hier gezeigt wird, ist vom von der Orthodoxie aufoktroyierten Konservatismus durchzogen und interessiert sich abseits der Normvorstellungen für seine Bürger wenig. Die ständigen Fernsehnachrichten zeugen viel mehr vom Interesse der territorialen Expansion und verbreiten patriotische Parolen. Es sind zermürbende zwei Stunden und der Film entlässt die Zuseher entsprechend niedergeschlagen. Swjaginzew ist neuerlich ein Meisterwerk geglückt.

    Andrei Swjaginzew | RUS/F/BEL/D 2017 | 127 Min. | [usr 4]

    Foto: © Polyfilm

  • JIM KNOPF UND LUKAS DER LOKOMOTIVFÜHRER

    JIM KNOPF UND LUKAS DER LOKOMOTIVFÜHRER

    Die Geschichte beginnt mit einem postalischen Versehen. Ein von der Wilden 13 entführtes und an einen Drachen verkauftes Baby landet irrtümlich anstatt in Kummerland auf der klitzekleinen Insel Lummerland. Als König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte (Uwe Ochsenknecht) die örtliche Bahnstrecke Jahre später wegen Überbevölkerung und Platzmangel einstellt, begibt sich der Bub (Solomon Gordon), der von den vier Bewohnern liebevoll Jim Knopf genannt wird, mit dem Lokomotivführer Lukas (Henning Baum) und der Lokomotive Emma auf eine abenteuerliche Reise.

    Nach den bekannten Adaptionen der Augsburger Puppenkiste und einer Zeichentrickserie kommt nun eine Realverfilmung von Michael Endes 1960 erschienen weltberühmten Roman in die Kinos. Knallbunt ist sie geworden und voll schräger Figuren. Dem Regisseur Dennis Gansel ist die Bedeutung früherer Adaptionen bewusst und so scheint sein Lummerland der Augsburger Puppenkiste entsprungen zu sein. Natürlich ist Jim Knopf auch großes Spezialeffekte-Kino um die phantasievolle Welt Endes entsprechend umsetzen zu können.

    Zumindest bezüglich der Werktreue wäre Michael Ende diesmal wohl zufriedengestellt gewesen. Die Verfilmung von „Die unendliche Geschichte“ hatte ihn noch dermaßen aufgeregt, dass er die Produktionsfirma verklagte und seinen Namen aus dem Vorspann streichen ließ. Die kapitelweise Abarbeitung der einzelnen Abenteuer im Laufe des Filmes bringt ihn allerdings um seinen finalen Höhepunkt. Die Konfrontation mit dem Drachen Frau Mahlzahn ist dann nur mehr eine Station von vielen.

    Für die Kinder im Publikum bedeutet das aber durchwegs Hochspannung. Nach dem düsteren Intro sind die sonnigen Szenen auf Lummerland ein guter Einstieg in die Geschichte. Sobald das eigentliche Abenteuer losgeht, leben die Kleinen im Kinositz regelrecht mit. Jim Knopf ist dabei eine ideale Identifikationsfigur. Die einzelnen Sequenzen, wie die stürmische See oder das einstürzende Tal der Dämmerung, verlangen nach einer Schulter zum Anlehnen. Zumindest für Kinder unter 8 Jahren. Je nach Kinoerfahrungen ist der Film wohl auch erst ab diesem Alter geeignet. Schließlich stehen auch die Soundeffekte denen von Actionfilmen für Große um nichts nach.

    Henning Baums Lukas ist ein liebenswerter Brummbär alla Bud Spencer und eine väterliche Figur für Jim. Eine Szene im fernen Mandala ist eine Hommage an die damaligen Faustkämpfe und die Stereowatschen. Frau Waas (Annette Fries) ist die Ziehmutter und neben Herrn Ärmel (Christoph Maria Herbst) eine weitere Bewohnerin von Lummerland. Uwe Ochsenknecht kann sich als verwirrter König sichtlich vergnügt austoben.

    Jim Knopf ist ein Plädoyer für Weltoffenheit und Neugierde und kommt daher gerade recht. Figuren wie der Scheinriese Tur Tur (Milan Peschel), der in weiter Ferne riesig erscheint aber aus der Nähe klein ist, zeigen, dass Andersartige zu Unrecht gefürchtet werden. Aus der Welt der Volldrachen ausgeschlossene Halbdrachen verdeutlichen rassistische Mechanismen. Jims Hautfarbe wird letztlich von ihm selbst und der Frage nach seiner Herkunft thematisiert. Im Deutschland der 1960er waren schwarzafrikanische Kinder keine Seltenheit. Eine Folge der amerikanischen Besatzungszeit. Die Kinder wurden vielfach in den USA zur Adoption frei gegeben. Heute ist die Situation anders. Für die Rolle des Jim Knopf musste andernorts gecastet werden. Fündig wurde man mit Solomon Gordon in Großbritannien.

    Dennis Gansel | D 2018 | 110 Min. | [usr 3.5]

    Foto © Warner Bros

  • I, TONYA

    I, TONYA

    1994 wurde die Eiskunstläuferin Tonya Harding mit einem Schlag so berühmt wie Bill Clinton. Wobei selbst ausgeführt hat sie ihn nicht, den Schlag auf das Knie ihrer Konkurrentin Nancy Kerrigan. Dafür sorgten ein paar zwielichtige Typen, die ihr Mann Jeff Gillooly beauftragt hatte. Oder wussten doch beide nichts davon? Bei der Recherche stieß Drehbuchautor Steven Rogers auf widersprüchliche Aussagen über die Ereignisse im Vorfeld der Olympischen Spiele, die damals um die Welt gingen.

    Das ist mit ein Grund warum „I, Tonya“ zwar auf wahren Begebenheiten beruht, sich selbst wegen der haarsträubenden Geschehnisse jedoch nicht all zu ernst nimmt und eine Mockumentary geworden ist. Die Geschichte beginnt in früher Kindheit, als Harding (Margot Robbie) von ihrer exzentrischen und kettenrauchenden Mutter LaVona Golden (Alison Janney) aufs Eis geschoben wird. Die echte Golden bestreitet Gewalttätigkeiten gegenüber ihrer Tochter. Ebenso wie ihr Mann Jeff (Sebastian Stan), von dem sie ebenso behauptet, geschlagen geworden zu sein. Immerhin hat er später einmal auf sie geschossen. Zumindest das scheint verbrieft zu sein. Die Protagonisten wenden sich in Interviews direkt in die Kamera und bald wird klar, dass hier irgendetwas nicht stimmen kann. Tonya und Jeff erzählen ziemlich unterschiedliche Versionen der Geschichte, die an skurrilen Typen nicht arm ist.

    So unbeholfen und dümmlich wie sich Jeff und die Schläger geben, zweifelt man stark am Wahrheitsgehalt der Erzählung. Es sind aber gerade die absurdesten Details, die den Tatsachen entsprechen. So lief einer der Täter tatsächlich auf der Flucht gegen eine Glastüre. Beste Grundlagen also für eine groteske schwarze Komödie.

    Gebracht hatte das alles nichts. Kerrigan gewann Silber und Harding belegte nur den siebten Platz. Der Aufstieg und Fall der Tonya Harding erregte eine enorme mediale Aufmerksamkeit. Harding war die erste Frau, die einen dreifachen Axel stand, das ist ein Sprung mit einer 1260° Drehung. Eine vielversprechende Zukunft schien ihr bevor zu stehen. Bis 2017 bestritt Harding, von den Plänen ihres Mannes etwas gewusst zu haben. Von allen Eiskunstlaufmeisterschaften wurde sie aber schon unmittelbar nach dem Attentat gesperrt. Immerhin hatte sie mehr als die von Andy Warhols propagierten 15 Minuten Ruhm.

    „I, Tonya“ ist auch ein Portrait der abwertend „white trash“ genannten Unterschicht. Sie wird allen voran grandios verkörpert von der Oscar-prämierten Alison Janney. Der Film ist durchwegs unterhaltsam und die ironische Herangehensweise verhindert, dass die Protagonisten bloß gestellt werden. Die Gewalttätigkeiten gegen die Hauptfigur, so sie derart stattgefunden haben, werden andererseits verharmlost, was gerade in Zeiten von #metoo doch überrascht.

    Craig Gillespie | USA 2017 | 120. Min | [usr 3.0]

    Foto: © ThimFilm

     

  • JÜDISCHES FILMFESTIVAL WIEN

    JÜDISCHES FILMFESTIVAL WIEN

    Das Jüdische Filmfestival Wien steht ab morgen im Zeichen des 70. Geburtstags des Staates Israel. Eine Woche lang kann man sich im Metro Kinokulturhaus und im Top Kino einen Überblick über historische und aktuelle Kinoproduktionen aus Israel verschaffen.

    Eröffnet wird mit einer Dokumentation, die auf einem Interview mit David Ben-Gurion basiert, der am 14. Mai 1948 die Unabhängigkeitserklärung verlas („Ben-Gurion, Epilogue, 2016). Eine eigene Reihe ist dem Regisseur Amos Gitai gewidmet. Von einer ungewöhnlichen Beziehung zwischen einem schwulen berliner Bäcker und der in Jerusalem lebenden Witwe des Mannes, den sie beide liebten, erzählt „The Cakemaker“ (2017).

    Das Dokudrama „The Illegals“ beschreibt die Flucht einer Gruppe jüdischer Holocaust-Überlebender nach Palästina. Kurz vor dem Ziel wurden sie von der britischen Armee aufgegriffen und in Zypern interniert. Der Film wird gemeinsam mit einem Vortrag von Dr. Hannes Leidinger gezeigt, der über die Zeit der Jahrhundertwende und das israelisch-österreichische Verhältnis referieren wird.

    Mit 100 Jahren jüdischer Geschichte in Österreich beschäftigt sich unter dem Motto „Shalom Austria!“ ein zweiter Teil des Festivals von 11. – 18. Oktober 2018.

    Link: www.jfw.at

    Foto: © Pandora Films, Juliette Binoche in „Disengagement“

  • MURER – ANATOMIE EINES PROZESSES ★★★★ ½

    MURER – ANATOMIE EINES PROZESSES ★★★★ ½

    Bilder werden dem Grauen nicht gerecht, machen das Unfassbare nicht begreifbar. Der Abgrund, an dem sich Europa vor 80 Jahren befunden hat, wird allein schon durch Akten und Erzählungen von Zeitzeugen deutlich. Regisseur Christian Frosch nimmt originale Gerichtsakten als Grundlage für sein Gerichtsdrama, das eigentlich ein hochaktueller Politthriller ist. Ein Prozess, dessen Ausgang in Österreich kaum registriert wurde, international jedoch sehr wohl Beachtung fand.

    Als Franz Murer 1963 nach nur 10 Tagen Hauptverhandlung als freier Mann das Landesgericht in Graz verlässt, wird er gefeiert und mit Blumen überhäuft. Der brave Großbauer in seiner abgewetzten Trachtenjacke kehrt auf seinen Hof zurück, wo er bis zu seinem Tod 1994 leben wird. Zuletzt als Bezirksbauernvertreter der ÖVP. Damit hat er seine Opfer gut 50 Jahre überlebt. Murer, der „Schlächter von Wilna“ genannt wurde, war im dortigen Ghetto für „jüdische Angelegenheiten“ zuständig. Von 80.000 Bewohnern überlebten unter seinem Kommando innerhalb von zwei Jahren nur ein paar Hundert. Den österreichischen Staat und die Bevölkerung interessierte das aber herzlich wenig.

    In Russland wurde Murer zwar verurteilt, kam aber im Zuge des Staatsvertrages frei und wurde nach Österreich überstellt, mit der Bedingung, ihm dort den Prozess zu machen. Eilig hatte man es aber damit nicht. Es ist Simon Wiesenthals verbissenem Einsatz zu verdanken, dass es letztlich zu diesem Prozess gekommen ist. Auf der Suche nach Adolf Eichmann war Wiesenthal auf ihn aufmerksam geworden. Murers Rolle in Wilna wurde durch die Nürnberger Prozesse bekannt.

    Murer, Name unbekannt

    Dass der Name Murer bis zum Erscheinen des Films kaum jemanden mehr ein Begriff war, zeugt vom Umgang Österreichs mit der eigenen Vergangenheit. Der Prozess war einer der größten Justizskandale der Zweiten Republik. Der Skandal fand nicht nur im Gerichtssaal statt, wo die Beweislast erdrückend war und Opfer diffamiert wurden. Auch im Hintergrund kann man von politischen Verstrickungen ausgehen, die letzten Endes zu einem Freispruch führten. Weder ÖVP, noch SPÖ wollten es riskieren, durch eine Verurteilung Wähler zu verlieren. Österreich war zwar frei aber es waren dieselben Menschen wie vor 1945.

    Frosch, der auf Murer während eines Besuches des jüdischen Museums in Vilnius aufmerksam wurde, durchforstete die fragmentarischen Gerichtsdokumente akribisch um eine möglichst präzise und zugleich nüchterne Rekonstruktion des Prozesses zu erreichen. Mehrere parallele Handlungsstränge außerhalb des Gerichtssaales vermitteln dem Publikum eine Vielzahl an Perspektiven von Tätern, Opfern, Geschworenen und der Presse.

    Täter/Opfer Umkehr

    Die Verteidigung machte aus Opfern Täter und aus Tätern Opfer. Unsicherheiten von ehemaligen Häftlingen in belanglosen Details werden gegen sie verwendet. Murer hat gröbere Gedächtnislücken und spricht von aufständischen Juden. Die Atmosphäre ist von einer antisemitistischen Grundstimmung geprägt. Noch dazu sind alle Zeugen, unter ihnen sowohl Täter als auch Opfer, während der Verhandlung unter einem Dach untergebracht. Ein unvorstellbarer Alptraum für die ehemaligen Häftlinge.

    Vergessen

    „Murer – Anatomie eines Prozesses“ ist eine grandiose Ensembleleistung. Die über 30 Sprechrollen sind exzellent gecastet. Viel Wert legte Frosch auf sprachliche Authentizität. Den lokalen Dialekt scheute er nicht. Die zahlreichen jiddischen Passagen sind untertitelt. Jede auch noch so kleine Rolle trägt einen bedeutenden Teil zum Ganzen bei. Allen voran steht Karl Fischers stoische Darstellung des biederen Murer. Aber auch die Geschworenen seien erwähnt. Bei der Durchmischung der Typen erwies man eine gute Hand.

    Gerade weil der Film versucht sachlich zu bleiben und keinerlei Effekthascherei betreibt, entlässt er ein bedrücktes und nachdenkliches Publikum. Als wäre der Sadismus des Naziverbrechers nicht genug, ist die Stimmung im Nachkriegsösterreich nicht weniger erschütternd. „Murer“ ist ein filmisches Dokument, das gegen das Vergessen ankämpft, gerade dann, wenn keine Zeitzeugen mehr berichten können.

    55 Jahre später hält des der Produzent und Schauspieler Mathias Forberg bei der Premiere in Wien für notwendig, einen Appell wider des Vergessens zu verlesen. Liederbücher, die eine Fortsetzung der Shoah fordern und eine scheinbare Unterwanderung des Staatsschutzes wirken alarmierend. Leugnen, Verdrängen, vergessen: Willkommen in Österreich.

    Christian Frosch | Österreich 2018 | 137 Min. | [usr 4,5 ]

    © Foto: Filmladen

  • THE FLORIDA PROJECT

    THE FLORIDA PROJECT

    Wenn die sechsjährige Moonee (Brooklynn Prince) mit ihren Freunden nahe dem Abwasserkanal spielt und ein paar Meter weiter Helikopter im Minutentakt zu Rundflügen abheben, prallen zwei Welten auf einander. Der Lärm der Rotoren ist nicht zu überhören, doch Regisseur Sean Baker inszeniert das Schauspiel geradezu beiläufig. Das Publikum ist sich der Umstände bewusst, die Kinder nehmen es aber nicht weiter wahr. Der einzige Weg, den sie zurücklegen, ist der zum nächsten Eis Kiosk. Dass sie um Geld betteln müssen, um sich eine Kugel leisten zu können, ist ein Spiel für sie. Moonee und ihre Freunde gehen nicht zur Schule. Sie wissen nicht, dass sie arm sind.

    Mit ihrer Mutter Halley (Bria Vinaite) lebt Moonee im Magic Castle Inn & Suites in Orlando, Florida. Wie viele andere können sie es sich nicht leisten, in einer eigenen Wohnung zu leben und dass obwohl ein Zimmer gut 1.000 $ im Monat kostet. Es ist aber einfacher für sie, das nötige Geld Woche für Woche zusammen zu sammeln. Außerdem drückt der Manager Bobby (Willem Dafoe) schon mal eine Auge zu, wenn es sich nicht rechtzeitig ausgeht.

    Sean Baker nimmt sich neuerlich einer Bevölkerungsgruppe an, der sonst nicht viel Beachtung geschenkt wird, weder auf der Leinwand, noch in der Realität. Es sind Familien, die versuchen ein möglichst alltägliches Leben zu führen. Nur viel zu tun haben sie nicht. Ohne festen Wohnsitz ist es noch schwieriger eine Arbeit zu finden. Ein Job im Fastfood Restaurant, Parfums auf den Parkplätzen der naheliegenden Golfresorts zu verkaufen oder sich zu prostituieren gehören zu den wenigen Einnahmemöglichkeiten. Eine triste Situation. „The Florida Project“ wird aber aus der Perspektive der Kinder erzählt und für sie ist die Welt in Ordnung und die Nachbarschaft ein Abenteuerspielplatz. Eine Weile geht das auch gut.

    Bobby, der Manager des Motels, hetzt von einem Ende zum anderen, um die Gäste zufrieden zu stellen. Er ist die gute Seele der Anlage und ein Schutzengel für die vielen Kinder. Er weiß genau um die Lebensumstände der Menschen hier und schützt sie vor den Augen des Motelbesitzers. Willem Dafoe spielt ihn mit viel Herz. Eine seiner größten Rollen.

    Der ständige Kampf ums Überleben steht im krassen Gegensatz zu den Pastellfarben, in die der Film getaucht ist und der geradezu märchenhaften Fürsorglichkeit der Eltern. Von oben scheint die Sonne erbarmungslos vom immer blauen Himmel. Nichts entgeht ihr. Nicht die Drogensucht, nicht die Prostitution und nicht die Behörde, die an die Tür klopft. Der Staat vernachlässigt die Menschen, fordert aber gleichzeitig ihre Pflichten ein.

    Das vier Freizeitparks umfassende Walt Disney World Resort ist nur wenige Kilometer entfernt. Der Filmtitel bezieht sich auf dessen Arbeitstitel aus den 1960er Jahren. Das Magic Kingdom ist Sehnsuchtsort der Kinder. In ihrer naiven Sichtweise ist es das Paradies auf Erden und das Schloss von Cinderella Rettung in der Not.

    „The Florida Project“ ist ein Hybirdfilm. Laien und reale Gäste des Motels spielen neben Schauspielern. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Das funktioniert erstaunlich gut. Die Unterscheidung fällt da nicht immer leicht. Die Kinder sind allesamt großartig. Bakers Film rettet Menschen vor dem Vergessenwerden, die in der Öffentlichkeit keine Stimme haben, von denen viele nicht einmal wissen, dass sie existieren. Ein beeindruckendes Portrait von Menschen am Rande der Gesellschaft.

    Sean Baker | USA 2017 | 111 Min. | [usr 4]

    © Foto: Thimfilm

  • DIAGONALE 2018

    DIAGONALE 2018

    Von heute bis Sonntag findet in Graz die Diagonale statt. Eröffnet wird die Leistungsschau des österreichischen Films mit der Weltpremiere von Christian Froschs „Murer – Anatomie eines Prozesses“ (Ö-Kinostart am Freitag, mehr demnächst auf dieser Seite). Just in der Stadt, wo 1963 einer der größten Justizskandale der Zweiten Republik seinen Ausgang nahm. Eine Rekonstruktion des Unfassbaren.

    Ebenfalls mit der – jüngeren – Vergangenheitsbewältigung beschäftigt sich der Dokumentarfilm „Waldheims Walzer“ von Ruth Beckermann. Waldheim als Bundespräsident, ein weiteres unrühmliches Kapitel, dass zumindest ein Umdenken in der Gesellschaft ausgelöst hatte, auch wenn die Lehren bescheiden ausgefallen sind.

    Neben den Premieren sind auch die Höhepunkte des Filmschaffens des vergangenen Jahres zu sehen, wie Ruth Kaaserers „Gwendolyn“, Valerie Grisebachs „Western“ oder „★“ von Johann Lurf, einer Montage von Sternenhimmeln aus 553 Filmen.

    Eine eigene Programmschiene ist dem Filmladen anlässlich seines 40-Jährigen Bestehens gewidmet.

    Link: www.diagonale.at

  • GRATIS INS KINO: Die Nacht der Programmkinos

    GRATIS INS KINO: Die Nacht der Programmkinos

    Diesen Freitag findet zum 8. Mal die Nacht der Programmkinos statt. Ein buntes Programm bei freiem Eintritt in ganz Österreich.

    Eine Auswahl der Filme:
    • „Die Sch‘tis in Paris“ 20:00 Votiv Kino, Wien
    • “Loving Vincent“ 20:30 DeFrance, Wien
    • „Only lovers left alive“ 22:45 Filmcasino, Wien
    • „Die Migrantigen“ 21:40 KIZ RoyalKino, Graz
    • „Night of the Living Dead“ – Live Konzert zum Film 21:30 Cinema Paradiso, Sankt Pölten
    • „The other Side of Hope“ 22:00 Movimento, Linz
    • Überraschungsfilm 00:00 Movimento, Linz

    Das komplette Programm findet sich auf den jeweiligen Websiten der Kinos.

    Teilnehmende Kinos:

    Wien

    De France
    Filmcasino
    Gartenbaukino
    Stadtkinoim Künstlerhaus
    Votivkino

    Niederösterreich

    Cinema Paradiso, St. Pölten
    Cinema Paradiso, Baden

    Oberösterreich

    City-Kino, Linz
    Moviemento, Linz
    Programmkino Wels

    Salzburg

    DAS KINO, Salzburg

    Tirol

    Cinematograph, IBK
    Leokino, IBK

    Steiermark

    KIZ RoyalKino, Graz

    Kärnten

    Volkskino, Klagenfurt

    Link:

    programmkino.at