Autor: Michael Holly

  • COPS ★★★½

    COPS ★★★½

     

    COPS ist ein vielschichtiges Drama und gibt einen Einblick in den Alltag einer Polizeisondereinheit. In eine Männerwelt, in der eine strenge Hierarchie vorherrscht und eine hohe psychische Belastung tägliche Routine ist. Ein Leben für den Adrenalinkick und den Kampf gegen den inneren und äußeren Feind. Darüber hinaus überzeugt der Film mit einer starken Ensembleleistung. Allen voran mit Laurence Rupp als angehender WEGA Polizist und Roland Düringer in einer seltenen ernsten Rolle.

    Die WEGA (Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung) ist eine Sondereinheit der Wiener Polizei und wird zu Einsätzen mit erhöhtem Gefahrenpotential hinzugezogen. In dieser Eliteeinheit Dienst zu tun ist der Traum manch junger Männer. So auch der von Christoph Horn (Laurence Rupp), der kurz vor dem Ende seiner Ausbildung steht. Die Aufnahme in diese Truppe verspricht Abenteuer und Adrenalinkicks. Im Idealfall wird man nach einem Einsatz als Held abgefeiert. Zumindest innerhalb dieses Mikrokosmos von harten Männern in ihren gestählten Körpern.

     

    Ein harmlos anmutender Einsatz endet damit, dass Christoph mehrere Schüsse in die Brust eines verhaltensauffälligen Mannes abfeuert. Damit rettet er seinem Vorgesetzten Konstantin Blago (Anton Noori) womöglich das Leben. Ob die gefährliche Situation erst durch die WEGA Polizisten entstanden war, sei zuerst einmal dahingestellt. Die sich am Tatort befindliche Polizistin Marianne Kelck (Maria Hofstätter) ist sich dessen aber sicher.

    Christoph befindet sich in einem Rauschzustand. Nun ist er in den inneren Kreis rund um Blago aufgenommen. Er fühlt sich stark. Hilfe durch den psychologischen Dienst der Polizei lehnt er ab. Die Waffe lädt er aber nur mehr mit zittriger Hand. Post-Shooting-Trauma. Als der angeschossene Mann seinen Verletzungen erliegt, kommt der Zusammenbruch. Zweifel an der Verhältnismäßigkeit kommen auf und wer zweifelt, hat bei der Sondereinheit nichts verloren.

    Auch wenn Regisseur Istvan einen Extremfall schildert, zu einem Schusswaffengebrauch kommt es bei der WEGA äußerst selten, ermöglicht die verfahrene Situation nun die inneren Dynamiken in der streng hierarchisch organisierten Polizei zu durchleuchten. Das passiert mit Bedachtsamkeit. Die Motive der einzelnen Charaktere sind nachvollziehbar. Selbst bei der Polizei gibt es unterschiedliche Überzeugungen, wenn es darum geht, wie man mit potentiellen Gefahren aber auch mit der enormen psychologischen Belastung umgeht.

    Christophs Vater Heinz Horn (Roland Düringer) ist ebenfalls Polizist und versucht bei Fußballspielen zwischen den Fans zu vermitteln. Seine Arbeitsweise steht im strikten Gegensatz zur Law and Order Mentalität der WEGA. Dort wo sein Sohn jetzt steht war er schon vor Jahren und spricht seine psychischen Probleme auch offen an. Laut Istvan befinden sich Christoph und seine Kollegen im „Krieg gegen das Verbrechen“. Grauzonen gibt es nicht. Christophs Hingabe für die Einheit belastet die Beziehung zu seiner Freundin Nicky Winter (Anna Suk), einer Polizistin in Ausbildung, schwer. Für Frauen ist in der Mitte der Elitetruppe ohnehin kein Platz.

    Schon 2012 beschäftigte sich Istvan in seinem Kurzfilm VOID mit unverhältnismäßiger Polizeigewalt in Österreich. Der Film ist bis heute Teil der Polizeiausbildung. In der jahrelangen Vorbereitungszeit zu COPS erhielt er die Unterstützung der Polizei, was eine gründliche Recherche möglich machte und zu einem authentischen Film führte. Mit dem Ergebnis ist man im Innenministerium diesmal weniger glücklich, kratzt der Film doch am Image der Sondereinheit in dem gruppendynamische Prozesse dargestellt werden, die man so lieber nicht in der Öffentlichkeit diskutiert haben möchte. Für Diskussionsstoff sorgte der Film aber bereits bei den ersten Aufführungen.

    Dabei zeigt COPS einen differenzierten Blick auf das geschlossene System Polizei und zollt deren Arbeit durchaus Respekt. Schwäche, Zweifel und Ängste sind hier aber nicht vorgesehen. Gerade zu einer Zeit, in der es zu einer Aufrüstung kommt, in dem das Innenministerium eine angeblich permanente latente Gefahr heraufbeschwört. Die Polizei wird mit militärischen Waffen ausgerüstet und die Zivilbevölkerung soll durch Inserate in Alarmbereitschaft versetzt werden.

    COPS versteht sich als politisches Kino und darum war es Istvan auch wichtig, nichts neu zu erfinden, sondern ein möglichst breites Publikum anzusprechen. Bereits in der ersten Szene taucht man ein in die Welt von Christoph und seinen Kumpels. Es ist ein düsterer Film geworden, der in seinem Herzschlagfinale am Ende aber aus einer positiven Kraft Hoffnung schöpft.

     

    *** Update 26.9.2018 ***

    Manchmal geht es schnell. VOID wurde vom BMI aus dem Ausbildungsprogramm gekickt. Kein Wunder, die FPÖ stößt sich schon lange daran.

     

    Istvan aka. Stefan A. Lukacs | Ö 2018 | 92 Min | [usr 3,5]

  • THE RIDER ★★★★

    THE RIDER ★★★★

    Kann man sich einem Menschen, der einer völlig fremden Welt entstammt, verbunden fühlen? Noch dazu jemanden aus Trumps Kernland, das man aus weiter Ferne bestenfalls belächelt und der Lebenstraum darin besteht, möglichst lange im Sattel zu sitzen? Chloé Zhao zeichnet in ihrem neuen Film, fernab von politischen Realitäten und Ideologien ein Porträt eines Mannes, der seine Berufung gefunden hat, ihr aber plötzlich nicht mehr nachgehen kann.

    Brady Blackburn (Brady Jandreau) lebt im Pine Ridge Reservat im Südwesten des US-Bundesstaats South Dakota. Er ist bekannt für seinen einfühlsamen Umgang mit Pferden. Auf deren Rücken ist er ein Held. Gleich zu Beginn verändert ein schwerer Sturz bei einem Rodeo-Ritt sein ganzes Leben. Er erleidet eine Hirnfraktur und muss fortan mit einer Metallplatte im Kopf leben. Er darf nicht mehr reiten.

    Damit kann sich Brady nicht abfinden. Die Narbe ist noch frisch und er steigt wieder auf ein Pferd. Die Tiere sind sein Lebensinhalt und nur auf deren Rücken kann er er selbst sein. Der Gedanke an das nächste Rodeo ist nicht fern, jedoch erlaubt es sein gesundheitlicher Zustand nicht.

    Die finanzielle Situation ist angespannt. Die Mutter tot, der Vater (Tim Jandreau) ein Spieler, die Schwester (Lilly Jandreau) geistig beeinträchtigt. Das Pine Ridge Reservat gehört zu den ärmsten Gegenden der USA. Hier lebt ein Großteil der Familien unterhalb der Armutsgrenze, viele haben weder Strom noch Telefon. Die Lebenserwartung liegt um die 50 Jahre. Brady nimmt einen Job im Supermarkt an.

     

    Im gleißenden Neonlicht stellt sich für ihn die Frage, ob das alles noch einen Sinn macht. Es spielt in diesem Moment keine Rolle, ob er ein Reiter ist oder nicht. Brady ist jemand, der seine Bestimmung gefunden hatte, etwas das nicht vielen vergönnt ist. Nicht mehr zu reiten bedeutet für ihn gleichzeitig seine Identität aufzugeben und seine Männlichkeit zu verlieren. Von dieser inneren Verzweiflung handelt The Rider. Als er sich dann doch auf zum nächsten Rodeo macht, schlägt der Film eine Richtung ein, die, wie Werner Herzog bemerkt, so ganz der amerikanischen Filmkultur und dem American Dream widerspricht.

     

    Die Geschichte ist wahr. Brady Jandreau spielt sich selbst. Noch vor dem Unfall hatten sich er und Regisseurin Zhao kennengelernt. Auch der Rest der Familie konnte für den Film gewonnen werden. Die Folge sind halbdokumentarische Charakterstudien. Das Publikum ist Bradys Verzweiflung und Traurigkeit so nahe wie nur irgendwie möglich. Die Authentizität ist erstaunlich. Dabei ist der Mythos des Westerns allgegenwärtig. Die schier unendlichen Weiten der Landschaft eröffnen sich in wunderschönen Panoramen. Wenn die Kamera dann groß auf Bradys Gesicht verweilt, wird klar, dass er trotz all der Tragik immer ein Teil dieser Welt sein wird.

    Zhoa hat einen nur auf den ersten Blick apolitischen Film gemacht. Ihre Herangehensweise eröffnet uns einen humanistischen Blick auf eine Gesellschaft, die uns sonst nur als stockkonservativ und hinterwäldlerisch bekannt ist.

    Chloé Zhao | USA 2017 | 102 Min | [usr 4]

    © Foto: Joshua James Richards

  • THE CLEANERS ★★★★

    THE CLEANERS ★★★★

    IGNORE – DELETE – IGNORE – DELETE

    Sie sehen das, was wir nicht sehen. Sie sitzen tausende Kilometer weg von uns aber nur einen Mausklick von unseren Laptops und Smartphones entfernt. Die Content Moderatoren der Silicon-Valley-Konzerne.

    Schon mal gewundert, warum auf Facebook, Twitter, Youtube & Co ein Beitrag gelöscht wurde? Content Moderatoren in Manila sichten im Auftrag der Internetkonzerne gut 25.000 Bilder – pro Tag und Mitarbeiter. Menschen also, die in einem autokratischen System leben und völlig andere Moralvorstellungen haben. Sie handeln nach strikten Vorgaben und sind einer enormen psychischen Belastung ausgesetzt. Qualitätskontrolle gibt es praktisch keine, bzw. dient sie allein dazu Mitarbeiter unter Druck zu setzen.

    Über Zensur, das Spiel mit der Wahrheit, den Umgang mit Fakten und die tragischen Konsequenzen. Die Content Moderatoren sehen sich als Hüter der Welt, sind aber Teil eines Systems, das längst außer Kontrolle geraten ist.

    Diese Dokumentation lief gerade noch im Kino und ist jetzt bis 3. September 2018 bei Arte verfügbar.

    Link: Im Schatten der Netzwelt – The Cleaners

    Hans Block, Moritz Riesewieck | D/BRA/NL/I/USA 2018 | 88 Min. | [usr 4]

  • BLACKkKLANSMAN ★★★★

    BLACKkKLANSMAN ★★★★

    In Spike Lees Politsatire bleibt einem schon einmal das Lachen im Halse stecken. Basierend auf den Memoiren „Black Klansman“ von Ron Stallworth erzählt er die unglaubliche aber wahre Gesichte einer absurden Undercoveraktion, einer Infiltration des Ku Klux Klan durch einen schwarzen und einen jüdischen Polizisten. Lee macht kein Geheimnis daraus, was er von Präsident Trump hält. Ganz ungeniert zieht er Parallelen zwischen der aktuellen US-Regierung und dem Ku Klux Klan.

    Ron Stallworth (John David Washington) heuert in den 1970er bei der Polizei von Colorado Springs an und wird deren erster schwarzer Detektive. Zuerst ins Archiv verbannt, wo er laufend rassistischen Anfeindungen seiner Kollegen ausgesetzt ist, wird er auf seinen Wunsch hin bald zu den verdeckten Ermittlern versetzt. Dort soll er sich sogleich in die schwarze Studentenbewegung einschleusen und an einer Kundgebung des ehemaligen Black Panther Aktivisten Kwame Ture (Corey Hawkins) teilnehmen. Dort weckt die Präsidentin der Bewegung Patrice Dumas (Laura Harrier) sein Interesse. Die scheinbare Gewaltbereitschaft der StudentInnen lässt bei der Polizei die Alarmglocken schrillen. Stallworth versucht zu kalmieren. Dass es sich hierbei um linke AktivistInnen handelt, verbessert die Lage nicht.

    „What would you do if someone called you a nigger?“

    „That would happen?“

    Stallworth beim Bewerbungsgespräch.

    Stallworth ruft eines Tages auf eine Annonce hin prompt beim Ku Klux Klan an und gibt sich am Telefon zum Erstaunen seiner Kollegen als handfester Rassist aus. Das Interesse des KIans ist schnell geweckt. Aus offensichtlichen Gründen kann Stallworth jedoch nicht selbst an den Treffen teilnehmen und schickt seinen jüdischen Kollegen Flip Zimmerman (Adam Driver) vor. Schon ist eine schräge Undercoveroperation im Gange. An deren Ende hält Stallworth voll Stolz einen Mitgliedsausweis des Klans in seinen Händen.

    Stallworth gelingt es sogar mit dem Großmeister David Duke (Toper Grace) persönlich Kontakt aufzunehmen. Als Antisemit, Holocaustleugner und Nazi genießt Duke in den Staaten bis heute einen zweifelhaften Ruf. An einer Stelle lässt Lee ihn den Trinkspruch „America First“ ausgeben. Der Ausspruch wurde tatsächlich bereits 1920 vom KKK verwendet. Erfunden wurde er dort aber nicht. Vielmehr wurde er zu unterschiedlichen Zeiten von allen Lagern gebraucht.

    Höhepunkt von BlacKkKlansman ist eine Parallelmontage einer Messe des Klans und einer Gedenkveranstaltung der Studentenbewegung. Während der KKK grölend einer Vorstellung des rassistischen Porpagandafilms Birth of a Nation (D. W. Griffith, 1915) beiwohnt, erzählt Zeitzeuge Jerome Turner, gespielt vom großartigen Harry Belafonte, detailiert vom grausamen Lynchmord an Jesse Washington im Jahr 1916. Gerade jenen Mann diese Worte sprechen zu lassen, einer Ikone der Bürgerrechtsbewegung, ist eine große und eindringliche Geste von Lee.

    Auf der Ebene des Kriminalfilms entwickelt sich im Laufe der Handlung ein Wettlauf gegen die Zeit. Die zwei Polizisten drohen aufzufliegen. Vor allem der misstrauische Felix (Jasper Pääkkönen) stellt eine latente Gefahr da. Das ermöglicht Lee die Spannung über zwei Stunden zu halten und so eine Fülle an Botschaften einzuarbeiten, wie auch einen Pre-Credits Kurzfilm, Anspielungen auf Blaxploitation, Filmausschnitte und Plakate.

    Die Parallelen zu heutigen Rechtsextremen überall auf der Welt sind offensichtlich. Absurd anmutendes Gedankengut tumber Männer gepaart mit einem konservativen Weltbild. Die Religionszugehörigkeit wird hochgehalten, ist aber nicht mehr als ein Versatzstück um sich von allen anderen abgrenzen zu können. Der Vorwurf mangelnder Differenzierung trifft im Kontext von KKK und Lee kaum zu. Es geht nicht darum, Verständnis zu erzeugen. Der KKK ist eine gewaltbereite kriminelle Organisation. Frauen gehören hier hinter den Herd. Einzig dann, wenn es darum geht, eine Bombe zu platzieren, ist Felix‘ Ehefrau Conny (Ashlie Atkinson) gefordert, die Abends im Bett mit ihrem Mann in rassistischen Gewaltfantasien schwelgt. Innerhalb der Bürgerrechtsbewegung wiederum kämpfen Frauen auf allen Ebenen an erster Front.

    Lee liebt seine Darsteller. Die Kamera umgart Washington, der in seiner Rolle überzeugt. Noch ambivalenter ist Drivers Charakter, der trotz weißer Hautfarbe nicht in das Bild der weißen Herrenmenschen passt und sich auf spiritueller Ebene selbst verleugnen muss um in der „Organisation“, wie sie sich selbst nennt, aufgenommen zu werden.

    Das erst im Schnitt von Spike Lee angefügte Ende entlässt das Publikum eben nicht mit der Auffassung, es handle sich hierbei um einen historischen Film, sondern holt es ins hier und jetzt zurück. Der Schock sitzt tief. Jene, an die Lee seine Botschaft adressiert, wird er wohl kaum ins Kino locken. Diskursive Auseinandersetzungen finden aber ohnehin ausserhalb des Kinosaales statt.

    Spike Lee erhielt bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes den Preis der Jury. Premiere in den USA war am ersten Jahrestag der rassistisch motivierten Unruhen in Charlottesville.

    Spike Lee | USA 2018 | 135 Min | [usr 4]

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  • THE MEG ★★

    THE MEG ★★

    Den Tiefpunkt seiner Hunderte Millionen Jahren andauernden Evolutionsgeschichte erreichte der Hai im Jahr 2013, als er in Form eines Hai-Tornados, sprich Sharknado, auf der Theke eines Pizzakoches landete und es Haie über ganz New York regnete. Einen unrühmlichen Höhepunkt erlebte er keine 40 Jahre davor in Steven Spielbergs Der Weiße Hai (Jaws, 1975). Ein Filmklassiker, dem unzählige überwiegend trashige Imitationen folgten. Der Hai wurde zum Schrecken der Weltmeere. Gleichzeitig ist seine Schwanzflosse in manchen Ländern eine Delikatesse. Sie wird ihm brutal abgeschnitten und der Rumpf zurück ins Meer geworfen. Obwohl der Hai kaum natürliche Feinde hat, wurde ihm das Leben in den letzten Jahrzehnten nicht leicht gemacht und auch diese Woche wird es nicht besser.

    Die Ausgangslage in Jon Turteltaubs The Meg ist vielversprechend. In einer internationalen Unterwasserforschungsstation glaubt man kurz vor einer sensationellen Entdeckung zu stehen. An einer Stelle im Marianengraben, wo man bisher den tiefsten Punkt des Meeresgrunds vermutete, geht das Team von Wissenschaftlern rund um Dr. Zhang (Winston Chao) und seiner Tochter Suyin (Li Bingbing) davon aus, dass es sich nur um eine Art Schutzschicht aus Gasen handelt und darunter eine völlig unbekannte Welt verborgen liegt. Sie liegt, der Traum eines jeden Tiefsehforschers. Allerdings ist der Mensch gleichzeitig in das Habitat einer Spezies eingedrungen, die seit gut einer Million Jahren als ausgestorben galt: der Megalodon, die wahrscheinlich größte Haiart, die je die Erde bevölkerte. Mit einer vermuteten Körperlänge von an die 20 Meter mutet der große Weiße im Vergleich wie ein Baby an. Es geht schief, was schief gehen kann. Das Forschungs-U-Boot wird attackiert und der ehemalige Taucher Jonas Taylor (Jason Statham) muss herbei um die festsitzenden Wissenschaftler zu retten. Der Einzige, der je eine Rettungsaktion in 10.000 Meter Tiefe überlebt hat.

    Soviel zur Handlung, die so voll von Stereotypen ist, dass man nie sicher sein kann, ob es sich um eine Persiflage handelt oder das alles ernst gemeint ist. Zumindest im Falle von DJ (Page Kennedy), Afroamerikaner und Nichtschwimmer, ist Zweiteres zu befürchten. Als zwei TV-Helikopter beim Rennen um das beste Bild frontal zusammenstoßen, kann man am ehesten noch von einem kritischen Moment sprechen. Nicht dass man dies von so einem Film erwarten würde. Die eindimensionalen Charaktere sind dem Bestsellern Meg von Steven Alten entsprungen. Also bei einem etwaigen Erfolg (die ansprechende Plakatkampagne wird ihren Teil dazu beitragen) ist mit Fortsetzungen zu rechnen, wo es einzig darum geht, wer überlebt und wann und auf welche Weise es die auserwählten Opfer erwischt.

    „This is the worst thing, I’ve ever seen.“ Wenn ein Film so beginnt, kann man ihm zumindest einmal keinen Mangel an Selbstironie vorwerfen. Am spannendsten war es immer, wenn sich die vermeintlichen Opfer und mit ihnen das Publikum im selben Element befanden. Das passiert hier gerade nach fast 90 Minuten. Nichts stellt diese Ausweglosigkeit besser dar, als wenn die Gefahr aus allen Richtungen kommen kann und man orientierungslos im Wasser schwimmt. Dabei hat der Hai bereits nach 40 Minuten seinen ersten Auftritt. Spielberg legte in Der Weiße Hai Wert darauf, dass dieser in der ersten Stunde nicht zu sehen ist und steigert die Erwartungshaltung so ins unermessliche. Dieser Spannungsaufbau fehlt hier völlig. Auch weil einem die Charaktere völlig egal sind.

    Aber zurück zum Star des Filmes und somit zum Kernpoblem. Dass es sich beim Meg um eine Bestie handelt, liegt im Wesen des ganzen Genres. Anders als der Weiße Hai ist dies auch eine prähistorische Art. Mit einem Schlag jedoch sämtliche vorkommenden Haiarten als aasfressende Ungeheuer darzustellen ist gelinde gesagt ein Skandal. Gerade im Kontext einer Forschungsstation hätte man diese Tiere als das darstellen können was sie sind, nämlich hochintelligent, mit über Jahrmillionen perfektionierten Körpern und Verhaltensweisen und für Menschen relativ ungefährlich. Somit befördert der Film neuerlich, dass Haie gejagt werden. Eine verpasste Chance, dem Hai ein besseres Image zu verpassen.

    Der wahre Horror spielt sich gegen Ende am Strand von Sanya auf der Hainan-Insel ab. Tausende Menschen im Meer, dicht gedrängt mit ihren bunten Schwimmreifen. Das Wasser ist kaum zu sehen. Ein paar schöne Happen für den Meg. Das Auge isst bekanntlich mit. Regisseur Turteltaub ist mit dem fertigen Film nicht ganz zufrieden. Man kann es sich aufgrund der FSK Freigabe ab 12 Jahren denken: die blutigsten Momente wurden herausgeschnitten. Die hohen Produkionskosten machten dies notwendig. Mit der unzensurierten Version kann man mit Erscheinen der DVD/Bluray rechnen. Unter bestimmten Einflüssen kann The Meg schon Spaß machen, aber nicht mehr also dutzende derartige Filme davor auch. The Shallows (2016) mit Blake Lively war zuletzt ein gelungenerer Versuch, den Kampf Mensch gegen Natur keine 200 Meter vom Strand spannend umzusetzen. „You’re going to need a bigger boat.“ hieß es in Der Weiße Hai. Richtig geraten, das Boot ist in The Meg immer noch zu klein. Der Mensch hat vor und hinter der Kamera nichts dazugelernt.

    Jon Turteltaub | USA 2018 | 115 Min | [usr 2]

  • MISSION: IMPOSSIBLE – FALLOUT ★★★★

    MISSION: IMPOSSIBLE – FALLOUT ★★★★

    Schneller. Höher. Spektakulärer. Der Actionfilm muss seit jeher den Anforderungen gerecht werden, alles bisher Gesehene in den Schatten zu stellen. Nun ist ein halbes Jahrhundert vergangen, seitdem die ersten Kriminalfilme über die Leinwände flimmerten und James Bond sich aufmachte, die Welt zu retten. Lichtblicke gab es immer wieder und zwar immer dann, wenn neben neuen Ideen und atemberaubenden Stunts die Story rund um eine charismatische Heldenfigur nicht zu kurz kam. Trotzdem war der Trend zu beobachten, dass, auch dank der technischen Entwicklungen, die Sequenzen immer unglaubwürdiger wurden und die Filme zunehmend langweiliger. Das Budget, das für die Materialschlachten aufgewendet wurde, war zum Marketinginstrument geworden und musste oft schon alleine reichen um Publikum anzulocken. Wenn es um Superlative in Kombination mit Qualität geht, ist die 1996 gestartete Mission: Impossible-Reihe im Laufe der Jahre zum Maß aller Dinge geworden und der nunmehr 6. Teil zeigt mehr den je warum das so ist.

    Ethan Hunt hat einen Fehler gemacht. Oder doch eher Tom Cruise, denn in einer unvergleichlichen Art und Weise sind Hauptdarsteller und Filmfigur hier miteinander verschmolzen. Ohne Cruise gäbe es die Reihe in dieser Form nicht. Wir haben es hier erstmals mit einer direkten Fortsetzung des Vorgängers (Rogue Nation, 2015) zu tun und an dessen Ende lässt Hunt seinen Gegenspieler Solomon Lane (Sean Harris) am Leben. Dieser kehrt nun zurück und möchte mit seinem Netzwerk an Terroristen, genannt die Apostel, durch einen Atomkrieg der jetzigen Weltordnung ein jähes Ende setzen. Leid schafft Frieden, ist deren Motto. Getrieben wird Lane aber von etwas anderem. Doch von was wird hier nicht verraten.

    Unterstützung erhält Hunt wie gewohnt von seinen von Film zu Film leicht variierenden Sidekicks. Diesmal sind Luther (Ving Rhames), Benji (Simon Pegg) und die ehemalige MI6 Agentin Ilsa (Rebecca Ferguson) mit dabei. Benji hat in seinem dritten Auftritt die Wandlung vom Clown im Innendienst zum Agenten abgeschlossen. Die albernen Sprüche sind weniger geworden. Das schlägt sich auf die gesamte Tonart des Filmes nieder, trotzdem ist der typische Witz erhalten geblieben. Ilsa verfolgt teilweise eine eigene Agenda und bei ihr weiß man nie so recht, was als nächstes kommt. Alec Baldwin gibt als IMF (Impossible Mission Force) Chef Alan Hunley Rückendeckung, zumindest solange er kann.

    Es gibt auch ein paar Neuzugänge. Von der CIA Direktorin Erika Sloane (kurzer aber starker Auftritt von Angela Bassett) bekommt Hunt einen Aufpasser: August Walker (Henry Cavill) entpuppt sich als Mann fürs Grobe und verleiht der Handlung einen neuen Twist. Vanessa Kirby ist die weiße Witwe. Mittelsfrau, Waffenhänderlin und Hunts Pendant. Eine Versuchung. Als sie sich an der Seine gegenüberstehen, fragt man sich unweigerlich, ob der ganze Film nur Cruise‘ Aufforderung zum gemeinsamen Abendessen mit offenem Ausgang ist („Schau, ich hab ganz Paris für dich absperren lassen.“).

    Die Besetzung ist eine Stärke von Mission: Impossible. Bekanntheit erlangte die Serie aber durch ihre spektakulären Stunts. Stand bisher ein Highlight pro Film auf dem Programm, gibt es in Fallout gleich eine ganze Reihe. Etwa einen „High Altitude Low Opening“ (kurz: HALO) Sprung aus 8000 Meter Höhe. Dafür wurde eigens ein Helm entworfen, damit man die Gesichter der Schauspieler erkennen kann. Weil eines ist längst bekannt: Tom Cruise macht das alles tatsächlich selber. Über 100 Sprünge sind notwendig, bis man in der Lage ist einen HALO Sprung mit einer bestimmten Choreografie auszuführen. Für eine Verfolgungsjagd durch Paris wurden große Teile der Stadt gesprerrt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Es scheint, als hätte Tom Cruise eine To-do-Liste, die er abarbeitet. Dafür durfte er nach den Dreharbeiten mit einem Pilotenschein nach Hause gehen. Hubschrauberstunts inklusive Spiralflug – Check. Knöchelbruch? Ein paar Wochen später rennt er schon wieder über die Dächer Londons. Unter Schmerzen.

    Auch wenn sich Fallout nicht mit großen Reden aufhält, verkommt er nicht zu einer Aneinanderreihung von Actionsequenzen. Dafür sorgt das Drehbuch von Regisseur Christopher McQuarrie, das er während des Drehs immer wieder geändert hatte. Der Spruch „Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt“ wird in M:I 6 groß geschrieben. Hunt vermeidet jeglichen Kollateralschaden und verliert dadurch immer wieder die Kontrolle über seine Missionen. In den Chefetagen ist man der Meinung, dass einzelne Opfer zum Wohl der Allgemeinheit in Kauf genommen werden müssen. In einer schönen Szene kommt das gut zum Ausdruck. Am Rande der Verfolgungsjagd durch Paris versucht Hunt eine unbeteiligte Polizistin, die ins Kreuzfeuer gerät, zu schützen und riskiert dabei selbst in eine auswegslose Situation zu geraten. Diese Eigenschaft machen sich die Anarcho-Terroristen zum Vorteil und versuchen Hunt dort zu treffen wo es am meisten Weh tut. Dabei spielt Hunts Frau Julia (Michelle Monaghan) eine Rolle. Am Ende von Phantom Protokoll (2011) erfuhr das Publikum, dass sie noch am Leben ist. Dafür war es notwenig, erstmals auch mehr über den Charakter von Hunt selbst zu erfahren.

    Das Spiel mit den Masken war seit Anbeginn ein markanter Bestandteil von Mission: Impossible. Diesmal gerät deren Einsatz allerdings allzu vorhersehbar. Hier kann das Publikum dem Drehbuch hin und wieder einen Schritt voraus sein. Bei all der Fülle an Action kommt man unweigerlich in die Überlänge, da hätte man sich die ein oder andere Idee aufsparen können. Aber vielleicht hat Tom Cruise schon die Torschlusspanik. Mit dem nächsten Teil nähert er sich unfassbarerweise schon seinem 60er. Erstmal läuft ein Film der Reihe in 3D. Darauf kann man getrost verzichten. Vermutlich eine Auflage des Studios. Man hat jedenfalls in der Produktion keinen Gedanken daran verschwendet.

    Alle, die sich auf diesen Film gefreut haben, werden nicht enttäuscht sein. Es ist der ausgereifteste Film der Serie, schafft die Balance zwischen Action und Handlung, bringt diese weiter und eröffnet neue Möglichkeiten für Fortsetzungen. Wo Antman gerade bloss Unterhaltung war, regt Fallout durchaus zum Nachdenken über das ganze Genre an. Wohin auch immer die Reise geht, man wird sich an Ethan Hunt orientieren müssen.

    Christopher McQuarrie | USA 2018 | 148 Min | [usr 4 ]

  • WEINER ★★★★

    WEINER ★★★★

    DER NETFLIX-TIPP

    Anthony Weiner ist ein charismatischer und eloquenter Politiker, der sieben Amtszeiten im Kongress von New York saß und durch seine emotionalen Reden landesweit Aufmerksamkeit erregte. So wie zum Beispiel mit seiner Rede anlässlich eines Gesetzesentwurfes für gesundheitliche Hilfe für Ersthelfer von 9/11. Ein wenig fühlt man sich an Matthias Strolz erinnert, wenn er die anderen Abgeordneten durch seine pointierte Rede auf die Palme bringt.

    Mit dieser Rede beginnt auch diese Dokumentation, die genauso eine klassische Komödie mit einem tragischen Helden sein könnte, wenn nicht alles wahr wäre, was wir hier zu sehen bekommen. 2011 ist seine Karriere vorerst beendet. Auf seinem Twitter Account taucht ein vermeintliches Foto seiner Nudel auf. In Unterhosen zwar aber das reicht in den USA für einen handfesten Skandal. Da nützt es nichts, dass er behauptet, sein Account wurde gehackt. Weniger später muss er ohnehin zugeben, dass das Foto von ihm stammt.

    Huma Abedin ist Weiners Ehefrau und steht entsetzt neben ihm. Die Kamera ist nämlich immer dabei und man fragt sich, wie ist das möglich? Warum gibt es diese Dokumentation überhaupt? Warum läßt Weiner dies zu? Sie wird den ganzen Film über zu ihm stehen. Obwohl sie noch einiges mehr ertragen muss und obwohl sie die engste Mitarbeiterin von Hillary Clinton ist und auch ihre Karriere auf dem Spiel steht. Einmal bittet Weiner dann doch den Kameramann den Raum zu verlassen um sich mit seiner Frau auszusprechen. Man ist fast froh darüber, wenn man ihren Blick sieht. Huma, wie sie liebevoll von der Öffentlichkeit genannt wird, ist eine toughe Frau, die über Jahre nicht von seiner Seite weicht. Sie wird ihn erst 2016 verlassen, lange nachdem die Handlung der Dokumentation endet.

    Zwei Jahre später, im Jahr 2013, kandidiert Weiner für das Amt des Bürgermeisters von New York. Er geht mit einem soliden Vorsprung von über 35% ins Rennen. Er stellt sein Wahlkampfteam zusammen, sammelt erfolgreich Spendengelder. Alles verziehen, die Menschen jubeln ihm zu. Bekanntlich wurde er nicht Bürgermeister. Weiner erreichte bloß 4,94%. Warum? Die Dokumentation schildet es detailreich. Manchmal möchte man dabei verlegen im Sofa versinken.

    Weiner handelt zum einen von der Doppelmoral der Amerikaner. Jeder Fehltritt wird dankend angenommen und in den Medien tagelang ausgekostet. Inhalte spielen überhaupt keine Rolle mehr. Da die Kamera über einen längeren Zeitraum immer mit dabei war, erhält man einen spannenden Blick hinter die Kulissen einer Wahlkampfmaschinerie. Taktische Überlegungen stehen hier an der Tagesordnung. Und Weiner selbst? Was treibt ihn an? Ist er rein geltungssüchtig? Warum kann er nie einen Schritt zurücktreten? Er weiß nicht wann es genug ist und hält, als ihm das Wasser bist zum Hals steht, auch noch sein Kind in die Kameras.

    Zum Vorteil des Publikums, das bestens unterhalten wird.  2016 lief Weiner bei der Viennale und seit einiger Zeit ist er bei Netflix verfügbar.

    Josh Kriegman, Elyse Steinberg | USA 2015 | 96 Min. | [usr 4]

  • ANT-MAN AND THE WASP ★★★½

    ANT-MAN AND THE WASP ★★★½

    Scott „Ant-Man“ Lang (Paul Rudd) war unartig. Nachdem er am Leipziger Flughafen mit den Avengers das obligatorische Chaos hinterlassen hatte, steht er in San Fransisco unter Hausarrest. Auslieferungsabkommen. Zumindest das funktioniert noch zwischen EU und USA. Dr. Hank Pym (Michael Douglas), Erfinder des Ameisenkostüms, mag die Avengers überhaupt nicht und ist deswegen eingeschnappt und von seinem Alterego bitter enttäuscht. In der Zwischenzeit hat er daher seiner Tochter Hope (Evangeline Lilly) einen Wespenanzug verpasst, um gemeinsam seine seit 30 Jahren in der Quantenwelt verschollene Ehefrau Janet (Michelle Pfeiffer) zu retten.

    Soweit die Ausgangslage. Es ist ein Verdienst des Marvel Cinematic Universe (MCU), dass dies auch ohne die vorherrschenden Spannungen näher zu erklären funktioniert. Dort und da werden Hinweise bis hin zur Mid- und Post-Credit-Szene gesteut, die die Handlung zeitlich verorten. Das freut die Marvel Fan Gemeinde, ist für den Rest des Publikums aber nicht von größerer Bedeutung. Ant-Man and the Wasp ist in der Reihe wie sein Vorgänger mehr Mitläufer als Handlungsträger.

    Wie schon in Captain America: Civil War (2016) zu sehen war, ermöglicht Dr. Pyms Technologie nicht nur eine Verkleinerung von Materie, sondern auch genau das Gegenteil. Seine Arbeit erregt vielenorts Aufmerksamkeit und droht in die falschen Hände zu geraten. Waffenhändler und ein neuer – weiblicher – Bösewicht nehmen die Verfolgung auf, um sich Dr. Pyms Labor, das er geschrumpft in Handkoffergröße mit sich führt, zu schnappen.

    Verfolgungsjagden und das Spiel mit den Dimensionen sind dann auch die bestimmenden Elemente des neuen Marvel Abenteuers. Das Schrumpfen und Wachsen von Häusern, Autos und den Charakteren eröffnet eine Fülle an visuellen Möglichkeiten, die trotz Wiederholungen gut unterhalten und sich nicht erschöpfen. Die Fahrt durch die Lombard Street erinnert einmal mehr an die von Peter Bogdanovic inszenierte Verfolgungsjagd aus What’s up, Doc? (1972). Eines der vielen Vorbilder von Regisseur Peyton Reed. Unterstützt werden die Helden wie schon im ersten Teil von Michael Peña als Scotts Arbeitskollege Luis.

    Über die neue Antagonistin Ghost (Hannah John-Kamen) erfährt man nicht viel. Nach einem Unfall ist ihr materieller Zustand etwas durcheinandergeraten und sie steht sozusagen etwas neben sich und sieht in Pyms Erfindung ihre Erlösung. Zumindest in diesem Film ist sie daher weniger Bösewicht und daran das Universum an sich zu reißen, sondern mehr getrieben von ihren eigenen Bedürfnissen.

    The Wasp tauchte nicht nur im Jahr 1963 als erste weibliche Heldin in einem Avengers Comic auf, sondern ist auch die erste Protagonistin, die in einem Marvel Filmtitel geführt wird. Ant-Man steht ihr zwar zur Seite, muss sich aber nebenbei noch um seine Tochter kümmern. Ein Gutteil der Arbeit bleibt also für The Wasp. Gegen Ende ist sie die Retterin und spendet den Kuss, der die Romanze zwischen den beiden in Gang bringt.

    Ant-Man and the Wasp erzählt eine simple Geschichte in kurzweiligen zwei Stunden, nimmt sich weniger ernst als dies die restlichen Avengers tun und setzt auf Humor und familienfreundliche Unterhaltung. Scott und Hope sind darüber hinaus die einzigen Helden ohne Superkräfte. Normale Menschen, nicht einmal Milliardäre wie Bruce Wayne. Dass trotz Thematisierung von subatomarem Raum und Quantenverschränkung jegliche wissenschaftliche Basis fehlt, darf nicht weiter stören. Auf die weitere Genese des MCU werden die Quanten so oder so entscheidenden Einfluss nehmen. Ab diesem Zeitpunkt wird alles in Frage gestellt. Auch der Hinweis ganz zum Schluss, dass Ant-Man und The Wasp auf die Leinwand zurückkehren, bleibt nicht ohne Fragezeichen.

    Peyton Reed | USA 2018 | 118 Min | [usr 3]

    Foto: ©Marvel Studios 2018

     

  • CATCH ME! (TAG) ★★

    CATCH ME! (TAG) ★★

    Fünf Freunde in ihren Vierzigern befinden sich jedes Jahr im Mai in Alarmbereitschaft. Seit Grundschulzeiten spielen sie einmal im Jahr das Fang-Spiel Tag. Hogan (Ed Helms), Bob (Jon Hamm), Randy (Jake Johnson), Kevin (Hannibal Buress) und Jerry (Jeremy Renner) leben verstreut in den USA und wenden einige Energie auf, die jeweils anderen Abzuklatschen und am Ende nicht übrig zu bleiben. Jerry wurde in all den Jahren nie erwischt. Als an einem letzten Tag im Mai seine Hochzeit bevor steht, wittern die anderen ihre große Chance.

     

    Tag ist ein Fang-Spiel, bei dem ein Fänger (engl. „it“) einen anderen Mitspieler berühren muss und dieser dann folglich der neue Fänger ist oder sich ein Team aus Fängern bildet. Spannend wird es dann, wenn das Spielfeld so erweitert wird, daß folglich niemand weiß wer gerade der Fänger ist. Das Spiel kann beliebig durch Regeln erweitert werden. Tag wird weltweit gespielt. In den USA kam es sogar zu Verboten, da es an Schulen im Laufe des Spiels immer wieder zu schweren Verletzungen kam oder aber auch weil es im Spielverlauf zu Mobbing kommen kann.

    Dem Film liegt eine wahre Geschichte zu Grunde. Russell Adams vom Wall Street Journal (→ Link) war durch Zufall während eines Interviewtermins mit einem der Mitspieler auf diese Geschichte gestoßen, als dieser plötzlich vor ihm gefangen wurde. Im Film übernimmt Annabelle Wallis die  Rolle der Journalistin, die fortan den anderen durch die Handlung nachhetzt. Mehr hat sie dann auch nicht zu tun. Das ist nicht einmal eine Nebenhandlung und völlig unnötig.

    Leider nicht die einzige Schwachstelle des Films. Zu Beginn weiß die Komödie noch zu unterhalten. Wie die einzelnen Mitspieler zusammenfinden ist durchaus komisch. Spätestens wenn es daran geht, Jerry zu erwischen und der wahre Grund für die diesjährige Jagd ans Licht kommt, ist die Luft draußen. Der grundsätzlich spannenden Idee eine Rahmenhandlung zu verpassen ist weniger geglückt.

    Wie gefährlich das Spiel tatsächlich sein kann, davon kann Jeremy Renner berichten. Er brach sich zu Beginn der Dreharbeiten beide Arme. Daraufhin bekam er zwei grüne Gipsarme verpasst, damit in der Nachbearbeitung mittels digitalem Effekt heile Arme hinzufügt werden konnten.

    Catch Me! hat seine komischen Momente und Lacher sind garantiert. Der Unterhaltungswert bleibt aber im Laufe der sehr konstruierten Handlung immer mehr auf der Strecke. Am Ende bleibt ein unbefriedigendes Gefühl. Der Stoff ist wohl in den falschen Händen gelandet. Vor dem Nachspann sieht man Sequenzen von Videos der realen Spieler. Von ihnen möchte man mehr erfahren. Eine Doku wäre zumindest nicht weniger unterhaltsam gewesen.

    Jeff Tomsic | USA 2018 | 100 Min | [usr 2]

    Foto © Warner Bros. Pictures GmbH

  • TULLY ★★★½

    TULLY ★★★½

    Ist man mit seinem Baby nach 18 Uhr in der U-Bahn unterwegs, zieht man vorwurfsvolle Blicke auf sich. Gehören Babys nicht schon ins Bett? Schreit es laut, werden Köpfe geschüttelt. Das arme Kind! Gleichzeitig ist es mit Kind nicht selbstverständlich einen Sitzplatz zu bekommen. Auch die hochschwangere Marlo (Charlize Theron) sieht sich mit dem einen oder anderen Ratschlag konfrontiert. Da ist Koffein im koffeinfreien Kaffee! Danke für den Hinweis.

    Um die von Leid geplagte Lebensphase rund um Geburt geht es im neuen Komödiendrama von Regisseur Jason Reitman und Drehbuchautorin Diablo Cody. Die Beiden brachten schon Juno gemeinsam in die Kinos und elf Jahre später zeigen sie nun ihre erwachsen gewordene Variante des Zusammenlebens rund ums Kinderkriegen.

    Are you ok?

    Marlo ist am Ende ihrer Kräfte. Ihr Körper spielt verrückt. Das dritte Kind ist auf dem Weg und die ersten Beiden halten sie auf trab. Es ist ein Zustand wie im Dellirium, wenn einem der eigene Körper fremd wird und man sich vor lauter Erschöpfung kaum mehr wach halten kann. „Are you ok“, fragt ihr Mann Drew (Ron Livingston) nach der Arbeit, als Marlo sichtlich erschöpft im Sessel versunken mit den Kindern beim Abendessen sitzt. Es ist eine Mischung aus Überforderung, Hilflosigkeit und Ignoranz, die eine Beziehung in dieser Zeit prägen. Der Alltag wird durch komplexe Aushandlungsprozesse gemeistert. Irgendwie. Denn nicht selten bleibt die Frau dabei auf der Strecke.

    Die Sehnsucht nach einem anderen Leben

    Tully zeigt die für die Frau extreme Situation, diesen körperlichen und geistigen Ausnahmezustand, für einen Mainstream Film relativ schonungslos. Charlize Theron hat für die Rolle über 20 Kilogramm zugenommen und zeigt einmal mehr, warum sie eine der herausragendsten Schauspielerinnen ihrer Generation ist.

    Als Marlo zufällig eine Jugendfreundin trifft, deren Leben sich in eine andere (kinderlose) Richtung entwickelt hat, wird in ihr für einen Moment die Sehnsucht nach einem anderen Leben wach, ohne Kinder und dicken Bauch. Die Freiheit über ihr Leben selbst bestimmen zu können, ein verlockender Gedanke.

    Girls just wanna have fun

    Marlos wohlhabender Bruder Craig (Mark Duplass) macht ihr das Angebot eine Nightnanny als Unterstützung zu finanzieren. Die würde das Baby in der Nacht übernehmen und sie einzig zum Stillen aufwecken. Der Gedanke, in der Nacht eine Fremde im Haus zu haben, ist für Marlo zumindest anfangs irritierend. Marlo entscheidet sich dann doch dafür und eines Abends steht Tully (Mackenzie Davis) vor der Tür. Zuerst fühlt sich Marlo von der jungen Frau überrumpelt, als sie ganz routiniert zur Sache geht. Es entwickelt sich jedoch bald eine innige und sehr persönliche Freundschaft zwischen den beiden. Marlo bewundert Tullys Leichtigkeit und Lebensfreude. Mehr über den Inhalt sein aber an dieser Stelle nicht verraten. Gegen Ende wartet der Film mit einer großen Überraschung auf.

    Mom, what’s with your body?

    Ein interessantes Detail am Rande vorbehaltlich der Authentizität ist die Geburt selbst. Marlo liegt an Maschinen angeschlossen wie eine schwerkranke im Spitalsbett. Das Neugeborene wird ihr sofort genommen und weggelegt. Das ist alles andere als zeitgemäß und hat mit einer normalen Geburt in unseren Breitengraden nichts zu tun. Und noch was: Babywindeln riechen nicht, solange sie ausschließlich Muttermilch zu sich nehmen.

    Tully ist über weite Strecken kurzweilig und unterhaltsam aber keine Komödie der großen Lacher, wie das vielleicht der Trailer zum Film suggerierte. Vielmehr ist sie eine Momentaufnahme einer Familie des Bildungsbürgertums, in der es was die Geschlechterrollen betrifft nicht ganz so modern zugeht, wie das nach außen hin zelebriert wird oder man sich selber eingestehen möchte. Das kann durchaus einen Nachdenkprozess in Gang bringen. Ein großer Verdienst für einen Unterhaltungsfilm.

    Jason Reitman | USA 2018 | 96 Min | [usr 3,5]