Autor: Michael Holly

  • OSCARS 2019 – Die Filme

    OSCARS 2019 – Die Filme

    Während die Oscar-Verleihung in den vergangenen Jahren im Vorfeld von Hashtags überschattet wurde, reichten in diesem Jahr Kürzel wie #OscarsSoWhite und #metoo nicht mehr aus, um sämtliche kleinen und großen Aufregungen auf einen Nenner zu bringen. Wenige Stunden vor der Gala lässt sich soviel sagen: Die Academy versucht sich neu zu positionieren. Sie gibt sich offener für internationale Produktionen. Ganz so weiß sind sie auch nicht mehr, wenn auch Schwarze immer noch unterrepräsentiert sind. Erfolg an der Kinokassa wird seit heuer zumindest mit Nominierungen belohnt. Die Arbeiten von Frauen, die in diesem Jahr besonders stark aufgefallen waren, wurden wiederum überwiegend ignoriert. Hier ist eine Auswahl an nominierten Filmen, über die im vergangenen Jahr bei THE REEL THERAPIST zu lesen war.

    Bereits vor über einem Jahr lief Black Panther bei uns in den Kinos an. Zur Erinnerung: in den USA hat der Blockbuster für großes Aufsehen gesorgt. Von vielen als Außenseiter gehandelt und belächelt, ist die Nominierung in der Kategorie Bester Film als erster Superheldenfilm absolut gerechtfertigt. Trotzdem könnte er leer ausgehen. Oder kommt es doch zu einer großen Überraschung?

    In BLACKkKLANSMAN rollt Spike Lee eine unglaubliche Geschichte auf und gibt wieder ein starkes politisches Statement ab. Zumindest für sein Drehbuch darf sich Lee Hoffnungen auf einen Preis machen.

    Vice – Der zweite Mann und Bohemian Rhapsody ringen um den besten Schnitt. Bei den Darstellerinnen sind Rami Malek und Amy Adams im Rennen vorne mit dabei. Mit einigen Preisen darf auch The Favourite – Intrigen und Irrsinn rechnen. Ein Film, der vor allem für sein starkes Ensemble aufgefallen ist, wird wohl eher in den Nebenkategorien punkten.

    Es war im vergangenen Herbst, als ein Film als erster großer Oscar Kandidat gehandelt wurde. Bradley Cooper hat alles richtig gemacht. A Star is Born wird aber aller Voraussicht nach der große Verlierer des Abends werden. Cooper ist erst gar nicht nominiert und Lady Gagas Sieg wackelt.

    Die Favoriten. Alfonso Cuarón ist mit Roma der große Wurf gelungen. Er könnte der große Gewinner werden und Geschichte schreiben. Cuarón könnte mehr Oscars mit nach Hause nehmen als er tragen kann. Ihm dicht auf den Fersen ist Green Book – Eine besondere Freundschaft. Trotz gleich mehrere Kontroversen darf man nicht vergessen, dass es sich um einen unterhaltsamen Feelgood-Film mit zwei großartigen Hauptdarstellern handelt.

    Wie immer stark ist die Kategorie Animationsfilm aufgestellt: Chaos im Netz , Die Unglaublichen 2 , Isle of Dogs und Spider-Man : A New Universe. Letzterer ist zumindest Sieger der Herzen.

    Roma übernimmt auch bei den fremdsprachigen Filmen die Favoritenrolle. Daneben ist Cold War – Breitengrad der Liebe ebenso großes Kino wie Shoplifters.

    Vielleicht wird die 91. Oscarverleihung etwas anders als die vorherigen. Moderator gibt es keinen. Oder doch? Auf Musiknummern möchte man trotz Zeitproblemen nicht verzichten. Sogar Queen und Adam Lambert werden einen Auftritt haben. Ein Einspielergebnis von über 800.000 USD für Bohemian Rhapsody macht dies möglich. Bis sich die Oscars an die sich verändernden Zeiten angepasst haben, wird es aber noch ein paar Jahre dauern.

    Weitere Kritiken:

    First Man – Aufbruch zum Mond

    The Ballad of Buster Scruggs


  • VICE – DER ZWEITE MANN ★★★★½

    VICE – DER ZWEITE MANN ★★★★½

    Politik ist nicht nur ein schmutziges Geschäft sondern auch noch ein äußerst unmoralisches. Zumindest wenn es um echte Macht geht. Einer der Macht in einem Amt konzentriert hat, wie kaum ein anderer in der westlichen Welt, ist der ehemalige US-Vizepräsident Dick Cheney. Regisseur Adam McKay (The Big Short, 2015) schildert in bissigen Politsatire Vice – Der Zweite Mann dessen Werdegang. Der Film wurde für gleich 8 Oscars nominiert.

    Eine objektive Rückschau darf man sich hier nicht erwarten. Vice – Der Zweite Mann ist eine Abrechnung mit Dick Cheney und dem politischen Establishment seiner Zeit. Daraus machen weder McKay noch sein Hauptdarsteller Christian Bale ein Geheimnis. Sämtliche Jugendsünden vom Rausschmiss aus der Yale-Universität bis zu einer Festnahme wegen Trunkenheit am Steuer stehen gleich zu Beginn dieses 50 Jahre umspannenden Biopics.

    In den ersten Jahren ist der Schauspieler Bale noch gut zu erkennen. Parallel zum realen Vorbild vollzieht der dann aber über die Jahrzehnte eine physische Transformation, wenn auch mit Hilfe einer dicken Silikonmaske, die mit grimmiger Mimik und schlürfendem Gang zu den großen Momenten der Schauspielkunst in diesem Jahr zählen dürfen.

    Vice – Der Zweite Mann wurde sehr kontroversiell aufgenommen, dabei hält sich Adam McKay an Fakten (kleinere Ungenauigkeiten können mit dem Blick auf das Ganze vernachlässigt werden) aber auch an Wahrscheinlichkeiten. Wenn über den Inhalt von Schlüsselszenen,  keine Gewissheit herrschen kann, wird das im Off-Kommentar auch explizit erwähnt. Kurt, Familienvater und Soldat im Irak-Krieg, gespielt von Jesse Plemons, ist der Erzähler. Er gibt der nicht zuletzt aufgrund der Fülle an Informationen und dem hohen Erzähltempo für das Publikum anspruchsvolle  Handlungsebene einen Rahmen. Über den Konnex von Kurt und Cheney lässt McKay das Publikum lange im Ungewissen. Es ist einer der unzähligen kreativen Einfälle, mit denen der Film vollgepackt ist. 

    Cheneys politische  Karriere reicht bis in die 1970er Jahre zurück: erst Stabschef im Weißen Haus unter Gerald Ford (1975-77), dann Kongressabgeordneter (1979-89) und  Verteidigungsminister unter George Bush Senior (1989 -1993). Es folgt der Rückzug in die Privatwirtschaft. An die Firma Halliburton wird sich vielleicht der eine oder andere noch erinnern. Hier bricht der Film ab. Es hätte ein Ende sein können. War es aber nicht. Es ist die Zeit, in der sich die Tochter der Cheneys, Mary, als lesbisch outet. Papa Dick akzeptiert dies, seine Frau Lynne (ebenfalls großartig immer an seiner Seite: Amy Adams) weniger. Für einen erzkonservativen Politiker ist das aber ein Problem. Es ist eine der Stellen im Film, wo sichtbar wird, dass die eigenen Werte von Politikern keine Rolle spielen, wenn es darum geht, die eigene Klientel zu bedienen. 

    Vice - Der zweite Mann
    George W. Bush (Sam Rockwell) und Dick Cheney (Christian Bale): ein folgenschwerer Deal.

    Das Karriereende war es bekanntlich nicht. Von 2001 bis 2009 war Cheney die Nummer Zwei unter US-Präsident George W. Bush. Sam Rockwell zeigt uns den Präsidentensohn so, dass uns selbst retrospektiv noch einmal Angst und Bange wird. Eine Gesetzeslücke und ein Deal mit Bush macht es Dick Cheney aber möglich, zum wahrlich mächtigsten Mann im Staat aufzusteigen. Dafür reichte die Motivation dann doch noch. Fortan war er an Entscheidungen über die Invasion im Irak und Verhöre mit Foltermethoden beteiligt und der Existenz von geheimen CIA- Gefängnissen vertraut. Unter dem Vorwand der nationalen Sicherheit wurde ein Überwachungsapparat mit weitreichenden Befugnissen aufgebaut. Entscheidungen, die hunderttausenden Menschen das Leben kosteten. Das ist alles mehr als unschön. Die schräge Inszenierung macht die deftigen, teilweise stakkatoartig auf das Publikum losgelassenen Bilder erträglicher.  

    Colin Powells (Tyler Perry) zu trauriger Berühmtheit gelangte Rede vor der UNO, die zum Einmarsch im Irak führte, war das Ergebnis der Befragung sogenannter Fokusgruppen, nach denen das politische Handeln ausgerichtet wurde. Das genaue Benennen von Feindbildern ist dabei zentral. Ein scheinbar nicht umzubringender Charakter während dieser Zeit war der skrupellose Verteidigungsminister Donald Rumsfeld (Steve Carell). Ein enger Weggefährte Cheney und als einziger eingeweiht in seine Machenschaften. 2008 gab der US-Senatsausschuss ihm die Schuld an Foltergefängnissen und dergleichen. Dick Cheney war nie Thema einer Untersuchung. Die Folge einer Strategie, die er sich über die Jahre mit seinen Anwälten zurechtgelegt hatte.

    Anhängern der Republikaner dürfte das weniger gut gefallen. Da die USA diesbezüglich ziemlich gespalten sind, schlägt sich das auch in der Rezeption von Vice – Der Zweite Mann nieder. Der Wahrheitsgehalt wird angezweifelt. Dabei gibt Adam McKay mit einem Augenzwinkern in der Mid-Credits-Szenen eine Antwort darauf. Ohne rechtliche Absicherung wäre so ein Film, auch wenn es eine Satire ist, nicht möglich. Produziert wurde der Film von Annapurna Pictures, die in der Vergangenheit schon mit Zero Dark Thirty und Detroit von Kathryn Bigelow unangenehme Kapitel der US-Geschichte aufgearbeitet haben. 

    Neuerlich gelingt es Adam McKay ein komplexes Thema durch seinen ungewöhnlichen Erzählstil verständlich zu machen. Obwohl amüsant, ist trotzdem die Konzentration des Publikums gefordert. McKay steigt in Dialoge abrupt ein und aus. Ein Exkurs folgt dem nächsten. Bei den Oscars wird das möglicherweise mit einem Preis für den Schnitt honoriert werden. In den restlichen Kategorien (Film, Regie, Haupt- und NebendarstellerInnen) ist Vice – Der Zweite Mann ein paar Tage vor der Verleihung Außenseiter.  

    Warum kommt der Film gerade jetzt? Hier wird deutlich, welche Folgewirkungen Wahlergebnisse und politische Entscheidungen über Jahrzehnte haben können.

    ADAM MCKAY | USA 2018 | OT: Vice | 132 Min | [usr: 5]

    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST

  • OSCARS 2019: Quo vadis? oder: Ich glaub, mich tritt ein Pferd.

    OSCARS 2019: Quo vadis? oder: Ich glaub, mich tritt ein Pferd.

    Man kann über sie lästern, sich ärgern oder sie einfach ignorieren. Fakt ist, die Oscars sind die wichtigsten Preise der Filmwelt. Vielleicht müsste man heute das Wort „noch“ hinzufügen. Auch wenn ernsthaft keine Gefahr besteht, dass sie in der Bedeutungslosigkeit versinken könnten, befindet sich die Academy of Motion Pictures, Art and Science (AMPAS) gerade auf einem Scheideweg, hin und her gerissen zwischen moralischen Ansprüchen, politischen Auseinandersetzungen, veränderten Sehgewohnheiten, immer mächtiger werdenden Konzernen und einer Branche, die sich generell gerade im Umbruch befindet. Hinzu kommen in Ungnade gefallene Moderatoren, Schauspieler und Regisseure.

    Die Academy ist ein großer Tanker mit tausenden Mitgliedern, der sich Jahrzehnte lang nicht mehr bewegt hat und jetzt versucht zu manövrieren und dabei ständig wo dagegen donnert: eine neue Kategorie „Bester Populärer Film“ sollte eingeführt werden. Daraus wurde jetzt doch nichts. Vermutlich auch, weil sich die Auswahlkriterien nur schwer bestimmen lassen. Aus welcher Richtung dieser vorerst gescheiterte Vorstoß kam ist nicht schwer zu erraten. Die Gala verlor zusehends an Publikum, wobei im Kino gleichzeitig von Jahr zu Jahr neue Rekorde aufgestellt werden. Allerdings wird das Boxoffice eher selten von Oscar Kandidaten angeführt. Gleichzeitig wurde beschlossen, die Verleihung von vier Oscars in die Werbepausen zu verlegen und sie anschließend dem Publikum in verkürzter Form nachzureichen. 

    Das hat große Unruhe ausgelöst. In diesem Jahr viel die Wahl auf Beste Kamera, Bester Schnitt, Makeup and Hairstyling und Bester Kurzfilm. Nun ist schon seit Jahren keine Live Sendung wirklich mehr live, sondern zeitversetzt, damit kein „fu€k!“ mehr zu hören ist oder TV-Shows zu Russ Meyer-Gedenkveranstaltungen verkommen. Somit auch vorgeschnitten, bzw. zensuriert. Die Frage ist, wie viel von den Preisvergaben nach den Werbepausen zu sehen sein wird. Angeblich soll man es an den Bildschirmen zu Hause kaum merken. Wie so eine Stunde Sendezeit eingespart werden soll, ist eine andere Sache.

    Es ist paradox, Preisvergaben gerade in die Werbepausen zu verlegen. Just die Pausen sind es, die die Oscars alljährlich zu einer Geduldprobe für Filmfans machen und endlos in die Länge ziehen. Die Kunst ist vor dem Kommerz in die Knie gegangen. Deutlicher kann man es nicht zeigen. Milliardenkonzerne betreiben an diesem Abend Profitmaximierung. Nun werden gerade jene Kategorien in die Werbepausen verlegt werden, in denen keine Disney/ABC Produktionen nominiert sind. Die Walt Disney Company ist Marktführer. ABC ist der Broadcaster und gehört dem Disney Konzern.

    Eines hat sich hier gezeigt. Mit Solidarität ist es nicht weit her im Filmbiz. Der Empörung für Kamera und vielleicht noch Schnitt war groß. Wer aber hat für Makeup and Hairstyling die Stimme erhoben? Mit großen Wellen ist der Tanker derweilen nicht konfrontiert. Im 21. Jahrhundert schreibt man zwar keine Briefe mehr aber dafür unterzeichnet man um so gerne Petitionen. Das mag im ersten Moment ein edles Unterfangen sein. Es ist allerdings auch ein ziemlich zahnloses. Man darf gespannt sein, ob es bei einem Jammern bleiben wird. Darüber, worum es eigentlich geht, die Filme nämlich, redet im Moment kaum jemand.

    Dabei betritt die Academy auch hier Neuland. Mit Roma ist ein fremdsprachiger Film 10-fach nominiert. Cold War hat nochmal drei bekommen. An beiden Filmen führt in diesem Jahr kein Weg vorbei. So gesehen eine gerechtfertigte Entscheidung.  Roma ist noch dazu eine Netflix-Produktion. Paweł Pawlikowski und Alfonso Cuarón sind freilich keine unbekannten in Hollywood und wurden beide bereits mit einem Oscar prämiert. Die Academy gibt sich weltoffen. Allerdings gibt es in den USA heuer gleich drei Regisseurinnen, die mit ihrem Arbeiten aufgefallen sind: Debra Granik mit Leave no Trace, Chloé Zhao mit The Rider und Lynne Ramsay mit A Beautiful Day. Alle drei wurden von der Academy übergangen. Das ist der eigentliche Skandal dieses Jahres.

    [UPDATE 16/2/2019: Die Academy nimmt nach einem Protest ihre Entscheidung zurück, vier Preise in der Werbepause zu vergeben.]

    ➤ Filme auf dem OSCAR RADAR

    © Foto: AMPAS

  • CHAOS IM NETZ ★★★★

    CHAOS IM NETZ ★★★★

    Sechs Jahre sind vergangen, seitdem die Videospielfigur Randale-Ralph genug davon hatte, tagtäglich den zerstörerischen Bösewicht spielen zu müssen.  Ralph verließ sein Computerspiel um sich gemeinsam mit der Rennfahrerin Vanellope van Schweetz zu einer abenteuerlichen Reise durch das Litwak’s Family Fun Center aufzumachen. Ralph reichts (2012) strotze regelrecht vor kreativen Ideen und Querverweisen zum Videospieleuniversum. Nun ging man bei Disney mit Chaos im Netz noch einen Schritt weiter.

    Die Rollen sind nun vertauscht. Ralph führt mittlerweile ein zufriedenes Leben. Er hat sich mit den Mitbewohnern seines Spiels arrangiert und sein Counterpart Felix führt die absurdeste Ehe des ganzen Universums. Nur Vanellope wird es in ihrem Rennspiel Zusehens langweiliger. Eines Tages schließt Spielhallenbetreiber Mr. Litwak ein Modem an den Stromkreis und somit die Spielhalle an das Internet an. Ein defektes Teil an Vanellopes in die Jahre gekommener Spielkonsole „Sugar Rush“ macht es bald notwendig, dass sie sich mit Ralph auf die Suche nach einem Ersatzteil ins Internet begibt. Es droht das Videospiel verschrottet zu werden, was für die Bewohner Obdachlosigkeit zur Folge hätte.

    Das Internet mag heute für Groß und Klein allgegenwärtig sein, so ganz verstehen werden das die meisten Kinder wohl eher nicht. Chaos im Netz entwirft eine liebevolle und detailreiche Visualisierung jenes Ortes, der für uns zum zentralen Treffpunkt geworden ist. Sämtliche Konzerne und deren Internetplattformen sind natürlich mit dabei: ein großer Bazar, Bäume voll blauer Vögel, die unentwegt Nachrichten zwitschern und mitten drin natürlich der Alleswisser. Popups schwirren herum, unter ihnen Mr. Spamley  und versuchen mit lukrativen Jobs („Werden sie reich mit dem Internet!“) und anderen Angeboten Kundschaft zu gewinnen. Es ist die Zukunftsvision einer Stadt, wie wir sie schon oft gesehen haben. Hier erinnert sie mehr an eine Dauerwerbesendung.

    Über all den großen Namen der Internetwelt schwebt allerdings der produzierende Konzern Disney und der kostet nur erstmals aus, was er in den letzten Jahren alles an Lizenzen angehäuft hat. Marvel- und Star Wars- Figuren haben ebenso einen Auftritt, wie sämtliche Disney-Prinzessinnen, die als ärgste Tussen gelangweilt in Dornrösschens Schloss abhängen. Sie erweisen sich als Retter in der Not. Die Avengers für Mädchen sozusagen. Das alles macht erstaunlich viel Spaß. Das Drehbuch für ein Prinzessinnen-Crossover liegt bestimmt schon in irgendeiner Schublade.

    Chaos im Netz wartet mit so mancher Weisheit auf (Lese niemals Kommentare!), zentrales Thema ist aber was man sich vom Leben erwarten darf und was das für eine Freundschaft bedeutet. Da wird der Film naturgemäß etwas moralisch. Eine gehörige Portion Humor bewahrt das Abenteuer aber davor, zu sehr in diese Richtung abzugleiten. Einmal fragen Arielle, Pocahontas, Cinderella & Co Vanellope nach dem obligatorischen Lied über ihre Träume. Woraufhin sie in eine Pfütze eine Ode an das „Slaughter Race“ singt.

    Das große Finale ist eine Hommage an King Kong und wer immer schon wissen wollte, wozu Pinterest eigentlich gut ist, hier erfährt man es.  Produktplatzierungen erreichen in Chaos im Netz einen nie dagewesenen Höhepunkt. Gleichzeitig ist es beeindruckend zu sehen, wie gut das Uhrwerk läuft. Disney zeigt neuerlich, dass man mit der eigenen Geschichte durchaus selbstironisch umgehen kann.

    Rich Moore, Phil Johnston | OT: Ralph Breaks the Internet: Wreck-It Ralph 2 | USA 2018 | 113 Min | [usr 4]

    Foto (c) The Walt Disney Corp.

    ➤ Mehr Filme auf dem OSCAR RADAR

  • COLD WAR – Breitengrad der Liebe ★★★★½

    COLD WAR – Breitengrad der Liebe ★★★★½

    In der polnischen Provinz soll der Komponist Wiktor (Tomasz Kot) im Auftrag des Ministeriums ein folkloristisches Ensemble zusammenstellen. Zu diesem Zeck werden Tänzerinnen und Sängerinnen gecastet. Es ist das Jahr 1949. Für den Staat ist es eine identitätsstiftende Maßnahme, mit der die Landsleute in einer entbehrungsreichen Zeit bei Laune gehalten werden sollen.

    Als die junge Zula (Joanna Kulig) bei ihm vorsingt, ist es Liebe auf den ersten Blick. Zula wird bald zum Mittelpunkt des tourenden Ensembles. Ein paar Jahre später, während eines Gastspiels in Berlin, planen sie die Flucht in den Westen. Doch es kommt alles anders. Die Handlung von Cold War spannt sich folglich über fast 20 Jahre, in denen sich Zula und Wiktor immer wieder begegnen. Fragmentarisch mit mehreren Unterbrüchen schildert Pawlikowski eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, über der der Schatten des Kalten Krieges schwebt und die von einer dritten Hauptdarstellerin regelrecht durchdrungen wird: der Musik. 

    Trotz der kurzen Spieldauer lässt sich Cold War lange Zeit, um die Geschichte zu entfalten. Der erste Teil ist geprägt von folkloristischer Musik, die zuerst die Geduld strapaziert aber dann soviel aussagt über die damalige polnische Lebenswelt. Für Pawlikowski ist die Musik ein Spiegel dessen, wo die Hauptdarsteller in ihrer Beziehung stehen. Das Volkslied Dwa serduszka, cztery oczy wird den gesamten Film über in den unterschiedlichhsten Versionen wiederkehren. Denn auf einmal, von einem Moment auf den anderen, tritt der Jazz an die Stelle der Folklore. Musik als politischer Barometer und Leitfaden durch eine Liebesgeschichte.

    Die Volkstanzgruppe Mazowsze (es gibt sie tatsächlich und sie ist bis heute aktiv) steht exemplarisch für eine politische Agenda. Pawlikowsi muss in seiner detailverliebten Inszenierung daher die politischen Rahmenbedingungen nicht weiter erklären. Sie werden durch die Musik und durch das Spannungsverhältnis zwischen Zula und Wiktor sichtbar.

    Fast hätte Pawlikowski Cold War in Farbe gedreht. Nun sind bei den diesjährigen Oscars gleich zwei fremdsprachige Filme in schwarzweiß in der Kategorie Beste Kamera nominiert: Alfonso Cuaron für Roma und  Łukasz Żal für Cold War. Während sich Cuaron für das schier unendlich weite Cinemascope entschied, filmte Żal im Academy Standard Filmformat, das in etwa dem alten 4:3 Fernsehbild entspricht. 

    In Cannes war Pawlikowsi schon erfolgreich und gewann den Regiepreis. Auch beim Europäischen Filmpreis war er der große Gewinner. Gleich zwei Nominierungen als Bester Ausländischer Film und als Überraschung auch für die Beste Regie bei den Oscars sind nun die Krönung für den bereits mit  Ida (2013) Oscar prämierten Regisseur.

    Paweł Pawlikowski | OT: Zimna wojna | POL/UK/F 2018 | 89 Min | [usr 4,5]

    Foto (c) Polyfilm Verleih

    ➤ Mehr Filme auf dem OSCAR RADAR

  • DIE AUSLÖSCHUNG ★★★½

    DIE AUSLÖSCHUNG ★★★½

    Der Science-Fiction-Film Die Auslöschung, Originaltitel Annihilation, ist bereits seit fast einem Jahr bei Netflix abrufbar. Obwohl an den Kinokassen in den USA ein Misserfolg, erfreut sich der Film einer großen Fangemeinde und gilt für viele als Highlight des vergangenen Filmjahres. Ein guter Grund also, sich den starbesetzten Film näher anzuschauen. 

    Die Auslöschung ist ein Beispiel dafür, unter welche extremen Bedingungen heute das Filmbusiness betrieben wird. Bereits 17 Tage nach dem US-Kinostart veröffentlichte Netflix den Film auf seiner Plattform.  Was war geschehen? Schon die Testscreenings verliefen nicht nach Wunsch. Zu anspruchsvoll und zu kompliziert sei der neue Film mit Natalie Portman und Oscar Isaac. Paramount Pictures verkaufte die Vertriebsrechte noch vor dem Kinostart an Netflix. Der Film sollte ausserhalb Nordamerikas nicht mehr in die Kinos kommen. 

    Zum Inhalt. Ein Feuerball stürzt auf die Erde. Fortan breitet sich der sogenannte Shimmer aus. Eine Art Glocke hat sich über die Landschaft gestülpt, an deren Oberfläche es seifenblasenähnlich in Regenbogenfarben schimmert.  Expeditionsteams werden hineingeschickt und kehren nicht zurück, bis eines Tages der auch verschollen geglaubte Kane (Oscar Isaac) vor seiner Frau, der Molekularbiologin Lena (Natalie Portman), steht. Die Freude währt nur kurz, irgendetwas stimmt nicht mit ihm. Er muss in Quarantäne und Lena entschließt sich, an einer weiteren Expedition in das mysteriöse Area X teilzunehmen. Nicht unbedingt die logischste Entscheidung aber vermutlich erhofft sie sich dadurch Rettung. Im weiteren Verlauf wird das durchaus Sinn machen.

    Gemeinsam mit drei anderen Wissenschaftlerinnen, darunter Jennifer Jason Leigh als Dr. Ventress, begibt sich Lena in das unbekannte Gebiet. Bereits kurz nach Eintritt, versagt jegliche Kommunikation nach außen und das Zeitgefühl geht auch noch verloren. Was dort aber neben mittelmäßig animierten Kreaturen noch so abgeht, kann sich sehen lassen. Es sei nicht zu viel verraten aber vor allem zum Ende hin, wenn der Plot immer abstrakter und verrückter wird, trumpft Die Auslöschung so richtig auf. Biologische Gesetzmäßigkeiten scheinen sich aufzulösen. Das eigene Ich wird in Frage gestellt. Banale Erklärungen werden dem Publikum erspart und so lässt einen das Finale auch nach dem Ende des Filmes so schnell nicht mehr los.

    Trotz der interessanten Ideen, die Die Auslöschung aufgreift, kommt der Film nicht an große Science-Fiction-Momente der letzten Jahre heran und kann auf der emotionalen Ebene nicht mit Arrival mit halten. Jene Wagnis, den Film nicht schon vor Veröffentlichung zu adaptieren und leichter zugänglich zu machen, ist der Produktion aber hoch anzurechnen. Solch ein Mut fehlt in der durchkalkulierten Filmlandschaft von heute. 

    Manche Stimmen meinen, Die Auslöschung wurde bei den diesjährigen Oscar Nominierungen übergangen. Zumindest auf eine Kategorie trifft das zu: Die Qualität des Sounds lässt sich zu Hause nur erahnen aber selbst hier vermag er zu beeindrucken. Wie muss das erst in einem Kinosaal sein!

    Es ist nach Ex Machina (2015) die zweite Regiearbeit von Alex Garland, der sich auch für die Romanvorlage von The Beach (2000) verantwortlich zeichnet. Ungewöhnlicherweise hat er nun die Trilogie der Vorlage zu einem Film vereint. Eine Geschichte, die uns von der Protagonistin im Nachhinein erzählt wird, was noch mehr Raum für Interpretationen offen lässt. Erfrischend gut.

    ALEX GARLAND | OT: Annihilation |USA 2018 | 115 Min. | [usr 3.5]

    Foto (C) Netflix

  • GREEN BOOK – Eine besondere Freundschaft ★★★★½

    GREEN BOOK – Eine besondere Freundschaft ★★★★½

    Erinnert sich noch jemand an die Farrelly Brüder? Neben dem Hit There’s something about Mary (1998) beglückten sie uns mit Dumb and Dumber (1994) und Me, Myself & Irene (2000). Der letzte Film von Peter Farrelly (Movie 43, 2013) hält auf der Bewertungsplattform Rotten Tomatoes aktuell bei 4%. Ja, der Höchstwert der Skala liegt tatsächlich bei 100%. Genau dieser Peter Farrelly gilt jetzt mit seinem neuen Film Green Book mit 5 Nominierungen als Oscar Anwärter (hat allerdings keine Nominierung als Regisseur erhalten). Das ist mindestens so unglaublich wie die wahre Geschichte selbst, um die es hier geht.

    Titelgebend ist das „Negro Motorist Green Book“. Ein Reiseführer für afroamerikanische Autofahrer, der bis 1966 herausgegeben wurde und die wenigen Unterkünfte, Restaurants und Tankstellen ausweist, die auch schwarze Kunden akzeptieren. Er sollte das Reisen für Schwarze erleichtern. So auch für den Starpianisten Don Shirley (Mahershala Ali). 

    Don Shirley wohnt nicht nur über der Carnegie Hall, sondern füllt sie mit seinen Konzerten auch. Trotzdem plant er eine Tournee durch das gefährliche Gebiet der Südstaaten. Dafür sucht er einen Fahrer, der notfalls auch noch andere Fähigkeiten vorzuweisen hat. Tony Lip (Viggo Mortensen), eigentlich Vallelonga, der Mann fürs Grobe in einem Nachtclub, wird bei Shirley vorstellig und die erste Begegnung verläuft alles andere als vielversprechend. In ein afrikanisches Gewand gekleidet, besteigt Shirley einen Ton. Das ist etwas zu viel für Lip. Dazu soll er nicht nur Fahrer, sondern auch Butler sein. Da lehnt er dankend ab. 

    Der Film rückt Tony Lip (in späteren Jahren startete das reale Vorbild eine Karriere als Schauspieler) in den Mittelpunkt. Selbst einer Einwandererfamilie entstammend, hegt er Ressentiments gegenüber allem, was nicht weiß und amerikanisch ist. In seinem Inneren ein aufrichtiger Kerl. Die Esskultur hat er dermaßen verinnerlicht, dass dies zu einigen witzigen Momenten führt.

    Kein großer Spoiler: sie kommen doch zusammen und auf dem folgenden Roadtrip wird das zelebriert, was offensichtlich ist: hier prallen zwei Welten aufeinander. Sehr zum Gaudium des Publikums. Die Dialoge sind  sehr komisch. Der gebildete, sich gewählt ausdrückende Musiker und der der Arbeiterklasse entstammende italienisch-amerikanische Türsteher überwinden die anfängliche Abneigung und entwickeln gegenseitigen Respekt für einander. Auch weil sie erkennen, dass sie beide auf ihre Art und Weise am Rande der Gesellschaft zu stehen

    Das Duo sieht sich mit widerlichen Auswüchsen von Rassismus konfrontiert und der Film vollzieht eine Gratwanderung, wie schon viele vor ihm, die sich auf humoristische Weise einem todernsten Thema widmen. Es ist Ali und Mortensen zu verdanken, dass dies geglückt ist. Mortensen beherrscht die Leinwand von der ersten Szene an mit einer unglaublichen Präsenz. In Alis manieriertem Auftreten sitzt jede Geste, jedes Wort wird mit bedacht gesprochen. Schauspielerisch ist da nicht mehr viel Luft nach oben. Die beiden alleine rechtfertigen einen Kinobesuch.

    Green Book ist ein zugänglicher und gefälliger Film, was ihm auch Kritik eingebracht hat. Bekämpft der Film Stereotypen oder verstärkt er sie (Italoamerikaner mit schneller Faust)? Ist die Geschichte vom geläuterten weißen Mann noch zeitgemäß? Ein Feelgood-Movie? Ist der Film zu harmlos? Green Book ist eine Charakterstudie, keine Provokation sondern Unterhaltungskino. Auf menschlicher Ebene funktioniert der Film am Besten. Es ist kein Nachteil, die Geschichte einem großen Publikum zugänglich zu machen. Genau das schafft Peter Farrelly mit seinen zwei grandiosen Darstellern, indem er immer wieder Bestürzung auslöst und sie im nächsten Moment mit bitterem Witz auffängt. Man lacht im Kino ohnehin viel zu selten.

    Peter Farrelly | USA 2018 | OT: Green Book | 130 Min. | [usr 4]

    ➤ Mehr Filme auf dem OSCAR RADAR

  • THE FAVOURITE – Intrigen und Irrsinn ★★★

    THE FAVOURITE – Intrigen und Irrsinn ★★★

    1708. England befindet sich im Krieg mit Frankreich. Allein die Queen weiß davon nichts und es interessiert sie auch nicht. Queen Anne (Olivia Coleman)  ist gesundheitlich angeschlagen und  lässt sich im Rollstuhl durch die langen Gänge des Palastes schieben. Sarah Churchill, die Herzogin von Marlborough (Rachel Weisz) ist The Favourite der Königin und hat die Zügel fest in der Hand. 

    Derweilen hält sich die Königin mit Entenrennen und anderen absurden Aktivitäten auf. Neben Sarah liebt sie auch ihre 17 Hasen. Je einer für eins der allesamt verstorbenen Kinder. Das läst Raum für allerhand Intrigen und Irrsinn. Sarahs Konkurrent im Parlament ist Robert Harley (Nicholas Hoult). Das Volk möchte den Krieg nicht mit Steuererhöhungen finanzieren. Als Sarahs verarmte Cousine Abigail Hill (Emma Stone) am Hof eintrifft, ist der Zickenkrieg eröffnet. Abigail sieht die Chance, ihr Ansehen wiederherzustellen und umgarnt die Königin, währendessen Sarah mit den Staatsgeschäften beschäftigt ist. Das Schickal eines ganzen Landes in den Händen dieser drei Frauen.

    Yorogos Lanthimos neuester Film ist kein Kostümschinken, sondern aktueller als man vermuten mag. Intrigen und das Buhlen um die Macht sind zeitlos und vor allem: es ist hier eine Freude dabei zuzusehen. Somit ist The Favourite eine weitaus leichtere Kost als Lanthimos‘ bisherigen Filme. Allerdings fällt das Kinoerlebnis weniger intensiv aus als gewohnt. Seine Handschift ist aber klar erkennbar und ist skurril wie eh und je.

    Die Machart des Filmes erinnert an Barry Lyndon von Stanley Kubrick. Beide Regisseure filmten ausschliesslich mit natürlichem Licht. Die Opulenz konkurriert mit dem ungeschönten Blick. Extrem weitwinkelige Einstellungen lassen die Figuren verloren wirken. Die Kamera nimmt die Charaktere von unten auf und schießt gegen die Decke. 

    Bemerkenswert ist, neben dem formidablen Ensemble rund um Olivia Coleman (selbst Nicholas Hoult bleibt trotz kleiner Rolle im Gedächtnis), der ungewöhnliche Soundtrack. Von Händel und Vivaldi spannt sich die musikalische Reise über Elton John bis zu Chilli Gonzalez.

    Gut gespielt und zu Beginn durchaus unterhaltsam ist The Favourite aber es mangelt an Spannung und irgendwann verliert man das Interesse am weiteren Verlauf der Geschichte. So werden es mit dem letzten Drittel doch zwei lange Stunden und man möchte, dass es endlich zu einem Ende kommt. 

    YORGOS LANTHIMOS | USA 2018 | OT: The Favourite | 120 Min | [usr 3]

    Foto (c) Fox

    ➤ Mehr Filme auf dem OSCAR RADAR

  • LEAVE NO TRACE ★★★★★

    LEAVE NO TRACE ★★★★★

    In einem Nationalpark nahe Portland haben ein Vater und seine Tochter ein Lager unter einer Zeltplane aufgeschlagen. Die widrigen Witterungsverhältnisse scheinen die Beiden nicht zu stören. Trotz Regen und Kälte gehen sie ihrer täglichen Routine nach, spielen sogar Schach. Das dichte saftige Grün und mächtige Baumriesen bieten ihnen Schutz. Aber wovor?

    Die 13-jährige Tom (Thomasin McKenzie) lebt mit ihrem Vater Will (Ben Foster) am Rande der Wildnis. Anders erträgt er das Leben nicht mehr. Nur um das Notwendigste zu besorgen begeben sich die Beiden in die nächste Stadt. Die Zivilisation hält Will nicht mehr aus. Er ist Kriegsveteran und auf Medikamente angewiesen, die er aber auf dem Schwarzmarkt an Drogenabhängige verkauft.

    In der Nacht wärmen sie sich gegenseitig. Das Einzige, was gegen die Kälte hilft.  Es ist eine innige Verbundenheit, die auf dem grenzenlosem Vertrauen aufbaut, das Tom gegenüber ihrem Vater hegt. Der unterrichtet sie und lehrt ihr, was zum Überleben notwendig ist. Das Leben ist hart aber sie nehmen es so wie es ist. Als Tom eines Tages von einem Läufer entdeckt wird, schaltet sich der Staat und das Jugendamt ein. Beide gehen mit der Situation unterschiedlich um. Nach und nach wird die Zweisamkeit auf die Probe gestellt. 

    Die Regisseurin Debra Granik stellt nach ihrem Erfolg Winter’s Bone (2010) neuerlich ein starkes Mädchen ihres, ja man muss sagen Meisterwerks, in den Mittelpunkt. Damals bedeutete es für die 20-jährige Jennifer Lawrence den Durchbruch. Heute überzeugt Thomasin McKenzie in ihrer ersten Hauptrolle. 

    Die zutiefst menschliche Weise, in der sich Granik in Leave No Trace ihren Charakteren annähert, schafft eine Unmittelbarkeit, die im Kino selten zu erleben ist. Es ist als wäre man auch unter der Zeltplane. Die Regentropfen, das Rauschen des Windes, die Erde, alles wird spürbar. Als wäre man ein stiller Beobachter und alles wäre tatsächlich wahr. 

    Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Peter Rock aus dem Jahr 2009. Dieser wurde durch einen Zeitungsartikel für seinen Roman inspiriert, der von einem sehr ähnlichen Fall handelte. Regisseurin Granik zeigt neuerlich, dass sie Menschen interessieren, die nicht Teil der Gesellschaft sein wollen oder können. Im Zuge der Recherchen für den Film wurde sie sogar auf eine Subkultur aufmerksam, die versucht mit einfachsten Mitteln in der Natur zu überleben.

    Thomasin McKenzie ist die Entdeckung des Jahres und Leave No Trace einer dieser Filme des Jahres die man gesehen haben muss. 

    Debra Granik | USA 2018 | 109 Min. | [usr 5]

    NEUESTE BEITRÄGE VON THE REEL THERAPIST

  • BIRD BOX ★★★

    BIRD BOX ★★★

    Während die hochschwangere Malorie (Sandra Bullock) noch unbedarft in ihrem Atelier den Pinsel schwingt, erreichen sie über den Fernseher fast beiläufig erste unheilvolle Nachrichten. Aus unerklärlichen Gründen begehen Menschen in mehreren Regionen auf der Welt plötzlich in Massen Selbstmord. Vorerst erschüttert sie und ihre Schwester Jessica (Sarah Paulson) das eher weniger. Schon kurz darauf bricht aber auch in ihrer Stadt das Chaos aus. Menschen laufen, stürzen und fahren in den Tod.

    Soweit die Ausgangslage. Bald stellt sich heraus, dass eine unsichtbare Macht die Menschen bloß durch Augenkontakt in den Selbstmord treibt. Malorie flüchtet in ein Haus, in dem eine Gruppe von Menschen Zuflucht gefunden hat und die bald erkennen muss, dass sie in der Falle sitzt. Die Fenster verklebt und von der Außenwelt abgeschnitten.

    Es ist das Haus von Douglas (John Malkovich), einem misanthropischen Bastard, der darauf bedacht ist, niemanden mehr herein zu lassen. Zu der illustren Runde gehören unter anderen Tom (Trevor Rhodes) und Sheryl (Jacki Weaver). Bald gesellt sich Gary (Tom Hollander) dazu. Ein kurzer Auftritt, der es in sich hat. 

    Unterschnitten wird die Geschichte mit Szenen von Malorie und zwei Kindern, die fünf Jahre in der Zukunft liegen. Irgendwo in der Wildnis irren sie mit verbunden Augen umher und begeben sich bald in einem kleinen Boot flussabwärts. Ziel unbekannt. 

    Bird Box beginnt stark, löst sein Versprechen aber nicht ein. Wie so oft in diesem Genre liegen auch diesem Mysterythriller gute Ideen zu Grunde, die sich aber offenbar nur schwer schlüssig umsetzen lassen. Nicht das alles bis ins letzte Detail erklärt werden muss aber ein paar Informationen bleibt der Film trotzdem schuldigt.

    Der Film wartet mit einem tollen Ensemble auf. Malkovich ist in seinem Element und Rhodes, noch von Moonlight in guter Erinnerung, füllt die Lein.. nein, den Bildschirm mit seiner Präsenz. Bullocks Charakter bekommt durch ihre Schwangerschaft im Endzeitszenario eine Tiefe. Sie akzeptiert ihre Mutterschaft von Anfang an nicht, ist aber doch eine Kämpferin. Später auch für die Kinder. Bird Box ist auch ein Melodram.

    Die Regisseurin Susanne Bier gewann 2010 mit A Better World den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Sicher ein gute Wahl, allerdings kann die Geschichte ihr volles Potential nicht ausschöpfen. Das Ende wird wie so oft eher wenige zufrieden stellen und der Weg dahin ist um gut eine viertel Stunde zu lang. „We make the end of the world great again!“ ruft Douglas einmal aus. Stimmt nicht ganz aber trotzdem ein markiger Spruch.

    Netflix hält sich gewöhnlich mit der Preisgabe von Zuseherzahlen zurück. Bei Bird Box ist das nun anders. Kein Wunder, wurde der Film doch allein in der ersten Woche 45 Millionen Mal gestreamt. Umgelegt auf Kartenkäufe entspricht das bei einem Budget von kaum 20 Millionen US-Dollar einem außerordentlich großen Erfolg. Laut Angaben von Netflix wird erst gezählt nachdem mindesten 70% des Filmes konsumiert wurden. Der Film bekommt nun eine Aufmerksamkeit, die er bei einem regulären Kinostart wohl nie bekommen hätte. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes, ob es in diesem Fall gerechtfertigt ist, sei dahingestellt.

    Gab es gerade noch die Diskussion, welche Filme bei Festivals zugelassen werden sollten und Unmutsäußerungen darüber, das Produktionen ein regulärer Kinostart verwehrt wird, so geht es jetzt mit Jahresende bereits einen Schritt weiter. Der Erfolg einzelner Produktionen ist natürlich ausschlaggebend dafür, was wir in Zukunft überhaupt zu sehen bekommen und Sehgewohnheiten sind auf dem Sofa andere als im Kino. Zumal Streamingproduktionen bestimmten rechtlichen und moralischen Anforderungen des jeweiligen Konzerns entsprechen müssen.

    Die Filmwelt wird gerade auf den Kopf gestellt. Bird Box erfüllt seinen Zweck für einen Filmabend zu Hause. Nicht mehr und nicht weniger. Die Auswirkungen des Erfolges werden uns aber weiterhin beschäftigen.

    Susanne Bier | USA 2018 | 124 Min. | [usr 3]

    Foto (c) Netflix